Fenrir

Fenrir

Weltenbeben

Asuka Lionera

Inhalt

Impressum

Widmung

Prolog

Erstes Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Zweites Buch

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Drittes Buch

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Viertes Buch

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Fünftes Buch

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Epilog

Dramatis Personae

Nachwort

Danksagung

Playlist

Über die Autorin

Für Sammy

(2009 - 2016)


Für immer im Herzen.

Prolog

Header

Dies ist keine Geschichte, in der sich das Mädchen in den strahlenden Helden verliebt und alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Liebe ist nicht immer wundervoll. Manchmal ist sie auch zerstörerisch, und die, die lieben, sind bereit, alles zu vernichten, was ihnen im Weg steht.

Diese Erfahrung musste ich schmerzlich am eigenen Leib erfahren.

Ich starre hinaus in die endende Nacht, während sich meine Finger um die Brüstung krallen, bis meine Knöchel weiß hervortreten. Dort drüben, hinter den verschneiten Bergen, sehe ich bereits den ersten hellen Streif, der einen neuen Tag ankündigt.

Der Tag, der der letzte sein wird. Für mich. Für alle Lebewesen. Für alle Welten.

Und ich bin schuld daran. Ich ganz allein.

Verbissen blinzle ich die Tränen zurück, die in meinen Augen brennen, und schaue der Sonne zu, wie sie langsam den Horizont erklimmt. Das ist also der letzte Sonnenaufgang, den ich jemals zu sehen bekommen werde. Es ist ein wunderschöner Anblick, so anders als zu Hause, und doch so ähnlich, dass es mir schier das Herz zerreißt.

Ich trage die Schuld am Tod allen Lebens. Ich bin dafür verantwortlich, dass die Sonne und mit ihr alles Licht für immer verschwinden wird.

Ein Zittern erfasst meinen Körper und ich schlinge beide Arme um mich, doch es ist zwecklos. Ich kann mich selbst nicht so halten, wie er es könnte, doch seine starken Arme werden sich nie wieder um mich legen. Schluchzend sinke ich zu Boden und lasse nun den Tränen freien Lauf.

Irgendwo dort draußen, weit hinter den Bergspitzen, die gerade von der Sonne geküsst werden, ist der Mann, den ich liebe. So nah, dass ich das Gefühl habe, ich müsste nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren, und doch ist er so unerreichbar fern wie der Horizont. Er ist der Mann, der alle Welten und alle Menschen, die ich kenne, in seinem Zorn vernichten wird.

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich eines Tages in einer mir fremden Welt auf den Tod warten würde. Und doch spüre ich keinen Hass, sondern nur Bedauern.

Bedauern darüber, dass ich es so weit kommen ließ, denn ich war die Einzige, die ihn hätte aufhalten können.

Es ist zu spät, das Geschehene ändern zu wollen, und auch auf die Gefahr hin, dass es hart klingt, bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich etwas anders machen würde, wenn ich die Chance dazu bekäme. Abgesehen von der drohenden Apokalypse waren die letzten zwei Monate die schönsten und spannendsten meines Lebens und ich bin froh, dass ich sie mit ihm verbringen durfte.

Auch wenn das bedeutet, dass ich nie wieder das Morgen sehen werde.

Teil I

Erstes Buch

Ich habe dich gefunden

Illu01

1

Header

Zwei Monate zuvor …

Seufzend dreht Meghan sich zu mir und schürzt die Lippen. Sie muss sich nah zu mir herunterbeugen und mir regelrecht ins Ohr schreien, um die dröhnende Musik zu übertönen. »Und du bist dir wirklich sicher, dass du allein hier bleiben willst?«, fragt sie mich zum gefühlt hundertsten Mal.

Ich verdrehe nur die Augen und gebe ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie endlich verschwinden soll. Diesmal lässt Meg sich nicht lange bitten, hakt sich bei dem Typen, den sie für die heutige Nacht aufgegabelt hat, unter und zerrt ihn aus der Bar. Mit gemischten Gefühlen sehe ich ihr nach.

Ich bin es gewohnt, dass sie mich nach ein paar Stunden allein sitzen lässt, wenn ich mit ihr weggehe. Allein ihr Anblick zieht die Kerle an wie das Licht die Motten. Meistens kann Meg sich abends vor Angeboten kaum retten, während ich unbeachtet in einer Ecke sitze und an meinem alkoholfreien Cocktail schlürfe. Meine heutige Getränkewahl trägt den Namen Don Juan – wie ironisch.

Tja, wenigstens musste ich mir heute nicht von Meg anhören, wie gut ich es doch in meinem Job hätte. Das ist ein Thema, das ich fast noch schlimmer finde, als sitzengelassen zu werden. Damit das nicht falsch verstanden wird: Ich liebe meinen Job. Zumindest meistens. Er ist anders, er ist abwechslungsreich, aber manchmal auch unwahrscheinlich nervig und enttäuschend. Dennoch ist meine Arbeit das, was mich ausmacht, was mein Leben zu etwas Besonderem macht. Was mich zu etwas Besonderem macht. Vielleicht bin ich auch selbst schuld, dass sie mich ständig mit Fragen löchert, immerhin erzähle ich ihr nur von den Sonnenseiten meines Jobs. Langweilige oder gar gefährliche Aspekte wie die brütende Hitze, giftige Skorpione und Stiefel voll scharfkantigem Wüstensand lasse ich meistens aus.

Ich schaue auf den leeren Platz neben mir und angle nach meiner Handtasche, um die Drinks zu bezahlen. Danach muss ich mir ein Taxi rufen, um ebenfalls aus dieser Bar zu verschwinden. Warum habe ich mich eigentlich schon wieder dazu breitschlagen lassen, mit Meghan auszugehen? Ich weiß doch, dass es immer wieder im selben Fiasko endet. Daheim werde ich mir eine DVD schnappen und es mir auf meinem Sofa gemütlich machen. Etwas, das ich von Anfang an hätte tun sollen. Aber nein, ich ließ mich ja wieder dazu überreden, mit Meg um die Häuser zu ziehen, weil ich endlich mal wieder im Lande bin.

Ich winke den Kellner herbei und signalisiere ihm, dass ich bezahlen will. Nachdem ich ihm ein nettes Trinkgeld hinterlassen habe, schnappe ich mir meine Tasche und die dünne Jacke und bahne mir einen Weg durch die sich im Takt wiegende Masse. Schon traurig, dass bei der großen Auswahl nicht ein Kerl für mich dabei war. Ich gebe es ungern zu, aber nachdem ich Monate im heißen Sand der Sahara gebuddelt habe, während mir die Sonne die Haut vom Leib gebrannt hat, hätte ich echt nichts gegen ein paar nette Stunden mit dem anderen Geschlecht einzuwenden.

Im Geiste wähle ich schon die DVD aus, die ich mir nachher ansehen werde. Irgendwas mit einem halb nackten Channing Tatum und dann ist wieder Autoerotik angesagt. Warum gibt es eigentlich von solchen Promis keine illegalen Pornos im Netz? Das wäre doch mal was!

Aber wieder einmal muss ich allein den Nachhauseweg antreten. Das kommt davon, wenn ich mit Meg losziehe. Neben ihr versinke ich in der Bedeutungslosigkeit. Wer Meg nicht bemerkt, muss entweder blind sein oder sich schon im Delirium befinden. Ich weiß bis heute nicht, warum sie nicht modelt, sondern nur den ganzen Tag in einem Büro hockt. Eine Schande, dieses Gesicht zu verstecken, das perfekt von ihren schulterlangen, leicht welligen schwarzen Haaren eingerahmt wird. Klein und zierlich, wie sie ist, schafft sie es, jeden Kerl mit einer funktionierenden Libido mit einem einzigen Augenaufschlag um den Finger zu wickeln.

Ich bin das komplette Gegenteil. Mit meinen knapp eins achtzig überrage ich einen Großteil der anwesenden Frauen und Männer, und die gut fünfzehn Kilo zu viel auf meinen Rippen tragen auch nicht gerade dazu bei, dass einem bei meinem Anblick das Wort zierlich in den Sinn kommt. Zwar kann ich mit Rundungen an den richtigen Stellen aufwarten, aber allein meine Körpergröße schreckt die meisten bereits ab. Hinzu kommt meine kantige Gesichtsform mit dem zu breiten Unterkiefer, die mir schon immer etwas Herbes verliehen hat.

Ich seufze. Nein, süß und zierlich bin ich definitiv nicht. Ich bin zwar kein Mauerblümchen oder hoffnungslos entstellt, habe durchaus weibliche Reize, mit denen ich aufwarten kann, aber im direkten Vergleich zu Meghan bin ich eben … einfach nur ich.

Wenigstens hat die afrikanische Sonne mein langweiliges straßenköterbraunes Haar ein wenig aufgehellt, sodass es jetzt aussieht, als hätte ich mir blonde Strähnchen machen lassen. Zur Feier des Tages trage ich es offen und es reicht mir fast bis zur Hüfte. Es ist ungewohnt, aber auch schön, mal keinen Zopf wegen der Hitze haben zu müssen.

Als ich endlich einen Weg durch die Bar gefunden habe, inhaliere ich die kühle Nachtluft. Hier, in einem Vorort von Berlin, riecht sogar die Luft anders. Frischer und klarer als die in Ägypten.

Aber ich habe kein Recht zu jammern. Das ist der Job, für den ich mich entschieden habe und den ich schon mein ganzes Leben lang machen wollte. Klar, als Kind und Jugendliche habe ich mir das ganz anders vorgestellt. Archäologin war für mich etwas Aufregendes. Ständig neue Länder, andere Kulturen, fremde Schätze, die nur darauf warteten, von mir gefunden und geborgen zu werden. Tja, die Realität ist aber nicht so rosarot wie in einem Märchenbuch. Das haben mir zwar schon zum Studienbeginn meine Dozenten klargemacht, aber ich habe mich trotzdem an die Hoffnung geklammert, dass es bei mir … anders sein würde. Die meiste Zeit verbringe ich damit, mich von der Sonne verbrennen zu lassen, während ich mich durch Kubikmeter Dreck wühle, in der Hoffnung, ein paar vergilbte Knochen zu finden. Die Hoffnung, auf ein altes Pharaonengrab zu stoßen, habe ich schon lange im heißen ägyptischen Sand begraben. Aber solange ich keine phänomenale Entdeckung mache, werde ich trotz meines summa cum laude-Abschlusses nur die kleine – beziehungsweise große – Praktikantin bleiben, die die Sonnenschirme hinterherschleppt und die mit Sand gefüllten Eimer wegträgt. Und – ganz ehrlich – das halte ich nicht mein ganzes Leben lang aus! Ich will es sein, die die Entscheidung trifft, an welcher Stelle gesucht wird. Ich will diejenige sein, die den alten Legenden der Einheimischen nachgeht und entscheidet, in welches Land es uns als Nächstes verschlägt.

Doch all das bleibt so lange Wunschdenken, bis ich etwas Großartiges finde. Atlantis oder Avalon oder so, mindestens.

Die Archäologie ist meine Passion, aber an manchen Tagen fühle ich mich in meinem Team wie das fünfte Rad am Wagen, wodurch mir der Spaß an meiner Arbeit madig gemacht wird.

Ich seufze, während ich den Bürgersteig entlanggehe und auf ein Taxi warte.

Was habe ich mir nur dabei gedacht, mich auf Ägypten zu spezialisieren? Es hätte mir doch von vornherein klar sein müssen, dass sämtliche Gräber schon vor Jahrzehnten geplündert und verwüstet worden sind. Oder schon entdeckt wurden. Es gibt kein zweites Grab von Tutanch­amun oder Nofretete, das ich finden kann, denn sie wurden bereits gefunden. Alles, was das Team, dem ich angehöre, bisher ausgegraben hat, sind die bleichen Knochenfragmente irgendwelcher vergleichsweise unbedeutender Menschen, die es zur damaligen Zeit nicht einmal wert waren, einbalsamiert zu werden. Diese Knochen sind so nutzlos, dass wir sie Hunden zum Fressen geben könnten. Und selbst wenn wir Mumien finden, die halbwegs gut erhalten sind, waren diese Menschen einst Würdenträger. Leider sind die Museen bereits voll mit Mumien solch  … na ja … für die Weltgeschichte unwichtigeren Personen.

Als ich in der Ferne ein Taxi auf mich zufahren sehe, hebe ich schnell die Hand und winke. Nachdem ich dem Fahrer meine Adresse gegeben habe, lehne ich mich zurück und schließe müde die Augen. Es hat keinen Zweck, mir Gedanken über meine Arbeit zu machen. Zuerst habe ich für drei Wochen Heimaturlaub, ehe ich zurück in die Hitze Ägyptens muss. Allein beim Gedanken an all den Sand, der mir dann wieder in sämtlichen Körperöffnungen steckt, muss ich mich schütteln. Entschlossen schiebe ich alles, was mit meiner Arbeit zu tun hat, beiseite und freue mich auf die DVD, die mich in meiner Wohnung zusammen mit einem Gläschen Sekt erwarten wird. Ich muss endlich lernen, im Hier und Jetzt zu leben. Und solange ich keine Koffer packen muss, sind Gedanken an meine Arbeit tabu.


Antriebslos lehne ich mich an die Wohnungstür und kicke meine Schuhe weg. Ein Blick auf die Uhr im Flur verrät mir, dass es noch nicht einmal Mitternacht ist. Ich schlurfe durch die Wohnung, lasse Jacke und Handtasche einfach irgendwo fallen und schiebe in der Küche eine Tiefkühlpizza in den Ofen.

Da bin ich schon mal zu Hause und muss trotzdem die Abende und Nächte allein verbringen … Das ist doch nicht fair! Vielleicht sollte ich das nächste Mal woanders hingehen, aber alleine in eine Bar zu gehen, macht auch keinen Spaß. Und es wirkt irgendwie erbärmlich.

Lustlos lasse ich meinen Zeigefinger über die Rücken der DVDs streifen. Ich habe noch nicht einmal mehr Lust, einem oberkörperfreien Channing Tatum dabei zuzusehen, wie er seinen gestählten Body zur Musik wiegt. Ich will nur noch ins Bett, nachdem ich gegessen habe, und mich eine Runde selbst bemitleiden. Ja, das klingt nach einem sehr guten Plan.

Ach Quatsch, das bringt doch auch nichts! Entschlossen ziehe ich Magic Mike aus dem Regal, lege die DVD ein und mache es mir auf dem Sofa bequem.

»Nur du und ich heute Abend, Channing«, murmle ich zu mir selbst, während ich den Film starte. Ich darf nur nicht die Zeit aus dem Blick verlieren, sonst ist meine Pizza nichts weiter als …

Neben mir fängt mein Handy an zu klingeln und ich zucke zusammen. Wer ruft denn um die Uhrzeit noch an? Ein Blick aufs Display gibt mir die Antwort: Es ist Anthony, mein Boss, der Kopf des Teams, für das ich seit meinem Abschluss arbeite. Na großartig … Der Abend wird wirklich immer besser.

Kurz denke ich darüber nach, nicht ranzugehen, so zu tun, als wäre ich nicht da oder das Handy von einem schwarzen Loch verschluckt worden, doch dann überwiegt die Neugier. Mein Boss ruft mich nie persönlich an. Dafür hat er Assistenten und die haben wiederum Assistenten, die sich mit Praktikanten wie mir abgeben. Seine Nummer habe ich nur für den absoluten Notfall gespeichert, falls ich bei einer Expedition verschüttet werde oder so.

Mein Finger schwebt über dem grünen Hörersymbol, während ich noch das Für und Wider abwäge. Um diese Uhrzeit müsste ich nicht mehr rangehen, aber … was, wenn er ein neues Gebiet gefunden hat? Einen neuen Hinweis, dem wir nachgehen wollen? Ich bin Archäologin, aber mein Herz schlägt auch für Schätze, und das nicht zu knapp. Der Verkauf dieser Schätze sichert mir meinen Lohn, denn das bisschen Unterstützung, die wir von Instituten oder gar dem Staat bekommen, reicht hinten und vorne nicht. Schätze oder reiche Auftraggeber, die den wahren Aufenthaltsort von Excalibur herausgefunden haben wollen und nun unser Team mit der Bergung beauftragen, sind es, die uns finanziell über Wasser halten.

Ich schiebe den grünen Hörer auf dem Display nach rechts. »Hallo?«, frage ich, während ich vor Aufregung am liebsten an den Nägeln kauen würde.

»Emmalynn?«, kommt es undeutlich aus dem Lautsprecher, fast vollständig überdeckt von Rauschen. »Kannst du –ich hö-en?«

Tatsache! Es ist wirklich Anthony persönlich, nicht einer seiner Angestellten. »Undeutlich, aber ja«, antworte ich lauter, in der Hoffnung, so das Rauschen und Knarzen im Hörer zu übertönen.

»Entschuldige, dass ich dich in deinem Urlaub stören muss«, fährt er dann fort. Das Rauschen klingt ab, aber es hört sich noch immer so an, als würde er Cabrio ohne Verdeck mit mindestens zweihundert Sachen fahren. »Wir haben einen neuen Auftrag erhalten.«

Auch wenn ich eigentlich enttäuscht darüber sein sollte, dass mein Urlaub so jäh endet, kann ich es doch nicht erwarten, dass er weiterspricht. »Was und wo?«, stelle ich die wichtigsten Fragen. Bitte nicht wieder in einem Land, in dem es über fünfzig Grad Celsius heiß wird  … Das würde ich nicht noch einmal drei Monate durchhalten …

»Ich hinterlege dein Ticket am Flughafen. Dein Flug geht morgen früh um zehn Uhr.«

»Wohin verschlägt es uns diesmal?«

Es dauert eine Weile, bis er antwortet. »Island. Unser nächster Auftrag erwartet uns in Island. Der Auftraggeber hat uns persönlich angefordert.«

Ich bin zu perplex, um zu antworten. Island? Was soll es denn da geben? Ich drehe mich um und suche auf dem Globus, der neben der Couch steht, nach dem kleinen Land. »Anthony, ich glaube nicht, dass ich … dafür qualifiziert bin«, sage ich. »Mein Fachgebiet ist das ägyptische Altertum. Ich weiß nicht, wie ich euch in Island helfen soll. Das ist … so gar nicht ägyptisch.«

»Keine Angst, Emmalynn, wir werden schon eine Aufgabe für dich finden.«

Toll. Das klingt nach Packesel und Catering-Service. Gerade als ich zu einer Ausrede ansetzen will, fährt Anthony fort: »Ich muss Schluss machen. Wir warten schon in Island auf dich. Unser Flug geht schon in einer halben Stunde. Für dich gab es leider kein Ticket mehr, deshalb geht dein Flug morgen früh, zehn Uhr. Sei pünktlich!«

Ohne meine Antwort abzuwarten, drückt er das Gespräch weg und ich höre nur das tut-tut-tut im Hörer.

Ich umklammere mein Handy so fest, dass meine Finger schmerzen, bis mir wieder einfällt, dass ich für das Ding sechs Monate sparen musste, um es mir leisten zu können. Was mich wieder zurück zum eigentlichen Problem führt: Auch wenn ich weder eine Qualifikation noch besonders große Lust auf Island habe, muss ich mich doch dem Willen meines Chefs beugen. So kurz nach dem Studium kann ich nicht wählerisch sein, was meine Aufträge angeht, sondern muss so viel Erfahrung in der Feldforschung sammeln wie möglich. Denn sonst werde ich nie wieder einen Auftrag bekommen oder Mitglied eines Teams sein, sondern bestenfalls eine unterbezahlte Gehilfin.

Ich schalte den Fernseher wieder aus – bis zum nächsten Mal, Channing! –, schlinge die halb gare Pizza im Stehen hinunter und gehe dann ins Schlafzimmer. Dort stehen die Koffer und Taschen meines Ägyptenaufenthalts noch so, wie ich sie hingestellt habe. Kaum etwas, das ich dort zum Anziehen mithatte, werde ich nach Island mitnehmen können. Da oben werde ich dicke Winterkleidung brauchen … Auf so was bin ich nicht vorbereitet, aber ich habe auch nicht die Zeit, erst noch was zu kaufen. In knapp zehn Stunden geht mein Flug, bis dahin muss ich meine Sachen gepackt haben. Neue Klamotten würde mir noch nicht einmal Amazon Prime bis dahin liefern können und die Läden haben mittlerweile auch schon geschlossen.

Ich durchwühle meine Schränke, werfe Kleidungsstücke hinter mich und finde im hintersten Winkel tatsächlich ein paar dicke Jacken, Pullis und sogar Thermounterwäsche, die ich vor Jahren für einen Skiurlaub gekauft, dann aber doch nicht angezogen habe. Hastig leere ich die Koffer – mein Schlafzimmer sieht mittlerweile aus, als wäre viermal nacheinander eingebrochen worden – und stopfe die Ausrüstung für Island hinein.

Island … Was es da wohl zu entdecken gibt? Ob wir direkt auf Island oder einer der Vorinseln sein werden? Ich werde mich überraschen lassen müssen. Hoffentlich finde ich mein Team schnell und muss nicht noch ewig durchs Land reisen, um sie zu erreichen.

Nachdem ich mich bettfertig gemacht habe, liege ich noch lange wach und grübele über die bevorstehende Expedition nach. Island ist wirklich ein ungewöhnliches Ziel. Mir fällt auch nichts ein, für was dieses Land stehen würde. Keine großen Könige, keine sagenumwobenen Schätze oder Legenden. Klar, es gab die Wikinger, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir wegen ein paar verwitterter Äxte oder Essensschalen in ein abgelegenes und selbst für Touristen eher uninteressantes Land geschickt werden.

Es muss aber einen Grund geben, warum es unser Team gerade dorthin verschlägt. Vor allem, weil der Aufbruch so überstürzt kommt. Normalerweise planen wir neue Expeditionen über Wochen hinweg  – und reisen nicht von einem Tag auf den anderen los. Entweder es gibt dort etwas wirklich Großes zu entdecken oder der Auftraggeber ist äußerst zahlungswillig. Mir soll’s recht sein, denn gerade bei Letzterem fällt auch mein Verdienst höher aus.

Ich zwinge mich dazu, die Augen zu schließen, und nach einer Weile falle ich in einen unruhigen Schlaf.

2

Header

Wie immer vor einer neuen Expedition beginnt mein Morgen hektisch. In aller Eile überprüfe ich mein Gepäck, fordere ein Taxi an, das mich zum Flughafen bringen soll, esse zwei Scheiben Toast und sammle dann alles für mein Handgepäck zusammen. Reisepass, Geldbörse, Handy, Schlüssel, Schlafbrille.

Ich bin noch nicht fertig, als es schon an der Tür klingelt, trotzdem wuchte ich die zwei Koffer nach draußen in den Hausflur, schnappe mir die Handgepäcktasche und schließe meine Wohnung ab. Meghan habe ich gestern Abend noch eine Nachricht geschickt, dass ich schon wieder los muss.

Anstatt mir mit dem Gepäck zu helfen, trommelt der Taxifahrer ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad. Die Fahrt zum Flughafen dauert zum Glück nicht lange und verläuft schweigend.

Dort angekommen hole ich mir mein Ticket am Schalter ab und gebe mein Gepäck auf. Noch knapp eine halbe Stunde, bis es losgeht. Ein unruhiges Kribbeln macht sich in meinem Bauch breit. So nervös war ich schon lange nicht mehr vor einer Reise. Bestimmt nur, weil es diesmal ein so ungewöhnliches Ziel ist.

Der Check-in verläuft zügig und ich finde schnell meinen Sitzplatz. Knapp vier Stunden wird der Flug dauern und ich werde in der Zeit etwas Schlaf nachholen. Nachdem wir in der Luft sind, hole ich meine Schlafbrille raus und lehne mich zurück.


In der Hauptstadt Reykjavik erhalte ich einen Anruf von Anthony. Nachdem er sich pflichtschuldig nach meinem Befinden erkundigt hat – und ich ihm genauso pflichtschuldig geantwortet habe –, teilt er mir mit, dass ich wie befürchtet mit einem kleinen Flugzeug auf eine der größeren Nebeninseln (oder war es eine Halbinsel?) fliegen muss. Den Namen der Insel habe ich auch nach dreimaligem Nachfragen nicht verstanden und gebe es schließlich auf. Es reicht, zu wissen, dass die Tickets wie immer schon gebucht sind und ich nur zum richtigen Flieger muss.

Ich bin der einzige Passagier, was mich stutzig macht. Zumindest hilft mir der Pilot – ich hoffe zumindest, dass er einen Pilotenschein hat – mit meinen Koffern und redet dann auf isländisch mit mir, wovon ich nicht ein einziges Wort verstehe. Diese Sprache ist so anders als alles, was ich bisher gehört habe, und es gelingt mir auch nicht, die Worte durch ähnliche einer anderen Sprache zu erschließen. Also lächle ich unverbindlich, nicke und hoffe, dass er keine Antwort von mir erwartet.

Bei jedem Schlenker, den das kleine Flugzeug macht, sackt mein Magen herab und ich rechne jede Sekunde damit, dass wir abstürzen. Ich kralle meine Hand in den Angstgriff an der Tür und zwinge mich, ruhig zu atmen. Währenddessen plappert der Pilot weiter fröhlich auf mich ein. Am liebsten würde ich ihn anschreien, dass er die Klappe halten soll, doch ich beiße die Zähne zusammen.

Als wir endlich auf einer kleinen Rollbahn landen, kann ich gar nicht schnell genug aus diesem Sarg der Lüfte rauskommen. Ich schnappe mir meine Koffer, verabschiede mich vom Piloten und sehe zu, dass ich so weit weg von diesem Flugzeug wie nur möglich komme. Ohne viel Zeit zu verlieren, steigt er zurück in die Maschine und startet die Motoren, um zurück zur Hauptinsel zu fliegen. Irgendwann werde ich auch wieder von der Insel runter müssen, was bedeutet, dass ich noch mal in so ein Ding einsteigen muss. Mit großen Flugzeugen habe ich keine Probleme, aber dieses Teil, das bei jedem Luftzug irgendwo klappert, ist nicht gerade vertrauenserweckend.

Als sich meine Atmung wieder beruhigt hat, fische ich mein Handy aus der Tasche und wähle Anthonys Nummer. Nur die Mailbox geht ran und ohne etwas draufzusprechen, drücke ich das Gespräch weg.

Als Nächstes wähle ich die Nummern seiner Assistentinnen, die ihn meistens auf die Expeditionen begleiten. Auch diesmal habe ich kein Glück und langsam beginne ich, nervös zu werden. Das darf doch nicht wahr sein! Ich sitze hier im Nirgendwo mit nicht einmal einem Dach über dem Kopf und habe keine Ahnung, wohin ich gehen soll. Das Rollfeld, auf dem wir vorhin gelandet sind, ist umgeben von Wäldern. Nirgends sehe ich ein Haus, geschweige denn so etwas wie einen Flughafen. Es ist, als wäre ich mitten in der Wildnis. Großartig …

Meine Finger zittern bereits, als ich durch das Telefonbuch scrolle und jeden anrufe, der zum Team in Ägypten gehört hat. Die beiden, die ich erreiche, sagen mir, dass sie nicht mit in Island sind und mir nicht helfen können.

Ich schaue auf meine Armbanduhr. Sie zeigt kurz nach sechzehn Uhr an, weil ich sie noch nicht zwei Stunden zurückgestellt habe. Hier haben wird es erst kurz nach zwei, aber dennoch liegt ein diesiges Zwielicht über der Insel, als wäre es schon abends.

»Hallo? Ist hier jemand?«, rufe ich so laut ich kann. Als Antwort höre ich in der Ferne nur einige Vögel zwitschern.

Was mache ich jetzt? Ich kann keine Menschenseele sehen und sitze hier auf einer Insel fest, die ich nicht kenne. Meine Teamkollegen kann ich nicht erreichen und es gibt nicht mal einen Unterstand oder ein Haus, wo ich mich solange aufhalten könnte, bis sie mich abholen kommen.

Um meine Hände aufzuwärmen, stecke ich sie unter die Achseln. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als hier zu warten, bis Anthony oder einer der anderen auftaucht. Mit den beiden Koffern werde ich mich nicht durch den Wald kämpfen, schließlich weiß ich nicht einmal, in welche Richtung ich mich wenden muss. Aber kann ich wirklich hier warten? Was, wenn die Nacht anbricht und mich noch immer niemand vermisst? Wie kalt wird es hier in Island? Gibt es hier gefährliche Tiere? Wieso hat man uns so wichtige Informationen nicht während des Studiums beigebracht? Ich traue mich noch nicht einmal, danach zu googlen, auch weil ich den Akku meines Handys nicht zu sehr strapazieren will. Wenn er leer ist, habe ich ein echtes Problem.

»Ganz toll, Emma«, murmle ich zu mir selbst. »Wo hast du dich da wieder reingeritten?«

Die letzten Jahre war ich immer mal wieder in Situationen, die mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht haben. Das bringt ein Aufenthalt in anderen Ländern, weit abseits der Touristengebiete, nun mal mit sich. Aber hier mitten im Nirgendwo zu erfrieren, stand nicht auf meiner Liste der Dinge, die ich unbedingt vor dem Tod erleben muss. Darauf könnte ich dankend verzichten.

Immer wieder schaue ich auf mein Handy. Keine Nachrichten, keine Anrufe. Doch das Batteriesymbol weist mich mit einem aufgeregten Blinken darauf hin, dass mir nur noch knapp 25% Akku bleiben. Shit.

Die Zeit vergeht quälend langsam. Minuten kommen mir wie Stunden vor und die Kälte beginnt durch meine Kleidung zu kriechen. Um mich aufzuwärmen, jogge ich um meine Koffer herum, mache immer wieder Pausen, um Anthony oder irgendeinen der anderen zu erreichen, doch ich habe immer noch kein Glück. Stellenweise habe ich gar keinen Empfang, weshalb ich mein Handy in die Höhe halte und ziellos durch die Gegend laufe.

Ich zwinge mich dazu, ruhig zu atmen, und gehe in Gedanken die Survival-Regeln durch, die mir das Team an meinem ersten Tag eingebläut hat.

Regel Nummer 1: Bleibe immer am vereinbarten Treffpunkt, bis dich jemand holen kommt.

Regel Nummer 2: Gehe auf keinen Fall alleine los, erst recht nicht, wenn du die Gefahren nicht abschätzen kannst.

Regel Nummer 3: Setze Prioritäten und verwalte deine Ressourcen sinnvoll.

Tja, leider habe ich keinerlei Ressourcen, die ich sinnvoll verwalten könnte. Ich habe weder was zu essen noch zu trinken. Irgendwo in meinem Koffer habe ich ein kleines Schweizer Taschenmesser und ein Feuerzeug, aber da hört es auch schon auf. Auf ein Überlebenstraining abseits jeglicher Zivilisation war ich nicht vorbereitet. Selbst mitten in der Wüste hatten wir Kühlboxen, Radios, Generatoren und Solaranlagen, die uns mit dem nötigsten Strom versorgt haben – um die Ventilatoren zu betreiben.

Aber diese Gegend hier in Island ist so roh und unberührt, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob die überhaupt wissen, was Strom ist. Von Internet ganz zu schweigen.

Als es immer dunkler und ich immer unruhiger werde, treffe ich eine Entscheidung. Erneut wähle ich alle Nummern durch, erreiche aber wieder niemanden. Obwohl ich genau weiß, dass ich einen Fehler mache, suche ich mir die unverzichtbarsten Dinge aus den beiden Koffern und stopfe sie in meine Handgepäcktasche. Anschließend ziehe ich so viele Lagen Kleidung übereinander wie möglich, schultere die Tasche und gehe wahllos in eine Richtung los.

Grillenzirpen und das entfernte Rufen eines Uhus sind die einzigen Geräusche, die ich höre, zusammen mit dem lauten Klopfen meines Herzens. Ich schlage mich durch das Unterholz in der Hoffnung, bald auf eine Siedlung zu treffen, schließlich kann diese Insel doch nicht komplett unbewohnt sein, immerhin gibt es hier ein Rollfeld für die Flugzeuge und einen Kiesweg, der von dort wegführt. Allerdings verläuft er sich irgendwo zwischen dichtem Gestrüpp, als wäre er eine lange Zeit nicht benutzt worden. Und irgendwo muss mein Team stecken. Sollten sie doch zum Rollfeld kommen, werden sie mein Gepäck finden und sich einen Reim drauf machen.

So groß wird diese Insel schon nicht sein, dass ich mich hier verlaufen könnte.

Obwohl … So viel Vertrauen in meinen inneren Kompass habe ich nicht. Aber ich kann doch nicht die Nacht über warten, dass jemand kommt. Ich muss die Sache selbst in die Hand nehmen und wenigstens versuchen, einen Platz zum Übernachten zu finden.

Das Piepen meines Handys lässt mich innehalten. Hastig streife ich die Handschuhe ab und fische es aus meiner Jackentasche. Ein Blick aufs Display und ich weiß, was los ist: Der Akku macht schlapp. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Bitte nicht jetzt! Doch das Batteriezeichen blinkt mich unerbittlich weiterhin an. Ich erwäge kurz, noch einmal einen Anruf zu wagen, aber verwerfe die Idee gleich wieder. Das würde den Akku endgültig killen.

Ich habe die Wahl zwischen zwei Optionen. Eine davon ist zurückzugehen und dort auf Hilfe zu warten. Vorausgesetzt, ich finde den Weg zurück … Die zweite ist, weiter ziellos in den dichten Wald hineinzulaufen und zu hoffen, bald auf irgendeine Form von Zivilisation zu treffen.

Beide Wege bergen Risiken, die ich nicht abschätzen kann. Beide können schiefgehen.

Ich kaue auf meiner Unterlippe, während ich die Möglichkeiten, die mir bleiben, durchgehe. Ach, scheiß drauf! Jetzt bin ich schon so weit gekommen, da werde ich doch nicht umdrehen! Entschlossen schiebe ich die Zweige des Gebüschs, das mir im Weg steht, beiseite und mache einen Schritt nach vorne.

Da, wo ich eigentlich Boden unter meinen Füßen spüren müsste, ist jedoch nichts. Ehe ich realisieren kann, was los ist, verliere ich das Gleichgewicht, spüre ein flatterndes Gefühl im Magen und falle in eine tiefe Schwärze hinab.