Dem Tod ausgeliefert

Manfred Weinland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Dem Tod ausgeliefert

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Dem Tod ausgeliefert

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 90 Taschenbuchseiten.

Ein zum Tode verurteilter Verbrecher will sich als Kronzeuge gegen einen Politiker zur Verfügung stellen, um der Hinrichtung zu entgehen. Zwei FBI Agents sollen den Transport des Verbrechers in einem alten Militärflugzeug begleiten – zusammen mit drei Wärtern, die auf weitere Gefangene aufpassen. Doch das Flugzeug kommt nicht an, in der Luft gibt es eine Meuterei, und niemand kann von außen helfen...

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Arthur Eger stand beeindruckend auf dem Podest hinter dem Rednerpult. Seine schmalen Augen glühten. Die Stirn war von genau jenem Maß an Schweiß benetzt, das bei seinen Anhängern gut ankam. Er sonnte sich regelrecht in seinem proletarischen Image.

Der dunkle Maßanzug war bewusst an Brust und Schultern etwas enger gearbeitet. Die Masse, die sich darunter staute, erweckte den Eindruck enormer Energie.

Eger war weder fett, noch Muskelprotz. Er war einfach ein Bild von einem Mann. Sein kantiges Gesicht und die feurigen Augen hatten etwas Hypnotisches; sie bannten das Publikum. Und die dunkle, kraftvolle Stimme harmonierte damit. Irgendwie war es eine reizvolle Vorstellung, ihn jetzt da oben herunterzuholen. Vor den Augen seiner geistigen Gemeinde.

Aber wir beherrschten uns. Die Meute hätte uns in der Luft zerrissen ...

Wir warteten, bis er seine Rede beendet hatte und in der Pose des Triumphators hinter dem Vorhang der provisorischen Bühne verschwand. Dann traten wir zu ihm. Unsere Ausweise machten den Weg frei.

»Mister Eger?«

»Der und kein anderer!«

Jemand reichte ihm ein Handtuch, aber er wehrte ab. Stattdessen griff er nach einer Spraydose mit Kunstschweiß und legte noch eine Schicht zu. Als er Anstalten machte, noch einmal auf die Bühne zurückzukehren, verbauten Milo und ich ihm den Weg.

»Keine Zeit, Sie werden anderswo erwartet«, sagte ich kühl. »Wir müssen Sie vorläufig festnehmen ...!« Das traf ihn.

»Ihr wisst offensichtlich nicht, wen ihr vor euch habt«, zischte Eger. Er drehte den Kopf, wobei die Schlagadern an seinem Hals vortraten. »Serge?! Schaff mir die beiden Spinner aus den Augen. Aber schnell, ehe ich mich vergesse! Und schreib dir ihre Dienstnummern auf. Ich ...«

Milo zog spielerisch ein Paar Handschellen und hantierte unbestimmt damit herum, während ich den Beschluss der Kommission an Eger aushändigte. »Lesen Sie selbst! Und dann können Sie uns mit oder ohne Ketten folgen. Nur, mitkommen werden Sie auf jeden Fall!«

Das wollte er anscheinend immer noch nicht wahrhaben.

Er schleuderte das Dokument verächtlich hinter sich, wo sein Vertrauter stand.

»Ein Wort von mir«, knirschte Eger, »und die Leute da draußen reißen euch in Stücke!«

Milo sah ihn großäugig an. »Tatsächlich?«

»Ihr werdet gelyncht!«, fauchte Arthur Eger.

Damit war abzusehen, dass wir mit freundlichen Worten allein nicht weiterkamen. Ein Mann wie Eger konnte uns immer und überall Schwierigkeiten machen; so war das in der großen Politik, aber daran waren wir schließlich gewöhnt. Der Big Apple härtet ab.

Milo brachte die Stahlarmbänder ins Spiel. Eger brüllte wie ein verwundetes Tier, als die Schlösser einrasteten.

Danach brach die Hölle los!

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Als wir das FBI-Gebäude an der Federal Plaza Stunden später betraten, begegneten wir im Aufzug unserem indianischen Kollegen Medina.

»Seid ihr unter die Räuber gekommen?«, lästerte er mit Blick auf das Pflaster an meiner linken Augenbraue und die bereits verkrustete Platzwunde an Milos Unterlippe.

»Wer hat euch denn so vermöbelt?«

Ich entfernte eine Fluse von seinem Designer-Anzug, mit dem er erneut den inoffiziellen Wettbewerb zur Wahl des bestangezogenen G-man gewonnen hätte.

»Autogrammjäger«, versetzte ich trocken.

»Aha«, nickte er, ehe er den Aufzug auf Höhe der Labors verließ, »verstehe. Eure zahllosen Fans ...«

»Diesmal nicht unsere«, korrigierte ich und wandte mich an Milo, der leidend mit der Zungenspitze über die Kruste strich. »Oder?«

»Nein«, bestätigte er, »diesmal nicht unsere.«

Orrys Lachen wurde von der zugleitenden Tür abgeschnitten. Der Lift beförderte uns höher. Büroetage. Wir suchten ohne Umwege unser gemeinsames Büro auf und fertigten den fälligen Bericht für Mr. McKee an.

Gerade als ich den letzten Satz tippte, beorderte uns Mandys Anruf zum Chef.

»Fertig?«, fragte Milo.

»Fix und alle«, seufzte ich, nahm meine Jacke, die über dem Stuhl hing, und machte mich mit Milo auf den Weg.

»Hi, Mandy!«

»Tag, Jungs.« Der blonde Engel in Mr. McKees Vorzimmer setzte die heilenden Kräfte ihres Lächelns ein und vertrieb damit die düsteren Wolken, die sich seit der Begegnung mit Arthur Eger auf unsere Gemüter gelegt hatten. »Der Chef erwartet euch bereits. Kaffee?«

Natürlich bejahten wir. Strahlend.

Mandys berühmter Kaffee war der Therapie zweiter Teil – danach konnte man uns wieder mit allem kommen.

Mr. McKee schien davon auch regen Gebrauch machen zu wollen. Nach freundlicher Begrüßung ließ er sich alles, was wir uns zuvor an papierreifen Formulierungen abgerungen hatten, noch einmal kurz gefasst im Plauderton berichten.

Wir taten ihm den Gefallen. Arthur Eger kandidierte als neuer Bürgermeister der Stadt New York gegen seine Mitbewerber unterschiedlicher Parteizugehörigkeit; natürlich auch gegen den amtierenden Dave Dinkins. Eger war Mitglied der Demokraten; aber sein Aufstieg vom unbedeutenden Lokalmatador zum jetzigen Hochrangpolitiker mit Promi-Status war so schwindelerregend rasant erfolgt, dass nicht nur Presse und Opposition bald nach Flecken auf seiner oberflächlich Weißen Weste geforscht hatten, sondern auch CIA und FBI.

Das FBI war schließlich fündig geworden, und das Ergebnis hätte für Egers Anhänger nicht niederschmetternder sein können: Es gab Indizien dafür, dass er – noch in seiner Hauptrolle als integrer Geschäftsmann mit Bürositz in der Park Avenue – Drahtzieher von Schutzgelderpressungen in mehreren Stadtbezirken gewesen sein sollte.

Mit anderen Worten: Es sah so aus, als versuchte die Cosa Nostra gerade, einen ihrer Leute in das Amt des Bürgermeisters zu puschen!

Dafür musste Eger sich jetzt vor einem unabhängigen Ermittlungsausschuss verantworten. Und das mitten in der heißen Phase seines Wahlkampfes.

Verblüffenderweise hatten ihm die mittlerweile durch alle Medien geisternden Anschuldigungen in seiner Wählerschaft noch größere Sympathien verschafft als zuvor. Egers cleveren Managern war es gelungen, ihn als unschuldiges Diffamierungsopfer hinzustellen. Seitdem schlug das Politbarometer deutlicher denn je zu seinen Gunsten um.

Verkehrte Welt ...

»Eger hat also vor dem Ausschuss ausgesagt«, sagte Jonathan D. McKee mit spürbarer Zufriedenheit. »Das ist gut. Ich schätze, es wird nicht sein letzter Auftritt bleiben – aber die nächsten Einladungen können andere überbringen. - Für Sie beide habe ich einen Spezialauftrag, der in direktem Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen Eger steht.«

Wir horchten auf. Mandy brachte die zweite Ladung Kaffee.

»Ein Spezialauftrag, Sir?«, fragte Milo unbehaglich.

Den Blick, den Mr. McKee uns daraufhin gönnte, kannten wir zur Genüge.

Fünf Stunden später saßen wir im Flugzeug mit Ziel Hampton im US-Bundesstaat Virginia.

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3

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Eger tobte. Er tat es kontrolliert und kehrte vor laufenden Kameras den schuldlos Ruf Geschändeten hervor!

Als er das Gerichtsgebäude verließ, in dem der Ausschuss auch ohne ihn weiter tagte, war er von einem Schwarm von Anwälten umgeben, die einen verzweifelten und meist aussichtslosen Kampf gegen die Reporter der Sendestationen fochten.

Arthur Eger selbst »Rambo Eger«, wie er bisweilen wegen der ausgeklügelten Ellenbogentechnik und seiner Härte tituliert wurde, teilte die gierige Menschenmasse souverän wie einst Moses das gewaltige Meer. Ihn hielt niemand auf, während einige drahtige Jungs von der juristischen Fakultät schon mal auf der Strecke blieben – niedergetrampelt, entnervt oder einfach ›umgeleitet‹.

Die wartende Limousine war eine rollende Festung. Nur engste Vertraute hatten ein Anrecht, darin Platz und Zuflucht zu nehmen.

Wuuusssch! Die Tür schlug zu. Panzerglas glitt, zunächst herausfordernd langsam, dann, als erste Reporterhände die Tollkühnheit besaßen, sich daran festhalten zu wollen, rasend schnell in den Führungen nach oben! Fast lautlos und überaus tückisch.

Mikrofone und Köpfe zuckten zurück.

Flüche, gedämpft, aber hörbar, begleiteten den schleichenden Abgang der schwarzen Limousine zur Straße, wo sie sich ohne einen einzigen Stopp in den Verkehrsstrom fädelte.

Dann erlahmte das Interesse der Berichterstatter für die Rücklichter des Wagens, und man zerstreute sich, wie üblich, in alle Winde. Die Redaktionscomputer wollten gefüttert werden.

Die Sensation war längst perfekt.

Arthur Eger, aussichtsreichster Gegenkandidat zum amtierenden Dave Dinkins, war, wie bislang nur vermutet, in eine Affäre von unüberblickbarem Ausmaß verstrickt!

Längst war nicht alles durchgesickert. Aber das Wenige reichte aus, die Phantasie der Lohnschreiber zu beflügeln.

Eger öffnete zum ersten Mal den Mund, als die Limousine bereits den Washington Square überquerte. Zuvor hatte er stumm und steif dagesessen und blicklos vor sich hin gestarrt.

Als die Augen wieder Feuer fingen, wusste Serge Malhoni, was die Stunde geschlagen hatte. Er saß Eger direkt gegenüber. Der flammende Blick traf ihn wie der Hauch eines Drachen.

»Sie haben nichts in der Hand – außer meinem lieben Freund, oder, Serge?« Die Frage klang beiläufig. Aber Eger war als eiskalter Menschenverächter bekannt. Niemand wusste das besser als Malhoni, Egers rechte Hand.

»Nein«, erwiderte sein Vertrauter, »nur ihn.«

Die beiden anderen Männer aus Egers Machtclique wechselten unruhige Blicke. Sie fürchteten, zum Adressaten von Egers Jähzorn zu werden.

»Und weiter?«

»Es ist alles vorbereitet«, sagte Serge Malhoni äußerlich unerschüttert. Dabei wusste er genau, dass Wohl oder Wehe von einem einzigen Wortmissgriff abhängen konnte. »Die Staatsanwaltschaft hält einen einzigen Joker in der Hand – wir haben nichts zu befürchten.«

»Nichts?« Arthur Eger zeigte kaum Reaktion. Selbst ein Lügendetektor hätte in diesem Moment kaum ausgeschlagen. Wann immer er Emotionen zeigte, entsprach er damit der Erwartungshaltung seines jeweiligen Publikums. Eigene Gefühle erlaubte er sich selten. Manchmal erinnerte er Malhoni an eine Maschine, die vollgepfropft war mit Stereotypen.

Doch die wenigsten Leute durchschauten dies – gerade weil Eger mit der Perfektion eines gut programmierten Automaten funktionierte.

»Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt noch lebt«, fuhr Eger nach kurzzeitiger geistiger Abwesenheit fort. »Ich dachte, er verfault längst in irgendeiner Grube ...«

»Er lebt. Aber er soll schwer, wenn auch nicht lebensbedrohlich erkrankt sein.«

»So? Woran leidet er denn?«

Serge berichtete, was er herausgefunden hatte.

»Das möchte ich genauer wissen«, wies Eger ihn an. »Wenn es sein muss, werden wir die Schwere seiner Erkrankung neu definieren.«

»Trotz unserer Abmachungen?«

»Abmachungen sind dafür da, dass man sie bricht«, sagte Eger.

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Milo flirtete auf Teufel komm raus mit einer besonders aufmerksamen Stewardess, die ihn offenbar in ihr Herz geschlossen hatte.

Ich wühlte mich durch den Papierkrieg. Mein Aktenkoffer, aufgeklappt auf dem Schoß, sah aus wie ein aufgerissener Rachen mit Halbverdautem. Das Konterfei eines Mannes grinste mir daraus entgegen, während Milo unvermindert vom Lächeln der blau-weiß-gedressten Schönheit verwöhnt wurde.

Myles Coburn.

Ein Mann, ein Mord.

Ein brutaler Mietkiller. Bis zu seiner Festnahme vor fast auf den Tag genau drei Jahren. Seither wartete er im Knast von Jarratt auf seine Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl.

Das Bild mit den feingeschnittenen Zügen, die lediglich durch die diabolische Form des erstarrten Lächelns verunziert wurden, glitt nachdenklich durch meine Finger.

Was ich über Coburn gelesen hatte, war kein Grund, in Jubelgeschrei auszubrechen. Auch nicht, wenn wir Hoffnung hatten, mit seiner Hilfe einem verbrecherischen Massenverführer das Handwerk zu legen.

Arthur Eger und Myles Coburn?

Zwei Männer wie von zwei verschiedenen Sternen. Und doch hatten sie einiges gemeinsam, wenn man den bisherigen Ermittlungen trauen durfte. Bevor Eger zum Politiker aufgestiegen war, waren sie eine entscheidende Wegstrecke gemeinsam gegangen. Auf zwei verschiedenen Gleisen allerdings. Eger als der Mann mit der blütenweißen Weste – Coburn als Spezialist fürs Grobe.

Myles Coburn hatte als gedungener Killer in mehreren Bundesstaaten in der Fahndung gestanden – sein Pech war am Ende nur gewesen, dass sich ausgerechnet die Gerichtsbarkeit von Virginia für ihn zuständig erklärte, und dort gibt es, im Gegensatz zu New York, noch immer die vom Supreme Court verhängte Todesstrafe.

Neueste Erkenntnisse brachten nun also Arthur Eger, den aggressivsten Bürgermeisterkandidaten, den New York je gesehen hatte, mit Coburns aktiver Zeit in Verbindung.