Die Ehre stirbt den schnellen Tod: Kriminalroman

Manfred Weinland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Die Ehre stirbt den schnellen Tod

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Die Ehre stirbt den schnellen Tod

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 88 Taschenbuchseiten.

Der Ehrenkodex! Papin glaubt fest daran - als Legionär ist er sein Lebensinhalt! Als seine Söhne krank werden, nimmt er einen zweifelhaften Auftrag an, der ihn ins Verderben stürzen wird. Denn er hat nicht mit Trevellian gerechnet, der ihn unbedingt aufhalten will, um weitere Morde zu verhindern.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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12:00 Uhr

Man hätte die Uhr nach ihm stellen können. Pünktlich zur Mittagszeit fuhr er mit seinem gestohlenen Firmenwagen vor. Seine Schritte, mit denen er die kurze Einfahrt hochlief, waren gemessen und dennoch von verhaltener Kraft geprägt. In der Rechten trug er einen offenen, hölzernen Werkzeugkasten, in der Linken einen vollgekritzelten Zettel mit unleserlichem Firmenaufdruck. Sein kantiges Gesicht lag im Schatten einer blauen Schirmmütze. Er hatte gewaltige Hände. Eine davon - die mit dem Zettel - hob er nun, als er an der Haustür anlangte, und pflanzte seinen dicken Daumen auf den Messingklingelknopf.

Flüchtig betrachtet sah er aus wie ein normaler Handwerker.

Aber die Gedanken unter der blauen Schirmmütze kreisten ausschließlich um solch blutrünstige Dinge wie Rache und Tod...

Es klingelte.

Der nackte Mann fuhr entsetzt hoch; seine Erektion fiel in sich zusammen.

»Keine Angst«, spottete Maria, schob seinen athletischen Körper vollends von sich und glitt, ebenfalls nackt, wie Gott sie in blendender Laune erschaffen hatte, aus dem Bett. »Er würde doch niemals klingeln!«

Ihr Lover wirkte keineswegs beruhigt.

»Vielleicht hat er nur die Schlüssel vergessen...«

»Unsinn!«

Sie hüllte sich in einen seidenen Hauch von Nichts und huschte aus dem Schlafzimmer im ersten Stock die Treppe hinunter zur Haustür.

Ein kurzer Blick durch den Spion bewies ihre richtige Einschätzung der Lage. Draußen stand nur ein blaugekleideter Mensch, der anscheinend ihre Schritte gehört hatte und nun irgendeinen Zettel vor die Linse hielt.

»Gaswerk«, brummte eine mürrische Stimme. »Ich muss Ihren Anschluss überprüfen.«

»Muss das unbedingt jetzt sein...?«

Maria ließ sich ungern bei ihrem mittwöchigen Seitensprung stören. Letztendlich überwog jedoch die Erleichterung, dass es nicht ihr eigener Mann war, der außerplanmäßig heimkehrte. Noch während sie die Frage stellte, entriegelte sie bereits das Sicherheitsschloss, das auch nur so nützlich sein konnte wie die Vorsichtsbereitschaft seiner Besitzer.

Kaum war die Tür offen, begann Marias ganz privater Alptraum.

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13:48 Uhr

High Noon war weit überschritten, als Louise Zappa sich endlich aus den Federn quälte, schlaftrunken zum Kühlschrank pilgerte und die manchmal etwas widerspenstige Tür machtvoll aufriss.

Das Biest, das auf dem verkleckerten Rost des ansonsten leeren Mittelfaches kauerte und Louise aus tückisch glitzernden Augen anglotzte, war eine dicke, fette, meerschweingroße Ratte!

Ohne Zweifel!

»Daaannnnnnyyy...!«

Ihr Schrei schrillte durch die abbruchreife Wohnung und erschreckte die Ratte vollends. Mit einem entsetzten Fiepen sprang sie Louise ins Gesicht, verkrallte sich etwas in deren brustlangem Lockenhaar und büßte ihre Panik mit einem Faustschlag, den Louise ebenfalls panisch und ziemlich ungezielt landete, so dass das pelzige Tierchen durch die halbe Küche flog und benommen in einer Ecke liegenblieb.

Beruhigt hatte sich Louise danach immer noch nicht.

Sie stand wie festgewachsen auf der Stelle und wiederholte ihren Endlosschrei, diesmal noch um eine Nuance schärfer:

»DAAAANNNNYYY!«

Er wäre verrückt gewesen, hätte er sich gerade jetzt blicken lassen.

Er mochte zwar ein Vollidiot sein - aber ein überaus vorsichtiger. Seine blöden Streiche ließ er sich lieber aus der abgeklärten Distanz einiger Stunden berichten, als sie live mitzuerleben. Deshalb hatte er schon Stunden vorher die Wohnung verlassen.

Als Louise dies klar wurde, stellte sie ihre fruchtlosen Bemühungen ein, ließ die erhobenen Fäuste kraftlos sinken und lauschte erst einmal dem wilden Pochen ihres Herzens.

Sie hätte all diese Abartigkeiten, die sich Danny bisweilen einfallen ließ, um - wie er sich ausdrückte - »ihre Beziehung frisch zu halten«, ja noch verstanden, wenn es wenigstens um eine lohnenswerte Lebensversicherung gegangen wäre. Aber bei ihr war nichts - rein gar nichts! -zu holen. Seine getarnten Bemühungen, sie frühzeitig ins Grab zu bringen, waren vergebliche Liebesmühe. Und wenn er sie »nur« loswerden wollte, konnte er dies wesentlich einfacher haben. Ihre angeblich »frische« Liebe hatte das Verfallsdatum längst überschritten. Spätestens seit diesem neuesten Anschlag!

Louise schlurfte vom Kühlschrank weg und versetzte der Ratte den endgültigen Todesstoß.

Nachdem sie den Kadaver im Müllschlucker versenkt hatte, duschte sie erst einmal lange, um sich in ihre menschliche Gestalt zurückzuverwandeln. Mit Grauen dachte sie an die zurückliegende, fürchterliche Nacht und den noch vor ihr liegenden, kaum weniger fürchterlichen Job.

Zwei Stunden später hätte nicht einmal Danny sie auf Anhieb wiedererkannt.

Aus dem schlaffen Bündel Fleisch und Knochen hatte sich dank kosmetischer Metamorphose ein bildhübsches Girl mit hinreißender Figur entwickelt!

Das mochte teilweise auch an dem fast waffenscheinpflichtigen Kostüm liegen, das tiefe Einblicke in die Geheimnisse weiblicher Anatomie gewährte.

Louise dachte darüber kaum nach.

Sie hatte keine Probleme damit, das zu zeigen, was ihr eine günstige Fügung des Schicksals in die Wiege gelegt hatte.

Es gehörte zu ihrem Job. Alles andere war nebensächlich. Sollten sich die geilen Böcke doch die Augen nach ihr ausglotzen!

Hauptsache, der Honorarscheck stimmte...

Sie schnappte sich Handtasche und Autoschlüssel vom Haken, öffnete die Wohnungstür - und lief genau in eine stählerne Faust, die ihre gerade so schön warmlaufende Hektik übergangslos in tiefe, traumlose Grabesruhe verwandelte.

Ihr letzter Gedanke war: Da-aaannnnyyy...!

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16:03 Uhr

Salvadore Costa leckte sich über die spröden Lippen und betrachtete stolz sein Meisterwerk.

In der Backstube herrschte Grabesstille.

Wie immer, wenn Salvadore einen Auftrag von höchstem Anspruch ausführte, arbeitete er mutterseelenallein. Er brauchte das für seine Inspiration, die in Wahrheit bestenfalls zehn Prozent des Endergebnisses ausmachte - der Rest war pure Transpiration.

Aber zu seinem Ruf als »Promi-Konditor« gehörte es sich, dass er sich als Künstler verkaufte, und nicht als gemeiner Handwerker. Der Unterschied ließ sich am deutlichsten auf seinen Rechnungen erfassen.

Gegenwärtig galt es einfach als chic, bei Salvadore backen zu lassen.

Und sein Handwerk verstand er, darüber gab es keinen Zweifel. Die Riesentorte, die bereits auf einer fahrbaren Unterlage errichtet worden war, dokumentierte dies wieder einmal überzeugend. Sie war eine maßstabsgetreue Wiedergabe des schiefen Turms von Pisa, und die spezielle Neigung des Backwerks hatte eine Reihe statischer Berechnungen erfordert, die den Zusammenbruch noch vor dem ersten Anschnitt verhindern sollten.

Innen war die Torte hohl - eine besondere Vorgabe des Auftraggebers -, und auch der krönende Deckel mit der stilisierten 50 stand noch separat.

Salvadore erwartete jeden Augenblick die pikante Füllung.

Als es dann klopfte, glaubte er sicher, dass es soweit war. Er öffnete die Tür zum Lieferanteneingang völlig arglos.

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19:27 Uhr

Als Ezra Nathaniel Foch das Stubenmädchen auf ihrem Zimmer vernaschte, lief oben bereits seine Geburtstagsparty auf vollen Touren.

Dem stand er in keiner Weise nach.

Trotz seiner graumelierten Schläfen und dem fast asketischen Gesicht (weniger vornehm ausgedrückt hätte man es auch hohlwangig nennen können), steckte in seinem sehnigen Körper noch eine Energie, um die ihn so mancher der oben versammelten Yuppies beneidet hätte.

Auch er lief gerade auf vollen Touren!

Und Martha, das schlampige, kleine Biest, das ständig im Clinch mit seiner Gattin lag und das er unter anderen Kriterien als denen der übertriebenen Reinlichkeit eingestellt hatte, wand sich und stöhnte, dass es eine Lust war - eine größere jedenfalls als mit Thelma, der das fünfte Lifting innerhalb von fünf Jahren zwar eine respektable Figur erhalten hatte, aber auch nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass sie im Bett bestenfalls die Leidenschaft einer tausendjährigen Eiche entwickelte...

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20:13 Uhr

Als Foch zwanzig Minuten später den großen Salon seiner Villa betrat, lautete die offizielle Version, dass er länger als geplant im Büro aufgehalten worden war. Thelma hatte ihn entschuldigt, denn Thelma glaubte hoffentlich auch daran.

Sie bemerkte ihn noch vor allen anderen, kam sofort auf ihn zu gehuscht und zischte ihm den erwarteten Vorwurf ins Ohr: »Wo, zur Hölle, warst du so lange? Callagan hat schon dreimal nach dir gefragt!« Fochs einzige Antwort bestand aus einem nachsichtigen Lächeln, das durch seine leicht rosige Gesichtshaut noch sanfter wirkte. Ohne ein Wort der Erklärung hauchte er ihr einen Kuss auf ihr Make-up und steuerte Gouverneur Callagan an, den er am Rande der Gästeschar entdeckte. Just in diesem Moment erspähte ihn die Meute und blies zum Generalangriff!

»Happy birthday...!«, schmetterte ein Chor, der es wahrscheinlich nicht einmal bei einer drittklassigen Schüleraufführung zu höheren Weihen gebracht hätte. »... happy birthday, dear Ezra... happy birthday to you...!«

Foch blieb wider Willen stehen, nickte dankend und huldvoll nach allen Seiten und musste sich gefallen lassen, dass er unter Händeschütteln von Callagan abgedrängt wurde.

Natürlich befanden sich auch einige echte Freunde unter den Versammelten, und deren Glückwünsche nahm er gerne entgegen, obwohl ihm nach dem heißen Intermezzo mit Martha der Sinn eigentlich noch nach etwas anderem stand.

Marthas Geschenk hatte ihn mit Abstand am nachhaltigsten beeindruckt.

Er konnte sich schwerlich vorstellen, dass es dazu noch eine Steigerung geben sollte. Thelma hatte ihn schon beim Frühstück mit einer unglaublich hässlichen Krawattennadel »überrascht«...

Als sich jedoch Tyler, sein vierjähriger Lieblingsenkel, den Weg zu ihm bahnte und ihm einen winzigen Blumenstrauß hinhielt, ging ein kurzes Leuchten über seine verhärteten Züge. Er bückte sich und hob den Jungen auf seinen Arm.

»Alles Gute zum Geburtstag!«, feixte Tyler.

Foch drückte ihn sanft.

In diesem Augenblick wurde die große Flügeltür des Salons aufgestoßen und eine gigantische Torte auf Rädern hereingerollt.

»Ich hoffe, es gefällt Ihnen! Das haben sich Ihre engsten Freunde und Förderer für Sie einfallen lassen...«

Plötzlich war Callagan neben ihm aufgetaucht und lächelte ihn mit seinem perfektesten Wahlkampflächeln an.

Aber dieses Lächeln, das ihm in einschlägigen Kreisen auch den Namen »Smiler« eingebracht hatte, gefror ihm Sekunden später ebenso wie allen anderen Versammelten auf den Lippen.

Im selben Augenblick nämlich, als die Tortenpracht zu explodieren schien (dies geschah noch planmäßig) und statt des erwarteten, tiefdekolletierten Bunnys eine bis an die Zähne bewaffnete, abenteuerlich maskierte Gestalt in Rambo-Manier heraussprang - was absolut außerplanmäßig war!

Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Männer und Frauen schrien erschrocken auf, wichen zurück, stolperten, fielen... während der Maskierte zielstrebig auf Foch zu rannte und mit dem Lauf seines schweren, automatischen Gewehrs herumfuchtelte.

Ezra Foch hielt immer noch den kleinen Tyler im Arm. Er stand da wie versteinert, von einer kalten Lähmung ergriffen, die ihm jede Bewegung unmöglich machte. Der Junge starrte den Bewaffneten aus neugierigen Augen an, in denen sich die vage Erkenntnis formte, dass dies kein üblicher Geburtstagsgag der willkommenen Art für seinen Großvater war.

Thelma rief etwas, das nicht zu verstehen war.

»Wer...«, würgte Foch endlich hervor. »Wer... sind Sie? Was...?«

Weiter kam er nicht.

Noch einmal ruckte der Lauf des Gewehrs herum.

Und dann knallte es.

Ein Knall, der sich in jeder Windung von Fochs Gehirn zu verfangen schien und für die Ewigkeit konserviert wurde.

Ein paar Schritte entfernt starb Thelma mit einem Ausdruck auf dem puppenhaften Gesicht, der weniger blankem Entsetzen entsprang, als...

Ja, was war es?

Verstehen...?

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20:45 Uhr

Der Kerl hatte keinen Stil.

Er schlich sich von hinten auf Zehenspitzen an mich heran. Die Dunkelheit und der Straßenlärm waren seine Verbündeten.

Er war schlau und glaubte, an alles zu denken.

Aber er hatte vergessen, Milo auf seine Rechnung zu setzen!

»Fallen lassen! Hände hoch!«

Als die Stimme meines Freundes wie Arktiskälte durch die laue Sommernacht klirrte, drehte ich mich ruckartig um. Meine Dienstwaffe ruckte mit. Der synchron laufende Sidestep bewahrte meinen Schädel wahrscheinlich vor der Bekanntschaft mit dem Baseballschläger.