Die Puppe bringt den Tod: Kriminalroman

Manfred Weinland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Die Puppe bringt den Tod

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About the Publisher

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Die Puppe bringt den Tod

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 93 Taschenbuchseiten.

Die FBI Agents Trevellian und Tucker vom FBI werden zu einem Tatort gerufen und stehen vor einem Rätsel. Eine Puppe, die menschengroß ist, befindet sich bei der Ermordeten. Die Puppe ist perfekt. Sie sieht genauso aus wie die Tote - und ist genauso zugerichtet. Es folgen weitere Morde. Immer befindet sich dort eine Puppe, die dem Opfer gleicht. Doch wer fertigt diese Puppen an und überbringt sie ihren menschlichen Doubles? Warum tötet er die Frauen und Männer auf die gleiche Weise wie die Puppen?

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

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Sie war perfekt. Nahezu makellos. Und dafür wurde sie gehasst.

Als ihr Lächeln endgültig in Ungnade fiel, fuhr von oben ein schwerer Hammer herab und schlug ihr den Schädel ein. Kunststoff platzte auf. Dort, wo sich die fein geschwungenen Lippen berührt hatten, gähnte plötzlich ein tiefes, dunkles Loch.

Die Hand, die den Streich geführt hatte, legte den Hammer beiseite. Wenig später wurde die menschengroße Puppe vom Stuhl gehoben, zum nahen Tisch unter die Arbeitslampe getragen und »aufgebahrt«.

Aus der Stereoanlage klang mit ohrenbetäubender Lautstärke Orffs Carmina Burana, während die Puppe mit chirurgischer Präzision zerlegt wurde. Für einen außenstehenden Beobachter war und blieb es ein lebloses Stück Weichplastik, das da seziert wurde - in der Vorstellung der Person, die das Skalpell führte, hatte die Puppe jedoch einen Namen und war aus Fleisch und Blut ...

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Rosanna Lynn starrte neugierig auf das Paket, das ihr der Fahrer eines privaten Transportunternehmens gerade in die Hand gedrückt hatte. Es war nicht schwer, aber sperrig, der Absender unleserlich. Rasch suchte sie ein paar Münzen zusammen und gab dem flotten Boy im blauen Firmendress ein anständiges Trinkgeld. Er tippte sich grinsend an die Schirmmütze und entfernte sich im Eilschritt von der Haustür zu seinem mit laufendem Motor in der Einfahrt wartenden Auto.

Rosanna schaute ihm nach, schnalzte beim Anblick seines knackigen Jeanshinterns genießerisch mit der Zunge und zog sich dann samt Paket in ihre schicke Wohnung im Osten von Yorkville, Manhattan, zurück. Das Haus lag ruhig in einer herrlichen Villengegend auf einem sanften Hügel mit Blick auf den East River. Plato, der dreibeinige Siamkater, kam ihr entgegen gehumpelt, brachte sie fast zum Stolpern und zog sich, als ihr Fuß ihn unglücklich traf, fauchend unter die Couch zurück.

Rosanna legte das Paket auf dem Wohnzimmertisch ab, besorgte sich ein Messer und begann auszupacken. Eingeschlagen in mehrere Lagen Papier und einer Schale aus Styropor lag der Inhalt.

Eine Puppe, dachte sie irritiert. Wer, zur Hölle, schenkt mir eine Puppe?

Natürlich dachte sie sofort an das Geschenk eines Verehrers. Sie war populär - nicht oscar- oder grammyverdächtig, aber einen gewissen Bekanntheitsgrad und eine kleine Fangemeinde besaß sie schon ...

Ihre Gedanken rissen ab.

Erstaunt erkannte sie, dass die kindergroße Puppe ein perfekt modelliertes Gesicht hatte. Und dieses Gesicht stellte sie dar - Rosanna Lynn!

Ein Werbegag, war ihr nächster Gedanke. Jemand will mich als Puppe vermarkten.

Aber auch diese Idee zerstob, als sie entdeckte, wie der Puppenkörper unter dem hübschen Stofftuch aussah, aus dem sie ihn nun wickelte.

Vor Schreck entfiel ihr der Gegenstand. Es gab ein dumpfes Geräusch, als die Puppe auf den Boden schlug. Plato fegte in einem grotesken Bewegungsablauf heran und biss leidenschaftlich in das Plastik- oder Gummimaterial. Der Geschmack schien ihn ebensowenig zu begeistern wie Rosanna der ganze Anblick. Fluchtartig jagte er wieder in sein Versteck zurück.

Die Schauspielerin stand eine Weile wie erstarrt da.

Die Puppe, die in unnatürlicher Verrenkung vor ihr auf dem Teppich lag, hatte nicht nur etwas Schockierendes, weil sie wie eine verkleinerte Kopie der Schauspielerin Rosanna Lynn aussah - sondern weil ihr ganzer Körper von unzähligen Schnitten übersät war, aus denen eine rötliche, mittlerweile geronnene Flüssigkeit hervorgequollen war.

Als Rosanna sich endlich einigermaßen gefasst hatte, rief sie ihren Manager an. Der verbot ihr strikt, die Polizei einzuschalten.

»Ein perverser Streich«, sagte er am Telefon. »Verlier nicht die Nerven! Du kennst die Konkurrenz so gut wie ich. Es gibt immer Neider, die vor nichts zurückschrecken!«

»Es ... es ist ekelhaft!«, presste Rosanna hervor. »Ich kann es nicht noch einmal anfassen.«

»Ich komme vorbei.«

Eine halbe Stunde später war er da. Larry Lector. Ein fetter, schmieriger Yuppie, der seit zehn Jahren eine erfolgreiche Model-Agentur leitete, obwohl er gerade erst Ende Zwanzig war. Jung, reich, hartgesotten, aber innerlich völlig kaputt. Eine lebende Koksleiche. Vermutlich Virusträger.

Rosanna dachte mit Schaudern daran zurück, dass sie ihn zu Beginn ihrer Geschäftsbeziehung einmal an sich hatte ranlassen müssen (mit Gummi allerdings, da war er Gentleman), um überhaupt in den erlauchten Kreis seiner Klientel Einlass zu finden.

Lector packte die Puppe kopfschüttelnd in die Ursprungsverpackung zurück und war nach ein paar oberflächlichen Worten des Trostes auch schon wieder verschwunden.

»Dringende Geschäfte, Baby«, jammerte er. »Tut mir leid.«

Rosanna wagte sich den Rest des Tages nicht mehr aus dem Haus. Ein paar nicht allzu dringende Termine sagte sie ab.

Und in der folgenden Nacht starb sie.

Die Putzfrau, die einen Schlüssel zur Wohnung besaß, fand die völlig verstümmelte Leiche am nächsten Morgen im Bett. Daneben lag Plato, ihr ebenfalls toter Kater ...

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2

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Zwei Wochen später.

Moon konnte die Gedanken des Portiers lesen wie ein aufgeschlagenes Buch. Er schien weder von ihm als Person noch von der Frage als solcher begeistert zu sein. Seine Gäste schienen ihm heilig. Abfällig bogen sich die Mundwinkel nach unten. Erst ein zusammengerollter 20-Dollar-Schein, der unauffällig den Besitzer wechselte, brachte den Kopf über der Uniform dazu, widerwillig zu nicken.

»Ist sie da?«

Kopfschütteln.

»Zimmernummer?«

Erneutes Schädelwackeln.

»Sie können hier unten warten, bis sie zurückkehrt«, erklärte der Portier ruhig, aber kategorisch und öffnete damit erstmals seine bis dahin versiegelten Lippen.

Moon grunzte abfällig und schlurfte in die Hotellounge, von der aus er einen idealen Blick auf jeden hatte, der die Vorhalle betrat. Seine eckige Visage, die wie alles an ihm nach Unfall aussah, verschanzte er hinter einer drei Tage alten Zeitung. Ab und zu stand er auf und vertrat sich draußen die Beine. Selbst den Hinterhof inspizierte er, weil er auf eventuelle Fluchtabsichten vorbereitet sein wollte. Aber immer wieder kehrte er in die Lounge zurück. Um zu warten.

Mies gelaunt und fest entschlossen, seine Erfolgsprämie noch heute zu kassieren.

Die Jagd hatte bereits zu lange gedauert ...

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3

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Richard Masterson stieg breitbeinig aus dem Uralt-Plymouth, der zu seiner Tarnung gehörte, kickte eine verbeulte Cola-Dose quer über den Bürgersteig und versenkte sie, eher zufällig als treffsicher, im Hut eines blinden Bettlers, der an der Mauer kauerte, das Geräusch missdeutete und tausend Dankesworte für den »edlen Spender« fand. Masterson grinste sich eins und lief fröhlich die Treppenstufen zum Eingang der Mittelklasse-Absteige empor. Routinemäßig sah er sich nach etwaigen Verfolgern in Gestalt frecher Paparazzi um. Er fürchtete durchaus die Entdeckung. Es war ihm nämlich alles andere als schnuppe, ob irgendein Boulevardblatt ihm in seiner morgigen Ausgabe die Titelseite wegen eines neuerlichen Seitensprunges widmete.

Dass er darauf stolz war, der meist gehasste Kongressabgeordnete der Demokraten zu sein, stand auf einem völlig anderen Blatt. Besser ein mieser Ruf als gar keiner, war seine Devise, was die Öffentlichkeit betraf. Sein Privatleben hingegen war ihm heilig. Und damit war er bislang im Leben gut zu Rande gekommen - von ein paar »Ausreißern« abgesehen, die von der Presse naturgemäß groß aufgebauscht wurden.

Aber er hatte aus den Niederlagen seiner frühen Jahre gelernt. Seit langem machte er einen regelrechten Sport daraus, sich mit modernsten Mitteln der Kosmetik perfekt zu entstellen, ehe er seine jeweilige Herzdame aufsuchte. Bis zum nächsten Wahlkampf war es noch lange hin, und er war kalt entschlossen, die Zeit bis dahin nicht allein mit öden Debatten im Parlament zu verplempern. Mit 38 Jahren zählte er zu den jüngsten und potentesten im Kreise der Greise.

Melanie hatte er auf einer dieser als Arbeitsessen getarnten Kontaktpartys kennengelernt. Sie war höchstens siebzehn, obwohl sie unentwegt behauptete, längst volljährig zu sein. Sie wollte zum Film - was sonst -, und Masterson hatte klugerweise bereits in den ersten drei Sätzen ihrer Unterhaltung durchblicken lassen, dass er ganz gut mit einem Hollywood-Produzenten befreundet sei.

Er bildete sich nichts auf sein eher langweiliges Original-Outfit ein. Er bildete sich lediglich etwas auf zwei Dinge ein: Geld und Macht. Das war es, was ihn aus der Masse heraushob. Wahrscheinlich wäre Melanie auch mit einem drei Zentner schweren Vetter des Glöckners von Notre Dame ins Bett gegangen - wenn er es verstanden hätte, die gleichen Hoffnungen in ihr zu wecken.

»Sie wünschen?«, fragte der Portier im Foyer, der nicht erkennen ließ, ob er den Politiker trotz Maskerade erkannte, schätzte oder nichts von beiden.

»Das geht dich gar nichts an«, schnauzte Masterson. »Bei dir wohnt eine gewisse Melanie Star. Vielleicht heißt sie mit richtigem Namen auch Dolittle, Fucking oder sonst wie ...«

»Star ...« Der Mann fuhr mit dem Zeigefinger über die Gästeliste, hielt jäh inne und erklärte immer noch unbeeindruckt: »Zimmer 27 im zweiten Stock.«

Masterson war längst unterwegs. Trinkgelder verschwendete er grundsätzlich nicht. Der Lift fuhr mit ihm allein in die zweite Etage. Hätte er noch ein wenig länger an der Rezeption ausgeharrt und wäre er etwas weniger egozentrisch aufgetreten, er hätte gute Chancen gehabt zu erfahren, dass er bereits der Zweite innerhalb weniger Minuten war, der nach Miss Star fragte. Das hätte ihm vielleicht zu denken gegeben.

Möglicherweise aber auch nicht.

Er klopfte einmal hart gegen die Messing-27, nachdem er die falschen Koteletten und das Toupet entfernt hatte. Dann wartete er.

Ungern.

Für jede Sekunde, die dabei unnütz verstrich, dachte er sich den Preis aus, den die Kleine nachher zu zahlen hatte.

Er musste lange nachdenken. Unüblich lange, Melanie Star öffnete auch nach dem zweiten, heftigeren Klopfen nicht.

Sie hat mich versetzt!

Der Gedanke löste kalte Wut in Masterson aus. Er verletzte andere ständig - konnte dies jedoch bei sich selbst auf den Tod nicht ausstehen. Eher unbewusst drehte er am Türknauf. Es klickte, als die Verriegelung zurückschnappte. Die Tür schwang unter leichtem Druck nach innen.

Na warte, dachte Masterson. Er war sich immer noch nicht sicher, ob sie ein Spiel mit ihm spielte - oder gar nicht da war.

Er betrat das Zimmer, das keinem Vergleich mit den Suiten standhielt, in denen er selbst gewöhnlich zu residieren pflegte. Es war klein und überschaubar, bestand eigentlich nur aus dem Schlafzimmer und einem Badezimmer. Deshalb entdeckte er die Gestalt auf dem Bett auch sofort.

Es war ein Mann. Mit durchgeschnittener Kehle.

Kein Wildfremder, nein, denn dieser Mann - der Tote - war er!

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4

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Mir erschien etwa zur gleichen Zeit der Tod in Gestalt einer getürkten Heilsarmistin. Seit Tagen hatten wir vor der Niederlassung in einer kleinen Seitengasse der Avenue of the Americas auf der Lauer gelegen. Der Tipp, dass es sich bei dem Laden, der nach außen hin Obdach- und Arbeitslosen eine warme Mahlzeit versprach, in Wirklichkeit um einen Umschlagplatz für Drogen wie Crack und Kokain handelte, stammte von einem verlässlichen Informanten. Und er erwies sich als korrekt.

Spätestens, als ich in die tödliche Mündung der 32-schüssigen russischen Makarow-Automatic starrte, wusste ich es.

Über Walkie-Talkie hatten wir uns zuvor verständigt und den Ring zugezogen, als die Party gerade in vollem Gange gewesen war. Ein halbes Dutzend G-men, unterstützt von der Rückendeckung gebenden City Police, stürmte das Gebäude zur besten Mittagszeit. Die kugelsichere Weste behinderte mich ein wenig, aber sie war Vorschrift. Links von mir war mein Freund Milo abgetaucht und machte einen der verdutzten Dealer mit der Bequemlichkeit passgenauer Handschellen vertraut. Ich hatte mir eine Lady in züchtig geschnürtem Rockkleid ausgespäht - was sich jetzt als Fehler erwies.

Dort, wohin der Lauf der Makarow zielte, nützte mir keine noch so kugelsichere Weste. Fast hypnotisch wirkte die Mündung, die vor meinem Gesicht auftauchte. Die Dienstwaffe in meiner Rechten wirkte dagegen fast wie ein läppisches Spielzeug. Dass er es nicht war, hätte ich gerne bewiesen, aber die Chancen standen schlecht.

»Good-bye, Bastard!«, zischte eine Stimme, die gar nicht zu der biederen Aufmachung passen wollte.

Als ich erkannte, dass sie so oder so abdrücken würde, handelte mein Körper selbständig. Mit einem Hechtsprung wollte ich mich aus der Gefahrenzone werfen. Ich hätte es nicht geschafft, wenn Milo sich nicht in diesem Moment eingeschaltet hätte. Seine Kugel schlug funkensprühend gegen den Perlmuttgriff der Pistole, schmetterte die Waffe irgendwo in die Gegend und riss noch eine blutige Schramme über die Hand der Lady. Anschließend »verarztete« ich sie mit ein paar Stahlbinden.

Die ganze Aktion war innerhalb weniger Minuten abgeschlossen. Es gab 35 Verhaftungen, der größte Teil davon natürlich Kundschaft. Welchen tiefergreifenden Erfolg die Razzia erbrachte, würde erst die nähere Auswertung ergeben.