Einladung zum Selbstmord: Kriminalroman

Manfred Weinland

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

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Einladung zum Selbstmord

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Einladung zum Selbstmord

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Krimi von Manfred Weinland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Eine neue Droge ist auf dem Markt! Der aus dem Gefängnis entlassene Henry Pullmann ist ein Genie, was die Entwicklung künstlicher Drogen angeht. Er entwischt der Beobachtung durch das FBI, muss aber bald feststellen, dass der Drogenboss Cardoso versucht, sein Wissen auszunutzen. Doch die Droge hat tödliche Nebenwirkungen – nicht nur für die Süchtigen.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Es surrte hässlich.

Die Reflektion des tödlichen Stahls brach sich kurz in den Augen des sehnigen Jünglings, ehe er gedankenschnell zur Seite wich und dem heimtückischen Anschlag im letzten Moment entging.

Der Haken schlug mehrmals unkontrolliert gegen die Wand und ritzte, ehe er zurückgezogen wurde, Miguels Schulter.

Das wäre es gewesen – wenn der Haken vergiftet gewesen wäre ... Aber das war unwahrscheinlich. Karel war ein Sadist. Ein rascher Tod seines Opfers wäre völlig unbefriedigend für ihn gewesen.

Miguels Kopf ruckte hoch.

Ein herausgequetschter Laut der Enttäuschung – ein fliehender Schatten ...

Mehr sah er nicht mehr von dem Tschechen!

Davonhastende Schritte auf der Stahlgitterbühne der nächsthöheren Etage des aufgegebenen Fabrikgebäudes am East River.

Bei jedem Tritt und der damit verbundenen Erschütterung rieselte der Rost wie schmutziger Schnee auf Miguel herab.

Er presste sich gegen die frostige Betonwand und versuchte, sein hämmerndes Herz zu beruhigen. Die Kälte des Betons strömte wie ein bleiernes Gift durch seinen nackten, schweißglänzenden Oberkörper.

Miguel trug nichts außer zerfledderten Jeans und ausgelatschten Schuhen einer undefinierbaren Marke. Der Schmuddellook, der gerade weltweit hoch im Kurs stand und den sich viele ein Schweinegeld kosten ließen, hatte ihn keinen müden Cent gekostet, war sozusagen über die Jahre organisch gewachsen. Dort, wo Miguel herkam, gab es das beknackte Wörtchen Mode überhaupt nicht!

Dafür gab es andere Dinge gratis.

Den Tod zum Beispiel.

Manchmal sah er aus wie ein blutiger Fleischerhaken. Manchmal aber auch ...

Miguel drehte den dünnen, unterarmlangen Schlagstock so weit, dass ihn der aufgepflanzte Vipernkopf mit aufgerissenem Rachen anzugrinsen schien. Im Widerschein der brennenden Fässer wirkten die stecknadelkopfgroßen Augen wie von dämonischem Leben erfüllt.

Die Viper.

Miguel hatte nur ein kaltes Lächeln für seinen Beinamen übrig, den ihm andere verliehen hatten, seit er aus seiner Vorliebe für die geschuppten Reptilien keinen Hehl mehr machte. Das Stirnband, das sich um seinen kraushaarigen puertoricanischen Quadratschädel spannte, war ebenfalls aus feinstem Schlangenleder geflochten.

Ein Geräusch brachte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.

Eine zuschlagende Tür, die es ihm leicht machte, die Richtung des Fliehenden zu lokalisieren.

Aufgepasst, dachte er angespannt. Keinen Fehler mehr!

Er flitzte los. Seine nackten, durchgewetzten Sohlen verursachten nicht mehr als ein flüchtiges Patsch-Patsch auf dem nassen Boden mit seinen Pfützen vom letzten Regenguss. Als Miguel sich katzenhaft am Metallgeländer der Treppe hoch hangelte, geschah dies mit einer lautlosen Präzision, die jedem heimlichen Beobachter einen Schauer über den Rücken gejagt hätte.

Außer dem Tschechen vielleicht. Dem floss ohnehin kein echtes Blut in den Adern. Der war kalt wie eine Tiefkühlleiche. Ein Gegner ganz nach Miguels Geschmack. Deshalb hatte er auch bis zuletzt gewartet, ihn herauszufordern. So lange, bis er sich völlig sicher gewesen war, ihn auch besiegen zu können.

Den Vipernstock in der rechten, den Tornister in der linken Hand, bewegte er sich auf die Tür zu, die vor Sekunden zugefallen war.

Natürlich war es eine Falle.

Natürlich war der Tscheche nicht blöd!

Aber Miguel war schlauer. Zumindest hoffte er das.

Im Flackerschein der überall aufgestellten Fässer huschten verwirrende Muster über die Graffiti-übersäte Eisentür.

Miguel blieb stehen.

Seelenruhig streifte er einen ellenbogenlangen Handschuh über, öffnete den Gürteltornister, packte das fauchende, vom jähen Licht geblendete Reptil mit einem gezielten Griff hinter dem Nacken und zog es heraus.

Armlang, daumendick und fast wahnsinnig vor Hunger war die Viper.

Miguel hatte sie lange nicht mehr gefüttert. In ihren Gedärmen befanden sich nur schwerverdauliche Reste des Drecks aus ihrem Käfig. Zuletzt hatte sie ihren eigenen Kot gefressen.

»Gleich«, flüsterte Miguel. »Gleich gibt’s Happi ...«

Er drückte die Klinke, machte das Schott einen Spalt weit auf und schob den zuckenden Körper erwartungsvoll durch die Öffnung.

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Ein erstickter Schrei, und der Widerstand erlahmte. Der Dummkopf krümmte sich leicht nach vorn, schnaufte etwas hastiger und quetschte eine Sammlung Flüche durch die kariösen Zahnreihen, die es einem leicht machte, seine wahre Kinderstube zu lokalisieren, auch wenn der feine Zwirn, den er trug, etwas anderes vorgaukeln wollte.

»Warum nicht gleich so?«, fragte ich, während ich die Handschellen einrasten ließ.

Der Dummkopf knurrte zornig. Dummkopf deshalb, weil jemand, der sich gegen einen FBI-Griff, wie von mir angewandt, auflehnte, nur ein Dummkopf sein konnte. Ich hatte ihm den Arm auf den Rücken gedreht und ihn über seine Rechte als amerikanischer Staatsbürger aufgeklärt. Seine unintelligente Reaktion ließ jedoch vermuten, dass er mir nicht sehr genau zugehört hatte.

Fred LaRocca tauchte aus dem Schatten des Vordaches auf. Mein Kollege übernahm den Aufpasser, den wir kalt erwischt hatten. Wahrscheinlich hatte er nicht im Traum damit gerechnet, dass die Party, die drei Stockwerke über uns im feudalen Dakota House, Höhe 72nd Street, ablief, tatsächlich gestört werden könnte. Das Los, den Wachhund zu spielen, war auf ihn gefallen, und er hatte sich als Niete entpuppt.

Ich hatte kein Mitleid mit ihm.

Vielmehr freute ich mich schon auf Nelson Cardosos Gesicht, wenn er erfuhr, dass eine seiner lukrativen »Geschlossenen Gesellschaften« geplatzt war.

Razzien waren schlecht fürs Geschäft – besonders, wenn sie in Prominenten-Kreisen stattfanden. Und eine solche hatte unser Chef, Mr. McKee, zu nachtschlafender Zeit angesetzt!

Köpfe sollten rollen.

Am besten gleich der von Cardoso mit. Aber das war zweifelhaft. Wahrscheinlicher war, dass er in seinem Fuchsbau aufgeschreckt wurde und endlich die Fehler machte, die ihm in absehbarer Zukunft das Genick brachen.

Je eher er vom Fenster weg war, desto besser für den unschuldigen Teil der Menschheit.

Mein Freund Milo Tucker kam mit weit ausgreifenden Schritten heran.

»Auf geht’s!«, grinste er. Razzien gehören nicht zu unserem liebsten Zeitvertreib, aber gerade das Ausheben von Prominenten-Nestern hatte sich in der Vergangenheit als recht unterhaltsam erwiesen. Es ist immer wieder aufs Neue verblüffend, mit welchen Spielchen sich der Jet-Set die Langeweile zu vertreiben sucht.

Wir waren zu fünft: Milo, Fred LaRocca, Leslie Morell, Fisher Storm, ein junger Nachwuchs-G-man, frisch von Quantico kommend, und ich.

LaRocca und Morell blieben bei dem Dummkopf im Wagen vor New Yorks ältestem Luxuswohnhaus in der »Yupper«-West. Fisher Storm, ein schlaksiger junger Mann mit sommersprossigem Pausbackengesicht, schloss sich uns an. Die Weisung, ihn ein bisschen unter unsere Fittiche zu nehmen, kam direkt von oben, von Mr. McKee. Er hielt anscheinend große Stücke auf Storm. Er sollte behutsam in den Job eingeführt werden. Zu oft schon waren vielversprechende Neulinge bereits kurz nach ihrem Abgang von der FBI-Ausbildungsakademie in ihrem eigenen Ehrgeiz verglüht.

Auf ein Zeichen setzten wir uns in Bewegung.

Das Dakota war eine Prestigeadresse. Kein Normalsterblicher konnte sich die Miete in diesem achtstöckigen, mit Giebeln und Erkern verschnörkelten Backsteinbau leisten, der noch aus der Zeit vor der Jahrhundertwende stammte. Stars und Sternchen des Films residierten hier oder im nahegelegenen Langham, Kenilworth und Beresford.

Das Treppenhaus war so sauber wie in einem Palast. Aber es war sterile Sauberkeit. Die Marmorplatten an den Wänden erinnerten sogar an ein Mausoleum.

Nicht mein Geschmack.

Selbst Fisher rümpfte die Nase.

Der Lift war eines dieser ersten Gitterkäfigmodelle, die problemlos stillzulegen waren. Wir brauchten die Kabine nur kommen zu lassen und den Verschlag hochzuziehen. Die eingebaute Sicherung verhinderte von nun an, dass irgend jemand den Aufzug von oben rufen konnte.

Wir drei nahmen die Treppe.

Niemand begegnete uns auf unserem Weg in die dritte Etage. Erst als wir uns vor der goldgefassten Apartmenttür aufbauten, hörten wir die Stimmen, die uns signalisierten, dass wir auf der richtigen Spur waren.

Hemmungsloses Gekichere, sattes Schnaufen und quietschende Federungen.

Milos Grinsen war noch breiter geworden.

Fisher Storm schluckte kurz – und wirkte dann entschlossener denn je.

Ich quittierte es mit Zufriedenheit. Ich mochte den Jungen. Trotz seiner mangelnden Erfahrung war er erstaunlich besonnen: Aus ihm konnte mal ein ganz Großer werden.

»Also los, Jungs!«, sagte ich.

Dann trat ich die Tür ein.

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Jedem anderen hätte der Schrei das Blut in den Adern erstarren lassen.

Miguel hingegen entspannte sich.

Der Schrei, der jetzt in ein erstickendes Röcheln überging, war echt. Kein Mensch konnte so schauspielern.

Miguel machte sich nicht einmal die Mühe, das Schott vollständig zu öffnen und sich von Karels Abgang mit eigenen Augen zu überzeugen.

Außerdem wäre es ihm zu gefährlich gewesen, zu testen, ob die Viper zwischen Freund und Feind zu unterscheiden vermochte. Nein, Miguel hatte ihren Verlust von vornherein einkalkuliert.

Stattdessen machte er kehrt, kletterte über den Rand des Geländers, von wo er katzenhaft ins Stockwerk darunter sprang, und kehrte zu der kleinen Gruppe zurück, die alles aus sicherer Entfernung verfolgt hatte.

Miguel merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Der Empfang war wesentlich kühler, als er es erwartet hatte.

»Was ist los?«, fuhr er Angel an, das schwächste Glied in der Kette. Bislang hatte er zu Karels Besitztum gehört. Nun, da er den Weg alles Irdischen gegangen war, fand Miguel es nur recht und billig, sich als rechtmäßigen Erben des Tschechen anzumelden.

Er hatte ein Faible für Reptilien, Angel stand auf Ratten.

Wir werden keine Schwierigkeiten haben, dachte Miguel überzeugt.

»Wir haben uns gerade überlegt«, sagte Flash an Angels Stelle, »ob das, was du getan hast, den Regeln entsprechend war.«

Er blickte in die Runde und erntete zögerliches Nicken zu seinem Einwand.

Nur Angel biss sich lieber die Lippen blutig.

»Regeln?«, echote Miguel verblüfft. »Welche Regeln?«

Ein Speichelfaden lief ihm aus dem Mund, tropfte vom Kinn. Wer ihn sah, hätte ihn für einen Idioten halten können. Ein Fehler, den Karel gerade mit seinem Leben bezahlt hatte. Dem Gesetz der Clique zufolge, war damit die Anführerschaft auf Miguel übergegangen. Er hatte den Tschechen herausgefordert – und wider Erwarten die Oberhand errungen.

Die Mittel durften dabei keine Rolle spielen. Oberstes Prinzip ihrer aus der Not geborenen Gemeinschaft war die Ausklammerung jeglicher Regeln, wie sie die konsumgeile Gesellschaft in den Betonsilos propagierte!

»Du hast ihn nicht selbst erledigt!«, präzisierte Flash seinen Vorwurf, und Miguel glaubte, erstmals eigene Ambitionen aus den Worten des Fetten herauszuhören.

Er blickte in die Runde, die sich um eines der brennenden Fässer aufgestellt hatte.

Vier Nullen und ein Frettchen – Miguel nannte Angel oft in Gedanken so, weil ihm die Bezeichnung realistischer erschien, denn engelhaft war an ihr eigentlich nichts – vielmehr sah sie aus wie ein geiles Luder in zerrissenem schwarzen Leder und mit kurzen Stoppelhaaren, die aussahen, als hätten ihre Ratten sie eines Nachts mit Heißhunger abgefressen.

Nein, korrigierte Miguel sich in Gedanken. Nur drei Nullen. Flash war eine Doppelnull. Der fette Kerl dachte eigentlich nur über den Bauch. Umso verblüffender war es, dass gerade er das Wort ergriffen hatte.

Gleichzeitig trieb es Miguels Blutdruck in die Höhe, denn er ahnte, warum Flash ausgerechnet gegen ihn intrigierte.

Von Anfang an hatte Miguel es schwer in der Gruppe gehabt. Nur weil er anders aussah als die anderen. O nein, es war nicht wegen der Hautfarbe. Es war etwas viel Tiefschürfenderes.

Mit acht Jahren war er von zu Hause ausgerissen, nachdem er einem Schulkameraden, der ihn ein »missglücktes Genexperiment« genannt hatte, mit einem scharfkantigen Konservendeckel fast den halben Bauch aufgeschlitzt hatte! Seitdem lebte er in der Gosse, war er kontinuierlich alle Sprossen der Gesellschaftsleiter hinuntergerutscht.

Viel tiefer ging es allerdings nicht mehr.

Miguel starrte Flash schweigend an.

Sein Blick schien dem Fleischkloß, der ständig einen Fotoapparat ohne Film mit sich herumtrug und »Blitzlichtaufnahmen« schoss, zu sezieren.

Ebenso wortlos drehte er sich dann um und lief zum Ausgang der Fabrikhalle.

Zwei Stunden später war Flash tot.

Vipernbiss.

Und kein Mensch hatte mehr etwas gegen Miguel als neuen Anführer einzuwenden.

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Das Türblatt war nicht viel dicker als Zeitungspapier. Das verwunderte mich. Normalerweise war der Marktwert eines Prominenten nicht zuletzt an der Stärke seiner Eingangsportale abzulesen – manche ließen sich die Türen sogar noch mit Bleiplatten ausgießen, aus Angst vor Einbrechern und Attentätern.

Allerdings bestätigte diese Beobachtung, was Clive Caravaggio, der den Einsatz vorbereitet hatte, in der Einsatzbesprechung behauptet hatte; dass dies nämlich nicht das Apartment irgendeines Herrn von hoher Wichtigkeit war, sondern lediglich das protegierte Liebesnest eines vollbusigen jungen Dings, das wahrscheinlich nicht einmal wusste, wie »Broadway« buchstabiert wurde, aber unter vollem Körpereinsatz unbedingt dorthin wollte.

Körpereinsatz war auch das Stichwort, als wir in die illustre Runde hineinplatzten!

Die Szene in dem luxuriösen Apartment erstarrte.

Jeglicher Laut erstarb – bis auf das vereinzelte Stöhnen eines Endvierzigers, der sich wacker auf einem nicht mal halb so alten Girl abstrampelte und darüber auch nicht den Knall registriert hatte, mit dem wir Einlass begehrten. Erst die schnuckelige Kleine mit der silikonverdächtigen Oberweite machte ihn auf uns aufmerksam.