Michael Diemetz

 

 

Ich werf' mein Seil weg

und kauf' mir 'ne Angel

 

 

Verrückte, lustige, spannende und informative Klettergeschichten

 

von und mit

 

Michael Urban

 

Arco Böhme

 

Alexander Franz

 

Joachim aus Sebnitz

 

Victoria Chin

 

Stefanie Kraft

 

Geli und Lajos

 

Uwe Richter

 

 

Michael Diemetz

 

Ich werf' mein Seil weg und kauf mir 'ne Angel

 

www.michael-diemetz.de

 

 

Satz und Layout: Michael Diemetz

Cover: David Metzger

Coverfoto: Victoria Chin

 

 

© Michael Diemetz 2017

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte vor den Geschichten

 

 

Viele Leute hatten mich nach meinen Lesungen aus der „Splitter-gruppe Luginland – Verrückte Klettergeschichten“ angesprochen. Sie hätten nämlich auch so viele verrückte Sachen in den Bergen erlebt, könnten dies aber nie in Worte fassen, es wäre doch aber verdammt schade, wenn das alles in Vergessenheit geriete. Eine Lösung war schnell gefunden: Diese Erlebnisse wurden mir er-zählt und ich habe dann, unter Beibehaltung des Stils des Urhe-bers, die lustigen und spannenden Geschichten in diesem Buch daraus gemacht. Was gar nicht so einfach war, wie sich das für alle Nichtautoren unter euch erst einmal anhört, weil ein Sachse irgendwie ganz anders erzählt, als ein Mecklenburger, Branden-burger oder Oberlausitzer. Und jemand, der Anfang 30 ist (Alex), natürlich völlig unterschiedlich zu jemandem mit Anfang 80 (Achim) oder im weitesten Sinn so irgendwie um die 50 (alle anderen).

 

Aber wir müssen für die Berichte, die im Elbsandstein- oder Zittauer Gebirge spielen, erst einmal einen Ausflug in die graue Vorzeit, also in die Geschichte, machen. Genauer gesagt, bis in die ältere Oberkreidezeit, also so etwa 85 bis 100 Millionen Jahre zurück. Da gab es nämlich eine ziemlich große Insel im damals eher nicht zusammenhängenden Europa, und zwar genau dort, wo sich heute die Lausitz, das Iser- und das Riesengebirge befinden, so etwa 200 km lang und 50 km breit.

 

Die Gesteine, die diese Insel bedeckten, erodierten und wurden durch Flüsse in das umgebende Meer getragen, dass damals sowohl eine direkte Verbindung zum Nordmeer, als auch zum Atlantik und zum Tethysmeer (dem Vorläufer des heutigen Mittelmeeres) hatte. Hier wurde dieser Sand zwar durch Gezei-ten und Stürme weiter verteilt, die Hauptmenge lagerte sich jedoch direkt an den Ufern der Insel, also fast am Strand, wieder ab. Vier Millionen Jahre lang legte sich so ein Körnchen auf das andere, bis eine mehrere hunderte Meter hohe und durch den eigenen Druck verfestigte Schicht entstanden war.

 

Durch die Nordwärtsbewegung der afrikanischen sowie mehrerer kleinerer Platten im Tethysraum kam es dann zu einer Hebung der Landmassen und dem Zurückdrängen des Meeres aus Euro-pa. Jetzt lag diese riesige Sandsteintafel nun frei und im Tertiär, also vor etwa 65 Millionen Jahren, begann auch hier, nachdem die Hebungen für viele Brüche in ihr gesorgt hatten, die Wind- und Wassererosion. Übrig geblieben sind die Felsen des Zittauer Gebirges, der Sächsischen und Böhmischen Schweiz, des Böh-mischen Paradieses, der Adersbach-Weckelsdorfer Felsenstadt, der Braunauer Wände (Broumovské stěni) und des Heuscheuer-gebirges.

 

Die meisten unserer Geschichten werden hier spielen. Viele, vie-le Millionen Jahre später. Und ein paar Tage. So zwei oder drei.

 

Aber wir werden uns auch in den Greifensteinen aufhalten, im Frankenjura, in den Alpen, in Arco, den Dolomiten, der Hohen Tatra, in der Verdon-Schlucht, im ungarischen Bükk-Gebirge und in den USA. In Kroatien, auf Madeira und auf den Maledi-ven. ??? Ja, auf den Malediven.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich werf' mein Seil weg und kauf' mir 'ne Angel

 

 

Wir alle kennen diesen Wunsch. Jedenfalls wir alle, die schon einmal im Elbsandstein oder im Zittauer Gebirge vorsteigend klettern waren. In solchen Momenten, wenn wir die oberste und ohnehin bezüglich ihrer Haltbarkeit recht zweifelhafte Schlinge schon lange überstiegen hatten und uns krampfhaft auf der Suche nach einer neuen mit immer dicker werdenden Armen an immer keksiger werdendem Fels nach oben fürchteten. Hier werden nicht nur eingefleischte Atheisten zu begeisterten Anhängern aller Weltreligionen gleichzeitig, sondern sie schwören auch inbrünstig, ihr Seil wegzuwerfen, nie wieder klettern und deshalb viel lieber angeln zu gehen, wenn sie hier heil hoch und wieder herunter kämen. Wobei das Sich-Hinreissen-Lassen zu dieser Aussage auch ganz andere Ursachen haben kann, wie wir bald erfahren werden.

 

Unsere Geschichte spielt in den Greifensteinen, einem kleinen aber feinen Granit-Klettergebiet mitten im Erzgebirge, deren sieben Felsen aussehen, als hätte ein Riese lauter Blöcke überein-ander gestapelt. In diesem Gedanken ist auch einer der drei mehr oder weniger wissenschaftlich fundierten Hypothesen bezüglich der Herkunft des Namens der Greifensteine zu finden. Dieser Riese soll nämlich ein gewisser Graf von Stein gewesen sein und weil der ja diese riesigen Quader greifen musste, um sie aufein-ander zu wuchten, nannte man ihn im Volksmund eher Greif vom Stein, deshalb also Greifensteine.

 

Die zweite, überaus plausible Namenserklärung gründet sich auf einem Mineral, was hier, und nur hier, vorkommt, nämlich dem Greifensteinit. Da selbiges sicher schon im Mittelalter gefunden und benannt wurde, mussten in dieser Gegend umherziehende Wanderer die Frage nach dem Ziel ihrer Unternehmung immer mit dem Satz: „Ich gehe dahin, wo das Mineral Greifensteinit vorkommt“ beantworten. Irgendwann einmal fand jemand dieses lange Gefasel so bescheuert, dass er ihn einfach abkürzte: „In die Greifensteine.“ Aha!

 

Aber es gäbe da noch eine dritte Möglichkeit: Als ein damals sehr berühmter Visionär die Felsen das erste Mal sah, war ihm völlig klar, dass in einigen hundert Jahren die Menschen in ihrer Rückentwicklung zum Affen schon so bekloppt sein würden, aus welchen Gründen auch immer diese Felsen besteigen zu wollen. Dazu müssten sie nur an die Griffe greifen und auf die Tritte treten. Weil sich aber Tretensteine irgendwie doof anhörte, ent-schied er sich für den Namen, der heute noch verwendet wird.

Ab hier erzählt Uwe Richter:

 

Wir waren an den Greifensteinen klettern, genauer gesagt am Turnerfelsen, und eine andere Klettergruppe hat am gleichen Gipfel den Herbstweg gemacht, eine VIIa, Rotpunkt VIIb. Da kam irgendein junger Kerl mit dem Moped gefahren, im Blau-mann und mit Gummistiefeln, der sah aus wie ein Viehtreiber frisch von der Weide. Das war sowieso zu dieser Zeit aufmerk-samkeitserregend, weil man ja eigentlich gar nicht direkt an die Felsen heranfahren durfte. Der fuhr also zu dieser Truppe, die am Herbstweg kletterte, stieg vom Moped, lautstarke Begrüßung und dann brüllte der hoch: „Schmeiss' mir mal 'nen Seilende runter!“ Nanu, dachte ich mir noch, wozu soll denn das gut sein? Der hat doch kein Gurtzeug und keine Kletterschuhe, aber wahrschein-lich hat der etwas für die mitgebracht, was die dann am Seil hochziehen können. Aber nein, der band sich direkt ins Seilende ein und rannte diesen Weg als VIIb hoch. In Gummistiefeln! Das war ernüchternd. Vor allen Dingen, weil ich kurz vorher an einem weitaus einfacheren Weg ganz schön herumgekrampft hatte. Aber MIT Gurtzeug und Kletterschuhen. Schon hier überlegte ich, ob ich denn nicht lieber mein ganzes Kletterzeug

Image

In den Greifensteinen Foto: Michael Urban

 

weggeben und mir eine Sportart suchen sollte, die besser für mich geeignet war. Auf Anhieb fielen mir solche mitreißenden Betätigungen wie Dressurreiten oder Synchronschwimmen ein. Oder doch lieber Hallenhalma, vielleicht sogar Unterwassertee-beutelweitwurf?

 

Kurze Zeit später am Seekofel, ich kletterte am „Dicken Ende“, das war damals eine IV. Und wieder hatte ich da ganz schön zu kämpfen. Direkt daneben ging eine V hoch, die Südwand, in der überholte mich einer, der kletterte free solo. Na gut, wer kann, der kann, dachte ich mir. Aber der Typ hat dort eine Fünf ohne jede Seilsicherung gemacht und dabei ein Eis gegessen! Das war niederschmetternd! Jetzt stand mein Entschluss fest: Wenn ich wieder unten bin, dann werf' ich mein Seil weg und kauf' mir 'ne Angel!

 

Da ich aber ganz genau wissen wollte, wem oder was ich einen mit einem Wurm umtarnten Haken vor die nicht vorhandene Nase setzen wollte, beschloss ich, mich erst einmal mit der Unterwasserwelt zu beschäftigen. Und wo kann man diese besser kennenlernen, als zum Beispiel auf den Malediven? Also flog ich da (zugegebenermaßen eine ziemlich lange Zeit später) hin.

 

Nachdem ich schon eine ganze Weile über einem vorgelagerten Riff, dass aus dem deutlich tiefer liegenden Meeresboden in Jahrmillionen bis kurz unter die Wasseroberfläche emporgewach-sen war, herumgeschnorchelt hatte, erreichte ich dessen Ab-bruchkante. Die fiel da 150 Meter senkrecht ab! Und da die Sonne gerade genau über mir im Zenit stand und keinerlei Plankton im Wasser herumschwamm, konnte ich auch so weit hinunter gucken. Ganz unten schwamm ein Hai. Na gut, der war ja weit genug weg. Aber da ich diese gigantische Wand auch mal aus einer gewissen Entfernung und in ihrer ganzen Pracht be-wundern wollte, musste ich sie mir von der Meerseite her an-schauen. Also kämpfte ich gegen die völlig irrationale, sich aber dennoch in meinem ganzen Körper breit machende Angst an, nämlich die Angst vor dem Herunterfallen, und schwamm los. Ich war ja nicht gesichert und da ging es 150 Meter runter!

 

Noch keine zehn Meter war ich vorangekommen, da sah ich, dass ein zweiter Hai von schräg unten ganz genau auf mich zu schwamm. Und der war höchstens noch 30 oder 40 Meter weg! Ohne ihn aus den Augen zu verlieren, aber mit deutlich ange-stiegener Herz- und Atemfrequenz legte ich ohne zu Kuppeln den Schwimm-Rückwärtsgang ein und war dann auch sehr erleichtert, als ich mein Flachwasserriff schneller erreicht hatte, als der Hai mich. Puh!

 

Keine halbe Minute später, mein Adrenalinpegel war noch nicht einmal um zehn Prozent gefallen, hörte ich den mit Abstand schrecklichsten und markerschütterndsten Schrei, der mir jemals zu Ohren gekommen war. Eine Frau. Gar nicht weit weg von mir. Und die brüllte wie am Spieß! Mein Gott, er hat sie erwischt, der Hai! Aber noch bevor ich irgendeinen klaren Gedanken fassen konnte, hatte die langsam damit begonnen, ein Bein aus dem Wasser zu heben. Sofort spielte sich vor meinem inneren Auge ab, was ich jetzt gleich sehen würde, obwohl ich liebend gern darauf verzichtet hätte: Der Fuß würde fehlen und aus dem Bein-stumpf würde das Blut nur so herausspritzen. Aber nein! Der Fuß war dran! Und Blut spritze auch nirgendwo. Als sie den dann auch noch über die Wasseroberfläche gehoben hatte, kam die Taucherflosse zum Vorschein und an der hatte sich eine knapp 30 Zentimeter große Mördermuschel „festgebissen“. Und deswegen schrie die so!

 

Nee! Also das war mir hier alles viel zu stressig und zu aufre-gend. Also machte ich meine Entscheidung sofort rückgängig und wollte in Zukunft doch lieber weiter klettern gehen.

 

 

 

Allium sativum

 

 

Der deutsche Name für Allium sativum, nämlich Knoblauch, leitet sich aus dem althochdeutschen "chlobi" ab, was soviel wie ein gespaltener Stock bedeutet. Hier sind allerdings wohl eher die gespaltenen Knoblauchknollen gemeint, also die Zehen. Und sehr gespalten ist auch die Meinung zu diesem Vertreter der Zwiebelgewächse - entweder, man liebt ihn heiß und innig oder man verabscheut ihn. Ebenso heiß und innig.

 

Allerlei HEILkräfte werden dieser Pflanze nachgesagt, bis hin zum Schutz vor ungebetenen nächtlichen Besuchern mit sehr langen und spitzen Eckzähnen. Bei einer Zwiebel entwickeln sich vor allen Dingen beim Schneiden selbiger eher HEULkräfte.

Uwe Richter erzählt weiter:

 

Beim Knoblauch hat mich eigentlich immer nur die Farbe ge-stört, wenn die Anderen in der Boofe diese kleinen, grauen oder braunen, winzigen, manchmal auch verschrumpelten Zehen aus-packten. Und auch wenn sich alle mit sicht- und hörbarer Wonne und Begeisterung darüber hermachten, sah das für mich so un-appetitlich aus, dass ich es nicht einmal probieren wollte.

 

Einmal kam ich in einer ziemlich hohen Wand vorsteigend mit allerletzter Kraft an einem Ring an, an dem schon jemand saß, der den seinigen Vorsteiger auf dem Weiterweg sicherte. Auf meine Frage hin, ob er denn mal bitte ein bisschen Platz machen könnte, hauchte er mir ein „Aber sicher doch!“ direkt ins Ge-sicht. Ich wäre fast besinnungslos geworden und aus der Wand gefallen, so hat das gestunken, Wahnsinn! Und während der folgenden halben Stunde, in der wir dann zusammen an diesem Ring saßen, war das Einzige, was meine Geruchs-Tortur etwas abmilderte und mich vor dem Erstinken bewahrte, dass er ständig nach oben und ich nach unten gucken musste. Allerdings hatte ich schon nach wenigen Minuten beschlossen, ab sofort auch Knoblauch essen zu müssen. Diese Folter wollte ich nicht noch einmal erleben.

Als ich dann im September 84 zehn Tage bei den Tschechen im Urlaub war, kam ich da mehr zufällig auf einen Wochenmarkt und die hatten da Knoblauch liegen, die Knollen blütenweiß, mit so leichten lila Streifen drauf, also wie gemalt. Das war das erste Mal, das ich wirklich richtigen Knoblauch gesehen hatte. Und da ich auch noch nie vorher in meinem Leben Knoblauch gegessen und also gar keine Ahnung hatte, kaufte ich gleich erst mal ein Kilo. Das habe ich dann mit nach Hause genommen.

 

Das Wochenende drauf bin ich mit zwei Freunden ins Zittauer Gebirge gefahren, nach Jonsdorf zum Klettern. Wir sind mit dem Auto da runter, abends hat es leicht angefangen, zu regnen, also ab in die Jugendherberge. Zum Abendbrot packte ich dann den Knoblauch aus. Ein Kanten Brot, ein Kanten Wurst, immer wieder eine Zehe Knoblauch, es schmeckte fantastisch. Die Hälfte von dem Kilo haben wir an diesem Abend aufgegessen! Dann sind wir in den Schlafraum, den wir drei ganz für uns alleine hatten, und haben uns hingelegt.

 

Was wir nicht wussten, da war noch eine Radwandergruppe aus Chemnitz, Karl-Marx-Stadt damals, zu uns unterwegs. Und durch den Regen hatten die sich verspätet. Jetzt kamen die völlig durchnässt in den Schlafraum rein, in dem wir gerade mal eine viertel Stunde lang gelegen hatten. Weil es ja so geregnet hatte, natürlich bei geschlossenem Fenster. Die Tür ging auf, die ersten beiden kamen höchstens zwei, drei Schritte 'rein, dann sprangen die wieder zurück, die Tür flog zu und wir hörten es draußen nur: „Ihr Schweine!“ Dann ging die Tür wieder auf, einer rannte 'rein, zum erstgelegenen Fenster, riss das auf, steckte den Kopf 'raus, atmete ein paar mal lautstark und ganz tief durch, um dann gleich zum nächsten Fenster zu rennen. Der hat alle Fenster aufgemacht und ist dann wieder 'rausgerannt, die Tür flog wieder zu. Eine ganze Weile später kamen die ganzen Leute dann 'rein und haben sich hingelegt, aber erst, als der große Schlafraum genug durch-lüftet war.

 

Ein paar Jahre später bin ich mit drei Kletterfreunden und der kleinen Schwester von dem einen in die Greifensteine gefahren. Die Kleine war 13 und das erste Mal mit zum Klettern. Und wir hatten dort mit einem Verantwortlichen einen Deal gemacht, wir machen die Felsen sauber und dafür bekamen wir eine Über-nachtungsmöglichkeit in einer Doppelgarage. Ja, und jetzt haben wir vier Kerle Knoblauch gegessen. Das Mädel hat sich gesperrt. Und nur noch gemeckert und geschimpft. Das war dann irgend-wann so krass, dass ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste. Ein kurzer Blick mit ihrem Bruder, wir waren uns einig, die drei haben sie festgehalten, ich hab' ihr die Nase zugehalten und als sie den Mund aufmachen musste, haben wir 'ne Knoblauchzehe 'reingesteckt. Danach wollte sie erst mal nicht mehr mit mir sprechen.

Jetzt kann sie ohne Knoblauch kein Essen mehr zubereiten. Und das nach so vielen Jahren. Manchmal muss man die Leute halt zu ihrem Glück zwingen.

 

 

 

 

Kartoffelchips als Wurfgeschoss

 

Die Hohe Tatra ist das flächenmäßig kleinste Hochgebirge der Welt. Sein Hauptkamm ist nur 27 km lang, aber immerhin gibt es hier 24 Gipfel, die höher als 2500 Meter sind. Der zweithöchste Berg, die Lomnitzer Spitze, oder kurz Lomnitz, besaß vor hun-derten von Jahren komischerweise sogar das Prädikat, der höchs-te Berg der Welt zu sein. Und das mit 2632 Metern! Jedenfalls heutzutage.

Und Uwe Richter erzählt weiter:

 

Wir waren in die Hohe Tatra gefahren und wollten da über den 3. Oktober ein verlängertes Wochenende klettern. Nachdem wir endlich auf dem Parkplatz angekommen waren, mussten wir aber erst einmal unsere Gewichte auf die Kraxen verteilen. Jeder war nämlich im Vorfeld für etwas anderes verantwortlich gewesen, das er zu organi-sieren oder zu besorgen hatte. Bei meinem Kumpel Reiko waren das zum Beispiel die ganzen Kochutensili-en gewesen. Ja, die Töpfe, aha, hier der Kocher, aber was ist denn mit der Benzinflasche los? Die ist ja so leicht! Komisch. Mal schütteln. Da plätschert ja gar nichts drin! Er hatte schlicht-weg vergessen, die aufzufüllen. Die Lösung war natürlich schnell gefunden: Im Auto einen Schlauch gesucht, rein in den Tank und losgesaugt. Aber irgendwie funktionierte das nicht. Aber Reiko wäre nicht Reiko, wenn er nicht für alles eine alternative Lösung parat hätte. Da war auch ein langer Schweißdraht im Auto. Der wurde mit einem noch längeren Wollstrumpf umwickelt, dann in den Tank gesteckt, und nachdem der sich vollgesogen hatte, wur-de er draußen in eine Plastetüte gesteckt und da drin ausgewrun-gen. Ein kleines Loch in die Tüte, Benzinflasche drunter und da rein laufen lassen. Nach mehrmaliger Wiederholung dieses sicher zum Patent geeigneten Vorgangs hatten wir genug. Genug vom Benzin in der Flasche und genug vom Gestank drumherum.

 

Also schnappten wir unsere Rucksäcke und stapften hoch zur Hütte am Poppersee. Da konnte man als Bergsteiger auf der Terrasse schlafen, weil man ja in aller Herrgottsfrühe wieder weg war. Also holten wir uns jeder ein Bier und aßen auf der Terrasse unser Abendbrot. Danach legten wir die Matten aus, Schlafsäcke drauf und wollten uns hinlegen. Ich hatte die Schuhe schon aus-gezogen, stand auf meinem Schlafsack, die Hose war schon unten, da bekamen wir Besuch. Und zwar höchst unerwarteten Besuch! Nämlich von einem Braunbären! Schnell die Hose hochziehen, dafür hat die Zeit noch gereicht, die Schuhe mussten stehen bleiben. Wir wollten den natürlich vertreiben mit dem erstbesten, was jeder irgendwie in die Hand bekommen hatte. Ich klapperte mit einem Alu-Topfsatz, das war aber völlig ungeeig-net und interessierte den nicht ein bisschen. Und Reiko hat auch das genommen, dem er als erstes habhaft geworden war: Eine Tüte Kartoffelchips. Mit der hat er dann nach dem Bären ge-worfen. Wie eindrucksvoll! In den Annalen dieser Pelztiere muss das wohl der lachhafteste Vertreibungsversuch gewesen sein, der je vorgekommen ist.

 

Jedenfalls stand der Bär dann irgendwann auf der Terrasse, schubste das Geländer um und stellte sich mal kurz auf die Hinterbeine, womit er natürlich deutlich größer als jeder Mensch war. Jetzt war er der Meinung, er hätte gewonnen, wir waren dieser Meinung auch. Also sind wir geflohen. Dann ist der zu unseren Rucksäcken, da hab ich mir gedacht, das war's jetzt mit dem Urlaub. Weil so ein Bär ja nun mal überhaupt keine Ahnung von modernen Outdoor-Verschlussmechanismen hat, macht der so eine Kraxe in der Regel anders auf. Nämlich in einer Art und Weise, die ein zukünftiges sinnvolles Verwenden dieses in den Bergen ja zwingend notwendigen Utensils zumindest in Frage stellen dürfte. Aber wir hatten Glück, denn gleich als er begon-nen hatte, mit unseren Rucksäcken herumzuhantieren, flog aus einem eine Wurstbüchse heraus. Und der wusste genau, was das ist. Setzte sich auf einen von unseren Schlafsäcken, nahm die Büchse, biss die auf und schleckte sie aus.

 

Image

Bär kommt, Bär sitzt und frisst. Fotos: Uwe Richter

 

Image

Erst jetzt hatten die Slowaken in der Hütte mitbekommen, was bei uns draußen los war, kamen herausgestürmt und haben dann mit Pfeifen, Grölen, Johlen und Stühle werfen den Bär vertrie-ben. Wir haben ganz schnell unser Zeug zusammengepackt und sind in die Hütte gestürmt. Kaum waren wir alle da drin, war der Bär wieder auf der Terrasse. Jetzt hat er natürlich nichts mehr zu Fressen gefunden. Also ist der um die Hütte herum und hat ge-sucht. Dann hat er die Müllsäcke entdeckt. Und uns bewiesen,

 

ImageDer Grat des Žabí kôň Foto: Uwe Richter

 

 

dass ein Bär unter Mülltrennung etwas ganz anderes versteht, als ein Mensch.

 

Ein ganz besonderes Ziel hatten wir uns vorgenommen: Nämlich die Besteigung des Žabí kôň über einen der Gratwege. Dieser neben dem Rysy gelegene Gipfel besitzt den Beinamen „Matter-

horn der Hohen Tatra“. Von unten hatte der aber gar keine Ähn-lichkeit mit seinem großen und berühmten alpinen Namensvetter. Weder so alleinstehend, noch mit so spektakulären Wänden oder Graten. Es erschien uns so, als wenn da jemand ein bisschen zu viel Phantasie gehabt hatte bei diesem keinem Vergleich stand-haltenden Titel. Na egal. Erstmal mussten wir ja hoch in die Scharte. Das war zwar recht einfach, wir haben uns aber trotz-dem schon gesichert. Allein schon deswegen, weil in der Hohen Tatra jederzeit und von überall oberhalb ein Stein geflogen kom-men kann. Reiko war die letzte Seillänge zur Scharte vorgestie-gen und erstarrte. Dem war, was ich weder vorher, noch nachher jemals bei ihm erlebt hatte, schlichtweg die Spucke weggeblie-ben. Als er sich dann endlich wieder eingekriegt und uns nachge-holt hatte, wusste ich auch, warum. Der Grat des Žabí kôň über ihm zog sich messerscharf 350 Meter nach oben. Fiel nicht nur auf unserer Seite steil ab, nein, auf der polnischen sogar noch viel brutaler, in einer Flucht bis zu den Seen des „Morskie Oko“ herunter. Nur eine III+, aber man hätte die ganze Zeit da hoch-hangeln müssen. Das haben wir dann doch lieber unterlassen.

 

 

Auf dem Rückweg kamen wir an einem Schild vorbei, auf dem standen Preise drauf. Also eigentlich Strafpreise für bestimmte nicht erlaubte Tätigkeiten dort in der Hohen Tatra. Mit 16.000 Kronen das zweit- und auch das drittteuerste war: Einen Bären zu füttern und einen Bären zu verletzen. Zwei Fragen taten sich auf. Die erste: Wenn man etwas zu essen dabei hat, der Bär kommt an und eignet sich das ungefragt an, dann hat man den ja gefüttert. Und muss zahlen. Wenn man aber zum Beispiel mit Stühlen (oder im Notfall auch mit einer Kartoffelchipstüte) nach ihm wirft, um genau diese Fütterung zu verhindern, ihn aber dabei verletzt, wird man auch zur Kasse gebeten. Fazit: Wenn ein Bär kommt, hat man schon verloren. Und: Falls der Bär auf dich nicht wirklich gut zu sprechen ist und du deswegen mit ihm ins Gehege kommst, kannst du entweder Gefahr laufen, zumindest selbst schwer verletzt zu werden oder 16.000 Kronen bezahlen. Wir waren einstimmig der Meinung, dass jeder wohl lieber das Geld berappen würde. In diesem Fall schien der Preis einem Leben mehr als angemessen zu sein.

 

 

 

 

Die Wahl des richtigen Zeltplatzes

 

 

Nein, damit meine ich nicht den Fehler, sein temporäres Stoff-domizil als Mensch etwas gesetzteren Alters mitten in ein ganzes Zeltlager einer Truppe Jugendlicher gestellt zu haben, die bis zum Sonnenaufgang überaus nervenden Techno-Bässen frönen. Oder mitten in eine Gruppe junger Eltern, die ihre Kinder ganz modern, also gar nicht, erzogen haben und sich deshalb so be-nehmen, als würde sich die ganze Welt nur um sie allein drehen.

 

Aber auch nicht ein solch trauriges Extrem, wie der Deutschen Nanga-Parbat-Expedition 1937 widerfahren ist, deren eines Hochlager in der Rakhiot-Flanke an einer vermeintlich absolut sicheren Stelle aufgebaut und dann aber in der Nacht von einer Lawine begraben wurde, wobei 16 Menschen den Tod fanden.

 

Es geht eher darum, in der Nacht sein Zelt schnell irgendwo auf-gestellt zu haben, ohne sich auf Grund der Müdigkeit genügend umgeschaut zu haben. Ich selber habe schon auf Schrägen ge-schlafen, deren Neigungswinkel noch beim Zeltaufbau vernach-lässigbar klein zu sein schien, sich dann aber im Laufe der Nacht so vergrößert haben musste, dass man entweder aufwachte, weil man gerade auf seinen Nachbarn gerollt oder schon halb aus dem offenen Zelt herausgerutscht war. Oder man hatte als Untergrund unregelmäßig geformte Felsriegel, auf denen man die ganze Nacht erfolglos versuchte, irgendeine Lage zu finden, um sich den Vertiefungen und Erhebungen anzupassen. Ohne wirklich geschlafen zu haben, war man dann morgens eine Stunde damit beschäftigt, seine Knochen und Gelenke zu sortieren, um sie wieder in ihre gewohnte Lage zurückzubringen. Sogar in einem seichten Bach bin ich schon aufgewacht, nachdem ich mich am Abend noch riesig über das hohe und weiche Gras gefreut hatte, über dem ich mein Zelt aufbauen konnte.

Lesen wir einmal, was Uwe Richter passiert ist:

 

Ein Jahr später, es war auch wieder über den 3. Oktober, sind wir in die Dolomiten gefahren. Die Marmolada war unser Ziel. Also bin ich nach der Arbeit von Zwickau nach Falkenstein gefahren, um Reiko und Anja abzuholen und dann sind wir da runter. Rich-tung Süden über'n Brenner und irgendwann nachts, völlig über-müdet, bemerkten wir, dass wir uns verfahren hatten und irgend-wo ganz anders raus kamen, als wir eigentlich erwartet hätten. Mit dieser Erkenntnis ging's dann einfach nicht mehr weiter. Wir mussten unbedingt erst mal schlafen und suchten nach einer Möglichkeit, unser Zelt aufzustellen. Aber kilometerweit waren rechts und links pausenlos Leitplanken an der kleinen, schmalen Straße, wir mussten also immer weiter fahren, aber da, da war die Lücke, auf die wir schon so lange gewartet hatten. Wir sind sofort 'runter von der Straße, und zum Glück war da auch ein bisschen ebene Fläche. Zelt aufgestellt, hingelegt, geschlafen.

 

Am nächsten Morgen bin ich als Frühaufsteher raus aus dem Zelt und knallte mit dem Kopf an irgendein Schild. Nanu? Ich über-legte kurz, nein, das stand gestern Abend noch nicht da. Das wäre uns doch beim Zeltaufbau aufgefallen, weil es ja direkt daneben stand. Dann ging ich um das Schild herum, und da war in schönen Piktogrammen 'draufgemalt, was da alles verboten wäre in diesem Gebiet. Also Blumen pflücken, vom Weg 'runter-gehen, Feuer machen und … Zelten.

Jedenfalls sind wir, nachdem wir in Windeseile unsere Behau-sung abgebaut hatten, weiter gefahren und standen dann endlich am Fuß der Marmolada, aber noch im Auto, weil es so stark reg-nete, dass wir nicht mal aussteigen konnten. Die Straße war näm-lich keine Straße mehr, sondern ein regelrechter Bach. Wir haben uns groß angeschaut, was machen wir denn jetzt? Reiko meinte, wir sollten über den Hauptkamm wieder zurück nach Österreich fahren, da wäre das Wetter wohl noch ein bisschen ruhiger.

Also machten wir uns dorthin auf den Weg und kamen dann irgendwann in Seefeld an, es war schon wieder dunkel. Und so mussten wir, bevor wir unser Vorhaben, den Mittenwalder Klet-tersteig im Karwendel zu begehen und an der oberen Seilbahn-station zu übernachten, auf den nächsten Tag verschieben und uns hier eine Stelle suchen, wo wir unser Zelt aufbauen konnten. Überall, wo wir guckten, war aber nichts und da fiel mir ein, direkt am Ortseingang, da, wo wir 'reingekommen waren, war doch irgendwie neben der Straße so ein kleiner Parkplatz und darunter eine Grünfläche. Deshalb machten wir kehrt, fuhren wieder zurück, fanden den Parkplatz, gingen eine kleine Schräge 'runter und standen auf einer wunderschönen Wiese. Durch diese Böschung war der Rand der Wiese von der Straße aus nicht groß zu sehen, also bauten wir da unten unser Zelt auf.

Ich hatte richtig schön geschlafen und als ich früh aufstand, natürlich wieder als erstes, ging ich an einen Strauch, um mich etwas zu erleichtern. Noch total verträumt guckte ich ein biss-chen gelangweilt über eine Schulter und war auf einmal schlagar-tig hellwach. Ich rannte zum Zelt zurück und schrie nur: „Los raus, raus, raus!“ Und die zwei schauten mich mit großen Augen an. „Was iss'n los?“ Sie guckten erst mal völlig schlaftrunken aus dem Zelt, dann hieß es nur noch „Scheiße!“ und wie vom Blitz getroffen sprangen sie da 'raus. Wir haben das nicht mal ausge-räumt, haben nur die Heringe gezogen, alles geschnappt, so wie es war und es die Böschung hoch und auf den Parkplatz ge-schleift.

Dann haben wir uns hingesetzt und unter Lachen angefangen, zu frühstücken. Ungefähr 20 Minuten später kamen da irgend-welche zwei Typen in weißen Klamotten und zogen 'nen Trolley hinter sich her. Hatten wir doch tatsächlich auf 'nem Golfplatz gepennt!

 

 

Völlig lautlos und stoßweise atmend

 

 

Madeira, die Blumeninsel, gehört zu Portugal. Nördlich der Ka-naren und damit westlich von Marokko gelegen, herrscht hier das ganze Jahr ein Klima vor, dass regelrecht zum Wandern einlädt. Nur knapp 60 km lang und 22 km breit, scheint die ganze Insel jedoch als Zeugnis ihrer vulkanischen Vergangenheit steil aus dem Meer zu wachsen. Wodurch schon fast unmittelbar an den Küsten der Mittelgebirgs-Charakter der Landschaft ersichtlich wird, im Inneren der Insel wird diese dann durch mehrere Berg-gipfel mit über 1800 Meter Höhe und vielen bizarren Felsforma-tionen zum Hochgebirge.

 

Uwe Richter