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Herren/Themsen • Das Sternenportal

Marc A. Herren
Der 1976 in Bern geborene Autor ist diplomierter »Betriebswirtschafter HF« und arbeitete bis vor kurzem hauptberuflich für eine Schweizer Großbank als Teamleiter eines Spezialistenteams für e-banking-Fragen.
Herren, der mehrere Sprachen teilweise fließend spricht, ist darüber hinaus in vielen anderen Bereichen tätig. So wirkt er als Pressechef eines erfolgreichen Damenvolleyball-Teams und arbeitet seit einiger Zeit für eine schwedische Tauchbasis auf seiner Wahlheimat Gran Canaria.
Für die PERRY RHODAN-Action-Serie schrieb er innerhalb kurzer Zeit insgesamt vier Romane und verfasste »zwischendurch« ein ATLAN-Taschenbuch.

Verena Themsen
Die 1970 in Hamburg geborene und heute mit Familie in Heidelberg lebende Autorin verfasste bereits als Jugendliche Kurzgeschichten in der Phantastik. Doch dann forderten die berufliche Laufbahn und die eigene Familie ihren Tribut. In den letzten Jahren aber konnte die promovierte Physikerin ihre schriftstellerische Begeisterung erneut aufnehmen und schaffte den Sprung zur professionellen Veröffentlichung in der Fantasy-Serie »Elfenzeit« sowie bei PERRY RHODAN-Action.

Gabriele Scharf
1966 in Dresden geboren, lebt und arbeitet in der Nähe von München, steuert regelmäßig für diverse Buchausgaben und Magazine Illustrationen bei und hat die Bilder für diesen Band geschaffen.

Marc A. Herren Verena Themsen

Das Sternenportal

Quinterna

Band 3

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Umschlagbild und Buchgestaltung: Swen Papenbrock, Vellmar
Illustrationen: Gabriele Scharf, Markt Schwaben

Inhalt


von Marc A. Herren


von Verena Themsen

Fünfter Teil: Der Todseher
von Marc A. Herren

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Prolog

»Jaffi! Komm nach Hause, Vater wird bald zurück sein!«

Der Wind trug Mutters beunruhigte Stimme bis in sein Versteck im Kakteenhaus. »Psst!«, wisperte Jaffi. »Wenn wir uns ruhig verhalten, denkt sie, wir sind in den Wald gegangen.«

Pirri sah den Jungen aus seinen schwarzen Knopfaugen verstehend an und rieb den kleinen, mit struppig weichem Fell bedeckten Schädel an Jaffis Knien.

»Wie gut, dass ich dich habe, Pirri!«, sagte Jaffi lächelnd.

Er lächelte immer, wenn er mit Pirri zusammen war.

Sacht hob er das kleine Pech-Äffchen hoch und schmiegte es an seine rechte Wange. Es tat gut, den warmen Körper auf der nackten Haut seiner missgebildeten Kopfhälfte zu spüren.

Pirri streckte ein Ärmchen aus und strich sanft mit seinen winzigen Fingern über Jaffis Lippen. Das Pechäffchen verströmte einen angenehmen dunklen Duft, den Jaffi verträumt in sich aufsog. Den Geruch ihrer Freundschaft!

»Jaffi! Hörst du mich? Wo bist du?« Mutters Stimme klang noch eine Spur nervöser.

Vater.

Das eigentliche Problem.

Jaffi war vor acht Sonnenzyklen geboren worden. Er wusste, dass er nicht aussah wie die anderen Kinder des Nadeltales – egal, ob es sich um Menschen, Rüsselflügler, ja sogar um die kleinen mausgesichtigen Ti'kochi handelte. Sie alle hatten etwas gemeinsam: symmetrische Gesichter und ebensolche Körper. Rechts und links sah bei ihnen gleich aus; einmal abgesehen von kleinen Unreinheiten, wie einem Hautflecken oder einer unterschiedlichen Musterung. Nur bei ihm war dies nicht der Fall. Missbildung und Krüppelkopf gehörten zu den Schimpfnamen, die er immer wieder zu hören bekam.

Jaffis rechte Gesichtshälfte sah aus, als hätte sie jemand mutwillig zusammengedrückt. Seine runde Stirn schien zur Seite hin ausgebuchtet, das viel zu kleine Ohr stand ab wie das Blatt einer Tunem-Schote. Den Wangenknochen schien der Große Schöpfer gleich ganz vergessen zu haben, als er Jaffis Gesicht modelliert hatte. An seiner Stelle fand sich nur eine verhornte Hautfalte, hinter der sich wahrscheinlich sein rechtes Auge verbarg. So genau wusste man dies nicht, da sich Vater stets gegen eine Untersuchung durch einen wissenschaftlich bewanderten Heiler ausgesprochen hatte. Unterhalb dieser Falte begann gleich der nach oben verschobene Kiefer mit den wild wuchernden Zähnen, die so gar nicht aufeinander passten und Jaffi nicht nur das Sprechen, sondern auch das Essen zur Qual machten.

Wenn ihn die anderen Kinder neckten und plagten, konnte er dies aushalten. Er wusste, dass sie es nicht so böse meinten, wie es sich anhörte. In erster Linie war er froh, dass sie sich überhaupt mit ihm abgaben. Sobald die Kinder in ihre Spiele vertieft waren, vergaßen sie ihre Vorbehalte und Jaffi fühlte sich wie einer von ihnen. So normal, wie sie es waren. Aus diesem Grund schmerzten Wörter wie Missbildung und Krüppelkopf nicht lange, wenn sie aus ihren Mündern kamen.

Wie anders lag der Fall bei seinem Vater. Bei ihm tat jeder abschätzige Blick weh, jede verächtlich abgewandte Schulter. Jedes Wort, jede Silbe; schon das tiefe Einatmen vor einem Wutanfall oder einem schnellen Schlag in den Bauch oder auf den schiefen Rücken.

Je älter Jaffi wurde, desto verdrossener wirkte Vater über sein eigenes Schicksal. Gestern Abend war es besonders schlimm gewesen. Mutter hatte über starke Bauchschmerzen geklagt und Jaffi ins Dorf geschickt, um vom Heiler Medizin zu holen.

Quan'tobri, ein hoch gewachsener Mann mit schlohweißen Haaren und verständnisvollen wasserhellen Augen, hatte die schäbige Sichel in Jaffis ausgestreckter Handfläche eine Weile nachdenklich betrachtet. Dann hatte er wortlos seine abgewetzte Ledertasche gepackt und Jaffi aufgetragen, ihn zu Mutter zu bringen.

Jaffi hatte gewusst, dass es gefährlich werden konnte, einen fremden Mann nach Hause zu bringen. Doch gegen die strengen Augen des Heilers war er nicht angekommen.

Vielleicht, hatte er sich unterwegs eingeredet, ist Quan'tobri schnell und hilft Mutter, bevor Vater nach Hause kommt?

Die Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.

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Der Heiler hielt sich erst kurze Zeit im Schlafzimmer der Eltern bei Mutter auf, als Jaffi hörte, wie ein Stock tiefer die Haustür geöffnet wurde. Vor Schreck wich er zurück, bis er mit dem Rücken an die Schlafzimmertür stieß. Er musste Mutter und Quan'tobri warnen, doch er brachte keinen Ton heraus. Die Faust, mit der er an die Tür klopfen wollte, tappte so sanft gegen das Holz, dass nicht einmal Jaffi selbst es hören konnte.

»Tara?« Vaters Stimme klang ungehalten.

Nach der anstrengenden Nacht-und-Morgen-Schicht in den Kakteenminen von Korok'tar wollte er immer sofort etwas auf dem Teller haben, kaum dass er zur Tür herein war.

»Bist du da oben?«

Jaffi hielt die Luft an. Bitte nicht heraufkommen!, dachte er intensiv.

Vaters unverkennbare Schritte erklangen von der Treppe her. Zwölf Stufen führten in den oberen Stock, wo die Stube und das Schlafzimmer der Eltern lagen. Jeder Tritt dröhnte lauter und schwerer, und Jaffi kam es so vor, als ob jede Treppenstufe verzweifelter unter Vaters dicksohligen Minenstiefeln aufächzte.

»Was stehst du hier herum, Krüppel?«

Jaffi öffnete zögernd das Auge. Grobschlächtig stand Vater in seiner dreckigen Montur vor ihm. Der beißende Geruch der Kakteenwurzeln stieg in Jaffis Nase.

»Ich … ich …«, stotterte er, doch ihm wollte keine passende Antwort einfallen.

Vater blickte von ihm zur Tür und wieder zurück zu Jaffi. »Weshalb stehst du vor der Tür?«

Jaffi schüttelte den Kopf. Zu mehr war er nicht fähig.

»Wer ist da drin?«

Verwundert registrierte Jaffi, dass in diesem Moment nicht der übliche Zorn in Vaters Stimme mitschwang, sondern … Angst.

»Zur Seite, Krüppel!«

Vater packte ihn an der linken Schulter und warf ihn zu Boden. Dann öffnete er die Tür.

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»Jaffi, bitte!«

Er hörte Mutters unterdrücktes Schluchzen, wie sie es immer tat, wenn sie nicht weinen wollte und es ihr doch nicht gelang. Pirri hob den Kopf und lauschte. Jaffi drückte das Pech-Äffchen noch näher an seinen Körper.

Vater war unerwartet schweigsam gewesen, als er nach langen Minuten wieder aus dem Schlafzimmer gekommen war. Nie hätte Jaffi gedacht, dass er sich dem Heiler Quan'tobri unterordnen würde.

Wortlos hatte er sich angehört, was der Mann mit dem schlohweißen Haar ihm erzählte. Einzig ein nervöser Muskel zuckte in Vaters linkem Augenlid, als ihm der Heiler sagte, dass Mutter nie wieder Kinder bekommen konnte und fürs Erste im Bett bleiben müsste, bis die Entzündung ihres Unterleibs abgeklungen war.

Ebenso wortlos hatte Vater Quan'tobri nach unten gebracht. Erst an der Haustür schien er etwas gesagt zu haben, doch die gemurmelten Worte verstand Jaffi nicht, der wie erstarrt vor dem Schlafzimmer stand und auf das verweinte Gesicht der Mutter blickte.

Dann war Vater die Treppe wieder heraufgestiegen. In der rechten Hand baumelte der Ledergurt seiner Montur. Er hatte nur ein Wort gesagt, bevor der Rest des Abends in einem Dickicht voller Schmerzen erstickte.

»So.«

Jaffi wollte nicht mehr nach Hause. Selbst wenn dies bedeutete, dass er Mutter zurücklassen musste. Es ging einfach nicht mehr. Er würde mit Pirri flüchten und irgendwo ein neues Leben beginnen. Er hatte gehört, dass es in der Stadt Zata ein Zuhause gab für Kinder ohne Eltern. Wenn er Glück hatte, würden sie auch einen Krüppel wie ihn dort aufnehmen. Er musste es zumindest versuchen.

Jaffi erhob sich und steckte Pirri sorgfältig unter seine dünne Jacke. Das Äffchen schnatterte leise, während es mit Füßen und Beinen an Jaffis Unterhemd Halt suchte.

Sorgfältig einen Fuß vor den anderen setzend, verließ er sein wackliges Haus hoch oben in den Kakteen, das ihm einst sein Großvater gebaut hatte. Dicke Seile verbanden die verholzten Kakteenstämme. Immer zwei waren übereinander gespannt, sodass Jaffi auf dem einen gehen konnte, während er sich am anderen festhielt.

Trotz seines verkrüppelten Körpers war Jaffi ein geschickter Kletterer. Im Nu hatte er die erste Seilbrücke überquert und erreichte die kleine Plattform am nächsten Kaktusbaum, die er mit einer Machete ins knorrige Holz geschlagen und mit Brettern ausgebaut hatte.

Pirri schnatterte aufgeregt unter der Jacke. Eines seiner Ärmchen tastete nach Jaffis Hals. Der Junge hatte das Halteseil gerade losgelassen und tastete nach dem Führungsseil, das ihn sicher um den Kakteenstamm herum führen sollte.

»Psst!«, sagte er leise zu Pirri. »Du musst jetzt ganz artig sein, sonst …«

Mit einem hässlichen Knacken zerbrach das Holzbrett unter Jaffis Füßen. Seine ausgestreckte Hand griff am Führungsseil vorbei und Jaffi stürzte in die Tiefe.

Er hörte seinen eigenen Schrei, dann folgte ein brutaler Schlag, der ihm die Luft aus den Lungen presste. Noch während er weiter stürzte, verdunkelte sich die Welt um ihn. Den Aufprall auf dem Boden fühlte er schon nicht mehr.

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Nur langsam verzogen sich die dunklen Wolkenfetzen. Undeutlich formte sich Mutters Gesicht. Sie hatte sich über ihn gebeugt. Lag er auf dem Boden? Mit einer seltsamen Gleichmut registrierte Jaffi, dass sie weinte.

»Jaffi, tu mir das nicht an!«

Dumpfe, pochende Schmerzen machten sich bemerkbar. Mit jedem röchelnden Atemzug schienen sie mehr Nahrung zu bekommen.

Wie gestern, dachte Jaffi, nur dass sie diesmal nicht von ihm kommen.

»Jaffi, mein Schatz«, schluchzte Mutter. »Kannst du dich bewegen? Hast du dir etwas gebrochen?«

Er hatte sich einmal den Arm gebrochen, als er auf der Treppe ausgerutscht und hinuntergefallen war. Er kannte den Schmerz, den ein gebrochener Knochen verursachte. Solche inneren Schmerzen fühlten sich ganz anders an als solche, die durch eine Faust oder einen Gürtel verursacht wurden. Vorsichtig bewegte Jaffi seine Arme und Beine. Die Schmerzen waren höllisch, aber es schien nichts gebrochen zu sein.

»Nein … Mutter«, quetschte er heraus.

»Ach, Jaffi! Was machst du auch für Sachen! Was wird Vater nur wieder dazu sagen? Und der arme Pirri!«

»Pirri?« Jaffi benötigte einige Momente, bis er wusste, wovon sie sprach.

Langsam hob er den Kopf und blickte auf seine Brust. Die Jacke war zerrissen. Auf seiner Brust lag das Pech-Äffchen, dessen kleine Finger sich in das Unterhemd gekrallt hatten. Pirris Kopf wirkte seltsam flach. Die murmelgroßen Augen waren geschlossen. Ein dünner Blutfaden rann aus seiner Nase und färbte Jaffis schmutzigweißes Unterhemd dunkelrot.

Er fühlte … absolut nichts.

Jaffi ließ seinen Kopf wieder auf den staubigen Boden sinken. Die Sonnen schienen unbarmherzig in sein missgebildetes Gesicht. Alles in ihm war stumpf und gefühllos.

Mutters Gesicht schob sich vor eine der gleißenden Sonnenscheiben.

»Mein armer Junge. Mein armer Jaffi«, schluchzte sie. Sie hob ihre Hände und legte sie sanft an Jaffis Schläfen. Sie fühlten sich kalt an. Kalt und …

Ein fürchterlicher weißer Blitz stob durch Jaffis Bewusstsein, löschte alles aus und katapultierte ihn davon.

Schlierige Eindrücke stürmen auf ihn ein, formen sich zum Bild seines Vaters, wie er in ohnmächtigem Zorn auf ihn eindrischt.

Halt! Nicht auf ihn! Das sind nicht seine Arme, mit denen er sich vor Vaters Schlägen schützt. Die blasse Haut, die beiden dünnen Ringe an der linken Hand – das sind Mutters Arme!

»Unnütz seid ihr, alle beide!«, schreit Vater mit sich überschlagender Stimme. Er greift nach dem massiven Aschenbecher, der wie immer auf dem Wohnzimmertisch liegt. Sein Gesicht verzieht sich zur Fratze, während er ausholt – und mit Schwung grausam zuschlägt. Die Welt dreht sich. Die Farben zerfließen wie die eines Aquarells, wenn Wasser darüber verschüttet wird.

Dann wird es schwarz.

»Jaffi! Was hast du?«

Er schlug die Augen auf. Da war Mutter. Alles war wie vorher. Und doch …

Jaffi schluckte krampfhaft. Er zweifelte nicht daran, dass er soeben Mutters Tod gesehen hatte.

1.
Die Tränen einer Mutter

Mit zitternden Fingern öffnete As’mala die beiden ehemals kunstvoll, nun nur noch wirr ineinander geflochtenen Zöpfe und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch das gewellte Haar. In kleinen Kreisbewegungen massierte sie nachdenklich ihre Kopfhaut. Das unangenehme Jucken hielt sich jedoch hartnäckig.

Psychosomatisch, dachte sie. Kein Wunder.

Die ehemalige Diebin ordnete die blonden Haare zu einzelnen Strähnen und begann sie wieder ineinander zu flechten. Bereits zum vierten Mal seit der Begegnung.

As’mala schloss die Augen, versuchte sich auf die einzelnen Haarstränge zu konzentrieren, die durch ihre Finger glitten. Das maskenhafte Gesicht des Mädchens tauchte in ihren Gedanken auf. Diese Augen, sie …

Hartnäckig versuchte sie das Bild zu verscheuchen. Das Bild und den furchtbaren Verdacht, der damit einher kam.

Ein Menschenkind als Botschafter der Quinternen!

As’mala wusste aus Shanijas Erzählungen, dass sich die Feinde der Menschheit bisher nie um einen Kontakt bemüht hatten. Bisher hatte ihr Motto »Angriff auf Sicht« gelautet. Schießen, nicht fragen. Wenn sie einmal Gefangene gemacht hatten, so wurden diese zwar untersucht, aber ein Dialog hatte nie stattgefunden. Folterungen waren an der Tagesordnung, doch ihr Zweck blieb völlig unklar.

Wie so oft in letzter Zeit fühlte As’mala, dass sich etwas verändert hatte. Etwas Neues, Gefährliches bahnte sich an auf Less.

Als ihr zum wiederholten Male eine Strähne entglitt, warf sie das halb beendete Werk über die Schultern zurück und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand der Kerkerzelle. Das lederartige organische Material gab leicht nach.

ELIUM, dachte sie.

Früher war es bloß eine Legende gewesen, eine der vielen mystischen Geschichten von Less, diesem kulturellen Schmelztiegel unterschiedlicher Völker und Rassen.

Wie unschuldig wir damals waren, dachte sie, in der abenteuerlichen und so … glücklichen … Zeit vor dem Übergang.

As’mala gönnte sich diesen kurzen Ansturm nostalgischer Verklärung. Sie hatten vieles aushalten und erdulden müssen. Ihre Leben waren nicht nur einmal ernsthaft bedroht gewesen. Und doch …

Zusammen mit Seiya, der blutjungen Prinzessin, und der Soldatin – Geschwaderkommandantin! – Shanija Ran hatten sie ein fast unschlagbares Trio gebildet; verstärkt durch Shanijas kleinen Schmuckdrachen Pong, der ihnen gleichsam Unterhaltung, Maskottchen und Helfer in der Not gewesen war. Im Verlauf der Zeit war ihre Gruppe um Mun und Darren Hag angewachsen. Gemeinsam hatten sie es mit allem und jedem aufgenommen.

Aller Gefahren, Prophezeiungen und dunkler Machenschaften feindlich gesinnter Gruppierungen zum Trotz schienen sich die damaligen Geschichten mit einer geradezu spielerischen Leichtigkeit entwickelt zu haben. Zuversichtlich geradeaus gehen, auf das Glück des Tüchtigen vertrauen und … Ja! … Spaß haben daran. So hatten sie damals gelebt.

Unschuldig eben, dachte As’mala mit einem Anflug von Wehmut.

Sie hatte einen Teil der damaligen Leichtigkeit verloren. Schon vor dem Tod ihres Mannes Ragedun (nicht an ihn denken, vor allem nicht an ihn!) hatten die Passage, ihre zeitweilige Funktion als Bürgermeisterin von Zata und ganz besonders die Geburt ihrer Tochter Liri ihr Leben verändert. As’mala hatte zwar immer noch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einen flotten Spruch auf den Lippen, fluchte, wie es ihr beliebte und doch … Auf eine seltsam traurige Art hatte sich seither vieles gewandelt. Sie fühlte die Verantwortung als Mutter und als Bewohnerin von Less.

Nein!, korrigierte sie sich in Gedanken. Es ist die Verantwortung als Mensch, die ich spüre.

Schwer wie ein riesiger Mühlstein drückte das Pflichtgefühl auf ihre Schultern und machte die alltäglichen Entscheidungen zur ideologischen Gratwanderung.

Wie gerade jetzt.

Das Wissen um die Existenz dieses seltsamen Mädchens könnte unter Umständen zum ausschlaggebenden Punkt in einem Konflikt von wahrhaft galaktischer Dimension werden. Je klarer diese Erkenntnis durch ihre inneren Schutzmauern drang, desto nervöser wurde As’mala.

»Bei Zyrkans verfaulten Innereien – das kannst du doch jetzt nicht ehrlich abwägen wollen!«, zischte As’mala, als ob sie einem Gesprächspartner gegenüber sitzen würde.

Die Verantwortung als Mutter versus der Verantwortung als Mensch

Was für ein unmögliches, unfaires, perverses Gedankenspiel!

As’mala musste davon ausgehen, dass ihre Tochter hier in ELIUM gefangen gehalten wurde – zusammen mit den anderen entführten Kindern. Noch wusste sie nicht, wie es Liri ging und welches Schicksal ihr möglicherweise drohte. Ein für eine Mutter normalerweise unerträglicher Zustand.

Für eine gute Mutter.

Bin ich das?, fragte sie sich. Bin ich eine gute Mutter?

Wie viel steckte von ihrer eigenen Mutter Tititajanaheraninyidirakar, genannt Akar, in ihrem Blut? As’mala war als achtes von mindestens zwölf Kindern aufgewachsen. Nicht dass sie schlecht über ihre Mutter dachte oder in Verbitterung an ihre Kindheit. Dafür hatte sie als Tochter eines Diebes und einer Schauspielerin einfach zu viel Spaß gehabt. Die wandelnde Bühne auf den flachen Rückenpanzern der echsenartigen Tiere brachte die kleine As’mala weit herum. Sie lernte, sich schnell auf neue Situationen einzustellen und mit Lebewesen unterschiedlichster Art auszukommen. Die Theaterleute und Lebenskünstler hatten ihr vieles beigebracht, das ihr in den rastlosen Jahren als Meisterdiebin der Gilde oft half.

Im Laufe der Zeit hatte sie auch ihr attraktives Aussehen und die speziellen Gaben – allen voran psimagisches Schlösserknacken – immer mehr schätzen gelernt. All dies hatte sie zweifellos von ihren Eltern geerbt, worauf As’mala wirklich stolz war.

Dennoch hätte sie Akar nicht als eine gute Mutter bezeichnet. Dafür hatte der Schauspielerin zu sehr die eigene Verwirklichung am Herzen gelegen.

As’mala konnte sich noch gut an einen Abend erinnern, als sie fürchterliche Bauchschmerzen bekam, nachdem sie ein ganzes Glas in Essig eingelegte Zwiebeln gegessen hatte. Sie flehte Mutter an, bei ihr im Wohnwagen zu bleiben und eine Abenteuergeschichte zu erzählen. Doch Akar hatte für das Flehen ihrer Tochter kein Gehör. Flüchtig strich sie As’mala über den Kopf, zog ihre ausgebeulte Männerjacke über den hochschwangeren Bauch und machte sich für den abendlichen Auftritt der Theatergruppe bereit.

Akar hatte keine Augen für die Tränen ihrer Tochter gehabt.

Fühle ich mich deshalb so mies, weil ich eigentlich die Tränen einer Mutter vergießen sollte, es aber einfach nicht kann?, fragte sie sich bang. Weil in mir ein Vorhaben reift, das mich von meiner Tochter entfernen wird, obwohl ich ihretwegen hierher gekommen bin?

As’mala erschauerte ob ihrer Gedanken.

Ich werde das Kind suchen und zu Shanija bringen. Dann werde ich meine Tochter holen. Ich muss diese Priorität setzen!

Augenblicklich fiel die Nervosität von ihr ab. Sie hatte sich entschieden.

Ihre Hände zitterten nicht mehr, als As’mala sie über den Boden gleiten ließ, der sich wie leicht nachgiebiger Kunststoff anfühlte. Nachdenklich sog sie die süßliche Luft ELIUMS, eine Mischung aus trockenem Fleisch, Leder und Verwesung, in sich auf. Damals hatte sie den ekelhaften Geruch nicht so penetrant wahrgenommen wie jetzt. Vielleicht war sie durch die ständigen Aktivitäten auch einfach zu stark abgelenkt gewesen.

ELIUM, das Böse des Himmels und des Raumes, versank im Staube Less', wo Gottes irdene Krallen es nicht mehr preisgeben mögen. ELUM spie Verderben aus, doch der Brodem versiegte, das Verderben entschwand und verdorrte.

Zusammen mit Shanija, Mun und Darren war sie der Legende gefolgt, um die entführte Seiya zu befreien. Die Anführer innerhalb ELIUMS, der sogenannte Aderschlag, hatten die Prinzessin mit Shanija verwechselt und wollten von ihrer Sonnenkraft profitieren. As’mala fand nie genau heraus, was die arme Seiya in dieser Zeit alles hatte erdulden müssen. Ein Mitglied des Aderschlags, ein insektoides Wesen mit dem unaussprechlichen Namen Rr'b'trr, hatte Seiya so lange gefoltert, bis er ihren Willen gebrochen hatte. Nach der Befreiung benötigte die junge Frau lange Zeit, bis sie sich wieder einigermaßen von den Leiden erholte. So lange, dass sich As’mala damals nicht nur einmal fragte, ob der Tod für Seiya nicht die gnädigere Lösung gewesen wäre, als die lange Zeit des Martyriums.

As’malas Gedanken glitten wieder zurück nach ELIUM. Bio6 kam ihr in den Sinn, der skurrile Orgamechanoide, der sich nach einer kleinen Manipulation von Mun auf ihre Seite geschlagen hatte. Nüchtern betrachtet war es auszuschließen, dass das spinnengesichtige Kunstgeschöpf mit seinem mechanischen Vorderrad und dem felligen Körper mit den Kängurubeinen noch existierte. As’mala ging davon aus, dass das Schicksal von Bio6 besiegelt gewesen war, als er sich für sie eingesetzt hatte. Aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre – wie groß müsste der Zufall sein, Bio6 ausgerechnet jetzt wieder zu begegnen?

Die ehemalige Diebin sah ein, dass sie sich auf eine andere Art befreien musste. Geschmeidig wie eine Katze erhob sie sich und ging auf das Gitter zu, das den vorderen Teil der Zelle abtrennte. Nach der Begegnung mit Nur-Eins war sie in einen anderen Raum verlegt worden; anscheinend fürchtete man, dass sie den geheimen Öffnungsmechanismus entdeckt hatte.

Sie hätte in dem Augenblick durch die offene Tür fliehen können. Sie hatte es nicht getan. Die unglaubliche Begegnung mit diesem Mädchen hatte Vorrang vor allem anderem. Doch nun war es an der Zeit, etwas zu unternehmen.

Ihre Finger strichen über die Stäbe, die wie der Rest der Zelle organischen Ursprungs waren. Sie fühlten sich glatt an, wie die von Wind und Wetter abgeschabten Knochen eines verwesten Tieres. Alle zwei Handlängen wiesen die Stäbe knöchelartige Verdickungen auf.

Ohne ernsthaft an einen Erfolg zu glauben, ergriff sie zwei Stäbe, die eine knappe Handbreit auseinander standen, und zog mit aller Kraft daran.

»Kommt schon, ihr Scheißdinger!«, ächzte sie.

Vier pochende Herzschläge lang zog sie an den Stäben, bis die überforderten Muskeln schmerzten. Wütend ließ sie wieder los und stieß sie die angehaltene Luft aus. As’mala konnte sich die Mühe sparen. Weiter als um ein paar mickrige Haaresbreiten würde sie die Stäbe ohne einen Hebel oder sonstwie geartete fremde Hilfe nicht bewegen können, um ihren schlanken, aber nicht dünnen Körper hindurchzuzwängen.

Verärgert blickte sie sich um. Ein Öffnungsmechanismus war nirgends zu sehen, genauso wie in der anderen Zelle. Ihre psimagische Fähigkeit des Schlösserknackens war dadurch nutzlos. Normalerweise konnten ihr Schlösser jeglicher Art nur wenige Atemzüge lang widerstehen – doch dazu musste As’mala sie zumindest berühren.

Zornig schlug sie mehrmals gegen die Stäbe, drehte sich abrupt wieder um und setzte sich an ihren angestammten Platz an der Wand der Kerkerzelle.

As’mala brauchte dringend einen Erfolg versprechenden Plan oder das Eingreifen von Väterchen Zufall.

Hätte sie doch fliehen sollen, als sich die Gelegenheit ergeben hatte? Müßig, darüber nachzudenken. Ich hab’s nicht getan, weil das Mädchen mich gefesselt hat. Nun muss ich die Konsequenzen tragen. Es … war nicht falsch, was ich getan habe. Es wird einen anderen Moment geben. Ich komme hier raus!

In verzweifelter Wut kämpfte sie gegen die aufsteigenden Tränen an. Ragedun, warum bist du nicht hier? Warum hast du mich verlassen, verdammt nochmal?

»Liri«, flüsterte As’mala, zog die Beine an und legte den Kopf auf die Knie. »Halte durch, mein Schatz. Mami wird sich etwas einfallen lassen!«

2.
Erinnerungen sind das Hintergrundrauschen des Jetzt

Nur-Eins stand an der Brüstung des großen Übungssaales. Es beobachtete die grauen, vierbeinigen Leiber, wie sie aufeinander losgingen, als wollten sie sich ernsthaft verletzen. Ein scharfer säuerlicher Geruch ging von ihnen aus, der Nur-Eins unangenehm in die Nase stieg.

Dies war aber nicht die Zeit, um sich über Sinnesempfindungen Gedanken zu machen. Dinge hatten sich zugetragen, die Nur-Eins' Welt durcheinander purzeln ließen. Hatte sich sein Leben bisher abgespielt, als würde es einem dicken, geradlinigen Strang folgen, so bekam dieser plötzlich einen absurden Winkel.

Schuld daran waren diese verwirrenden Erlebnisse mit Vertretern der Spezies Neu-Zwei, die sich selbst Menschen nannten. Ihre Verhaltensweise schien frei von jeglicher Logik und Sinn. Dies hatte zur Folge, dass sie meistens selbst nicht genau wussten, was sie wollten und wie sie sich zu verhalten hatten. Seltsamerweise hatten sie keine Probleme damit, dies zuzugeben.

Seit der ersten Begegnung mit den Neu-Zwei vor der Flucht aus der Heimat hatte Nur-Eins einiges dazu gelernt. Dieser Mond … Less … bot interessante Studienmöglichkeiten, die Nur-Eins zusehends interessierter wahrnahm. Es sprach nicht mit 0/A/11111 darüber, der in diesen Tagen sehr beschäftigt war und keine Zeit für Nur-Eins hatte. Der Anführer der Eins-Wir hätte wahrscheinlich ohnehin kein Verständnis dafür gehabt. Er setzte andere Prioritäten. Doch für Nur-Eins gab es sonst nichts zu tun.

Als besonders unsinnig empfand Nur-Eins die Sitte der Neu-Zwei, sich selbst individuelle Eigenbezeichnungen zu geben, die trotzdem nicht einzigartig waren. Weshalb verwendeten sie keine übersichtlichen und korrekten Typenbezeichnungen wie die Eins-Wir?

Was versprachen sich die Neu-Zwei davon? Weshalb klammerten sie sich so verbissen an diese Illusion einer nicht existenten Individualität?

Das Schlimmste aber war, dass jeder Kontakt mit ihnen Nur-Eins verwirrte. So unlogisch ihre Motive und Verhaltensweisen auch sein mochten, so überzeugt waren sie davon, richtig zu liegen. Beim überraschenden, unerklärlichen mentalen Kontakt mit dem Subjekt mit der Bezeichnung Darren war dies allerdings weniger ausgeprägt gewesen als bei diesem sogenannten weiblichen Vertreter der Neu-Zwei, den es vor kurzem getroffen hatte. Wie hatte die Eigenbezeichnung gelautet? As’mala? Noch einmal rief es sich die bizarre Kommunikation ins Gedächtnis, von der es nicht viel verstanden hatte und nicht sicher war, ob seine Erinnerung es nicht trog, weil die Gefühle die sachliche Logik übertönten.

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»Du … bist Mensch?«

Das »Sprechen«, diese primitive Lautäußerung, fiel Nur-Eins nach wie vor schwer. Bei der ersten Begegnung mit Määkiel hatte es zum ersten Mal das »Sprechen« versucht, da keine andere Kommunikation mit den unterentwickelten Wesen möglich war. Doch es fiel Nur-Eins immer noch schwer, die gedachten Worte in die durch Artikulation stark begrenzte Sprache der … Menschen umzuwandeln.

Nur-Eins hatte der Neu-Zwei diese Frage gestellt, um einen Kontakt herzustellen. Und weil es neugierig war, denn vor dem Aufenthalt in ELIUM hatte es nicht gewusst, dass diese Wesen zweigeschlechtlich waren. Mit deutlichen körperlichen Unterschieden. Sie hatten auch Typenbezeichnungen dafür: »der Mann« und »die Frau«. Das war interessant, Nur-Eins wollte mehr erfahren.

Zwei scharfe Falten bildeten sich zwischen den dünnen Augenbrauen in der ansonsten glatten Haut der Stirn. Die Neu-Zwei hob beide Hände und zeigte mit den Handflächen nach oben. »Ja, ich bin ein Mensch«, sagte sie mit einer rauen, aber nicht unangenehm klingenden Stimme. »Wie du.«

Nur-Eins sah den weiblichen Menschen ein paar Atemzüge lang schweigend an. Was für eine ungeheuerliche und völlig unlogische Behauptung! Nur-Eins wusste natürlich, dass es kein Eins-Wir war, sondern einzigartig, weswegen es ja diese Bezeichnung trug. Wie kam dieser Mensch aber darauf, dass es ihm gleich sei?

Die Frau hob ihre rechte Hand und fasste sich in den gelblichen, kompliziert verknoteten Kopfbewuchs. Fahrig tanzten ihre Finger über die in sich geschlungenen Stränge, als würde sie erst jetzt entdecken, dass sie selbige besaß. Nur-Eins schloss aus der Unsinnigkeit der Handlung, dass die Neu-Zwei verunsichert darüber war, was sie als nächstes tun sollte. Ob dies wohl davon kam, dass Nur-Eins nicht geantwortet hatte?

Nur-Eins war vom telepathischen Kontakt mit anderen Eins-Wir gewohnt, dass Gespräche sanft hin und her wogten, sich manchmal überlagerten und ineinander übergingen. Die einzelnen Gedankenstränge waren durch ihren farblichen Duktus voneinander klar unterscheidbar, sodass man einem Strang auch folgen konnte, wenn er von vielen Fünftausend überlagert wurde.

Wie arm und leer offenbarte sich dem gegenüber die Lautsprache der Menschen. Ihre Gedanken mussten erst in einzelne Wörter verpackt, artikuliert und von der anderen Stelle anschließend wieder in Gedanken umgewandelt werden. Welch unnützer Umweg! Dadurch konnten wertvolle Informationen verlorengehen!

Menschen, so hatte Nur-Eins herausgefunden, verließen sich bei ihrer Kommunikation auf ein Reservoir von wenigen Hundert Wörtern. Wie töricht mussten sie sein um anzunehmen, dass sie damit auch nur annähernd ihre Gedanken wiedergeben konnten?

Oder denken sie so wie sie sprechen?, fragte sich Nur-Eins. Eindimensional, stakkatoartig, grau?

Die Gedankenvielfalt und farbsprachliche Nuancierung der Gedankenwelt der Eins-Wir konnte nicht beziffert werden. Sie war unendlich, weil jeder Gedanke für sich einzigartig war.

Ein weiteres Merkmal der menschlichen Sprache war die erstaunliche Tatsache, dass offenbar nur dann einem Gespräch gefolgt werden konnte, wenn die Rollen des Sprechers und des Zuhörers klar verteilt waren. Dies geschah während des Sprechens, wobei die Zuweisung sich ständig änderte, nach einem Schlüssel, den Nur-Eins noch nicht richtig verstanden hatte.

Konnte es sein, dass die Neu-Zwei deshalb verunsichert war? Wäre es an Nur-Eins, die Rolle des Sprechers zu übernehmen?

»Ich … bin … Nur-Eins«, artikulierte es Wort für Wort und hoffte, dass die Neu-Zwei es verstand.

»Ist das dein Name?«, fragte der weibliche Mensch. »Ich heiße As’mala.«

»Das ist … meine Bezeichnung. Wir … haben keine … Namen«, formulierte Nur-Eins mühevoll. Nie hätte es geglaubt, dass es so schwierig sein könnte, einzelne Worte aneinander zu hängen, um überhaupt eine Aussage zu treffen.

»Ihr?«, echote die Neu-Zwei, als ob damit alles gesagt sei.

»Eins-Wir«, sagte es.

»Eins-Wir …?«

»Ihr nennt sie … die Stummen. Mein …« Nur-Eins musste kurz nachdenken, bis es den Begriff in der menschlichen Sprache gefunden hatte, welcher der Entsprechung der Eins-Wir am nächsten kam. » … Volk.«

Die Neu-Zwei strich sich über die Stirn, wo sich Flüssigkeit gebildet hatte. Nur-Eins wusste, dass dies zur Kühlung überhitzter Haut geschah. Es hatte aber in der Kerkerzelle keine allgemeine Zunahme der Temperatur wahrgenommen.

Der weibliche Mensch hat weder über seine Motorik noch über seine körperlichen Reaktionen die volle Kontrolle, dachte Nur-Eins.

»Wie auch immer du dein Volk bezeichnen magst«, antwortete die Neu-Zwei, die sich As’mala nannte, »du bist ein Mensch. Wie ich! Eine Frau – wie ich! Nur dass du etwas jünger bist – zehn, vielleicht zwölf Sonnenzyklen. Aber eindeutig ein Mensch!«

Sie hatte ihre Stimme während des Sprechens stetig angehoben und in einer Weise intoniert, die typisch war für Lebewesen, welche durch ihre Emotionen gelenkt wurden.

»Ich bin … nicht wie die anderen … Eins-Wir«, gab es zu. »Deshalb … lautet meine … Bezeichnung Nur-Eins. Ich bin nicht … Neu-Zwei … wie du. Ich bin nicht … Mensch. Ich bin einzig…artig.«

»Dann sieh unsere Hände an!«, forderte die Neu-Zwei. »Sehen sie nicht genau gleich aus? Die fünf Finger, jeder hat zwei Glieder und vorne drauf einen Nagel? Ist unser Körper nicht ganz genau gleich gebaut?«

»Nein«, sagte Nur-Eins. »Du bist ganz anders. Du bist … größer. Dein Haar ist … hell. Deine Augen sind anders. Dein … Körper ist anders … geformt.«

As’mala verzog ihren Mund und zeigte Nur-Eins ihre Zähne.

»Haare, Augen und Statur sind bei Menschen unterschiedlich. Zudem verändert sich der Körper, wenn ein Mädchen oder ein Junge geschlechtsreif wird. In zwei, vielleicht drei Sonnenzyklen werden deine Hüften runder und deine Brust wird wachsen.«

»Ich bin Nur-Eins«, wiederholte es hartnäckig. Das Sprechen fiel ihm allmählich leichter als zu Beginn der Unterhaltung. »Du bist nur ein … Mensch. Du verstehst nicht.«

»Beim Gestank Hosindas! Du verstehst nicht!«

Nur-Eins begriff, dass keine Verständigung möglich war. Es wandte sich ab und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Die schwere Tür hinter Nur-Eins schloss sich mit einem satten metallenen Geräusch.

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Die grauhäutigen Kuntar beendeten ihre Kampfübungen und verließen den Übungssaal in einer disziplinierten Zweierkolonne.

Die Worte As’malas gingen Nur-Eins nicht mehr aus dem Kopf. Weshalb hatte der weibliche Mensch so unbeirrt an seiner Meinung festgehalten? Weshalb war diese … Frau weder auf Nur-Eins' Argumente eingegangen, noch hatte sie die Widersprüche in ihren eigenen Aussagen erkannt und daraus geschlossen, dass sie falsch lag?

Und weshalb hinterfragte Nur-Eins plötzlich selbst die Tatsachen, die ganz augenscheinlich wider alle Logik waren?

Mädchen.

Frau.

»Ich bin nicht Eins-Wir«, wiederholte Nur-Eins leise die Worte, die es zu der Menschenfrau gesagt hatte. »Ich bin nicht Neu-Zwei. Ich bin … einzigartig.«

Weshalb klangen die Worte aus seinem Mund plötzlich so unwahr?

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