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Elfenzeit
Band 3

Verena Themsen

Der Quell
der Nibelungen

Prolog
Der Fall

Alebin strich eine Strähne seines blassblonden Haares zurück und hob sein helles Gesicht. Licht fiel durch eines der Bogenfenster des Saales im Herzen des Baumschlosses der Sidhe Crain. Niemand der anderen wartenden Angehörigen der Elfenvölker des Reiches, die den weiten Audienzraum mit ihrem Raunen und dem Rascheln ihrer Gewänder erfüllten, hatte das welke Blatt bemerkt, das von einem Windstoß durch die Öffnung getrieben worden war. Lediglich Alebins wasserblaue Augen sahen dem Fall des Blattes zu, das im Schimmer des diffus durch Äste und Laub dringenden Lichtes langsam kreisend niedersank. Alebins Gedanken folgten dabei einer ähnlichen Spirale in die Hoffnungslosigkeit.

Verfall.

Sterben.

Endgültiger Tod.

Niemals zuvor hatten diese Begriffe für Elfen Bedeutung besessen. Doch nun wechselte das Grün der Blätter des riesigen Baumes, dessen Krone das Reich Crain beschattete, zu Gelb und Braun. Immer höher wuchsen die Haufen welken Laubes, die aus dem Baumschloss gekarrt wurden. Es war schnell klar geworden, dass das Sterben nicht auf den Baum oder die anderen Pflanzen beschränkt war, die ringsherum verblühten und verwelkten.

Man musste nur einen Blick auf die breite weiße Strähne im dunklen Haupthaar des Königs werfen, um zu wissen, dass auch die Elfen Crains betroffen waren. Vielleicht zog sich der Verfall sogar durch alle Teile des vom Thron der Crain aus beherrschten Reiches Earrach oder gar durch die gesamte Elfenwelt. Niemand konnte es genau sagen, denn alle Tore waren versperrt. Alle außer dem zur Welt derer, die schon immer sterblich gewesen waren.

Niemand würde den Elfen Crains helfen können. Sie waren dem Altern und dem Tod preisgegeben, einem endgültigen Tod, in dem selbst ihre Schatten verwehten, anstatt sich im Reich Annuyn zu manifestieren, wo zumindest ihre Erinnerungen bewahrt worden wären.

Das endgültige Ende Crains stand bevor – wenn sich nicht ihr Herrscher der einzigen Macht zuwandte, die groß genug war, um Hilfe bringen zu können. Und heute würde Alebin ihn daran erinnern, wo diese Macht zu finden war.

1 Ein Schreck im Zug

Rian starrte durch das Fenster des Abteils auf den breiten grauen Fluss, über den sie gerade hinwegfuhren, und auf die schmutzig wirkenden Industriegebäude und Lagerhallen am Ufer. Kalter Nieselregen traf das Fensterglas und lief in schmalen Rinnsalen herab, die vom Fahrtwind des Zuges zur Seite getrieben wurden. Die zierliche blonde Elfe folgte mit dem Finger einer Wasserspur und seufzte leise. Tief in ihr erwachte die Sehnsucht nach den bunten Lichtern und dem Leben der Straßen von Paris und eine noch stärkere nach ihrer eigentlichen Heimat, in der es niemals grau und trüb gewesen war, ehe die Zeit ihren Weg dorthin gefunden hatte.

Doch nach Crain konnte sie erst zurückkehren, wenn sie und ihr Bruder die Kunde vom Quell des Ewigen Lebens hatten. Selbst die Kinder Fanmórs durften es nicht wagen, dem König unter die Augen zu treten, ehe ihr Auftrag erledigt war; insbesondere wenn so viel davon abhing. Ganz Crain wartete auf das, wonach sie suchten, und vielleicht benötigte es sogar ganz Earrach oder die gesamte Elfenwelt.

Rian fuhr mit einer Hand durch ihr kurzes, strubbeliges Haar und schloss einen Moment die Lider über ihren vollständig violetten Augen. Sie konnte und wollte nicht glauben, dass die Katastrophe, welche die Crain getroffen hatte, alle Elfen bedrohte.

Die Elfe öffnete wieder die Augen und musterte ihren Bruder, der ihr gegenübersaß und mit gelangweilter Miene in einem Bahnmagazin blätterte. Er war nur Rian zuliebe mit in die Menschenwelt gekommen, und es verging kaum ein Tag, an dem er nicht voller Verachtung von den Sterblichen, ihrer Lebensweise und ihrer Art sprach. Er hatte schlimmeres Heimweh als Rian, das war ihr klar. Und manchmal tat er ihr leid. Vor allem aber war sie froh, nicht allein zu sein. Sie hätte sich niemals vorstellen können, ihre Welt ohne ihren Zwillingsbruder zu verlassen. Glücklicherweise war ihr Vater der Ansicht gewesen, sie sollten gemeinsam gehen.

Und auch um ihre weiteren Begleiter war sie froh. Sie sah neben sich, wo der Grogoch über den freien Teil der Sitzbank hingestreckt lag und mit offenem Mund leise vor sich hin schnarchte. Der freundliche Feenkobold, dessen Körper von nichts als seinem eigenen Haar bedeckt wurde, hatte schon früher gelegentlich gemeinsam mit Fanmór die Menschenwelt besucht. Deshalb hatte der Herrscher ihn seinen Kindern als Helfer und Beschützer mitgegeben. Leider war bereits zu viel Zeit in der Welt der Menschen verstrichen; die Erfahrungen des Grogochs hatten in dieser Gegenwart kaum noch Relevanz.

Selbst Pirx, der erst vor Kurzem seine neugierige Igelnase durch das Tor gestreckt hatte und daher zum Vierten in ihrem Bunde erkoren worden war, überraschten die vielen Veränderungen. Es war, als würde das Bewusstsein des Todes die Sterblichen zu immerwährender Hast antreiben.

Rian sah nach oben, wo Pirx gerade in die Gepäckablage geklettert war und nun mit leisem Quietschen darin herumturnte. Ihn schien die lange Zeit, die sie ihrer Heimat bereits fern waren, noch am wenigsten zu berühren. Doch Rian war sicher, dass selbst diesem quirligen Pixie mit dem Aussehen eines übergroßen Igels gelegentlich die Ruhe und Schönheit Crains fehlte.

Rian hoffte inständig, dass der Hinweis, den ihre menschlichen Freunde Robert und Nadja auf einem Gemälde gefunden hatten, sie endlich zum Ziel führte. Vielleicht stünde am Ende dieser Reise, im deutschen Worms, tatsächlich ein Brunnen, dessen Wasser den Elfen die Unsterblichkeit zurückgab. Dann durften sie wieder nach Crain. Sollte Rian einst erneut Lust verspüren, die hektische, aber auch faszinierend vielfältige Menschenwelt zu besuchen, konnte sie es ohne den Zwang tun, unter dem sie nun standen.

Die Elfe wandte ihren Blick wieder dem Fenster zu, stützte einen Arm auf dem kurzen Tisch auf, der zwischen ihr und ihrem Bruder an der Abteilwand montiert war, und legte das Kinn in die Hand. Der Zug fuhr nun, da er die Brücke passiert hatte, zwischen engen Häuserzeilen hindurch, deren Fenster den grauen Himmel widerspiegelten. Rian beobachtete eine Weile das Vorbeiziehen der Gebäude. Nach der langen Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug, der sie und ihren Bruder samt ihren beiden Begleitern von Paris nach Deutschland gebracht hatte, kam ihr das Tempo dieser Bahn unendlich langsam vor.

Schließlich riss sie sich vom Anblick der tristen Umgebung los und zog das Buch aus der Tasche, das sie am Umsteigebahnhof mitgenommen hatte. Es war ein neuer Roman von Nora Roberts, der Einband mit den Textauszügen aus verschiedenen Buchbesprechungen versprach Liebe und Romantik pur. Menschliche Liebe faszinierte Rian, denn dieses Gefühl gab es nicht unter den Elfen. Doch glaubte man den Filmen und Büchern, war dies kaum ein echter Verlust: Immerhin ließ es die Sterblichen seltsame und manchmal ausgesprochen dumme Dinge tun. Auch wenn Rian die damit verbundenen romantischen Situationen durchaus zu schätzen wusste – den emotionalen Schmerz, den sich die Menschen regelmäßig zuzufügen schienen, vermisste sie nicht. Es tat allerdings nicht weh, darüber zu lesen. Rian hoffte irgendwann zu verstehen, warum sich die Menschen immer wieder auf die Liebe einließen.

Sie legte das Buch auf den Tisch, schlug es auf und verlor sich bald in der Geschichte.

Als Pirx begann, über ihren Köpfen von der einen Gepäckablage zur anderen zu springen, nahm sie das kaum wahr. Selbst seine Freudenquietscher oder gemurmelten Flüche konnten sie nicht mehr aus ihrer Lektüre reißen.

Nach einer Weile wurde die Abteiltür aufgeschoben, und eine gelangweilte Frauenstimme erklang. »Die Fahrkarten bitte.«

Rian sah zu der Frau. Der Blick der Schaffnerin schweifte durch das Abteil, über den für sie unsichtbaren Grogoch hinweg, und sie stutzte nicht einmal, als Pirx vor ihrer Nase mit einem Salto von der rechten zur linken Gepäckablage sprang. Selbst wenn die Frau noch einen Schatten des Pixies gesehen hätte, wusste Rian, so hätte ihr Gehirn nicht zugelassen, dass sie etwas wahrnahm. Dinge, die nicht in ihre Welt gehörten, nahmen die Menschen nicht wahr. Selbst die Elfengeschwister erschienen ihnen nicht in ihrer wahren Form, sondern so weit an das Aussehen der Menschen angeglichen, wie es notwendig war.

Rians Blick wanderte zu David. Er verwahrte die Fahrkarten, welche ihnen Nadja in Paris besorgt hatte. Doch anstatt in seine Tasche griff dieser nach dem Faltblatt mit den Haltestationen des Zuges, das neben ihm lag, strich kurz darüber und reichte es mit einem freundlichen Lächeln der Schaffnerin.

»Gruppenkarte«, sagte er. Sie erwiderte sein Lächeln mit einem aufkeimenden Leuchten in den Augen. Sie nahm das Blatt und stanzte es, ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen.

»Angenehme Fahrt wünsche ich«, sagte sie und schob die Abteiltür wieder zu.

Rian war sicher, dass der Frau das verträumte Lächeln auf ihren Lippen den ganzen Tag erhalten bleiben würde. So wirkte ihr Bruder auf die meisten Menschenfrauen. Er selbst hingegen verzog nur kurz verächtlich die Mundwinkel und las dann in seinem Magazin weiter.

Pirx schaute kopfüber aus der Gepäckablage, und seine rote Mütze fiel genau auf Grogs offenen Mund. Das Schnarchgeräusch ging in ein Röcheln über, und im nächsten Augenblick fuhr der haarige Grogoch unter heftigem Husten hoch. Die Mütze fiel von seinem Gesicht in seinen Schoß, und Grog beäugte den Stoff mit finsterem Blick, während er langsam wieder zu Atem kam. Schließlich sah er zu dem kichernden Pixiewesen hoch.

»Mir scheint, Pirx ist langweilig«, stellte er mit für seine Körpergröße erstaunlich tiefer Stimme fest.

»Jaaaaa!«, tönte es von dem übergroßen Igel. »Ja, mir ist langweilig, langweilig, langweilig! Wann sind wir endlich daaaaaaaa?«

Rian seufzte und sah sehnsüchtig zurück in ihr Buch. »Ich weiß es nicht. Es dauert nicht mehr lange, glaube ich. Aber sieh dich doch ein wenig im Zug um, dann kann ich hier wenigstens in Ruhe lesen. Die Figuren machen gerade wieder so seltsame Dinge. Bevor wir ankommen, möchte ich wissen, wie dieser Teil zu Ende geht.« Rian kicherte leise, während Pirx und Grog einander verständnislos ansahen.

»Ich gehe!«, rief Pirx und ließ sich mit einer Vorwärtsrolle aus der Gepäckablage direkt auf Grogs Schoß fallen. Dieser schrie auf, als Pirx’ Rückenstacheln in seine Beine drangen. Hastig sprang der kleine Pixie wieder hoch, riss die Abteiltür auf und rannte unter schrillem Lachen hinaus auf den Gang. Grog stieß ein tiefes Grollen aus, warf ihm die rote Mütze hinterher und schob dann die Abteiltür wieder zu.

»Ich sollte ihm seinen Stofffetzen in den Hals stopfen«, brummte er, rollte sich wieder auf dem Sitz ein und ließ erneut sein leises Schnarchen erklingen.

David schüttelte den Kopf. Rian sah wieder auf ihr Buch und fuhr fort, die komplizierte Welt der sterblichen Liebe zu erkunden, während der Zug in die Vororte der Stadt rollte.

Leise summend schlenderte Pirx den Gang entlang und blieb nur ab und zu stehen, um besonders interessante Leute oder Dinge zu betrachten. Es juckte ihn in den Fingern, die Menschen ein wenig zu ärgern, doch er wusste, dass Rian und David nicht begeistert sein würden. Laut Fanmórs Gebot durften keine Menschen durch Elfen zu Schaden kommen. In Pirx’ Augen stand dies kleinen harmlosen Streichen zwar nicht im Weg, doch wollten die Zwillinge nicht, dass sein Verhalten Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Schon in Paris hatten sie den Pixie daher mehrfach harsch zurechtgewiesen, und er war wirklich bemüht, sich an sein Versprechen zu halten, nicht mehr Unruhe zu verursachen als unbedingt nötig.

Er betrat den dritten Wagen und begann, auf und ab zu springen, um zu sehen, wer in den Abteilen saß. Zugleich schnitt er den Leuten unsichtbare Grimassen. Plötzlich brach im weiter vorne gelegenen Großraumbereich Radau aus.

»Na, hoffentlich denkt nachher keiner, ich wär’s gewesen«, flüsterte Pirx. »Nachschauen schadet jedenfalls nichts. Vielleicht kann ich ja doch ein wenig Spaß haben, ohne dass es auffällt!«

Schnell huschte er den Gang hinunter. Als er um das letzte Abteil bog und den Großraumbereich das Wagens betrat, sah er in der Mitte des Ganges einen aufgesprungenen Koffer, der wie ein Dach über einem Haufen aus Kleidung stand. Ein Mann im Sitz daneben presste stöhnend eine Hand an die Stirn, und einige Reisende standen besorgt um ihn herum.

»Wie kann so was nur passieren?«, schimpfte eine Frau. »Sie müssten diese Ablagen besser sichern!«

Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Pirx achtete jedoch nicht weiter auf die Leute. Er hatte einen ihm bekannt vorkommenden Schatten bemerkt, der in die andere Richtung davonhuschte. Mit einem Sprung tauchte der Pixie in den Kleidungshaufen und starrte zwischen den Beinen der Menschen hindurch den Gang hinunter und zum Ende des Wagens. Dort stand, nur für ihn sichtbar, ein spindeldürrer Zwerg mit spitzem Gesicht und hoch aufragenden Ohren und amüsierte sich offensichtlich köstlich über die Aufregung, die er verursacht hatte.

»Der Kau!«, flüsterte Pirx und rutschte tiefer zwischen die Kleidungsstücke, um ja nicht von ihm entdeckt zu werden. »Was macht denn dieser Giftzwerg hier?«

Während Pirx ihn beobachtete, drückte der Kau die Tür zum nächsten Waggon einen Spalt auf und schlüpfte hindurch. Sobald er sicher war, dass der andere ihn nicht mehr würde sehen können, verließ Pirx sein Versteck und folgte.

Im nächsten Wagen stand der Kau mitten im Gang und sah um sich, als suche er nach neuen Möglichkeiten für böse Streiche. Pirx wich unbemerkt zur Seite und legte sich auf den Boden, um seinen Gegner von unterhalb der Sitzbank im Auge zu behalten.

Die Schaffnerin betrat gerade den Wagen. Bei ihrem Anblick verzog sich das Gesicht des Kaus zu einem breiten Grinsen. Offensichtlich heckte er wieder etwas aus. Pirx war fest entschlossen, ihm die Tour zu vermasseln.

Schnell sah sich der Pixie um. Sein Blick blieb an einem schlafenden Hund fünf Reihen weiter vorne hängen. Es war einer von der kleinen langhaarigen Sorte, die meist durch giftiges Bellen auffiel. Pirx konnte eigentlich ganz gut mit Hunden umgehen. Geschickt robbte er unter den Sitzen hindurch zu ihm, während die Schaffnerin einem Passagier eine Fahrkarte ausstellte. Nach einigen Füßen und Taschen erreichte Pirx sein Ziel und stupste den Hund vorsichtig an, um ihn zu wecken.

Das Köpfchen des Tieres ruckte hoch. Es richtete verschlafene schwarze Knopfaugen auf den Pixie. Im nächsten Augenblick wedelte der Hund mit dem Stummelschwanz, und eine kleine rote Zunge fuhr über Pirx’ Gesicht.

»Bah!«, machte er leise, wischte es ab und gab dem Hündchen einen sanften Nasenstüber. Dann kroch er näher heran und flüsterte ihm seinen Plan ins aufgestellte Ohr. Als Pirx geendet hatte, gab der Hund ein kurzes Bellen von sich.

»Ruhig, Bella«, erklang eine Frauenstimme von oben.

Pirx zwinkerte dem Hund zu und löste die Leine vom Halsband. Dann spähte er wieder unter der Sitzbank hindurch zum Gang.

Die Schaffnerin war inzwischen auf Höhe des Kaus angekommen, und Pirx sah, wie dieser ihr in aller Seelenruhe und im Schutz der Unsichtbarkeit ein Bein stellte. Gleichzeitig griff er nach dem elektronischen Gerät, das die Frau an einem Schulterband umgehängt trug. Mit einem Ruck am Band zog der Kau die Frau nach vorne. Sie stolperte über sein Bein, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem überraschten Ausruf auf Knie und Hände. Erstaunte und besorgte Ausrufe wurden laut, und ein Mann in der Sitzreihe gegenüber von Pirx stand auf, um der Schaffnerin aufzuhelfen. Gleichzeitig trat der Kau neben sie und streckte seine Hand in Richtung ihrer Mütze.

»Los, Bella!«, flüsterte Pirx.

Sofort schoss die Hündin unter der Bank hervor und versenkte mit einem Knurren ihre Zähne tief in der linken Wade des Kaus. Der Zwerg schrie auf und machte einen Satz in die Höhe, der so hoch war, dass er ihn aus Pirx’ Sichtbereich brachte. Doch Bella war unerbittlich und hing wie eine Klette an ihrem Opfer.

Tobend und fluchend humpelte der Kau den Gang entlang, das eine Bein immer wieder hebend und kräftig schüttelnd. Ringsherum sprangen die Leute auf und drängten nach vorne, um den in ihren Augen wild in der Luft herumfuchtelnden Hund zu begaffen. Überdeckt wurde dies von den hysterischen Schreien der Hundebesitzerin und den Aufforderungen der Schaffnerin, sich wieder zu setzen und den »gottverdammten Hund« zur Ruhe zu bringen.

Pirx grinste und rieb sich die Hände, ehe er sich vorsichtig unter den Bänken hindurch zurückzog. An der Waggontür passte er einen Moment ab, in dem der Kau gerade den Gang wieder hinaufhüpfte. Schnell schob Pirx die Tür einen Spalt auf, schlüpfte hindurch und eilte zu dem Abteil zurück, in dem seine Freunde warteten.

»Der Kau?« Erschrocken ließ Rian das Buch zuklappen und starrte erst Pirx und dann ihren Bruder an. »Wenn der Kau hier ist …«

»… ist Bandorchus Getreuer vermutlich auch nicht weit«, ergänzte David. Sein angespannter Gesichtsausdruck zeigte, dass die Nachricht auch ihn beunruhigte. Zu frisch waren die Erinnerungen an Paris, wo Rian in die Hände des Getreuen und seiner Helfer gefallen war. Einen Moment lang herrschte ein Schweigen, in dem die Angst fast spürbar zwischen ihnen schwebte, während die Geschwister sich ansahen.

Grogs Schnarchen brach unvermittelt ab. Er schloss den Mund, rollte herum und öffnete blinzelnd ein Auge. »Niemals kann man schlafen, ohne dass irgendwelche Ruhestörer dazwischenkommen«, brummte er und setzte sich auf. Die Zwillinge schauten zu Grog, und es war, als hätten seine Worte einen Bann durchbrochen, der ihre Gedanken lähmte.

»Der Kau ist im Zug«, sagte Rian leise.

»Der Kau, hm? Hrrm. Ruhestörer, sage ich doch.« Grog fuhr sich durchs Gesicht und kratzte sich ausgiebig und genüsslich den Bauch.

David strich eine Haarsträhne zurück und sah wieder zu Rian. »Wenn der Getreue und seine Helfer hier sind, kann das zweierlei bedeuten: Entweder ist er uns gefolgt, oder aber er hat lediglich einen ähnlichen Hinweis bekommen wie wir, und das Zusammentreffen ist nur Zufall.«

»Wäre ihm bewusst, dass wir hier sind, hätte er wohl kaum den Kau frei herumlaufen lassen«, stellte Rian fest.

David nickte. »Aber spätestens wenn wir in Worms aussteigen, wird er uns bemerken. Und wenn ich jemanden nicht an meinen Fersen haben will, dann ihn.«

»Aber was können wir dagegen tun?«

Mit einem halben Lächeln wies David auf eine Stelle über der Abteiltür. »Vorher aussteigen.«

Rians Blick folgte Davids Hand und fiel auf die Notbremse. Sie runzelte die Stirn.

»Aber wird er nicht erst recht aufmerksam werden, wenn der Zug plötzlich auf freier Strecke hält?«

»Warum sollte er? Er wird so wenig Erfahrung mit der Menschenwelt haben wie wir, und was wissen wir schon, warum Züge gelegentlich halten?«

Pirx sprang auf die Sitzbank neben Rian und hob eine Hand. »Ich könnte dem Zugführer vorgaukeln, dass etwas auf die Schienen springt«, erbot er sich. »Es gibt dann bestimmt eine Durchsage oder so, die allen sagt, sie sollen ruhig bleiben und all das.«

David hob eine Augenbraue, und Rian lächelte den Pirx an. »Das klingt nach einer guten Idee. Was meinst du, David?«

Rians Zwillingsbruder nickte zögernd. »Also gut. Machen wir es so.«

Mit dem lauten Kreischen von Metall auf Metall kam der Zug wenige Minuten später zwischen einigen Feldern auf der einen Seite sowie Wiesen und einer Schrebergartensiedlung auf der anderen ruckend zum Stillstand. Die Geschwister und Grog standen bereits an der Ausgangstür ihres Wagens bereit. Unruhig sah Rian durch die Scheibe auf die Schrebergärten hinaus.

»Sollten wir nicht einfach gleich aussteigen?«, sagte sie leise, damit die Fahrgäste der angrenzenden Abteile sie nicht hören konnten. »Wer weiß, ob es wirklich eine Durchsage geben wird.«

»Wir warten noch«, antwortete David bestimmt. »Notfalls können wir immer noch rausspringen, wenn der Zug wieder anfährt. Er wird ja nicht gleich zur Höchstgeschwindigkeit übergehen.«

In diesem Moment knackte es im Lautsprecher.

»Sehr geehrte Fahrgäste«, hörten sie eine unpersönliche Frauenstimme sagen, »unser Zug musste aufgrund eines Hindernisses auf der Strecke anhalten. Wir werden die Fahrt baldmöglichst fortsetzen und bitten um ein wenig Geduld.«

Rian atmete erleichtert auf. Ohne zu zögern, stieß David den Notgriff der Tür herunter und drückte sie gemeinsam mit Grog auf. Geduckt sprangen die drei hinaus, rannten den Zug entlang nach hinten und versteckten sich zwischen ein paar niedrigen Büschen, die eine Wiese begrenzten. Von dort beobachteten sie, wie Pirx sich knapp hinter der Lokomotive durch ein offenes Abteilfenster zwängte und zu einer Kugel zusammengezogen den Bahndamm hinunterrollte. Geduckt eilte er zu ihnen, während vorne an der Lok zwei Bahnangestellte in Regenponchos ausstiegen und den Zug zu inspizieren begannen.

Von ihrem Versteck aus rückten die Elfen und ihre Begleiter längs des Wiesenrandes vorsichtig in Richtung der Schrebergärten vor, immer auf Deckung vor dem Zug bedacht. Als sie die ersten Hütten erreichten, verschwanden sie zwischen den Hecken und niedrigen Büschen der Gärten und kamen zügiger voran. Ihr Weg führte weg vom Bahndamm, auf dem noch immer der Zug hielt, und ihren Feinden mit ihm. Endlich erreichten sie das andere Ende der Siedlung und hörten, wie die Bahn wieder anfuhr. Die Geschwister kauerten sich an ein Mäuerchen, um wieder zu Atem zu kommen, während Grog und Pirx misstrauisch die Umgebung im Auge behielten.

»So, das war das«, meinte David schließlich. Er wischte Regenwasser von seinem Gesicht und legte die Arme um die angezogenen Knie. »Bleibt nur die Frage, wie wir jetzt rechtzeitig unser Ziel erreichen sollen, um den Brunnen noch vor dem Getreuen zu finden.«

»Wir werden nicht lange nach ihm in der Stadt ankommen«, überlegte Rian laut. Sie machte eine Kopfbewegung zu einer nahe gelegenen Koppel hin, auf der drei Pferde dicht zusammengedrängt unter einem schützenden Baum standen. »Wir hatten bereits den größten Teil der Fahrt hinter uns, und mithilfe von denen schaffen wir es in kurzer Zeit nach Worms.«

David sah zu den Tieren und runzelte die Stirn.

»Es sind Menschenpferde, dumm und blind wie die Menschen selbst«, sagte er.

»Dann beschaffe du uns doch einige Pferde von zu Hause oder noch besser: einen Pegasus«, erwiderte Rian spitz. »Die Olympier überlassen dir bestimmt gerne einen oder zwei.«

David hob die Hände und verdrehte die Augen. »Ist ja gut. Sie sind besser als nichts, und ich bin sicher, du wirst ihnen schon klarmachen können, was wir von ihnen wollen.«

»Natürlich.« Rian stand auf und ging auf die Koppel zu. Die anderen folgten ihr.

Rings um die Weide waren zwei Reihen weißer Bänder gespannt, die um an Metallpfählen befestigte Keramikkugeln liefen. Pirx schnaubte.

»Wie sollen diese dünnen Fädchen die Pferde aufhalten?«, fragte er.

Er streckte eine Hand aus, zupfte an dem unteren Faden und sprang dann mit einem Aufschrei zurück. Rian lachte glockenhell auf, während der Pixie seine Hand ausschüttelte und leise quietschte.

»Es scheint, da steckt doch etwas mehr dahinter als nur ein Faden, hm?«, sagte die Elfe und ließ ihre eigene Hand dicht über dem oberen Faden verharren. »Elektrizität«, stellte sie fest. »Du hast einen elektrischen Schlag bekommen. Nicht gefährlich, aber unangenehm genug, um Pferde oder Pirxe fernzuhalten.«

»Und wie bekommen wir die Tiere da raus?«, fragte David.

Ohne ein Wort packte Grog einen der lackierten Metallpfähle, zog ihn aus dem Boden und legte ihn ab, sodass er mit den Bändern halb über dem Boden hing. Dann ging er zum nächsten und wiederholte die Prozedur. Nun konnte man bereits über die Drähte steigen, ohne die Beine allzu sehr heben zu müssen. Zwei weitere Pfähle, und der Zaun lag über eine Länge von einem Meter komplett am Boden.

»So«, brummte der Grogoch.

Rian nickte ihm zu und ging vorsichtig über die Drähte hinweg auf die Pferde zu. Sie stieß einen leisen Pfiff aus – sofort ruckten die Köpfe der Tiere hoch und zu ihr herum. Die Elfe winkte und rief ein paar beruhigende und lockende Worte in ihrer eigenen Sprache.

Ohne zu zögern, trotteten die Pferde auf sie zu. Als sie vor Rian standen, neigten sie ihre Köpfe bis auf Augenhöhe und stupsten sie mit ihren Nüstern an. Die Elfe lachte auf und stolperte einen Schritt zurück, strich ihnen dann über Blessen und Nüstern und redete ihnen weiter in einem melodischen Singsang gut zu.

Schließlich wählte sie zwei der Tiere aus. Sie legte ihnen die Hände unter die Mäuler und führte sie auf diese Weise hinter sich her auf ihre Begleiter zu. Das dritte Pferd blieb stehen, wieherte noch einmal kurz, danach kehrte es zum Baum zurück.

Rian schwang sich auf eines der Reittiere und half Grog hinter sich hoch, während David und Pirx auf das zweite stiegen. Die Elfen legten ihre Schenkel fest an die Bäuche der Pferde. Sie neigten sich vor, um in die Mähnen zu fassen, während sich die beiden Feenkobolde an die Geschwister klammerten. Ein kurzer Ruf, ein Schnauben, und unter Pirx’ freudigem Johlen fielen die Tiere von Schritt in den Trab und schließlich in einen schnellen Galopp. Es ging die Feldwege hinunter, immer an den Schienen entlang, durch den nachlassenden Nieselregen in Richtung Worms.

Zwischenspiel
Verräterische Gedanken

Knapp über dem von unzähligen Füßen blank geschliffenen Holzboden wirbelte das welke Blatt herum, dann kam es nicht weit vor Alebin zum Liegen. Die Hände in die weiten Ärmel seines Gewandes geschoben, betrachtete der Elf es einen Moment, trat vor und bückte sich, um es aufzuheben. Die braunen Spitzen knisterten und brachen, als er seine Hand darum schloss. Hastig stand er auf und trat wieder in die lockere Reihe der Audienzsuchenden. Er wollte nicht vorzeitig auffallen.

Doch niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit. Das war nicht verwunderlich, denn im Tageslicht wirkte er so verblasst und unscheinbar wie das Blatt. Gäbe es nicht das Funkeln in seinen großen Augen, man hätte Alebin für einen Sterblichen gehalten, den es nur durch Zufall in diese Halle verschlagen hatte. Doch er war ein Elf, wenn auch einer, dessen schillernde Natur nur im Dunkel der Nacht zum Vorschein kam. Das Licht der Sterne bedeutete ihm mehr als das Blau des Taghimmels.

Aus diesem Grund hatte er sich eine Audienz nach Einbruch der Nacht erhofft, doch sein Wunsch war nicht in Erfüllung gegangen. Fanmór ermüdete schneller als früher, und Alebin konnte froh sein, überhaupt einen Platz in der Reihe der Audienzsuchenden erhalten zu haben, welche die Wände des Saales säumten.

Allerdings gäbe wohl selbst jemand, der ihn bemerkte, wenig auf Alebins Tun. So wie die meisten Crain würden auch die Anwesenden sich nur mit ihm beschäftigen, wenn es unumgänglich war. Nicht umsonst nannte man Wesen wie ihn Meidling. Man mied ihn, wo man konnte. Er hatte an Gwynbaens Seite gegen Fanmór gekämpft, doch als der Moment der Entscheidung kam, war er nicht freiwillig mit ihr ins Exil gegangen, sondern hatte den Meidlingsschwur abgelegt.

Es war ihm nicht schwergefallen, denn niemals hatte er gegen das Volk der Crain kämpfen wollen. Ihm war es stets nur um Fanmór gegangen, der kein Crain war und dennoch die Herrschaft über sie an sich gerissen hatte.

Diese Tat hatte Alebin zum doppelten Verräter gemacht, mit dem niemand mehr etwas zu tun haben wollte. Nur seinen Fertigkeiten in der Brennkunst war es zu verdanken, dass er bei Hof bleiben und seinen Dienst verrichten durfte. Wenn es um ihr Vergnügen ging, konnten die Elfen durchaus großzügig sein. Aber seit diesem Tag war er einsam, ohne Freunde, und selbst die wenigen Elfen, die mit ihm Umgang pflegten, taten dies widerwillig. Seine besten Freunde waren und blieben die Erzeugnisse seiner Kunst.

Aber ich werde mich nicht beklagen, dachte Alebin. Nicht nur, dass mir das Schattenland erspart geblieben ist; ich kann aus meiner Position auch helfen, unser Volk zu retten. Was dieser Usurpator nicht zu tun gewillt scheint oder zumindest nicht mit den angemessenen Mitteln betreibt.

Der Blick des Elfen wanderte über die Wartenden zum Kopfende des Saales. Dort saß Fanmòr auf seinem mit Fellen und Stoffen gepolsterten Thronsessel und hielt Hof. Neben ihm standen seine Berater, und gerade jetzt trat Regius vor und reckte sich, um seinem Herrscher etwas ins Ohr zu flüstern. Alebin fragte sich, woher die grünen Ranken stammten, die der Corvide um sein Geweih gelegt hatte. Kein einziges verfärbtes Blatt war an ihnen. Vermutlich hatte er magische Hilfsmittel angewandt, um die Blätter zu färben, oder alle verwelkten einfach herausgepickt.

Neben dem Hirschköpfigen flatterte eine Blumenelfe auf und ab. Wie die neben ihr Stehenden das stete Klingeln der über ihr hängenden Glockenblumen wohl ertrugen? Weder den Baummann, dessen oberste Kopfzweige schon nahezu die Decke berührten, noch die in hauchdünne Gischt gekleidete Flussnixe schien es zu stören. Vielleicht hatte schon jemand einen Stillezauber über die Blumenelfe verhängt. Es würde das hektische Flattern erklären und zu der Sorglosigkeit passen, die alle so gekonnt an den Tag legten.

Niemand schien daran zu denken, was draußen geschah: an das Altern, das Sterben. Niemand erinnerte sich des alten Morvidian, der vor Kurzem noch als Fels an den Toren des Schlosses gestanden hatte. Alebin hatte zugesehen, wie er verblasst und schließlich ohne Wiederkehr verweht war. Damals begriff er, dass die Dinge zu langsam vorangingen. Es war seine Pflicht, sie zu beschleunigen. Er musste seinen Herrscher darauf hinweisen, dass es eine große Macht zu nutzen galt, bevor es zu spät war.

Alebin sah zu Fanmór und runzelte die Stirn. Am Vortag hatte der König seine Kinder in die Welt der Sterblichen geschickt – nun hielt er Hof, als sei nichts geschehen. Die anderen Elfen klammerten sich an die Zuversicht ihres Herrschers und zogen es vor, ebenfalls so zu tun, als gäbe es den überall einsetzenden Verfall nicht. Alebin ballte seine Hand zur Faust, als er daran dachte. Erneut spürte er die brüchigen Blattkanten in seine Haut schneiden.

Wie dumm musste man sein, um zu glauben, dass zwei Elfen, die zu jung waren, um den Krieg gegen Bandorchu miterlebt zu haben, in der fremden Welt der Sterblichen etwas erreichen konnten? Und wenn sie tausendmal vom herrschaftlichen Blut der Sidhe Crain und durch die Umstände ihrer Zwillingsgeburt hervorgehoben waren – sie hatten weder die notwendige Erfahrung noch genug Macht, um etwas gegen eine Kraft ausrichten zu können, welche die Tore zwischen den Elfenländern verschloss und zugleich die Bewohner Crains und vielleicht auch der anderen Reiche der Zeit überantwortete. Dem endgültigen Tod.

Nein, die für einen solchen Kampf notwendige Macht musste woanders gesucht werden. Dort, wohin Fanmór sie verbannt hatte, damit sie ihm nicht mehr gefährlich werden konnte. Alebin würde dem Herrscher eine letzte Gelegenheit geben, dies einzusehen und das Richtige zu tun.

Sollte Fanmór das nicht erkennen, würde Alebin andere Wege gehen und dafür sorgen, dass sich die Dinge entsprechend entwickelten.

2 Im Reich der Nibelungen

Hart klang das Klappern von Pferdehufen auf Asphalt von den Wänden der Häuser wider und erzeugte Wellen in den Pfützen am Straßenrand, die das mattweiße Licht der Straßenlaternen zurückwarfen. Hier und da wurde ein Vorhang zurückgezogen, und Kinder in Schlafanzügen drückten ihre neugierigen Gesichter an den Fensterscheiben platt.

Sonst zeigte niemand Interesse für das seltsame Reiterpaar, das Einzug in der Stadt der Nibelungen hielt. Die geplagten Hundebesitzer, die trotz der späten Stunde und der nassen Wege ihre Tiere ausführen mussten, hoben kaum den Kopf, und die wenigen Autos, die noch unterwegs waren, fuhren zügig an ihnen vorbei, um so schnell wie möglich in die trockenen Garagen zu gelangen.

Rian sah sich aufmerksam um, musterte die Sandsteinfassaden und Fachwerkhäuser und zog unwillkürlich Vergleiche zu der einzigen Menschenstadt, die sie bisher kennengelernt hatte.

»Das hier ist so … so völlig anders als Paris«, sagte sie über das Hufklappern hinweg zu David. »So ruhig, verschlafen, keine hohen Gebäude, kaum Beton und Stahl. Und fast überall sind hübsche Gärten vor den Häusern.«

David zuckte die Achseln. »Wir sind gerade mal am Stadtrand angekommen. In den Außenbezirken von Paris gibt es bestimmt auch ein paar Orte wie diesen.« Er machte eine ausholende Bewegung, die den hinter ihm sitzenden Grog beinahe aus dem Gleichgewicht brachte. Der Grogoch wedelte leicht mit den Armen und krallte sich mit einem Protestknurren am Gürtel des Elfen fest.

Rian rümpfte die Nase. »Die meisten Außenbezirke, die ich dort gesehen habe, waren nicht gerade einladend. Kein Vergleich zu hier.«

Grog brummte: »Ich kenne derartige Siedlungen gut. So war es schon damals, als ich die Menschen besuchte und sie noch mit Holz und Stein bauten anstatt mit Metall und Beton. Nur die stinkenden Vehikel sind neu.«

»Mhm«, sagte Rian, ohne den Blick von einem etwas zurückliegenden Fachwerkhaus mit Türmchen zu nehmen, an dessen Wänden dunkler Efeu emporrankte.

David beeindruckte die Umgebung kaum. Statt der Häuser und Gärten musterte er die Schilder und Wegweiser, während die Pferde weiter in gemächlichem Schritt der Straße folgten.

»Da steht nirgends etwas von einem Brunnen«, stellte er fest. Dann deutete er auf ein braunes Schild, das in eine Querstraße wies. »Hotel Siegfriedsruh. Siegfried hätten wir zumindest mal gefunden.«

Rian hob die Augenbrauen. Dies war der erste Beweis, dass David doch das Lesen erlernt hatte und mitnichten nur die Bilder anschaute. Aber sie zog es vor, nicht weiter darauf einzugehen.

»Hotel klingt nicht schlecht«, sagte sie stattdessen. »Wir sollten die Pferde ohnehin langsam ausruhen lassen. Wir können uns genauso gut morgen frisch erholt auf die Suche machen.«

David nickte, und sie lenkten ihre Reittiere mit leichtem Schenkeldruck die Querstraße hinunter. Hier wurde die Bebauung dichter, das Fachwerk seltener. An einem modernen Haus mit einem verglasten Vorbau prangte ein Schild mit dem Bild eines blond gelockten Kriegers, der auf einem Hügel schlief. Darunter stand in geschwungenen Buchstaben »Zur Siegfriedsruh«. Rian zügelte ihr Pferd und legte den Kopf schräg, während sie das Schild betrachtete.

»Sieht dir ein wenig ähnlich, bis auf die Locken«, sagte sie. David warf ihr einen verächtlichen Blick zu und stieg ab. Er half Grog herunter und gab seinem Pferd einen leichten Klaps, der es davontraben ließ.

Rian glitt ebenfalls vom Rücken ihres Fuchses und ließ Pirx auf ihre Schulter klettern, ehe sie dem Pferd leicht auf den Rist klopfte. »Danke, meine Schöne«, flüsterte sie. »Und jetzt geh zurück.«

Die Fuchsstute schloss mit einem kurzen Galopp zu ihrer Gefährtin auf. Kurz darauf verschwanden beide Tiere trabend um eine Häuserecke.

»Ich hoffe, sie finden den Weg nach Hause«, sagte Rian.

»Eher als wir«, erwiderte David mit deutlich hörbarem Sarkasmus.

Rian warf ihm einen kurzen Blick zu, verzichtete jedoch auf eine Erwiderung und ging auf den Glasvorbau und die automatisch aufgleitende Schiebetür zu. Grog schloss eilig zu ihr auf, David machte das Schlusslicht, um die Tür nicht allzu lange offen stehen zu lassen.

Sie gingen an einigen Grünpflanzen und Rattanmöbeln vorbei durch einen weiteren Durchgang, der sie in einen marmorgefliesten Eingangsraum mit holzgetäfelten Wänden führte. Zur Rechten beherrschte ein langer und hoher Empfangstisch aus dunklem Holz den Raum, während hinten eine rustikale Treppe und ein Aufzug zu sehen waren. Links gab eine ebenfalls rustikal gearbeitete, geöffnete Tür den Blick auf ein Restaurant mit Bar frei. Der Bereich mit den Tischen war bereits abgedunkelt, anscheinend wurden keine Essensgäste mehr erwartet. An der Bar saß jedoch noch ein turtelndes junges Pärchen mit einer Flasche Mezcal vor sich.

Rian ging zielstrebig zur Rezeption und läutete die Glocke, während David unschlüssig im Raum stehen blieb, den Blick auf die Bar gerichtet. Grog schlenderte weiter zum Aufzug und setzte sich auf einen dort bereitstehenden Gepäckwagen.

Durch eine Tür hinter dem Empfangstisch kam ein bebrillter Mann in mittlerem Alter mit offensichtlich gefärbtem dunklem Haar. Er trug einen dunkelgrünen Anzug, dessen aufgestickte Aufschrift »Siegfriedsruh« eine Hoteluniform vermuten ließ. Das goldene Schildchen an seinem Revers verriet, dass sein Name Harald Gottmann war.

»Guten Abend, die Herrschaften«, begrüßte er sie in geschäftsmäßig freundlichem Tonfall. »Was kann ich für Sie tun?«

»Haben Sie noch zwei Doppelzimmer frei?«

Der Rezeptionist musterte Rian kurz, und man konnte förmlich sehen, wie hinter seiner Stirn die Gleichung Kleidung = Geld ablief. Schließlich sah er auf einen Bildschirm, der unter der hohen Theke des Tisches verborgen stand, tippte ein wenig auf einer Tastatur herum und lächelte dann.

»Ja, wir hätten da noch etwas. Mit Blick auf den Dom sogar, wenn Sie möchten.«

»Möchten wir.« Rian zog aus ihrer Umhängetasche den Geldbeutel, den sie sich besorgt hatte, nachdem Nadja die Zwillinge dazu überredet hatte, zumindest gelegentlich mit echtem Geld zu bezahlen. Sie öffnete das Fach für die Scheine und fragte: »Wie viel für eine Nacht?«

Die Augen des Mannes wurden weit, als er Farbe und Menge der Scheine sah.

»Ah … ich könnte Ihnen auch unsere Suite anbieten, die ist ganz ruhig im obersten Stockwerk gelegen …«

»Hat sie zwei breite Betten?«

»Zwei getrennte Schlafzimmer mit Doppelbetten, jedes mit separatem Bad, sowie einen geräumigen Wohnbereich. Es gibt außerdem einen großen Fernseher, Video- und DVD-Spieler, eine Minibar und eine kleine Kochzeile.«

»Gut, dann nehmen wir die. Wie viel?«

Der Mann nannte einen Preis, doch als Rian begann, die Scheine auf den Tisch zu zählen, hob er abwehrend die Hände.

»Meine Dame, normalerweise wird hier erst bei der Abreise bezahlt. Wer weiß, vielleicht verführt Sie unsere schöne Stadt ja doch zu einem längeren Aufenthalt …« Er lächelte ein Werbelächeln, wie man es sonst nur von Plakaten kannte.

Rian hob die Augenbrauen und steckte die Scheine wieder ein. »Schön ist die Stadt wohl, soweit ich das bisher sehen konnte. Aber wir hoffen, dass wir schnell finden, was wir suchen. Uns rufen andere Pflichten.«

»Was suchen Sie denn, wenn ich fragen darf?«

Die Elfe lächelte den Mann an. »Wir suchen den Siegfriedsbrunnen. Können Sie uns vielleicht sagen, wo er steht?«

»Siegfriedsbrunnen? Sie meinen den beim Dom?«

Rian wandte den Kopf und wechselte einen schnellen Blick mit ihrem Bruder, doch dieser hob nur die Schultern. Die Elfe sah erneut den Rezeptionisten an. »Ja, das wäre möglich«, antwortete sie vorsichtig. »Warum fragen Sie?«

»Na ja, es gibt in dieser Gegend Siegfriedsbrunnen wie Sand am Meer. Jedes dritte Dorf hat so einen.«

Rian atmete einmal tief durch. Das eben Gehörte war für sie nicht leicht zu verdauen. »Jedes dritte Dorf? Wirklich? Und welcher davon ist der echte?« Ihre Stimme verriet wohl etwas von ihrer inneren Unruhe, denn der Mann sah sie fragend und etwas mitleidig an.

»Der echte? Was meinen Sie damit? Der, an dem Siegfried angeblich getötet wurde?«

Rian nickte nur stumm.

»Ach so. Na, davon gibt es nur, na, so fünf bis zehn. Überall im Odenwald und sogar bis hinunter in den Kraichgau, glaube ich. Aber nageln Sie mich nicht fest, ich kenne nur den hiesigen Brunnen, und der ist jedenfalls nicht echt. Er ist nicht mal hundert Jahre alt.«

Rian seufzte. »Und wo können wir mehr darüber erfahren, wo der echte sein könnte?«

»Am ehesten in der Touristeninformation am Markt, würde ich sagen. Da können Sie auch gleich unseren Wormser Siegfriedsbrunnen bewundern, der steht nämlich dort. Und sie sollten unbedingt den Dom anschauen, das Schmuckstück unserer Stadt.«

Gottmann nahm etwas aus einem Fach und legte es auf den Tresen. »Hier ist ein Stadtplan. Dort finden Sie die Touristeninformation eingetragen, ebenso die wichtigsten Sehenswürdigkeiten unseres schönen Worms. Legen Sie sich nicht zu sehr auf diesen Brunnen fest – wir haben viel mehr zu bieten. Sie befinden sich in einer der ältesten Städte Deutschlands. Eine Menge historisch bedeutender Ereignisse fanden in ihr statt, von den sagenhaften mal ganz abgesehen. Und nicht umsonst wird es als eines der romantischsten Städtchen Deutschlands bezeichnet. Bei uns lebt die Geschichte eben noch.«

»Romantisch?« Rian lächelte wieder, und der Mann erwiderte das Lächeln unwillkürlich. »Ja, vielleicht sehe ich mich wirklich noch etwas mehr um. Also sagen wir einmal, zwei Nächte. Oder …« Erneut streifte ihr Blick ihren Bruder, doch dieser studierte offensichtlich die Flaschenreihen im Regal der Bar, und Rian wandte sich wieder dem Rezeptionisten zu. »Sagen wir, drei.«

»Gut. Wenn Sie mir Ihren Ausweis überlassen, fülle ich den Meldeschein für Sie aus. Es sind nur Sie und …« Sein Blick wanderte zu David.

»Mein Bruder David, nur wir beide.« Rian zupfte ein Blatt von einer Pflanze neben dem Empfangstresen, schüttelte es kurz und reichte es dann dem Mann. »Hier mein Ausweis.«

»Danke schön. Sie erhalten ihn morgen früh zurück.« Er legte das Blatt neben seine Tastatur, kam hinter dem Empfangstisch hervor.

»Kein Gepäck?« Er sah Rian fragend an.

Erst jetzt fiel der Elfe auf, dass sie die beiden in Paris gepackten Reisetaschen im Zug gelassen hatten. »Ähm … das Gepäck kommt nach. Hoffentlich.«

»Ah. Auf dem Flug verloren gegangen?«

»Ja. Genau so ist es.«

»So etwas kommt leider viel zu häufig vor. Sollten Sie etwas benötigen – vielleicht Kosmetikartikel oder Ähnliches –, sagen Sie mir Bescheid, ich kümmere mich darum.«

»Nein danke, was wir heute Abend brauchen, haben wir. Und morgen kaufen wir uns einfach neue Sachen, falls das Gepäck nicht rechtzeitig ankommt.«

»Gut.« Der Mann nickte und reichte Rian eine Schlüsselkarte. »Damit kommen Sie in die Suite. Sie ist im obersten Stockwerk, der Eingang liegt gleich gegenüber dem Aufzug. Wenn Sie drin sind, stecken Sie die Karte in das kleine Kästchen neben dem Eingang. So wird der Strom freigeschaltet und die Minibar entriegelt, dann können Sie alle Annehmlichkeiten der Suite genießen.« Er deutete eine Verbeugung an, die in Rian Erinnerungen an den heimischen Hof weckte. »Ich wünsche eine gute Nacht.«

»Danke. Ich glaube, die werden wir haben.«

Rian ließ den Stadtplan und die Schlüsselkarte in ihre Umhängetasche fallen und drehte sich zu David um. In diesem Moment schrie eine junge Frau an der Bar auf und ließ ihr Glas fallen. Blass deutete sie auf die Flasche auf der Theke.

»Der … der Wurm … er hat sich bewegt! Er ist herumgeschwommen! Da, schau!«

»Aber Mausi. Das kann doch nicht sein, der ist mausetot!« Der junge Mann neben ihr lachte auf.

Gottmann murmelte eine Entschuldigung und hastete zur Bar, um die Scherben aufzusammeln.

»Pirx, lass das!«, zischte Rian dem noch immer auf ihrer Schulter sitzenden Pixie zu.

Pirx rollte sich ein wenig zusammen, und seine Stacheln streiften Rians Wange, was sie dazu veranlasste, ihn mit einer raschen Schulterbewegung unzeremoniell fallen zu lassen. Er kugelte ein Stück weit über den Boden in Richtung Aufzug und entrollte sich dann wieder, den Blick beschämt zu Boden gerichtet.

»Tut mir leid«, piepste er. »Manchmal geht es einfach mit mir durch …«

»Tunichtgut«, brummte Grog leise und packte von seinem Sitz aus den Pixie mit geübtem Griff durch die Mütze hindurch an den Kopfstacheln, um ihn hinter David und Rian zum Aufzug zu ziehen. »Man weiß wirklich manchmal nicht, was man mit dir anfangen soll.«

Am nächsten Morgen standen die Elfen bei Sonnenaufgang auf und bedienten sich am Frühstücksbuffet an Früchtesalat und süßen Brotaufstrichen. Grog und Pirx bekamen ebenfalls unauffällig ein paar Früchte zugesteckt – mit der geflüsterten Anweisung, sich aufs Zimmer zurückzuziehen. Durch die Fenster des Frühstücksraumes konnte man sehen, dass die Regenwolken des Vortages zum Großteil vom Wind davongetrieben worden waren, und als die Elfen schließlich auf die Straße traten, spiegelten sich die Strahlen der Morgensonne in den letzten Pfützen und tauchten das Städtchen in ein angenehmes goldgelbes Licht.

»Es ist wirklich schön hier, wenn es nicht gerade regnet«, sagte Rian, während ihr Blick an einer stuckverzierten Hausfront ein Stück weit die Straße hinunter hängen blieb. Die Verzierungen zeigten ineinander verschlungene Blumenranken und Blüten, die in Rian erneut die Erinnerung an ihr Heimweh vom Vortag weckten.

»Wie du meinst«, sagte David. »Aber das hilft uns nicht weiter. Wo ist dieser Stadtplan?«

Rian zog den Plan aus ihrer Tasche und entfaltete ihn. Gemeinsam mit ihrem Bruder enträtselte sie die Einträge darauf, bis sie sich schließlich einigermaßen einig waren, welchen Weg sie wählen mussten. Rian steckte den Plan wieder weg, und eine zweistündige Odyssee durch die Straßen von Worms begann.

Als sie zum fünften Mal auf den alles überragenden romanischen Dom zuhielten, um sich von dort aus neu zu orientieren, fanden sie sich unvermittelt an einer Kreuzung wieder. Auf der anderen Straßenseite, neben einer wegen der Jahreszeit geschlossenen Eisdiele, waren einige Marktstände und -wagen aufgebaut. Erfreut stopfte sich Rian eine weitere der Nougattrüffeln in den Mund, die sie unterwegs erworben hatte, und zeigte auf die Kirche, die sich über ihnen erhob.

»Das muss diese Heilig-Geist-Kirche sein«, rief sie. »Dahinter ist es!«

»Hättest du nicht an jedem Laden mit Süßigkeiten oder Glitzerzeug angehalten, wären wir schon längst am Ziel«, bemerkte David lakonisch. »Also gehen wir.«

Sie warteten nicht bis zur nächsten Grünphase, sondern eilten schnell über die ohnehin leere Straße. Die Aufregung ließ Rian wie ein junges Reh weiterrennen, zwischen den wenigen Marktbesuchern hindurch und zur Ecke der Kirche. Neben ihr ragte ein zweistöckiger Brunnen empor, auf dessen Spitze ein steinerner Krieger sein Schwert in einen schlangenartigen Drachen trieb. Erstaunt blieb sie stehen und starrte hinauf, bis sie Davids Schritte neben sich hörte.

»Schau mal!«, rief sie aus und wandte ihm ihr Gesicht zu. »Glaubst du wirklich, dieser Siegfried hat einen der Drachen getötet?«

»Ist mir einerlei«, antwortete David gereizt. »Aber dort drüben ist das große I für Information, und da gehe ich jetzt hin!«

»Oh!« Rian warf einen letzten Blick auf die Statue, ehe sie sich ebenfalls wieder abwandte und David folgte. Als Grog keuchend zu ihr aufschloss, Pirx im Schlepptau hinter sich herziehend, sah sie zu ihm hinunter und lächelte. »Sag mal, Grog, hast du welche von den alten Drachen gekannt?«

»Uff«, antwortete der Kobold und versuchte, wieder zu Atem zu kommen, während er neben ihr in einen gleichmäßigen Trott fiel, um ihren langen Schritten zu folgen. »Schon. Ich habe den einen oder anderen von ihnen gesehen. Ist aber schon eine ganze Weile her. Ich schätze, die sind noch seltener geworden als die Riesen.« Grog blinzelte leicht, und Rian musste schlucken, als sie an ihren Vater dachte.

In diesem Moment erklang vor ihr die leise Glocke der Eingangstür zur Touristeninformation, und Rian beeilte sich, die Tür für Grog und Pirx aufzuhalten, ehe sie selbst eintrat. Eine Viertelstunde später kamen sie wieder heraus, um einige Karten und Broschüren zu Worms, dem Nibelungenlied und der Siegfriedstraße reicher.

Rian seufzte. »Das war zwar alles sehr nett, und sie waren ja auch hilfsbereit, aber zu den Siegfriedsbrunnen wissen wir jetzt nicht viel mehr als vorher.«

»Scheint kein so beliebtes Touristenthema zu sein – was für uns nur gut sein kann«, sagte David. »Sie sagten etwas von einem Nibelungenmuseum. Lass uns einmal auf deiner Karte schauen, wo das ist. Vielleicht weiß man dort mehr.«

Rian nickte, schob mit bedauerndem Blick die letzte ihrer Schokotrüffeln in den Mund und warf die Schachtel in den Abfalleimer neben sich. Sie kramte in ihrer Tasche zwischen den Tütchen mit Modeschmuck und Süßigkeiten, die sich unterwegs darin angesammelt hatten, bis sie den Plan gefunden hatte. David war inzwischen bereits ein Stück weiter zu einer großen Tafel gegangen und winkte sie zu sich. Es handelte sich um eine Karte von Worms. Seufzend ließ Rian ihren Stadtplan wieder in der Tasche verschwinden.

Gründlich studierten sie gemeinsam die Tafel.

»Sieht doch ganz einfach aus«, meinte Rian. »Einfach hier die Straße runter, dann links und gleich wieder rechts. Also … da lang.« Sie zeigte in Richtung der Fußgängerzone, aus der sie zuvor gekommen waren.

»Da lang«, brummte Grog und zeigte die Straße hinunter, an der sie standen.

David kniff die Augen zusammen, musterte ein nahes Straßenschild, schaute hinauf zum Dom, dessen massige Türme auch von diesem Platz aus sichtbar waren, sah wieder auf die Karte und zuckte die Achseln. »Grog hat recht«, stellte er fest. Er machte kehrt, um der Straße in der vom Dom wegführenden Richtung zu folgen.

»Hab ich doch gesagt«, brummte der Grogoch, und Pirx balancierte gewagt auf dem Kantstein entlang. Rian warf noch einen kurzen sehnsüchtigen Blick in Richtung der Fußgängerzone mit all den netten Läden, ehe sie sich ebenfalls der Gruppe anschloss.