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Verena Themsen

Wächter

des Weltenbaumes

Roman

Wächter
des Weltenbaumes

1 Im kalten Strom

Das Licht der Frühlingssonne durchdrang in schimmernden Bahnen den Morgennebel über dem Fluss, ließ das helle Weiß der Birkenstämme am Ufer aufleuchten und brach sich an den kleinen Wellen, die eine sanfte Brise an der Wasseroberfläche erzeugte. Die Luft trug noch immer den Geruch des Schnees in sich, der Schweden noch lange nicht aus seinem Griff entlassen hatte, obwohl die Tage bereits seit fast einem Monat länger waren als die Nächte. Raureif umhüllte die Blätter des frischen Grases, das am Ufer aus dem Boden drängte, und dämpfte das Grün. Lediglich ein rotes Bootshäuschen, in der typisch skandinavischen Holzklinkerbauweise errichtet, brachte einen Farbtupfer in die von Nebel und Eiskristallen gedämpfte Szenerie.

David zog leicht an der Pinne ihres Segelbootes, um gegen die Strömung eines einmündenden Baches anzuhalten. Die silbrig glitzernden Schoten, von ihm und seiner Schwester schon zu Beginn der Fahrt mit Elfenzaubern belegt, bewegten sich und passten die Stellungen von Fock und Großsegel so an, dass der von achterlich wehende Wind sie wieder bauchig füllte. Rian, die vor dem Mast an der Backbord-Reling saß und mit über dem Wasser ausgestreckter Hand nach vorne in den Nebel spähte, ließ sich davon nicht stören. Sie schien ganz auf ihre Aufgabe konzentriert, den nächsten Übergang zu einer der kalten Strömungen der Anderswelt auszumachen.

David strich eine seiner schulterlangen blonden Strähnen hinter das Ohr und beobachtete, wie seine Schwester mit kleinen Bewegungen immer wieder an der unsichtbaren Linie entlangtastete, die ihr sagte, wo das nächste Tor zu finden sein würde. Sie tat es häufiger als notwendig, als hätte sie Angst, sie könnten den Weg verlieren, oder als seien ihre Gedanken anderswo. Doch dann drehte sie den Kopf zu David, und der Blick ihrer violetten Augen begegnete dem seinen.

Sie hatten beide die kleinen Zauber ausklingen lassen, die sonst ihr Aussehen an das der Sterblichen anglichen, da hier auf dem Fluss keine Begegnungen zu erwarten waren. Daher sahen David die gewohnten vollständig gefärbten Augäpfel entgegen und nicht lediglich violette Kreise auf einem weißen Hintergrund. Auf eine Weise, die er nicht erklären konnte, gab das dem Prinzen ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe. Er lächelte seine Schwester an, und sie erwiderte sein Lächeln.

So viele Dinge änderten sich, seit die Zeit Einzug ins Reich der Elfen gehalten hatte. Selbst das Haar ihres Herrschers und Vaters, des Riesen Fanmór, wies bereits erste graue Strähnen auf, und sein Gesicht zierten Falten, die nicht nur von den ins Unermessliche gewachsenen Sorgen herrührten. Da hatte es etwas Tröstliches, dass zumindest Rian noch immer genauso war wie vor dem langen Schlaf, aus dem sie in jenen Herbst hinein aufgewacht waren, der den Einzug der Zeit sichtbar gemacht hatte. Selbst die Erfahrungen des Todes im Reich des Grauen Herrn Samhain hatten ihr nicht nachhaltig etwas anhaben können, auch wenn sie für eine Weile vielleicht etwas vorsichtiger und ruhiger geworden war.

David hingegen hatte die Zeit in der Welt der Sterblichen für immer verändert.

Unwillkürlich griff er sich an die Brust, wo er glaubte, das sachte Glühen von etwas zu spüren, von dem er noch nicht sicher war, ob er es wirklich wollte. Eine Seele. Nur ein Funke bisher, kaum geboren, und noch konnte er entscheiden, ob er sie wachsen lassen wollte oder nicht. Doch sie war da, und egal was weiter geschah, nichts würde für ihn jemals wieder so sein wie zuvor.

Er seufzte.

»Wie lange werden wir brauchen, bis wir den Weltenbaum erreichen?«, fragte er, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Niemand hatte ihnen diesbezüglich etwas sagen können.

Rian fuhr mit schlanken Fingern durch das kurze blonde Haar. »Nicht mehr allzu lange, hoffe ich. Grog hat uns allerdings gewarnt, dass einige der Völker des Nordens viel Freude daran haben, einem die Durchreise so schwer wie möglich zu gestalten. Immerhin haben wir schon was zum Tauschen.« Sie machte eine Handbewegung zu den Taschen, die direkt vor dem Niedergang zur kleinen Kajüte in der Mitte des Cockpits standen. Modeschmuck, Stoffbänder, Porzellanfiguren, Naschwerk aller Art und andere Dinge waren darin gesammelt; Rian hatte alles bei ihrem Halt in Kopenhagen gekauft. Einige der Gegenstände würden ihnen Türen und Tore in der Anderswelt öffnen, doch manche hatte Rian auch für sich selbst reserviert. Wie zum Beispiel die Nougattrüffeln, die neben ihr lagen und nach denen sie in diesem Augenblick griff.

»Wir durchqueren Gebiete, die nahe den Grenzen von Earrach liegen«, fuhr sie fort. »Selbst zu guten Zeiten hat dort Fanmórs Wort nie so viel gegolten wie in Crain oder den anderen Kernländern. Jetzt, da die Tore versperrt sind, wird das mit Sicherheit nicht besser sein.«

David nickte. Der Zusammenhalt der Teile des Reiches Earrach war als eher lose zu bezeichnen, sofern nicht Fanmór persönlich mit seiner unmittelbaren Macht eingriff. Mit Sicherheit gab es sogar Gegenden, in denen sie ihre Herkunft als Kinder Fanmórs besser verschwiegen; sei es, weil man dort während des Krieges im Stillen Bandorchu unterstützt hatte, weil man sich gerne noch unabhängiger gesehen hätte oder nach mehr Einfluss auf das ganze Reich verlangte. Die Erinnerungen an Alberich, der die Suche der Geschwister nach dem Quell der Unsterblichkeit hatte nutzen wollen, um sowohl sie aus dem Weg zu schaffen als auch sein eigenes Aufsteigen zur Macht sicherzustellen, waren noch frisch.

»Hoffentlich ist Nidhögg auch da«, bemerkte er. »Über die Nordgötter wissen wir so gut wie nichts. Schon lange haben sie sich nicht mehr gezeigt. Wer weiß, ob sie überhaupt noch in ihren Hallen sitzen.«

»Und auf Ragnarök warten«, setzte Rian hinzu. »Kannst du dich noch an Grogs Erzählungen über die Asen erinnern? Ist doch abartig, oder? Götter warten auf den Untergang der Welt.«

David blinzelte sich Nebelwasser von den Wimpern. »Deswegen war Grog sicher, dass Nidhögg immer noch da sein wird ... weil er danach aufräumen muss, für den Neubeginn. Die Asen gehen wohl davon aus, dass nichts endgültig verschwinden kann.«

»So wie ich.« Sie lächelte schief.

Vor Davids innerem Auge blitzte das Bild von Rians totem Körper auf, gestorben an der klaffenden Wunde in ihrer Brust, die Alebins Dolch gerissen hatte. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Das war etwas, worüber er nicht reden, woran er nicht einmal mehr denken wollte.

»Aber die Frage ist: Weiß Nidhögg wirklich etwas über den Lebensquell?«, fragte er stattdessen.

»Wir müssen uns an jeden rettenden Halm klammern«, antwortete Rian. »Zumindest wissen wir dann mehr.«

David verzog das Gesicht. »Ein zerstörerischer Sammler und Fresser von Leichen ...«

»Er steht auch für den Neubeginn, weil er Ordnung bringt«, erwiderte Rian. »Der Beiname ›Neumond‹ deutet darauf hin – der Neumond ist das erste Leben, die erste schwache Sichel nach dem ›Tod‹ des Mondes. Er steht ebenso für die Wiedergeburt wie für den Tod davor. Vielleicht ist Nidhögg selbst der Lebensquell für die folgende Welt, und er braucht die Toten, um diese Quelle zu öffnen.«

»Hoffen wir es. Und hoffen wir, dass sich Nadjas Befürchtung nicht bestätigt und bei ihm die Quelle aller Probleme liegt. Andererseits könnte das auch die Lösung bedeuten.« David drückte die Pinne etwas beiseite, um einem im Fluss treibenden Ast auszuweichen. »Auf wen ist der Drache eigentlich neidisch?«

Rian zuckte die Achseln und griff nach einer Nougatpraline. »Vermutlich auf alle, die im Freien leben. Insbesondere aber auf den Adler im Wipfel von Yggdrasil. Der ist wohl auch einer von denen, die auf Ragnarök warten, und wird sich genauso wie Nidhögg um die Toten kümmern, wenn es so weit ist. Aber der Adler hat da oben im Wipfel einen Logenplatz, von dem aus er alles sieht, was in den Welten passiert, während Nidhögg nur auf Wurzeln schaut und in seiner Höhle noch nicht mal seine Flügel strecken kann, geschweige denn fliegen. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen so einiges an einem nagt und man auch selbst das Nagen anfängt.« Genüsslich an der Praline lutschend, streckte sie die Hand wieder nach der Linie aus. Ihr Blick versank in dem sich langsam lichtenden Nebel, und David spürte, wie die Gedanken seiner Schwester zu wandern begannen.

Eine Weile glitten sie schweigend den Fluss hinauf, wie seit vielen Tagen schon der Strömung entgegen, die sie an den Ursprung aller Kalten Flüsse führen sollte. Der Wind, der sie vorantrieb, war stetig, halb aus dieser Welt und halb aus einer anderen geboren. Sie folgten auf verschlungenen, immer nach Norden führenden Wegen – ein Netz aus Flüssen verschiedener Welten, dem zu folgen nur den Elfen möglich war.

Sie hatten Stromschnellen durchschnitten und Flussdeltas durchsegelt, in denen man kaum mehr die Ufer hatte sehen können, waren vorbei an Inseln aus Sand und Fels, an Wäldern, Feldern, Häuserfronten und Fabriken gezogen. Die Natur des Landes hatte sich verändert, je kälter es geworden war. Buchen waren Birken gewichen, die Nadelbäume häufiger und niedriger geworden, und der Fels, der aus dem Boden brach, war rund geschliffen von Wind, Eis und Wasser.

David ließ seinen Blick auf den Bäumen ruhen, die noch immer in lockerer Reihe die Uferböschung säumten. Die Sonne hatte inzwischen auch die letzten Nebelstreifen vertrieben und trocknete den Tau von den Blättern, der unter der Wärme aus dem Reif entstanden war.

»David?«

Der Prinz drehte den Kopf und begegnete Rians nachdenklichem Blick.

»Was ist? Sind wir nah dran?«

Seine Schwester schüttelte den Kopf. »Nein. Oder ja, aber das war es nicht, was ich sagen wollte.«

»Sondern?« Er hob die Augenbrauen. Es war selten, dass Rian die Dinge nicht direkt benannte. Eigentlich nahm sie kein Blatt vor den Mund, wie es die Menschen so schön ausdrückten.

Dieses Mal schien sie sich jedoch zum Sprechen durchringen zu müssen.

»Ich fand es sehr mutig, dass du Fanmór gefragt hast, ob er wirklich unser Vater ist«, sagte sie schließlich. »Und ... und dass du von unserer Mutter gesprochen hast. Mutiger als alles andere, was ich je von dir gesehen habe. Ich war seither noch nicht dazu gekommen, dir das zu sagen.«

Davids Gedanken wanderten zu diesem Moment im Thronsaal zurück, an dem er so offen gegen den Herrscher der Crain angetreten war. Die kaum gebremste Wut des Riesen hatte ihm Angst gemacht, doch er hatte auch die darunter liegende tiefe Sorge gespürt.

»Es war nicht mutig, es war nur ... notwendig.« Er zögerte kurz. »Mutig war Nadja, als sie dich aus Samhains Reich holte. Sie konnte am wenigsten dafür, dass du dort warst, und hatte die geringste Verpflichtung, aber sie bestand darauf, es zu tun.«

»Was wieder einmal zeigt, wie ähnlich ihr zwei Dickköpfe euch seid«, sagte Rian mit einem Schmunzeln. »Beide habt ihr Fanmór die Stirn geboten. Und du hast es sogar zum Teil aus ... aus Liebe zu ihr getan, oder? Irgendwie erinnert ihr mich manchmal an die Leute in meinen Lieblingsserien ...« Das Lächeln flog von ihren Zügen. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah wieder auf den Fluss hinaus.

Über das unsichtbare Band, das die Zwillinge seit ihrer Geburt zusammenhielt, spürte David ihren inneren Zwiespalt. Liebesgeschichten fand Rian faszinierend, weil Elfen normalerweise keine Liebe kannten. Doch für ihn war die Liebe Realität geworden. Etwas war geschehen, damals im Kerker des Goldmachers in Venedig, aus dem Nadja ihn befreit hatte. Das Tor zu Samhains Reich hatte bereits für ihn offen gestanden, sein Schatten den Weg dorthin angetreten, doch diese Sterbliche hatte ihn zurückgeholt. Und dabei hatte sie ihm etwas geschenkt, was er nie hatte haben wollen und von dem er noch jetzt nicht sicher war, ob er es wachsen lassen würde oder nicht. Nadja hatte ihm die Seele geschenkt, die in ihm wuchs. Rian befürchtete, dass diese Seele über kurz oder lang ihrer beider Band ersetzen und ihn von ihr trennen würde.

Das war etwas, wovor sich auch David fürchtete. Er wollte Rian nicht verlieren. Nie wieder. Ihr vorübergehender Tod saß ihm noch immer tief in den Knochen. Obwohl es seine Seele gewesen war, die ihm in diesem Moment das Leben bewahrt hatte, war die Angst vor der Trennung von Rian auch einer der Gründe, aus denen er deren Wachstum nicht mehr zuließ. Das und dass er sich betrogen fühlte. Weil Nadja vielleicht das Kind eines anderen trug, das Kind des Mörders und Verräters Alebin.

Er wusste, dass er ungerecht war, wusste, dass es geschehen war, bevor ihre Liebe begonnen hatte. Auch sein eigenes Bett war zu dieser Zeit fast keine Nacht leer gewesen, wie also konnte er auf Nadja wütend sein? Zudem hatte Alebin die Journalistin getäuscht und beeinflusst. Aber das Gefühl ließ sich nicht beiseiteschieben – das Gefühl, dass sie nie allein zu David gehören würde, dass womöglich immer etwas da sein würde, was sie mit einem anderen verband. Und das war ihm unerträglich.

Rians Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Das Tor ist nah«, sagte sie und streckte ihre Hände über das Wasser aus, um erneut die Linie zu erspüren, der sie folgten. Sie schob sich dichter an die Reling und beugte sich vor, führte die Fingerspitzen über das Wasser. »Es könnte sein, dass es unter Wasser liegt. Die Linie senkt sich ab.«

»Dann sollten wir einen Zauber weben, der uns erl...«

Ehe David seinen Satz zu Ende sprechen konnte, durchbrach etwas an der Seite des Bootes die glatte Wasseroberfläche. Eine grau schimmernde Gestalt sprang hoch, beschuppte Arme schlossen sich um Rians Körper, und noch ehe die Elfenprinzessin auch nur Zeit für einen Ausruf hatte, zog das Wesen sie hinab in die Tiefe des Flusses.

Im ersten Moment saß David wie erstarrt da. Dann stieß er einen Schrei voller Wut und Angst aus, der alles andere verstummen ließ, sprang auf und hechtete über die Reling ins eiskalte Wasser.

David brauchte einen Moment, bis er sich im Dämmerlicht orientieren konnte. Sein Sprung war ungezielt gewesen, denn nichts hatte darauf hingewiesen, in welche Richtung das Wesen Rian fortgezogen hatte. Ungebeten tauchten die Bilder des Kelpie wieder auf, der versucht hatte, Rian in den Aureolschleiern zu fangen. Sie war völlig wehrlos gewesen, da ihr Geist sich mit den Schleiern vereinigt hatte, um den Weg zu suchen. Jetzt aber war sie es nicht. Ein schwacher Hoffnungsschimmer, aber wenigstens war es einer.

Rian, ich komme ... halte durch, bis ich dich gefunden habe!

Der Elfenprinz drehte sich unter Wasser und versuchte, etwas zu erkennen oder in der eiskalten Strömung Wirbel zu spüren. Das Wasser war recht klar und der Fluss nicht so tief, dass der Grund dunkel gewesen wäre. Tatsächlich sah er eine Bewegung weiter flussaufwärts, einen aufgescheuchten Fischschwarm und ein Glitzern wie von einer Glasperlenschnur.

Luftblasen!

David hielt mit kräftigen Stößen darauf zu. Weit vorne schälten sich mehrere schemenhafte Gestalten aus dem Halbdunkel. Fünf Wesen, die nur als dunkle Schatten zu erkennen waren, scharten sich am Flussgrund um ein kleineres, helles, das sich heftig bewegte.

Rian!

In dem Moment, in dem er ihren Namen dachte, stießen die Gestalten sich ab und zogen die Elfe mit sich. Noch immer wand sie sich erfolglos in den Griffen ihrer Entführer. Die Wesen hatten etwas über sie gestülpt, was ihre Gestalt unscharf wirken ließ und sie zugleich in der Bewegung hemmte.

Die Angst um Rian ließ David noch mehr Kraft in seine Schwimmstöße legen, obwohl die Eiseskälte ihm bis auf die Knochen ging. Das Wasser war kälter, als es das Rheinwasser gewesen war, und schon damals war er für die Neoprenanzüge dankbar gewesen, die Alberich ihnen besorgt hatte. Zudem spürte er, wie ihn die vollgesogene Kleidung immer mehr behinderte. Er hielt für einen Moment inne, um sich aus dem schweren Mantel zu befreien und die Schuhe abzustreifen. Beides sank unwiederbringlich in den dunklen Schlamm des Flussgrundes hinunter.

Sofort nahm David die Verfolgung wieder auf, doch durch die Verzögerung hatte er Rian und ihre Entführer aus den Augen verloren. Er behielt die Richtung bei, die sie zuvor eingehalten hatten, und kümmerte sich nicht um die Taubheit auf seiner Haut und das zunehmende Stechen in seiner Lunge.

Wenn ich jetzt auftauche, verliere ich sie. Das darf ich nicht riskieren!

Aus dem Augenwinkel registrierte er eine Bewegung. Ein weiterer Fischschwarm stob aufgeregt davon, als hätte ein Raubtier ihn aufgescheucht. Und erneut eine kleine Kette von Luftblasen. Ohne zu zögern, wechselte David die Richtung und folgte der neuen Spur. Da, erneut eine Bewegung. Ein dunkler Schatten, dazu ein hellerer ... Er hatte sie wieder.

Hoffnung flammte in ihm auf und trieb ihn voran durch das dunkle Wasser. Seine Glieder waren taub, dennoch gehorchten sie weiter den Befehlen seines Gehirns, teilten das Wasser für ihn, schoben ihn voran und ließen ihn dicht über dem Flussgrund dahingleiten. Sein Blick verschwamm, und in den Randbereichen seines Sehens setzte ein graues Rauschen ein. Plötzlich tauchte vor ihm ein dunkler Umriss auf, dem er beinahe nicht mehr ausweichen konnte. Ein Fels.

Das Wasser wurde trüber und erschwerte seine Sicht auf die dunklen Gestalten, die vor ihm durch das Wasser schossen. Trotz der zusätzlichen Last der Elfe entfernten sie sich immer weiter. Es schien, als habe Rian allen Widerstand aufgegeben.

Oder sie ist bewusstlos.

Erneut feuerte die Verzweiflung ihn an, obwohl das Stechen in seinen Lungen beinahe unerträglich wurde, und sein Blick verengte sich langsam zu einem schmalen Tunnel. Wieder tauchte ein Fels auf, und dieses Mal reagierte er zu spät und stieß dagegen. Für einen Moment trieb sein Körper unkontrolliert durch das Wasser, und die Kälte bekam etwas Tröstliches, denn sie betäubte den Schmerz. Ein Fischschwarm tauchte direkt vor ihm auf, silbrig schillernde Körper wimmelten um ihn herum und versperrten seine ohnehin schon eingeschränkte Sicht. Er wollte schreien, doch nur kaltes Wasser füllte seinen Mund und drohte in seine Lungen zu dringen.

Der Schwarm verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war, doch von Rian und ihren Entführern war nichts mehr zu sehen. David schloss die Augen, riss sie wieder auf und wollte mit purer Willenskraft den grauen Schleier vertreiben, der ihm die Sicht zu nehmen drohte. Einen Moment lang wurde die Umgebung wieder klar; er sah den unregelmäßigen schlammigen Grund, die Steine und rund gewaschenen Felsen, jeden einzelnen Wasserfarn und die Fische, die dazwischen nach Algen und Plankton jagten oder nach anderen Fischen. Doch nicht mehr. Keine Spur zeigte ihm, in welche Richtung er sich wenden musste. Erneut schloss er die Augen und ließ sich weitertreiben.

Auftauchen, dachte er. Luft ...

Doch er war seltsam unwillig. Die Taubheit seiner Haut hatte sich auf den ganzen Körper ausgebreitet und erstickte jede Bewegung, jeden Willen schon im Ansatz.

Noch ist sie nicht tot. Aber wenn ich sterbe, wird man sie umbringen ...

Mühsam zwang er die Augen auf und versuchte, sich zu orientieren. Wo war oben, wo unten? Er trieb in grauem Dämmerlicht, fortgetragen von der Strömung der vergangenen Augenblicke, und wusste nicht, wo er war. Sein Blick war durchsetzt mit tanzenden Lichtern und dunklen Punkten, die es schwer machten, etwas zu erkennen. Er zwang seine Arme und Beine unter seinen Willen zurück, machte einen schwachen Schwimmstoß auf eine helle Fläche zu, dann noch einen. Es musste die Oberfläche sein, nur dort war es hell. Im nächsten Moment stieß er an etwas, das seine Knochen zusammenstauchte.

Ein Fels. Ein heller Fels ... Ich bin zurück zum Grund geschwommen.

David wollte lachen, doch er hatte keine Luft mehr dafür. Stattdessen schloss er die Augen, breitete die Arme aus und ließ sich treiben.

Bis plötzlich der Übergang geschah.

Es dauerte einige Atemzüge, bis David überhaupt bewusst wurde, dass er atmete. Als der Schmerz der Atemnot zu groß geworden war, hatte er einfach aufgehört, seine Luftwege zu verschließen. Aber Körper und Geist waren zu betäubt gewesen, um zu erkennen, dass er nicht in der Lage hätte sein dürfen, das Wasser zu atmen. Er hatte einfach eingesogen, worin er trieb, und die Qual in seinen Lungen hatte nachgelassen.

Mit einem Blinzeln sah David sich um. Auch der Schleier um seinen Blick war verschwunden. Der Prinz trieb noch immer knapp über dem Grund, zwischen bizarr geformten Gebilden aus porösem Buntgestein, die direkt aus hellem Sand herauszuwachsen schienen. Es war ihm unmöglich, zu erkennen, ob er sich noch in einem Flussbett befand, und als er sich auf den Rücken drehte, hatte er das Gefühl, das Wasser müsse sich über ihm ins Endlose erstrecken, trotz des Lichtes, das bis zu ihm durchdrang.

Wasser?

Er hatte den kalten Strom verlassen und war in ein Gewässer geraten, das nicht mehr aus normalem Wasser bestand, sondern aus einem Wasser, das sich atmen ließ. Wann war das geschehen?

Da war dieses Prickeln, als würde sich jedes einzelne Härchen aufstellen ... dieses kurze Gefühl des Schwebens ... der Übergang!

Ich muss ihn durch Zufall getroffen haben und in die Anderswelt übergetreten sein. Ich bin in einer Wasserdomäne.

Und trotzdem fühlte es sich irgendwie falsch an, ungewöhnlich. Als sei auch etwas Fremdes dabei. Doch dies war eben nicht Crain, sondern eine der vielen Regionen des Nordens. Manches mochte sich hier anders anfühlen.

Rian! Ist sie auch hier?

Der Gedanke versetzte seinen Körper in Anspannung. Er drehte sich wieder zurück und suchte nach irgendeinem Anzeichen für ihre Anwesenheit. Da ... Spuren im hellen Sand. Jemand hatte nicht weit von ihm am Grund gestanden. Der Sand trieb noch in Wirbeln darum herum, als sei dieser Jemand eben erst aufgebrochen, vielleicht gerade in dem Moment, als David im Übergang gewesen war.

Er schwamm auf die Stelle zu, und tatsächlich nahm er vor sich eine Bewegung wahr, die ihn innerlich aufjubeln ließ. Er sah gerade noch die letzte der Gestalten in einem nahen Tangwald verschwinden. Obwohl sie zügig schwamm, wirkten ihre Bewegungen nicht so, als fühlte sie sich verfolgt. David zog seinen Dolch und verstärkte seine Schwimmstöße.

Wellen von Energie durchliefen seinen Körper, als er die Runen auf dem Heft des Langdolches berührte, und vertrieben den letzten Rest der Taubheit. Das Wasser war warm und fühlte sich angenehm an, als würden weiche Seidentücher über seine vom Wiedererwachen prickelnde Haut gezogen. Mit neu erwachter Kraft trieb er seinen Körper hinter Rian und ihren Entführern her zwischen die locker stehenden Tangpflanzen. Die Bewegungen der langen Pflanzenstränge und der aufgewirbelte Sand zeigten ihm deutlich, welche Richtung die Gruppe genommen hatte, und er folgte ihnen mit ausdauernden Schwimmbewegungen. Wo immer ihm Pflanzen in den Weg zu kommen drohten, schnitt er sie mit seinem Dolch ab.

Nach einer Weile bemerkte er, dass der Boden unregelmäßiger wurde. Erneut tauchten zwischen dem Tang seltsam geformte Felsen aus löchrigem Gestein auf, und sie wuchsen immer höher hinauf. Schließlich verschwand der Tangwald fast ganz und überließ den Grund den weiter anwachsenden Felsnadeln.

Für einen Augenblick sah David die fremden Wasserwesen wieder vor sich. In ihrer Mitte leuchtete Rians heller Haarschopf kurz auf, ehe sie um das nächste Felsgebilde verschwand und er nur noch die beiden Wesen sah, die das Ende der Gruppe bildeten.

Ihre dunkle, blau schimmernde Schuppenhaut erinnerte tatsächlich an den Kelpie aus Alberichs Rheinhöhle, doch damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Weder Schleierhäute noch Mähnen waren an ihnen zu sehen, und statt tellerähnlicher Hände und Füße hatten sie schlanke Finger mit Schwimmhäuten sowie kräftige Fischflossen an den Enden ihrer Beine. Ihre extrem kurzen und dicken Hälse waren von einer Krause aus Hautfalten umgeben.

Sie trugen nichts an ihren Körpern, was sie beim Schwimmen hätte hindern können. Lediglich einen Gurt hatten sie sich über den Rücken geschlungen, in dem kurze, vollständig aus Metall gearbeitete Speere steckten. Einen davon hielt jeder in der Hand.

Noch während David sie betrachtete, verschwanden die letzten beiden der Wasserwesen um den Felsen herum. Wären sie allein gewesen, hätten sie David vermutlich längst abgehängt. Doch Rian behinderte sie zum Glück, sodass er den Anschluss behalten und sogar ein wenig aufholen konnte. Denn während er im Tangwald lediglich die Richtung hatte halten müssen, durfte er die Entführer nun nicht mehr aus den Augen verlieren.

Die Felsen um ihn herum bildeten zunehmend ein Labyrinth: Steine weiteten sich nach oben hin wieder aus, berührten sich und bildeten Brücken oder Tunnel, zusätzlich zu den Löchern, die teilweise in ihr poröses Material gewaschen waren und gewundene Durchgänge darstellten. Ohne die Sichtverbindung zu den Wesen, die er verfolgte, hätte David längst die Orientierung verloren.

Erneut zog er Kraft aus seinem Dolch und beschleunigte sein Vorankommen. Als er um den nächsten Felsen bog, konnte er noch einen Blick auf die ganze Gruppe erhaschen. Rian schwamm vorn zwischen zwei Wesen, ein drittes war im Moment unter ihr, die anderen zwei noch immer weiter hinten. Mit Erleichterung sah David, dass Rian sich bewegte. Sie war offensichtlich weder bewusstlos noch gefesselt. Im nächsten Moment erkannte er jedoch, dass ihre Bewegungen mitnichten Befreiungsversuche waren. Die Wesen, zwischen denen sie schwamm, berührten sie nicht einmal.

Rian schwamm freiwillig mit!

Seine Verwirrung ließ David einen Moment innehalten, und im nächsten Augenblick war die Gruppe in der Dunkelheit eines Felstunnels verschwunden. So schnell er konnte, folgte er ihnen.

Als David den Tunnel wieder verließ, hatte die Umgebung sich unmerklich verändert. Hier und da standen wieder Tangpflanzen, zwischen denen sich bunt schillernde Fischschwärme herumtrieben, und der Boden glitzerte, als wäre der Sand mit Quarzen und Gneis durchmischt. Die noch immer vorhandenen Felsnadeln wirkten bearbeitet, als habe ihnen jemand Formen gegeben und Löcher hineingetrieben, die den Bearbeitern mehr gefielen. Und einige hundert Schritte vor ihm schwang sich ein Gebilde in die lichterfüllte Höhe, das wirkte, als hätte jemand aus mehreren zusammengewachsenen Felsnadeln ein Schloss geschaffen.

Unzählige dünne Steinspitzen erhoben sich daraus wie Türmchen, und die Wände glitzerten in allen Farben, als wäre Edelsteinstaub auf ihnen verteilt worden. Löcher, die zu regelmäßig waren, um Auswaschungen zu sein, führten in das Innere des Felsenschlosses, in dem ein blaugrünes Leuchten die Hohlräume erfüllte. Die Gruppe, die David verfolgte, hielt direkt auf dieses Schloss zu.

David ließ den Anblick nur einen Moment auf sich wirken, ehe er die Verfolgung wieder aufnahm. Der Tang stellte keine Sichtbehinderung dar, doch hatte der Elf immer wieder das Gefühl, selbst beobachtet zu werden. Wann immer er sich umschaute, sah er jedoch höchstens einen Schatten oder die letzten Wirbel einer Bewegung, die genauso gut ein Fisch hätte hervorrufen können. Er tat es ab und konzentrierte sich auf die Verfolgung.

Nun, da das Ziel so nahe war, nahmen die Unbekannten noch einmal Geschwindigkeit auf. Selbst Rians Schwimmbewegungen waren kräftiger geworden, und David fühlte sich in seinem Zorn ins Wanken gebracht.

Was geht hier vor? Rian ... ich wünschte, ich könnte deine Gedanken hören! Aber das Schloss scheint ihr Ziel zu sein. Die Auflösung wird also nicht mehr lange auf sich warten lassen – auf die eine oder andere Weise.

Dicht vor dem Schloss zögerte die Gruppe, als wisse sie nicht genau, welchen Eingang sie benutzen sollte. Dann steuerten die Fremden auf eines der größeren Löcher zu. Da die Entführer keine Verfolgung zu befürchten schienen, gab sich David kaum Mühe, seine Annäherung zu verbergen, und tatsächlich schwammen sie durch das Loch hindurch, ohne sich umzusehen. Er folgte, so schnell er konnte.

Die hinter dem Loch gelegene Höhlung reichte in alle Richtungen tief in das Gestein hinein. Wände und Decke waren rund ausgeformt wie in einer Höhle, jedoch zu gleichmäßig, als dass sie auf natürliche Weise hätte entstanden sein können, und der Boden war absolut eben. Und auf diesem Boden bewiesen Rians Entführer, dass die Flossen ihrer Beine so stabil wie Füße waren. Rings um die Elfe hatten sie sich aufgestellt und die Speere auf sie gerichtet. Aus dem hinteren Teil der Höhle schossen noch weitere Wesen auf sie zu, ebenfalls mit blitzenden Speeren in der Hand. Gleich würden sie auf Rian eindringen.

Ohne auch nur einen Moment zu zögern, streckte David seinen Dolch vor und stieß sich mit einem Kampfschrei in den Raum hinein ab, auf das erste Wesen zu.

2 Von Schafen und Wölfen

Glitzernder Kristallstaub tanzte durch die Luft des Ganges in der Zitadelle der Königin Bandorchu, gelöst durch einige kleine Windwirbel, die über die Deckenstuckaturen fegten. Rings um Ainfar sank er zu Boden, während der Elf das grünhäutige, von braunen Linien durchzogene Gesicht nach oben gewendet hielt und mit kleinen Bewegungen seiner schlanken Finger die Wirbel dorthin steuerte, wo ihre Arbeit benötigt wurde. Seine in labyrinthartige Knoten verflochtenen Locken wurden vom Staub belagert und verwandelten den Bereich um sein Gesicht in eine schimmernde Aureole, wann immer durch eine Kopfbewegung etwas Licht dorthin gelangte. Doch die Gedanken, die er während seiner Arbeit wälzte, waren düster.

Wer bin ich? Warum bin ich hier?

Ununterbrochen wehte der Wind draußen vor der Burg, trieb die Schreckenswolken über den grellen Himmel des Schattenlandes und fegte feinen Kristallstaub von den umgebenden Spiegelhügeln hinunter in das Tal. Dort sammelte er sich rings um die Dunkle Zitadelle und drang durch jede Ritze hinein, um sich auf Flächen und in Spalten abzusetzen.

Eine von Ainfars Pflichten war, in den unteren Wohnebenen des Schlosses gegen diese dauerhafte Invasion anzukämpfen. Es war keine erfüllende Aufgabe, aber besser, als wenn er hinaus auf die Spiegel hätte gehen müssen, ständig dem quälenden Bild seines Innersten und zugleich den Schrecken der Wolkenschatten ausgesetzt, um Pflanzen oder andere Rohstoffe zu suchen. Das war nur noch selten notwendig, aber wenn, dann traf es stets diejenigen, die aus dem einen oder anderen Grund den Unwillen der Königin auf sich gezogen hatten. Ainfar gab sich alle Mühe, das nicht zu tun und auch sonst in keiner Weise aufzufallen.

Weder der Königin noch ihrem engsten Vertrauten, dem Getreuen.

Er versuchte, sich zu geben, als sei er gar nicht da.

Doch ich bin hier. Und es gab einmal einen guten Grund dafür. Einen sehr guten Grund. Aber wer bin ich jetzt?

Ein hoher, lang gezogener Ton durchschnitt die Luft, riss Ainfar aus seinen Gedanken und brach dann in einem Gurgeln ab, das den Gestaltwandler schaudern ließ. Dennoch wagte er es nicht, die Konzentration von seiner Arbeit zu lösen. Lediglich die großen braunen Augen, die von keinerlei Weiß umgeben waren, verrieten die Angst in seinem Inneren. Die schwarzen Löcher der Pupillen vergrößerten sich wie bei einem Reh kurz vor der Flucht.

Doch Ainfar widerstand dem Drang des Instinktes, den die vertrauteste seiner Tierformen in ihm erzeugte. Wohin hätte er auch fliehen sollen? Jeder Fluchtversuch hätte Fragen aufgeworfen und die Dinge nur verschlimmert, und letztlich würden andere seine Schreie durch die Zitadelle hallen hören.

Die Gänge, die Ainfar reinigte, lagen direkt über den Katakomben. Dort unten waren die Kerker und Folterkammern, in denen jene endeten, deren Vergehen nicht mehr nur durch Arbeit abgegolten werden konnten. Man sagte zudem, der Getreue nutze einige der Kammern für sein Vergnügen. Niemand war dagegen gefeit, sein Opfer zu werden; er wählte willkürlich unter den einfachen Bewohnern der Zitadelle.

Während seine Windwirbel selbstständig den Deckenbögen folgten und die Reliefs reinigten, schob Ainfar einige Haare zurück, die sich aus den Knoten gelöst hatten, und streckte die Hand nach der Mündungsöffnung eines der Kristallschächte aus, die Licht aus mehreren Himmelsrichtungen diffus in den Palast hineinbrachen und die gedankengeschwärzten Gänge in ein sanftes Zwielicht tauchten.

Die Gedanken und Erinnerungen der Königin, dachte Ainfar. Sie sind schwarz genug, um die aus der kristallenen Materie dieser Welt geschaffenen Wände zu verdunkeln und uns vor den Spiegelungen zu schützen, so, wie die Wände selbst uns vor dem Anblick der jagenden Schatten der Schreckenswolken bewahren. Aber zu was für einem Preis ist das alles geschehen?

Mit einem Finger strich er über den mit Zierreliefs versehenen Rahmen des Schachtes. Im Schrei erfrorene Gesichter waren dort zu sehen – von Wesen, die in verschlungenen Ranken gefangen waren. Zwischen all den Bildern fand sich unter Ainfars Fingern ein Gesicht, das von hochragenden Geweihstangen beherrscht wurde und einen zotteligen Bart trug. Fast zärtlich fuhr der Elf die Linien der Figur nach.

Regiatus ...

Er schloss die Augen, und vor ihm erschienen wieder die Bilder, an denen er sich festhielt, seit sie wiedergekehrt waren. Seine letzten Momente im Thronsaal des Baumschlosses. Der geflüsterte Disput mit seinem Bruder.

»Ich werde gehen, Regiatus. Jemand muss es tun. Gwynbaen ist zu gefährlich, sie darf nicht unbeobachtet bleiben.« Ainfars Magen zog sich zusammen, während er die Worte sprach, und er sah die Blässe seines Gesichtes in den Augen seines Bruders gespiegelt.

Regiatus schüttelte den Kopf so heftig, dass das eingeflochtene Blattwerk in seinem Geweih protestierend raschelte. »Das ist Unsinn! Sie wird im Schattenland sein! Was soll sie deiner Meinung nach dort anrichten?«

»Sieh sie dir an, Bruder! Sieh dir an, wie ruhig sie ist, wie gefasst, selbst in der Niederlage noch Herrscherin. Du spürst ihre Macht ebenso wie ich! Das ist kein reiner Trotz. Sie hat wirklich keine Angst, und dafür muss es einen Grund geben.« Beschwörend sah Ainfar den Corviden an, mit dem er den Vater teilte. »Regiatus, gib mir deine Zustimmung. Ich werde mit ihr gehen, und ich werde mit euch Verbindung aufnehmen, sobald ich es kann. Ich werde einen Weg finden. Du und ich ... wir sind uns so nahe. Diese Verbindung muss auch über die Welten hinweg wiederherstellbar sein.«

»Ich will mich ungern darauf verlassen, Ainfar. Und ich will dich nicht verlieren! Sie hat uns schon genug gekostet, ohne dass du dich noch opferst.«

»Es muss sein. Es ... es ist auch wegen unseres Bruders.«

»Was soll es dich kümmern, was er getan hat oder tut? Du hast ihn nie gemocht und er dich nicht. Und ich teile deine Einstellung. Er war schon immer arroganter, als gut für ihn war.«

»Das ändert nichts daran, dass er unser Bruder ist und seine Taten Schande über uns bringen. Und jetzt ist er auch noch ein Meidling ... einer von denen, die den doppelten Verrat begangen haben, nicht mit Gwynbaen durch das Tor gehen zu wollen. Ein Ausgleich ist gefordert. So sind die Regeln im Gewebe unseres Daseins, und das weißt du genauso gut wie ich. Wenn ich es nicht tue, wird der Ausgleich auf andere Weise geschehen, ohne unsere Kontrolle. So jedoch ziehen wir vielleicht noch unseren Nutzen daraus.«

»Bruder ...« Die großen braunen Augen im Hirschgesicht des Corviden spiegelten neben Ainfars Blässe auch seinen entschlossenen Gesichtsausdruck wider. Regiatus verstummte.

»Ich gehe. Berichte du Fanmór.«

»Er wird nicht erfreut sein.«

Ainfar lächelte schief. »Doch, das wird er. Was kümmern ihn schon unsere Schicksale? Aber die Möglichkeit, irgendwann einen Spitzel in den Reihen der Weißen Frau zu haben, wird er sehr begrüßen. Er ist ein Herrscher, Regiatus. Er weiß, was wichtig ist und was nicht.«

»Und was, wenn du es nicht schaffst? Wenn du mit ihr dort gefangen bleibst?«

»Das wird nicht geschehen.« Er legte eine Hand auf Regiatus’ Arm. »Vertrau mir, Bruder. Ich werde einen Weg finden.«

Vertrau mir, Bruder ...

Ainfar hatte sich bei denen eingereiht, die aus den anderen Regionen Earrachs zum Baumschloss gekommen waren, um das Portal zu durchschreiten. Niemand hatte ihm besondere Beachtung geschenkt, denn niemand hätte erwartet, dass ein Elf diesen Schritt ohne den Zwang von Fanmórs Urteil gehen würde. Und dann hatten die Qualen begonnen, das Leiden unter den scharfen Wolkenschatten und den schneidend grellen Spiegelungen und die stetige Gefahr des Vergessens, des sich Verlierens.

Ich habe dich vergessen ... habe die Erinnerungen verloren, sie als Auswüchse an mir getragen, bis der Schutz der Zitadelle mir langsam erlaubte, mich wiederzufinden. Und seither lähmt mich die Angst vor all dem, was Gwynbaen ... nein, jetzt ist sie Bandorchu, die Dunkle Frau ... hier aufgebaut hat. Vor ihrer grausamen Herrschaft, die durch ihre kalte Schönheit noch an Schrecken gewinnt.

Er öffnete die Augen und strich erneut über das Gesichtsrelief. Ob du wohl noch auf mich wartest? Ob du noch glaubst, was ich gesagt habe? Ob du überhaupt noch an mich denkst?

Ein eisiger Hauch strich durch den Gang, und Ainfars Finger verharrten auf dem Ornament. Seine Augen weiteten sich erneut, kalte Angst umschloss seine Gedanken und ließ sie erstarren.

»Welch seltsame Art, die Gänge zu reinigen«, erklang eine heisere Stimme. Eine Aura berührte den Tiermann, die so kalt war wie der, von dem sie ausging.

Ainfars Finger krallten sich um den Schachtrahmen. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Getreue im Gang stand, Bandorchus mächtigster Verbündeter, dem sie so manchen Freiraum zugestand. Zum Beispiel den, ihre Untergebenen nach Belieben zu quälen.

»Ich hätte nicht gedacht, dass jemand den scharfen Kristallstaub mit den eigenen Fingern beseitigen würde. Oder willst du dein Blut über die Mauern der Zitadelle verteilen, um die Bemühungen deiner Herrin zu unterstützen? Es wäre bestimmt eine interessante Art, den Kristall am Widerschein zu hindern, und eine, die deine Herrin nicht so viel Kraft kosten würde. Ich frage mich, wie viel Blut wohl in deinen Adern rinnt und welche Fläche man damit verdunkeln könnte ...«

Etwas huschte den Gang entlang, und Ainfar spürte, wie Blick und Aufmerksamkeit von Bandorchus Verbündetem sich von ihm lösten. Die lange schwarze Kapuzenkutte des Getreuen raschelte, als er herumfuhr. Im nächsten Moment war ein Quieken zu hören. Ainfar drehte langsam den Kopf. Eine kleine wollige Gestalt wand sich im Griff des Getreuen und strampelte. Knopfaugen schillerten zwischen den wuscheligen Haaren hindurch, und ein ebenso kleiner Mund stand weit offen. Ein lang gezogenes Winseln erklang, als der Getreue das Wesen am Fell in die Luft hob.

»Und was treibt dich hierher? Du hast hier keine Aufgabe, oder? Aber mir kommst du gerade recht. Ich bin sicher, ich werde eine gute Verwendung für dich finden ...«

Das Winseln stieg zu einem durchdringenden Klagelaut an, und der kleine wollige Kerl schlug mit dürren Ärmchen und Beinchen im verzweifelten Versuch um sich, sich aus dem Griff des viel größeren Mannes zu befreien. Doch all seine Anstrengungen waren vergeblich. Mit langen Schritten ging der Getreue den Gang hinunter, das gefangene Wesen fest in seiner Hand, und redete leise weiter mit seiner heiseren Stimme, als wollte er nur plaudern.

Die Kälte ließ nach, und Ainfar schüttelte sich.

So knapp ... wäre der andere nicht gekommen, wäre ich jetzt der, den er an den Haaren in die Katakomben zöge, da bin ich sicher.

Mit einer Handbewegung löste er die Windwirbel auf, raffte sein Gewand und rannte den Gang in der entgegengesetzten Richtung hinunter, weg vom Getreuen und seinen dunklen Kellern.

3 Weltenschatten

David, nein!«

Noch ehe David reagieren konnte, taten es die Wasserwesen. Ihre Köpfe fuhren herum, Blicke aus tiefschwarzen Augen begegneten dem seinen, und als seien sie eine Einheit, hob jedes der Wesen gleichzeitig die freie Hand in seine Richtung. Im nächsten Moment traf David eine Strömung, die ihn mit sich fortriss, weg von Rian und der Gruppe, und ihn gegen eine Wand schleuderte. Schmerzhaft stachen die kleinen Unregelmäßigkeiten der Felswand in seinen Rücken, und der Langdolch glitt ihm aus den Fingern. Hilflos in der Strömung gefangen, hing er an der Wand, unfähig, seine Finger zu bewegen oder unter dem Druck gegen seine Brust zu atmen.

Neun Speere hoben sich.

»Nein! Aufhören!«

Rians Stimme klang verzerrt, doch sie erhob sich sogar über das Rauschen des Wassers in Davids Ohren. Die Wesen zögerten, tauschten Blicke untereinander aus. Dann senkten sie ihre Hände wieder. Die Strömung verschwand, und David glitt langsam am rauen Stein entlang zu Boden. Ächzend stieß er sich von der Wand ab. Erst jetzt spürte er all die kleinen Blessuren, die er schon auf dem Weg hierher davongetragen hatte. Zusammen mit dem Muskelschmerz, der wohl ebenso sehr von der Unterkühlung wie von der Anstrengung rührte, fühlte sich David so zerschlagen, dass er sich am liebsten schlafen gelegt hätte. Doch obwohl die Wesen in ihrem Angriff eingehalten hatten, fühlte er sich alles andere als sicher.

Er bückte sich nach seinem Dolch. Niemand hinderte ihn daran, obwohl die Bewohner dieser Unterwasserburg ihn mit misstrauischem Blick musterten. Langsam richtete er sich wieder auf, wog die Waffe kurz in seiner Hand und steckte sie dann zurück in die Scheide.

»Was passiert hier, Rian?«, fragte er, ohne die Wesen aus den Augen zu lassen.

Seine Schwester hob die Hände in einer beschwichtigenden Geste, ob gegenüber ihm oder den Wasserwesen, war nicht ganz klar.

»Sie brauchen Hilfe, David«, erklärte sie. »Was genau los ist, weiß ich auch noch nicht, aber es scheint sehr ernst zu sein.«

David schnaubte. Auf einmal schlug all seine Sorge in Wut um. »Crain braucht unsere Hilfe. Unsere ganze Welt braucht sie vielleicht. Nebenbei schützen wir vermutlich auch noch die Menschheit vor Bandorchu. Meinst du nicht, damit haben wir bereits genug Probleme am Hals?«

»David!«

»Rian, diese Leute haben dich vor meinen Augen von unserem Schiff gezogen! Nicht gerade die Art, wie man sich des Wohlwollens und der Hilfe anderer versichert!«

»Sie haben Angst!«

»Und ich? Glaubst du, ich hatte keine Angst?« Er brüllte es beinahe und sah, wie Rian und die Wesen um sie herum zusammenzuckten. Es ernüchterte ihn, und er strich sich mit einer Hand durch das Haar und schüttelte den Kopf. »Entschuldige, Rian. Ich wollte nicht mit dir streiten.«

»Sondern mit ihnen, ich weiß«, antwortete sie mit einem schiefen Lächeln, das den verletzten Blick jedoch nur schwach kaschieren konnte.

Warum scheint es, dass ich die, die mir am nächsten stehen, am meisten verletze?

Wieder spürte er das leise Ziehen in seiner Brust, das er gelegentlich so gerne ersticken wollte. Eine Seele. Für was konnte so eine Seele schon gut sein? Früher hatte er sich nie Gedanken über andere gemacht. Seine eigenen Gefühle, sein eigenes Wohlbefinden waren alles gewesen, was gezählt hatte. Er hatte in den Tag hinein gelebt, zu seinem eigenen Vergnügen, und nichts anderes war von ihm erwartet worden. Selbst auf Rian nahm er damals eigentlich keine Rücksicht. Aber falls er jetzt bei Nadja und dem Kind bleiben sollte ... Die Zeiten, da er sich um nichts Sorgen gemacht und für nichts Verantwortung übernommen hatte, wären dann endgültig vorbei. Vermutlich waren sie das ohnehin. Konnte er das, was schon gewachsen war, überhaupt noch herausreißen?

Er seufzte und sah zu den Wasserleuten. »Also gut. Was für ein Problem gibt es, und warum glaubt ihr, dass wir euch helfen können?«

Aufmerksam sah David sich in dem Raum um, in den ihre Gastgeber sie geführt hatten. Er lag ein gutes Stück weiter innen in dem verschlungenen System von Tunneln und Hohlräumen, das dieses Volk im porösen Fels erschaffen hatte. Während die Ankunftshöhle völlig kahl gewesen war, verzierten lange Tangwedel diese Wände, und in Muster geflochtene Netze hingen von der Decke. Einige davon trugen Schalen mit leuchtenden Pflanzen, andere boten Sitzgelegenheiten wie die, in denen David, Rian und zwei der Wesen saßen. Glimmereinschlüsse in den Felsen brachen das Licht der Pflanzen und streuten bunt schimmernde Strahlen in den Saal.

Am hinteren Ende des Raumes konnte David ein breites Geflecht erkennen, in dem ein weiteres Wesen ruhte. Es war fast doppelt so groß wie jene, die David bisher gesehen hatte, und deutlich runder, fast schon aufgequollen. Schlierige Schatten, die nicht vom Zwielicht des Raumes herrühren konnten, waberten wie treibende Schleier um den Körper. Schleierflossen, vermutete der Prinz.

Die Gruppe, die sie in Empfang genommen hatte, war auf dem Weg hierher auf nur noch vier Wesen zusammengeschrumpft. Zwei von ihnen waren bei der Ankunft in diesem Raum zum Schlafgeflecht geschwommen und hatten sich dort zu zwei anderen gesellt, die David wie Wächter erschienen. Alle vier sahen gelegentlich zu ihnen herüber, als warteten sie auf etwas.

»Wir sind Nöck-Nareva«, begann einer der Wassermänner, die bei ihnen saßen, schließlich. »Und dort liegt unser aller Mutter, Nareva. Wir fürchten, sie wird sterben.«

»Und wenn Nareva stirbt, stirbt Nöck-Nareva«, fuhr der andere nahtlos fort.

Erneut sah David zu dem großen Wesen. Es – sie! – war also eine Nöck-Schwarmmutter. Waren die Schatten, die sie umschwebten, vielleicht ein Anzeichen ihres Zustandes?

»Ist sie krank?«, fragte er.

Die beiden schüttelten den Kopf.

»Etwas hat sie befallen, was nicht von hier ist«, sagte der Erste.

»Wir denken, es kommt aus dem Totenland«, fuhr der andere fort. Der Erste setzte hinzu: »Und du trägst einen Hauch vom gleichen Todesschatten.«

Erstaunt sah David zu den Nöck, doch sie schauten Rian an, nicht ihn. Mit einem Ruck drehte er den Kopf zu seiner Schwester, und sie erwiderte seinen Blick. Was die Nöck gesagt hatten, schien Rian nicht zu erstaunen.

»Sie haben mir vorhin schon etwas Ähnliches gesagt«, sagte die Elfe. »Nach dem Durchgang haben sie kurz angehalten, um mir zu erklären, dass sie meine Hilfe brauchten. Sie meinten, sie hätten mich ausgesucht, weil ich die Ausstrahlung Annuyns noch an mir trüge, und dass das Überleben ihres ganzen Volkes davon abhinge. Darum wollte ich es zumindest versuchen. Immerhin sind sie genauso Teil von Earrach wie die Sidhe Crain. Als Kinder Fanmórs gehört es meiner Meinung nach zu unseren Pflichten, sie zu schützen, wenn wir es können.«

David nickte. »Natürlich.«

»Nareva wird schnell schwächer«, meldete sich wieder einer der Nöck. »Ihre Kräfte sind fast aufgebraucht. Verzeiht, dass wir so unvermittelt vorgegangen sind, aber ...«

»... wir fürchten, dass der Schatten sie jeden Moment ins Totenreich zieht.«

»Und wenn Nareva stirbt, stirbt Nöck-Nareva. Wir haben Angst.«

»Ich verstehe, und ich verzeihe euch. Rian hat es auch getan, wie mir scheint. Also vergessen wir den Teil.« David erhob sich aus dem Sitznetz. »Ich denke, wir sollten uns näher ansehen, was wir bei Nareva bewirken können, oder, Rian?«

Rian nickte und stand ebenfalls auf. Die beiden Nöck stießen Luftblasen aus, in denen sich das schimmernde Licht fing, warfen ihre Arme hoch und stießen sich zum Lager ihrer Mutter ab.

David und Rian folgten ihnen mit langsameren Schwimmbewegungen.

Je näher sie Nareva kamen, umso klarer spürte David, dass dort etwas verkehrt war. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass die Schuppen der beiden vor ihnen schwimmenden Nöck an einigen Körperstellen matt und fleckig wirkten. An anderen hatten sie sich sogar gelöst, sodass man eine dünne weiße Haut sehen konnte, unter der die Adern dunkles Blut trugen. Sah so das Sterben aus, von dem sie sprachen? Waren alle Nöck-Nareva krank? Auch die Haut der Schwarmmutter wirkte matt und fleckig unter den schwarzen Schleiern, selbst aus der Entfernung. Ihr Zustand schien sich direkt auf den ihrer Kinder auszuwirken.

Wenige Meter vor ihrem Lager bemerkte David, dass Rian langsamer wurde und sich aufrichtete, um schließlich Wasser tretend auf der Stelle zu bleiben. Er drehte sich zu ihr und sah sie fragend an. Ihre Wangen waren blasser geworden, und ihr Blick vermied, was vor ihnen lag.

»Was ist los, Rian?«, fragte David mit gedämpfter Stimme.

»Ich spüre es. Den Schatten von Annuyn«, antwortete Rian. »Sie haben recht. Etwas von dort ist hier. Es ist ... kalt. Formlos. Und es giert nach dem Leben, ohne sich zu erinnern, was das ist.«

David sah zu Nareva. Die schwarzen Schlieren, die sie umgaben, waberten in ihre Richtung wie leckende Feuerzungen im Wind, wie dürre Finger. Als würde ihre Lebensenergie es ebenfalls anziehen, was auch immer »es« war. Er wandte sich wieder zu seiner Schwester und griff nach ihren Händen.

»Ich bin bei dir, Rian. Ich lasse nicht zu, dass du noch einmal durch das Tor gehst.«

»Aber das muss ich vielleicht, um Nareva zu retten«, flüsterte sie. »Um einen Todesschatten zurückzubringen, muss das Tor nach Annuyn geöffnet werden – ich bin ihm noch nahe genug dafür. Und wenn es offen ist, muss jemand den Schatten hinüberbringen.«

David zog Rian an sich.

»Dann lassen wir es. Wir sagen ihnen, dass es nicht geht, und ziehen weiter.«

Rian schüttelte den Kopf. »Nein. Nur ich kann ihnen helfen, und das Schicksal hat mich hierher geführt. Ich muss es tun. Außerdem können sie unsere Reise vielleicht verkürzen. Es sind ihre Gewässer, auf denen wir fahren.«

»Ist es das wert?«

Rian hob die Schultern, ohne ihn anzusehen. »Ich weiß nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass ich es tun muss.«

»Warum?«