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Korsar der Sieben Stürme

Verena Themsen
Jana Paradigi

Korsar der
Sieben Stürme

Roman

1 Alles ist im Fluss

Alles ändert sich, und nichts wird jemals wieder sein wie zuvor.

Die Erkenntnis traf Rian nicht zum ersten Mal, doch noch immer erfüllte diese Aussage die Prinzessin der Sidhe Crain mit einer Mischung aus Horror und Faszination. Unvorstellbar lange Zeit war die Anderswelt stabil gewesen, unverrückbar und fest in den Formen, in denen sie entstanden war. Doch nun veränderte sie sich mit einer Geschwindigkeit, die Rian schwindeln ließ. Und sie wusste, dass es Spuren hinterlassen würde, selbst wenn es ihr gelingen sollte, ihre Welt zu heilen. Spuren in der Welt und Spuren in deren Bewohnern. Spuren in ihr.

Sie hob den Kopf, strich über ihr kurzes blondes Struwwelhaar und sah am Stamm des mächtigen Baumschlosses entlang aufwärts, bis sich ihr Blick zwischen Ästen und Zweigen verlor. Äste und Zweige, die von grünem Laub hätten bedeckt sein müssen. Doch seit Talamhs Entführung durch die Diener der Dunklen Frau Bandorchu war auch das kurze Atemholen vorbei, das ihnen während der Anwesenheit des Säuglings vergönnt gewesen war. Für eine kurze Zeit hatte Davids und Nadjas Sohn das Sterben vergessen lassen, das mit dem Einbruch der Zeit in die Anderswelt begonnen hatte. Inzwischen aber karrten Elfenwesen, die mit jedem Tag ein wenig grauer und gebeugter wirkten, wieder Laub in Schubkarren aus dem Schloss.

Veränderungen bewirken weitere Veränderungen und können nur mit Veränderungen bekämpft werden. Nichts wird jemals wieder sein, was es war, sosehr die anderen sich das auch wünschen mögen.

Sie löste den Blick wieder von ihrem Heim, in dem ihr Vater, der Riese Fanmór, in diesem Moment vielleicht über die Unbotmäßigkeit seiner Kinder und die Hoffnungslosigkeit der Zukunft nachgrübelte. Ihre gänzlich violetten Augen wirkten matt und müde, als sie sich umdrehte und stattdessen den Weg entlangsah. Er führte zwischen die sanften, ehemals mit bunt getupftem Grün bedeckten Hügel hindurch, deren Braun nicht weniger hoffnungslos machte als das fallende Laub.

Etwas zupfte am Kunstpelzbesatz ihres in der Menschenwelt erstandenen gefütterten weißen Wollmantels, und sie sah hinunter zu dem ihr gerade bis übers Knie reichenden Grogoch. Der Kobold trug nichts als sein langes braunes Körperhaar am Leib und erwiderte ihren Blick aus dunklen Augen.

»Und was jetzt?«, fragte er. »Wohin gehen wir?«

»Ja, wohin geht die Reise dieses Mal? Muss ’ne kalte Gegend sein, so, wie du angezogen bist …«, piepste es von der anderen Seite. Der nur halb so große igelige Pirx trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und knetete seine rote Kappe zwischen seinen Händen.

Rian lächelte schwach.

»Ich weiß es noch nicht genau«, sagte sie. »Ich weiß nur, dass wir die Suche fortsetzen müssen, damit nicht alles verloren ist. Nur wenn wir den Quell der Unsterblichkeit finden, können wir vielleicht sowohl unser Volk retten als auch Talamh von Bandorchu freikaufen.«

»Und Nadja und David vermutlich dazu«, murmelte der Grogoch.

Die Prinzessin verzog das Gesicht. Es gefiel ihr ebenfalls nicht, dass ihr Zwillingsbruder und ihre Freundin zur Herrscherin des Schattenlandes gehen wollten, um mit ihr zu verhandeln. Aber ebenso, wie sie einen eigenen Willen für sich beanspruchte, musste sie ihrem Bruder den seinen lassen. Und falls dieser sie beide nun auseinander führte, war das nur die logische Fortsetzung dessen, was bereits begonnen hatte, kurz nachdem sie aus dem langen Schlaf erwacht waren.

Alles ist im Fluss. Alles verändert sich. Auch wir. Jeder muss neu lernen, wer er ist. Und wir müssen lernen, uns in der neuen Welt zurechtzufinden und unsere eigenen Wege zu gehen.

»Ich hatte vor, die großen Wissenssammlungen der Menschen aufzusuchen, um neue Ideen zu gewinnen, wo wir mit der Suche weitermachen können«, erklärte Rian ihr kleines bisschen Plan. »Dort haben wir gerade Winter, es müsste Dezember sein.« Sie setzte eine pelzbesetzte Mütze auf, holte dann ihre ebenfalls pelzgefütterten Handschuhe aus weichem weißem Leder aus dem Reisesack und zog sie an. »Das Britische Museum in London ist bestimmt ein guter Startpunkt, weil dort Wissen aus vielen Regionen und Zeiten lagert. Mit ein wenig Verhandlungsgeschick kommen wir sicher auch an die endlosen Archive heran, die sie dort haben, und müssen uns nicht auf die wenigen Ausstellungsstücke beschränken. Grog?«

Der Grogoch hatte sich geräuspert, und Rian wandte sich ihm zu. Ohne die Prinzessin anzusehen, zwirbelte er an seinen Haaren.

»Ich … ich möchte einen Vorschlag machen«, sagte er. »Es gibt da etwas, das ich schon eine Weile tun wollte, wozu ich aber nicht gekommen bin. Ich weiß nicht, ob dir jemand von Hyazinthe erzählt hat …« Er sah kurz zu Pirx, der die Augen verdrehte.

Rian schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Wer ist das?«

Die Prinzessin hatte den Eindruck, dass Grog im Gesicht eine Spur dunkler wurde, doch unter seinem dichten Haar war das schwer zu erkennen.

»Sie ist eine Wassernymphe, eine gute Freundin von mir aus meinen jüngeren Tagen«, antwortete er mit leichter Verlegenheit in der Stimme. »Sie war mit uns auf Sizilien in der Höhle der Skylla gefangen, und nachdem wir sie befreit haben, hat sie mir gesagt, dass ich etwas bei ihr gut hätte. Na ja, eigentlich war es ja Nadja, die dafür gesorgt hat, dass alle Überlebenden da rauskamen, aber … Hyazinthe wusste das nicht, und Nadja hätte sicher nichts gegen den Gefallen einzuwenden gehabt, den ich mir erbeten habe.«

Rian schmunzelte unwillkürlich. Es kam nicht oft vor, dass sie den gesetzten und ruhigen Grog einmal verlegen erlebte. Anscheinend war diese Hyazinthe mehr als nur eine »gute Freundin« gewesen. Wenn man das Wesen der Nymphen bedachte, war das vielleicht nicht einmal besonders verwunderlich.

»Was für ein Gefallen war das denn?«

»Ich habe sie aufgefordert, sich ein wenig umzuhören. Ich meine, ein ›Quell der Unsterblichkeit‹ klingt doch wie etwas, von dem Wasserwesen eigentlich wissen müssten, oder? Also erschien es mir naheliegend, sie darum zu bitten. Und sie hat mir kürzlich mit der Hilfe eines Wasserflohs mitteilen lassen, dass sie etwas herausgefunden hat. Durch die Aufregung um Talamhs Entführung bin ich noch gar nicht dazu gekommen, mit ihr in Verbindung zu treten und sie zu fragen, was es ist. Sie wollte eigentlich, dass ich persönlich vorbeikomme, aber das wäre in letzter Zeit ja schlecht möglich gewesen.«

Rian nickte. »Und du denkst, wir sollten sie aufsuchen? Weißt du denn, wo sie zu finden ist?«

»Der Wasserfloh hat mir ein Haar von ihr gebracht. Damit kann ich direkt ein Tor zu ihr öffnen.« Er griff unter sein langes Haar und förderte eine dünne Kette zutage, an der etwas hing, was sich wand und schillerte wie ein Wasserfaden im Wind.

»Gut. Einen Versuch ist es in jedem Fall wert«, entschied Rian. »Gehen wir.«

»Oh«, sagte Rian, als sie die mit braunen Blättern behangenen Zweige der Trauerbuche beiseiteschob und auf das raureifbedeckte Gras hinaustrat. »Deine Nymphe lebt nicht schlecht.«

»Das sind nicht die Schwarzberge«, sagte Grog verdutzt.

»Das ist nicht mal mehr das Hoheitsgebiet der Crain, sollten wir von hier in die Anderswelt wechseln«, stellte Pirx fest. »Aber nebenan liegt immer noch Earrach, das kann ich spüren.«

»Ich glaube, wir sind in Deutschland«, murmelte Rian.

»Woran willst du das denn erkennen?«

»Ich weiß nicht … Diese Art der Bepflanzung … der Baustil … Erinnert euch das nicht an unsere Suche von damals, nach dem Quell der Nibelungen?«

»Hu, erwähne bloß nicht den Alberich!« Pirx schüttelte sich.

Das Tor hatte sie unter die glockenartig geformte Krone des Baumes geführt, dessen geneigter Stamm sich an einer Seite der von den Ästen gebildeten Höhle befand. Die Buche stand inmitten eines Parkgeländes, das auf der Seite, an der Rian hinaussah, an einem Flussufer endete. Nur ein selbst im winterlich trüben Abendlicht hell schimmernder Kiesweg und ein breiter Streifen raureifbedeckten Rasens trennten sie von dem Wasser.

Auf der anderen Seite erstreckte sich ebenfalls ein Park, an dessen Ufer Bäume und eine dichte Hecke im Sommer die Blicke aufhielten. Nun aber waren die meisten Zweige kahl, und zwischen ihnen hindurch erkannten die Gefährten in etwa hundert Metern Entfernung vom Ufer ein breites Herrenhaus aus hellem Stein, das mit Fug und Recht als Schloss bezeichnet werden konnte. Eine Fahne wehte über dem hervorragenden kuppelartigen Dach des Mittelteils, der vermutlich den Treppenaufgang beherbergte. Unzählige Schornsteine reihten sich auf dem lang gestreckten Dachfirst auf und deuteten darauf hin, dass es eine nicht kleine Anzahl zu heizender Räume darunter gab.

Rian zählte an den Seitenflügeln fünf Fensterreihen übereinander, während in der Mitte die zweite Reihe von unten fehlte und die darunter liegenden dafür hohe Fenstertüren waren. Davor lag ein ausladender Balkon mit schmiedeeisernem Geländer. Rian stellte sich in Gedanken den Saal dahinter vor. Sicherlich waren dort unter vergoldeten Stuckverzierungen und Kandelabern, erhellt durch Spiegel und Wandleuchter und unter den Augen gemalter Herrscher oder Sagengestalten, einmal rauschende Feste gefeiert worden, die denen im Baumschloss der Crain nahekamen.

Den Festen aus den Tagen vor der Zeit … Jetzt ist dort niemandem mehr zum Feiern zumute.

Neben Rian raschelte trockenes Laub und riss sie aus ihren Gedanken. Pirx und Grog schlüpften ebenfalls durch die Zweige, duckten sich unter einem niedrigen Abspanndraht hindurch und traten auf den Weg. Mit neugierig blitzenden Knopfaugen sah der Pixie sich um, während Rian ihnen folgte, allerdings über den Draht hinwegstieg.

»Und wo ist deine Nymphe nun?«

Der ältere Feenkobold hob den Wasserfaden und beobachtete die Richtung, in die er sich neigte. »Dort drüben irgendwo«, stellte er fest und deutete zum Fluss.

Pirx beäugte das schnell fließende Gewässer misstrauisch. »Doch hoffentlich nicht da drin? Ich habe in letzter Zeit keine guten Erfahrungen mit Wasser gemacht. Schon gar nicht, wenn es so kalt ist und so schnell fließt.«

Grog zog den Kopf ein wenig ein, als würde auch er den Gedanken nicht sonderlich mögen.

»Nein, ich denke, sie ist auf der anderen Seite, irgendwo in dem Park«, antwortete er. »Quellnymphen wie sie mögen lieber ruhigere Gewässer oder zumindest nicht so breite und tiefe.«

»Das da sieht doch nach ’ner Quelle aus.« Pirx deutete ein wenig flussaufwärts, wo zwischen hohen Bäumen ein schlanker schmaler Pavillon aus hellem Stein stand. Aus einem Felsenloch darunter ergoss sich Wasser in den Fluss.

Grog runzelte die Stirn und konsultierte seinen Faden. »Die Richtung stimmt nicht ganz. Aber es ist ein Anfang. Ich schlage vor, wir gehen erst einmal rüber. Da unten scheint mir eine Brücke zu sein.«

Rian nickte, und sie folgten dem Kiesweg am Fluss entlang. Zwischenzeitlich wurde der Blick zur anderen Seite nur noch von einer niedrigen Hecke auf ihrer Flussseite eingeschränkt, und sie erkannten, dass vor dem Gebäude Rabatten mit Blumen und Buchsbaum angelegt waren. Selbst im Winter übte die Anlage mit ihrer Mischung aus geometrischen Pflanzungen und lediglich moderat getrimmter Natur einen unbestreitbaren Reiz aus.

Sie überquerten die Brücke. Rian hauchte einem Stöckchen ein wenig Elfenmagie ein, um das Schloss des schmiedeeisernen Tores auf der anderen Seite zu öffnen. Schnell schlüpften sie hindurch, obwohl es ohnehin unwahrscheinlich war, dass sie beobachtet wurden. Wohin Rian auch blickte, sie konnte keinen Spaziergänger ausmachen – was sie aufgrund des bedeckten Himmels, der einbrechenden Dunkelheit und der Winterkälte auch nicht verwunderte.

Auf der anderen Seite folgten sie erneut dem Ufer, bis sie zwischen die Bäume traten und schließlich den Pavillon erreichten. Zwischen den vier Säulen, die ein quadratisches Spitzgiebeldach trugen, konsultierte Grog erneut seinen Faden.

»Da lang«, sagte er und wies in die Richtung, in die auch der Weg führte, der von dem Pavillon weg zwischen den Bäumen verlief. Er führte auf ein kleines steinernes Häuschen zu, das neben dem Herrenhaus stand und Teil einer runden Absperrung aus Flechtwänden war.

Immer wieder warf Rian kurze Blicke zur Seite, wo hinter einigen Bäumen die Rabatten und ein kleeblattförmiger Brunnen mit einem Kunstfelsen in der Mitte zu erkennen waren. Doch selbst sie hatte inzwischen das Gefühl erlernt, zu wenig Zeit zu haben, und es plagte sie im Moment. Sie hatte wenig Lust, die Nacht im Park zu verbringen. Außerdem: Wer wusste schon, wo die Nymphe sie hinschicken würde?

Das Häuschen hatte mit Jalousien verschlossene große Fenster wie eine geschlossene Eintrittskartenbude oder ein Souvenirladen. Auf seiner anderen Seite ging die Absperrung in das schmiedeeiserne Gitter über, das den ganzen Park einzuzäunen schien. Auch dort gab es ein Tor, und dahinter sahen sie eine in einem weiten Kreis geführte steinerne Brüstung sowie eine Treppe, die hinunter zu dem führte, um das diese Brüstung errichtet worden war. Jenseits des Kreises stand auf einem eingefügten Sockel eine Statuengruppe, und daran anschließend erhob sich eine Mauer aus rotgrauem Stein, direkt an den Felsen herangebaut. Oberhalb der Mauer sah Rian eine in Gelb und Weiß gestrichene Kirche mit zwei Türmen, die kunstvoll geschwungene Zwiebeldächer mit Türmchenspitzen aufwiesen.

Erneut hob Grog den Faden und zeigte wortlos in Richtung des Kreises. Rian öffnete das Tor, und sie traten an die Brüstung und schauten hinunter. Den größten Teil des tiefer liegenden Bereiches nahm ein kreisrundes Wasserloch ein, in dem vom sandigen Boden stetig kleine Luftperlen aufstiegen. Die Pflanzen im klaren Wasser wiegten sich in der leichten Strömung auf den vergitterten Abfluss zu. Münzen glitzerten dazwischen, Pfänder für die Wünsche der Leute, die hierhergekommen waren und einer Magie gefolgt waren, an die sie doch nicht glaubten.

Wenn Bandorchus Pläne aufgehen, wird ihnen allerdings bald nichts anderes mehr übrig bleiben. Zwischen Brüstung und Wasserloch war ein Weg, zu dem die Treppe hinunterführte. Ein Gitter umgab die Mauern, die das Wasser einer Zisterne gleich in ihrem Rund hielten. Rian, Grog und Pirx stiegen hinab und lehnten sich gegen das Gitter, um in das Wasser zu starren.

»Hyazinthe?«, fragte Grog leise. »Bist du da?«

»Hier unten«, klang eine hohle Stimme von seitlich unter ihnen.

Rian beugte sich weiter vor und ließ ihren Blick suchend über das Wasser schweifen. »Wo?«

»Wer ist da bei dir?«, fragte die Stimme.

»Nur Prinzessin Rhiannon und Pirx«, antwortete Grog.

»Prinzessin Rhiannon? Welch hoher Besuch! Wartet, da muss ich mich zuerst entsprechend herrichten.«

»Nicht nötig, ich bin nicht offiziell hier!«, wehrte Rian nervös ab.

»Warum bist du nicht in den Schwarzbergen?«, fragte Grog.

»Nicht in diesen Zeiten. Bandorchu hat sie besetzt.«

Etwas schillerte am Ausfluss, als hätte jemand Silberflitter in das Wasser geschüttet, der sich jedoch entgegen der Strömung verteilte. Es trieb auf die Stelle zu, an der sie standen, und schließlich formte es sich zu einer Gestalt, die sich aus dem Wasser erhob. Sie verneigte sich vor Rian, übersah Pirx und wandte ihre wasserblauen Augen zu Grog. Lächelnd hob Hyazinthe eine Hand, um ihm durch das Gitter hindurch über das Haar zu streichen. »Da bist du ja, mein Grog. Ich habe mich schon so danach gesehnt, dich wiederzusehen …«

Sie zog sich auf die Steinplatte hoch, die unter dem Ausfluss aus der Mauer ragte, und lehnte sich mit laszivem Augenaufschlag zurück. Grog folgte ihr am Gitter entlang. Als er sie erreichte, schob sie den Kopf hindurch und tauschte einen Kuss mit ihm, der Pirx sich die Mütze herunterreißen und vor das Gesicht halten ließ.

»Ah, Hyazinthe«, murmelte Grog und strich durch das Gitter über ihre Wange, »ich wäre gerne früher gekommen …«

»… aber im Moment sind die Dinge etwas angespannt, und wir haben nur wenige Gelegenheiten für Vergnügungsausflüge übrig«, ergänzte Rian ungeduldig. »Grog sagte, du hättest etwas gefunden, was uns weiterhelfen könnte?«

Die Wassernymphe zog einen Schmollmund, bei dem selbst Rian anerkennen musste, dass er geeignet war, jeden Mann schwach werden zu lassen. Doch sie hatten keine Zeit für solche Spielereien.

Keine Zeit … Was zeigt die Veränderungen klarer auf, als dass ich so etwas denken kann?

»Ich habe da etwas in den Kalksteinkanälen säuseln hören.« Hyazinthe rekelte sich auf dem Steinabsatz. »Meine Cousine Melausina hat mir den Unterschlupf hier vorgeschlagen. Sie und ich streifen manchmal gemeinsam durch die Höhlen. Der Boden ist löchrig wie ein Schwamm, wunderbar für Streifzüge in jede Richtung und vor allem sehr gut, um den Häschern zu entkommen. Ihr wisst schon, wessen Handlanger ich meine.« Sie sah Rian und die anderen bedeutungsvoll an.

»Bandorchu und der Getreue«, sprach Rian die Gedanken aller aus und musterte die Umgebung. »Sind sie immer noch hinter euch her?«

Die Wassernymphe hob die Schultern. »Wer weiß, Hoheit, aber wie sagt man? Vorsicht ist die Mutter der Eiskristallkleider. Jedenfalls, um auf das Eigentliche zurückzukommen … Puh, ist das kalt.« Die Wassernymphe rieb ihre Oberarme und schob ihren wässrigen Körper ein Stück durch das Geländer hindurch, um sich an Grog anzuschmiegen, der sofort die Arme schützend um sie schloss. Die direkte Verbindung mit dem Wasser verlieh ihr eine magische Stärke, wie sie ihr in der Gefangenschaft nicht zur Verfügung gestanden hatte. Normalerweise konnte kein Gefängnis sie halten – ebenso wenig wie man Wasser in einem Sieb halten konnte.

»Ich habe Melausina wegen dieser Sache mit dem Quell gefragt«, fuhr die Nymphe mit einem zufriedenen Lächeln fort. »Sie meinte, wenn jemand etwas dazu wissen könne, dann sei es Eigigu.«

Rian wartete, während die Nymphe sich tief in Grogs dichtes Haarkleid kuschelte, doch es kam nichts mehr.

»Eigigu?«, fragte die Prinzessin schließlich.

»Ja, Eigigu. Die Frau im Mond. Die weiß so ziemlich alles, sagt man, weil sie alles beobachten kann.«

»Frau im Mond?« Pirx kicherte. »Davon habe ich noch nie gehört.«

Die Nymphe musterte den kleinen Pixie. »Warst du Knirps denn überhaupt schon mal in Eas?«

»Ah … Eas …« Grogs Ausruf hatte etwas Schwärmerisches.

Hyazinthe sah lächelnd zu dem Grogoch auf. »Wir könnten dort einmal miteinander schwimmen gehen.«

»Schwimmen?« Er schüttelte sich, und ein paar Tröpfchen von Hyazinthes Wasser flogen durch die Luft. »Nein danke. Aber die Strände …« Er seufzte.

Rian runzelte die Stirn. »Ich habe auch niemals von dieser Eigigu gehört. Wer und was ist sie?«

»Eigigu ist eine Menschenfrau von der Insel Nauru«, berichtete Hyazinthe. »Sie kann ziemlich gut mit Magie umgehen. Die haben da unten nie viel von der Trennung der Reiche gehalten, und das hat auch die Menschen verändert. Jedenfalls hat sie es geschafft, schon als Kind in unsere Welt zu wechseln. Dabei konnte Eigigu Enibarara helfen, der Königin von Naora, und später hat sich einer von Enibararas Söhnen in sie verguckt – ausgerechnet der schüchterne Maramen, der lieber im dortigen Mond sitzt, als mit anderen zusammen zu sein. Der jungen Frau war es recht, weil sie sich gerade wegen irgendetwas mit ihrer Mutter überworfen hatte, und so ist sie mit ihm auf den Mond gegangen. War wohl auch eher eine Eigenbrötlerin.«

»Und sie könnte etwas wissen?«

Hyazinthe zuckte die Achseln. »Sie lebt seit Jahrhunderten über Eas, dem Land der Fallenden Wasser, und sieht alles. Wenn jemand etwas über einen Quell der Unsterblichkeit weiß, dann sie. Sie hat ja den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als zuzuschauen. Also für mich wäre das nichts.«

Mit ihren langen Fingern kraulte Hyazinthe Grogs Nacken und sah ihren ehemaligen Gefährten erfreut an. Der alte Kobold neigte sich herunter, und sie tauschten einen weiteren Kuss aus, bei dem sich Pirx’ sämtliche Stacheln aufstellten; seine Nase zuckte.

Rian seufzte und musterte die Umgebung. »Und wie kommen wir jetzt von hier nach Eas?«, murmelte sie.

»Da kann ich euch helfen«, verkündete Hyazinthe mit einem Timbre in der Stimme, das verriet, dass sie gerne noch bei ganz anderen Dingen geholfen hätte. »Melausina teilte es mir mit, weil sie selbst häufiger dorthin geht. Wie gesagt – wenn es kalt wird, begibt sich unsereins gerne auf Verwandtenbesuch in wärmere Gefilde.« Als sie lächelte, zauberte das vergehende Abendlicht glitzernde Tröpfchen auf ihre Zähne. »Familie kann etwas sehr Praktisches sein, auch wenn sie einem manchmal auf die Nerven geht.«

Rian lächelte schief. Über Familienprobleme musste die Nymphe ihr nichts erzählen. »Also müssen wir Melausina aufsuchen? Wo finden wir sie?«

»Im Moment treibt sie sich wohl in einer Quelle herum, die auch mit dem Fluss hier in Verbindung steht. Die Menschen nennen sie Blautopf. Aber ihr müsst da gar nicht hin. Sie hat mir etwas dagelassen für den Fall, dass ich plötzlich wegmuss.« Hyazinthe zögerte kurz, ehe sie ein kleines schillerndes Schneckengehäuse aus ihrem Haar zog und in Grogs Hand drückte. »Geht damit zu einem fallenden Wasser. Ein wenig nördlich gibt es eines, das ist geeignet. Ich würde euch ja durch das Wasser hinbringen, denn auch die Quelle dort mündet am Ende in diesen Fluss, aber ich glaube, mein Groggelchen wäre da nicht so begeistert.« Sie griff an Grogs Ohr und kitzelte es.

»Groggelchen«, wiederholte Pirx kichernd und bekam dafür von dem älteren Kobold einen Klaps auf den Hinterkopf. »Autsch!«

»Wir werden es schon finden, denke ich«, sagte Rian. »Du weißt nicht zufällig, wo hier eine Tankstelle ist? Da können wir vielleicht erfahren, wo wir hinmüssen.«

Die Nymphe bekam große Augen. »Eine … was?«

Rian winkte ab. »Vergiss es. Menschenkram. Aber manchmal recht nützlich.« Ihr Blick folgte der Treppe, die von dem Platz um die Quelle herum nach oben führte, wo sie schon zuvor den Kirchturm gesehen hatte. Mit einem Ruck schob sie ihre Reisetasche wieder auf den Rücken. »Gehen wir einfach ein wenig unter Menschen. Es wird sich schon etwas finden.«

Und es fand sich etwas.

Nahe der Donauquelle befand sich ein Restaurant, in dem Rian für sich und die für Menschen unsichtbaren Kobolde einen großen Salatteller bestellte. Bei der Gelegenheit erkundigte sie sich nach den Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Die Bedienung erzählte, dass es nicht allzu weit entfernt unter anderem den Triberger Wasserfall gäbe. Während Pirx sich schmatzend an den auf anderen Tischen zur Dekoration ausgestellten Blumen bediente, setzte sich ein junger Mann an Rians Tisch und erbot sich, ihr all das persönlich zu zeigen, was die Bedienung aufgezählt hatte.

»Zu dieser Jahreszeit bieten die Wasserfälle im Mondschein einen wunderschönen Anblick«, versprach er und lächelte Rian verheißungsvoll an. »Die Kälte lässt überall Eiszapfen entstehen, die auf bizarre Weise schön sind, besonders wenn sie im Mondlicht leuchten. Man könnte fast glauben, man sei in einer anderen Welt. Und genauso schön ist es, wenn man sich danach in einer warmen hellen Stube bei einem heißen Tee mit Rum wieder aufwärmt.« Er zwinkerte und tastete nach Rians Hand.

Die Elfe erwiderte sein Lächeln. »Das würde ich wirklich gern sehen.«

Die Fahrt dauerte nicht allzu lange, und es war den Kobolden ein Leichtes, dafür zu sorgen, dass der junge Mann unterwegs einen plötzlichen Harndrang verspürte, der ihn in den Wald trieb und dort eine Weile festhielt. Rian, Pirx und Grog folgten dem Weg vom Parkplatz in den Forst hinein.

Es war eine klare Nacht, deren Kälte über dem Duft der Tannen den Geruch nach Schnee mit sich trug. Raureif glitzerte auf dem geteerten Weg, und in der wind-stillen Luft war das Rauschen des Wassers bis weit in den Wald hinein zu hören. In flachen Windungen ging der Weg bergab und brachte die Besucher aus der Anderswelt zu einer Holzbrücke, die über den in Stufen den Fels hinabstürzenden Bach führte. Das Rauschen des Wassers hatte sich zu einem Tosen gesteigert. Rian ging bis zu der Stelle, an der die Brücke etwas abknickte, ehe sie zum gegenüberliegenden Ufer führte, und sah fasziniert nach oben.

Genau so hatte der junge Mann es geschildert: Das Wasser hatte in einer breiten Bahn den blanken Fels freigelegt, und überall, wo es nicht über die Kanten und Steine hinab in das Tal tobte, waren die Spritzer an den Felsen zu einem dicken Eispanzer gefroren. Armdicke Eiszapfen und schlanke, teilweise dicht aneinandergereihte Türme schimmerten silbern im Mondlicht.

Grog brachte das Schneckenhaus zum Vorschein und winkte damit. »Im Wasservorhang kann ich hiermit ein Tor nach Eas öffnen«, sagte er, als Rian sich zu ihm herunterbeugte. »Hyazinthe hat es mir genau erklärt. Hier unten geht es nicht, weil das Wasser nicht frei fällt. Wir müssen dorthin!« Er zeigte nach oben, wo das Wasser unter einer anderen Brücke hindurchfloss und senkrecht in ein Becken stürzte, aus dem es sich dann über die steile Felsschräge vor ihnen hinunter ergoss.

Rian nickte und deutete auf die andere Seite. Der Weg ging dort weiter bachaufwärts. »Da entlang.«

Ein Stück weit konnten sie ihm folgen, doch er näherte sich dem Bachlauf nicht ausreichend. So kletterten sie schließlich über das Geländer, rutschten über halb vereiste schlammige Erde und schritten über vom Wasser schlüpfrigen und vereisten Fels vorsichtig auf das Becken zu. Dicht an die Felswand gedrückt, balancierten sie an seinem Rand entlang – und jeder Stein, den sie passierten, brachte sie ihrem Ziel näher. Sprühnebel hing überall in der Luft, drang durch die Kleidung und legte sich klamm auf die Haut. Allmählich setzte die Kälte Rian zu.

Schließlich standen sie so dicht am fallenden Wasser, wie es überhaupt möglich war. Rian beugte sich zu Grog hinunter. »Kannst du es von hier aus versuchen?«

Der Kobold hob die Meeresschnecke an und spähte darüber hinweg zum nahen Wasservorhang. »Ich denke, schon.«

»Gut. Falls es klappt, müssen wir eben das letzte Stück springen.«

Nur ein kurzes Heben und Senken von Grogs Oberkörper verriet seinen tiefen Seufzer. Er war kein Freund von Wasser, und der Sprung in dieses ungeliebte Element konnte ihm nicht behagen. Doch er hob ergeben das Schneckenhaus und ließ es in einer größer werdenden Spirale kreisen, während er Worte murmelte, die vom Tosen des Wasser übertönt wurden.

Rian warf einen Blick zurück zu der Brücke, von der aus sie den Wasserfall betrachtet hatten. In dem Winkel, der dem Wasserfall am nächsten war, stand der junge Mann, der sie hergebracht hatte, und winkte aufgeregt mit den Armen. Rian lächelte ihm zu und winkte zurück.

»Fertig!«, rief Grog in diesem Moment. Ein sanfter, bunter Schimmer ging vom Schleier des Wasserfalles aus, als würde sich Licht von der anderen Seite der Weltengrenze darin brechen.

»Dann los!«, rief Rian. »Bevor es sich wieder schließt.«

Mit einem Juchzen nahm Pirx Anlauf, sprang und kugelte sich im Lauf zusammen, ehe er in den Wasservorhang einschlug und verschwand. Grog zögerte, bis Rian ihm einen sanften Knuff in den Rücken gab. Dann sprang auch er hinein.

Rian musste keinen Anlauf nehmen; was für die Kobolde eines Sprungs bedurfte, war für sie kaum mehr als ein Schritt. Noch einmal winkte sie dem jungen Mann zu, der mit vor dem Mund zu einer Röhre zusammengelegten Händen etwas rief. Dann wagte sie den Satz in das eiskalte Wasser.

2 Spione!

Der Ruf gellte in Rians Ohren, während sie noch das Wasser aus ihren Augen wischte. Die Kälte war schlagartig durch eine schwüle Wärme ersetzt worden, die der Elfenprinzessin die Luft aus der Lunge trieb.

»Verräter!«, bellte die Stimme erneut in einer Sprache, die voller weicher Laute und Vokale war. Rian spürte etwas Spitzes auf ihrer Haut, während sie blinzelnd versuchte, das Wasser loszuwerden und aus den vielen bunten Farbflecken um sie herum ein Bild zu gewinnen. »Spione der Abtrünnigen! Bringt sie zum König! Bringt sie zu Yacowie!«

Ein vielstimmiges Heulen erhob sich, und Rians Arme wurden grob nach vorne gerissen. Eine Schlinge aus Bast wurde über den ledernen Handschuhen um ihre Handgelenke zugezogen, und jemand stieß sie von hinten vorwärts, während vor ihr die Speerspitzen wichen und einer der Maskierten an der Schlinge zog.

»He, was soll das?«, protestierte sie und versuchte, unter den sie umgebenden Maskengesichtern eines auszumachen, bei dem sie ihren Einspruch anbringen konnte.

Doch überall begegnete sie nur kalten Blicken hinter den winzigen Schlitzen der Masken. Es waren riesige, mit bunten Streifen, Punkten und Spiralornamenten übersäte Kunstwerke , die von den Gesichtern ihrer Träger bis fast zum Boden reichten und ihr wahres Aussehen verbargen. Lange strohige Fasern und Federn hingen ringsherum an den Rändern der Holzovale und bedeckten die Hinterköpfe und Rücken der Wesen bis hinunter zu den dichten Baströcken, was es fast unmöglich machte, sie einem Volk zuzuordnen.

»Was wollt ihr von uns?«, begehrte Rian auf, während die Gestalten um sie in einen leichten Trab fielen. Gnadenlos zerrten und stießen sie sie einen Tunnel entlang. »Wir sind nicht einmal von hier! Wir sind aus Earrach …«

»Spar dir deinen Atem für den König«, klang es hohl hinter einer der Masken hervor. »Vielleicht glaubt der dir.«

Ein guter Rat, denn der feuchte Wollmantel sorgte zusammen mit der schwülwarmen Luft dafür, dass Rian um jeden Atemzug kämpfen musste. Meter um Meter trieben ihre Entführer sie scheinbar sinnlos gewundene Gänge entlang durch den Höhlenbau. Überall lauerten weitere Gestalten in dunklen Nischen. Manche trugen kleinere runde Versionen der großen Masken, andere hatten Nachbildungen von Tiergesichtern auf dem Kopf oder den dunklen Körper mit hell leuchtenden Streifen, Flächen und Punkten verziert. Während sie an Rian vorbeihasteten, stimmten sie alle ein trillerndes Geheul an. Zu allem Übel rutschte ihr Reisesack immer weiter von ihrer Schulter und glitt schließlich bis in ihre Armbeuge hinunter.

Besorgt blickte Rian sich immer wieder nach Grog und Pirx um. Sie konnte lediglich sehen, dass zwei Maskierte in einem Netz an einem Speer etwas hinter ihr und ihren Bewachern hertrugen. Die Maschen des Netzes kamen ihr allerdings zu weit vor, als dass sie Pirx hätten halten können. Insofern hatte sie noch Hoffnung, dass zumindest der Pixie entwischt sein mochte. Sein Auftauchen musste ihre Häscher überrascht haben, und vielleicht war es ihm gelungen, unbemerkt wegzuhuschen.

Als Rian bereits zu keuchen begann, endete der Gang endlich in einem großen, von dumpfem Rauschen erfüllten Höhlenraum. Von der gegenüberliegenden Seite fiel durch einen ständig in Bewegung befindlichen Vorhang aus fallendem Wasser milchig helles Licht herein, das von vielfarbigem Schimmern durchsetzt war. Davor zeichneten sich die schwarzen Umrisse weiterer Gestalten ab, teils stehend, teils kauernd. Sie hielten Speere und Schilde in den Händen, waren mit Federn sowie klappernden Plättchen aus Holz und Knochen behangen und mit Baströcken oder auch nur schlichten Lendenwickeln bekleidet. Rian kniff die Augen zusammen, um gegen das Licht besser sehen zu können, doch sie erkannte nicht genug, um die Wartenden bestimmten Wesen oder Völkern zuzuordnen. In der Mitte des Vorhangs stand zwischen den Gestalten ein großer Holzstuhl mit schmaler Lehne, der mit bunten Federn, glitzernden Perlen und Muschelschalen reich geschmückt und mit weichen Daunen ausgepolstert war.

Rians Gruppe blieb in der Mitte der Höhle stehen. Das Netz wurde neben ihr am Boden abgesetzt und der Speer herausgezogen, während Rian mühsam ihre Tasche wieder auf die Schulter schob. Als das weitmaschige Netz zu Boden fiel, kam Grogs Körper zum Vorschein. Der Kobold lag reglos da.

Ungeachtet ihrer Wächter wollte Rian zu dem Freund, doch plötzlich klackerte etwas zwischen ihnen über den Fels. Erschrocken zuckte sie vor dem Ding zurück, das wie ein auf einen Krebs aufgesetzter Totenschädel wirkte und bei jedem Schritt seiner dünnen harten Beine ein Klacken hervorrief. Es regte sich dabei so schnell, dass seine Bewegungen wie ein leiser hoher Trommelwirbel klangen. So unvermittelt, wie es aufgetaucht war, verschwand das Wesen allerdings in einer dunklen Nische.

Als Rian wieder aufsah, war der Stuhl vor dem Vorhang nicht mehr unbesetzt.

»Wen bringt ihr mir da?«, erklang eine hohe, hohle Stimme. Der Umriss des Wesens, das auf dem Stuhl thronte, zeigte hohe runde Schultern, über denen ein schmaler Kopf aufragte. Kleine Augen glitzerten aus dem ansonsten nicht erkennbaren Gesicht, über dem eine Krone aus hohen schmalen Federn aufragte.

»Fremde, die versuchten, ohne die Puripuri-Zeichen durch das Wassertor in die Festung einzudringen, Yacowie«, antwortete einer der Wächter.

»Ah!«, sagte der Mann auf dem Thron zischend. »Bestimmt Spione von dem widerlichen Verräter Bangarra! Bringt sie zu den Krokodilen!«

Rian straffte die Schultern. »Wer auch immer euer Bangarra ist, ich habe nichts mit ihm zu tun«, protestierte sie mit eisiger Stimme. »Ich bin Rhiannon von den Sidhe Crain und von königlichem Geblüt. Als Prinzessin von Earrach bin ich eine derartige Behandlung nicht gewohnt. Hört endlich auf mit diesem Unsinn und lasst mich frei!«

Ein hohes Kichern erklang. »Prinzessin von Earrach. Das ist gut. Und warum sollte es dich hierher verschlagen, mitten in meinen Höhlenbau? Nein, ihr werdet seltsame Fische sein, mit toter weißer Haut, und ich bin sicher, Bangarra hat euch irgendwo aus den Tiefen von Wasser oder Erde aufgetrieben, um euch für seine Zwecke zu benutzen.«

»Ich bin auf einer Suche, die für uns alle wichtig ist …«

»Ah ja? Auf der Suche nach was? Der Perlmuttkammer mit meinen Schätzen? Der Haut der Regenbogenschlange, die unser Heim vor Eindringlingen wie euch beschützt? Was wolltest du stehlen? Was für einen Auftrag hat Bangarra dir und deinem haarigen Helfer gegeben?«

Es wurde Rian zu viel. »Schluss mit dem Schmierentheater!«, forderte sie mit einer heftigen Bewegung ihrer gefesselten Hände. Nachdem sie nicht angemessen angeredet wurde, sah sie keinen Grund, das ihrerseits zu tun. »Ich spreche die Wahrheit, und wenn du mir nicht glaubst, fordere ich eine Probe! Du hast kein Recht, mich und meinen Begleiter einfach zu verurteilen, ohne dass wir die Wahrheit unserer Worte beweisen können!«

»Eine Probe.« Der Kopf der Herrschers bewegte sich ruckartig. »Das klingt nicht dumm. Eine Probe ist immer interessant.« Einen Moment schwieg Yacowie. »Also gut«, verkündete er schließlich. »Wir behalten deinen langhaarigen Freund hier, während du drei Aufgaben für mich erledigst. Kommst du nicht innerhalb einer gesetzten Zeit zurück, verfüttern wir ihn an die Krokodile. Wobei wir ihn vielleicht vorher scheren sollten; das viele Haar läge den armen Tieren nur schwer im Magen, und ich könnte mir eine Matte daraus flechten lassen.« Er kicherte.

»Einverstanden«, sagte Rian. »Stelle mir deine Aufgaben und lass mich frei.«

Der König schob sich von seinem Stuhl und kam in einem Watschelgang auf Rian zu. Endlich konnte sie ihn besser sehen, und sie erkannte, dass das, was sie für ausladende Schultern gehalten hatte, in Wirklichkeit ein kreisrunder Panzer war, der Yacowies Rücken bedeckte und an der weicheren Wulsthaut vor Bauch und Brust angewachsen war. Der König, der ihr nur etwa bis zur Brust reichte, steckte in einem Schildkrötenpanzer, und ledrige graue Faltenhaut mit einer Musterung aus großen dunkelroten Flecken bedeckte seinen schmalen Hals, den flachen Kopf und seine aus dem Panzer ragenden Glieder. Arme und Beine endeten in ausgefransten Paddeln, die ihm jedoch recht gut als Hände und Füße zu dienen schienen. Er hob eines seiner Armpaddel und legte einen fingerartigen Auswuchs an Rians Brustbein.

»Ich werde dir was sagen, stolze Prinzessin aus dem Grünwiesenland. Denk ja nicht, du könntest dir Tricks mit König Yacowie erlauben. Bangarra glaubt, ich würde alt und ein wenig dumm werden, aber das ist nicht wahr. Mir macht das Altern nichts. Ich bin zäh und mein Kopf so hell wie immer, und falls du wegläufst und deinen Freund im Stich lässt, um zum Feuermacher zu rennen, dann richte ihm das aus! Er ist der Dummkopf, wenn er glaubt, den gewitzten Yacowie verdrängen zu können. Und jetzt folge mir.«

Er ging auf den Gang zu, aus dem sie gekommen waren, und die Masken scharten sich wieder um Rian. Bislang schien niemand der Meinung zu sein, dass man ihr die Fessel abnehmen sollte, doch zumindest zerrten ihre Wärter nicht mehr daran . Sie gingen in einem Tempo, das Rian nicht noch mehr Schweiß auf die Stirn trieb. Abermals blickte sie kurz zurück zu Grog, der bewegungslos dalag, ehe sie erneut in das verwirrende Netz der Gänge eintauchte, den Blick fest auf die Schildpattmuster auf dem Rückenpanzer des Königs geheftet.

Schließlich traten die ungleichen Reisenden auf eine Felsplattform hinaus, von der aus Rian einen atemberaubenden Ausblick über das Land hatte. Unter dem hellen Himmel von Eas breitete sich ein undurchdringliches Blätterdach aus, wie ein smaragdgrünes Meer, das leicht im Wind wogte und kleine Wellen bildete. Beim genaueren Hinsehen war darin eine schlangenartig gewundene dunklere Linie zu erkennen, die auf den Fels zuführte, auf dem sie standen. Rian trat ein wenig vor und folgte der Linie mit ihrem Blick bis zu dem Punkt, an dem die Bäume an einer Klippe endeten. Ein breiter Wasserfall ergoss sich dort aus dem Land heraus in die Tiefe, wo er schäumend auf die Wasser eines saphirfarbenen Meeres traf und darin versank.

Yacowie griff nach der Schlinge um Rians Handgelenke, lockerte sie und streifte sie ab. Dann wies er mit einer Hand über den Wald hinweg.

»Dort drüben, im Herzen des Hohen Waldes, ist der Blaue Fels, auf dem jeden Morgen der Vogel Schandsänger sitzt und sich mit seinem Gelächter über mich lustig macht, während ich meine Morgenruhe suche. Vor acht Tagen habe ich meinen Bumerang Ferntöter nach ihm geworfen, um ihn zu vertreiben. Mein Bumerang ist bis jetzt nicht zurückgekehrt, aber Schandsänger lästert weiterhin jeden Morgen. Weil ich aber Schandsänger nicht treffen, sondern ihn nur erschrecken wollte, hätte mein Bumerang zurückkehren und er weg sein müssen. Also muss jemand den Ferntöter gefangen und gestohlen haben.« Er wandte sich zu Rian und sah blinzelnd zu ihr auf. »Finde ihn und bring ihn zurück. Einen Tag gebe ich dir, danach ist dein Freund Krokodilfutter und sein Haar eine Matte für mein Bett.«

Rian runzelte die Stirn, während sie sich von ihren Handschuhen befreite und die Mütze abnahm. »Ich sehe den Fels nicht einmal«, sagte sie. »Wie soll ich so schnell alles zwischen hier und dort absuchen?«

Yacowies Panzer hob sich, als zucke er die Achseln. »Dein Problem, Tothaut. Aber von mir aus kann ich dir einen meiner Flieger mitgeben.« Er schnippte mit den Fingern, und ein Wächter, der Rian um zwei Köpfe überragte, beugte sich vor und legte seine Maske ab.

Ein mit kurzem dunkelbraunem Fell bedeckter, schon fast mager zu nennender Körper mit vier Armen kam darunter zum Vorschein. Zwei der Arme waren noch dürrer als der restliche Leib, und zwischen diesen und den Beinen des Mannes flatterten dünne, an seinen Seiten angewachsene Hautsegel. Die zwei anderen Arme, die weiter vorne an den Schultern ansetzten, wirkten deutlich muskulöser. Quer über seine Brust war mit weißer und gelber Farbe ein Muster gezeichnet, das fast wie eine kryptische Landkarte wirkte. Die Krallen an seinen kleinen Fußtatzen kratzten über den Stein, als er vortrat, und zwischen hochgezogenen Lefzen blitzten helle spitze Zähne in dem schmalen marderartigen Gesicht mit der kurzen Schnauze auf. Große runde Ohren zuckten darüber, als wollten sie jeden Ton auffangen.

»Ich bin Windreiter, und ich werde dich über die Wipfel tragen«, kündigte der Tiermann mit rauer Stimme an und trat auf Rian zu.

Der Gedanke gefiel der Elfe nicht recht, doch sie hatte keine bessere Idee. Also nickte sie, schälte sich aus ihrem Mantel und rollte die anderen Sachen darin ein. Die dunkelblaue Hose, die sie für das winterliche England ausgesucht hatte, passte zwar nicht unbedingt zum Klima in Eas, war aber immer noch besser als der Mantel; und der Stoff ihrer Bluse war leicht genug, dass der Wind, der zum Meer hin über das Plateau strich, ihr Kühlung verschaffen konnte.

Sie drückte das Bündel einem der Maskierten in die Hand und fuhr durch ihr Struwwelhaar. »Ich denke, es wäre am besten, erst einmal den Schandsänger zu fragen, ob er etwas weiß. Trag mich rüber zu dem blauen Felsen.«

Windreiter trat hinter sie, legte die Arme um ihre Brust und hob sie von den Füßen. Unvermittelt rannte er los, auf den Rand des Plateaus zu, und sprang mit einem Satz über die Kante in die Tiefe. Rian schrie, während die Bäume in rasender Geschwindigkeit näher kamen, doch als der Wind die aufgespannten Flügelhäute aufblähte und ihren Sturz in einen flachen Gleitflug über die Wipfel der Bäume hinweg umwandelte, ging ihr entsetzter Schrei in einen erleichterten Juchzer über.

Für eine Weile vergaß sie die Sorge um Grog und den verschwundenen Pirx und genoss nur das Gefühl des warmen Windes auf ihrer Haut und den Anblick der unter ihr vorbeirauschenden Baumkronen. Irritierte Vögel stoben daraus auf und kreischten und zeterten gemeinsam mit anderen Baumbewohnern hinter ihnen her. Schließlich machte Rian einen bläulichen Schimmer vor sich aus, der sich im Näherkommen zu einem eisblau leuchtenden, hoch über das Blätterdach hinausragenden Felsen verdichtete. Sie sah bunt leuchtende Sprenkel, die in das helle Blau eingebettet waren und darin und darüber kleine Regenbogenschimmer erzeugten.

Windreiter machte einen Bogen und steuerte eine Stelle nahe dem Felsblock an, wo ein Aufwind ihn mit einigen zusätzlichen Bewegungen seiner Flügel wieder aufwärts trug. Der Fels endete in einem unregelmäßigen, glatt geschliffenen Plateau an der Spitze, auf dem Windreiter die Elfe schließlich absetzte und vorsichtig neben ihr landete. Die Glätte des Bodens machte seinen Tatzen sichtlich zu schaffen, und er hielt die Flughäute weiter ausgebreitet.

»Danke, Windreiter«, sagte Rian und musterte den kahlen Untergrund skeptisch. »Und wo ist jetzt dieser Schandsänger?«

Das Tierwesen streckte den Rücken und schüttelte seine Arme aus. »Der Schandsänger ruft nur am Morgen und am Abend. Du wirst auf ihn warten müssen. Windreiter geht so lange jagen. Möchtest du auch etwas?«

Rian schüttelte den Kopf. »Nein danke. Ich sehe mich hier einfach um.«

»Gut.« Windreiter nickte, warf sich vom Fels und verschwand unter dem Blätterdach, von wo erneut ein Schwarm Vögel in die Höhe schoss.

Die Elfe ließ sich auf dem glatten Fels nieder und schaute über das grüne Blätterdach hinweg. Nichts war mehr von dem Uferfels zu sehen, auf dem sie vor Kurzem gestanden hatte. Lediglich dort, wo der Fluss über die Klippenkante stürzte, glaubte sie, die Ahnung eines Regenbogenschleiers auszumachen. Das alles half ihr nicht weiter. Irgendwo zwischen dort und dem Plateau war ein Bumerang verloren gegangen, und sie wusste nicht einmal genau, wie das Ding aussah. Zwar hatte sie einmal in einem Park in Paris einen jungen Mann bei Wurfübungen mit einem solchen gebogenen Holz beobachtet und wusste darüber, was jeder wusste, doch wie Yacowies Exemplar aussah, konnte sie nicht einmal erraten.

»Auf jeden Fall ist es eine Zauberwaffe, denn sonst würde sie wohl kaum diese weite Strecke zurücklegen«, stellte sie leise fest. »Oder aber Yacowie hat mehr Kraft, als man einem Schildkrötenmann zutrauen würde.«

Ein Bumerang flog immer einen Kreis, so viel wusste sie. Und er drehte sich dabei unaufhörlich um sich selbst. Richtig geworfen kehrte er zum Besitzer zurück, wenn das Ziel verfehlt worden war. Für Rian hieß das, dass der Bumerang irgendwo auf einer Bahn abgefangen worden war, die größer war, als sie es überblicken konnte. Somit blieb ihr nur die Hoffnung, dass der Schandsänger – wer und was auch immer das war – es beobachtet hatte und ihr einen Hinweis gab. Und dass er für diese Hilfe nicht zu viel verlangte.

Rian tastete über den glasigen Boden. Das Schimmern der Einschlüsse hatte einen fast hypnotischen Effekt.

»Opal«, flüsterte sie. »In der Menschenwelt würdest du nicht lange durchhalten, schöner Fels.« Sie tätschelte den Stein, als würde er leben, drehte sich dann auf den Bauch und schob sich vorsichtig zur Kante. Es ging so tief hinunter, dass es jemandem, der nicht das Klettern im Baumschloss der Sidhe Crain gewohnt war, hätte schwindeln lassen. Doch Rian war unbeeindruckt; konzentriert musterte sie das Blätterdach unter sich und die aufragende Opalwand, während sie rätselte, wo dieser Schandsänger wohl lebte. Dabei fiel ihr ein Stückchen unterhalb des Plateaus eine Stelle auf, an der die glatte Oberfläche des Steins unterbrochen war. Ein Riss ging quer hinein, von dem Splitter abgebrochen waren. Es war die einzige Stelle, die Wind und Regen nicht glatt geschliffen hatten. Wenn Windreiter wiederkam, musste Rian ihn bitten, mit ihr dorthin zu fliegen, damit sie sich vielleicht ein paar Steine mitnehmen konnte. Sie liebte das Glitzern von Opalen.

Seufzend schob sie sich wieder zurück und stand gerade vorsichtig auf, als plötzlich jemand laut und keckernd hinter ihr lachte. Langsam und vorsichtig, um nicht auf dem glatten Stein auszurutschen, drehte sie sich um.

Ein Vogel saß vor ihr, etwa eine Elle hoch, und musterte sie mit leicht schräg gelegtem Kopf, die weiß gefiederte Brust vorgestreckt und die dunkleren Federn über dem Schnabel vom Wind etwas aufgestellt. Plötzlich reckte er den Kopf hoch, stellte den ebenso wie Rücken und Flügel dunkel gefiederten Schwanz hoch und gab erneut das Lachen von sich, das sie zuvor gehört hatte.

Unwillkürlich musste Rian lächeln. »Bist du der Schandsänger, von dem Yacowie gesprochen hat?«, fragte sie. »Lachst du ihn jeden Morgen aus und ärgerst ihn damit?«

Erneut legte der Vogel den Kopf schräg. »Ist nicht schwer«, sprach er plötzlich krächzend. »Ist nicht schwer, ihn aufzuregen. Ist nicht schwer.« Erneut reckte er den Kopf und lachte.

»Warum tust du es? Warum ärgerst du ihn?«

»Goo-goor-gaga ärgert Yacowie schon, seit Traumzeit sich von Zeit getrennt; und seit Traumzeit sich von Zeit getrennt, wirft Yacowie den Bumerang nach Goo-goorgaga. So muss es sein, so war es immer.«

»Aber in den letzten Tagen war es nicht mehr so, weil jemand den Bumerang gestohlen hat. Hast du eine Ahnung, wer das war?«

Der Vogel neigte den Kopf zur anderen Seite. »Niemand gestohlen. Yacowie wird alt. Kann nicht mehr richtig werfen. Ist alter Knochenbeutel geworden.« Erneut das Gelächter.

»So, wie du auch alt werden wirst, Goo-goor-gaga. Du wirst deine Federn verlieren und zu schwach werden zum Fliegen, und du wirst dich in irgendeine Ecke verkriechen und vergehen. Wir alle werden vergehen, wenn Yacowie seinen Bumerang nicht zurückbekommt.«

Fallende Blätter … Stumme Steine, die einst Uralte Elfen gewesen waren … Weiße Strähnen in Fanmórs Haar …

Rian schüttelte die Gedanken ab.

»Und das alles nicht geschieht, wenn Yacowie bekommt Bumerang zurück?«, fragte Goo-goor-gaga.

Rian senkte den Blick und strich ihre Hose glatt. »Das kann ich nicht versprechen. Aber es gibt mir die Möglichkeit, weiter nach dem zu suchen, was uns heilt. Und ganz sicher kann ich damit einen treuen Begleiter retten.«

»Was ist mit Begleiter? Was passiert?«

»Yacowie will ihn töten und aus seinem Haar eine Matte weben.«

»Matte. Yacowie bekommt kalte Knochen, will warme Matte.« Er lachte. »Yacowie keine Matte, Yacowie kalt, wird Bangarra ihm mit warmem Feuer einheizen. Wir suchen Bumerang. Yacowie zu schwach geworfen, ist an Fels abgeprallt, liegt irgendwo da unten. Wir suchen. Du ihm sagen, er zu schwach für Bumerang. Soll Bangarra König machen. Feuer von Jugend. Hält länger durch.«

»Erst der Bumerang.« Sie drehte sich um und sah über die Kante des Felsens. Es ging in steilen Stufen abwärts zum Blätterdach, und sie hatte beim Flug den Eindruck gewonnen, dass die Bäume dieses Waldes in ihrer Größe dem Baumschloss nicht nachstanden. Alles in allem waren sie also sehr weit über dem Boden, und Windreiter war weggeflogen.

»Goo-goor-gaga kümmert sich um Bumerang.« Kurz flatterte der Vogel mit den Flügeln, dann setzte er sich erneut in Pose und stieß sein Gelächter aus – doch dieses Mal war es so laut, dass Rian sich die Ohren zuhalten musste. Nun verstand sie, wie es möglich war, dass Yacowie den Vogel noch auf der anderen Seite des Waldes hören konnte. Und nicht nur das: Als sie die Hände wieder sinken ließ, vernahm sie eine wilde Kakofonie von Vogelstimmen aus der Tiefe, eine Mischung aus tausendfachem Gesang und Gelächter, das sich wie eine Welle durch den Wald fortpflanzte und schließlich wieder versiegte.

Augenblicke später bewegten sich direkt unterhalb des eisblauen Felsens die Baumwipfel, als herrsche dort ein starker Sturm. Doch was schließlich daraus hervorbrach, war ein riesiger, bunt schillernder Schwarm aus Vögeln aller Größen, Formen und Farben. In stetigem Kreisen um einen gemeinsamen Mittelpunkt stieg er höher und höher, an eine Windhose erinnernd, bis die tobende und tirilierende Wolke aus gefiederten Leibern schließlich das Plateau erreichte, auf dem Rian mit Googoor-gaga stand.