Drei romantische Familien-Sagas: 2100 Seiten Urlaubs-Spannung

Gina Holden

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Inhaltsverzeichnis

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Drei romantische Familiensagas - 2100 Seiten Urlaubsspannung | von Gina Golden

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Copyright

Gezeitenfeuer | von Gina Holden

Prolog

1952 – 53

1967 – 69

1972 – 75

1981

1988 – 89

Epilog

Präriewind | von Gina Holden

August 2004

Teil 1 | 1884 – 1904

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Teil 2 | 1905 – 1918

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Teil 3 | 1919 – 1946

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Teil 4 | 1959

August 2004

Kinder des Glücks | Roman von Gina Holden

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Leipzig, 2010

Drei romantische Familiensagas - 2100 Seiten Urlaubsspannung

von Gina Golden

Der Umfang dieses Buchs entspricht 2156 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Gezeitenfeuer

Präriewind

Kinder des Glücks

Gina Holden entführt ihre Leser in atemberaubende Geschichten voll lebendiger, unterschiedlicher Charaktere. Es sind Familien-Sagas voller Gefühle, Leidenschaft, Dramatik und wilder Romantik.

Mitreißende Romane, der auch die Herzen der Leser entflammen werden.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Gezeitenfeuer

von Gina Holden

In liebevoller Erinnerung an einen schwarzhaarigen Cowboy, der geradewegs durch mein zartes, zehnjähriges Herz geritten kam, um mir Werte wie Freundschaft, Respekt, Loyalität und die Bedeutung von Träumen zu vermitteln . Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen, um eine Geschichte zu schreiben, denn einen Teil meines Herzens hat er damals behalten...

Dieses Buch ist für ihn.

Als Bettina, eine junge Deutsche, ihre Tante im fernen Oregon im Nordwesten der Vereinigten Staaten besuchen soll, ist sie zunächst wenig begeistert von der Vorstellung,  alles hinter sich zu lassen und in einer ihr unbekannten Welt zu leben. Doch bald wird das Mädchen von der faszinierenden Schönheit  und Wildheit jenes Landes und seiner Bewohner gefangengenommen. Immer tiefer dringt sie ein in die Geschichte der Rancherfamilie McCullough, die in den Weiten der Prärie die Coyote Canyon Ranch bewirtschaftet. Bettina ist selbst begeisterte Reiterin und lernt nicht nur über ihre Liebe zu Pferden, sondern auch durch den jungen Rancher Tom McCullough ein Land kennen und schätzen, das ihr bisher so fremd gewesen ist.

Wie das Feuer der Leidenschaft über Generationen hinweg jene Menschen erfüllte und prägte, die auf dieser Ranch lebten und liebten, so wird auch Bettina von diesem einzigartigen Feuer umfangen, das sie nie wieder loslassen wird – auch in ihrem Herzen brennt das Gezeitenfeuer...

In ihrem neuen Roman entführt die junge Autorin Gina Holden ihre Leser in eine atemberaubende Geschichte voll lebendiger, unterschiedlicher Charaktere in einem faszinierenden Land. Es ist eine Geschichte voller Gefühle, Leidenschaft, Dramatik und wilder Romantik.

Gezeitenfeuer – ein mitreißender Roman, der auch die Herzen der Leser entflammen wird!

Dieses Buch ist all den Serien und Filmen gewidmet, die uns als Kinder fasziniert und unsere Phantasie beflügelt haben; die uns dazu brachten, uns in die Sättel wilder Pferde zu schwingen und einen Stetson aufzusetzen, um für immer von Cowboys, Mustangs und weiten Prärien zu träumen...

In liebevoller Erinnerung an einen schwarzhaarigen Cowboy, der geradewegs durch mein zartes, zehnjähriges Herz geritten kam, um mir Werte wie Freundschaft, Respekt, Loyalität und die Bedeutung von Träumen zu vermitteln. Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen, um eine Geschichte zu schreiben, denn einen Teil meines Herzens hat er damals behalten...

Dieses Buch ist für ihn.

Prolog

Cast your eyes to the mountains,

Cast your eyes to the prairie,

when a coyote is howling,

please, remember me!

Richte deinen Blick zu den Bergen, richte deinen Blick auf die Prärie, wenn ein Kojote heult, bitte, erinnere dich an mich – Auszug aus dem Gedicht eines unbekannten Verfassers aus dem 19. Jahrhundert.

Er streckte die Hand aus und berührte sacht den braunen, abgegriffenen Lederumschlag. Ein Familienerbstück, so alt wie diese Ranch; begonnen im Jahr 1861, an dem Tag an dem Hiram McCullough die Pfosten in den Boden gerammt hatte, um damit seinen Claim, seine Parzelle, abzustecken und das Land für sich zu beanspruchen. Er hatte eine gute Wahl getroffen – der Boden war saftig und fruchtbar und im Laufe der Jahre und Generationen hatte die Ranch sich vergrößert, war gewachsen und vom Vater dem Sohn übergeben worden. Fast, wie es bei ihnen sein würde, wenn er eines Tages fortgegangen war, jedoch nur fast.

Seine blauen Augen wanderten zu dem großen, verblichenen Schwarzweißfoto auf dem Kaminsims – es stand schon seit Ewigkeiten dort; so lange, dass er sich nicht mehr an die Zahl der Jahre erinnern konnte. Und er wusste, dass auf der Rückseite ein Datum notiert war, der Tag der Aufnahme, vor vielen Jahrzehnten entstanden, lange vor diesem heutigen Tag, damals, als er noch jung gewesen war und vor Energie und Kraft gestrotzt hatte.

Bedacht schlugen seine Hände das Album auf. Die Seiten waren verblichen; zerknittert vom unzähligen Blättern und Anschauen, Ergänzen und Dazufügen von Daten und Namen, die in ihrer Familienchronik eine Rolle gespielt hatten. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Fast glaubte er, die Stimme seiner Schwester zu hören, die jetzt sagen würde: „Schau nicht zurück auf das, was vorbei ist! Wir sind nie eine richtige Familie gewesen! Und ich... ich habe auch nicht gerade meinen Teil dazu beigetragen, dass wir es werden! Also, schau nach vorn und lass das Vergangene hinter dir!“

‚Genauso wenig habe ich dazu beigetragen‘, sagte eine Stimme in ihm und er blätterte die nächste Seite um. Seine blauen Augen flogen über die Zahlen hinweg, die Namen, die Stammbäume – bis zum heutigen Tag penibel notiert und für die Nachwelt hinterlassen. Dort, da stand sein Name, die seiner Geschwister und darüber... er schluckte, die Sicht verschwamm unter den Tränen, die ihm in die Augen schossen und er konnte nicht verhindern, dass eine davon auf seinen Handrücken hinabtropfte.

Durch das offene Fenster des Arbeitszimmers drang der starke, durchdringende Geruch der braunen Farbe herein, die er zwei Tage zuvor an die Außenfassade gestrichen hatte. Hämmern erklang von irgendwoher und laute, vertraute Männerstimmen – sie schienen sich uneinig über etwas zu sein.

Er richtete sich auf und trat ans Fenster, vor dem der zartgelbe Rosenstrauch blühte. Sein Blick wanderte hinauf, zu dem kleinen Wäldchen am oberen Rand des Hügels, wo er unter den ausladenden Zweigen der über hundertjährigen Fichten und Pinien die Gräber seiner Familie wusste. Auch sie existierten bereits seit einem Jahrhundert und mehr, und jetzt, da er hinüber schaute und ihre Existenz ins Bewusstsein zurückrief, überkam ihn die Wucht der Wahrheit: Alles hatte seinen Anfang und sein Ende, seinen Sinn und seine Berechnung. Es gab ein Morgen und ein Übermorgen, von dem niemand wusste, was darin geschehen würde, welch unerwartete Vorfälle einen übermannten und erdrückten. Nur vom Gestern konnte er sagen, ob es richtig oder falsch, schön oder hässlich gewesen war, und daraus schöpfte er seinen Mut. Das Gestern, das schon Jahre zurücklag und doch immerfort in ihm allgegenwärtig war. Das Feuer, das in ihm brannte, genau wie in seinen Vorfahren, das kam und ging wie die Gezeiten, jedoch nie ganz erlosch. Es war da und es war ein Erbe, das er an die beiden jungen Männer weitergeben konnte. Diese Unrast, dieses Verlangen und Streben nach Neuem und Schönem. Es ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, würde es niemals, und eines Tages würde er draußen auf der Veranda sitzen und ihnen davon erzählen.

Dieses Feuer, so heiß und unauslöschlich, wie es nur der unzähmbare, wilde Geist eines Menschen in sich tragen konnte, der einmal seine verzehrenden Flammen gespürt hatte. Ein Feuer, das brannte und einen vorwärtstrieb; das von Zeit zu Zeit verschwand, um dann auf einmal wieder zu erscheinen... wie die Gezeiten, die das Wasser mit sich fortnahmen und es dann zurück an Land spülten... genau so war dieses Feuer. Manchmal schien es zu erlöschen, doch die Glut, sie blieb, und aus ihr entstanden neue Flammen, die ihn vorwärtszwangen...

*

Das Telefon läutete schon zum dritten Mal im Abstand von zehn Minuten. Wieso, zum Teufel, ging ihre Mutter denn nicht ran?! Sie musste doch irgendwo im Haus sein! Dieses nervige Gebimmel! Heute war Samstag – sie wollte ausschlafen und nicht auch noch die Treppe hinab zum Telefon rennen müssen, um dann wieder über den Läufer zu stolpern! Wem fiel es überhaupt ein, zu nachtschlafender Zeit bei ihnen anrufen?! Bestimmt wieder eine der seltsamen Freundinnen ihrer Mutter, die abklären wollte, ob die Boggia-Runde nun um halb vier oder um halb fünf stattfand! Das Schnurren von Kater Mikesch neben ihr ließ die junge Frau die Augen öffnen und gegen das gleißende Sonnenlicht blinzeln, das in ihr Zimmer flutete. Warum schien die Sonne eigentlich Anfang März als sei es Hochsommer? Und wieso waren die Jalousien an ihren Fenstern nicht geschlossen? Endlich hörte das penetrante Schrillen aus dem Erdgeschoss auf. Stattdessen erklang die plappernde, aufgeregte Stimme ihrer Mutter. Es war wohl niemand wegen des Boggia-Abends.

Mit einem leisen Seufzer setzte Bettina sich auf. Mikesch, der graue Stubentiger, gähnte und streckte seine Vorderbeine, um sich genüsslich wieder im weichen Kopfkissen seiner Besitzerin zu vergraben. Zu ihren Füßen schnarchte Zora, seine rotgemusterte Mitbewohnerin, die immer ihr Dasein als Diva unter Beweis stellen musste und deshalb auch ein wenig abseits von ihrer Futtergeberin und dem wenig geliebten, tolpatschigen Genossen die Nacht verbracht hatte.

Der Wecker zeigt halb acht. Sie wollte heute endlich einmal ausschlafen! Jeden Tag musste sie um halb sechs aus den Federn und dazu die harte Arbeit – am Freitag führte das meist schon gegen zehn zum Komplettausfall ihrer Motivation und außerdem dazu, dass sie nur noch zwei Dinge wollte: Ihr Bett und ihre Ruhe.

Ihre Mutter redete noch immer, gackerte und gluckste, wie ein Schulmädchen am Telefon – ob da ein früherer Verehrer am anderen Ende der Leitung saß? – und Bettina beschloss, dass sie nun schon wach war und deshalb auch aufstehen konnte. Gemächlich schob sie die Beine unter der Decke hervor und gähnte laut. Sie streckte sich und suchte nach ihren Pantoffeln, die auf seltsame Weise wieder einmal nicht neben ihrem Bett standen, sondern sich verselbstständigt haben mussten. Jedenfalls waren sie nirgends zu entdecken.

Mit einem Achselzucken schlurfte die junge Frau barfuß zur Tür, gefolgt von zwei laut miauenden, hungrigen Raubtieren, von denen der dicke Graue sie auf der Treppe fast zu Fall brachte und die andere schon auf der Küchenzeile neben dem Kühlschrank saß, in freudiger Erwartung auf das Frühstück.

„Ja, ja!“, sagte ihre Besitzerin und füllte erst einmal die Kaffeemaschine mit Pulver, damit zumindest dieser durchgelaufen sein würde, bis sie die Katzen versorgt hatte. Das Schwatzen ihrer Mutter drang noch immer aus dem Wohnzimmer herüber. Bettina verstand nur Wortfetzen und aus dem, was sie hörte, war zu schließen, dass es sich um irgendetwas Wichtiges handelte.

Nachdem zwei Mal Whiskas in den Schüsseln am Boden und einmal Kaffee auf dem Tisch stand, war das Gespräch plötzlich beendet, und die hochgewachsene, schlanke Gestalt ihrer Mutter erschien im Türrahmen.

„Ah! Guten Morgen! Du bist schon auf!“

„War nicht anders möglich“, lautete die geknurrte Antwort. „Es ging ja keiner ans Telefon!“

„Tut mir leid, ich hab’s im Bad nicht gehört!“

Renate Weidner fasste sich an die blonde Lockenmähne, die immer irgendwie an Detektiv- und Clanserien aus den späten 70ern erinnerte.

„Ich musste mich noch fertig machen fürs Einkaufen. Dein Vater ist kurz rüber in den Getränkemarkt.“

„Schön.“ Bettina versteckte ihr Gesicht hinter der Kaffeetasse, um den niemals endenden Gesprächsstoffen ihrer Mutter zumindest am Samstagmorgen noch vor dem unvermeidlichen und nicht mehr aufzuhaltenden Ausbruch ein Ende zu setzen.

„Das war Tante Angela!“, ging es jedoch bereits weiter, den Wunsch der Tochter nach Ruhe und Frieden rücksichtslos ignorierend. „Ich habe großartige Neuigkeiten für dich! Für euch alle!“

Bettina rollte die Augen. Alles, was mit der älteren Schwester ihrer Mutter zusammenhing, gehörte ins Reich der Superlative und des Außergewöhnlichen. Tante Angela konnte alles, wusste alles und war überhaupt ein Übermensch, wie aus einem schlechten Hollywoodfilm.

„Kommt sie zurück nach Deutschland?“

„Blödsinn!“ Renate lächelte ein wenig trübselig. „Seit Onkel Curt gestorben ist, geht’s ihr nicht so gut. Sie bräuchte dringend Hilfe im Laden und ein wenig Unterhaltung.“

„Warum schafft sie sich kein Au-Pair-Mädchen oder sowas an?“

„Genau das haben wir geplant!“

„Wir?!“ Bettina hob die Augenbrauen hinter ihrer Kaffeetasse und warf ihrer Mutter einen zweifelnden Blick zu. „Glaubst du, sie lassen dich in deinem Alter noch als Au-Pair durchgehen?“

„Mich? Sicher nicht!“ Renate begann, das herumstehende Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.

„Aha!“, machte Bettina und nickte ahnungsvoll. „Meine liebe kleine Schwester hat wohl gleich wieder einen Grund gefunden, sich aus dem Staub zu machen!“

„Debbie? Aber nein! Sie würde ihren... ihren... wie heißt ihre neueste Eroberung gleich noch?“ Fragend wandte Renate sich an ihre ältere Tochter. „Du weißt schon, der Blonde vom Tennisverein?“

Bettina wusste genau, von wem sie sprach. „Dierk! Eingebildeter Schnösel.“

„Ja, richtig, Dierk! Den würde sie doch nie im Stich lassen, so schwer verliebt, wie sie im Moment ist!“

„Na, dir wird schon jemand einfallen!“

„Allerdings!“ Mit Schwung und lautem Knall schlug die Klappe der Spülmaschine zu. Bettina zuckte zusammen und Zora fauchte erbost über den Schreck in der Morgenstunde. „Weißt du, Angela und ich, wir haben uns das so überlegt...“

Oh Gott! Das waren immer die Einführungen, die keiner hören und mit deren nachfolgenden Informationen schon gar keiner etwas zu tun haben wollte! Bettina schob den Stuhl zurück und stellte ihre XXL-Tasche mit einem halben Liter Kaffee hurtig ab, um zu entfliehen, doch ihre Mutter war schneller. Sie legte ihrer ältesten Tochter fürsorglich die Hände auf die Schultern und hinderte sie damit daran, den Stuhl zu verlassen.

„Weißt du, dein Vater und ich, wir haben uns sehr viele Gedanken gemacht...“

„Über was? Über mich?“

„Natürlich über dich!“ Renate ließ ein tiefes Seufzen vernehmen. „Am Dreißigsten endet dein Arbeitsvertrag und er wird nicht verlängert, das hast du zumindest gesagt!“

„Ja, aber daran ist ja bloß diese bescheuerte Wirtschaftskrise Schuld!“ Bettina fing an, sich ausgesprochen unwohl zu fühlen. Irgendetwas war hier im Busch, das auf sie lauerte!

„Sicher, das wissen wir!“, entgegnete ihre Mutter rasch. „Aber gerade deswegen hast du ja jetzt alle Zeit der Welt, und Angela braucht dringend jemanden, der sich ein wenig um sie kümmert, und deshalb dachten wir...“

„Nein, nein, nein!“ Mit einem Ruck sprang Bettina auf die Beine. „Ich weiß genau, was ihr euch gedacht habt! Dann schieben wir die arbeitslose, durchgeknallte Tochter eben mal schnell zur Tante nach Amerika ab, wo’s noch mehr Arbeitslose gibt! Da fällt sie dann nicht weiter auf!“

Beschwichtigend fuchtelte der Finger ihrer Mutter vor ihrer Nase herum. „So ein Quatsch! Wir sind nur alle einhellig der Meinung, dass es dir ganz gut täte, mal ein wenig rauszukommen, was Neues zu erleben!“

„Wer ist alle? Und was ist einhellig?“

„Dein Vater, ich, Debbie und deine Tante Angela!“

„Debbie! Das war ja klar! Die hat gut reden mit ihrem Job in diesem Kosmetiksalon! Eingebildete Weiber gibt’s auch zu Zeiten von Wirtschaftskrisen mehr als genug! Und weil sie diesen Popeye aufgegabelt hat, muss ich weg und sie darf hierbleiben!“

„Du wolltest doch immer schon nach Amerika, habe ich gedacht!

„Ja, schon!“ Verzweifelt fuhr Bettina sich mit dem Fingern durch das schulterlange, braune Haar, in dem – dank Naturlocken – immer irgendwelche Knoten entstanden. „Irgendwann mal, und auch nur auf Urlaub! Nicht, um als Verkäuferin in einem Ramschladen auszuhelfen!“

„Wir haben uns bei der Botschaft schon erkundigt!“ Ihre Mutter ignorierte den Einwurf geflissentlich und vermied es auch, jetzt abzulenken, indem sie darauf hinwies, dass es sich hier um ein Antiquitätengeschäft handelte, das den besten Ruf genoss. „Für sechs Monate ein Visum zu bekommen, ist gar kein Problem! Ich hab die Unterlagen schon alle da, du musst nur noch unterschreiben!“

„Nein, nein, nein! Ich will nicht! Ich lasse mich nicht einfach von euch abschieben! Wenn ihr mich nicht mehr bei euch haben wollt, dann sagt’s bloß! Dann zieh‘ ich aus! Gar kein Problem!“

„Darum geht’s doch gar nicht!“ Renate verlor allmählich die Geduld mit ihrer uneinsichtigen Tochter. „Du kannst bei uns wohnen bleiben, solange du willst. Aber vielleicht wäre es mit neunundzwanzig für dich mal an der Zeit, auf eigenen Beinen zu stehen! Deine ganzen früheren Mitschülerinnen sind alle längst ausgezogen oder sogar schon verheiratet! Haben eigene Häuser und Kinder und führen ein geregeltes Leben...“

„Ich werde niemals heiraten!“

„Ja, ich weiß!“ Renate seufzte tief. Es war, als redete sie gegen eine Wand, die sturer und eigensinniger nicht sein konnte. „Aber trotzdem ist das alles besser, als hier daheim herumzuhocken und darauf zu warten, dass sich an der Wirtschaft oder deiner bevorstehenden Arbeitslosigkeit etwas ändert! Du fliegst! Ich habe es Angela versprochen, eine meiner Töchter zu schicken, und damit basta!“

„Du kannst nicht über mich bestimmen!“

„Solange du im Haus deines Vaters und mir lebst, kann ich das sehr wohl! Und ich sage, du gehst für die sechs Monate rüber und hilfst deiner Tante!“

„Das werde ich nicht! Niemals! Ihr könnt mir mal alle den Buckel runter rutschen!“

*

Die Boeing zog einen Halbkreis über der Stadt, ehe sie in Flugrichtung Nord-Nordwesten auf dem richtigen Kurs lag, jedoch noch immer stetig an Höhe gewinnend. Die junge Frau blickte hinab, aus dem runden Fenster, auf die schnell verschwindenden Umrisse ihrer Heimat und fragte sich ernsthaft, wie es hatte so weit kommen können. Sie vermisste ihre beiden ‚Knuddelbären‘, wie sie die Katzen liebevoll nannte, schon jetzt. Sie hatte sich schon darauf eingestellt, die nächsten Wochen irgendwelche Volkshochschulkurse zu besuchen, bis sie wieder einen Job fand, einfach mal eine Auszeit zu nehmen vom stressigen Alltag. Und jetzt saß sie hier im Flugzeug, hoffte inständig, dass es nicht irgendwo zwischen hier und dem amerikanischen Kontinent abstürzte und wusste nicht genau, wie sie ein halbes Jahr ohne ihre beiden Katzen überleben sollte.

Ansonsten existierte eigentlich nichts und niemand, dem sie wirklich nachtrauerte. Gut, es gab da zwei, drei engere Freundinnen, mit denen sie hin und wieder etwas unternahm und die für sie extra noch eine kleine Abschiedsfeier organisiert hatten. Das war schon fast peinlich gewesen. Ach ja, und natürlich Henry, ihr Pflegepferd, mit dem sie im vergangenen Herbst die Amateur-Springprüfung beim Hofturnier ihres Reitstalls gewonnen hatte, der würde ihr auch fehlen. Nicht im Sattel zu sitzen für mehr als ein halbes Jahr – entsetzlich!

Bettina legte ihren Kopf zurück. Die Übelkeit, die sich während des Starts von ihrem Magen aus über ihren ganzen Körper ausgebreitet hatte, schwächte allmählich ab. Die vergangenen dreieinhalb Wochen, die sie nun ohne Aufgabe zu Hause herumgesessen hatte, waren wenig erbaulich und motivierend gewesen. Keine Arbeit, nichts zu tun, außer das Unkraut im Gemüsegarten zu jäten, den Rasen zu mähen und den Flur neu zu streichen – grässlich! Wenigstens die zukünftige Aufgabe bei ihrer Tante war ein Lichtblick in dieser ganzen verzwickten Situation, in die sie da ohne ihr eigenes Zutun hineingeraten war. Ihre Mutter, die war wieder einmal an allem Schuld! Natürlich, die kam immer auf so verrückte Einfälle, wie zum Beispiel, dass die Kinderkleidung auf der Stange zu teuer sei, und deshalb hatte sie über Monate hinweg die Sachen für ihre Töchter selbst aus alten Klamotten geschneidert. Das war peinlich gewesen. Aber in dieser Familie stieß man ja grundsätzlich auf taube Ohren. Und deshalb saß sie jetzt hier, in der Maschine der American Airlines, die sie von München nach Chicago und nach einem Zwischenstop weiter nach Portland bringen würde.

Bettina legte ihren Kopf zurück und schloss die Augen. Bis vor ein paar Wochen, nachdem sie das Visum für sechs Monate erhalten hatte, war ihr nicht einmal bekannt gewesen, dass eine Stadt mit diesem Namen irgendwo auf dieser Welt überhaupt existierte. Mittlerweile wusste sie immerhin, dass Portland im Staate Oregon lag, ein ganzes Stück nördlich von Tante Angelas Wohnsitz in einem Vorort von Roseburg.

Das Leben von Tante Angela klang so abenteuerlich wie die Schicksalsstories aus einer Frauenzeitschrift: Während er seinen Militäreinsatz in Deutschland abdiente, lernte Curt Resnick – ursprünglich aus Sacramento, Kalifornien, stammend – Angela Weidner, die Älteste der drei Weidner-Töchter aus dem nahegelegenen Dorf, kennen. Die beiden verliebten sich, fingen an sich heimlich zu treffen, und bald darauf entschied Curt, dass er nach Ende seines Militärdienstes nicht ohne Tante Angela von Deutschland fortgehen würde. Das alles spielte sich Anfang der 70er Jahre ab, lange bevor Bettina geboren worden war, und deshalb konnte sie sich auch nur sehr blass an die paar wenige Besuche der ‚Tante aus Amerika‘ erinnern, die sich an einer Hand abzählen ließen. In der Regel waren dann immer bombastische Vorbereitungen getroffen worden, um Tante Angela und ‚ihrem Ami‘ den Aufenthalt so gemütlich und bequem wie möglich zu gestalten. Denn Tante Angela hatte keinerlei Probleme damit, ihrer deutschen, zu Hause gebliebenen Verwandtschaft immer wieder unter die Nase zu reiben, dass sie mit der deutschen Lebensweise überhaupt nichts mehr am Hut hatte: „Alles ist hier so eng und langweilig, you know?!“ Sie hatte es auch recht eilig gehabt, nach sechs Ehejahren ihren deutschen Pass abzugeben und schleunigst Bürgerin der Vereinigten Staaten zu werden, damit sie keinesfalls eines Tages wieder ausgewiesen werden konnte.

Und zu dieser Frau flog sie nun, um ihr beizustehen – sozusagen, als die letzte Verwandte aus Deutschland, die sich noch nicht völlig genervt von ihr abgewandt hatte. Wobei – Renate und Tante Angela waren die beiden Personen der Weidner-Sippe, die immer hervorragend miteinander ausgekommen waren. Das musste wohl an gewissen Ähnlichkeiten liegen.

*

Am Flughafen von Portland herrschte reger Verkehr, sowohl an Menschen als auch an Autos drumherum, von dem zu urteilen, was Bettina beim Landeanflug erblicken konnte. Ihr Magen rumorte und protestierte bei der absackenden Flughöhe bereits wieder, und sie schwor sich, auf dem Heimflug definitiv vorher irgendetwas aus der Apotheke zu besorgen, egal was.

Noch nie in ihrem Leben war sie alleine auf einem Flughafen gestanden, ohne jemanden zu kennen, und sie fühlte sich merkwürdig verlassen und im selben Moment auch plötzlich so frei wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie konnte tun und lassen, was ihr gerade gefiel, und niemand war da, um sie zu ermahnen, zu rügen oder daran zu erinnern, dass sie sich nicht sehr damenhaft benahm. Sie erinnerte sich dunkel daran, dass ihr Leben einmal anders, hoffnungsvoller, ausgesehen hatte und dass sie nicht allein gewesen war. Aber das schien so lange her zu sein, dass es ihr vorkam wie ein halbes Leben.

‚Was mache ich, wenn ich sie gar nicht erkenne?!‘, durchzuckte es Bettina in der Sekunde, als sie ans Gepäckband trat, um ihre beiden Koffer aus all den anderen Stücken herauszufischen. Sie war sich tatsächlich nicht sicher, ob sie Tante Angela auf Anhieb zwischen ein paar hundert anderen Amerikanern im Abholbereich würde ausfindig machen können. Es wäre doch besser gewesen, ihre kleine Schwester hätte die Aufgabe hier übernommen und nicht sie. Debbie war weltgewandt und gebildet, mit Abitur, und alles andere als auf den Mund gefallen.

Bettina seufzte tief, während sie mit Mühe ihren schweren Koffer vom Band zerrte. Ein älterer Herr griff zu und half ihr, wie selbstverständlich. Sie lächelte ihn an und sagte: „Danke!“, und als er sie etwas verwirrt anschaute, fiel ihr ein, dass er sie ja gar nicht verstehen konnte.

„Thank you“, wiederholte sie deshalb, was offenbar seine Vermutung bestärkte, sie könnte sich gut mit ihm verständigen, denn er redete los wie ein Wasserfall, in genuscheltem Englisch mit vielen „ar’s“ und „o’s“, während seine Gesprächspartnerin ihn höflich anlächelte, ohne zu wissen, ob das überhaupt angebracht war.

„Have fun!“, ermunterte er sie zum Schluss, schnappte sich eine kleine, schwarze Tasche und winkte ihr zu, bevor er in Richtung Ausgang verschwand.

Bettina seufzte noch einmal. Das konnte ja heiter werden! Sie verstand kein Wort von der hiesigen Landessprache und sollte aber ein halbes Jahr hier arbeiten! Unzählige Qualen in den Englischstunden in der Schule, bis zum mühsam bestandenen Abschluss – völlig umsonst. Sie zerrte den Koffer auf Rollen hinter sich her, der über den Fliesenboden des Flughafens hüpfte und ihr in regelmäßigen Abständen in die Hacken donnerte.

Der Wartebereich des Flughafens entpuppte sich als eine vollgestopfte Halle, wo scheinbar Hunderte von Personen darauf warteten, dass ein bekanntes Gesicht aus einer der Türen kam. Sehr zaghaft entschloss Bettina sich, einfach mitten hinein zu marschieren und nach ihrer Tante Ausschau zu halten. Das war leichter gesagt als getan, denn an einigen Stellen musste sie sich mit mehreren „Excuse me!“ Platz verschaffen. Wenigstens daran konnte sich ihr Gehirn noch erinnern. Schließlich erblickten ihre müden Augen einen Stützpfeiler am anderen Ende des Raums und sie steuerte zielstrebig darauf zu – eine Rettungsinsel!

Erleichtert ausatmend lehnte sie sich dagegen, stellte ihren Koffer ab und ließ die Schultern hängen. Entsetzlich! Alle Leute um sie herum sprachen in einem Englisch, von dem sie kaum eine Silbe verstehen konnte. Was, zum Teufel, hatte sie hier verloren?! Wie kam ihre Mutter dazu, über ihr Leben zu entscheiden?!

Nun ja, Bettina verzog den Mund. Irgendwie konnte sie es ja verstehen. Eine junge Frau, die mit neunundzwanzig noch zu Hause lebte, war weiß Gott nicht unbedingt normal und in den Augen ihrer Mutter vielleicht auch ein bisschen peinlich. Deborah war zumindest vier Jahre jünger, und sobald sie mit ihrem Jurastudium fertig sein würde, konnte sie nichts mehr im elterlichen Heim halten – und auch nicht mehr im Kosmetiksalon. Im Moment war nur der Mangel an Geld der Grund, weswegen sie noch dort hauste. Vermutlich würden sie und Dierk sich bald irgendwo eine kleine Wohnung suchen und dann...

„Can I help you?“, fragte eine Stimme neben ihr plötzlich und riss Bettina aus ihren Überlegungen. Eine Mitarbeiterin des Flughafens betrachtete sie ein wenig besorgt und sehr fürsorglich.

„No, thank you!“, brachte sie gebrochen heraus und lächelte müde. Oh, dieser Flug! Und der Jetlag! Sie wollte schlafen, einfach nur schlafen!

„Are you sure?“, fragte die Frau noch einmal, offensichtlich wenig überzeugt.

„Yes.“ Das Lächeln auf ihrem Gesicht schien zu erstarren, sie konnte nicht noch breiter und freundlicher lächeln. „My aunt should be here any minute.“

„Oh, good! Have a nice day!“

Sie verschwand und mit ein wenig Stolz richtete Bettina sich auf. Sie hatte einen ganzen Satz Englisch gesprochen und er schien sogar verständlich gewesen zu sein! Keine Ahnung, ob ihr Versuch grammatikalisch richtig gewesen war oder nicht, aber sie hatte das – da war sie sich sicher – so ähnlich in einem Film gesehen, den sie in Vorbereitung auf ihren Aufenthalt aus der Videothek geholt und auf Englisch angeschaut hatte. Oder zumindest war das die Planung gewesen. Nach etwa einer halben Stunde jedoch hatte sie verzagt aufgegeben, weil sie bis dahin so ziemlich nichts von dem mitbekommen hatte, worum es eigentlich ging.

„Ah, Dear! Da bist du ja! Ich hab schon überall gesucht! Wie schön, dass du da bist!“ Eine überschwängliche Umarmung folgte und ein Bataillon von Willkommensworten aus dem Mund von Tante Angela, die sich mit deutschen und englischen Begriffen vermischten. Selbst ihr Deutsch klang irgendwie ‚angehaucht‘ und Bettina fand, dass es sich sehr liebenswürdig anhörte.

„Jetzt fahren wir erst mal runter, nach Hause! Und du kannst dich ein bisschen ausruhen und einrichten! Dein Zimmer ist schon fertig! Ich hab alles vorbereitet! Sogar neue Möbel gekauft!“

„Aber das wäre doch gar nicht nötig...“

„Oh, nonsense!“, rief Tante Angela und hakte sich fürsorglich bei ihrer Nichte unter. „Du hast diese scheußlichen alten Teile nicht gesehen, die noch von Curts Mutter übrig waren! Du bleibst schließlich ein halbes Jahr hier und dann sollst du auch nicht in einer Abstellkammer wohnen!“

Bettina fiel darauf nichts ein, darum schwieg sie und ließ sich von der etwas gutgenährten Frau mit den eindeutig blond gefärbten, kurzen Haaren in Richtung Ausgang dirigieren. Jetzt, wo sie ihr gegenüberstand, kamen ein paar vernebelte Erinnerungen an Tante Angela zurück in ihren Sinn. An den Duft von Onkel Curts Zigarren und das schallende Lachen aus seiner Kehle, das alle anderen übertönte.

*

Die ersten zwei Tage verbrachte Bettina damit, sich halbwegs häuslich im neu renovierten Gästezimmer von Tante Angelas kleinem Einfamilienhaus am Rande der Stadt einzurichten. Von ihrem Dachgiebelfenster aus hatte sie einen weiten Blick über das Wohnviertel, wo sich kleine Häuschen mit Vorgärten und Nebenstraßen aneinander reihten und sie ein bisschen an Deutschland erinnerten. Der einzige Unterschied war, dass dort unten Menschen umherliefen, die sie nur in den seltensten Fällen und dann nur in Bruchstücken verstehen konnte.

„Das wird schon!“, hatte Tante Angela zuversichtlich erklärt, nachdem sie ihr ihr Leid geklagt hatte. „Das dauert einfach seine Zeit, you know? Am Anfang saß ich auch da und hab geheult, weil ich keine Ahnung hatte, was die alle von mir wollten!“

„Und was hast du dann gemacht?“

„Dann hab ich mich hingesetzt, ein Englischbuch gekauft und angefangen zu büffeln!“

Und so fing auch ihre Nichte an, sich täglich hinzusetzen und über dem Grammatikbuch zu hängen, wenn sie nicht gerade anderweitig von ihrer Tante beschäftigt wurde. Angela schaffte an, ähnlich einem General, und Bettina hatte Folge zu leisten. Sie erklärte, das ganze Haus müsste von oben bis unten gesaugt werden und danach seien noch mal alle Böden nass zu wischen. Der Rasen wollte gemäht werden und das Auto gewaschen. Bettina ließ es über sich ergehen – welche Wahl blieb ihr auch? Und eigentlich war Tante Angela sehr lieb, fürsorglich und zuvorkommend. Warum sollte sie ihr auch nicht jeden Gefallen tun?

Dann brachte Tante Angela sie zum ersten Mal in ihr Antiquitätengeschäft, das in der Innenstadt lag. Es war ein kleiner Eckladen in einem Gebäude, das wirkte, als stammte es bereits aus den 50ern. Von innen überkam Bettina der Eindruck, dass sie sich nicht getäuscht hatte: Alles war altmodisch eingerichtet und erweckte den Anschein eines Films in Technicolor. Am gegenüberliegenden Ende des Raums thronte eine schwere, dunkle Theke, auf der eine Kasse stand, wie Bettina sie bisher nur im Museum zu Gesicht bekommen hatte: Mit einer Kurbel an der Seite zum Drehen und einem Klingelton, wenn die Lade aufsprang.

Das komplette Geschäft war vollgestellt mit Regalen, auf denen sich altes Geschirr, Bücher, Kinderspielzeug, längst überholte Haushaltsgeräte und sonstige Kuriositäten, die sich ‚Antiquitäten‘ schimpfen durften, nebeneinander häuften. Daneben gab es Möbel, Bilder und sogar Wagenräder von Kutschen. Staunend wanderte Bettina umher. Auf einem Regal saß ein großer, brauner Teddybär. Sein Fell war bereits abgegriffen und ein Auge hatte offenbar einmal ersetzt werden müssen, denn es war nicht identisch mit dem anderen. Bettina nahm ihn hoch und fragte sich, wem er einst gehört haben könnte, wem er vor vielen Jahren als Trost und kleiner Freund gedient hatte. Jetzt saß er nutzlos hier herum, wo kein Kind ihn mehr haben wollte. Seine Tage waren gezählt, längst überholt, genau wie die Zeit, in der er einstmals gekauft worden war. Nur hier, in Tante Angelas Geschäft, schien sie stehen geblieben zu sein.

„Wie viel ist er wert?“

Tante Angela schaute von ihren Papieren auf, die sie gerade studiert hatte. „Der? Nicht viel. Fünfzehn Dollar, mehr nicht. Ist ungefähr aus Mitte der 50er.“

„Woher weißt du das?“

Tante Angela lächelte und kam hinter ihrer Theke hervor. „Ich tue seit mehr als dreißig Jahren nichts anderes, als mit Antiquitäten zu handeln, schon vergessen?“

Bettina schüttelte den Kopf und spürte, dass sie rote Ohren bekam. „Darf ich ihn haben?“

„Den Teddy?!“ Tante Angela schien zu glauben sich verhört zu haben, doch die junge Frau nickte eifrig mit dem Kopf. „Ich könnte ihn aufs Fensterbrett setzen.“

Ein Lächeln war die Antwort. „Na, von mir aus.“

*

Auf dem schmalen Schreibtisch unter dem Dachgiebelfenster in ihrem Zimmer, das sie nun sechs Monate lang bewohnen musste, lagen drei eng beschriebene Briefbögen. Vorder- und Rückseite zeigten Bettinas schwer leserliche Handschrift, und mit jeder Seite wurde sie noch krakeliger und unsauberer. Die erste Woche von... sie überlegte ...sechsundzwanzig insgesamt. So lang schien die Zeit gar nicht mehr. Mal sieben ergaben... Kopfrechnen: Sechs... 182 Tage, oder? Jetzt war es wieder erschreckend viel.

Seufzend setzte Bettina ihr Handzeichen unter den letzten Satz und faltete die Blätter zusammen, ohne sie noch einmal gelesen zu haben. Computer besaß Tante Angela keinen und nur, um eine Email zu schreiben,  extra ins Internetcafé laufen? Nein, da schrieb sie lieber, ganz altmodisch und passend zum Antiquitätenladen, einen Brief an ihre Familie zu Hause in Deutschland.

Der Wecker, die einzige Uhr im Raum, zeigte halb acht vorbei und es konnte nicht mehr lange dauern, bis Tante Angela im Türrahmen erscheinen würde, um sie die neuen Vokabeln abzufragen. Sie hatte sich in einer großen Bücherei mehrere Werke zum Thema „Englisch“ besorgt und war nun fest entschlossen, ihre Nichte innerhalb kürzester Zeit in die Geheimnisse dieser fremden Sprache einzuweisen. Die Idee war bei Bettina auf wenig Begeisterung gestoßen, aber was blieb ihr übrig? Angela wollte sie so schnell als möglich zu mehr Aufgaben im Laden einsetzen als bloß zum Staub wischen, Böden saugen und Regale neu einräumen, umbauen oder die Außenfassade streichen.

‚Und damit werde ich wohl den Rest meiner sechs Monate hier verbringen‘, dachte die junge Frau und seufzte tief. Sie hasste Vokabeln lernen, war dem in der Schule schon immer aus dem Weg gegangen beziehungsweise hatte dafür gesorgt, dass nur das Notwendigste davon erledigt wurde. Und jetzt kam ihre Tante mit Grammatikübungen für Fünftklässler daher!

Aber gut, vielleicht half es ihr zumindest dahingehend, dass sie sich dann mit den Leuten verständigen konnte, und sie hatte nun wirklich keine Lust, ein halbes Jahr mit Putzen zu verbringen!

*

„Wir fahren heute zu meiner Freundin, auf eine Ranch!“, verkündete Tante Angela am nächsten Morgen bestens gelaunt und schenkte ihren Spezialkaffee ein, den nur sie verstand, der altertümlichen Kaffeemaschine zu entlocken.

„Ranch?“, wiederholte Bettina gedehnt und steckte ihre Nase in ihre Tasse. Immerhin, das konnte eine Steigerung zum täglichen Trott darstellen!

„Ich dachte, das könnte dir gefallen. Du hast mir doch erzählt, dass du in Deutschland reitest!“

„Ja, schon!“ Bettina brachte ein müdes Lächeln zustande. Wie kam ihre Tante bloß auf die absurde Idee, sie könnte mit Pferden etwas anfangen, die im Westernstil gelernt hatten, unter dem Sattel zu laufen?

„Aber ich reite doch Springen, Dressur und solche Sachen! Wir jagen in Deutschland nicht hinter Kühen her! Das kann ich nicht!“

„Macht nichts!“, lautete die Erwiderung. „Das ist ja fast dasselbe und du kannst es lernen! Wer weiß, ob dir das nicht besser gefällt?“

Bettina schaute zweifelnd, sagte aber nichts, sondern schlürfte ihren Kaffee, während Tante Angela zwei Toastscheiben im Toaster versenkte. „Ich warne dich aber lieber gleich vor!“

„Wieso? Sind die Pferde gefährlich? Oder rennen die Rindviecher frei herum?“

„Bitte, Schätzchen, sei vorsichtig!“

Bettina schaute ihre Tante an, als sei die nicht mehr ganz bei Trost. „Ich habe nicht vor, mich gleich zu blamieren und vom Gaul zu fallen!“

„Nein, nicht deswegen! Das hast du schon im Griff, das weiß ich!“ Es schien Angela unangenehm, denn sie knetete ihre Serviette zu einem Knödel. „Es geht um einen der Rancher!“

„Was soll mit ihm sein? Leidet er unter einer ansteckenden Krankheit?“

Tante Angela ließ ein tiefes, sorgenvolles Seufzen vernehmen. „Bitte, versprich mir einfach, dass du vorsichtig sein wirst, ja? Er sieht wahnsinnig gut aus und alle Frauen in der ganzen Gegend sind verrückt nach ihm! Einschließlich der ganzen Touristen-Weiber!“

Bettina glaubte, jetzt sei ihre Tante tatsächlich übergeschnappt. „Du willst mich wegen eines Mannes warnen?!“

Angela fummelte noch wilder an der zerknüllten Serviette. „Nur zur Sicherheit! Du bist ja bloß ein halbes Jahr da, und ich will nicht, dass du irgendwelche Dummheiten anstellst!“

Bettina beugte sich über den Tisch, näher zu ihrer Tante hin, die sich eifrig bemüht gab, den Toaster zu bedienen.

Trotz aller Bemühungen konnte sie nicht verhindern, dass ein leichter Spott in ihrer Stimme mitschwang, als sie sie belehren musste: „Du musst dir ganz bestimmt keine Sorgen machen!“

Angela klimperte sie verstohlen an, als hätte sie etwas Verbotenes gesagt. „Ach, Mädchen. Ich habe ja so gehofft, dass es jetzt, nach all den Jahren... Und deine Mutter hofft doch auch so sehr, dass...“

„Meine Mutter?!“

Angela schaute schuldbewusst. „Ja, weißt du, sie wollte nicht nur wegen deiner gestrichenen Stelle, dass du herkommst...“

„Sondern?“

„Nun“, druckste die blond gefärbte Tante und zuckte ein wenig hilflos die Schultern. „Nun ja, sie macht sich eben Sorgen! Sie wollte dir helfen endlich darüber hinwegzukommen!“

Die Tasse krachte auf den Tisch, der Kaffee schwappte über und ergoss sich auf der Tischdecke, unbeachtet von Bettina. Zornig sprang sie auf. „Wann versteht ihr das endlich alle? Ihr meint immer, wie gescheit ihr seid und dass ihr schon wisst, wie sich so etwas anfühlt! Aber das könnt ihr gar nicht! Deshalb muss sie mich nicht gleich für eine Weile wegschicken, nach dem Motto, vielleicht wird’s dann wieder!“

„Aber nein!“, winkte Tante Angela eilig ab. „Das war nur so ein Gedanke von mir!“

„Dann muss ich dich leider enttäuschen, dass dein Gedanke falsch ist!“ Bettina wirbelte herum. „Das kannst du Mama bei eurem nächsten Telefonat ja gleich ausrichten! Und sag ihr auch, dass ich ihr schon tausendmal erklärt habe, dass ich von Männern nichts mehr wissen will! Nie wieder! Und dass ich das nicht erst seit gestern weiß!“ Sie stampfte in Richtung Treppe. „Und zu deiner blöden Ranch kannst du alleine fahren!“

1952 – 53

Als Byron McCullough an diesem Morgen seine Augen aufschlug, spürte er sofort die Kälte, die sich im Schlafzimmer beißend festgesetzt hatte, und er wusste instinktiv: Es hatte über Nacht geschneit. Er blinzelte, rieb sich die verschlafenen Lider und gähnte, während er sich langsam aufrichtete. Heute war erster Advent und somit Sonntag, was wiederum bedeutete, es war keine Schule. Der zwölfjährige Junge gähnte noch einmal, seine dunklen Augen wanderten hinüber zum Nachtkästchen und zu dem unaufhörlich tickenden Wecker. Er zeigte bereits kurz nach halb acht Uhr; er erschrak. Du liebe Güte! Er hatte ihn nicht klingeln gehört und verschlafen! Ruckartig warf der Junge die Bettdecke zurück und sprang hinüber zum Fenster. Wieso hatte ihre Mutter sie denn nicht geweckt? Sie mussten doch pünktlich zur Kirche fertig sein, sonst tobte Vater wieder!

In dem anderen Bett, am Ende des Zimmers, das er sich mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder teilte, rührte sich noch nichts. Byron rannte zu ihm hinüber, schüttelte ihn durch das Federbett hindurch energisch an der Schulter: „Mensch, Stace! Wach auf! Wir haben verschlafen!“

Lediglich ein unwilliges Grunzen war die Antwort. Der andere Junge zerrte an der Decke und zog sie sich über die Ohren. Byron verzog das Gesicht. Typisch sein kleiner Bruder eben! Aber er wollte sich den Ärger gerne ersparen, wenn sie mal wieder nicht rechtzeitig zur Abfahrt bereit in ihrem besten Sonntagsstaat in der Tür standen, wenn ihr Vater mit dem alten Lieferwagen vorfuhr.

Eilig zog Byron sein kariertes Hemd und seine Bluejeans über und zögerte noch einen Moment, ehe er in die Cowboystiefel schlüpfte. Er wusste, dass seine Mutter es nur ungern sah, wenn er in diesem Aufzug am Sonntag umherlief. Nein, vielleicht gab es noch etwas draußen zu tun, Holz holen oder die Hühner füttern etwa, und dabei konnte er sich nun wirklich nicht erlauben, seinen Sonntagsstaat zu ruinieren. Flink knotete er sich das rote Halstuch um und lief den Flur entlangund die Treppenstufen hinab in den Wohnraum des Ranchhauses, in dem er geboren und aufgewachsen war.

„Mom? Pa?“ Auf der untersten Stufe blieb der Junge stehen. Niemand antwortete. Er trat zwei Schritte nach vorn, wo zu seiner Linken die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters nur anlehnte. Er stieß sie vollends auf, doch auch hier war alles still und leer.

„Pa? Mom?“ Seine Eltern mussten doch irgendwo stecken! „Sarah? Charlie?“ Doch auch seine beiden kleinen Schwestern gaben keine Antwort. Vielleicht schliefen sie noch.

Byron begann zu laufen – in die Küche neben dem großen Wohnraum, der die gesamte Westseite des Erdgeschosses einnahm. Nein, niemand schien hier zu sein. Irgendetwas musste passiert sein! Sie hatten ihn und Stacy nicht geweckt und einfach alleine gelassen!

Hastig rannte der Junge hinaus unter den Vorbau der Veranda. Der Schnee, der sich vor ihm auftürmte, reichte ihm bis zu den Oberschenkeln und als er die beiden Stufen hinabtreten wollte, versank er fast völlig darin. Solche Massen kannten sie hier in der Gegend sonst überhaupt nicht. Er ließ seinen Blick noch einmal gründlich über die mächtige Scheune, den Pferdestall, das kleine Bunkhouse – die Unterkunft der Cowboys – und die Koppeln gleiten, ehe er versuchte, über den Innenhof zu eilen. Er glaubte, hinter dem offenen Scheunentor eine Bewegung zu bemerken, doch das konnte auch eines der Hühner sein. Byron seufzte. Ihm war sehr unwohl zumute.

Aus dem Pferdestall neben der Scheune erklang mit einem Mal das Wiehern eines Pferdes. Byron riss die Augen auf, er kannte diese Art von Wiehern – nur ein Hengst gab es von sich, so tief und laut. Jetzt siegte die Neugier über die Besorgnis. Schnell bahnte Byron sich einen Weg an der großen, alten Scheune vorbei, um zum Pferdestall zu gelangen. Womöglich war dem Hengst heute Nacht etwas geschehen, sodass seine ganze Familie sich jetzt um ihn kümmern musste! Erst jetzt stachen ihm auch die Fußspuren ins Auge, die bereits zum Pferdestall hinüber führten.

Als Byron durch das angelehnte, doppelflüglige Tor in den hellen, kurzen Stall trat, bemerkte er zu allererst den großen, feurigen Rapphengst seines Vaters, der mitten in der Gasse zwischen den Verschlägen an einem der Stützpfosten des Daches angebunden stand. Hinter dem Jungen, aus einer der Pferdeboxen, erklang plötzlich das Rascheln von Stroh und Schritte. Byron fuhr herum.

„Na, auch schon wach!“ Lachend wandte sein Vater sich um, einen Hammer in der Hand und jetzt konnte Byron auch den Grund für die morgendliche Unruhe entdecken: Black Pearl musste über Nacht einige Bretter seines Verschlags weggetreten und sich dabei verletzt haben, denn in diesem Augenblick kam seine Mutter aus der Sattelkammer, den Verbandskasten und eine Schüssel Wasser in der Hand.

„Wo ist deine Jacke? Willst du dir den Tod holen?“, herrschte sie ihn mit strenger Miene an.

„Oh!“ machte Byron verlegen. „Hab ich ganz vergessen!“

„Dann sieh zu, dass du wieder ins Haus kommst!“, befahl Fey McCullough streng und beugte sich mit vielsagendem Blick über die klaffende Wunde an der Flanke des schwarzblau glänzenden, edlen Pferdes. „Und auf dem Weg dorthin kannst du gleich Jon Bescheid geben, dass er herkommen und deinem Vater zur Hand gehen soll!“

Byron nickte ergeben. Die lauten Hammerschläge hinderten ihn daran, etwas zu erwidern. Sein Vater fuhr fort, die zerborstenen Bretter notdürftig zu flicken.

„Das muss vorerst genügen. Morgen soll einer der Männer es anständig reparieren.“ Harold McCullough runzelte die Stirn, als er seinen Erstgeborenen noch immer wie hypnotisiert dastehen und glotzen sah. „Was ist, Junge? Hast du nicht gehört, was deine Mutter gesagt hat?“

„Ja, doch, schon!“, beeilte Byron sich einzuwerfen und trat zwei Schritte zurück. Er kannte die schnelle Hand seines Vaters nur zu gut. „Soll ich die anderen wecken?“

„Nein“, entschied Fey auf ihre bestimmte, eigensinnige Art und schüttelte den Kopf. Ihr dunkelblondes, langes Haar fiel über die Schultern nach vorn; sie streifte es genervt zurück. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, niemals ungekämmt am Frühstückstisch zu erscheinen, schien sie heute noch keine Zeit dazu gefunden zu haben.

„Nein?“, wiederholte Byron, ein wenig ungläubig.

„Nein!“, sagte seine Mutter noch einmal, diesmal ungeduldig. „Wir gehen heute nicht zur Kirche! Ich wüsste auch gar nicht, wie wir dort hinkommen sollten! Bei diesem Schnee kommen wir mit dem alten Klapperwagen gar nicht durch!“

„Oh, ja, gut!“ Byron konnte nicht verhindern, dass er grinsen musste. Keine Kirche! Wie herrlich! Und das bei diesem Neuschnee! Da wusste er sowieso was viel Besseres mit seiner freien Zeit anzufangen, die ohnehin recht knapp bemessen war, als in der Kirche zu sitzen und langweilige Predigten anzuhören! „Ich sage Onkel Jon Bescheid!“

Mit einem Ruck warf er sich auf dem Absatz herum und verschwand zum Stalltor hinaus.

„Dieser Junge! Aus dem wird noch mal ein prächtiger Rancher!“ Harold McCullough lächelte zufrieden.

„Meinst du?“, erwiderte seine Frau und es klang beinahe sarkastisch. Ein wenig erstaunt hob er die Brauen, doch sie widmete sich bereits wieder der Wunde des Hengstes, um sie zu reinigen und zu desinfizieren.

Harold McCullough war ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit kastanienbraunem Haar und einem wettergegerbten Gesicht, wie es nur jemand besaß, der sein Leben lang draußen in der freien Natur gearbeitet hatte. Den dichten Schnurrbart trug er meist zu lang, sodass dieser im Takt seiner Worte wippte, wenn er sprach. Harold wirkte auf seine Mitmenschen für gewöhnlich sehr selbstbewusst und unnachgiebig, beinahe hart, und dieser äußere Eindruck täuschte nicht. Er gehörte zu den stolzen, schwer arbeitenden Ranchern, die in seiner Jugend dem rauhen Klima von Wyoming getrotzt hatten, auch wenn es ihm heute in Oregon besser erging, und für die es nichts Wichtigeres und Schöneres gab, als über Kälber, Pferde und die zu erwartenden Ernten bei einem guten Glas Whiskey zu philosophieren. Das geschah häufig in Gesellschaft der Nachbarrancher oder im Rahmen von Versammlungen des Viehzüchterverbandes in Eugene.

Der genaue Gegensatz zu ihm war seiner Frau. Fey McCullough reichte ihrem Mann gerade bis zu den Achselhöhlen und besaß einen dünnen, beinahe mageren Körper. Ihr sanftes, hübsches Gesicht verbarg die Härte, die ihrem Charakter entsprach und der nur selten und in der Regel dann, wenn ihr etwas nicht recht war, aus ihr herausbrach. Dafür jedoch wurden diese Ausbrüche bei all ihren Mitmenschen umso mehr gefürchtet.

Währenddessen stapfte Byron durch den hohen Schnee hinüber zum Bunkhouse. Seine Faust donnerte gegen die Haustür. „Onkel Jon! Onkel Jon!“

Es vergingen einige Sekunden und allmählich merkte er, dass es doch sehr kalt geworden war über Nacht. Er bibberte, doch er hatte einen Auftrag von seinem Vater erhalten, und den würde er auch ausführen. Er klopfte noch einmal, und endlich wurde die Türe von innen entriegelt und aufgezogen. Dahinter erschien ein schlanker, hochgewachsener Mann mit graumelierten Haaren, das Hemd noch offen und mit schläfrigem Blick.

„Gott, Junge, was soll der Lärm schon in aller Herrgottsfrüh?!“ Der Vormann der Coyote Canyon Ranch kratzte sich den Dreitagebart.