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Anna Ehrlich
HEIDEN, CHRISTEN, JUDEN UND MUSLIME
Eine Geschichte der Religionen in Österreich

Anna Ehrlich

Heiden, Christen,
Juden und Muslime

Eine Geschichte
der Religionen in Österreich

AMALTHEA

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© 2009 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Umschlagfoto: Wien von Osten, im Vordergrund orientalisch gekleidete
Figurengruppe am Donaukanal auf der Leopoldstädter Seite.
Aquarell von Isidor Thurner. 1812. © IMAGNO/Austrian Archives
Herstellung: studio e, Josef Embacher
Gesetzt aus der 11,5/15 pt New Caledonia
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-85002-682-6
eISBN 978-3-903083-50-9

INHALTSVERZEICHNIS:

Einführung

I. VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR REFORMATION

1. Das Heidentum

Die alten Götter – Austria Romana – Mithras, der Stiertöter

2. Die Christianisierung

Christus gibt sich kämpferisch – Einen Mühlstein um den Hals

Der Sieg des Christentums – Severin und Odoaker – Die religionsgeschichtliche Rolle der Franken – Das Papsttum in seinen Anfängen

Iroschottische und angelsächsische Mission – Die Slawenmission

3. Die Verteidigung des Glaubens

Der Magyarensturm – Vom Galgen zum Altar

Die Christianisierung der Magyaren

4. Die Juden

Markgraf Abraham und Judeisapta

5. Die innere Entwicklung der Kirche

Die Erziehung zum Christentum – Bischöfe, Missionare und Klöster

Der Investiturstreit – Die Klöster

Die österreichischen Reformbischöfe

6. Missstände und ihre Folgen

Die Missstände in der Salzburger Diözese – Die Ketzerbewegungen

Das IV. Lateranum – Die Ausbreitung und Verfolgung der Waldenser

Der Inquisitor Petrus Zwicker

7. Die Begegnung mit dem Islam

Die Kreuzzüge – Österreichs Fürsten als Kreuzfahrer

Die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam

8. Das Spätmittelalter

Die Juden unter den Babenbergern und im Interregnum

Přemysl Ottokars Kirchenpolitik – Die habsburgischen Länderteilungen im Mittelalter – Die Juden unter den frühen Habsburgern

Die Wiener Universität – Frömmigkeit und kirchliches Leben

9. Die Bedrohung von außen und das Schicksal der Juden

Johannes Hus – Die Hussiten in Österreich

Die Basler Kompaktate – Die Geserah – Der Türkeneinfall

Die Schlacht von Belgrad

II. REFORMATION, GEGENREFORMATION UND BAROCK

1. Der Humanismus

2. Zwischen Türken und Protestanten

Halbmond und Tributzahlung – Die neuen Lehren

Die Reformatoren – Die Ausbreitung der Reformation in Österreich

Bischof Desperatus – Adel und Reformation

Der erste Märtyrer – Die Verfolgung der Täufer

Die Position der Habsburger – Der Jesuitenorden

Die Juden in der Frühen Neuzeit

3. Sonderfall Burgenland

Das Burgenland zwischen Türken und Katholiken

Konversion aus Liebe – Jüdisches Leben im Burgenland

4. Der Sieg der Gegenreformation

Salzburg und der Bauernkrieg – Die Gegenreformation in den Ländern der Habsburger – Vom Auslaufen und Wallfahrten

Die Gegenreformation in Niederösterreich – Oberösterreich

Innerösterreich – Der Dreißigjährige Krieg

5. Barock und Fürstenmacht

Die Salzburger Exulanten – Die Vertreibung und Rückkehr der Juden unter Kaiser Leopold I. – Orthodoxe in Altösterreich

Der Sieg über die Osmanen – Barock und Absolutismus

Kryptoprotestantismus und Transmigration – Die Minderheiten unter Maria Theresia – Von Salzburg nach Ostpreußen

III. DER LANGE WEG ZUR TOLERANZ

1. Die Aufklärer

Maria Theresia und das Staatskirchentum – Die Revolution von oben

Die Toleranzgesetzgebung Kaiser Josephs II. – Der Papst in Wien

2. Vom Josephinismus zur Revolution

Die Bündelung der Kräfte – Gott erhalte Franz den Kaiser

Vom Fürsterzbistum zum Kronland – Vom Heiligen Reich zur Heiligen Allianz – Restauration und Revolution

3. Von der Revolution zur Demokratie

Die altkatholische Kirche – Das Konkordat – Bosnien und der Islam

Die Juden im 19. Jahrhundert – Die liberale Ära und der Kulturkampf

Die soziale Frage – Für Kaiser, Gott und Vaterland

IV. KIRCHE UND REPUBLIK

1. Die erste Republik

Der Kulturkampf, Neuauflage – Der Ständestaat

2. Glaube und Widerstand

Kardinal Innitzer und der Anschluss – Konfessioneller Widerstand

Die evangelische Kirche – Der Widerstand der Zeugen Jehovas

3. Die zweite Republik

Der Islam in der 2. Republik – Weitere nichtchristliche Religionen

Katholische Ostkirchen – Die kanonischen orthodoxen Kirchen

Die altorientalischen Kirchen – Weitere evangelischen Kirchen und religiöse Gruppen – Ökumenischer Rat, Bischofskonferenz und evangelischer Rat

4. Heute

Religionszugehörigkeit und rechtlicher Status der Glaubensvereinigungen

Nicht anerkannte religiöse Gruppen

V. ANLAGEN

Die Wiener Judenstadt – Anmerkungen – Herrscherliste

Quellen und Literaturverzeichnis – Personenverzeichnis

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Wien 1782: Papst Pius VI. verlässt den Platz Am Hof nach dem Ostersegen

EINFÜHRUNG

»Wie sich doch die Zeit geändert hat!
Die Apostel machten Krumme g’rad,
doch Pius kehrt die Ordnung um
und macht Gerade krumm.«

So spotteten die Wiener anno 1782, als im allgemeinen Getümmel beim Ostersegen von Papst Pius VI. (Giovanni Angelo Graf Braschi, 1717–1799) einer alten Frau beide Beine gebrochen worden waren. Die Gläubigen hatten sich in Massen in die Nähe des Heiligen Vaters gedrängt, und sehr rücksichtsvoll gingen sie dabei nicht miteinander um. Hochgestellte Herrschaften hatten es besser, denn sie wurden zum Fußkuss zugelassen. Es meldeten sich allerdings so viele dazu an, dass man sie nicht alle berücksichtigen konnte. So ersuchte man den Papst zu erlauben, wenigstens seinen Pantoffel verehren zu dürfen. Der Heilige Vater lachte zwar über diese Albernheit der Frommen, gewährte ihnen jedoch die Bitte. So soll dann ein Pantoffel in seinem Vorzimmer zum Küssen bereitgestanden haben und ein zweiter in verschiedene Häuser getragen worden sein: »Ach, wie der Pantoffel auf goldenen Tassen, unter Vortretung aller Hauslivreyen, mit Fakeln, begleitet, von Zimmer zu Zimmer herumtransportiret, bekueßt, beleckt, – und Gott weiß was alles ward!«, berichtet ein Zeitgenosse.

Das Gepränge, das der gut aussehende Besucher rund um das Osterfest entfaltete, war zwar für das Wiener Christenvolk schön und sehr erhebend, den Zweck seiner Reise erreichte er aber nicht. Kaiser Joseph II. ließ sich nicht von seiner durchgreifenden Kirchenreform abhalten. Er war dem hohen Gast bis in die Gegend von Neunkirchen entgegengereist. »Um jede feierliche Begrüßung zu vermeiden, bin ich auf dem großen Wege, nur in Gegenwart der Postillione, mit ihm zusammengetroffen. Ich habe ihn sofort aussteigen lassen, in meinen Wagen gesetzt und ihn geradewegs nach Wien in die Burg geführt«, schrieb er an seinen Bruder Leopold. Er hatte auf diese Art das übliche höfische Zeremoniell einfach umgangen. Zwar brachte er den Heiligen Vater voller Hochachtung in Maria Theresias früherem Schlafzimmer in der Hofburg unter, das eigens mit einem Altar versehen worden war, von den öffentlichen Auftritten seines Gastes in Wien, ja sogar vom Pontifikalamt am Ostersonntag, hielt er sich aber fern und schützte Krankheit vor (siehe S. 196).

Josephs Kirchenreformen waren schmerzhafte Eingriffe in die althergebrachten Rechte der katholischen Kirche, denn sie beschränkten deren Macht, enteigneten einen Teil deren Besitzes und stellten diese unter die Kontrolle des Staates. Was war die Ursache für sein Vorgehen? Waren die Vorrechte der Kirche untragbar geworden? Oder war ganz einfach eine neue Zeit mit neuen Ideen angebrochen?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es nötig, sich ein wenig mit der Religionsgeschichte dieses Landes zu beschäftigen, die aber in ihrem europäischen Zusammenhang gesehen werden muss. Sie erzählt, wie die katholische Kirche nach weltlicher Macht strebte, welche religiösen Strömungen es neben ihr gab, wie diese grausam unterdrückt wurden, und wie sie sich zur Herrschaft über den Staat aufschwingen konnte, bis Kaiser Joseph II. ihr die Flügel beschnitt.

Seit Josephs Toleranzgesetzgebung wird – mit Ausnahme der nationalsozialistischen Ära – in unserem Land niemand mehr vom Staat wegen seiner Religion verfolgt oder zu einem bestimmten Glauben gezwungen, wenn es auch immer wieder zu Benachteiligungen einzelner Gruppen aus religiösen Gründen kam. Heute ist das Menschenrecht auf freie Religionsausübung verfassungsmäßig jedem Bewohner dieses Landes garantiert und notfalls mit Hilfe des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg durchsetzbar.

I.

VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR REFORMATION

 

1. DAS HEIDENTUM

Die alten Götter

Vom Glauben der Ur-Österreicher wissen wir wenig. Funde wie Grabbeigaben und Idole lassen darauf schließen, dass man bereits seit der Altsteinzeit an ein Leben im Jenseits glaubte und dass Muttergottheiten besonders verehrt wurden. Ob es sich um eine matriarchalische Gesellschaftsform handelte, kann nur vermutet, nicht bewiesen werden. Um 1800 v. Chr. begann man Kupfer abzubauen und Bronze zu erzeugen, die ersten größeren Siedlungen entstanden. Als um 800 v. Chr. neue Völker (Zugehörigkeit nicht restlos geklärt, Illyrer? oder frühe Kelten?) aus dem Norden in unseren Raum eindrangen, vermischten sie sich mit den Ureinwohnern zu einer neuen Kultur, der »Hallstatt-Kultur«, von der wir uns ein recht gutes Bild machen können.

Als aus dem Osten um 400 v. Chr. verschiedene Stämme der norischen Kelten eindrangen, nahmen sie die religiösen Bräuche der Urbevölkerung und deren Glauben an die Große Mutter an, verhalfen daneben aber auch ihren männlichen Stammesgöttern zu Ansehen. Stand bei ihnen der Stammvater oder doch noch die weibliche Schöpfungskraft im Vordergrund, oder ist das nur das Wunschdenken einiger Autoren?

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Der im Jahre 1851 gefundene Kultwagen aus Strettweg/Judenburg stammt aus der Zeit von 600 v. Chr. und gehört der Hallstatt-Kultur an. Der Figurenschmuck stellt vermutlich eine Opferprozession dar. Der Wagen ist im Joanneum in Graz ausgestellt

Drei keltische Göttinnen namens Wilbeth, Ambeth und Worbeth (die drei Bethen oder Matronen) entsprachen den drei Aspekten der Großen Mutter: jungfräuliches, weißes Licht und Leben, rote Fruchtbarkeit, schwarze Ruhe und Heil. Diese weibliche Trinität lässt sich in den »Heiligen Drei Madln« Katharina, Margaretha und Barbara wieder erkennen, die im Volksglauben des Ostalpenraums bis heute eine Rolle spielen und deren Symbole Rad, Lindwurm und Turm recht gut zu den drei Bethen passen. Beim Entstehen und Vergehen des Menschen im Kreislauf der Natur spielte das männliche Element keine Rolle: Nach dem Tod des Körpers zieht sich die Seele zur Erholung in die Anderswelt in einen markanten Berg wie den Untersberg, Kahlenberg oder Ulrichsberg zurück, bis es Zeit für ihre irdische Wiedergeburt wird. Dann lässt sie sich mit Quellwasser, dem Element des Lebens und Milch der Urmutter, an die Erdoberfläche spülen. Trinkt nun eine gebärfähige Frau das Wasser, so nistet sich die Seele in ihr ein und wird bald als neuer Mensch geboren. Es dürfte also bei den Norikern ursprünglich keinen allmächtigen Göttervater gegeben haben, die zahlreichen männlichen Gottheiten stammen von der Großen Mutter ab und haben ihre Macht von und mit ihr.

Männliche Priester, die Druiden, und die zahlreichen Menschenopfer lassen allerdings vermuten, dass das Patriarchat bei unseren keltischen Vorfahren zumindest auf dem Vormarsch war. Sie verehrten besonders den Kriegsgott Belenus, den glänzenden Gott des Lichts, den sie für ihren Stammvater hielten. In Aquileia erinnert noch heute der Stadtteil Beligna an seinen Namen. Sowohl in Salzburg (St. Peter) als auch in Grado (Barbana) gab es offenbar große Kultstätten zu seinen Ehren. Im Jahre 582 wurden – so will es die Überlieferung – dann zeitgleich an beiden Orten christliche Klöster gegründet. Der Wilde Mann oder Schimmelreiter, der in unseren Sagen die Wilde Jagd anführt, ist wohl Cerunnos, der Gehörnte. Dessen Sommergestalt Esus – Sohn der großen Mutter – bereitete durch die Namensähnlichkeit die Aufnahme von Jesus bei den Kelten vor. Cerunnos wird zu seinem Gegenspieler, dem Teufel. Gut dazu passen Sagen, die von Frau Holle oder Perchta (Berta) berichten, die vermutlich die große Muttergöttin der Steinzeit war und als Noreia, Tana, Frigg und Maria weiterlebte. Wenn in den Raunächten (um die Jahreswende) ihr wildes Gefolge beim Perchtenlauf neu erweckt wird, so schließt man damit an alte Volksbräuche an, deren vorkeltische, keltische, slawische und germanische Wurzeln nicht mehr zu unterscheiden sind.

Die Religion der Noriker ist trotz der Bemühungen der Keltologen aber nicht wirklich greifbar und bleibt weitgehend Vermutung. Was wir darüber wissen, verdanken wir neben der Archäologie und unseren Sagen den griechischen und römischen Autoren, die nur leider keine Namen der einheimischen Götter überliefern. Nur Lucan nennt in seiner »Pharsalia« die drei keltischen Götter Teutates, Esus und Taranis. Die Römer setzten die einheimischen Götter mit ihren eigenen gleich, was zwar naheliegend, aber falsch war. Diese »Interpretatio Romana« macht sich auch in der bildlichen Darstellung einheimischer Götter bemerkbar. So erhielt Jupiter optimus maximus in Ansfelden einen Altar, das darauf dargestellte Rad zeigt aber, dass es sich um den keltischen Donnergott Taranis handelt.

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Vor der Wallfahrtskirche in Maria Taferl hat sich ein heidnischer Opferstein erhalten

Austria Romana

Das Königreich Norikum wurde dem Römischen Reich nach über einhundert Bündnisjahren im Jahre 15 v. Chr. einverleibt. Grundsätzlich pflegten die Römer ihre Soldaten stets möglichst weit von deren Heimat einzusetzen. Sofern nur jeder Einzelne von ihnen den Kaiserkult anerkannte, konnte er ansonsten glauben, was er wollte. So kamen sämtliche Götter, die irgendwo im Imperium Romanum verehrt wurden, auch nach Österreich. Manche verschmolzen1 mit römischen, keltischen oder vorkeltischen Gottheiten, wie z. B. Isis mit der Großen Mutter Noreia. Wir kennen zwei ihrer Heiligtümer, in Hohenstein im Glantal und auf dem Ulrichsberg, sie sind durch Inschriften bezeugt.

Der Ulrichsberg, als Mons Carantanius namensgebend für Kärnten, ist einer der vier Berge, die das Zollfeld, das seinen Namen von Solium ableitet, umschließen. Auf ihnen befanden sich in vorrömischer Zeit Heiligtümer, und noch heute verbindet sie ein uralter Kultlauf, der Vier-Berge-Lauf, der vermutlich auf einen vorchristlichen Frühlingskult zurückgeht. Am »Dreinagelfreitag« (dem zweiten Freitag nach Ostern) wird um Mitternacht auf dem Magdalensberg eine Messe gefeiert. Der Chor der Kirche steht auf einem alten keltischen Vierecktempel, und der Weihwasserkessel ist in ein heidnisches Dreikopfbecken eingesetzt. Solche Dreiköpfe stellen keltische Gottheiten dar, sie sind ein Symbol der Sonne und der Jahreszeiten. Der Priester besprengt die Läufer, deren Hüte mit Wacholder geschmückt sind, mit Weihwasser, dann laufen sie auf den Ulrichsberg, wo der zweite Gottesdienst gefeiert und Efeu zum Wacholder gesteckt wird. Beim Aufstieg auf den Veitsberg kommt Immergrün dazu. Nach der Andacht in der kleinen Bergkirche laufen die Teilnehmer über Gradenegg und Sörg, wo zuletzt Buchsbaum auf die Hüte kommt, und treffen sich auf dem Lorenziberg zum Abschlusssegen.

Das vermutlich größte Heiligtum der Isis außerhalb Ägyptens befand sich im Ort Frauenberg bei Leibnitz, 500 Meter neben dem Schloss Seggau. In römischer Zeit galt Isis-Noreia als Herrin des Schicksals, des Lebensglücks, der Fruchtbarkeit, des Bergsegens und der heilenden Kraft, insbesondere des Wassers. Einige ihrer Züge übertrug man später auf die heilige Hemma von Gurk, Gräfin von Friesach und Zeltschach, die im 11. Jahrhundert lebte: Man pilgerte zu ihr, um nie mehr Mangel an Brot zu leiden2, und Frauen mit Kinderwunsch setzten sich auf den Stein, der neben ihrer Gruft steht.

Wie in Rom und im gesamten Reich bauten die Römer in den Provinzen Rätien, Norikum und Pannonien, auf deren Gebiet der größte Teil von Österreich liegt, in jeder Stadt ein Kapitol. Es war der kapitolinischen Trias Jupiter – Juno – Minerva geweiht, außerdem diente es dem obligaten Kaiserkult. Aber auch Statuen und Bronzestatuetten vieler anderer römischer Gottheiten und mythologischer Helden fanden sich in den Lagerresten: Merkur, Venus, Fortuna, Victoria, Apollo, Mars, Asklepios, Hygieia, die Dioskuren, Dionysos, Herkules und sogar Hermaphrodit. Aus Ägypten kam außer Isis noch Osiris, aus dem Orient Baal und Kybele, und sie galten bald als einheimische Gottheiten. Im Bereich von Mautern rief ein Liebeszauber Eracura, die keltische Göttin der Unterwelt, um Hilfe an, in Bregenz wird sie mit dem keltischen Ogmios verbunden, und anderswo erscheint sie als Juno, weil die erste Hälfte ihres Namens wie Hera klingt, oder als Diana-Hekate. Andere Inschriften nennen Dis Smertius, den Gott des Reichtums, und setzen ihn dem glänzenden Gott der Kelten, Belenus, gleich. Bei Carnuntum gab es einen Tempelbezirk auf dem Pfaffenberg. Neben Sirona wurde auch Jupiter Dolichänus (von Doliche in Kleinasien) verehrt. Im Amphitheater hatte Fortuna oder auch Diana Nemesis ihren Altar. Niemand konnte sich bei so vielen Göttern einen Durchblick verschaffen. Wollte man es allen recht machen, so setzte man am besten gleich Jovi optimo maximo (dem besten größten Jupiter) und Diis Deabusque omnibus (allen Göttern und Göttinnen) einen gemeinsamen Altar.

Das alles war nicht sehr zufriedenstellend, daher wuchs in der Spätantike die Sehnsucht nach einem einzigen Gott, nach Mysterien, dem Elysium, der Erlösung und dem Weiterleben nach dem Tode. Die Mysterienkulte um Dionysos, Herkules und Orpheus fanden viele Anhänger. Der Boden für das Christentum war damit gut vorbereitet.

Mithras, der Stiertöter

Aber noch war es nicht so weit, denn seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert gab es eine neue Religion, den Mithras-Kult, einen geistigen Kriegsdienst (militia), der so recht für harte Männer und Soldaten geeignet war und der patriarchalischen Gesellschaftsordnung der Römer entsprach. Es handelte sich dabei um eine sehr weit entwickelte Religion mit stark ethisch-moralischer Ausrichtung, der jedoch das weibliche Element völlig fehlte. Mithras ist nicht der oberste Gott, über ihm stehen die ewig dahinfließende Zeit und der göttliche Herrscher Jupiter-Oromazdes, der Herr des Himmels und des Guten, dem Ahriman, der Geist der Finsternis, gegenübersteht. Mithras steigt aus dem Felsen empor und erleuchtet die dunkle Nacht. Durch die Tötung des göttlichen weißen Stiers als Schöpfungsakt wird er zum Urheber des irdischen Lebens. Die Tötung und das Festmahl, das Mithras danach zusammen mit Sol einnahm, waren die zentralen Kultinhalte und sind auf allen Mithrasreliefs dargestellt. Die Anhänger des Kultes mussten sich bei der Einweihung ungefähr achtzig körperlichen und seelischen Prüfungen unterziehen und einen Eid (sacramentum) ablegen, dann folgte ein feierliches Mahl als Abbild der himmlischen Glückseligkeit. Die Eingeweihten bemühten sich, im Kampf des Guten gegen das Böse ihrem Gott über sieben Weihegrade (corax/Rabe, nymphus/ Bräutigam, leo/Löwe, miles/Soldat, perses/Perser, heliodromus/Sonnenläufer und pater/Vater) immer näher zu kommen. Nach dem Tod stiegen ihre Seelen durch die Planetensphären zur Unsterblichkeit auf. Der Titel ihres höchsten Priesters war »pater patrum« (abgekürzt papa). Wie verbreitet der Kult war – er wurde von etlichen Kaisern gefördert, vor allem von Diocletian – zeigt sich an den zahlreichen Mithräen, die man gefunden hat. Anlässlich des Kaisertreffens von Carnuntum im Jahre 308 ließen die dort versammelten vier Herrscher ein Mithräum restaurieren, was dessen Wichtigkeit beweist.

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Der Mithrasstein von Sterzing (Vipiteno)

 

2. DIE CHRISTIANISIERUNG

Christus gibt sich kämpferisch

Mithras und Sol invictus, der unbesiegte Sonnengott, sollten jedoch bald besiegt werden, und das ausgerechnet durch eine Religion, die von ihrem ursprünglichen Wesen her so gar nichts Kämpferisches an sich hatte, dem Christentum. Doch der christliche Gott trat bei uns zuerst einmal militärisch auf und sorgte für ein Regenwunder im Quadenland: Als Kaiser Marc Aurel im Jahre 173 mit seinen Legionen verzweifelt gegen die Quaden kämpfte, waren sie aus Wassermangel fast verdurstet. Da betete eine Legion, die aus lauter Christen bestand, zu ihrem Gott um Hilfe. Dieser schickte sofort einen heftigen Gewitterregen, die Soldaten wurden erfrischt, und die Quaden liefen aus Angst vor dem Donner davon. Auf der Marc-Aurel-Säule ist dieses rettende Gewitter dargestellt, es wird allerdings »Jupiter Pluvius« zugeschrieben. Während Marc Aurels Regierung lebten die Christen zumindest ungestört, unter vielen seiner Nachfolger hingegen nicht. Diese sahen in ihnen Aufrührer und Hochverräter, da sie dem Kaiser die vorgesehenen Opfer verweigerten und ihm daher nicht den nötigen Respekt erwiesen.

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Das Regenwunder im Quadenland, Ausschnitt aus der Marc-Aurel Säule (nach Pietro Bellori)

Einen Mühlstein um den Hals

Der aus Zeiselmauer stammende heilige Florian war der erste christliche Blutzeuge in unserem Raum. Als bekennender Christ wurde der Römer unter Kaiser Diocletian zwangspensioniert und lebte unbehelligt im heutigen St. Pölten. Da kam im April 304 sein ehemaliger Vorgesetzter Aquilinus, der zivile Statthalter von Ufer-Norikum, nach Lauriacum (Lorch-Enns), um auf Befehl des Kaisers Christen auszuforschen, und nahm vierzig von ihnen fest. Die verschüttete Zisterne im aufgelösten Minoriten-Kloster neben der jetzigen Stadtpfarrkirche von Enns soll ihr Kerker gewesen sein, den sie nicht lebend verlassen sollten. Florian, der frühere Kanzleileiter des Statthalters, kam den Gefangenen sofort zu Hilfe. Aber Aquilinus hörte ihm erst gar nicht zu, sondern forderte ihn sofort auf, dem Kaiser zu opfern. Florian weigerte sich und nahm seine Weigerung auch nach schlimmen Martern nicht zurück. So wurde er zum Tod verurteilt, doch war zunächst niemand bereit, die Hinrichtung zu vollziehen. Schließlich stieß ihn am 4. Mai 304 ein Soldat mit einem Mühlstein um den Hals in die Enns.

Hier setzt nun die Legende ein: Als der Soldat dem Ertrinkenden nachsah, erblindete er. Florians Leiche tauchte mit dem Stein wieder auf, wurde von den Wellen auf einen Felsen geworfen und von einem Adler bewacht. In der Nacht erschien Florian einer gewissen Valeria, einer frommen Witwe, mit der Bitte, ihn zu bestatten. Als die Ochsen seinen Leichnam von Enns zu ihrem Landgut (dem heutigen Ort St. Florian) zogen, ermatteten sie auf dem langen Weg. Da begann auf Valerias Gebet plötzlich eine Quelle zu sprudeln – das »Floriani-Bründl«, das sich in St. Florian neben der später erbauten Johanneskirche befindet. Viele Wunder sind schon dort geschehen: Böse Geister wurden ausgetrieben, Kranke geheilt und Hoffnungen erfüllt. Florian wurde zu einem Wasserheiligen und – in logischer Folge – im Laufe der Jahrhunderte zum Patron gegen Feuergefahren.

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Abbildungen des Schutzpatrons Florian wie in Gumpoldskirchen sind in vielen Ortschaften zu finden

Der Mühlstein befindet sich in der Krypta der Stiftskirche von St. Florian. Dort wurde Florian vermutlich begraben, seine Gebeine wurden trotz mehrfacher Suche aber nie gefunden. Möglicherweise nahmen die Römer sie bei ihrem von Odoaker befohlenen Abzug nach Italien in die Diözese Aquileia und/oder in die Kirche San Lorenzo in Rom mit. In Vicenza und San Floriano al Valpolicella gibt es Reliquien. Von Rom aus dürften sein rechter Unterarm und die Hand im Jahre 1184 nach Krakau gelangt sein, Partikel davon kamen später nach Zeiselmauer und 1968 in die St. Laurenzkirche von Lorch. Dort befinden sich im Hochaltar in einem Steintrog die Gebeine der vierzig anderen Märtyrer.

Florian ist ein volkstümlicher Heiliger. Nach altem Brauch soll am Florianitag kein Feuer entzündet werden, man soll kalt essen. Nach einer Bauernregel hofft man an dem Tag auf Regen, damit es im folgenden Sommer keine Brände gibt. Seit 2003 ist Florian offiziell neben Markgraf Leopold Landespatron von Oberösterreich. Im selben Jahr wie Florian starb als Märtyrer auch der früheste nachweisbare Bischof von Binnennorikum, Victorinus von Poetovio (Pettau), ein sehr gebildeter Mann, von dem sich Bibelkommentare erhalten haben.

Der Sieg des Christentums

Nur elf Jahr nach Florians Tod wurde das Mailänder Toleranzedikt im Jahre 313 von Kaiser Konstantin (272–337) erlassen, und die Zeit der Verfolgungen war vorbei. Die Missionierung der einheimischen, keltisch-römischen Mischbevölkerung erfolgte zuerst von Italien, vor allem von Aquileia, aus. Diözesen wurden gemäß der römischen Verwaltungsstruktur aufgebaut, Aguntum (bei Lienz), Lauriacum (Lorch), Teurnia (bei Spittal an der Drau) und Virunum (bei Klagenfurt) wurden zu Bischofssitzen. Weitere werden in Carnuntum (bei Petronell), Iuvavum (Salzburg), Ovilava (Wels) und Vindobona (Wien) mit einer bischöflichen Fliehburg in Klosterneuburg vermutet. Für die Existenz eines Bischofssitzes spricht, wenn an einem Ort Kirchenfamilien, je zwei Kirchen und ein Taufhaus, gefunden werden. Falsch ist sicher die Annahme, die gesamte Bevölkerung wäre innerhalb kürzester Zeit nicht nur in den Städten, sondern auch im ländlichen Raum durchgehend christlich geworden.

Unter Kaiser Theodosius I. (347–396) wurde das Christentum nach seinem »wundersamen« Sieg am Frigidus (dem Fluss Vipava im heutigen Slowenien) zur einzig erlaubten Religion. Waren die Christen zuerst der Meinung gewesen, an den mit Sünde behafteten Geschäften des Staates nicht teilnehmen zu können, so herrschte seit Augustinus ein anderes Verständnis: Der Staat, der als Machtinstitution eigentlich aus teuflischem Herrschaftsbereich stammt, kann, wenn er der Kirche dienstbar wird und ihren Forderungen nachkommt, einen höheren sittlichen Wert erlangen. Zum Garanten der kirchlichen Wahrheit wurde das apostolische Amt des Bischofs, also die ununterbrochene Amtsübertragung von einem Bischof zum anderen (apostolische Sukzession). Die katholische Priesterkirche galt als Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen, sie wurde zur Heilsanstalt. Den unmündigen Laien (Laos = Volk) stand der berufsmäßige Klerus (Kleros = Erbteil, Gott als Erbteil der Priester) gegenüber. Die Kirchenhierarchie bildete sich aus, die Stufen waren die Ämter der Patriarchen, Bischöfe, Presbyter, Diakone, Subdiakone, Lektoren und Türsteher. Bald begannen die Kirche, ihre Macht zu zeigen und Forderungen zu stellen. Eine davon war die Verfolgung Andersgläubiger, der Heiden und der Häretiker.

Nach einem Gesetz Kaiser Theodosius’ I. von 391 waren alle heidnischen Tempel zu schließen, und sein Sohn, Kaiser Flavius Honorius (384–423), ordnete im Jahre 408 an: »Wenn irgendwelche Bildnisse noch in Tempeln oder Schreinen stehen, und wenn sie heute oder jemals zuvor Verehrung von Heiden irgendwo erhielten, so sollen sie herunter gerissen werden.« Die Zerstörung der heidnischen Kultstätten im Namen des christlichen Gottes erfolgte mit großer Begeisterung. Der Heide Libanios schildert schon um das Jahr 380 in seinem Brief an Kaiser Theodosius I. die extreme Zerstörungswut von »Banden schwarz gekleideter Mönche«. Von den heidnischen Blutzeugen, die für die alten Götter starben, berichtet die christliche Überlieferung natürlich nichts. Auch ein Großteil der Mithräen wurde zerstört, der Rest verfiel unbeachtet. Die ersten Irrgläubigen, die blutig verfolgt wurden, waren die halbchristlichen Manichäer, zu denen der Kirchenvater Augustinus vor seiner Taufe durch Ambrosius gehört hatte, und die Donatisten. Letztere behaupteten, die Gültigkeit der Sakramente hinge von der Würdigkeit des Spenders ab.

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Der Dom von Aquileia

Die Gnostiker vertraten den Dualismus: Die Welt und jede Materie sei das Werk des Demiurgen (δηµιουργóς = Handwerker, für Marcion war auch das Alte Testament dessen Werk) und nicht eine Schöpfung Gottes. Christus hingegen verkünde in seiner menschlichen Erscheinung den unbekannten Gott, mit ihm beginne die Erlösung. Für die Gnostiker gab es drei Arten von Menschen, diejenigen, die ganz aus Materie bestünden; dann diejenigen, die aus Materie und Geist bestünden und wenigstens in der Lage wären, geoffenbarte Wahrheiten aufzunehmen; und schließlich die Gnostiker selbst, die Wissenden, die der Offenbarung gar nicht bedürften, da sie ganz vom göttlichen Geist durchformt wären. Das Gedankengut all dieser von der Kirche abgelehnten Lehren überlebte, wurde von den Bogomilen übernommen und findet sich bei den Ketzerbewegungen des Mittelalters, den Katharern, Waldensern und Hussiten, in der Neuzeit und sogar bei modernen Religionsgemeinschaften wieder.

Parallel zur fortschreitenden Christianisierung verfiel nun auch im Oströmischen Reich die römische Militärmacht. Zuerst übernahmen einzelne Germanen hohe militärische und politische Funktionen, dann wurden ganze Völker innerhalb der Reichsgrenzen angesiedelt, und weitere drängten nach. Eines dieser Völker waren die Goten. Im Jahre 341 wurde der Gote Wulfila (311–383) in Antiochia vom arianischen Reichsbischof von Konstantinopel, Eusebios von Nikomedia, zum »Bischof der Christen im gotischen Land« geweiht, die nächsten Jahre verbrachte er als Missionar bei den Westgoten an der unteren Donau und stieß dabei auf Widerstand seitens der Oberschicht. Mit etlichen Anhängern floh er zu den Römern, die Gruppe wurde unter kaiserlichem Schutz bei Nikopolis angesiedelt. Dort übersetzte er die Bibel3 ins Gotische, wofür er eine eigene Schrift erfand. Er legte damit den Grundstein zur Christianisierung der Goten und der anderen Ostgermanenstämme. Sie brachten während der Völkerwanderung den Arianismus in unser Gebiet, in Pannonien scheint er die vorherrschende Religion geworden zu sein. Auch in Norikum finden sich mancherorts Reste von Kirchen nebeneinander, von denen eine für die Arianer und eine für die Katholiken bestimmt war. Vermutlich benutzten sie aber oft auch eine Kirche gemeinsam.

Der Arianismus verursachte die erste große Kirchenspaltung4. Der heftige Streit zwischen Arianern und Trinitariern, der bereits unter Kaiser Konstantin ausgebrochen war, erfasste das ganze Reich, die kaiserliche Familie und alle Untertanen in Ost und West. Es ging dabei in erster Linie um die grundlegende Frage nach der wahren Natur von Jesus und ob er Teil der Dreieinigkeit oder Teil der Schöpfung sei; also um die Frage, ob der historische Jesus Gott, gottgleich, von Gott adoptiert oder ein erleuchteter Mensch gewesen sei. Die Auseinandersetzung wurde – nach etlichen Konzilien – im Jahre 381 auf dem 1. Konzil von Konstantinopel im Sinne der Trinitarier beigelegt: Jesus war Teil der Dreieinigkeit, Arius (336), der dies geleugnet hatte, war daher ein Häretiker. Bischof Ambrosius von Mailand (397), der zu den Kirchenvätern zählt, war einer seiner schärfsten Gegner. Der Arianismus hatte noch bis ins 7. Jahrhundert5 hinein Anhänger, vor allem Ostgermanen, die ja zur Zeit seiner Vorherrschaft zum Christentum übergetreten waren. Es ist aber durchaus möglich, dass ihre Bräuche in entlegenen Gebieten des Tolosanischen und Toledanischen Reiches nie ganz vergessen wurden und ebenfalls in die großen Ketzerbewegungen mündeten.

Die Arianer lasen die Bibel in ihrer Volkssprache und feierten ein Brudermahl nach urchristlichem Vorbild, sie verehrten weder Heilige noch Reliquien, es gab keinen Mutter-Gottes-Kult, keine Ohrenbeichte, keine Kindertaufe. Ihre Priester und Bischöfe gingen einem Beruf nach und waren verheiratet, und es gab zwar Klöster, jedoch mit Mönchen und Nonnen auf Zeit. In Glaubensdingen waren sie tolerant, sie machten keine Versuche, die römisch-katholische Bevölkerung in den eroberten Gebieten mit Gewalt zu ihrem Glauben zu bekehren. »Religion kann man nicht anbefehlen«, befand der in Italien regierende Ostgotenkönig Theoderich (454–526). In den Unterschieden zwischen katholischem und arianischem Christentum liegt der Grund, weshalb sich die arianischen Germanen bei uns nicht mit der keltisch-römischen, trinitarisch gesinnten Bevölkerung vermischten. Im heutigen Frankreich lagen die Dinge anders, da die Franken die katholische Religion annahmen.

Severin und Odoaker

Als die römischen Truppen Ufernorikum verlassen hatten, verfiel auch die römische Verwaltung. Die romanische Bevölkerung zog sich zum Schutze vor feindlichen Angriffen in die ehemaligen Legionslager zurück, aus denen befestigte Siedlungen wurden. Im Gebirge verlegte man die Ortschaften von den Tälern weiter hinauf in leichter zu verteidigendes Gelände und errichtete Fliehburgen. Der Hunnenkönig Attila (453) gründete sein kurzlebiges Großreich und konnte das Völkergemisch an der Donau mit starker Hand zusammenhalten, nach seinem Tod machten sich die einzelnen Stämme selbstständig und versuchten, günstiges Siedlungsland zu erobern oder auf Raubzügen leichte Beute zu machen. Aus dieser Zeit existiert eine interessante Quelle, die einen Einblick in die sozialen, politischen und religiösen Verhältnisse liefert: die »Vita Sancti Severini«, die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, die von Eugippius, einem Schüler Severins, einige Jahrzehnte nach dessen Tod verfasst wurde.

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Blick auf Mautern, das römische Favianis und Wirkstätte Severins

Es war der katholische Klerus, der nach dem Zusammenbruch der römischen Behördenstruktur bei den Romanen die nötigen Verwaltungsaufgaben übernahm, und so dürfte auch Severins Wirken weniger in der Seelsorge als in der Verwaltung und der Koexistenz mit den Arianern zu suchen sein. Nach einem kurzen Aufenthalt in Asturis (Klosterneuburg) und in Comagena (Tulln) wurde Favianis (Mautern) mit dem von ihm gegründeten Kloster zum Zentrum seiner Tätigkeit. Die Stadt lag im Einflussbereich der arianischen Rugier, zu deren Königshaus er ausgezeichnete Verbindungen hatte. Er kümmerte sich um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, organisierte Lebensmittel- und Kleiderlieferungen und kaufte von den Alemannen Verschleppte frei. Zur Beschaffung der notwendigen Mittel hob er einen Zehent ein. Dem jungen Odoaker, der an Attilas Hof aufgewachsen war, prophezeite er bei dessen Besuch die künftige Herrschaft. Severin kümmerte sich aber auch um das religiöse Leben der Romanen, tröstete und beruhigte sie. Er evakuierte die Städte an der oberen Donau und brachte ihre romanischen Bewohner in den rugischen Einflussbereich. Obwohl selbst von vornehmer Abkunft, führte er ein asketisches Leben und lehnte bis zu seinem im Jahre 482 in Favianis erfolgten Tod alle geistlichen Würden ab. Als die Romanen von Odoaker nach dessen Sieg über die Rugier im Jahre 488 zum Abzug gezwungen wurden, nahmen die Mönche des Klosters seine sterblichen Überreste mit, zuerst vielleicht nach Wien-Heiligenstadt, wo man unter der Jakobskirche sein Grab zeigt, und schließlich nach Neapel, dem Wohnsitz des abgesetzten letzten weströmischen Kaisers. Heute ruhen die Gebeine in der Kirche von Frattamaggiore.

Die religionsgeschichtliche Rolle der Franken

Nach der erfolgten Reichsteilung von 395 gingen Ost- und Westteil des römischen Imperiums verschiedene Wege. Die Beziehungen von Staat und Kirche entwickelten sich sehr unterschiedlich. Im Osten entstand eine Einheit von Staat und Kirche unter dem Kaiser als dem Träger des höchsten Amtes (Cäsaropapismus). Die Kaiserwürde war ein heiliges Amt, verbunden mit kirchlicher Regierungsgewalt, und galt als oberste kirchliche Gerichtsinstanz. Die Kirche war zu einer staatlichen Rechtsinstitution geworden und Häresie galt daher als Staatsverbrechen.

Im Westen gab es hingegen seit dem Zerfall des Römischen Reiches keine eigentliche staatliche oder politische Autorität mehr. Der oströmische Kaiser gab allerdings seinen Anspruch auf Italien noch lange nicht auf, obwohl er ihn meist nicht durchsetzen konnte. An seiner Stelle wurde der Bischof der Ewigen Stadt Rom, an deren Bedeutung als »Nabel der Welt« sich die Völker jahrhundertelang gewöhnt hatten, allmählich zur ersten Autorität, ähnlich einem geheimen weströmischen Kaiser. Papst Gelasius I. (496) sah Staat und Kirche zwar als zwei gleichberechtigte Gewalten, jede auf ihrem Gebiet Gott verantwortlich. Doch meinte er, dass der Papst vor Gott auch für die Könige verantwortlich, ja ihnen als Spender der Sakramente sogar überlegen sei. Um diesen Anspruch durchsetzen zu können, brauchte er daher machtvolle Unterstützung gegen byzantinische und gotische Forderungen.

Er fand sie bei den Franken, denn der Merowinger Chlodwig benötigte nach der siegreichen Schlacht von Soissons im Jahre 486 dringend die Anerkennung durch seine neuen römisch-katholischen Untertanen und die Vergebung für seine vergangenen und zukünftigen Gräueltaten. Man ging also ein Zweckbündnis ein: Die Franken nahmen das römisch-katholische Christentum an und stärkten dem Papst gegen Arianer und Byzantiner den Rücken, dieser motivierte seinerseits die wohlhabende, römisch-katholische Geistlichkeit in Gallien, den neuen Herrscher Chlodwig und seine Nachfolger zu stützen. Das heilige Salböl für Chlodwigs Taufe brachte eine Taube direkt vom Himmel (eine Phiole davon existierte bis zur Revolution in Reims). Der Papst sollte weiterhin eine wichtige Rolle bei den Franken spielen, unter anderem bei der Übertragung der Königswürde von den Merowingern auf die karolingischen Hausmeier. Dafür stand bei sämtlichen Kriegszügen der fränkischen Könige neben der Unterwerfung der Völker deren mehr oder weniger (Sachsen!) friedliche Bekehrung zur römisch-katholischen Kirche im Vordergrund, war sie doch ein Garant für die völlige Machtkontrolle in den eroberten Gebieten, zu denen bald auch der Donauraum gehören sollte. Auf die Arianer nahm man dabei keine Rücksicht, ihre Kirchen wurden enteignet, ihre Bischöfe und Anführer vertrieben oder umgebracht.

Im 6. Jahrhundert bildete sich westlich der Enns aus Nachkommen der Markomannen und anderer Stämme ein neuer Volksstamm, die damals noch meist heidnischen Bajuwaren, die aber bald von den Franken abhängig und christianisiert wurden. Von Osten her waren die arianischen Langobarden in den Donauraum vorgedrungen, und hinter ihnen erschienen die Awaren mit ihren slawischen Gefolgsleuten. Selbst wenn in entlegenen Gebieten romanische Siedlungen bestehen blieben, verschwanden im Ansturm der Reitervölker doch die meisten christlichen Spuren. Es gibt aber eine Nachricht von »clerici illiterati«, schriftunkundigen Geistlichen, aus dem Jahre 797, die auch Arianer gewesen sein könnten. Möglicherweise wurde christliches Gedankengut nach 488 durch dreihundert Jahre mündlich weitergegeben, was bei der religiösen Toleranz der Awaren zumindest denkbar wäre. Mit der starken awarischen Macht im Hintergrund besiedelten die Slawen Kärnten, Steiermark und Niederösterreich. Die Grenze zwischen Ost und West, zwischen Heiden- und Christentum, verlief also quer durch Österreich, die Enns wurde zum Grenzfluss.

Das Papsttum in seinen Anfängen

Zwischen der neuen Autorität im Westen, dem Papst, und den Franken sollte es bald zu Machtkämpfen kommen. Die Franken übernahmen aus der Antike das Eigenkirchenwesen: Dem Stifter eines Kirchengebäudes oder eines Klosters standen Patronatsrechte darüber zu, die ziemlich weit gingen. Der fränkische König sah als Schutzherr Italiens gleich die ganze römische Kirche als seine Eigenkirche an. Erst Papst Gregor I. (um 600) konnte das Ansehen des Papsttums heben, an ihn erinnert bis heute übrigens der Gregorianische Kirchengesang. Für Karl den Großen (768–814) war der Papst ein fränkischer Untertan wie alle anderen. Sein Vater Pippin hatte die Schutzherrschaft über Rom übernommen und die vormals langobardischen Gebiete in Italien, die zu Byzanz gehörten, dem Papst geschenkt (wozu er gar kein Recht hatte). Karl führte durch die Erneuerung des Kaisertums am Weihnachtstag 800 die Lösung dieser Gebiete von Byzanz herbei und fühlte sich ganz als Herr der Kirche, er griff durch seine Hoftheologen sogar in Lehrstreitigkeiten der Kirche, den »Filioque-Disput«, ein. Dabei geht es um die wesentliche Frage, ob der Heilige Geist von Gott Vater oder aber von Gott Vater und Gott Sohn (= filioque) ausgehe, was mit der Trinitätslehre zu tun hat. Die Ostkirchen lehnen den Filioque-Zusatz im Glaubensbekenntnis bis heute ab, die katholische Kirche erhob ihn (ganz im Sinne Karls des Großen) jedoch 1215 zum Dogma. Bis heute ist das Filioque neben dem Primat des Papstes der wichtigste Punkt, in dem sich die orthodoxe und die katholische Kirche nicht einigen können.

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Papst Gregor der Große, Detail der Kanzel im Stefansdom

Karl setzte Äbte und Bischöfe nach Gutdünken ein, sorgte für die Ausbildung der Geistlichen, die Errichtung von Schulen in Klöstern und Pfarren und veranlasste die Abfassung eines Katechismus. Jeder Untertan sollte zumindest das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis lateinisch oder wenigstens in der Muttersprache beherrschen. Die Predigt sollte in der Muttersprache gehalten werden, als Muster ließ der Kaiser sogar eine Predigtsammlung herausgeben. Und als der Papst sich auf die Seite der Bilderverehrer stellte, wies er ihn zurecht.

An der Spitze der abendländischen Christenheit standen somit zwei Herren, die beide ihre Macht auf Gottes Auftrag zurückführten und deren Aufgabenbereiche miteinander verwoben waren. Solange einer davon den Ton angab und der andere sich unterordnete, konnte das problemlos funktionieren. Standen aber einmal zwei gleich starke Persönlichkeiten einander als Kaiser und Papst gegenüber, und das war nach Karls Tod recht bald der Fall, musste es zum Konflikt kommen. Dieser zog die gesamte Christenheit in Mitleidenschaft (siehe S. 50).

Iroschottische und angelsächsische Mission

Die römische Provinz Britannien war bereits im 4. Jahrhundert christlich geworden. Durch den Abzug der römischen Truppen und die Eroberungszüge der Angelsachsen waren die keltischen Briten ins Gebirge gedrängt und ebenso wie die um 400 von Britannien aus christianisierten Iren von Rom isoliert worden. In den Rückzugsgebieten der keltischen Bevölkerung gab es somit eine romfreie iroschottische Kirche. Sie war um die Klöster organisiert, jeder Abt leitete die Geschicke seines Sprengels. Ihm unterstand ein Mönchsbischof, der die Weihen und Segnungen vollzog. Die Lebensweise der Mönche war streng. Aus Gründen der Askese (peregrinatio christiana) zogen sie in die Fremde und wurden dort zu Missionaren. Einer von ihnen, Kolumban der Jüngere, kam um das Jahr 590 mit zwölf anderen Mönchen über England und die Bretagne nach Burgund und gründete sein erstes Kloster. Wegen seiner Sittenstrenge und seines Freimuts, aber auch wegen der iroschottischen Eigenarten (anderer Ostertermin, andere Regeln) wurde er vertrieben und wirkte danach am Zürich- und am Bodensee, in Bregenz gründete er ein Kloster und eine Kirche. Zwei Jahre später musste er nach Italien weiterziehen. Sein Schüler Eustasius wirkte in Lorch, kehrte aber bald nach Irland zurück. Gallus (645) vollendete die Missionierung der Alemannen im Bodenseeraum und teilte das heutige Vorarlberg auf die Bistümer Chur und Konstanz auf. Virgil (700–784) wurde Bischof von Salzburg. Nach Tirol mussten diese Mönche nicht kommen, denn dort war das Christentum nie ganz untergegangen. Das Land war im 4. Jahrhundert von Trient aus weitgehend christianisiert worden, ein wichtiges Zentrum war Sabiona (Säben), das vermutlich die Gemeinden um Innsbruck beeinflusste.

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Klausen (Chiusa) mit dem Säben, der älteste Bischofssitz Tirols

Um Bayern zu christianisieren, zog Herzog Theodo I. aus der von den Franken eingesetzten Dynastie der Agilolfinger Missionare aus dem fränkischen Reich heran: Der Wanderprediger Emmeran aus dem südwestlichen Gallien wirkte in Regensburg, kam aber ausgerechnet als vermeintlicher Verführer der Herzogstochter Uta durch deren Bruder ums Leben. Corbinian stammte aus dem gallofränkischen Seinegebiet, und der heilige Rupert (auch Hruodpert, Ruodbert, Ruprecht, Robert, = der Ruhmglänzende) soll sogar »aus dem Geschlechte der fränkischen Könige« gewesen sein. Er war »zur Zeit, als König Childebert III. in Austrasien herrschte, Bischof zu Worms, wo er von dem fränkischen Statthalter Berengar, einem gar eifrigen Anhänger des Arianismus, große Verfolgungen auszustehen hatte. Sein musterhafter Lebenswandel, welchen besonders Keuschheit, Mäßigkeit und Liebe gegen die Armen auszeichnete, verschaffte ihm den Ruf der Heiligkeit. Als nun der damals in Bayern regierende Herzog Theodo von dem großen Bekehrungseifer dieses Mannes erfuhr, schickte er Gesandte zu ihm und lud ihn ein, nach Bayern zu kommen. Im Jahre 696, nach andern im Jahr 582, reiste nun der Hl. Rupert nach Bayern, unterrichtete in Regensburg den Herzog in der christlichen Religion und taufte ihn daselbst in dem großen Turme auf dem Kornmarkte, wo er Hof hielt. Diesem Beispiele folgten bald viele andere aus dem Adel und dem Volke nach.« 6

Pirmin