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Blutrotes Vermächtnis


Blutrotes Vermächtnis


1. Auflage

von: Ingrid Reidel

5,99 €

Verlag: VSS-Verlag
Format: EPUB, PDF
Veröffentl.: 09.12.2023
ISBN/EAN: 9783961273522
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 282

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Lotte freut sich, als sich eines Tages ein attraktiver Mann in ihr altes Jagdhaus im Odenwald verirrt. Ohne ihren Vater zu fragen, der ihr immer alles verbietet, richtet sie dem attraktiven Mann ein Notquartier ein. Fasziniert von ihm beobachtet sie ihn heimlich vor dem Schlafengehen, bis ihr selbst die Augenlider zufallen. Als sie erwacht, ist nichts mehr so, wie es vorher war. Der Mann ist tot. Lotte ist verzweifelt, sie nimmt an, dass ihn ihr Vater getötet hat. Ihr ganz persönlicher Albtraum beginnt.

Die 1960 in Weinheim geborene Autorin ist Mediengestalterin und Erzieherin. 2012 begann sie ein
Online-Studium: Autorin werden und verlegte sich auf die Sparte Krimikurzgeschichten sowie auf Short-Storys im humoristischen Bereich. Besonders bekannt wurde sie durch ihren skurrilen schwarzen Humor. Die Autorin wurde mehrmals ausgezeichnet. Sie stand auf der Shortlist der Wiener Kriminacht, war im Finale der Art Experience in Baden bei Wien und gewann den Deutschen Kurzkrimi-Preis Tatort Eifel.
Ingrid Reidel ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern und den Bloody Maries. Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt mit ihrem Partner in einem alten Anwesen in Weinheim.
Lotte erschrak und hob ruckartig den Kopf. Hatte sie nicht ein Geräusch gehört? Das Aufheulen eines Motors. So spät noch?
Sie legte ihr Buch auf dem Teewagen neben sich ab, bereit, jederzeit aufzustehen. Doch im nächsten Moment wurde ihr klar, dass es lediglich der Schneesturm draußen war, der sein Unwesen trieb. Und dass es bereit düster geworden war. Ein ganz normaler Schneesturm an einem winterlichen Abend und für die Höhenlagen des Odenwaldes nichts Ungewöhnliches.
Lotte atmete auf und lehnte sich zurück. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sich das Wetter geändert hatte. Auch nicht, dass es im Wohnzimmer inzwischen recht frisch geworden war. Bevor sie sich weiter ihrem Buch widmete, stand sie auf, ging zu dem Jagdofen hinüber, bückte sich hinunter und legte Holz nach.
Es war ein alter Ofen, so wie hier fast alles alt war, mit verschnörkelten Jagdmustern auf dem schwarzen Schamottkorpus. Er stand schon hier, seit sie zurückdenken konnte. Fünfunddreißig Jahre lebte sie hier. Seit sie ein Kind war, und Paps lehnte es kontinuierlich ab, ihn durch eine moderne Heizung zu ersetzen, sofern es hier draußen überhaupt möglich gewesen wäre.
Das fand sie nicht schlecht. Sie liebte es, von gewohnten Dingen umgeben zu sein. Es hatte etwas Beruhigendes, Vertrautes. Veränderungen gab es nur dort draußen. Vor manchen musste man sich richtig in Acht nehmen.
Nur mal gedacht, sie ginge hinaus in den Wald, um Holz zu sammeln, die Wildschweine hatten in der letzten Zeit überhandgenommen und konnten gefährlich werden. Oder noch schlimmer, sie fuhr hinunter in die große Stadt. Zum Beispiel nach Mannheim oder nach Heidelberg. Sie konnte von den Kerlen angesprochen werden.
Da war es hier drinnen im Haus viel angenehmer.
Und mit einer unterhaltsamen Lektüre war es direkt gemütlich.
Sie stand auf, ging zu ihrem Sessel zurück, bückte sich, nahm ihr Buch auf und setzte sich wieder.
Sie betrachtete die Titelseite.
Vom Winde verweht.
Ein alter Klassiker.
Sie schlug das Buch auf und suchte die Stelle, bei welcher sie unterbrochen worden war. Die Seite, bei der Rhett Scarlett küsste.
Manchmal konnte sie sich leibhaftig in die Szenen hineinversetzen. Dann wünschte sie sich, Rhett würde nicht Scarlett küssen, sondern sie.
Lotte schloss die Augen. Plötzlich merkte sie, wie ihr Herz anfing zu klopfen. Tok, tok, tok.
Das tat es immer, wenn sie an solche Sachen dachte. An solche Sachen mit der Romantik.
Doch das Klopfen hörte nicht auf. Tok, tok, tok.
Im gleichen Moment durchzuckte es sie. Denn sie wusste, dass auch andere Dinge Klopfgeräusche verursachten. Zum Beispiel Stöcke. Paps‘ Stock.
Er war wohl aus dem Bett aufgestanden und hatte sicher schreckliche Laune. Wie immer, wenn sie nicht gleich neben ihm stand und ihm seine Wäsche reichte.
Rasch versteckte sie das Buch unter dem Stapel Zeitungen auf dem Teewagen, stand auf und eilte hinaus in den Flur.
Paps stand da, er hatte tatsächlich seinen Stock in der Hand.
Das bedeutet nichts Gutes. Und so war es auch.
Er deutete damit auf das Eck hinter dem Garderobenschrank. „Sieh nach“, befahl er mit seiner schnarrenden Stimme.
Aber sie brauchte gar nicht nachzusehen, sie ahnte, was es war. Allein schon von dem herzzerreißenden Piepsen, welches unterschwellig zu hören war.
Sie ging hinüber, hob das Schränkchen an und schob es zur Seite. Dahinter befand sich eine Rattenfalle. Eine Klappfalle. Eine von diesen, die sie im Winter auslegten, um der Rattenplage hier im Haus Herr zu werden.
Es war eine Ratte darin – eine ziemlich große mit glattbraunem Fell. Die Falle hatte die Ratte in der Mitte zerquetscht, aber nicht getötet. Sie zappelte. Eines ihrer Hinterbeine hing über den Rand der Falle hinaus und versuchte, zuckend auf dem Holzboden Halt zu finden. Vergeblich. Ihr Fell war mit Blut durchdrängt.
„Was sagt du dazu?“, setzte Paps nach. „Das ist deine Aufgabe. Und warum hast du unten schon das Licht ausgemacht? Möchtest du endlich mal erwachsen werden und deiner Verantwortung nachkommen, Kleine? Sieh hin!“
Lotte gehorchte. Sie hatte das Gefühl, ihr Magen drehte sich um und ihr wurde übel. Sie überlegte, ob es nur ein Traum war.
Doch das hier war kein Traum. Höchstens ein grausiger Albtraum.
„Aber Paps ich … ich …“
Sie blickte zwischen sich und der Ratte hin und her. Sie wusste, was er von ihr erwartete, wusste, was er in Bezug auf die Ratte von ihr erwartete.
„Heb sie auf!“
Aber sie konnte nicht. Jetzt war ihr nicht nur übel, sie spürte auch einen Kloß in ihre Kehle heraufwandern, der ihr die Luft zum Atmen nahm.
Gleichzeitig piepste die Ratte und schnappte kraftlos nach Luft. Die Augen des gequälten Tieres traten aus ihren Höhlen heraus.
Lotte wandte sich ab. Sie konnte es nicht sehen. Die raue Stimme ihres Vaters drang in ihr Unterbewusstsein.
„Dass du das nie hörst, Kleine. Dass du nie mitbekommst, wenn die Klappe zuschnappt. Du weißt genauso wie ich, dass sie kommen, wenn es draußen schneit. Das ist ganz normal. Das weiß jedes Kind. Aber du glaubst es nicht. Stattdessen gibst du dich deinem Schmuddelkram hin …“
Mit einem Mal verstummte Paps. Verstummte einfach und sagte kein Wort mehr. Er stand da, versteinert wie aus Marmor gehauen.
Lotte starrte ihn an. Starrte ihn und die Ratte an.
Dann, nachdem sie gedacht hatte, er wäre für immer in die ewigen Jagdgründe entschwunden, redete er weiter, so als hätte er nie aufgehört.
„Aber nein, meine Tochter gibt sich lieber Schundlektüre hin.“
Lotte erschrak, konnte Paps jetzt schon durch Wände sehen?
„Das ist keine Schundlektüre, Paps. Das ist Aufklärung …“
„Aufklärung? Dass ich nicht lache. Du wirst das jetzt tun. Schau die Ratte an.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dann wirst du mit den Konsequenzen leben müssen, Kleine.“
Seine Stimme war mit einem Mal trügerisch sanft.
Lotte wusste, was das bedeutete. Obwohl sie sich bemühte, nicht zuzuhören, konnte sie Vaters Worte verstehen. „Dann werde ich dich verlass…“
„Nicht. Sag es nicht!“ Sie schrie es förmlich hinaus. Schrie es aus ihren Lungen und somit auch den Kloß mit hinaus. Dann musterte sie die Ratte eingehend. Plötzlich wurde sie eins mit ihr, der Tod war manchmal eine Erlösung. Und es war ein Akt der Nächstenliebe, eine gequälte Kreatur nicht länger leiden zu lassen …
Draußen strich der Sturm um die Ecken und ließ das Haus ächzen. Die alten verstaubten Jagdtrophäen hier an der ebenso vergilbten Rispentapete an der Wand, das alte unmoderne Telefon auf dem Garderobenschrank. All diese vertrauten Gegenstände waren ihr plötzlich zuwider und wirkten wie Bollwerke aus einer längst vergessenen Zeit. Hier kam sie sich mit einem Mal vor, als steckte sie in einer Zwangsjacke.
Wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt, bückte sie sich und fasste die Rattenfalle an, nahm sie auf.
Das Fell der Ratte fühlte sich klebrig und feucht an.
Das Tier schnellte mit ihrem Kopf herum und versuchte, sie zu beißen. Es machte ihr nichts aus.
Sie streichelte über ihr blutiges Fell.
Sie spürte, dass Paps jetzt hinter ihr stand. Sie spürte seinen typischen Geruch. Eine Mischung aus Rasierwasser und Mottenkugeln.
Er berührte sie zart an ihrer Schulter. Sie beobachtete, wie er den Mund öffnete.
„Und jetzt gehen wir hinüber.“
Sie wusste, was Paps damit meinte, und sie gehorchte.
Sie schritt über den Flur ins Bad. Blut tropfte auf die Dielen, das würde sie nachher wegputzen.
Paps war ihr gefolgt. „So“ forderte er sie auf.
Sie beugte sich über das Waschbecken, zog die Feder zurück und holte die Ratte heraus, drückte das zappelnde Tier sanft auf die kalte Keramik, in die Ausbuchtung des Waschbeckens.
Sie begann, die Ratte zu beruhigen, indem sie leise mit ihr sprach: „Gleich wird es vorbei sein.“.
Das Fiepen des Tieres war herzzerreißend und schrecklich. Ein dünner Blutstrom quoll aus der klaffenden Wunde und dem Maul heraus.
Lotte war mittlerweile so von Sinnen, dass sie Paps‘ Stimme nur noch, wie aus der Ferne hörte. „Nun, nimm endlich das Messer.“
Das Messer, eines der kurzen Schlachtermesser aus dem Schlachthaus, das sie hier seit der starken Rattenplage deponierten, war im Badezimmerschrank. Sie musste es nur herausnehmen.
Sie zitterte, tat, was Paps gesagt hatte, hielt die Ratte immer noch fest. Mit dem anderen Arm öffnete sie den Schrank, holte das Schlachtermesser heraus.
Während sie mit der einen Hand immer fester zudrückte, führte Paps ihre andere Hand. Sein Griff fühlte sich so fest an wie ein Schraubstock.
Wie durch einen Schleier hindurch schaute sie zu, wie das Messer mit einem satten Geräusch in den Körper der Ratte eindrang. Die Ratte zappelte und quiekte, bi sie erschlaffte. Ihr Quieken hörte auf.
Es war vorbei.
Ohne ein Wort zu sagen, wandte sich Paps ab und lief in Richtung seines Zimmers. Die Lektion war erledigt.
Und sie würde die tote Ratte entsorgen müssen.
Sie nahm den Kadaver an den Füßen und ging hinüber zum Badezimmerfenster. Es klemmte wie immer und sie brauchte ihre ganze Kraft, um es zu öffnen. Sie warf den Kadaver im hohen Bogen hinaus. Morgen würde sie ihn mit den Abfällen der letzten Schlachtung entsorgen.
Sie wollte gerade das Fenster schließen, als sie ein Geräusch bemerkte.
Ein Klopfen.
Jemand stand unten an der Haustür und hämmerte gegen das Türblatt.

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