The endless love: Tjaden

 

Ein Roman von Miamo Zesi

 

 

 

 

 

 

Copyright

 

 

© Rechte, was Schrift, Wort und Bild angehen, liegen

ausschließlich bei Miamo Zesi.

www.miamo-zesi.de

Namen und Handlungen sind alle fiktiv und haben mit keinen Personen oder Plätzen etwas gemeinsam.

 

Cover:

Urheberrecht/Copyright

© GooDAura - Fotolia.com

Covergestaltung: TomJay - www.tomjay.de

 

 

Miamo Zesi

Erstauflage Januar 2016

 

 

Autorin

„Miamo Zesi“ ist das Pseudonym einer Autorin aus dem schwäbischen Biberach. Dort lebt sie mit ihrem Mann, zwei erwachsenen Kindern und dem Hund Mex. Sie liebt lange Spaziergänge im Wald. Dabei fallen ihr die Geschichten zu ihren Büchern ein. Mit der Reihe „The endless love“ hat sie ihren Jungs Leben eingehaucht. Wird sie gefragt, wie sie darauf kommt, schwule Liebesromane zu schreiben, antwortet sie: „Keine Ahnung – weil es Spaß macht.“

Sie wünscht viel Freude mit den Geschichten!

 

Hinweis:

Dieser Roman enthält ausgedachte, fiktive Sexszenen. Sie sind nicht für Minderjährige geeignet und keine Handlungsanleitung. Einen Rat allerdings sollte jeder beherzigen:

Sei safe, mach es mit Kondomen!

 

Dieser Roman ist genau das. Eine Geschichte. Bitte nehmt nicht alles, was ich geschrieben habe, ernst. Vieles davon wird in der heutigen vernetzten und digitalen Zeit nicht funktionieren. Bücher laden zum Träumen ein und nicht alles, was geschrieben ist, kann oder wird jemals so geschehen. Lasst euch in meine Welt der Fantasie mitnehmen und begeistern!

 

Widmung

 

Allen, die die Kraft haben, wieder aufzustehen, denen die Helfen und niemals aufgeben.

Inhaltsverzeichnis

 

1. Tjaden 5

2. Dad – Thorsten 15

3. Henry 27

4. Im Hier und Jetzt – warum immer nur ich? 49

5. Henry 53

6. Im Wald 57

7. Im Krankenhaus 61

8. Flucht in eine ungewisse Zukunft 65

9. Krankenhaus 67

10. New York 69

11. Entscheidungen 77

12. Samstagmorgen sieben Uhr 88

13. Oskar 97

14. Überraschungen 99

15. Vorbereitungen 105

16. Andrew 107

17. Dom halt 111

18. Henry 116

19. Vernissage 120

20. Vor der Galerie 123

21. Tjadens Rede 124

22. Das Leben 140

23. New York 155

24. Tjaden 157

25. New York 159

26. Norwegen 160

27. New York 165

28. Chase 170

29. Lebenslinien 179

30. Drei Jahre später 195

31. Leseprobe 197

32. Fünfundzwanzig Jahre zuvor 199

33. Kindheit 200

34. 15. Geburtstag 208

1. Tjaden

 

»Der Tag ist doch perfekt,« murmle ich vor mich hin. Sehe dabei dem Blut zu, das mir stetig aus den Handgelenken tropft. Ich habe es richtig gemacht. Nicht, dass jemand denkt, wieder so ein Idiot, der Aufmerksamkeit erlangen will. Nein, so einer bin ich niemals. Die Schnitte sind präzise und genau platziert. Es hat wehgetan, aber keinesfalls so sehr, wie mein Herz schmerzt. Dieser Schmerz geht tiefer, ist ursprünglicher. Er ist einfach da. Ich sehe mich um. Der Platz hier ... es gibt für mich keinen schöneren Ort, weshalb auch? Mir wird etwas schwindelig, ich kann mich fast nicht mehr aufrecht hinsetzen, darum lasse ich mich auf den Boden gleiten. Zwinge mich dazu, die Augenlider bis zum Schluss, offen zu halten. Tränen des Verlustes und des Bedauerns füllen meine Augen. Lassen den Blick verschwommen werden. Zum Blinzeln benötige zu viel Kraft, deshalb schließe ich meine Augen. Mir wird kalt und ich bekomme etwas Panik. Das dauert jedoch nicht lange an, denn das Gefühl wird abgelöst von Frieden und auch von Wärme. Plötzlich sehe ich mich und Mum, als ich ein kleines Kind war, wie ich mit ihr herumgetobt bin. Zu dieser Zeit war ich, stelle ich fest, glücklich.

 

Meine Mum ist die beste Mum der Welt. Sie hat mich nicht abgetrieben, wie es alle wollten, sondern geboren, mit siebzehn, ohne Unterstützung ihrer Eltern. Denn sie haben ihr diese entzogen, als sie sich für mich und gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hat. Mein Erzeuger? Er hat Mum das Geld für die Abtreibung zukommen lassen und damit war die Sache für ihn erledigt. Als Kind habe ich ihn nie kennengelernt. Mum hat seinen Namen zwar in die Geburtsurkunde eintragen lassen, ihm, glaube ich, nie erzählt, dass ich geboren wurde. Sie hat keinerlei Ansprüche an ihn geltend gemacht. Hat sich alleine um mich gesorgt.

Ach ja, da bin ja noch ich. Mein Name ist Tjaden Miller und ich werde in einem Monat einundzwanzig Jahre alt. Also volljährig. Nein, das ist so nicht richtig, da ich ja meinen Geburtstag auf keinen Fall mehr erleben werde. Ich bin im dritten Collegejahr. Studiere Mathematik und Informatik, zusätzlich Kunst. Wenn ich die Kohle für die Gebühren zusammenbekomme. Allerdings ist das nun ebenfalls unwichtig. Vor allem, nein, ich hätte das Geld niemals zusammengebracht. Der Job im Supermarkt und im Fast-Food-Restaurant reicht keinesfalls aus, um eine Wohnung zu bezahlen und Geld für das College zusammenzubekommen.

 

Nun ja, das ist jetzt auch nicht mehr wichtig. Meine Mum hat mir erzählt, dass mein Erzeuger der Star in der Schule war. Sämtliche Mädchen standen auf ihn. Alle wollten mit ihm in die Kiste. Er war groß und hatte einen durchtrainierten Körper. Dazu blaue strahlende Augen und schon in jungen Jahren dieses gewisse Etwas und ein markantes Gesicht mit einem Lächeln, das verboten gehört. Eines, das bei den Mädels das Gehirn aussetzen lässt, damit sie auf keinen Fall hinter die elendige Fassade blicken können. Er legte die jungen Dinger reihenweise flach. Aber Mum war einfach nicht so hübsch wie die anderen Mädchen. Was sie allerdings war, ist begabt, intelligent und zielstrebig, niemals etwas, das Jungs im Allgemeinen anziehend finden. Auf solche Frauen steht diese Art von Kerlen meist nicht. Mum wollte unbedingt studieren. Kunst studieren. Etwas, was für sie das Allergrößte war. Mum war wahnsinnig talentiert, die Lehrer und ihre Eltern unterstützten sie darin. Machten ihr Hoffnungen auf ein Stipendium an einer renommierten Universität. Auch aus diesem Grund standen Jungs für sie immer an zweiter Stelle. Bis sich Thorsten, so heißt mein Erzeuger, leider für sie zu interessieren begann. Sie erzählte mir immer, dass sie sich einfach in seiner Gegenwart hübsch, begehrt, sie sich lebendig und geliebt fühlte. Er konnte einem Mädchen zeigen, dass er sie begehrenswert und wunderschön findet. Ein unerfahrenes Mädel wie Mum fiel darauf natürlich umso schneller rein und war ein leichtes Opfer für ihn. Immer erzählte sie mir, dass die Nacht, in der ich gezeugt wurde, wundervoll und traumhaft war. Für meinen Dad jedoch war sie nichts anderes als eine Eroberung. Eine Nummer, nicht mehr, schon am folgenden Morgen war sie für ihn Geschichte und er erinnerte sich noch nicht mal wirklich an ihren Namen. Er hatte bekommen, was er wollte. Es machte ihr auch nicht besonders viel aus. Er war der Mann, der Kerl, der ihr die Liebe gezeigt hat, oder anders gesagt, mit ihr Sex hatte. Alles war gut, bis zu dem Moment, als sie bemerkte, dass sie schwanger war. Ab da war Mum für ihn das größte Übel, das es gibt. Als sie es ihm sagte, fiel er aus allen Wolken. Er schrie sie an. Warf ihr vor, dass sie ihn reingelegt habe, dass sie ihn mal könne, all diese Dinge, die Jungs, die sich aus der Verantwortung ziehen wollen, halt so sagen und den Mädchen vorwerfen. Das ist vermutlich heute noch so wie früher. Mum war immer ehrlich zu mir. Sie machte mir nie Hoffnungen, dass er mich einmal Sohn nennen würde und stolz auf mich sein wird. Er mich auch nur kennenlernen möchte. Wieso auch. Das wäre ja mit Aufwand verbunden gewesen. Mich zu ignorieren, war einfacher. Aber seinen Namen hat Mum mir nie verschwiegen. Kontakt, das wollte sie mit ihm keinen. Mir selber hat sie es, als ich älter wurde, nie verboten, sondern mich das entscheiden lassen. Sie sagte immer, dass sie stolz genug auf mich sei und das immer sein werde, dass wir ihn nicht brauchen.

 

Ihre Eltern waren ebenfalls entsetzt, als sie ihnen erklärte, dass sie ein Baby erwartete und dass sie das Kind, dieses Baby wollte, mit sechzehn. Gerade mal siebzehn, wenn es zur Welt kommen sollte. Die Lehrer, die ihr dieses Stipendium in Aussicht stellten, waren enttäuscht von ihr. Aber niemand konnte Mum davon abbringen, mich auf die Welt zu bringen. Auch die Androhung meiner Großeltern nicht, dass sie Mum auf keinen Fall unterstützen werden, und auch nicht, als Thorstens Vater ihr einen weiteren großzügigen Scheck für die Abtreibung gab. Sie hörte auf keinen von ihnen. Ging von zu Hause weg. Weg von allen und bekam, mit gerade mal siebzehn mich. Sie hat wegen mir die Schule abgebrochen, hat mit ihren Eltern gebrochen und auch Thorsten nie erzählt, dass ich zur Welt kam. Das war erst später. Sie ist in Minneapolis in einen Zug eingestiegen. Ist nach San Francisco gefahren, hat sich dort in einer Wohnwagensiedlung einen alten Wohnwagen gemietet, einen Job als Kellnerin und Putzfrau angenommen und mich mithilfe einer Hebamme, die sich dort zusammen mit einem Arzt um die Armen, die keine Krankenversicherung haben, kümmert, auf die Welt gebracht.

 

Meine Kindheit war wundervoll. Ich wuchs in diesem Wohnwagen auf und es gab nur zwei Wagen weiter eine junge Frau, die eine Tochter in meinem Alter hatte, Lisa. Wir beide sind wie Geschwister aufgewachsen. Wenn Mum arbeitete, war ich bei Lisa und Lisa bei uns, wenn ihre Mum arbeitete. Mum hat sich nie etwas gegönnt. Sie war aber immer und zu jeder Zeit zufrieden. Zumindest hat sie mir nie den Anschein erweckt, unglücklich zu sein. Sie lachte viel mit mir und wir hatten viel Spaß. Einen Mann gab es nie. Zumindest habe ich keinen wahrgenommen. Aber ich war noch ein kleines Kind, sicher habe ich vieles von ihr nicht gewusst. Mum hat wundervolle Bilder gemalt und diese auf den Märkten den Touristen verkauft, um damit unser Einkommen etwas aufzubessern. Mein achter Geburtstag zählt zu meinen glücklichsten Erinnerungen. Mum hat mir einen Malkasten und Skizzenblock geschenkt. Ich war sprachlos und von diesem Tag an fasziniert und einfach nur happy. Mum brachte mir das Malen bei. Jede freie Minute haben wir zusammen gemalt, das waren und sind die schönsten bewussten Erinnerungen meiner Kindheit an sie. Mir ist damals kein bisschen aufgefallen, dass sie immer schlechter sehen konnte. Ich war ein Kind, bemerkte nicht, dass sie krank war. Bis sie eines Nachmittags bewusstlos im Wohnwagen lag, als ich von der Schule nach Hause kam. Der Arzt, den ich gerufen habe, hat mir erzählt, dass meine Mum bereits seit meiner Geburt an einer schwachen Form der Diabetes leide. Diese nun aber stärker geworden sei und dringend behandelt werden müsse. Er hat mir gesagt, dass Mum unbedingt Insulintabletten brauche. Dass diese allerdings viel Geld kosten. Da wir jedoch nicht krankenversichert seien, müssten wir diese selbst kaufen und bezahlen.

Mum sagte zu mir, als sie wieder zu sich kam: »Mach dir keine Sorgen, Tjaden, das wird schon gehen.« Sie aber hat nur immer mal wieder, wenn Geld da war, diese Tabletten genommen. Sie konnte sich diese einfach nicht immer leisten. Als ich zwölf wurde, war Mum quasi blind. Ab jetzt musste ich Geld für Essen und die Miete anschaffen. Egal, wie.

 

Wenn man wie ich aufwächst, kommt man mit den Menschen in Berührung, von denen die andere Hälfte der Gesellschaft zwar eine Ahnung hat, aber in Wirklichkeit verdrängt, dass es diesen Menschenschlag gibt. Da sind Gangs in den Siedlungen unterwegs. Huren, Stricher, Freier und Sammler und Finder. Diejenigen, die Frischfleisch für die Bordelle und den Straßenstrich anwerben. Mum hat mich immer von ihnen ferngehalten. Aber ich bin ein Junge und nicht blöd. Vor allem in diesem Milieu aufgewachsen. Deshalb, ja, ich brauchte Geld und, ja, ich wusste, wo man einen netten jungen Kerl sucht und findet, für seine Dienste bezahlt, ich durfte nur eines auf keinen Fall, mich von einem Zuhälter erwischen lassen, sondern für mich anschaffen, nur für mich und Mum.

 

Und das tat ich. Nach dem ersten Mal habe ich nur gekotzt vor Scham, Schmerzen und Entsetzen. Bin zu Lisa gerannt und bei ihr habe ich mich ausgeweint. Sie hat mich in dieser Nacht getröstet, mich im Arm gehalten und mit mir geweint. Aber nur so konnte ich genug Geld verdienen. Immer wenn das Geld durch die anderen Jobs, wie Babysitten Hundesitting, Rasenmähen, Swimmingpool reinigen, nicht gereicht hat, bin ich dorthin, an diesen Platz und habe im Auto das getan, was die Kerle von mir wollten. Die Schwänze, die ich mit meinem Mund befriedigte, waren im Prinzip alle gleich. Wie die Freier auch. Schon sehr bald lernte ich es, auszusortieren. Schaute mir die Autos an. Redete mit den anderen Strichern, die mir Tipps gaben. Welche Männer auf der schwarzen Liste stehen. Zu wem ich nie ins Auto steigen darf, unter keinen Umständen. Ich war bald eine Art Freund. Die Jungs hatten alle zusammen das gleiche Problem wie ich. In einer Welt aufzuwachsen, in der sie nicht privilegiert sind und sie von so vielen verachtet werden. Ich bin keinesfalls jedes Mal gut davongekommen. Einmal hat mich ein Kerl im Prinzip vergewaltigt. Hat seinen Schwanz in meinen Hintern gestoßen, ohne mich vorzubereiten oder auch nur ein wenig Rücksicht zu nehmen. Ich konnte danach eine Woche lang nicht mehr schmerzfrei gehen und sitzen. Das Schlimmste aber war, dass er mich einfach aus dem Fahrzeug geworfen und mir noch nicht einmal meine Kohle gegeben hat. Mein Glück im Nachhinein war, dass alle diese Kerle immer Kondome trugen und auch ich. Selbst wenn ich noch so wenig Geld hatte, ich hatte immer welche dabei, immer. Während dieser Zeit ist mir auch klar geworden, dass ich schwul bin. Zwar ist mein sexuelles Interesse an irgendjemanden nach diesen Nächten im Auto gleich null gewesen. Trotzdem ist mir bewusst geworden, dass, wenn ich auf jemanden geil bin, ich auf Männer stehe. Frauen waren nie eine Fantasie, nie. Meine Mum bekam von alldem nichts mit. Ich habe mich in dieser Zeit sehr verändert. Bin erwachsen geworden. Auch wenn ich eigentlich noch ein Kind war. Ich habe ab diesen Tagen nur noch schwarz getragen, meine Haare wachsen lassen und bin immer mehr in mich gekehrt. Außer Lisa und ihre Mum oder auch meine habe ich niemanden mehr an mich herangelassen. Berührungen ertrage ich seit dieser Zeit absolut nicht mehr.

 

Bis vor ... Egal. Was blieb, ist das Malen. Das konnte ich immer besser. Auch in der Schule war und bin ich gut. Aber auch das ist ja nun egal.

Als ich vierzehn war, konnte Mum nicht mehr gehen. Ihre Beine wurden so wund und offen, dass sie nur noch im Wohnwagen kurze Schritte laufen konnte. Trotzdem hat sie niemals auch nur einen Tag gejammert, nie. Die Rollenverteilung hat sich damals komplett verändert. Ich war für Mum verantwortlich. Verantwortlich, dass Geld für Essen, Medikamente und auch für die Miete da ist. Ich habe ihr mit fünfzehn erzählt, dass ich schwul bin, dass ich Männer und keine Frauen toll finde, dass sie halt einen verkorksten Sohn habe, der sich schwarz anzieht und sich die Haare wachsen lässt und nie eine Freundin nach Hause bringen wird. Das andere, das habe ich für mich behalten. Ob sie es geahnt hat, weiß ich nicht. Sie hat mich damals in den Arm genommen und mich festgehalten. Mir gesagt, dass sie mich liebe. Egal, wie ich bin, einfach so. Ohne Vorbehalte. Dass ich das Beste sei, was sie im Leben geschafft hat. Ich bin danach zu Lisa und habe es auch ihr erzählt. Sie hat mich auch im Arm gehalten, aber wie eine Freundin. Nicht mehr. In der Schule war ich sowieso der Freak, ach, was sage ich, weniger wert als die Nerds, die ja bekanntlich in der Schulhierarchie ganz unten stehen. Dass ich mich als schwul geoutet habe und mich anders kleide und meine Haare habe wachsen lasse, machte alles nicht besser.

 

Mit sechzehn bin ich an einen Kerl geraten, der gar nicht mal so übel war. Er hatte genug Geld und wollte, dass ich mit ihm in einen Klub gehe. Er mich dafür bezahlen wird. Er gesund sei. Mich nur mit Kondomen ficken werde, ich aber tun müsse, was er von mir verlange. Ich ihm gehorchen solle. Auf meine Frage »Was für einen Klub?« sagte er mir: »Einen Sadomasoklub.« Ich fragte weiter.

»Meinst du mit Schlägen und Peitschen und so was?« Er antwortete nur mit »Ja.« Und ich sagte prompt und mit Nachdruck: »Vergiss es!« Daraufhin meinte er: »Warum? Hast du es schon mal ausprobiert? Ich hätte dich nie gefragt, wenn ich mir nicht fast sicher wäre, dass du der geborene Sub bist. Du bist devot, Tjaden. Du hast nur Schiss, ist es nicht so? Ich zahle dir fünfhundert Dollar. Wenn es dir nicht gefällt, ficke ich dich durch. Hole mir das, was ich immer von dir bekomme und das war es. Du erhältst trotzdem dein Geld. Na los, geh mit! Lass dich darauf ein.« Und das bin ich. Ich kann nur für mich selber sagen, diese Nacht war eine Offenbarung für mich. In jeglicher Form. Zum ersten Mal fühlte ich mich angekommen und gut. Tom hat mich in dieser Nacht als Devoten entjungfert, mich geschlagen. Nicht sanft. Sondern heftig. Er hat mich gedemütigt. Sehr sogar. Hat in mir in dieser Nacht trotz allem den kleinen Stricher gesehen, bei dem er sich dies herausnehmen darf. Da waren null Gefühle im Spiel. Im Prinzip auch wenig Vertrauen. Aber es war genau richtig. Es war perfekt. Danach hat er mich zur Wohnwagensiedlung gefahren, mir die 500 Dollar in die Hand gedrückt und mich aussteigen lassen. Euphorisch und doch fix und fertig bin ich in mein Bett gekrochen. Am anderen Morgen hat mir alles wehgetan. Im Spiegel konnte ich die blauen und roten Striemen an meinem Rücken sehen. Auf dem Hintern konnte ich ohne Schmerzen nicht sitzen. Die Schule war an diesem Tag die Hölle für mich. Trotzdem habe ich gelächelt. Ich bin erneut mit ihm in den Klub gegangen. Nicht nur einmal. Die Sessions haben mir eine Art Auszeit von meinem normalen ziemlich beschissenen Leben gebracht. Ich will gar nicht so genau wissen, wie das ein Psychiater bewerten würde, vermutlich nicht besonders gut. Egal. Dass ich Sir und Master zu ihm sagen musste, all das war genau was ich wollte, brauchte und suchte. Tom war gut. Er hatte erkannt, dass ich devot bin, und das ausgenutzt. Er hat mir keine Spielregeln erklärt. Ich wusste nichts von Safewörtern. Er hat mich auch nie mehr dafür bezahlt, aber immer wieder etwas Geld zugeschoben. Wofür ich ihm sehr dankbar war. Er hat mich gnadenlos ausgenutzt. Das ist mir aber erst später bewusst geworden. Dass ich überhaupt in den Klub reingekommen bin, war schon illegal. Weil ich zu dieser Zeit gerade mal sechzehn war. Trotzdem hat das keinen interessiert. Mir ist heute noch nicht klar, wie Tom das hingekriegt hat. Aber auch das ist vorbei.

 

Kurz nach meinem siebzehnten Geburtstag veränderte sich mein Leben erneut komplett. Ich bin nach der Schule wie jeden Tag nach Hause gekommen. Nur an diesem Tag lag Mum tot in ihrem Bett. Der von mir herbeigerufene Notarzt stellte ein geplatztes Aneurysma im Gehirn fest. Aus ihren Ohren und Augen lief Blut. Ich habe wie erstarrt neben ihr gestanden. Konnte es nicht glauben, nicht weinen, es war einfach nur fürchterlich. Dieses beschissene Leben von Mum! Ich hasste alle, die ihr das angetan hatten. Alle, die nicht zu ihr gestanden und sie unterstützt hatten. Meine Großeltern, meinen Erzeuger einfach alle. Mum starb allein. War blind. Gehbehindert und jetzt dieses Aneurysma mit vierunddreißig Jahren. Es war so ungerecht und ich war nur noch wütend. Konnte meine Wut nicht kanalisieren und verhielt mich keinesfalls besonders nett. Das weiß ich, aber es war der Schmerz, der in mir wütete. Zwei Tage später war die Beerdigung von Mum. Sie wurde in einem Sozialgrab beerdigt. Nur Lisa, ihre Mum und ich standen am Grab. Ein Strauß weißer Rosen von mir und ein paar Veilchen von Lisa. Das war es. So endete ein völlig verkorkstes Leben.

 

Ob man mich zu ihr bringt? Mich neben ihr begraben wird? Vermutlich nicht, das würde ja zusätzliches Geld kosten.

 

Drei Tage später änderte sich mein Leben und dieses Mal keinesfalls zu meinem Vorteil.

Was nun folgte, war einschneidender, einfach nur schrecklich. Ich wurde vom Jugendamt abgeholt. Durfte und konnte nur ein paar persönliche Dinge mitnehmen. Mich nicht einmal richtig von meinen wenigen Freunden verabschieden. Den Skizzenblock von Mum. Die Fotoalben, mein Mal- und Schulzeugs. Die Klamotten packte ich in einen Koffer, habe mich kurz von Lisa verabschiedet und wurde achthundert Meilen weit weg von meiner Heimat zu meinem Dad, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, gefahren. Dort haben mich die Beamten an einer Villa, die vermutlich an die Millionen gekostet hat, abgeliefert.

2. Dad – Thorsten

 

Das Erste, was ich denke, ist nur: Er hat Geld wie Scheiße und Mum musste im Dreck leben und sterben. Ein toller Beginn. Ich hasse diesen Mann, der mein Dad sein soll, vom ersten Augenblick an. Obwohl ich ihn noch nicht mal sehe und kenne. Ich vermute, dass auch er mich keinesfalls mag. Ich bin sein Ärgernis. Seine Jugendsünde. Etwas verzweifelt sage ich zu dem Herrn vom Jugendamt: »Ich will nicht hierbleiben. Bitte.« Ohne Emotionen bekomme ich von dem vermutlich überarbeiteten und gelangweilten Mitarbeiter die postwendende Antwort.

»Du bist minderjährig und wirst bei ihm bleiben. Er hat zugestimmt, dass du bei ihm leben darfst, bis du volljährig bist. Tjaden, du musst also nicht in staatliche Fürsorge. Du solltest ihm dankbar sein.«

»Dankbar?«

»Ja, genau. Wir werden das so machen. Gib ihm eine Chance. So schlimm kann es ja nicht sein, wenn ich mir das hier alles so anschaue. Vielleicht solltest du dir Mühe geben. Es scheint mir hier für dich eine Chance zu sein, aus dem Leben, das du bisher hattest, rauszukommen.«

»Was bitte ist an meinem Leben bisher falsch gewesen?«

»Tjaden! Bitte. Jetzt sieh dich um. Sieh dich an. Wo du herkommst. Sieh das hier als Neubeginn an.« Ich weiß noch, wie er geschaut hat, als ich ihm gesagt habe, dass er sich verpissen soll. In diesem Moment öffnet mein Dad die Tür. Ein erster Blick und ich erkenne in seinen Augen, wie entsetzt er von mir ist.

»Hallo Tjaden.« Ich habe nur genickt.

»Das tut mir leid mit deiner Mum.«

»Ach ja?«, höre ich mich sagen und kann es nicht lassen.

»Weißt du, Thorsten. Die Tabletten, die sie jeden Monat gebraucht hätte, haben zweihundert Dollar gekostet. Zweihundert! Wenn ich mich so umsehe, wäre das für dich doch eigentlich kein Problem gewesen oder sehe ich das anders?«

»Tjaden!«, ruft der Kerl vom Jugendamt. Ich sage nur zu meinem Dad: »Wo kann ich schlafen?«

»Tjaden, so geht das auf keinen Fall«, fängt mein sogenannter Dad an.

»Ich erwarte von dir Benehmen. Du wirst hier nicht alleine wohnen. In diesem Haus gibt es Regeln, an die hast du dich zu halten.«

»Gut, schreib sie auf und leg sie mir hin. Ich kann lesen. Ach ja, im Übrigen, nett dich mal kennenzulernen. Habe ich eigentlich von dir, dass ich schwul bin, oder gibt es eine Frau hier im Haus? Du musst dich nicht mit mir unterhalten. Keine Angst. Hast du ja bisher auch nie getan. Und schwul sein soll zum Glück nicht ansteckend sein.« Mir ist klar, dass ich aggressiv bin, um mich schlage, verzweifelt bin.

»Tjaden!«, ruft der Mann vom Jugendamt völlig entsetzt. Mein Dad jedoch ist blass. Will sich aber als Hausherr behaupten und redet weiter. »Deine Kleidung und die Haare, wenn die hier wohnst, solltest du dich anständig pflegen und anziehen.«

»Thorsten, nur fürs Protokoll. Ich ziehe mich an, wie es mir passt. Meine Haare gefallen mir und nochmals fürs Protokoll, ich bin schwul und ficke mit Männern. Toller Sohn, nicht wahr? Soll ich nicht doch lieber wieder verschwinden?« Mein Hass ihm gegenüber ist grenzenlos. Vielleicht ist es auch dieser fürchterliche Schmerz, der in mir tobt. Dass Mum gestorben ist. Die Trauer, die mich gefangen hält, bevor ich zusammenbreche, schlage ich einfach um mich. Thorsten ist bleich und geht einen Schritt zurück.

»Ich kann dir nur eines raten. Dieser Schweinkram wird in diesem Haus nicht geduldet, verstanden. Hier werden keine Kerle ein- und ausgehen. Jetzt komm rein, ich zeige dir dein Zimmer.« Der Beamte vom Jugendamt atmet tief durch. Ich vermute, er hat gedacht, dass er mich wieder mitnehmen muss. Das Zimmer ist klein. Notdürftig mit einem Bett und Schrank eingerichtet. Dazu ein Schreibtisch und ein ziemlich in die Jahre gekommener PC.

»Komm mit. Hier ist das Badezimmer und hier links geht es in den Keller. Dort stehen die Waschmaschine und ein Trockner.« Aha denke ich mir, unterschwellige Anordnung. Wasch deinen Scheiß selber.

»Hier rechts geht es ins Zimmer von deinem Bruder.« Nun ist es an mir, etwas erstaunt zu blicken. Von einem Bruder weiß ich nichts.

»Ich habe einen Bruder?«

»Ja, nein er ist der Sohn von Nelly.«

»Nelly?«

»Meine Frau.«

»Ah o. k. Na dann. Wie heißt dein, ich betone, Sohn?«

»Benjamin.« Der angeheiratete Sohn ist sein Sohn und ich vermutlich die Pest im Haus. Wird ja immer besser. Der Blick in sein Zimmer, den mir mein Dad erlaubt, sagt mir alles. Tolles geräumiges Zimmer. Top eingerichtet und auf dem Schreibtisch steht ein iMac, der größer ist als der Fernseher in unserem Wohnwagen. Egal. So ist es nun mal.

»Dort geht es in die Küche und in den Wohnbereich. Nelly erwartet, dass du aufschreibst, was du aus dem Kühlschrank nimmst, damit sie es nachkaufen kann. Besser, du kaufst dir deine Sachen selber. Ich vermute, du kannst dir hier ziemlich zügig einen Job besorgen.« Aha, arbeiten, damit ich ihm nicht auf der Tasche liege.

»Kein Problem. Werde ein Auto brauchen.«

»Vergiss es, Tjaden. In hundert Jahren kaufe ich dir kein Auto. Dafür kannst du schon selber arbeiten und sparen.«

»Keine Angst, gütiger Vater. Das werde ich mit Sicherheit tun.«

»Du wirst Nelly nichts davon sagen, dass du homosexuell bist.«

»Verschluck dich nicht an dem Wort schwul, Thorsten.«

»Tjaden! Ich will das nicht mehr von dir hören und will auch nicht, dass du es herumposaunst, verstanden?«

»Angekommen.«

»Benjamin ist ein guter Junge und hat mit so etwas keinen Kontakt und nichts zu tun.«

»Mit so etwas, meinst du da jetzt mich im Speziellen oder mit Schwulen insgesamt?«

»Tjaden!«

Bin ja mal gespannt auf den Herrn Sohn. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Am Abend beim Essen lerne ich Nelly kennen. Eine penetrante eingebildete Ziege. Ja und Benjamin. Da habe ich mir was eingebrockt. Das Alphatier schlechthin. In der Schule sicherlich umschwärmt wie die Motten das Licht. Und er soll keine Ahnung haben? Ich lache mich innerlich halb tot. Der Kerl vögelt mit jeder, die er rumkriegt, und hat mich in fünf Sekunden als Loser und schwulen Bock identifiziert. Das kann ja heiter werden. Als ob das nicht genug wäre, er fährt einen neuen klasse Sportwagen, wie er betont. Von Dad bekommen. Jaja, der Sohn, schon verstanden. Nach diesem ersten Abendessen ist mir eines klar. Die kommenden Jahre werden die Hölle auf Erden für mich werden. Denn ich muss tun, was sie von mir wollen, da ich von Thorsten abhängig bin. Ich will unbedingt meine Schule beenden und ich möchte aufs College. Egal wie, ich werde Kunst studieren. Und wenn ich mich dafür abschufte bis aufs Letzte. Nein, das niemals, ich werde nicht mehr auf den Strich gehen. Aber arbeiten das kann ich. Ich bin mir für keinen Job zu schade. Hauptsache, es gibt Geld dafür.

Kurz nach zweiundzwanzig Uhr kommt Benjamin in mein Zimmer, ich habe ihn erwartet.

»Na, du kleine schwule Sau. Wie gefällt dir dein Reich?«

»Ganz gut, Benjamin.« Ich schaufle mir natürlich mein eigenes Grab, in dem ich sage: »Ich frage mich nur, wie sie dich eigentlich nennen. Bennylein?« Er ist sofort auf hundertachtzig, wie ich es erwartet habe. Packt mich am Genick und murmelt mir ins Ohr: »Ich kann dir nur raten. NERV MICH NICHT. Geh mir nicht auf den Sack, sonst mach ich dich fertig. Ach, das werde ich vermutlich trotzdem tun. Du kleiner schwuler Bock. Wehe, du tust irgendetwas, was mich in Verruf bringt. Dann kannst du mal sehen, was es heißt, in der Hölle zu leben.«

»Benjamin, glaubst du jetzt wirklich und im Ernst, dass ich vor dir Angst habe?«

»Solltest du haben, Tjaden, solltest du.« Mit Schwung schubst er mich Richtung Bett. Ich schlage mir den Kopf an die Bettkante und sehe für einen Moment Sterne. Bis ich wieder einigermaßen klar sehe, ist Benjamin verschwunden.

In der Schule lässt er mich links liegen. Posaunt aber auch nicht herum, dass ich schwul bin. Deshalb habe ich noch etwas Ruhe oder anders gesagt, kann mich sortieren. Die Schüler um mich herum analysieren und auch etwas unvoreingenommen kennenlernen. Das wird nicht so bleiben. Ich weiß genau, mit welchen Mitschülern ich mich anfreunden kann, und welche ich besser nicht mal ansehe, geschweige denn anspreche. Mein Vorteil ist, dass ich in einer Umgebung aufgewachsen bin, in der Unauffälligsein zum Überleben gehört hat und auch sich mal durchzusetzen. Und das keinesfalls selten. Manchmal denke ich darüber nach. Wenn die braven Jungs wüssten, wie und wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Egal. Tage später suche ich nach einem Job. Und werde zum Glück ziemlich schnell fündig. Etwa eine Meile von zu Hause kann ich in einem Supermarkt dreimal abends die Regale auffüllen. Keine schwere Arbeit und sie wird anständig bezahlt. Für die Samstage brauche ich allerdings etwas Zusätzliches. Bekomme durch einen Mitschüler, mit dem ich mich gleich in der ersten Woche angefreundet habe, einen Tipp. Eine Entrümpelungsfirma sucht Helfer, die explizit am Wochenende Zeit haben. Sich nicht scheuen, auch mal kräftig anzupacken. Ich beschließe, einfach nach der Schule vorbeizugehen und nachzufragen, ob sie zwei helfende Hände brauchen können.

»Logisch. Wie heißt du denn?«

»Tjaden.«

»Ich hab dich noch nie hier gesehen und kenne eigentlich alle jungen Leute in der Gegend.«

»Stimmt, ich wohne erst seit drei Wochen hier. Bei Thorsten Bernstein.« »Bei Bernstein? Was hast du denn mit dem zu tun und was hast du verbrochen, dass du bei dem leben musst?«

»Ich bin sein unehelicher Sohn.«

»Echt jetzt?«

»Ja.«

»Meine Güte, das tut mir leid.« Ich will mich wegdrehen und denke nur: Was ist das für ein Depp!

»He, warte mal, Tjaden. Ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich meinte damit, dass du mir leidtust. Mit Thorsten und Benjamin unter einem Dach zu wohnen und dazu noch die Zicke von Frau. Das kann den stärksten Kerl umhauen. Komm rein. Du kannst gerne bei mir anfangen, alleine um Thorsten eines auszuwischen.«

»Du magst ihn scheinbar nicht besonders.«

»Sicher nicht. Er ist mit Abstand der größte, scheinheiligste Arsch, den die Welt je gesehen hat.«

»Dem kann ich nur zustimmen. Leider muss ich bei ihm wohnen.«

»Was ist mit deiner Mum?«

»Tot.«

»Das tut mir leid.«

»Mir auch, kannst du glauben.«

»Keinen Freund?« Ich sehe ihn an.

»Steht das irgendwo auf meiner Stirn geschrieben?«

»Dass du schwul bist?«

»Ja.«

»Nein. Ich nenn es Gay-Radar. Es funktioniert bei mir im Normalfall sehr gut. Und hast du einen Freund?«

»Nein«

»Ein Twink. Sauber.«

»Ich bin kein Twink. Na ja, vielleicht schon. Aber ich gehe nicht mit jedem dahergelaufenen Kerl in die Kiste.« Er sieht mich lange und mit leider verdammt intelligenten und auch wissenden Augen an.

»Deine Entscheidung, und geht mich auch nichts an. Also Samstag um sechs. Sei pünktlich. Ich zahle nicht schlecht. Du wirst zufrieden sein. Ich bin im übrigen Donald.«

 

Es spielt sich ziemlich schnell vieles ein, ich lerne den Tagesablauf von Benjamin und auch von meinem Erzeuger und Nelly. Das ist gut so, denn so kann ich ihnen weitestgehend aus dem Weg gehen. Durch meine Jobs bin ich relativ unabhängig, was das Geld angeht, und muss Thorsten nicht um Kohle bitten. Zum Glück. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob er mir etwas zustecken würde. Auf diese Abfuhr möchte ich verzichten. Nach einigen Wochen bekomme ich mit, dass es da auch eine Tochter gibt, die jedoch bereits in Harvard studiert. Harvard! Meine Meinung bezüglich Thorsten wird immer geringer. Er schwimmt geradezu in Dollars. Zu einem ersten richtigen Krach kommt es, als Lissy, also Elisabeth, Geburtstag hat und wir alle eingeladen sind. Alle. Auch ich. Toll. Ich alleine, zwei Tage im Haifischbecken. Ohne Chance, da herauszukommen. Zusätzlich mit der Androhung, ordentlich angezogen zu erscheinen und zuvor beim Friseur gewesen zu sein. Eine Anspielung auf meine langen Haare. Dass sie mich mal können, dürfte klar sein. Ich kaufe mir jedoch im Supermarkt, in dem ich arbeite und auf alles zwanzig Prozent Mitarbeiterrabatt bekomme, ein neues schwarzes T-Shirt und ein schwarzes Sweatshirt. Das muss reichen. Dazu neue Schuhe. Im Spiegel finde ich, sehe ich eigentlich richtig gut aus. Meine dunklen Augen kommen in meinem bleichen Gesicht zur Geltung. Ich traue mich nicht, aber im Grunde würde ich mir am liebsten einen Kajalstrich um die Augen ziehen, damit diese noch mehr betont werden. Den Spott lasse ich jedoch mal besser aus und die missbilligenden Blicke reichen, als ich zum Auto gehe, völlig. Mit dem Auto dauert die Fahrt trotzdem vier ewig lange Stunden, in denen ich auf der Rückbank sitze. Thorsten und Nelly sind vorne. Benjamin ist zum Glück selber gefahren. Mit seinem Sportflitzer und ich vermute mal seiner momentanen Flamme als Beifahrerin. Da ich mir noch kein eigenes Fahrzeug leisten kann, muss ich wohl oder übel mit den beiden fahren. Thorsten nutzt natürlich die Zeit und quetscht mich aus.

»Was willst du eigentlich nach der Schule studieren?«

»Ich werde Kunst studieren. Thorsten.« Das wiederum verursacht fast einen Unfall.

»Was willst du! Bist du denn jetzt völlig bescheuert?«

»Warum?«

»Dieses brotlose Studium werde ich in hundert Jahren niemals finanzieren, Tjaden. Das kannst du dir abschminken. Du bekommst von mir die Studiengebühren für ein Studium, mit dem man Geld verdienen kann. Um sein Leben zu meistern. Aber ich werfe mein schwer verdientes Geld sicherlich nicht für Studiengebühren aus dem Fenster hinaus, für etwas, das null Wert hat!« Wieder ein Traum, der gerade auf dem Rücksitz eines Autos platzt, das vermutlich mehr Versicherungsprämie kostet als die lächerlichen Studiengebühren an einer stinknormalen Uni. Ich hasse den Kerl. Er redet einfach weiter.