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Über dieses Buch:

Deutschland zu Beginn der 20er Jahre. Henriette Elisabeth Wuttke hält es nicht mehr aus in der bedrückenden Enge und Biederkeit der Provinz: Wie viele andere junge Frauen zieht es sie in die brodelnde Metropole Berlin. Hier wird aus der braven Lehrertochter die kecke Henny Walden, die sich alles traut. Ihr Ziel: Als Dichterin und Sängerin berühmt zu werden. Hennys unkomplizierter Charme verschafft ihr schnell Zugang zu den Künstlercliquen der Weimarer Republik. Und immer wieder scheint das große Glück im »Babylon Berlin« zum Greifen nah – doch stets kommt es anders, als Henny denkt…

Spannend, bewegend und amüsant wie eine Kabarett-Revue, in der Marlene Dietrich und Fritz Lang, Anita Berber und Gottfried Benn, Vladimir Nabokov und Thea von Harbou durcheinanderwirbeln: Das Porträt einer faszinierenden Frau, die fest entschlossen ist, im Leben nicht in der zweiten Reihe zu stehen.

Über die Autorin:

Silke Schütze, geboren 1961, lebt in Hamburg. Nach ihrem Studium der Philologie arbeitete sie unter anderem als Pressesprecherin, Chefredakteurin und TV-Producerin. Silke Schütze hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht und hält Schreiben für die zweitschönste Sache der Welt. 2008 wurde sie vom RBB und dem Literaturhaus Berlin mit dem renommierten Walter-Serner-Preis ausgezeichnet.

Bei dotbooks veröffentlichte Silke Schütze die Romane und Geschichten rund um die Familie Hasemann: »Frau Hasemann feiert ein Fest«, »Herr Hasemann auf Wolken 7«, »Die Hasemanns auf großer Fahrt« und »Frau Hasemann findet das Glück«.

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eBook-Neuausgabe März 2020

Dieses Buch erschien 2000 und 2014 unter dem Titel »Henny Walden – Memoiren einer vergessenen Soubrette« bei Rowohlt und später bei dotbooks.

Copyright © der Originalausgabe 2000 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Copyright © der Neuausgabe unter dem Titel »Die Sängerin von Berlin« 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von shutterstock/Irina Alexandrovna, Art Konovalov, CkyBe, Canada stock, Pocholo Calapre, Kaliuzhna Tamara, Ollyy

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-95520-523-2

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Silke Schütze

Die Sängerin von Berlin

Romanbiografie

dotbooks.

Prolog

Hör'n Se doch
Hör'n Se doch
Hör'n Se doch mal hin
Weil ich 'ne
Weil ich 'ne
Weil ich 'ne Entdeckung bin!

Bin kein Frauchen
Bin kein Heimchen
Zeig gern meine Lotterbeinchen
Bin modern und sachlich
fleißig, schnell und praktisch.

Und die Männer
Und die Männer
Und die Männer sind verdutzt
Weil ihr Charme
Weil ihr Charme
Ungenützt verpufft.

Geld verdienen,
Keck flanieren
Und am Zahltag frohe Mienen.
Eine Frau kann das wie Ihr!
Und zum Würstchen trinkt sie Bier

Die moderne
Die moderne
Die moderne Frau
Ist von Hause
Ist von Hause
Ist von Hause aus sehr schlau

Lieber auf dem Diwan räkeln
als am Haushaltsgeld zu mäkeln
Lieber Tanz und Dollerei
Als die olle Kocherei!
In der Küche stehn beim Topf
Ab mit diesem alten Zopf!
Kragen plätten, Hosen flicken
Putzen, waschen und fromm nicken?
Damit lockt ein Mann –

Heute keine Frau mehr an.

(Henny Walden, 1923)

Zur Entstehung dieses Buchs

Im Dezember 1997 machte der Berliner Hobbyhistoriker und Heimatkundler Max Gerstenberg einen ungewöhnlichen Fund. Gerstenberg, Kenner und Sammler von Zeitzeugnissen der Kaiser- und Vorkriegszeit, wurde häufig bei Wohnungsauflösungen zu Rate gezogen, sein kleines Privatarchiv war eine wahre Fundgrube für deutsche Alltagskultur. An diesem Tag fiel ihm auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni eine unscheinbare Ledermappe in die Hände. Darin befanden sich drei schwarzweiße Fotografien, einige Zeitungsausschnitte und ein Brief. Gerstenberg kaufte die Mappe für den lächerlichen Preis von dreißig Mark.

Die Unterschrift auf dem Brief, Henny Walden, sagte ihm zunächst nichts. Doch er stieß wieder auf den Namen, als er sich den vergilbten Zeitungsausschnitten zuwendete, Kritiken über verschiedene Kabarett-Programme im Jahr 1923.

Auf dem ersten Foto lachte eine junge, dunkelhaarige Frau mit dem für die zwanziger Jahre typischen kinnlangen Pagenkopf unter einem dunklen Hut in die Kamera. Sie trug ein langes, weich fallendes Kleid mit passendem Mantel, ihr rechter Fuß stand auf der Bank eines Schuhputzers mit Schiebermütze, in den Händen hielt sie ein Manuskript. Das Foto ist auf einem belebten Großstadtplatz aufgenommen, zweifelsohne Berlin.

Das zweite Bild kannte Gerstenberg. Wer kennt es nicht? Marlene Dietrich in der Haltung, die sie weltberühmt machte: als fesche Lola auf einer Tonne in Der blaue Engel. Das Bild war hinten beschriftet: »No cream in my coffee«. Die fahrige, nach rechts gelehnte Handschrift glich der des Briefes.

Gerstenberg fiel zum ersten Mal hinter der Dietrich eine halb vom Vorhang verborgene Frau auf: Henny Walden?

Das dritte Bild zeigte eine Partyszene. Aus einem Film? Einer Theaterinszenierung? Das sorgsam komponierte Stilleben eines Fotografen? Auf der Rückseite entzifferte Gerstenberg »Immer noch die erste von links!«. Die erste von links lagerte auf dem Bild auf einer diwanähnlichen Plattform in den Armen eines Mannes im Smoking, war in glänzendes, hauteng anliegendes Lamé gekleidet und der schwarze Pagenkopf war unverkennbar: Henny Walden!

Gerstenberg studierte den Brief ein zweites Mal. Er war »Winter 1929« datiert und Henny Walden schrieb:

»Verehrter Herr Max! Ich hinterlasse Ihnen mein Berlin, das Füllhorn meiner Erinnerungen scheint nur halbgefüllt. Billetts, Bilder, Bonmots. Sie sprechen wenig, ach so wenig, über die Synkopen meines Lebens. › Werden Sie jetzt nicht lyrisch, Walden ‹ , würde der Doktor sagen. – Aber ich weiß, Sie haben mich immer verstanden. Vielleicht als einziger.«

Gerstenberg forschte nach. Doch Archive und Büchereien gaben nichts über Henny Walden her. Er entschloss sich, an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Februar 1998 erschien in einer Berliner Lokalzeitung auf den Kulturseiten die kleine Notiz, dass Material aufgetaucht sei, das in Zusammenhang mit der »weitgehend unbekannten Schauspielerin« Henny Walden stehe. Schon am nächsten Tag erhielt Gerstenberg einen Anruf aus der Redaktion: eine Frau Meyer meldete sich. Sie habe einiges aus dem Besitz von Frau Walden und ob er Interesse daran habe.

Gerstenberg konnte sein Glück nicht fassen, als ihm die verwitwete Gabriele Meyer, geborene Krummbiegel, in ihrer kleinen Mietwohnung in Berlin-Weißensee verriet, dass sie einen Koffer von Henny Walden in ihrem Keller habe.

Gerstenberg bat um Erlaubnis, das Gespräch aufzuzeichnen, denn Gabriele Meyers unverfälschtes Berlinerisch schien ihm wie eine Stimme aus der Zeit, in der Henny Walden lebte. Er erfuhr, dass Frau Meyers Vater, Max Krummbiegel, im Speiserestaurant »Aschinger« am Alexanderplatz von 1918 bis 1930 als Oberkellner tätig gewesen war. Frau Walden gehörte zu den Stammgästen, und Frau Meyer erinnerte sich, dass sie als kleines Mädchen 1927 oder 1928 auf den Knien ihres Vaters Frau Walden dort singen hörte.

Den Koffer hatte Henny Walden ihrem Vater zur Verwahrung gegeben, als sie Berlin 1929 verließ. Danach war sie nie wieder aufgetaucht, und ihr Vater hatte den Koffer mit nach Hause gebracht, wo er im Keller den Krieg, Mauerbau und Mauerfall unbeschadet überstand. Über die Ledermappe, die Gerstenberg auf die Spur von Henny Walden brachte, wusste Frau Meyer nichts.

Sie zeigte Gerstenberg mit Stolz eine gerahmte und vergilbte Fotografie von Henny Walden, die im Korridor neben dem Spiegel hing. Henny Walden lächelt darauf mit glänzenden weißen Zähnen, dem charakteristischen schwarzen Stirnpony und in verführerischer Pose in die Kamera. Die Widmung darunter lautete: »Zur Erinnerung an ›die Kleene‹, die im Aschinger ihre glücklichsten Stunden verlebte. Ihre Henny Walden.«

Frau Meyer erzählte, dass Max Krummbiegel der »Kleenen« immer wieder Kredit gab, wenn sie im »Aschinger« nicht genug Geld hatte, um zu essen und zu trinken. »Vata hat imma jesacht: det Künstlerpack redet und fantasiert so fille, als wie wenn se Worte essen könnten.« Aber die Walden, die hatte er ins Herz geschlossen. »Besser die Kleene schnorrt bei mir wie det se in der Josse landet. Wär schade um det Mechen.« (Tonbandprotokoll)

Bei aller Nostalgie hatte Frau Meyer wenig von der Freigebigkeit ihres Vaters geerbt, der Anfang der fünfziger Jahre starb. 500 Mark zahlte Gerstenberg für den Koffer aus hellem, brüchigem Leder, den er im Keller hatte besichtigen dürfen.

Als Gerstenberg in seinem Büro den Koffer öffnete, fand er Briefe, Notizen, Gedicht-, Drehbuch-, Liedentwürfe und Abschriften. Programmzettel, Fotografien und Zeichnungen, auch persönliche Dokumente, die Neuruppin als Henny Waldens Geburtsort angaben. Und ganz zuunterst das Kostbarste: lose, dicht beschriebene Tagebuchseiten. Die ersten datieren von 1919, die letzten von 1929.

Akribisch machte sich Gerstenberg an die Edierung seines Fundes, recherchierte in Standesämtern und Kirchenbüchern, Bibliotheken, Bild- und Textarchiven. Mit jeder Zeile fügte er ein Stück in die Biografie von Henny Walden, einer zu Unrecht vergessenen Soubrette und unbekannten Hüterin der Erinnerung. Die hier abgedruckten Texte sind dem heutigen Sprachgebrauch angepasst.

Kurz vor der Vollendung seiner Arbeit riss ihn ein Herzinfarkt aus dem Leben. Mir fiel die dankbare Aufgabe zu, Max Gerstenbergs Werk zu vollenden. Das vorliegende Buch wäre ohne seinen Enthusiasmus, seine zähe Recherche und nicht zuletzt ohne seine Liebe zum alten Berlin und den Frauen dieser Stadt nicht denkbar.

Silke Schütze
Hamburg, August 1999

Einleitung

Die zwanziger Jahre waren recht eigentlich das Jahrzehnt Berlins. Mehr als irgendeine andere Stadt war Berlin wie für sie geschaffen. Die Zeit saß ihr wie angegossen. Die Stadt riss mit kecken, übermütig selbstvertrauenden Griffen alles an sich, und alles strebte auf sie zu.

(Peter de Mendelsohn)

Wohl kaum eine deutsche Stadt beflügelt auch heute noch die Fantasie der Menschen so sehr wie Berlin in den 20er Jahren. Der Lebenshunger nach dem Ersten Weltkrieg ließ ein unbekümmertes, lustorientiertes Klima entstehen, in dem alles möglich erschien und das das 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste. Berlin wurde zur hektischen Metropole, in der die Uhren schneller als anderswo tickten. Zeitungsjungen rasten auf ihren Rennrädern durch die Straßen, die Autos verdrängten die Droschken, und mit schnellen Schritten strebten, Seite an Seite mit Arbeitern und Geschäftsleuten, junge Fräulein in die Kontore, Läden und Fabriken. Tempo war das Wort der Stunde und der Autor Kurt Tucholsky kritisierte seine Zeitgenossen: »Sie haben Quecksilber im Plüschsessel.« Am Abend explodierte die Stadt im Lichterflirren der Kabaretts, Theater und Kinos. Halbweltdamen, Literaten und Kriegsgewinnler schlürften Schaumwein und Absinth, der Foxtrott revolutionierte das Tanzparkett und die Inflation spielte die Musik dazu.

Der Typ der »kessen Berlinerin«, mit keckem Pagenschnitt oder Bubikopf, etablierte sich, das Adjektiv »pikant« kam in Mode. dass viele dieser Frauen, die die Bars und Cafés, die Modenschauen, die Büros, Fabrikhallen und Theaterbühnen bevölkerten, keine geborenen Berlinerinnen waren, spielte keine Rolle. Die Millionenstadt schluckte sie alle, drückte ihnen ihren Stempel auf. Das Atmen der vielbesungenen »Berliner Luft« reichte aus, um Berlinerin zu werden.

Die Züge, die am Potsdamer Platz einfuhren, spuckten täglich Hunderte junge Frauen aus, die auf ein neues, ein freieres, ein »modernes« Leben hofften – fernab elterlicher Kontrolle und festgefügter Lebensplanungen. Berlin – das war die Verheißung auf ein selbstbestimmtes Leben.

Sie kamen als Dienstmädchen, als Sängerinnen, als Gouvernanten, als Studentinnen, Wissenschaftlerinnen, Fabrikarbeiterinnen, Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen. Sie kamen aus Österreich, aus Prag, aus Wuppertal – oder wie Henny Walden aus dem von Berlin nicht weit entfernten Neuruppin. Viel ist über die Frauen geschrieben worden, denen damals der Sprung aus der Anonymität gelang. Marlene Dietrich, Anita Berber, Else Lasker-Schüler, Fritzi Massary ... die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Doch der Glamour, den diese Namen verströmen, war nur die eine Seite der Medaille. Wenig ist über die vielen namenlosen Frauen bekannt, die Berlin in jener Zeit zu dem machten, was es war: eine Weltstadt zwischen Glitzer und Elend, magisch und hart, verschwenderisch und unerbittlich.

Die Geschichte ist immer eine Geschichte der Männer gewesen und nicht zufällig schrieb Bertolt Brecht die Fragen eines denkenden Arbeiters und nicht einer denkenden Arbeiterin auf ...

Henny Walden, so entnehmen wir ihrem Tagebuch, war keine Gewinnerin. Sie lebte mehr am Abgrund als im Scheinwerferlicht. Doch von diesem Rand warf sie Blicke auf die Großen, Berühmten, die nicht unbedingt mehr Talent als sie, sondern einfach nur mehr Glück hatten. Sie war ein Stern, der nur manchmal auffunkelte. Heute würde man die junge Frau, die das Kultur- und Subkulturleben Berlins wie ihre eigene Tasche kannte, die Dichter und Boxer gleichermaßen anschwärmte, vielleicht als Groupie bezeichnen. Eines von den Mädchen, an die sich keiner erinnern kann, aber die jede Party, jeden Tanztee zu einem prickelnden Vergnügen machten und sich mit jedem Schritt von der Frauenrolle entfernten, für die sie erzogen wurden. Doch für ein Groupie war Henny Walden zu klug und ambitioniert. Sie wollte selber schreiben, schauspielern, singen – nicht nur am Ruhm eines Mannes und an seinem Geld teilhaben.

Keine Kulturgeschichte verzeichnet den Namen Henny Walden. Und doch hat sie gelebt. Sie hatte keinen Biografen. Aber ein Tagebuch.

Manchmal schlägt die Geschichte ihre eigenen Haken und der Zufall übernimmt die Regie. So einem Zufall verdanken wir, dass Henny Waldens Tagebücher gefunden wurden. Fast sieben Jahrzehnte, nachdem sich ihre Spur verlor ...

Sie war eine der vielen jungen Frauen, die in den zwanziger Jahren in die Metropole Berlin strömten: Henriette Elisabeth Wuttke, Lehrertochter aus Neuruppin. Als Henny Walden, Soubrette und Dichterin, brachte sie es in der brodelnden Berliner Clubszene zu bescheidenem Ruhm.

Viele ihrer Gedichte, Lieder und Prosatexte sind im Nachlass erhalten. Ein einziges Tondokument lässt ihre in den Tiefen rauchige, in den Höhen scharfe Stimme aus der Vergangenheit zu uns herüberklingen. Eine begnadete Sängerin – jedenfalls nach den Maßstäben ihrer Zeit – war sie nicht. Henny Walden zirpte nicht, die Melodie vertändelte sich nicht in niedlichen Koloraturen. Herb, fast sprechgesangsartig lobt sie in dem aufgezeichneten Couplet einen Mann namens Gustav, natürlich berlinisch – also »Justav«. Doch in ihrer Stimme liegt eine fesselnd laszive Rauheit, sie dehnt die Silben gegen den Rhythmus, verleiht mit eigenartig synkopenhaft eingesetzten Pausen dem Lied einen ganz eigenen Stil.

Der größte Schatz ihrer Hinterlassenschaft sind die erhaltenen Tagebuchfragmente. Sie zeichnen facettenreich und authentisch ein lebendiges Porträt der Goldenen Zwanziger. Ohne literarische Pose beschrieb Henny Walden die Stadt aus einer persönlichen, subjektiven, weiblichen Sicht. Sie betrachtete die Künstlercliquen, trieb sich in Bars und Kaffeehäusern herum, arbeitete an Berliner Bühnen und in verschiedenen Kabaretts. Sie beobachtete alles, was Rang und Namen hatte: Schauspieler und Schriftsteller, Filmgötter, Außenseiter und schillernde Eintagsfliegen, die Helden und Verlierer, den Glanz und das Elend dieser Zeit. Textpassagen ihrer Tagebücher lassen den Rückschluss zu, dass sie Mitte der zwanziger Jahre eine unglückliche Liebe mit dem Lyriker Gottfried Benn verband.

Von den 14 Jahre deutscher Geschichte, die wir Weimarer Republik nennen, erlebte Henny Walden zehn Jahre als Soubrette, Chormädchen, Journalistin, Drehbuchautorin und Dichterin in Berlin. Es war eine aufregende, widersprüchliche Zeit. Die Sektkorken knallten, Spartakus erwachte, Ballettgirls warfen die Beine, Kapp putschte und das Publikum johlte beim Damenringkampf.

Die Folgen des Ersten Weltkriegs zwangen Frauen zunehmend zum Broterwerb und bescherten ihnen damit neue Freiräume, auch und gerade im künstlerischen Bereich. So ist die bruchstückhafte Biografie Henny Waldens mehr als ein faszinierend direkter Blick in eine Zeit, die Stefan Zweig als »einen Weltaugenblick« friedlicher Verheißung beschreibt. Vielmehr ist sie exemplarisch für ein verändertes Frauenbild, das ein neues Leben zwischen Aufbruch und Anpassung ermöglichte.

1900–1918:
Wenn ich ein Knabe wär'

Wenn ich ein Knabe wär',
Vater, liebtest du mich mehr?

(Gedicht, um 1915)

Kapitel 1

Wie schreibt man die Biografie einer Frau, über deren Leben der Vergangenheit nur knappe zehn Jahre zu entreißen sind? Über die nur bekannt ist, dass sie gelebt hat, dass sie Berlin liebte und träumte, als Soubrette dort Karriere zu machen? Deren Stimme, mal frech und pointiert, mal melancholisch und verzweifelt durch den Schleier der Jahre dringt? Der zielbewussten Erforschung dieses Lebens sind noch engere Grenzen gesetzt, als dies gemeinhin bei Biografien der Fall ist. Wir haben uns dennoch bemüht, Henny Waldens Nachlass eine Chronologie zu geben, der einen Zauber aus seiner Lückenhaftigkeit bezieht. Sie selbst wurde einmal als »die Soubrette, die aus dem Nichts kam« beschrieben, und obwohl wir wissen, dass dieses Nichts die brandenburgische Kleinstadt Neuruppin war, liegt dieser Bezeichnung doch eine tiefere Wahrheit zugrunde. Trotz ihrer Texte bleibt Henny Walden eine Figur aus dem Schattenreich. Das Nachzeichnen ihres Lebenswegs ist Detektivarbeit. Doch über die Jahre hinweg erwachen ihre oft hastig hingeworfenen Zeilen und ihre kurzen, manchmal unvollständigen Sätze zu neuem Leben. Und ganz nebenbei spiegelte sich in ihren Aufzeichnungen das Lebenstempo von Berlin wieder.

Wer war Henny Walden? Wir stellen sie uns als junges Mädchen vor, entdecken Berlin mit ihren Augen, wir erleben die Geburt der mysteriösen Soubrette, das Reifen an Misserfolgen und Rückschlägen, sympathisieren mit der nachdenklichen, aber ungebrochenen Frau, die zehn Jahre später die Metropole wieder verließ. Den ganzen Menschen lernen wir nicht kennen, doch gelegentlich erahnen wir ihn. Wie in Momentaufnahmen, auf einem unscharfen, verwackelten Schnappschuss erkennen wir den Kern einer eigenwilligen Person, die mit Charme, Witz und auch mit dem Mut der Verzweifelten ein für Frauen noch weitgehend unbekanntes Lebensmodell ausprobierte.

Ein wenig erinnert sie uns immer an eine Statistin aus einem Theaterstück, die in jedem Akt nur einen kleinen Satz zu sprechen hat. Dabei trieb sie nie die Handlung voran und blieb letztlich nicht mehr als Kolorit. Doch in diesem Moment, in dem sie ihren Satz sprach, gehörte ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit und am Ende stand auch sie vor dem Vorhang und das Publikum applaudierte ihr. Henny Waldens Applaus kommt für sie selbst zu spät. Es hätte sie sicher stolz gemacht und amüsiert, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Berlin-Schilderungen, ihr Berliner Leben, Gegenstand eines Buches werden.

In ihren Liedern, Gedichten, Drehbuchentwürfen unterschied sich Henny Walden wenig von anderen oft erfolgreicheren Zeitgenossinnen. Ihre Texte spiegeln im Gegenteil ein genaueres Bild der jeweiligen Trends in Literatur und Unterhaltungskultur wider, sie setzte sich mit dem Expressionismus, mit Nonsens-Lyrik, mit dem klassischen Chanson und »Berliner Liedern« auseinander. Auf privater Ebene nahm Henny Walden die klassischen Probleme weiblichen Lebens vorweg. Sie war der Prototyp der modernen Single-Frau mit allen Vorzügen und Schwierigkeiten, die diese Daseinsform mit sich bringt.

F. Scott Fitzgerald hat einmal geschrieben: »Biografie ist die unaufrichtigste aller Kunstformen.« Natürlich, denn es gibt wohl kaum ein Leben, das sich lückenlos dokumentieren lässt. Jedes Ereignis wandelt sich im Schatten der Zeit, Gefühle und Empfindungen werden von der Chronologie der Jahre erdrückt, verlieren an Wichtigkeit und Größe, und übrig bleiben oft nur die harten Tatsachen. Fakten, historische Zusammenhänge, Geburts- und Sterbezeit, Daten, die nicht mehr als ein Gerippe des Lebens ausmachen.

Biografien stellen immer bestimmte Höhepunkte heraus, folgen hier einem Faden, vernachlässigen dort einen anderen. Einmal dienen sie als Interpretationsgrundlage für das Werk der porträtierten Persönlichkeit, ein anderes Mal werden sie herangezogen, um eine bestimmte Theorie des Verfassers über den in der Biografie Beschriebenen zu untermauern. Biografien sind oft ehrlicher als Autobiografien, bei denen der altersmilde Blick auf die zurückliegende Zeit die eigene Vergangenheit oft allzu glatt, zu schimmernd und zu golden schildert. Leider können wir Henny Walden heute nicht mehr selbst zu ihrem Leben befragen und ihre Zeitgenossen nehmen nur wenig Notiz von ihrem Schaffen, um ihre echte Stimme zu hören. So bleiben uns nur ihre Tagebuchfragmente, Briefe und Notizen. Das Bild der frivolen Soubrette überlagert das des unbedarften Mädchens, das im Strudel der bewegten zwanziger Jahre in Berlin mitgerissen wurde und darum kämpfte, nicht unterzugehen. Oft war sie verzweifelt, hungrig und frustriert, dennoch überrascht sie in ihren Schriften durch heitere Gelassenheit, durch sprühenden Humor und durch eine lebensbejahende Risikofreudigkeit. Einem glücklichen Umstand verdanken wir ein Bündel ihrer eigenen, an die Mutter gerichteten Briefe. Einige waren ungeöffnet und mit dem postalischen Vermerk »Zurück an den Absender« versehen. Sie stammten aus der Zeit, in der die Eltern den Kontakt mit der Tochter in Berlin abgebrochen hatten. Ein anderes dünnes Bündel aus den späten zwanziger Jahren vereint fünf Briefe von Henny Walden an die Mutter – vielleicht hat Henny Walden ihre Mutter später gebeten, sie ihr zurückzugeben.

Weiterhin von Bedeutung sind die erhaltenen Briefe von Henny Waldens älterer Schwester Wilhelmine, die die Entwicklung der Jüngeren mit Sorge und Angst vom heimischen Neuruppin aus verfolgte und kommentierte, sowie die Briefe von Henny Waldens Freundin und Arbeitskollegin Meta Andersen, die wie sie das Max Reinhardt-Institut besuchte, jedoch nach einigen glücklosen Jahren in der Komparserie an diversen Berliner Bühnen die Stadt verließ, um in Norddeutschland zu heiraten. Der Briefwechsel zwischen Henny Walden und ihrer Mutter gibt nur bedingt über Hennys Leben Aufschluss, da sie sich in ihnen stets als artige Tochter präsentierte, die ihre Lebensumstände beschönigte, um der Mutter Kummer zu ersparen, und daher bemüht war, wenig detailliert auf ihr wirkliches Leben einzugehen. Das Zusammenspiel von zeitgleich entstandenen Chansontexten und der erhaltenen Korrespondenz an Henny Walden zeigt das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit, der es letztlich nicht gelang, eine positive Einstellung zum Bruch mit den gesellschaftlichen Normen zu gewinnen. Henny Walden war zu keiner Zeit eine echte Avantgardistin, die sich unbekümmert über Konventionen hinwegsetzte. Ihre persönliche Problematik war der immerwährende Versuch, ihre durch Begabung und wirtschaftliche Notwendigkeit diktierte, individuelle Daseinsform mit dem Gesellschaftskodex zu versöhnen.

In ihrem Nachlass findet sich ein kleines Pappschild. Es ist sauber mit Linealstrichen umrahmt. Zwei Löcher am oberen Rand zeigen, dass sie die Pappe offensichtlich irgendwo zur Inspiration aufgehängt hatte. Zwei Sätze des englischen Dichters William Wordsworth (1770 –1850) notierte sie darauf: »Es war ein Fest, in diesem Aufgang einer neuen Zeit zu leben. Und dabei noch jung zu sein war wie der Himmel.«

Wie Wordsworth sich von der Französischen Revolution, ließ sich Henny Walden von der Stimmung des Nachkriegs-Berlin begeistern, in der ihr, der jungen Frau ohne familiäre Bindungen und Aufsicht, alles möglich erschien.

Bei der Rekonstruktion ihres Lebens sind wir vielfach auf Vermutungen angewiesen, auf Rückschlüsse, die ihre Texte und in ihrem Nachlass Gefundenes nahelegen. Manches Mal wird uns die Fantasie, aber auch das Wissen um die Zeit, in der Henny Walden lebte, zu Hilfe kommen müssen.

Wir wissen, dass sie in der Silvesternacht 1899 / 1900 – »nur zwei Stunden hat das Jahrhundert mir voraus« schrieb sie in einem unvollendeten, undatierten Gedichtentwurf – als Henriette Elisabeth Wuttke in Neuruppin bei Berlin geboren wurde. Über ihre Kinderzeit und Jugend ist nur bekannt, was sie aus der Rückschau beschrieb, und ein einziges Gedicht, das um 1915 entstand. Man darf vermuten, dass bei ihrer Geburt nichts darauf hinwies, dass das Leben des Mädchens Henriette in anderen Bahnen als den traditionellen verlaufen würde.

Neuruppin, Kreisstadt im preußischen Regierungsbezirk Potsdam, war um die Jahrhundertwende ein Postkartenidyll bürgerlich-preußischer Vorbildlichkeit. Die romantisch am Ruppiner See gelegene Kleinstadt war auf rund 18 000 Einwohner angewachsen, besaß vier evangelische Kirchen, ein katholisches Gotteshaus und eine Synagoge. Mit ihren Schülermützen auf den Köpfen streunten die Gymnasiasten nach der Schule über das Kopfsteinpflaster und versuchten mit den jungen Damen, die das städtische Seminar besuchten, Blickkontakt aufzunehmen. Neben dem Land- und Amtsgericht befand sich im Zentrum das Hauptsteueramt, der Bahnhof und eine Nebenstelle der Reichsbank. Vor den Toren des Städtchens lagen die –im damaligen Amtsdeutsch – Landesirrenanstalt sowie die Garnison des Infanterie-Regiments Nr. 24. Die Neuruppiner waren stolz auf ihre florierende Industrie, die Eisen verarbeitete, Maschinen baute, Stärke produzierte, Bilderbögen, Bürsten und – sehr fortschrittlich – Feuerlöschgeräte herstellte.

Vater Wilhelm Wuttke gehörte als Lehrer am örtlichen Gymnasium der gebildeten Oberschicht an und nahm, wie späteren Aufzeichnungen von Henny Walden zu entnehmen ist, am gesellschaftlichen Leben der Neuruppiner Honoratioren aktiv teil. So pflegte er einmal wöchentlich zu seinem Stammtisch in einem Neuruppiner Lokal zu gehen und dort zu politisieren, wie sich Henny Walden später in einer Tagebuchaufzeichnung erinnerte. Mutter Mathilde Wuttke, geborene Brinkmann, war Tochter eines Pfarrers. Beide Familien stammten aus Neuruppin.

Henriette war nach Wilhelmine (geboren 1893) und Hedwig (geboren 1897) die dritte Tochter. Vielleicht besonders, weil ihm der ersehnte Stammhalter versagt blieb, achtete Wilhelm Wuttke, der von den Mädchen gleichermaßen geliebte wie gefürchtete »Papa« bei seinen drei Töchtern auf eine gute Schulbildung.

In der Kindheit besuchte sie mit großer Wahrscheinlichkeit die Volksschule in Neuruppin, im Matrosenkleid, das im Schulhaus hinter einer schwarzen Lüsterschürze verschwand. Die Schulzeit zur Kaiserzeit konfrontierte die kleinen Mädchen mit einem klaren, harten Regelwerk, das eingehalten werden musste. In den Gängen oder auf den Treppen des Schulgebäudes durfte nicht geschwatzt werden, die Haare mussten gerade gescheitelt sein, sprechen durfte nur, wer gefragt wurde. Man kann sich denken, welches unterdrückte Energiepotential eine Frauengeneration freisetzte, die, derart erzogen, nach dem alles verändernden Weltkrieg ihre Selbständigkeit erproben durfte!

Kapitel 2

Henny Walden beschäftigte sich in ihren Tagebuchfragmenten erst zu einem relativ späten Zeitpunkt mit ihrer Familie. Allerdings findet man in ihrem Nachlass eine von ihr wohl als Schulmädchen abgefasste Übersetzung eines Textes von Cäsars »De bello gallico«. In runder Schulmädchenschrift steht »Henriette Wuttke« auf dem vielfach zerknitterten Papier und mit schwarzer Tinte, vielleicht die Schrift ihres Vaters, ein »fein gemacht!« darunter.

Da man bezweifeln darf, dass Henriette und ihre Schwestern das Jungengymnasium besuchten, wo ihr Vater unterrichtete und es keine Unterlagen (Zeugnisse, Schulanmeldungen oder Abgangszeugnisse) in ihrem Nachlass gibt, erhielten die Wuttke-Mädchen nach Besuch der Volksschule wohl privat von ihrem Vater Unterricht oder beendeten als junge Mädchen am Seminar ihre Schulzeit. dass der Vater Henriette auch in ihrer Freizeit zu Übersetzungsübungen heranzog – wäre der Cäsar-Text eine Hausaufgabe für die Schule gewesen, hätte er fein säuberlich in einem Schulheft gestanden –, zeigt sein besonderes Interesse an seinem dritten Kind. Henriette war Vaters Liebling. Er förderte sie besonders und erweckte dadurch in ihr ein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, das stärker ausgeprägt war als bei ihren Schwestern.

Trotz der geringen Wissensgrundlage, die wir über die Familie Wuttke haben, kann man sich aber das Familienleben, das sich von anderen Familien der Bürgerschicht nicht unterschieden haben wird, gut vorstellen. Die erhaltenen Briefe an ihre dritte Tochter zeugen von keiner großen Bildung, wenngleich Mathilde Wuttke Orthografie und Grammatik ordentlich beherrschte. Ein Brief, in dem sie Henriette nach ihrem Weggang nach Berlin beschwor, nicht mehr zu schreiben, und auch nicht mehr den Vater um Geld zu bitten, weist sie als eine zutiefst konventionell denkende Frau aus; es wäre ihr im Traum nicht eingefallen, ihrem Mann zu widersprechen oder sich gar eine eigene Meinung herauszunehmen. Mathilde, von Henny in einem erhaltenen Briefentwurf einmal als »Mamutschchen« bezeichnet, glich das cholerische und oftmals despotische Wesen ihres Mannes mit Wärme und Fürsorglichkeit aus. Vielleicht las man abends in der Wohnstube gemeinsam Klassiker und Frau Mathilde Wuttke fand sich, wie viele deutsche Frauen über Generationen hinweg, in dem in Schillers »Lied von der Glocke« proklamierten Frauenideal wieder: »Und drinnen waltet / Die züchtige Hausfrau, / die Mutter der Kinder, / Und herrschet weise / im häuslichen Kreise.«

Man kann sich gut einfühlen in die Stimmung dieser Zeit und liegt mit dem Klischee der deutschen Familie, die sich zur Lesung von Goethe und Schiller zusammensetzte, wahrscheinlich nicht allzu falsch. Oberhaupt der Familie war unangefochten Vater Wuttke, der nach der Heimkehr von seinem Stammtisch in gehobener Stimmung, wie alle Altphilologen, gerne einmal augenzwinkernd Sallust zitiert haben mochte. Obwohl derart Anekdotisches Vermutung bleibt, ist klar, dass Henriettes Interesse an Literatur und dem geschriebenen Wort mit Sicherheit in dieser Zeit geweckt wurde. Jahre später in Berlin verdingte sie sich in ihrer finanziellen Not unter anderem auch als Vorleserin und verglich in einem ironischen Gedicht die Helden der Klassiker, die sie in ihrer Jugend kennengelernt hatte, mit den realen männlichen Zeitgenossen. Wir dürfen hier schon verraten, dass die Klassiker besser dabei wegkamen!

Für Henny Waldes Biografie ungleich wichtiger war jedoch die – ebenfalls nicht außergewöhnliche – Tatsache, dass sie wie alle Töchter ihrer Schicht Klavier- und Geigenunterricht erhalten hatte und damit für ihre Karriere als Soubrette unerlässliche Grundsteine gelegt wurden.

Henny und ihre Schwestern erlebten ihre Kindheit nach heutigen Verhältnissen in relativem Wohlstand. Selbstverständlich erhielten Dienstboten damals weitaus weniger Lohn und waren aus einem »ordentlichen« bürgerlichen Haushalt nicht wegzudenken. Wuttkes ökonomische Verhältnisse allerdings ließen kein »Personal« zu. Sie hatten eine Zugehfrau, die von der Küche bis zur Wäsche für alle Verrichtungen zuständig war, und an deren »dicke graue Erbsensuppe mit Speck« sich Henny in ihren Berliner Jahren so manches Mal wehmütig erinnerte.

Darüber hinaus gab es zumindest bis Anfang des Ersten Weltkriegs das Dienstmädchen »Berta« für das Allergröbste, das jedoch – vielleicht nach einer Tändelei mit einem Soldaten der in Neuruppin stationierten Infanteriegarnison? – unehrenhaft entlassen und nach Hause geschickt wurde. »Ich denke an Berta«, schrieb Henny in ihr Berliner Tagebuch, als sie selbst vermutete, schwanger zu sein. »Aber, ach, ich kann mich selber nicht nach Hause schicken. Ich habe ja kein Zuhause mehr.«

Auch wenn Mathilde ihre Tochter vielleicht aufgenommen hätte, Wilhelm Wuttke hätte es niemals zugelassen. Als Pädagoge war mit Sicherheit sein Hauptziel, dass seine Töchter zeitgemäß »tadelloses Benehmen« zeigten. Ein uneheliches Kind hätte in dieses Erziehungsideal nicht gepasst. Der »Berta-Vorfall« beschäftigte offenbar die kleine Henny damals sehr, und die harsche Reaktion ihres Vaters behielt sie nachdrücklich in Erinnerung. Jahre später sollte der Vater Henny selbst nach Berlin schicken, »um das Schlimmste zu verhindern«.

Doch wir greifen vor. Denn um 1912 war Henriette Wuttke noch eine, wahrscheinlich bezopfte, Schülerin mit Matrosenkragen. Das vielgeliebte »Nesthäkchen« und weitgehend unauffällig. 1914 brach der Erste Weltkrieg in die heile Neuruppiner Welt ein. Wilhelm Wuttke, ehemals Wachtmeister bei den Kürassieren und Veteran des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 / 71 war einer der ersten Begeisterten, die sich bei der Mobilmachung gemeldet hatten. Eine Information, die wir einem Tagebuchfragment entnehmen, in dem sich Henny Walden an ein Bild erinnerte, das im heimischen Wohnzimmer hing und den Vater in Uniform, mit Säbel und Helm mit goldenem Adler zeigte.

Der Krieg veränderte das ruhige Leben in Neuruppin erst langsam, dann im Verlaufe des Krieges immer drastischer. Henriette knüpfte sowohl nostalgische als auch bittere Erinnerungen daran:

»Weißt Du noch die niedliche Brosche, die Du im Krieg trugst, zwei gekreuzte schwarzweißrote Flaggen in Emaille? Meine Zöpfe waren ebenso mit Schleifen in deutschen Farben gebunden. Noch immer suche ich nach einem Stoff von diesem ganz besonderen Rot. Ein Heil-dir-im-Siegerkranz-Rot – daraus ein Abendkleid, wie himmlisch!!! Doch dieses Rot finde ich in ganz Berlin nicht. Gestern Abend habe ich den Kindern unser Strickstrumpfverschen vorgetragen, woraufhin mich Fr. Kressin auszankte. So ein Ärger nur wegen eines alten Gedichtes.« (Aus einem unvollendeten Brief von Henny Walden an Wilhelmine, Tagebuch 1919)

Das erwähnte Strickstrumpfverschen stammte aus »Treuhilde. Den deutschen Mädchen in Stadt und Land dargeboten von Margarethe Telschow«, einer mehrbändigen Erbauungslektüre für Mädchen, die sich in bürgerlichen Haushalten großer Beliebtheit erfreute. Man kann davon ausgehen, dass auch die Schwestern Wuttke der Parole »Strickt feldgraue Strümpfe für unsere Feldgrauen« folgten und sich dabei das Strickstrumpfverschen – »Diese Strümpfe strickt ich dir, / lieber deutscher Krieger. / Wünsche webte ich hinein / für den tapfern Sieger« – im Kopf hatten.

Weiteren Aufschluss über das Alltagsleben dieser Zeit gibt ein erhaltener Brief von Mathilde Wuttke an Henriette:

»Es ist fast nicht zu glauben, wie gut es uns hier wieder geht. Vater hat oftmals noch mit Schmerzen im Bein zu kämpfen, doch ein guter Braten bessert seine Laune stets erheblich. Isst Du in Berlin auch immer gut? Denke daran, dass der Mensch essen muss, um zu arbeiten. Du hast immer das Essen vernachlässigt, Dich nicht beklagt als im Krieg das Brot wie aus Stroh schmeckte und das Beefsteak aus der Tüte kam. Das war zu Zeiten gar Dein Leibgericht.« (Brief vom 3. April 1921)

Auch die Berliner Ausdruckstänzerin Valeska Gert beschrieb diesen wohl für die Kriegszeit typischen Fleischersatz in ihren Lebenserinnerungen: »In der Tüte befand sich ein gelbliches Pulver, das man mit Wasser anrührte, zu Bouletten formte und briet. Sie schmeckten nicht einmal schlecht.«

Kapitel 3

Nicht nur der Krieg, sondern auch Wilhelm Wuttkes persönliches Schicksal warf bald einen Schatten auf die Familie. Denn der Vater wurde 1916 verwundet und kehrte als geschlagener Held zurück. Man kann davon ausgehen, dass dieses Ereignis und die mit dem Krieg verbundenen Erlebnisse des Vaters kein Thema im familiären Kreis waren. Doch noch Mitte der zwanziger Jahre, als die elterliche Unzufriedenheit mit dem Lebensstil der Tochter in Berlin in einem Abbruch des Kontakts eskalierte, mahnte Mathilde Wuttke brieflich: »Deine Briefe führen den Vater in einen Zustand der Niedergeschlagenheit, wie damals als er der Verletzung wegen aus dem Feld zurückkehren musste.« Diese »Niedergeschlagenheit« musste eine nachdrückliche Signalwirkung auf ihre Kinder gehabt haben, sonst hätte die Mutter sie nicht herangezogen, um Henny die Größe und Tiefe des väterlichen Kummers und Entsetzens über die Tochter vor Augen zu führen. Von dem Vater findet sich – natürlich? – kein einziger Brief in Henny Waldens Nachlass, obwohl sie in ihren Tagebuchfragmenten einmal »Brief von Papa« vermerkt. Sie wird ihn vernichtet haben. Weinend und enttäuscht oder wütend und rebellisch.

Während nach dem Zweiten Weltkrieg und bis heute die Folgegenerationen leidenschaftlich versuchen, das Schweigen der Väter zu brechen, gelang dies nach dem Ersten Weltkrieg kaum. Der zurückgekehrte Vater schottete sich mit seinen Erinnerungen und Bildern im Kopf ab. Durch die Verletzung wurde seiner Kriegsemphase eine aktive Beteiligung versagt, was er als Schmach empfand. Die Niederlage Deutschlands mag er sich als persönliches Versagen angerechnet haben. Henny Waldens Vaterbild erhielt durch den Krieg erste Sprünge: wohl nicht zum erstenmal empfand sie, wie enttäuscht der Vater war, keinen Sohn zu haben, der nun statt seiner ins Feld ziehen konnte. In dem bereits oben erwähnten, 1915 datierten Gedicht der jungen Henriette setzte sie sich mit der Haltung ihres Vaters auseinander und schaffte damit ein frühes Zeugnis feministischen Gedankenguts:

Wenn ich ein Knabe wär',
Vater, liebtest Du mich mehr?
Ach, dann könnte ich marschieren
bei den Kürassieren
Wär' ich zackig, wäre ich feige?
Hätt' ich Sehnsucht nach der Geige?
Gleich! Tränkt' die Erd' mein Blut so rot –

Vaters Stolz! Doch ich wär' tot.

Man muss bezweifeln, dass Henriettes Eltern von der lyrischen Begabung ihrer jüngsten Tochter angetan waren. Die verwöhnte Jüngste war mit Sicherheit geltungsbedürftig und gewöhnt, mit elterlicher Zustimmung und Ermunterung bedacht zu werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit zeigte sie das Gedicht ihren Eltern. Bürgerliche Familien förderten damals die musischen Seiten ihrer Sprösslinge mit Stolz. Die Kinder durften schon früh Theater spielen, bei Hauskonzerten mitwirken – und die Angewohnheit, im Familienkreis ein Gedicht vorzutragen, ist mitunter noch heute – zumindest um die Weihnachtszeit – eine Horrorvorstellung vieler deutscher Kinder. Doch bei diesem Gedicht handelte sich nicht um »Von draußen vom Walde komm ich her« und auch nicht um »Die Bürgschaft« oder andere Erbauungstexte – dieses Gedicht ist Ausdruck eines zutiefst berührten jungen Mädchens in der Pubertät, das mit seiner Geschlechterrolle ebenso zu kämpfen hat, wie um die schwer zu erringende Liebe des Vaters. Wie wichtig dieses erste Gedicht ihr selbst war, dokumentiert allein die Tatsache, dass sie dieses frühe Zeugnis ihres Schaffens all die Jahre aufbewahrte. Die damals entstandenen Risse im Verhältnis zu ihrem Vater vertieften sich im Laufe ihres Lebens zu tieferen Gräben – zementiert vor allem durch die starre Haltung des Vaters, der sich einer erneuten Annäherung und versöhnlichen Kommunikation verschloss.