Foto: Holylake-Studio-Berlin

Steh, Heuchler auf!

Wünsch ich schon deinen Tod,

So will ich doch nicht sein Vollstrecker sein.

W.Shakespeare: Richard III, Erster Akt, zweite Szene

Manfred G. Valtu

P.A.N.I.K.

oder

Die Abrechnung

Roman

Vorwort

Wer den ersten Band meiner Trilogie „L.O.G.I.K. oder Das Verlorene Recht“ nicht kennt, wird an der einen oder anderen Stelle auf Bezugnahmen treffen, die sich erst im weiteren Verlauf der Handlung erklären.

Daher sei zumindest die Definition von L.O.G.I.K. mit auf den Leseweg gegeben: Es handelt sich um die

Liga für OpferGerechtigkeit, Information und Korrektur.

Strafrichter haben sich in dieser Organisation zusammengeschlossen, um in einer Art Femegerichtsverfahren nach ihrer Auffassung ungerechte Urteile, insbesondere Freisprüche ordentlicher Strafgerichte zu korrigieren.

Hier noch einmal der Klappentext des 1. Bandes:

Martin Voss, erfolgreicher Berliner Rechtsanwalt, gerät in einen Strudel gefährlicher Ereignisse: Auf seine Ehefrau wird ein Anschlag verübt, den sie knapp überlebt. Als er selbst verdächtigt wird, die Tat in Auftrag gegeben zu haben, flieht er nach Schweden.

Gejagt von Polizei und Auftragsmördern versucht er, den wahren Täter zu finden. Dabei wird er mit einem dunklen Teil aus seiner Vergangenheit konfrontiert.

Und hinter all dem steckt eine geheimnisvolle Organisation…

Wird es ihm gelingen, das Geheimnis zu entschlüsseln?

Handlung und Personen des 2. Bandes sind genauso fiktiv und frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit existierenden Personen sind unbeabsichtigt und wären rein zufällig.

Orte und Gebäude, wie zum Beispiel die Heiligenseer Baggerberge, das dort befindliche Schullandheim, das ehemalige Innenministerium sowie der davor liegende Spielplatz am Moabiter Spreebogen und auch der bei der schwedischen Stadt Umeå befindliche Nydalasjön (sjön = See) existieren wirklich.

Wer allerdings versucht, die in dem See liegende Insel zu finden, wird scheitern: Die hat meine dichterische Fantasie dort hinein versetzt.

Es gibt sehr viele Seen in Schweden, die eine oder mehrere Inseln haben. Åsa wohnt aber in meinem Roman nun einmal am Südende des Nydalasjön, so dass ich hier „schummeln“ musste.

Das ist aber, so meine ich, in einem Roman erlaubt.

Eine nicht erfundene – tragische – Pointe muss ich noch erwähnen: Gerade als ich den Roman fertig gestellt hatte, erreichte mich eine Pressenachricht vom 16. August des Jahres aus Schweden: Am Nydalasjön brannte eine Hütte ab. Personen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden.

Hier der entsprechende Zeitungsausschnitt:

Bisweilen holt die Wirklichkeit die Fantasie ein.

Der Autor

Handelnde Personen

Martin Voss

Rechtsanwalt (RA) in Berlin

Jessica Voss

Seine Ehefrau

Dr. Maaß-Regnier

Ihr behandelnder Arzt

Rosemarie (Rosy) Jordan

Berliner Verfassungsschutz, Ref. IIC, Freundin von Jessica

Dr. Wenzel

Ihr Chef

Alfons Meier

Kriminaloberrat beim Bundeskriminalamt (BKA) Abt. St, genannt „Uhrwerk Orange“

Georg Nielsen

Leiter der Abt. SO (schwere und organisierte Kriminalität, auch mit Auslandsbezug) beim BKA

„Herr Mustermann“

Sein Vize

Singer

Agent für Spezialaufgaben in der Abt. SO des BKA

Anna

Agentin für Spezialaufgaben beim BKA

Dr. Bartels

Persönlicher Referent des Innenministers

VRiLG Dr. Weber

Vorsitzender Richter am Landgericht Berlin und dessen Vizepräsident

VRiBGH Huber

Vorsitzender Richter des 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofes

OStA Müller

Oberstaatsanwalt, Abteilungsleiter (AL)/Gruppenleiter (GL) der KAP-Abteilung der Staatsanwaltschaft Berlin

StA Peter

Staatsanwalt in dessen Abteilung

KHK Wildenbruch

Kriminalhauptkommissar und Leiter der 3. Mordkommission (MK) des Landeskriminalamtes (LKA) Berlin

KK'inzA Boese

Kommissarsanwärterin 3. MK

Professor Wiese

Leiter der Rechtsmedizin

Erika Wendt

Witwe des verstorbenen ehemaligen StA Rüdiger Wendt

RA Schultz

Rechtsanwalt in Berlin

Agnes Winter

Rechtsanwältin in Berlin

Falk Schröder

Undercover-Ermittler beim BKA

Peters und Schmidt

Sein Team, genannt „Pat und Patachon“

Rainer Reusch

Freund von Schröder und Voss

Åsa Krusenstiern

Schwester der getöteten RA’in Lisa Krusenstiern

„Emil“ Larsson

Ehemals schwedischer Nachrichtendienst, jetzt Einsiedler auf einer Insel im Nydalasjön (Umeå, Schweden)

Haraldsson

Polizeichef im Bezirk Yttertävle/Umeå/Schweden

Gustaf

Betreiber des ICA-Ladens am Tomteboparken/Umeå

Frederik

Sein Sohn

Lasse

Bauer in Yttertävle

u.a.

Prolog

Der Kies knirschte unter ihren Schritten. Sie folgte dem gewundenen, von Büschen und Bäumen gesäumten Weg. Leise raschelten die Blätter.

Vor den Mond, der silbrig am Himmel stand, zog eine Wolke. Als der Mond wieder hervor trat, erblickte sie am Ende des Weges das Haus. Es war ein lang gezogenes Gebäude, das trotz der erleuchteten Fenster düster und drohend wirkte.

Undeutlich und schemenhaft gewahrte sie eine männliche Gestalt, die auf sie zukam. Sie wollte umkehren, aber etwas zwang sie vorwärts. Der Mann kam näher, sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Er streckte beide Arme nach ihr aus. Irgendwie gelang es ihr, an ihm vorbei zu schweben. Sie flog links an dem Haus vorbei und dann nach rechts. So gelangte sie auf die Rückseite.

Nun lief sie ohne sich umzusehen weiter und sprang in den See, der sich vor ihr auftat. Sie machte keine Schwimmbewegung, sondern sank.

Sie sank und sank, immer tiefer ging es hinab. Doch je tiefer sie kam, desto heller wurde es. Wunderschöne Farbenspiele tanzten, überirdisch schöne Sphärenklänge ertönten, rosa und blau gestreifte, fast durchsichtige Wesen, nicht von dieser Welt, umschwammen sie. Ein nie gekanntes Glücksgefühl durchströmte sie.

Doch in diesen herrlichen Anblick trat plötzlich der Mann vom Kiesweg. Er kam erneut mit ausgestreckten Armen auf sie zu und erklärte ihr energisch, dass sie in seinem Reich nichts zu suchen hätte. Sie schrie ihn an, er solle verschwinden, aber er packte sie bei beiden Schultern und schüttelte sie, schüttelte und schüttelte…

„Frau Voss, hallo, wachen Sie auf! Was ist denn, haben Sie schlecht geträumt?“

Krankenpflegerin Sybille blickte mitleidig auf Jessica Voss, die zögernd die Augen aufschlug. Sie ging zum Fenster und betätigte den Schalter, der die Jalousie hoch- und die schweren Vorhänge aufzog.

„Was haben Sie geträumt, erinnern Sie sich? Sie haben laut geschrien, war es so schlimm?“

Jessica Voss brauchte einen Moment, ehe sie sich wieder zurechtfand.

„Nein, eigentlich war es nicht schlimm, teilweise sogar ein schöner Traum. Aber bevor Sie mich geweckt haben, da war es schrecklich.“

„Wollen Sie mit dem Doktor darüber reden? Soll ich Sie anmelden?

„Nein danke, er kennt den Traum schon – mit Variationen. Wie spät ist es? Gibt es schon Frühstück?“

„Sie können in zwanzig Minuten zum Frühstück kommen. Und dann sollten Sie den Tag draußen genießen. Für Anfang April haben wir heute ein Bombenwetter, die Sonne scheint und es sollen über fünfzehn Grad werden.“

Jessica Voss schwang sich aus dem Bett, trat zum Fenster und blickte auf den Garten und den dahinter liegenden Wannsee. Am Ufer sah sie einen Mann stehen. Als er sich umwandte und in ihre Richtung blickte, fing sie an zu zittern. „Nein, nein, nein!“, rief sie laut, bevor sie ohnmächtig zu Boden sank.

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ERSTER
TEIL

§§

Kapitel 1

Spezialagent Singer zögerte. Der Hund tat ihm leid. Aber was sollte er mit ihm anfangen, nachdem er seine Besitzerin im Schusswechsel hatte töten müssen. Ihr Hund verharrte neben ihr und leckte winselnd ihre rechte Wange.

Noch außer Atem infolge der Jagd durch den Forst rief er in der Direktion an und gab die Koordinaten durch, damit das Abräumkommando die Leiche würde verschwinden lassen.

„Was ist mit dem Hund?“ fragte Singer.

Der Chef vom Dienst überlegte kurz, dann ordnete er an, dass Singer den Hund betäuben und in einem nächst gelegenen Tierheim abgeben solle.

„Sehr durchdacht“, sinnierte Singer. „Es ist mitten in der Nacht, darf ich vielleicht noch mit ihm Gassi gehen?“

Jedoch legte Singer gefolgsam eine Betäubungskartusche in seine Glock ein, lud durch und schoß sie dem Hund seitlich in dessen Hinterteil. Der Hund jaulte auf, kam auf die Beine, torkelte kurz und fiel dann auf die Seite.

Singer lief zu seinem PickUp, holte eine Decke, lief zurück, legte sie neben dem Hund aus, rollte ihn rüber und zog ihn dann hinter sich her.

„Das ist ein Sch…Urlaub diesmal“, dachte er. „Zingst kann ich dann wohl vergessen, lohnt sich für die restlichen zwei Tage nicht mehr.“

Er verfrachtete den Hund, nachdem er ihn in die Decke gewickelt hatte, auf die Rückbank und bog sodann nach einem kurzen Stück Autobahn auf die Landstraße Richtung Waren ab.

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Kapitel 2

Martin Voss saß an seinem Schreibtisch. Der Regen trommelte unablässig gegen das Bürofenster. Er hatte bereits eine Aspirin genommen, aber die Kopfschmerzen wollten nicht aufhören. Durch das Fenster fiel sein Blick auf unbelaubte Bäume, die ihre kahlen Äste anklagend gegen den trüben Himmel streckten.

Martin hasste solche trüben Oktobertage.

Er rieb sich die Augen, rückte den Lichtkegel der Schreibtischlampe zurecht und beugte sich über die Akte.

Erika, die Witwe seines ehemaligen Widersachers Rüdiger Wendt, hatte ihn aufgesucht und zunächst gebeten, schließlich aber beauftragt, noch einmal die Umstände des Todes ihres Ehemannes zu überprüfen.

„Ich glaube nach wie vor nicht, dass er sich umgebracht hat“, waren ihre Worte gewesen.

Martin hatte sie überrascht angeschaut. Zuletzt hatte er sie am Tag der Beisetzung gesehen. Sie hatte ihren Sohn an der Hand gehalten und es hatte eher so gewirkt, als stütze dieser seine Mutter. Damals hatte sie verhärmt und blass ausgesehen.

Bei ihrem Besuch ein paar Wochen später in seiner Praxis war davon nichts mehr zu sehen. Ihm hatte eine attraktive, elegant gekleidete Frau gegenüber gesessen, die mit ihren schulterlangen braunen Haaren und dem reizvollen Lächeln bei Martin unerwartete Begehrlichkeiten geweckt hatte.

Er hatte sich nur zu gut erinnert, dass er bei den häufigen früheren Begegnungen durchaus ihre Schönheit und ihren Charme bemerkt hatte. Als Ehefrau seines damaligen Konkurrenten um den Eintritt in die Chefetage der Anwaltssozietät war sie aber „negativ besetzt“ und dementsprechend schon ein Flirt völlig ausgeschlossen gewesen.

Aber jetzt?

„Nein!“, hatte er sich zur Ordnung gerufen und gedacht: „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Was ist das nur mit dir, musst du denn jeder schönen Frau hinterher laufen?“

Gesagt hatte er, dass das doch eher Sache eines Privatdetektivs wäre, wenn sie schon der Polizei nicht traue.

Erika hatte aber darauf bestanden, ihm würde sie vertrauen.

„Wir hatten gerade Pläne für eine Australienreise gemacht. Er hat noch am Vortag stundenlang am Computer Angebote für die Flüge, für die Reiseroute, die Unterkünfte und alles Sonstige verglichen. Er hat verschiedene Offerten ausgedruckt, diese geordnet und in eine Hülle gepackt. Ich frage dich: Macht ein Mann das, wenn er vorhat sich umzubringen? Ich habe das alles auch der Polizei und dem Staatsanwalt gesagt, die haben sich das kommentarlos angehört und offensichtlich hat es sie überhaupt nicht interessiert.“

„Möglicherweise war es ja ein spontaner Entschluss. Immerhin war er – wie auch immer – in den Anschlag auf Jessica und wahrscheinlich auch auf Magnusson verstrickt. Es ist ihm vielleicht die Aussichtslosigkeit einer Flucht nach Australien bewusst geworden.“

Wütend hatte Erika ihn angesehen und gezischt: „Die Australienreise war seit Langem, aber erst für das nächste Jahr geplant. Du weißt doch selbst, wie frühzeitig man beim Dienstherrn den Urlaub beantragen muss. Der Zeitraum war gerade bewilligt worden!“

„Mein Gott, ist sie schön, wenn sie wütend ist. Dieses Funkeln ihrer Augen, sagenhaft“, hatte Martin gedacht. Laut hatte er gesagt: „War vielleicht schon Teil seines Plans. Bitte verstehe mich nicht falsch, liebe Erika. Ich bemühe mich wirklich, so objektiv wie möglich zu sein, was mir angesichts des Anschlags auf Jessica schwer fällt. Aber nichts, wirklich g a r nichts, kein auch nur geringster Anhaltspunkt liegt vor, der gegen einen Selbstmord spricht.“

„Schau doch bitte wenigstens mal in die Akte. Ich habe – ich weiß auch nicht wieso – das sichere Gefühl, da ist irgend etwas, was übersehen worden ist. Unser Anwalt – du kennst ihn ja von früher – ist ein reiner Zivilist. Er hat sich die Akte mehrfach durchgelesen und nichts entdeckt. Ich durfte ja nur Auszüge sehen. Du bist Strafrechtler, du kennst dich aus.“

Er hatte sich breitschlagen lassen, sie zur Tür begleitet und ihr den langen Flur hinterher geschaut.

„Dieser wiegende Gang, da werde ich ganz schwach“, hatte er noch gedacht.

Zurück im Büro hatte er sich bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und um Akteneinsicht gebeten.

Nun lag die Akte „Todesfall Wendt“ vor ihm. Endlich überwand er sich, sie aufzuschlagen.

Martin las die Berichte bis einschließlich des Schlussberichts. Er fand nichts, was in irgendeiner Form Anlass zu Zweifeln gegeben hätte, dass Wendt Selbstmord begangen hatte.

Drei Mal las er den Abschiedsbrief. Es war eindeutig Wendt’s Stil.

Schließlich nahm er widerstrebend die Bildermappe zur Hand.

Der noch hängende Leichnam war von allen Seiten fotografiert worden und bot einen gespenstischen Anblick.

Martin nahm seine Handlupe zur Hand und betrachtete das Gesicht und die Hände, die ohne jegliche Spur von Gewaltanwendung waren. Die Hose war normal zugeknöpft, der Gürtel normal geschlossen, das Hemd hing an einer Stelle etwas heraus, die Schuhe waren sorgfältig zugebunden. Alles erschien, abgesehen vom Ereignis, ganz normal.

Auch bei der Leichenschau, bei der jeder Quadratmillimeter untersucht worden war, war keinerlei Fremdeinwirkung festgestellt worden.

Der Fundort mit dem umgekippten Hocker hatte ebenfalls nicht den geringsten Hinweis auf Fremdeinflussnahme aufgewiesen.

Martin lehnte sich zurück, schloss die Augen und versuchte, das heftige Pochen in den Schläfen zu ignorieren.

Er ließ die Bilder vor seinem geistigen Auge vorüberziehen.

Plötzlich durchzuckte es ihn siedend heiß.

Er griff zum Hörer und rief Erika an. Sie bestätigte ihm, dass Wendt Rechtshänder gewesen war.

„Kannst du mir Fotos von ihm schicken, auf denen er von Kopf bis Fuss abgebildet ist?“ fragte er.

Sie sagte es zu.

„Wenn mein Verdacht zutreffen sollte“, dachte er, „dann hat da wohl jemand nachgeholfen.“

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Kapitel 3

Die Nässe machte Falk nichts aus. Aber jetzt kroch die Kälte langsam hoch. Er spürte, wie die Zehen gefühllos wurden. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würden sich die Muskeln verhärten und die Sehnen krampfen.

Keine guten Voraussetzungen für den Nahkampf.

Er robbte die kleine Anhöhe hinauf, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dabei wusste er, dass bei dem dichten Regen und der Dunkelheit keine Chance bestand, seine Verfolger zu visualisieren. Auch eine akustische Identifikation war wegen des Rauschens, das der Regen zusammen mit den Blättern der Bäume verursachte, ausgeschlossen.

Er verfluchte die Tatsache, dass er seine Jagdausrüstung, in der sich unter Anderem eine Nachtsichtbrille befand, nicht mitgenommen hatte. So war Falk allein auf den in der Ausbildung bei den Fallschirmjägern entwickelten Instinkt, der die Gefahr ohne die Aktivierung der üblichen Sinne spüren ließ, angewiesen.

Das Dumme war nur: seine beiden Kontrahenten hatten diese Ausbildung auch durchlaufen, und zwar in weitaus jüngerer Zeit als er.

Der dritte Agent war nicht vorsichtig genug gewesen. Ihn hatte Falk ausschalten können. Mit zertrümmerten Knien und durchschossenen Händen konnte der kein Unheil mehr anrichten. Aber die beiden anderen Agenten hatte er nicht orten können, sie waren wie ein Spuk verschwunden. Er spürte jedoch, dass sie noch da waren, da sein mussten, um ihren Auftrag zu erledigen.

Erfahrung stand gegen Frische, Rost gegen Grünspan.

Falk rollte sich in eine mannslange Kuhle. Da er ohnehin komplett durchnässt war, machte ihm die Pfütze, in der er nun lag, nichts mehr aus. „Nasser als nass kannste nicht werden“, dachte er.

Er drehte sich halb auf die Seite und nahm die Glock aus der Innentasche seines Jagdparka. Er löste das Magazin und ergänzte die verschossenen vier Patronen, setzte es wieder ein, prüfte ihre Funktion und steckte die Waffe entsichert und durchgeladen wieder zurück. Ein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass es bereits 22.17 Uhr war.

„In so einer Kuhle habe ich als Kind auch schon gelegen“. Er erinnerte sich an die Versteckspiele mit Rainer und Martin. Hier in den Heiligenseer Baumbergen, im Volksmund auch Sandberge oder Baggerberge genannt, hatten sie zu dritt erst Cowboy und Indianer, später in Anlehnung an die Bond-Filme Schurken und Agenten gespielt.

In einem der letzten „Kinderspiele“ mit Rainer und Martin war er auch der Verfolgte gewesen. Sie hatten sich in der Dunkelheit getroffen und durch Streichholzziehen die Rollen verteilt.

Auch damals hatte sein Versteck aus einem Schützenloch bestanden.

Es hatte sich jedoch herausgestellt, dass dies keine erfolgreiche Kampfposition war. Zwar hatte er – offenbar auch damals schon mit einem „7. Sinn“ ausgestattet – gespürt, dass Rainer sich von hinten anschlich, während Martin ihn durch gut sichtbares Auf- und Abgehen im vorderen Sichtbereich abzulenken versuchte. Als er sich zu Rainer umgedreht und diesen „kampfunfähig geschossen“ hatte, hatte Martin bereits über ihm gestanden und hätte ihn sofort „erschießen“ können. Damit hatte er verloren.

All diese Gedanken und Erinnerungen schossen durch Falks Kopf, als er nun in dem Rest eines vor etwa dreißig Jahren von einem französischen Infanteristen gebuddelten Schützengrabens lag.

Damals hatten in den Sanddünen noch keine Bäume gestanden. Jetzt aber lag das Schützenloch am Fuß einer mächtigen Eiche.

Falks größte Schwäche in der Ausbildung hatte im schnellen und geschickten Erklimmen von Bäumen sowie im „Freeclimbing“ (ohne dass es diesen Begriff damals schon gegeben hätte) gelegen. Genau das war aber jetzt die einzige Option, um seinen Verfolgern zu entgehen oder sie notfalls kampfunfähig zu machen.

Also stand er vorsichtig auf und schüttelte seine fast steif gewordenen Arme und Beine, bis sie wieder ein wenig durchblutet waren.

Sodann setzte er vorsichtig einen Fuß auf eine an der Oberfläche zum Stamm führende Wurzel und belastete ihn, um zu testen, ob die Riffelung der Schuhsohle genügend Halt an der nassen Holzoberfläche geben würde.

Es schien zu gehen.

Er erreichte einen sicheren Stand und griff mit den Fingerspitzen in die Zwischenräume, die die Baumrindenstruktur ließ.

Stück für Stück – er glaubte, dass es nur Millimeter voranging – zog und drückte er sich hoch, jeden Ausrutscher mit leisem Fluchen kommentierend. Die Finger fühlten sich zunehmend taub an, sein Nacken schmerzte und im rechten Bein setzte ein Krampf ein.

Irgendwann stieß er mit dem Kopf gegen einen Zweig. Er drückte stärker dagegen und merkte, dass der kaum nachgab. Es musste also ein etwas stärkerer Ast sein. Er wagte es, den Klammergriff am Stamm mit der rechten Hand zu lösen, ergriff blitzschnell den Zweig, der sich tatsächlich als etwa vier Zentimeter dicker Ast herausstellte, und zog und drückte sich hoch. Mit dem sukzessiven Umklammern mehrerer weiterer Äste hievte er sich in eine halb sitzende, halb liegende Position.

Schwer atmend verharrte er so mehrere Minuten.

Als sich Puls und Atmung beruhigt hatten, schätzte er die Distanz zum Boden ab. Trotz der Dunkelheit war die in dem Schützenloch befindliche restliche Pfütze als noch dunklerer Fleck, wenn auch mühsam, zu erkennen.

„Dürften so etwa sieben Meter sein“, dachte er.

Und da er über mindestens drei trotz der Herbstzeit noch dicht belaubten Ästen thronte, würde er nicht leicht zu sehen sein.

Natürlich würden sie, wenn sie in den Bereich kommen sollten, mit ihren Nachtsichtbrillen die Fuß- und Kletterspuren entdecken. Er konnte nur hoffen, dass sie unvorsichtig genug wären, so lange unter dem Baum zu verharren, dass er sie außer Gefecht setzen könnte.

Er versuchte, sich in eine Position zu bringen, in der er längere Zeit ohne krampfende oder einschlafende Körperteile verbleiben könnte.

Tatsächlich gelang es ihm, so nahe an den Stamm zu robben, dass er sich, auf zwei Ästen sitzend, an ihn lehnen konnte.

Er atmete noch einmal tief durch, nahm die Glock aus der Tasche und legte sie sich in den Schoß.

Nun hieß es: Warten.

§

Zur selben Zeit saß Rainer Reusch in seiner in der Kolonie Waldessaum gelegenen baugenehmigungslosen Hütte vor einem Glas Whisky. „Wo bleibt der Kerl nur?“, murmelte er vor sich hin. „Um neun wollte er hier sein, jetzt ist es bald elf.“

Rainer nahm das Glas, trank es in einem Zug leer und rollte sodann in seinem Rollstuhl Richtung Küchenzeile. Er stellte das Glas in die Spüle und klatschte in die Hände, woraufhin das Deckenlicht erlosch. „Er war schon immer unpünktlich“, sagte er sich. „Aber heute gibt es Handys, da kann man ja mal anrufen“.

Falk hatte nicht gesagt, weshalb er ihn aufsuchen wollte und woher er seine Telefonnummer hatte. Die war nirgends öffentlich registriert – hatte er zumindest gedacht. Nun, das würde seine erste Frage an Falk sein – wenn er denn noch käme.

Wie lange hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt? Der war, nachdem ihm im Einsatz bei den Fallschirmjägern die Geschichte mit dem Unfall passiert war, bald danach abgerissen.

Falk hatte gehetzt geklungen, ängstlich geradezu. Trotz der langen vergangenen Zeit hatte er das sofort gespürt.

Rainer Reusch rollte zurück in den nun im Dunkeln liegenden Wohnbereich. Ins Bett gehen konnte er später noch. Er hatte schon oft die Nacht im Rollstuhl verbracht. Schlafen konnte er sowieso schlecht, da spielte es nur eine untergeordnete Rolle, ob er im Sitzen oder im Liegen wach war, zumal sich die Lehne seines Rollstuhls bis zu fünfundvierzig Grad neigen ließ.

So machte er es sich so bequem wie möglich, legte sich eine Decke über die Beine und schloss die Augen.

Der Schreck durchfuhr Rainer Reusch wie ein Stromstoß. Sein Herz schlug rasend schnell, der Atem ging keuchend. Was war los?

Er brauchte einen Moment, bis er realisierte, dass er doch eingenickt war. Durch das Rauschen des Regens und das Prasseln, das der Regen an den Fensterscheiben verursachte, hörte er ein anderes, fremdes Geräusch. Es war nicht sein Tinnitus. Es kam aus der Richtung des kleinen Windfangs.

Er bohrte kurz mit den kleinen Fingern in den Ohren, rieb sich die Augen und vertrieb so den Nebel, der Folge des Schlafes war.

Vorsichtig und so leise wie möglich legte er die Decke beiseite, nahm den Stock in die rechte Hand, den er gewöhnlich benutzte, wenn er sich aus dem Rollstuhl hievte, legte ihn sich griffbereit quer über die Seitenlehnen und rollte langsam und geräuschlos auf die zum Windfang führende Tür zu.

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Baggerberge ca. 1966 (Ausschnitt)

Foto: A.M.Willma

Baggerberge heute (Ausschnitt)

Foto: Holylake-Studio-Berlin

Kapitel 4

„Es ist großartig“, dachte Rosy. „Ich bin Teil des Ganzen, ich bin Teil der Erneuerung, ich erlebe die Neuerschaffung durch Veränderung! Zusammen verändern wir die Welt, wir machen sie besser… nein! Wir machen sie gut!“

Rosy wohnte gutbürgerlich in einer Friedenauer Altbauwohnung. Sie war unabhängig, hatte aber viele Freundinnen und Freunde, mit denen sie oft am Rüdesheimer Platz herrliche laue Sommerabende bei Wein und guten Gesprächen verbrachte.

Gerade gestern Abend war so ein lauer Juni-Abend gewesen.

Tagsüber erfüllte sie mit mehr als hundert Prozent ihren Job beim Berliner Verfassungsschutz und hatte sich dabei so unentbehrlich gemacht, dass selbst kürzeste Krankheitsphasen zu Hilferufen ihrer Dienststelle geführt hatten.

„Das ist jetzt bald vorbei“, dachte Rosy. „Ich habe meine wahre Bestimmung gefunden.“

Er, Professor Martens hatte ihr die Augen geöffnet. Sein im vergangenen Monat gehaltener Vortrag an der Urania über die Macht der Gedanken, wenn sie gebündelt von Vielen in dieselbe Richtung gelenkt werden, hatte in ihr Saiten zum Klingen gebracht, deren Existenz ihr bisher völlig unbekannt geblieben waren.

Die Thematik war ihr nicht unbekannt. Bei ihren beruflichen Recherchen hatte sie hin und wieder Vorfälle analysieren müssen, die angebliche Manipulationen durch Telepathie oder gar Telekinese darstellen sollten.

Sie erinnerte sich gut an den Fall des jungen Mädchens, das nach Angaben der Eltern plötzlich nachts gegen zwei Uhr aufgewacht war. Es hatte einen geistesabwesenden Eindruck gemacht und mehrfach leise, aber bestimmt gesagt „du fällst die Treppe hinunter und stirbst!“ Wie sich herausgestellt hatte, hatte das Mädchen seinen älteren Bruder, der vor Kurzem ausgezogen war, gemeint. Es hatte sich von ihm verlassen gefühlt und ihn dafür gehasst.

Rosy lief erneut ein Schauer über den Rücken, als sie daran dachte. Tatsächlich war der Bruder in einer Bar, von der Toilette kommend, die Treppe zu dem Schankraum hinunter gestürzt, hatte sich das Genick gebrochen und war auf der Stelle gestorben.

Das war exakt um zwei Uhr nachts geschehen.

Die Kripo hatte sehr schnell ermittelt, dass es in der Bar zuvor einen heftigen Streit zwischen dem Geschädigten und einem anderen Barbesucher gegeben hatte. Dieser hatte danach am Treppenabsatz gelauert und dem Geschädigten einen Stoß versetzt, der ursächlich für den Treppensturz war.

Trotz der klaren Sachlage hatte Rosys Vorgesetzter ihr aufgegeben, den Aspekt der Beeinflussung von Personen und/oder Geschehnissen durch gezielte Gedanken zu untersuchen. Damals hatte sie dies als Beschäftigungstherapie empfunden, zumal sie mit der Beobachtung und Analyse von islamistischen Gefährdern mehr als ausgelastet gewesen war.

Interessant hatte sie einzig gefunden, dass die Kollegen der amerikanischen Dienste schon lange Experimente in dieser Richtung unternommen hatten und offenbar ernsthaft davon ausgingen, dass solche durch Gedanken hervorzurufenden Geschehnisse gezielt veranlasst werden könnten.

Rosy hatte einen Bericht darüber verfasst, dessen Text letztlich kürzer wurde als der Anhang mit den Quellennachweisen. „Soll sich der Chef doch selber mit der Literatur rumschlagen, es ist nicht mein Job, das abzuschreiben“, hatte sie gedacht und die ganze Sache mehr oder weniger vergessen.

Nun aber war sie überzeugt, dass Gedankenströme, in die richtige Richtung gelenkt und durch Gedankenidentität einer Vielzahl von Personen verstärkt, Materie und Handlungen beeinflussen, ja Handlungen sogar veranlassen könnten.

„Ich muss das mit Jessica besprechen“, dachte sie. „Sie weiß über die transzendentalen Dinge viel besser bescheid als ich.“

Sie nahm den Hörer des noch altmodisch verkabelten Telefons und wählte die Festnetznummer von Jessica Voss. Bevor das Freizeichen ertönte, vernahm sie ein leises Knacken, dem sie aber keine Beachtung schenkte.

„Ja?“, vernahm sie die Stimme von Martin.

„Hallo Martin, hier ist Rosy. Ist denn dein liebes Weib zu Hause?“

Sie hörte ein leises Stöhnen, dann ein tiefes Atmen.

„Entschuldige Rosy, du weißt es ja noch gar nicht. Jessica ist im Krankenhaus, auf sie ist ein Anschlag verübt worden.“

„Ein Anschlag? Wie, wann, wieso denn, was ist denn passiert?“

„Sei mir nicht böse, Rosy, ich kann jetzt wirklich…, ich hab’ im Augenblick wirklich keine Zeit. Du kannst sie besuchen, sie liegt auf der Intensivstation im Humboldt. Tschüss.“

Rosy vernahm das Geräusch, das beim „Auflegen“ entsteht, schaute ungläubig auf den Hörer und legte ihn dann langsam auf.

§

„Mein Name ist Rosemarie Jordan, ich möchte zu Jessica Voss.“

Die hinter dem Info-Tresen des Krankenhauses stehende Mitarbeiterin blickte Rosy mißbilligend an.

„Wer sind Sie, sind Sie verwandt?“

„Ich bin ihre beste Freundin“, antwortete Rosy. „Und ihr Mann, Martin Voss, hat mich ausdrücklich gebeten, meine Freundin zu besuchen.“

„Tut mir leid, aber ich kann nur Verwandte zu ihr lassen.“ Damit wandte die „Empfangsdame“ sich ab.

Rosy zückte ihren Dienstausweis, hielt ihn der Mitarbeiterin des Krankenhauses buchstäblich unter die Nase und sagte mit Schärfe in der Stimme: „Im Übrigen ermittle ich in der Sache, da wir davon ausgehen, dass es sich um einen terroristischen Akt gehandelt haben könnte. Rufen Sie mir freundlicherweise den behandelnden Arzt und beschreiben Sie mir den Weg zu ihm und zum Krankenzimmer! Und zwar ein bisschen hoppi, hoppi!“

Die „Zicke“ (wie Rosy sie insgeheim titulierte) wurde erst blass, dann rot, sah sich aber dennoch den Ausweis genau an und griff sodann zum Hörer.

„Dass man in Deutschland immer erst die Obrigkeit herauskehren muss, wenn man etwas will, nervt tierisch“, dachte Rosy.

„Der Herr Doktor kommt gleich und nimmt Sie mit, nehmen Sie doch bitte solange Platz“, sagte die Empfangsdame mit aufgesetzter Höflichkeit.

Rosy verzichtete auf ein Wort des Dankes und setzte sich. Sie war gespannt, was sie erfahren würde. Hoffentlich ging es ihrer Freundin bald besser.

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