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Karoline Toso

Esmeraldas Blick

Roman

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.

 

Copyright © 2019 bei Edition Aglaia, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH, Planegg

1. Auflage 2019

 

Lektorat: Sylvia Kling

Korrektorat: Andreas März

Satz/Layout: Martina Stolzmann

E-Book: Mirjam Hecht

Covergestaltung/Einband: Nele Schütz Design

Covermotiv unter Verwendung von: © Shutterstock/Faestock/Yuliya Blonska

 

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Made in Germany

ISBN 978-3-95669-136-2

www.bookspot.de

Widmung

Für Alan Rickman

Inhalt

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Personen

Anhang

Über die Autorin

Kapitel 1

Reise nach Paris

Nach all den Jahren lag eine Erstausgabe auf seinem Schoß. Liebevoll öffnete er das Buch, roch an den Seiten, befühlte es, dachte daran, wie viele Menschen es seit 1831 wohl schon in den Händen gehalten und gelesen hatten. Kaum wagte er zu beginnen. Dann aber tauchte Albert Alden in den Trubel des Narrenfestes am sechsten Jänner 1482 ein. Das Französisch des neunzehnten Jahrhunderts las sich zwar sperrig, aber er war zu gespannt, um sich davon abhalten zu lassen. Fast hörte er den Lärm der aufgeheizten Menge, die in den Justizpalast strömte, um dem Mysterienspiel beizuwohnen und die Gesandten aus Flandern zu bestaunen. Albert befand sich selbst inmitten des ausgelassenen Treibens vor den Türmen der Notre-Dame.

Der zehnjährige Claude Frollo stand gehorsam hinter seiner Mutter und der Magd, die den Einkauf trug. Selten durfte er das bunte Treiben des Marktes miterleben, doch diesmal galt es, auch für ihn einiges einzukaufen: Stoffe für neue Kleidung, ein zweites Paar Schuhe, Papier, Federn und Tinte. In wenigen Tagen begann für ihn ein neues Leben als Aspirant bei den Benediktinern in Paris. Das Neue zog ihn an, aber der Gedanke, für immer von zu Hause weg zu müssen, ängstigte ihn auch. Im Augenblick aber faszinierte ihn die Vielfalt am Markt. Eine Gruppe Zigeuner zeigte allerlei erstaunliche Kunststücke und spielte Musik, die Claude noch nie zuvor so nah gehört hatte. Am liebsten wäre er zum Takt herumgesprungen.

Dann sah er sie. Zwischen Kisten musterten ihn zwei kecke schwarze Augen, Kinderaugen. Er konnte nicht anders als zu dem Gewürzstand zu gehen, hinter dem sich das Kind verbarg. Sein süßes Gebäck, das er in der Hand hielt, vergaß er fast, obwohl er selten solche Geschenke von der Mutter bekam. Auch sie sah dem neuen Lebensabschnitt ihres Ältesten mit gemischten Gefühlen entgegen. Dass er ein gebildeter Priester werden sollte, erfüllte sie zwar mit Stolz, doch er wurde ihrer Obhut entzogen. Es stand ein großer Abschied bevor. Das stimmte sie mild, sie erlaubte ihm, ein wenig zwischen den Ständen herumzuschlendern, kaufte Nüsse und getrocknete Früchte für die Reise nach Paris.

Als Claude bei den Kisten ganz im Bann dieser Augen stand, die nur so sprühten vor Lebenslust, lachte das Kind laut auf, sauste hervor, entriss ihm das Gebäck und rannte damit davon. Er wusste nicht, wie ihm geschah, starrte dem Mädchen hinterher. Die kleine Zigeunerin lachte noch immer in ihrem bunten Gewand, mit den offenen, langen, dunklen Haaren und mit Schellen an ihrem Fußgelenk, das jeden ihrer Schritte zu Musik werden ließ. Ihr roter Rock reichte nur bis knapp unters Knie, an den Füßen trug sie Stoffsandalen. Sie war kleiner als er und schöner als ein Engel, jedenfalls empfand Claude es so. Am schönsten fand er ihre fröhliche Lebendigkeit. Nie hätte er gewagt, zwischen den Ständen so wild herumzulaufen. Für diesen kurzen Moment des Staunens opferte er gern das seltene Geschenk des Süßgebäcks. Doch das kecke Kind verschwand nicht mit seiner Beute. Hinter den Ständen blieb es stehen und wartete auf den Verfolger, der wie angewurzelt mit weit aufgerissenen Augen dastand. Das Mädchen winkte ihn zu sich heran. Claude konnte sein Glück kaum fassen.

Nach der Mutter blickte er sich nicht einmal um, denn bestimmt würde sie ihm verbieten, so weit von ihr wegzugehen und noch dazu Kontakt zu dem Mädchen aufzunehmen. Seit jeher galt für alle Christenmenschen, dass Zigeuner und Gaukler zum zwielichtigen Gesindel gehörten, dem nicht zu trauen war. Sie kannten keinen Gott und keine Kirche, das war verdammenswürdig. Doch man musste sie dulden, solange sie keiner bösen Tat überführt wurden, deren sie gewiss täglich mehrere verübten. Claude hatte bisher nur selten Gaukler erleben dürfen, doch er fand es schade, dass die Fröhlichkeit und das Gefühl der Freiheit, die sie verbreiteten, Teil des Bösen sein sollten. Das sogenannte Gute, wie er es kannte, war für ihn als Kind doch recht langweilig. Es bestand aus Gehorsam, Fleiß, Gebet und Bescheidenheit.

Mit zaghaft langsamen Schritten erreichte er endlich die kleine Zigeunerin. Rasch zog sie ihn an eine Hausecke, damit sie vor den Blicken der meisten Leute am Markt verborgen blieben. Dort biss sie herzhaft in das Süßgebäck und hielt es ihm hin. Als er nicht reagierte, presste sie es ihm laut lachend auf die Lippen. Verwirrt biss er ab, dann lief sie noch weiter vom Markt weg.

»Komm!«, rief sie und bog in die nächste Gasse. Er zauderte, da kehrte sie zurück und zog ihn wieder an der Hand mit sich. Seine Lederschuhe klapperten, ihre Schellensandalen klangen hell. Vor einem Tor blieb sie stehen, setzte sich auf die Schwelle und brach das Süßgebäck in zwei gleich große Teile. Eines davon reichte sie ihm. Als er danach griff, entzog sie es wieder, kicherte, wiederholte das Spiel, bis er sie am Handgelenk fasste und das Gebäck an sich riss.

»Ja! Gewonnen!«, rief er vergnügt und setzte sich zu ihr. Doch er aß nicht. Lieber starrte er in ihre schwarzen fröhlichen Augen. Sie kaute an ihrem Teil des Gebäcks.

»Wie heißt du denn?«, fragte er. Sie kicherte schelmisch.

»Und wie heißt du?«

»Ich heiße Claude Frollo de Molendino und werde Priester bei den Benediktinern.«

»Wie willst du das jetzt schon wissen?«

»In ein paar Tagen holt mich ein Pater nach Paris ins Kloster.«

»Macht es Spaß, ein Priester in Paris zu werden?«

»Ich glaube eher nicht.«

»Das glaube ich auch nicht. Mir wäre es zu langweilig. Die tanzen und lachen nicht und singen nur heilige Lieder. Warum willst du denn so einer werden?«

»Das haben meine Eltern bestimmt. Mir wäre es auch lieber, mit dir herumzutanzen.« Er schaute sie vertrauensvoll an.

»Ach ja?!«, rief sie überrascht, legte ihr angebissenes Gebäck auf seinen Schoß und schlug ein paar Räder, die den roten Rock fliegen ließen. Er sah ihre Beine durch die Luft wirbeln. Unter dem Rock trug sie Beinkleider, die bis zum Knie reichten.

Dann setzte sie sich wie selbstverständlich wieder an seine Seite, nahm das Gebäck von seinem Schoß und verzehrte es. Claude sah ihr bei allem wie verzaubert zu.

»Wir werden bestimmt auch in Paris auftreten, dann treffen wir uns dort. Wo wirst du wohnen?«

»Das Kloster ist nahe der Notre-Dame.« Der Gedanke, sie in Paris wiederzusehen, freute ihn mehr als alle Geschenke dieses Tages. Still bewunderte er ihre langen seidigen Haare mit den bunten, lose hineingeflochtenen Bändern. Ein rotes Band zog sie heraus und reichte es ihm. Er drückte es an sein Herz, dann reichte er ihr seinen Teil des Süßgebäcks. Sie lachte, als sie es nahm, gab ihm einen kleinen Kuss auf die Wange und sprang davon.

»Claude! Claude! Bei allen Heiligen, wo ist mein Sohn?!«, hörte er seine Mutter verzweifelt rufen.

Ich weiß nicht mal deinen Namen, dachte er traurig, als er das Band in seine Tasche steckte. Die Mutter war außer sich, dass er sich aus ihrem Blickfeld entfernt hatte.

»Es gibt böse Menschen, die Kinder stehlen. Wo Zigeuner sind, muss man besonders auf der Hut sein!«, mahnte sie. Er hoffte, das Mädchen irgendwo zu entdecken, aber es tummelten sich zu viele Leute auf dem Markt. Seinen Schatz, das rote Haarband, bewahrte er bei sich. Nur er sollte davon wissen.

Dann kam der Abschied. Katherine und Julie wollten den großen Bruder nicht gehen lassen, Mutter wischte sich immer wieder verschämt Tränen aus dem Gesicht, der Vater legte ihm die Hand auf die Schulter und schaute ihn liebevoll an.

»Du bist unser ganzer Stolz, Claude. Aus dir wird ein hochgelehrter Priester, ein Vorbild an Sittsamkeit und Gottesfurcht«, munterte er ihn auf. In seiner Tasche steckten mehr süße Köstlichkeiten für die Reise, als er je bekommen hatte. Da gab es Trockenfrüchte, Nüsse, Zimtgebäck und Karamellbonbons. Auch vier rote Äpfel zur Erfrischung hatte Mutter mit eingepackt. Eine große Kiste mit warmen Stoffen für Kleidung als Novize der Benediktiner, Nachtwäsche und einem zweiten Paar Schuhe stand ebenfalls bereit. Außerdem Tinte und Federn in einem feinen Lederfutteral. Claude dünkte sich reich wie ein Prinz. Und dennoch galt ihm das nicht so viel wie das rote Band, das er an sein Innenhemd gebunden hatte, gut versteckt und hautnah.

Er konnte sich nicht vorstellen, die Eltern, die kleinen Schwestern und das Haus viele Jahre lang nicht mehr wiederzusehen. Mutter hatte ihm das Lesen und Schreiben, vor allem aber sämtliche Gebete der Kirche auf Latein beigebracht. Den Psalter des kirchlichen Stundengebetes konnte er auswendig singen, betete täglich dreimal das Pater Noster, das Ave Verum und natürlich täglich vor dem Frühstück das große Credo. Vor dem Schlafen betete er das Confessio Pecati Mei und als Trost danach das Agnus Dei. Würden seine künftigen Lehrer das anerkennen? Konnte er auf Freundlichkeit hoffen, oder erwartete ihn nur kalte Strenge, wie man es frommen Kirchenlehrern nachsagte? Immer wieder dachte er an das Zigeunermädchen und fragte sich, ob es nicht besser wäre, zu leben wie sie. Doch das stand nicht zur Auswahl. Er war ein Christ, angehender Mönch und Priester, also auf der ganz frommen, langweiligen Seite. Daran ließ sich nun mal nichts ändern.

Die Reise gestaltete sich allerdings überraschend spaßig. Zwei junge und ein alter Mönch sollten jene Kandidaten der Gegend rund um Montereau abholen, die schon seit ihrer Geburt der Kirche geweiht waren. Ihre Kutsche wurde von zwei alten Gäulen gezogen, für die einer der jungen Mönche zuständig war. Dieser wirkte eher wie ein grober Knecht denn ein gelehrter Gottesmann. Mitunter hörte man ihn sogar leise fluchen, wenn das ganze Gespann im Schlamm stecken blieb oder einer der Gäule, stur wie ein Esel, partout nicht weitergehen wollte. Der andere junge Mönch diente dem sehr betagten, der das Sagen hatte, mitunter aber mitten im Satz einschlief und täglich mindestens einen Liter Wein benötigte, um noch zu funktionieren.

Nach und nach kamen drei weitere Jungen hinzu, alle in Claudes Alter. In der Kutsche fuhr nur der alte Ordenspriester, die jungen Mönche und Knaben gingen zu Fuß, waren dabei aber meist flotter als das Gespann. So hatten sie Gelegenheit, sich unterwegs zu unterhalten, immer wieder mal Obst oder Beeren zu sammeln, sogar ein wenig herumzurennen, sich die Mützen vom Kopf zu reißen und einander zuzuwerfen. So fröhlich hatte Claude zu Hause nie gespielt. Mutter hatte keinen Umgang mit anderen Kindern geduldet. Als angehender Priester und Vorbild für die kleinen Geschwister sollte er sich immer korrekt und sittsam betragen.

»Geht es bei euch im Kloster auch so fröhlich zu wie hier unterwegs?«, fragte er den Diener des alten Ordenspriesters.

»Wenn dich keiner dabei erwischt, dann schon.«

Unterwegs gab es drei Gebetszeiten täglich. Nach der Laudes unterwies der alte Priester die Kandidaten in der Ordensregel und im richtigen Verhalten der Benediktiner.

»Ora, labora et lege (in biblia)‹, das ist unser Ordensprinzip. Allerdings gehört dazu das ›in Silencio‹. Sprich nur das Nötigste und das so knapp wie möglich. Der Teufel versteckt sich im Geschwätz, er versteckt sich in der Eitelkeit und in der Völlerei«, betonte er immer wieder.

»Aber ›in vino veritas‹«, ergänzte sein Diener grinsend. Der Alte hörte kaum hin und nickte nur leicht. Verschmitzt zwinkerte der junge Mönch den Kindern zu. Claude freundete sich unterwegs nicht nur mit den anderen Kandidaten an, sondern auch mit den beiden Gäulen. Immer schon mochte er Tiere besonders. Sie schenkten Freundschaft ohne Gegenleistung, verstellten sich nicht, handelten ohne Hintergedanken. Er striegelte die Pferde mit Heu, tätschelte sie, erzählte ihnen von dem hübschen Zigeunermädchen.

Sie übernachteten auf einem Bauernhof. Die Mönche waren überall willkommen, ihr Besuch galt als Segen. So wurden sie auch reichlich bewirtet. Für Claude war die Reise somit ein einziges Fest. Lange nach dem Abendgebet hörte er gedämpftes Kichern, es kam von der Scheune. Trotz der Finsternis schlich sich Claude heran. Der Hofhund, der ihm sofort vertraute, begleitete ihn schwanzwedelnd. In der Scheune lag der Knecht-Mönch mit der Magd auf dem Heu und küsste sie überall stürmisch, auch dort, wo Claude nie gedacht hätte, dass man jemanden küssen wollte. Vor allem erstaunte es ihn, dass ein Mönch so etwas durfte, dass man überhaupt so etwas durfte, wenn man nicht den Ehebund vor der Kirche geschlossen hatte.

Als die Magd dann begann, herzzerreißend zu wimmern, wollte er schon Hilfe holen. Doch gleichzeitig küsste sie den Ungestümen und presste ihn an sich, der ohnehin wippend auf ihr lag. Das alles verwirrte Claude, doch es war auch aufregend. Leise schlich er in die Küche zurück, wo die Knaben vor der Feuerstelle auf dem Boden schliefen. Den Hund durfte er leider nicht mit ins Haus nehmen, das hätte ihn etwas getröstet. Ihm stiegen bei dem Gedanken Tränen auf, dass neben ihm nicht die kleinen Schwestern schliefen und im Nebenraum nicht die Eltern.

Endlich in Paris, glaubten die Landkinder zunächst, in eine Güllegrube geraten zu sein. Es war Anfang Oktober und noch immer sommerlich warm. Über Kot- und Abfallhaufen surrten Schmeißfliegen, allerorten stank es und überall wimmelte es von Menschen. Claude staunte darüber, wie viele unterschiedliche Personen es an einem Ort geben konnte. Da saßen die Verkrüppelten, von Krätze Übersäten an den Straßenrändern und an ihnen vorbei stolzierten Damen, so prächtig wie Königinnen, begleitet von Dienern, die aussahen wie vornehme Herrschaften. An allen Ecken wurden lauthals Waren feilgeboten, ganz Paris glich einem Markt. Die Gebäude und vielen Kirchen aber wirkten prächtig wie aus einem schönen Traum. Man kam aus dem Schauen und Staunen gar nicht mehr heraus. Dann blieb Claude fast das Herz stehen. Mitten auf einem großen Platz tanzte seine Zigeunerin. Kein Himmel konnte schöner sein! Sie sang dazu, setzte gekonnt ihr Schellen-Tambourin ein. Rundherum standen Leute, warfen ihr kleine Münzen zu, andere Zigeuner saßen in ihrer Nähe, spielten die Fiedel und die Schalmei. Es war prächtiger als jeder Gottesdienst. Sofort begann er zu rennen, um zu der Tanzenden zu gelangen, doch bevor er sie erreichen konnte, hatte ihn der Knecht-Mönch eingeholt und hart auf den Boden geworfen.

Claude war so schwer mit dem Kopf auf dem Pflaster gelandet, dass er die Besinnung verlor. Als er wieder zu sich kam, lag er in der Kutsche. Der alte Priester saß neben ihm.

»Welcher Teufel ist denn in dich gefahren, zu den Zigeunern zu laufen?«, fragte er vorwurfsvoll. Claude hatte starke Kopfschmerzen, ihm war übel und vor seinen Augen tanzten Sterne.

»Wisse, alle Zigeuner sind des Teufels. Du bist ein Sohn der Kirche. Danke Gott dafür und erweise dich als würdig!« Mit diesen Worten des Alten waren sie bei der Benediktinerabtei angelangt. Als Claude benommen aus der Kutsche stieg, fiel sein Blick auf die mächtige, erhabene Kathedrale Notre-Dame. Tränen der Ehrfurcht stiegen ihm in die Augen. Zur Ankunft im Kloster erwarteten sie der Novizenmeister und zwei weitere Priester, die an der Ordensschule Latein und Griechisch unterrichteten, außerdem der Schlüssel- und Hausmeistermönch. In knappen Worten wurden sie willkommen geheißen. Das Wichtigste für die folgenden Tage waren absoluter Gehorsam und absolutes Stillschweigen. Die vier Knaben, die sich auf der Reise miteinander vertraut gemacht hatten, sollten in den kommenden Monaten nicht für gemeinsame Dienste eingeteilt werden, damit keine Partikularfreundschaften entstehen konnten, die einem spirituellen Leben abträglich wären. In den Unterrichts- und Gebetszeiten durfte ohnehin nicht gesprochen werden. Alle Novizen hatten stets den Blick zu senken.

Nach dieser Begrüßung wurden sie geschoren und hintereinander in einen Bottich mit kaltem Wasser gesteckt, wo sie sich unter der Aufsicht eines Bären von Mitbruder abzuschrubben hatten. Sie bekamen ordenseigene Kleidung, trugen also ab diesem Zeitpunkt einen Novizenhabit, und mussten die mitgebrachten Sachen abgeben. Claude gelang es gerade noch, das rote Band in seinen Schuh zu stecken. In dieser fremden, strengen Atmosphäre war es ihm ein tröstlicher Schatz.

Die Wochen danach: trübe Mühsal. Man weckte die über dreißig Aspiranten und Novizen jede Nacht um drei Uhr morgens. Es waren Jungen aus ganz Frankreich, vorwiegend aber aus guten Pariser Häusern. Sie schliefen allesamt in einem Saal auf Strohsäcken, die sie wöchentlich neu zu füllen hatten. Der ganze Konvent traf sich in der kalten Kapelle, um die Prim zu beten. Danach gab es wieder zwei Stunden Schlaf. Für die Laudes und Morgenmesse zogen die Mönche in Prozession zur Kathedrale hinüber. Das anschließende Frühstück bestand aus einem Stück Brot und einem Becher Wasser. Es folgten Unterricht und Arbeitsdienste, dann das Mittagsgebet und das Mittagsmahl, das schweigend eingenommen wurde, allerdings mit gleichzeitiger Vorlesung aus der Heiligen Schrift. Der Vortragende aß später, während die Mitbrüder eine stille Andacht in der Kapelle des Klosters hielten. Das war für gewöhnlich ein sitzendes Mittagsschläfchen. Für den Nachmittag gab es wieder Arbeitsdienste, Studien, manchmal auch Bußübungen. Hatte sich jemand eines Vergehens schuldig gemacht, konnte es schon mal vorkommen, dass er sein Mittagsmahl kauernd am Boden einnehmen musste. Grund dafür konnten neugierige Blicke von Novizen sein (Missachtung des gesenkten Blickes), eine gestohlene Frucht aus der Küche oder gar ein Stück Schinken.

Einmal wurde ein junger Mönch für drei Tage in einen kleinen finsteren Raum gesperrt. Darin konnte er nur in gebückter Haltung stehen oder auf dem Steinboden sitzend verweilen. In dieser Zeit wurden ihm nur wenig Trinken und Nahrung durchgereicht, denn er musste mit einem einzigen Güllekübel auskommen. Claude brauchte lange, bis er unter Missachtung mehrerer Verbote herausfand, was dieser Mönch Schlimmes begangen hatte. Der Befragte raunte ihm zu:

»Er hat sich angefasst.« Was das bedeuten sollte, wurde Claude erst viel später klar, als sein Körper ein Eigenleben entwickelte und dem Willen eines keuschen Mönchs nicht immer gehorchen wollte.

Es dauerte einen Augenblick, bis sich Albert Alden in seiner Wirklichkeit zurechtfand. Fast wollte er sich nach dem Ordenspriester umsehen. Wie lächerlich, er war kein Junge von zehn Jahren und vor allem befand er sich nicht im Spätmittelalter. Was für ein Traum! Alles war so real gewesen. Sein Blick fiel auf das kostbare Buch. Behutsam legte er es auf das Tischchen neben sich. Er hatte viel gelesen, begleitete gerade den Dichter des Mysterienspiels, Pierre Gringoire, durch die Straßen von Paris, während sich der Pöbel an der Wahl des Narrenpapstes grölend ergötzte. Dann musste er wohl eingenickt sein. Im Traum ging es um ganz anderes, um Kinder, Zigeuner, Marktstände, um eine Reise zu Fuß mit Mönchen und Ordensanwärtern. Schon begann die Erinnerung daran zu verblassen.

Dass sich Emma, seine Ex, daran erinnerte, wie wichtig ihm dieses Werk schon immer gewesen war, berührte ihn. Ihr jetziger Partner Thomas, ein Antiquitätenhändler, hatte es wohl auf einem Flohmarkt entdeckt. Den Anfang der Faszination machte eine Verfilmung mit Gina Lollobrigida als Esmeralda und Antony Quinn als großartig gespielten Quasimodo. Albert war damals erst zwölf Jahre alt gewesen, dennoch schien ihm die reife, abgeklärte Esmeralda nicht richtig dargestellt. Wie kam er darauf? Victor Hugos Original las er erst mit neunzehn, damals auf Deutsch.

Den Film hatte er sich mit seiner Tante Hilde angesehen, bei der er gern die Wochenenden vor dem Fernseher oder zockend verbrachte. Sie war etwas schräg, nicht jung, aber alt noch weniger. Mit gleichem Enthusiasmus wie er selbst begleitete sie den Helden Link in »The Legend Of Zelda« und diskutierte darüber, welche Verfilmungen sie vom »Glöckner« am besten fand und warum. Sie holte Lexika hervor und tauchte mit ihm in die Welt des Mittelalters ein. Darum vielleicht fühlte er sich mit den Charakteren dieses Werkes so verbunden. Seine Tante fehlte ihm, mit ihr hatte er die Welt der Fantasie beschritten, in der Geschichten und Realität abenteuerlich miteinander verschwammen.

Kapitel 2

Im Kloster

Als gehorsamer Junge, zu dem Claude schon von seinen Eltern erzogen worden war, gewöhnte er sich rasch an die strengen Ordensregeln und erledigte gewissenhaft alle Arbeiten. Das Schweigegebot übertrat er nur selten, wie etwa bei heimlichen Spielen mit Kieselsteinen, die als Wurfgeschoße in einer kleinen Grube landen sollten. Zu hoch schien ihm die Strafe für solch ein Vergnügen. Man musste deswegen meist stundenlang auf dem eisigen Boden der Kathedrale knien. Ihm bereitete die Gartenarbeit besondere Freude, wo es verschiedene kleine Lebewesen in der Erde zu entdecken gab, Raupen und Insekten von filigraner Schönheit, verschiedene Pflanzen, denen Weisheit innewohnte. Was sich der Schöpfer da alles ausgedacht hatte! Staunend jätete Claude das Unkraut, um es in der Sonne zu untersuchen und von den Nutzpflanzen zu unterscheiden.

Manchmal probierte er sogar, einen Sud aus den unterschiedlichsten Kräutern zuzubereiten. Bruder Bernard beobachtete ihn dabei. Selbst schon fast siebzig Jahre alt, konnte er kaum noch im Garten arbeiten, darum wies er die Novizen an, was zu tun sei. Als er Claudes Interesse und Talent bemerkte, nahm er ihn unter seine Fittiche. So lernte der inzwischen Zwölfjährige alle Heil- und Giftkräuter kennen und zuzubereiten. Besonders erstaunte ihn die Tatsache, dass Heilendes in der falschen Dosierung Gift bedeutete und wiederum Gift zum Lebensserum werden konnte, wenn man es fein auf die Bedürfnisse des Kranken abstimmte. Bruder Bernard bewirkte, dass Claude keine Putz- und Küchendienste mehr verrichten musste, weil er in der Kräuter- und Heilkunde ausgebildet wurde. Zudem hatte er diesbezüglich sämtliche antiken Schriften abzuschreiben und teilweise vom Griechischen ins Lateinische zu übersetzen. Manchmal betrachtete er sein Gesicht im Fischteich, der sich am äußeren Rand des riesigen Klosterareals befand. Dort erntete er Brennnesseln, die gemeinsam mit anderen Heilpflanzen am Speicher aufgehängt wurden. Wie ein Fremder blickte ihn sein Antlitz aus dem Wasser an. Die sanften braunen Augen wirkten traurig, die Nase viel zu groß für das schmale Kindergesicht, die Lippen zart geschwungen, fast mädchenhaft.

Sich mit Pflanzen zu beschäftigen und dabei in der Natur lauter kleine Wunder zu entdecken, ließ Claude aufblühen. Sein Wissensdurst und die Begeisterung, selbst Experimente mit Kräutern durchzuführen, überdeckten die große Sehnsucht nach der Familie, aber auch geheimnisvolle fremde Regungen. Manchmal spürte er die Lippen seiner kleinen Zigeunerin beim Erwachen auf seiner Wange und spürte auch, wie es in den Lenden brodelte, wie sich sein Glied als Ritter behaupten wollte, strammstand und kaum mit Willenskraft zu bändigen war. Zur Besänftigung solchen Drängens küsste er abends heimlich das rote Band, während er in Gedanken das Ave Verum betete, welches dem Mädchen Segen bringen sollte, wo immer es auch war. Wenn er einen Mitbruder auf den Markt begleitete, um den Einkauf zu tragen, hielt er immer Ausschau nach Zigeunern. Manchmal ging das Gerücht um, sie hätten gestohlen, geraubt, sogar Säuglinge entführt. Er hoffte inständig, »sein Mädchen« möge nichts mit solchen Machenschaften zu tun haben.

Dass Claude besonders gut mit Tieren umgehen konnte, erkannte man bald nach seiner Ankunft in der Abtei, die ziemlich autark lebte, große Stallungen und nahe Paris auch Wiesen, Felder und ausgedehnte Wälder besaß. Wenn eine Häsin ihre Jungen tötete, Hühner keine Eier legen wollten oder Ziegen aufeinander losgingen, durfte Bruder Claude oft tagelang bei ihnen bleiben und sie beobachten oder ihnen gut zureden. Oft erkannte er die Ursache solcher Disharmonie und konnte helfen. Er versetzte sich in das Tier hinein, verschwand als Mensch, wurde selbst zu diesem Wesen, konnte dessen Bedürfnisse spüren. In dieser Weise verbunden zu sein, ersetzte das Sprechen, das den Mönchen weitgehend untersagt war. Er lernte es, in der Natur und bei den Tieren aufzugehen, verlernte menschliches Begegnen, gewann aber ein feines Gefühl für deren Stimmungen und verborgene Beweggründe. Fast war es wie Gedanken lesen, wenn er winzige Regungen der Mimik seines Novizenmeisters erkannte und richtig deutete, wenn er den Angstschweiß der Neuankömmlinge wahrnahm oder intuitiv spürte, wie Mitbrüder einander mitunter misstrauisch beobachteten. Menschen erlebte er zunehmend als feindlich, außer Bruder Bernard. Bei ihm fühlte er sich geborgen und verstanden.

Im Sommer und Herbst Pilze und Beeren im Wald zu suchen, war für die Novizen der Höhepunkt des Jahres. Man konnte den ganzen Tag dort verbringen, zwar unter Aufsicht des Meisters, aber dieser wollte selbst die Stille in der Natur genießen und überließ die Jungen gern sich selbst. Am Ende des Tages mussten sie ihre Ernte vorweisen. Der Ertrag war aber auch dann groß, wenn sie zwischendurch auf Bäume kletterten oder anderen Unfug trieben. Bruder Bernard konnte nicht mehr in den Wald, darum wies er Claude genau an, welche Beeren und Pilze er sammeln sollte, ließ sich diese auch von ihm aus alten Schriften abzeichnen. Ein neues Gebiet besonderer Alchemie erschloss sich damit dem inzwischen Fünfzehnjährigen. Erstmalig durfte er Arzneien herstellen und sie an kranken Tieren des Ordens anwenden. Durch seine bisherige Erfahrung erkannte er intuitiv, was die Tiere brauchten, meist war es einfach etwas Sonne und Auslauf. Überrascht stellte er fest, dass diese gottgegebene Arznei auch für Menschen wichtig war. Ordensmitglieder, die verschiedene Dienste im Freien innehatten, waren durchweg gesünder als jene, die nur in den düsteren Räumen über Schriften saßen, obwohl alle die gleich karge Kost und gleich wenig Schlaf bekamen.

Claude, als vorbildlichem Jungmönch, gewährte man etwas mehr Freiheiten als seinen Altersgenossen, die in diesen Flegeljahren besonders schwer zu disziplinieren waren. So durfte er mitunter allein auf den Markt gehen, wenn etwas dringend gebraucht wurde. Diese Momente genoss er besonders. Nicht, weil er sich Regelverstöße erlauben wollte, sondern einfach, weil er sich unbeobachtet fühlte. Eines Nachmittags fand eine fröhliche Darbietung von Zigeunern statt: Man sang, tanzte, zeigte waghalsige Kunststücke, jonglierte mit Stöcken und sogar mit Äpfeln. Ein Mädchen seines Alters konnte Claude aber nirgends entdecken. Er hielt sich unerlaubt lange bei der Truppe auf, spähte sogar in einen ihrer überdeckten Karren.

»Na?«, wurde er plötzlich angesprochen. Ein Weib, wohl um zehn Jahre älter als er, näherte sich und blickte ihn ungeniert an. Sein Ordensgewand schien die Zigeunerin nicht zu irritieren, aufmunternd nickte sie in Richtung Karren.

»Ich zeige dir etwas, mein Hübscher«, sagte sie lasziv und zog ihn mit sich hinein. Claude war unfähig, etwas darauf zu erwidern, wie ein Lamm folgte er ihr. Sie war schön, ihre Lippen voll, ihre Figur üppig, was durch geschickte Kleidung besonders betont wurde. Das war es eben, was brave Bürger an Zigeunern so sehr ablehnten; Weiber hatten ihre Formen durch Kleidung zu kaschieren, Zigeunerinnen aber verstanden es, sie damit zu betonen. Nun saß er dicht vor der Freizügigen, die ihre Brüste vor sein Gesicht hielt. Wie gelähmt starrte er auf die runden Formen unter ihrem dünnen Busentuch. Sein Herz raste. Am liebsten wäre er geflohen, doch er konnte sich nicht rühren. Mit einem einzigen Griff zog sie das Busentuch aus ihrem Mieder, und schon quollen die beiden prächtigen Brüste hervor, nur wenige Zentimeter vor Claudes Nase.

»Für einen Ecu darfst du sie berühren, mein frommer Mönch. Und für einen weiteren darfst du das berühren«, sagte sie mit ihrer weichen Stimme, die einladend war wie ihre Brüste. Claude spürte seinen vorwitzigen Ritter zwischen den Beinen, der nach vorn drängte, eigenes Leben zu haben schien. In diesem Moment hob die Frau die Röcke und zeigte ihre entblößte Mitte. Ein betörender Geruch schlug ihm entgegen, lähmte ihn noch mehr. Bei all seinen Kenntnissen in der Alchemie hatte er solch einen Duft noch nie wahrgenommen. Ohne es zu merken, senkte er den Kopf dorthin, wollte schnuppern. Was verbarg sich unter dem dicht behaarten Dreieck zwischen den Beinen dieses Weibes? Der Knecht-Mönch von seiner Reise kam ihm in den Sinn. Er hatte die Magd damals genau dort geküsst.

Unwillkürlich schloss Claude die Augen und atmete tief ein. Die Frau nahm seine Hand, und führte sie in die Tiefen des geheimnisvollen Dreiecks. Sie bewegte seine Finger an einem feuchten Knoten und sah ihn mit glasigen Augen an. Dann nahm sie seine andere Hand und drückte sie auf eine ihrer Brüste. Weich, schön! Claude stöhnte auf, versank in einem Gefühl der Auflösung, der Befreiung, war einfach weg von aller Enge, war gar nicht mehr er selbst. Wunderbar! Wie ein gewaltiger innerer Lichtregen ergoss sich die Lust plötzlich über sein ganzes Sein. Unnennbare Wonne! Nach wenigen Augenblicken spürte er Nässe, die an seinen Oberschenkeln hinabtropfte. Hatte er unbewusst uriniert? Erschrocken riss er die Augen auf. Er wollte fliehen, die Zigeunerin aber hielt ihn fest. »Drei Ecu, weil du so schön gekommen bist, mein junger Freund«, sagte sie lächelnd. Claude verstand kein Wort, nestelte an seinem Geldbeutel herum und gab ihr die gewünschten Münzen. Dann rannte er davon. Die Frau im Karren lachte laut, aber es klang nicht spöttisch, eher fröhlich.

Erst beim Kloster erinnerte er sich an die Besorgung für den Küchenbruder, doch auf den Markt wagte er sich nicht mehr. Unschlüssig blieb er vor dem Tor stehen. Bruder Bartholomäus kam mit einigen Novizen heraus. Sie karrten Stallmist auf die Klosterfelder. Etwas verdutzt bemerkten sie Claude. Da lief er hinein, geradewegs zum Garten, wo er hoffte, Bruder Bernard zu finden. Tatsächlich saß er dort allein auf einer Bank in der Sonne. Er döste. Stotternd und aufs Höchste verwirrt beichtete Claude sein Erlebnis. Der alte Mann hörte ihm lächelnd zu und meinte, dass es gut wäre, wenn er diese Erfahrung in der Freitagsbeichte nicht erwähne.

»War es denn keine Sünde?«, fragte der Junge überrascht.

»Es ist keine Sünde, wenn sich die Körpersäfte hin und wieder entladen. Das ist einfach die Natur. Lass dich aber nicht dabei erwischen, dass du selbst Hand an dich legst, unsere Priester mögen so etwas gar nicht.« Claude war fassungslos.

»Ist es denn nun Sünde oder nicht, wenn mein Glied Lust hervorbringt, wenn mir die Brüste der Zigeunerin gefallen haben – und auch ihre erstaunliche Mitte?«

»Ich glaube nicht, dass diese Dinge Sünde sind. Da du aber bereits deine ersten Gelübde abgelegt hast, solltest du jegliche fleischliche Lust meiden. Dreimal werden diese Gelübde noch wiederholt, denn im fünften Jahr legst du sie für dein ganzes Leben ab. Bis dahin hast du immer die Möglichkeit, dein Versprechen dem Orden gegenüber nicht zu erneuern. Überlege dir also gut, was du für dich willst.

»Das darf ich selbst entscheiden?! Ich könnte den Orden tatsächlich einfach verlassen?« Claude war mehr als überrascht.

»Eigentlich schon, aber was willst du dann tun, wie dein Leben fristen? Was würden deine Eltern dazu sagen, die dich Gott geweiht haben?«

»Also kann ich doch nicht weg?«

»Wohin würdest du denn wollen?«

»Ich weiß nicht. Ich möchte ein bestimmtes Mädchen suchen. Aber vielleicht erinnert es sich gar nicht mehr an mich.« Bruder Bernard war der Einzige, vor dem Claude laut denken konnte. Dass er Entscheidungsfreiheit hatte, wäre ihm bis dahin nie in den Sinn gekommen.

»Gott hat dich mit viel Verstand gesegnet. Nirgends kannst du so viele Studien durchführen wie hier im Kloster, selbst wenn du Geld hättest, sie dir zu leisten. Unsere Bibliothek ist einzigartig in ganz Frankreich.

»Und meine Sünde von heute? Hat mich dieses Weib heute verdorben, meine Seele geschändet?« Der Bruder lachte sein zahnloses Lachen.

»Ach, Junge, die Regungen unseres Körpers sind so wie kochende Brühe. Sie wallen und blubbern und kühlen dann wieder ab. Miss dem nicht so viel Bedeutung bei und halte deinen Kopf für Studien offen. Lass Versuchungen vorbeiziehen wie Gewitterwolken. Mehr als das sind sie nicht.«

Es läutete zur Vesper. Alle Mönche strebten zur Kathedrale. Nervös überlegte Claude, wie er dem Küchenbruder erklären sollte, dass er die gewünschten Gewürze nicht erstanden, dennoch aber drei Ecus weniger im Beutel hatte.

»Sie wurden mir gestohlen, die Gewürze. Ein Bursche lief an mir vorbei und riss mir das Gefäß aus der Hand«, log er nach dem Abendmahl.

»Und warum hast du keine neuen gekauft?«, ärgerte sich der Mitbruder.

»Ich wusste nicht, ob ich noch mal drei Ecus ausgeben durfte.« Ihm war, als müsste er in den Boden versinken. Noch nie hatte er gelogen.

»In Zukunft darf kein Mönch mehr allein auf den Markt! Man kann den Menschen einfach nicht trauen!« Damit war die Sache erledigt. Claude beichtete die Lüge nicht, denn damit hätte er erklären müssen, wofür er das Geld ausgegeben hatte. Nach und nach wurde ihm damit bewusst, wie wenig all die vielen Regeln bedeuteten. Wenn er alte Schriften las oder übersetzte, die aus anderen Kulturen stammten und Gesetze beschrieben, welche inzwischen keine Gültigkeit mehr hatten, fragte er sich, ob es mit den momentanen Gesetzen einmal ebenso beschaffen sein würde.

Bruder Bernard nahm vieles nicht ernst, was die Priester strengstens vorschrieben. Und der Knecht-Mönch hatte sich fröhlich mit der Magd im Heu vergnügt. Er war ein Mitbruder des Benediktinerordens, hielt sich aber trotzdem nur bedingt an die Regeln. Schade eigentlich, dass er ihn aus den Augen verloren hatte. Gern würde er sich mit ihm über seine Sicht der Dinge unterhalten. Andererseits gab es die Regel, sich möglichst wenig auszutauschen, und die Bewegungsfreiheit innerhalb des Ordens war reglementiert. Claude fühlte sich eingesperrt. Die Studien aber gaben ihm eine innere Freiheit, die er nicht mehr missen wollte.

Seit er die Zigeunerin in dem Karren getroffen hatte, fühlte er sich verändert. Mehr als zuvor quälte ihn ein Verlangen, das von seinem Glied gesteuert wurde. Immer wieder stieg ihm erinnernd jener Duft aus der Frauenmitte in die Nase, er spürte ihre weichen Brüste unter seiner Hand. Manchmal glaubte er, das Verlangen nach Erleichterung, wie er sie damals so unerwartet erleben durfte, nicht mehr bezähmen zu können. Doch er blieb standhaft, fasste sich nicht an, führte keine sündhafte Entladung seiner Säfte herbei. Dann träumte er von dem lieben Mädchen, von ihrem Wangenkuss. Für ihn hatte es ein Rad nach dem anderen geschlagen, ihm das rote Band geschenkt. So unschuldig und schön war diese süße Erinnerung und so belastet und voller Schuld die Begegnung mit der Zigeunerin im Karren. Bestimmt peinigten ihn ihretwegen unkeusche Gedanken, durch sie wurde sein reines Herz verdorben. Claude glaubte zu verstehen, warum alle Zigeuner böse waren. Sie verzauberten die Menschen, schwärzten ihre weißen Seelen. Alle waren böse, bis auf seine Freundin. Was aber, wenn sie mittlerweile auch ein verführerisches Weib geworden war? Wenn er von ihr träumte, erwachte er morgens oft mit klebrig nassen Flecken auf seiner Kutte. Waren denn alle Zigeunerinnen Hexen? Hatten sie Macht über Männer? Hassten biedere Frauen sie deswegen so sehr? Und auch die Priester wurden nicht müde, über sie zu wettern und vor ihnen zu warnen. Was war Wahrheit, was Täuschung und was Aberglaube? Seine Studien und auch Bruder Bernard zeigten Claude ein klares und sündenloses Bild vom Leben und der Natur. Die Bibel aber und vor allem ihre Auslegung durch Priester deckten an allen Ecken und Enden Machenschaften des Teufels auf.

Unruhig wälzte sich Albert auf dem Kissen, glitt von fernen Welten in seine Wirklichkeit, die fremder schien als der Traum. Schon wieder war er irgendwie Claude Frollo gewesen, oder er hatte ihn zumindest träumend erlebt, eine fiktive Figur in Hugos Roman. Am liebsten hätte er noch im Aufwachen gerufen: »Glaub den Priestern kein Wort! Vertrau deinem gesunden Menschenverstand, vertrau deinen Gefühlen!« Warum war ihm dieser Mönch so nahe? Das beschäftigte ihn derart, dass er nach dem Leben Victor Hugos googelte. Vielleicht ergab sich daraus ein Hinweis.

Als »Notre-Dame de Paris« 1831 in Paris erschien, war der Literat neunundzwanzig, verheiratet und Vater von vier Kindern. Mehr als die Literatur beschäftigte ihn Gerechtigkeit in der Politik, wofür er sich einsetzte. Das thematisierte er auch in seinen Werken.

Im »Glöckner« etwa zeichnete er ein klares Bild von den Machenschaften der Kleriker und Könige an der Schwelle zur Renaissance. Auch wenn die Handlung im Spätmittelalter spielt, verstanden die Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts gut, was Hugo andeutete. Im Volk brodelte die Stimmung gegen die Bourbonenherrschaft und allgemein gegen die aristokratische Unterdrückung. Ein Jahr vor Vollendung seines großen historischen Romans brach die Julirevolution aus, also 1830. In »Les Trois Glorieuses« wurden die Bourbonen vertrieben und ein Bürgerkönigtum unter Luis Philippe von Orléons ausgerufen. Die Tricolore ist dafür ein Symbol. Hugos politisches Engagement und seine Werke wurden von den Machthabern argwöhnisch beobachtet.

Kurz nach diesen umwälzenden Ereignissen kam das vierte Kind von Adèle und Victor Hugo zur Welt, Adèle II., wie der Vater das Töchterchen liebevoll nannte. Für seinen Roman »Notre-Dame de Paris« hatte er bereits einen Vorschuss erhalten und war gezwungen, ihn nun so rasch wie möglich zu vollenden. Dabei verfolgte er in diesem Werk außer den politischen Andeutungen das Ziel, die zunehmende Verschandelung der Notre-Dame anzuprangern. Denkmalschutz im heutigen Sinn gab es damals nicht. Die Kathedrale drohte langsam, aber sicher zu verrotten oder von allzu ehrgeizigen Architekten verunstaltet zu werden. Durch den Roman bildete sich später diesbezüglich tatsächlich ein Umdenken. Die Notre-Dame wurde nach und nach renoviert und auch restauriert.

Neben diesen sachlichen Themen, die klare Recherchen erfordern und aufwändig beschrieben werden, blieb für die Handlung selbst nur sehr wenig Zeit. Hugos Verleger drohte, ihm den ausstehenden Restbetrag zu streichen, sollte der Roman nicht zeitgerecht fertig werden, schließlich hatte der Autor bereits ein Jahr Aufschub erhalten. Unter diesem Druck beschrieb er also die Charaktere und Haupthandlung in kürzester Zeit.

Wenn ein solches Meisterwerk unter derartigem Druck zustande kommt, kann man wohl von sogenanntem »inspiriertem Schreiben« sprechen. Laut Albert Aldens Tante Hilde ist aber »inspiriertes Schreiben« eines, das von einem »höheren Wesen« beflügelt, man könnte sagen, diktiert wird. Nach dieser Theorie also gab es vielleicht Ende des fünfzehnten Jahrhunderts einen Mann wie Claude Frollo, vielleicht auch alle anderen wichtigen Figuren. Womöglich wollten sie durch den Klassiker der Welt ihre Geschichte erzählen. Das Psychogramm Frollos, das Hugo zeichnet, ist jedenfalls lange vor Sigmund Freud gut skizziert und analytisch schlüssig. War der Autor so ein Genie, oder war er so sehr »inspiriert«?

Und was war mit Alberts Träumen von einem Zehnjährigen, der auszog, Mönch zu werden? Woher kam diese starke Nähe? Hatte Tante Hilde Recht damit, dass sich ein konkreter Mensch vom sogenannten Jenseits her über Jahrhunderte hinweg zu Wort meldete? Zunächst in Hugos Werk und nun in seinen Träumen? Absurd, er glaubte nicht an solcherlei Humbug. Es musste eine andere Erklärung dafür geben.

Wie so oft verbohrte sich Albert in ein Thema und entfernte sich dadurch von seinem konkreten Umfeld. Es holte ihn ein, was Emma damals so sehr gekränkt und schließlich zur Scheidung gebracht hatte. Sie zu übersehen und mit dem kleinen Leon allein zu lassen, war der größte Fehler seines Lebens. Jetzt, da er sich regelrecht nach dem Kontakt mit seinem Sohn sehnte und jede gemeinsame Minute auskostete, bereute er seine damalige Ignoranz. Doch was nutzten nachträgliche Grübeleien? Im Hier und Jetzt musste er sich und seine Beziehungsfähigkeit beweisen. Leichter gesagt als getan. Albert pendelte zwischen Uni und Wohnung hin und her, unternahm manchmal kleine Wanderungen im Wiener Wald und freute sich auf Leon, der ihn an zwei Wochenenden im Monat besuchte. Dass den Sechzehnjährigen seine Lehrtätigkeit der Romanistik interessierte, dass er gern las und mit ihm über Filme diskutierte, war Alberts hauptsächlicher Lebensinhalt. Gleichzeitig erkannte er dadurch aber, was er zwischen den Besuchszeiten alles versäumte.

Mit achtzehn Jahren war Claude der jüngste Priester im Orden. Seine Sachlichkeit, sein vielfältiges Wissen und untadeliges Leben blieben auch den Machthabern nicht verborgen, die immer Interesse daran hatten, kirchlich wichtige Verbündete zu gewinnen. Seit Bruder Bernards Tod kurz vor der Priesterweihe hatte sich in ihm eine kalte Starre breitgemacht. Es gab niemanden mehr, mit dem er sich wahrhaft austauschen konnte, nicht einmal jemanden, mit dem der fachsimpeln wollte, denn niemand konnte ihm das Wasser reichen, niemand seinen visionären und doch faktisch gut fundierten Gedanken folgen.

Bereits mit zwanzig Jahren wurde er zum Archidiakon von Josas ernannt. Sogar der Vater kam aus Montereau, um der feierlichen Weihe beizuwohnen. Der ganze Konvent formierte sich und schritt in Prozession psalmodierend vom Kloster zur Kathedrale empor. Langsam und bewusst nahm Claude jede der elf Stufen wahr, die zum Portal führten und das Gotteshaus somit über den Alltag erhob. Bei jeder Stufe sprach er innerlich einen Dank: für seine Eltern, für Bruder Bernard, für seine Schwestern, den Orden, die Studien, seinen Glauben, für seine Gesundheit, die Musik, die Tiere, die Natur und für die kleine Zigeunerin, die sein Herz erfreute, sooft er an sie dachte.

Durch das verantwortungsvolle Amt des Archidiakons war er nicht mehr direkt in den Ordensalltag eingebunden, konnte seine vorgeschriebenen Gebetszeiten auch allein beten, wenn ihn die Geschäfte daran hinderten, sich dafür der Gemeinschaft anzuschließen. Eigentlich liebte er den Choral, die Harmonie des Psalmodierens, aber zeitlich unabhängiger zu sein, war ein großer Vorteil. Interessant fand er in seinem neuen Wirkungsbereich auch, Einfluss auf die Gerichtsbarkeit nehmen zu können. Mit dem Stadtvogt, Seigneur Robert d’Estouteville, verfolgte er Verhandlungen und war einer der zuständigen Priester, die den überführten Hexen oder Ketzern die letzte Beichte abnahmen, nachdem er deswegen mancher »peinlichen Befragung« beigewohnt hatte.

Zwar hegte er ernsthafte Zweifel daran, ob ein unter Folter abgelegtes Geständnis objektiv sei, aber diese Belange betrafen die Gerichtsbarkeit. Er selbst konnte in solchen Fällen nur an die Angeklagten appellieren, sich gleich schuldig zu bekennen, denn sterben mussten sie meist ohnehin, warum also davor leiden? Was nützte es außerdem so mancher, wenn die Gerichtsbarkeit mitunter ihre Unschuld feststellte, nachdem ihr Leib und Geist durch die Qualen zerstört worden waren?

Aber diesen Grübeleien gab sich Claude nicht gern hin. Er verstand weder Missgunst noch Zuneigung. Alles Zwischenmenschliche war ihm fremd geworden. Das Einzige, was er von Menschen wahrnahm, war Unterwürfigkeit aus Furcht oder Arroganz aus Selbstüberschätzung und Eigennutz. Von beidem wollte er sich fernhalten. Das gelang am besten, wenn er gewissenhaft seine Pflichten erfüllte und so wenig wie möglich darüber sinnierte. Inzwischen hatte er seine alchemistischen und anderen wissenschaftlichen Studien erheblich erweitert, da blieb kaum Zeit, sich allzu viele Gedanken über Gerechtigkeit oder Grausamkeit bezüglich der Folter zu machen. Ändern konnte er an den Maßnahmen der vom Papst gesandten Heiligen Inquisition ohnehin nichts. Doch manchmal erblickte er sein Gesicht als Spiegelung an der Vitrine eines Reliquienschreins und erschrak. Die ehemals sanften Augen blickten düster, seine Lippen wirkten verbissen und schmal, die Wangen blass. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte er das Gesicht eines verhärmten Mannes.

Bald schon nannte ihn das Volk hinter vorgehaltener Hand »Hexendämon«. Man fürchtete ihn, glaubte, dass er allein entschied, wer der Hexerei angeklagt und gefoltert wurde. Seine ernste, unnahbare Ausstrahlung allein galt als böses Omen, manche bekreuzigten sich, wenn er mit todernster Miene über den Marktplatz eilte. Es war ihm recht, wenn die Leute einen Bogen um ihn machten, sie waren in seinen Augen tumb und boshaft.