Mannheim. Paris. Heidelberg.

 

 

Mannheim. Freitag, 13. Oktober 2017, 17:11Uhr

 

War es der Groll oder der Frust, der überwog? Das gestohlene Fahrrad, das leere Wochenende ohne Pläne, die Aussicht auf die unweigerlich kommenden dunklen Monate des Jahres? Die Stadtbahn ließ sich Zeit. Katrin hatte zu warten, wie festgesogen ihren Blick auf ein Plakat gerichtet: „Leben im Quadrat. Mannheim2“. Den Slogan kannte sie. Quadrat. Ernsthaft! Warum nicht gleich im Kreis laufen oder im Dreieck springen?

Müde lehnte Katrin sich an das Plexiglas der Haltestelle und starrte auf den Boden.

Dort lag unschuldig ein Rechteck aus kartoniertem Papier. Sieht aus wie ein Pariser Metroticket, dachte Katrin erstaunt. Sie hob es auf. Tatsächlich.

Etwas war darauf gekritzelt.

Vermutlich eine Telefonnummer. Sie begann mit +33.

 

 

Paris. Freitag, 13. Oktober 2017, 21:07 Uhr

 

Colette rutschte auf den Knien durch ihre Küche und scheuerte. Sie war wütend.

Die Alternative zum Putzen wäre ein Mojito gewesen. Unvernünftig.

Außerdem war keine Minze im Haus. Wie war das mit dem Weg als Ziel? Dem Loslassen?

Colette haderte. Mit ihrem siebzigsten Geburtstag in drei Monaten.

Mit der Abwesenheit von jeglicher Vision für etwas, das man Zukunft heißen könnte.

Ihr Handy klingelte melodiös, Colette fluchte und folgte den Akkorden, wo lag das Ding, ah, im Flur, unter der Post. Der zufällige Blick in den Garderobenspiegel und damit auf ihr

ausgeleiertes T-Shirt, entlockte ihr ein amüsiertes Glucksen.

„The older the ginger, the hotter the spice“- „Der alte Ingwer ist der schärfste“. Verheißungsvolle Botschaft. Seitenverkehrt.

1

Der Mannheimer Hauptbahnhof war nur wenige hundert Meter entfernt. Entschlossen betrat Katrin die Eingangshalle, warf einen Blick auf die digitale Abfahrtstafel, löste eine Fahrkarte am Automaten und rannte zu Gleis 5. Der Zug fuhr ein. Minuten später saß Katrin auf einem Einzelplatz im Großraumwagen. Um zwei Minuten vor neun kam der Zug pünktlich in Paris am Bahnhof Gare de l’Est an.

 

Etwas unsicheren Schrittes ging Katrin zum Ausgang. Dann stand sie draußen.

Busse, Autos, eine Brasserie, rechts ein Hotel. Lärm. Großstadt.

Sie nahm ihr Telefon und den Metrofahrschein aus der Handtasche und tippte die Nummer ab. Was wollte sie hier? Was, wenn dieses Handy gar nicht in Paris, sondern im Elsass, dem Jura, der Ardèche, der Bretagne oder in irgendeiner anderen Gegend Frankreichs klingelte?

Allô?”

Katrin zuckte zusammen. Ein Mann, der Stimme nach zu urteilen, nicht mehr ganz jung. Was jetzt? Sie atmete tief und verstrickte sich in Erklärungen, von denen sie wusste, dass sie nicht zu verstehen waren – wenn auch ihr Französisch ihr noch immer flüssig über die Lippen kam und, wie sie fast gegen ihren Willen befriedigt konstatierte, recht unangestrengt klang.

Als sie nichts mehr zu sagen fand, und am anderen Ende nur Schweigen zu vernehmen war, endete sie mit „Excusez-moi, Monsieur!” und legte auf.

Am Abend gab es keinen Zug zurück. Sie würde in einem der nicht sehr einladenden, dafür umso teureren Hotels dem Bahnhof gegenüber übernachten, würde am nächsten Morgen die Stadt verlassen und den misslungenen Versuch eines Abenteuers unter keinen Umständen irgendjemand gegenüber je erwähnen. Verdrängen. Vergessen.

Ihr Handy klingelte. Widerwillig nahm sie den Anruf an.

„Erstens bin ich kein Monsieur, sondern heiße Colette. Zweitens legt man nicht einfach auf, wenn man unschuldigen Menschen am Freitagabend auf die Pelle rückt!”, bellte es aus dem Telefon.

„Ich habe gesagt, dass es mir leidtut.“

„Ich habe keine Ahnung, was das soll. Aber da du eh hier bist, können wir uns auch treffen. So wie du in meinen Abend geplatzt bist, schuldest du mir einen Mojito.”

 

Katrin wusste nicht, ob sie die ruppige Colette mit der tiefen Stimme kennenlernen wollte. Die Alternative, sich in einem öden Hotelzimmer über ihre Dummheit zu grämen, war allerdings nicht besser. Sie nahm das Angebot an.

Colette beschrieb Katrin den Weg zu einem Bistro in der Rue du Faubourg Saint Martin, nicht weit vom Gare de l’Est und nah bei ihrer eigenen Wohnung in einer Nebenstraße am Place de la République.

Als sie beim versprochenen Cocktail im Café saßen, fühlte Katrin nichts mehr von Peinlichkeit, Verlegenheit, gar Scham.

Sie strahlte Colette an.

„Lesbisch bist du nicht?”

Katrin schüttelte den Kopf. Nein.

„Aber ziemlich verrückt?”

Die Frage traf Katrin unvermutet. Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Es ist ja auch völlig normal, in den ersten Zug nach Paris zu steigen, um vor Ort eine Telefonnummer auszuprobieren. Oder erlaubt dir dein Handyvertrag nicht, ins Ausland anzurufen?”

Katrin gluckste.

„Ich habe so etwas noch nie gemacht.”

„Und warum heute?”

„Gute Frage...“

Warum war sie auf Autopilot gegangen, hatte nicht nachgedacht, keinen Zweifel keimen lassen? Und warum ging das erst jetzt, mit fast fünfzig und nicht mit zwanzig?

Warum war sie nie der Globetrotter-Typ gewesen, der mit dem Rucksack um die halbe Welt tourte?

Katrin zuckte mit den Schultern. Es war dazu gekommen.

Einfach so.

Colette schnippte mit den Fingern.

„Komm zurück! Es ist schön, dass du da bist. Ohne dich hätte ich bis in die Nacht alles mit der Scheuerbürste traktiert. Da sitze ich lieber hier und trinke einen Cocktail!”

Von da an wollte das Gespräch nicht abreißen.

Es wechselte von Französisch zu Deutsch. Beide sprachen und verstanden sich mühelos, auch wenn sie inmitten eines Satzes in die andere Sprache wechselten.

Colette ließ einfließen, dass sie Mannheim und Heidelberg kannte. Katrin hatte im Auslandsjahr in Caen die normannische Küste erkundet, woher Colette ursprünglich kam.

 

Als das Café sich leerte, und der Wirt ihnen ein letztes Glas Wein einschenkte – von den Mojitos hatten sie im Laufe des Abends Abstand genommen – wussten sie eine ganze Menge voneinander.

„Wo schläfst du eigentlich?”, fragte Colette, als sie auf der immer noch belebten Straße standen.

„Ich habe ja noch nicht einmal eine Zahnbürste dabei.“

„Komm mit.”

Auf der Matratze, die Colette in ihr kleines Wohnzimmer gelegt hatte, schaute Katrin noch eine Weile in die Dunkelheit. Sie lag in Paris in der Wohnung einer Frau, von deren Existenz sie noch am Morgen nichts gewusst hatte. Dann schlief sie ein.

 

Die Kopfschmerzen am nächsten Morgen waren keine Überraschung. Colette kam in einem grauen Schlafshirt, oversize, und mit etwas strubbeligen Haaren. Sie reichte Katrin einen der beiden Becher, ebenfalls XXL und Kaffeeduft verbreitend.

Colette setzte sich auf die Sofakante.

„Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen.”

„Das tut mir leid.”

„Muss es nicht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich es genieße, dass mal wieder was passiert.”

„Bin ich noch etwas benebelt oder steht auf deinem T-Shirt echt ‚Wie ein Pinguin auf Eis?’ Colette grinste. „Tut es.“

„Und was soll das bedeuten?

„Hast du schon einmal einen Pinguin ausrutschen sehen?“

Katrin trank einen Schluck und schüttelte den Kopf.

„Pinguine verlagern ihr Gewicht nach vorne, wenn sie auf Eis gehen. Sie sind in perfektem Gleichgewicht und nichts haut sie auf den Hosenboden, façon de parler also, wenn ich mal so sagen darf. Und falls es doch einmal passiert, dann rappeln sie sich in Nullkommanichts wieder auf. Mein Ziel ist es, auf der Eisbahn meines Lebens der Pinguin zu sein. Deshalb habe ich mir das Shirt mit diesem Spruch bedrucken lassen. Cool, oder?“

Katrin lächelte.

„Ich gehe Croissants holen.”

 

Es roch wie in ihrer besten Erinnerung nach Baguette und Pain au chocolat. Die Kunden standen Schlange. Waren sie an der Reihe, bestimmten sie, wie ihr Brot zu sein hatte: hell, nicht zu lang gebacken oder mit goldbrauner Kruste, der man ansah, wie kross sie war. Sorgsam wählte die Verkäuferin das entsprechende Baguette und umwand es geschickt mit einem weißen Papier, das vergleichsweise nicht größer war als die Bauchbinde einer Zigarre.

 

Zurück bei Colette in der Küche mit dem Blick über graue Zinkdächer, auf denen Tauben trippelten, und mit Dutzenden an kleinen Schornsteinen, aus denen lange schon kein Rauch mehr in den Himmel zog. Es war perfekt, an diesem Samstagmorgen hier an einem kleinen Holztisch zu sitzen, französische Radionachrichten zu hören, Weißbrot mit Butter und einer selbstgemachten Erdbeermarmelade zu bestreichen. Colette tauchte ihre Tartines in eine große Schale Milchkaffee. Bei jedem Eintunken glitten etwas Marmelade und Butter ab.

Mitunter fiel ein Stückchen Brot in die Tasse. Katrin kannte den Brauch von Besuchen in französischen Familien. Normalerweise reagierte ihr Magen mit Unwohlsein auf den Anblick von Kaffee mit Fettaugen und aufgequollenen Weißbrot-Marmeladen-Inseln. Auch heute war ihr nicht ganz wohl, wenn Colette die nasse Spitze ihres Brotes in den Mund schob.

An diesem Morgen aber war Dankbarkeit stärker als Aversion. Sie sah lediglich diskret nach draußen zu Tauben und dahinziehenden Wolken. Schließlich war es der Gedanke, dass sie am Abend wieder in ihrer eigenen Wohnung sein würde, der dem schwebenden Glück Katrins sichtlich ein Ende setzte.

Colette begriff sofort. „Du kannst gern noch eine Nacht hier bleiben. Ein halbes Wochenende ist frustrierend …”

Colette hatte es sich nicht nehmen lassen, aus dem Stegreif eine Soirée zu organisieren. Katrin mochte den Abend nicht in ihrer freitäglichen Bürokluft verbringen.

Am späten Vormittag schlenderten die beiden Frauen durch die Boutiquen des Marais. Katrin probierte bunte Hosen, Röcke und Pullover, die sie zu Hause nicht zu tragen gewagt hätte. Colette sah ihr zu. Sie fühlte Wohlwollen, ein wenig Neid und … Freude. Die Überraschung aus Deutschland tat gut. Und gut war auch, dass Katrin nicht wusste, dass Colette auf Deutschland eigentlich gar nicht gut zu sprechen war.

 

Die Entscheidungen fielen schwer. Irgendwann hatte Katrin dann aber doch genug gekauft und genug vom Suchen und merkte, dass sie Hunger hatte. Colettes Magen hatte schon seit längerem Alarm geschlagen. Sie hatte das geduldig für sich behalten. Jetzt aber war es höchste Zeit. Im Petit Fer à Cheval reihten sich helle Holztische um einen imposanten Tresen. Colette und Katrin fanden einen letzten freien Platz. Der Geräuschpegel war beeindruckend.

Katrin war begeistert und bestellte eine große Schale Salade Niçoise.

„Dein Deutsch ist echt gut!”, wiederholte Katrin ein Kompliment, das sie Colette bereits am Vorabend gemacht hatte – ohne jedoch eine Reaktion hervorzurufen. Jetzt zerzupfte Colette etwas hektisch ein Stück Baguette. Katrin spräche ja auch gut Französisch, beschied sie knapp.

Auf dem Nachhauseweg schlug Colette einen Abstecher ins Centre Pompidou vor.

„Der Blick von oben ist einmalig.”

 

Die Rolltreppen in Röhren aus Plexiglas trugen sie gemächlich bis in den fünften Stock. Rechts erhob sich Sacré Cœur in unbeflecktem Weiß über das Meer der Häuser, in der Mitte brütete die Kirche Saint-Eustache wie eine hellbraune Henne im Nest, links reckte sich der Eiffelturm in seiner rostfarbenen Industrieschönheit.

„Ich bin glücklich hier zu sein, Colette. Danke!”

 

Die Abendgäste waren für acht Uhr geladen. Alles war bereit, Kerzen, duftende Quiche Lorraine, blank geriebene Gläser und diskreter Jazz, der ins Wohnzimmer tröpfelte. Fehlte das Stimmengewirr plaudernder Menschen. Die aber ließen auf sich warten. Bis um Viertel vor neun behielt Katrin ihre Enttäuschung für sich. „Was ist mit deinen Freunden? Warum kommen sie nicht?” Colette schaute sie verwundert an. Dann lachte sie.

„Wenn du hier um acht zu einer Party eingeladen bist, dann trudelst du nicht vor neun ein. Das wäre unhöflich!”

Ab einundzwanzig Uhr klopfte es tatsächlich an der Tür. Bald war das kleine Wohnzimmer voll, und der diskrete Hintergrundjazz wurde von lautstarken Gesprächen verschluckt.

Kurz vor Mitternacht klopfte einer der Freunde Colettes an sein Glas.

„Bevor Cinderella vermutlich gleich so unvermittelt wieder verschwindet, wie sie erschienen ist, wüsste ich gern, wie ihr euch getroffen habt.”

Katrin und Colette erzählten die Geschichte ihrer Begegnung – Zufall, Eingebung, Sympathie.

„Das muss dich ja mit deiner deutschen Vergangenheit versöhnen”, kommentierte eine Stimme, von der Katrin nicht sah, wem sie gehörte. Es wurde still. Anscheinend wussten die Gäste, dass dieser flapsige Satz Zündstoff enthielt. Colette antwortete nicht. Schließlich aber lächelte sie.

„Vielleicht. Es ist wohl an der Zeit.”

Das Stimmengewirr setzte wieder ein. Was mochte der ominöse Satz bedeuten?

Was hatte es mit Colettes ‚deutscher Vergangenheit’ auf sich? An diesem Abend war jedoch keine Antwort mehr zu erwarten.

2

Auch am Sonntagmorgen weckte Colette Katrin mit einer großen Tasse Kaffee. Der war nötig. Es war spät geworden, bis die letzten Gäste gegangen und das Wohnzimmer soweit aufgeräumt war, dass die Gästematratze Platz fand.

„Wie viel Uhr ist es?”, fragte Katrin noch etwas benommen.

„Fast zwölf. Wir müssen uns beeilen!”

„Wieso?”

„Der Brunch!”

Aha, dachte Katrin. Der Brunch. Wo? Mit wem?

Aber das war eigentlich egal. Sich von den Ereignissen tragen lassen, fühlte sich gut an.

Katrin duschte in Rekordtempo. Was sollte sie anziehen?

Wühlen in den Tüten der Shoppingtour vom Vortag: einen sonnen- gelben Pulli und eine schwarze Hose. Un pantalonpattes d’eph’ hieß das auf Französisch, wie sie gestern von Colette gelernt hatte.

„Mit ‚Elefantenbeinen‘?“, hatte Katrin verwundert nachgehakt.

Warum nicht. Schlaghose war für einen der Modeklassiker der 70er-Jahre nun auch nicht gerade die schmeichelhafteste Bezeichnung ...

 

Als Colette und Katrin die Tür des Cafés aufstießen, hatten sie Mühe, unter den vielen Gästen die Freunde Colettes auszumachen. Schließlich entdeckten sie das kleine Grüppchen, dank Colettes Freundin Gisèle, die eine karierte Serviette über ihrem Kopf kreisen ließ und „Ici!” rief. Die meisten kannte Katrin bereits vom Vorabend. Aber da war ein neues Gesicht. Neben François, dem Freund Colettes seit gemeinsamer Studientage in Nanterre, saß ein Mann, den Katrin auf ihr eigenes Alter schätzte. Sehr attraktiv, dachte Katrin. Viel zu gutaussehend für jemanden wie mich. Mit einem Mal fühlte sie sich in ihrem neuen Outfit ungelenk. Der Pullover war zu eng. Und war zu gelb. Und dazu das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss.

François legte seine Hand auf den Unterarm seines Tischnachbarn und stellte ihn als seinen Mitbewohner Matthieu vor. Von François wusste Katrin bereits, dass er selbst gay war.

 

Am Büffet nahm sie ihren Mut zusammen und Colette diskret beiseite: „Sind Matthieu und François ein Paar?“

„Natürlich”, antwortete Colette und räusperte sich. Katrin schaute sich um. Matthieu stand hinter ihr. Er lächelte sie an.

„Wie lange bleibst du?”, fragte jemand sie später am Tisch.

Katrin antwortete, dass sie am Nachmittag nach Hause fahren würde. Matthieu bot ihr an, sie mit dem Motorroller zum Bahnhof zu bringen.

„Wann fährt dein Zug?”

Katrin zog die Reservierung aus der Tasche ihrer neuen Bomberjacke. Dabei fiel das Metroticket mit der Telefonnummer zu Boden. Gisèle hob es auf und hielt es in Katrins Richtung.

„Hat einer von euch darüber nachgedacht, wie das hier an eine Haltestelle in Mannheim geraten konnte?”, wollte sie wissen. Verblüfft schauten sich alle an.

„Colette?”

Die schüttelte unwillig den Kopf.

„Kann Johannes etwas damit zu tun haben?”, fragte jetzt Gisèle. Katrin fiel auf, dass die beiden Freundinnen die gleiche, tiefe Stimme hatten und zum Verwechseln ähnlich sprachen.

Colette forderte sie auf, ihr eine Zigarette zu geben, überhörte den Einwand, sie rauche doch gar nicht mehr, und ging hinaus.

„Daher die Stimme”, dachte Katrin. Sie erinnerte sich an ein Foto von Jeanne Moreau, das lang an der Pinnwand über ihrem Schreibtisch gehangen hatte. Die Schauspielerin saß im schwarzen Abendkleid auf einem Stuhl in einem fast leeren Raum. Elegant hielt sie eine Zigarette in der rechten Hand. Mittel- und kleiner Finger lagen auf ihren Lippen.

Der abziehende Rauch schwebte. Die auf- und abgehende Colette vor der Brasserie wirkte weitaus weniger ladylike. Sie paffte grimmige kleine Wölkchen, die der Wind sofort davontrug.

Katrins Tischnachbarin wandte sich zu ihr.

„Johannes ist Colettes Ex. Er ist Deutscher. Sie haben seit Jahrzehnten keinen Kontakt. Normalerweise spricht nie jemand über ihn. Es versetzt Colette in den Zustand, in dem du sie jetzt erlebst. Nur damit du Bescheid weißt”.

François fiel ihr ins Wort.

„Das liegt hinter uns. Lass Katrin mit den alten Geschichten in Ruhe. Und Colette ohnehin!”

Colette kam zurück. Sie setzte sich. Freundlich lächelte sie in die Runde.

„Worüber sprachen wir?”

 

Katrin legte ihre Hände um Matthieus Taille. Die Fahrt zum Bahnhof war nur kurz. Katrin hätte ihr Gesicht unter dem aufgeklappten Visier des Helms gern länger in den Fahrtwind gehalten. Trotz Oktoberluft, die ihre Finger kalt und rot werden ließ.

Matthieu begleitete Katrin zum Bahnsteig und brachte sie bis zum Wagen. Katrin stieg ein. Von ihrem Sitzplatz aus winkte sie Matthieu zu. Er lächelte.

 

Als Katrin die Schuhe abstreifte und es sich auf ihrem Platz bequem machte, Matthieu seinen Roller startete, Colette die Gästematratze zusammenrollte, dachten alle drei, dass dieses Wochenende ihnen unerwartet nette Begegnungen geschenkt hatte.

 

Nur von Johannes hätte nicht gesprochen werden sollen, dachte Colette, und quetschte die Schaumstoffrolle etwas heftiger in die Abstellkammer als nötig.

3

Montagmorgen. 7 Uhr-Nachrichten auf SWR1. Paris schien irreal.

Als Katrin sich aber statt ihres beigen Trenchcoats die Bomberjacke aus Paris übergezogen hatte und damit vor den Spiegel trat, sah sie auf ihrem Gesicht Spuren der Emotionen des Wochenendes: Lebensfreude, Herzklopfen und den Wunsch nach mehr.

 

Colette streckte sich ausgiebig.

In sich hineinhorchend, empfand sie große Freude. Gern hätte sie noch ein wenig im Bett gelegen und über das Wochenende nachgedacht. Jetzt war aber keine Zeit dazu. Colette machte an vier Tagen der Woche Aufsicht im Musée d’Orsay. Aus Interesse − und um ihre Rente etwas aufzubessern. Normalerweise war das Museum montags geschlossen. Heute war eine ausländische Delegation aus einem Land, dessen Namen Colette sich nicht gemerkt hatte, zu Besuch.

Der Himmel über Paris leuchtete tiefblau. Kein Tag für die Metro. Colette stieg in den Bus, der sie bis zum Louvre brachte. Sie überquerte die Fußgängerbrücke Pont des Arts. Die hier allgegenwärtige Schönheit der Architektur überwältigte Colette wie eh und je. Links lagen Notre-Dame, die Île de la Cité und der Pont Neuf, vor ihr die Académie Française. Rechts das Musée d'Orsay, das einmal ein Bahnhof gewesen war. Ihm eilte Colette energischen Schrittes entgegen. Fünf vor elf. Sie würde es zwar knapp, gerade aber pünktlich noch zu ihrem heutigen Einsatzort schaffen.

 

Colette spurtete über die Hintertreppe in den Garderobenraum, hängte Jacke und Mütze weg. Dann heftete sie ihr Namensschild an und suchte auf der Liste, wo sie heute sitzen würde.

Gegenüber von Vue de toits (Effets de neige). Colette freute sich. Der Blick über die impressionistisch verschneiten Dächer von Paris auf dem Gemälde von Gustave Caillebotte inspirierte sie.

In den letzten Wochen war Colette häufig bei Camille Claudels Skulptur L’âge mûr, ‚Das reife Alter‘, eingeteilt gewesen.

Nach Stunden der Aufsicht im Kräftefeld der Figurengruppe verließ Colette das Museum meist in gedrückter Stimmung.

Dieser Montag schien es besser mit ihr zu meinen. Vue de toits war ein Gemälde, zu dem sie sich gern Geschichten erzählte, die manchmal ihre eigenen waren, manchmal die von anderen, manchmal auch frei erfundene.

 

Februar 1968. Paris erstarrte in einer Kältewelle. Colette war verliebt und blieb ungerührt von Minusgraden und Grippeepidemie. Sie ignorierte auch die Briefe ihrer Mutter, in denen diese die Tochter bat, nach Hause zu kommen. Aus der ländlichen Perspektive ihres normannischen Dorfs sah Geneviève Leduc, ihre Maman, die Metropole als Brutstätte von Viren und Bakterien. Hinzu kamen typisch mütterliche Bedenken in punkto töchterlicher Lebensführung: In Genevièves Szenarien kurz vor dem Einschlafen zog Colette durch die Straßen der Hauptstadt, von einem Jazzkeller zum anderen, im Schlepptau eine Horde von Verehrern, deren Hormone sie zu abscheulichen Triebtätern machte. Tous des salauds, dachte Geneviève bitter, allesamt Dreckspatzen. Beim Thema Amouren hörte für Colettes Mutter der Spaß auf. Hätte sie gewusst, dass der Liebhaber ihrer Tochter ein Deutscher war, dann hätte sie keinen Brief mehr aufgegeben. Postwendend hätte sie persönlich ihre Tochter heimgeholt.

 

Pünktlich schloss Katrin die Tür zu ihrem Büro auf. Hier war nicht viel davon zu spüren, dass die Universität Mannheim in einem Barockschloss residierte. Der Raum war schlicht, war funktional und unpersönlich. An manchen Tagen überfiel Katrin fast ein Gefühl der Panik, wenn sie daran dachte, dass sie schon während ihres Studiums als wissenschaftliche Hilfskraft hier gearbeitet hatte. Nach ihrem Abschluss wollte sie weg. Sechsundzwanzig Jahre hier, zwei Auslandssemester. Träume von Paris, das sie noch kaum kannte. Aufenthalte von stets nur ein paar Stunden, Metrofahrten von der Gare de l’Est zur Gare Saint-Lazare. Paris faszinierte und schüchterte in gleichem Maße ein, bedeutete Katrin Verheißung und Herausforderung.

Das Angebot der Stelle als Pressesprecherin der Uni Mannheim kam unerwartet und machte den Entschluss zu gehen am Ende dann zunichte.

„Weggehen kannst du später”, rieten alle, die sie fragte. Also war sie geblieben. Vision vertagt auf unbestimmte Zeit.

 

„Schicke Jacke. Neu?”

Lisa hängte ihren marineblauen Blazer akkurat auf einen Kleiderbügel. Neben Katrins lässig herabbaumelnder Jacke nahm er sich aus wie eine Mahnung zu etwas mehr an Ambition.

Der Arbeitsmorgen wurde lang und unerfreulich. In der wöchentlichen Konferenz des Rektoratsteams warf man Katrin vor, sie habe sich für die internationale Tagung zum Thema innovatives Management nicht ausreichend um die Berichterstattung gekümmert.

Der Rektor war gereizt, sein persönlicher Referent noch mehr. Katrin versprach, ihr Bestes zu geben, um in einem zweiten Anlauf das Interesse der regionalen Medien zu wecken.

 

Lustlos ging Katrin am Mittag zur Mensa, wo sie zum Essen verabredet war. Julia Gassner und Katrin hatten zur gleichen Zeit ihre Magisterprüfungen absolviert. Julia hatte in Romanistik promoviert, sich habilitiert und wartete darauf, dass eine ihrer Bewerbungen auf eine Professur erfolgreich sein würde. Als ‚Dr. habil.‘ behandelte sie Katrin mit subtiler Herablassung, was diese nervte. Noch mehr ärgerte sich Katrin darüber, dass sie sich tatsächlich unterlegen fühlte, weil sie nicht Tausende von Stunden über ein pointiertes Thema geforscht hatte. Am meisten aber nahm sie es sich übel, dass sie alle sechs Wochen noch immer das gemeinsame Essen akzeptierte. Eine Professur für Julia an einer weit entfernten Universität war Katrin ein echtes Anliegen.

Am Nachmittag klingelte beständig das Telefon. Eine Anfrage jagte die andere. Zunehmend gestresst antwortete Katrin.

Lisa heftete ihre grauen Augen auf sie. ‚Das könnte ich alles besser und weitaus professioneller managen als du’, stand in ihren Zügen geschrieben. Katrin hätte ihr gern mitten ins Gesicht gesagt, wie unerträglich und impertinent sie Lisa fand.

 

Colette ließ ihren Blick über die schneebedeckten Dächer auf dem Gemälde Caillebottes schweifen.

Begonnen hatte alles 1968.

Colette war zwanzig. Hinter ihr lag die provinzielle Dörflichkeit. Vor ihr die Welt. In den endlosen Diskussionen gab es keine Grenze für das prometheische Empfinden, alles erreichen zu können. Auf dieses Lebensgefühl traf Johannes, Student der Politikwissenschaften und Kunstgeschichte aus Göttingen. Johannes, der seit dem Wintersemester 67 in Paris war, wollte vor allem eins: nicht auffallen. Nicht erkannt werden als Deutscher. Er sprach fließend Französisch. Fehlerfrei und fast ohne Akzent. Seine freundliche Höflichkeit, sein zurückhaltendes Lächeln stachen ab von jener Art lautstarker Kommilitonen, deren Vorbild die unerschrocken coole Figur Jean-Paul Belmondos in Außer Atem, dem ersten Film von Jean-Luc Godard, zu sein schien. Selbstverständliche Verortung in einem Leben, das man – vermeintlich – problemlos von der Elterngeneration erbt, war für den ernsthaften Johannes aus Deutschland absolut nicht vorstellbar. Das Lebensgefühl der französischen Bürgerkinder, die jetzt in Paris über die Stränge schlugen, im Sommer höchstwahrscheinlich wieder bei Papa et Maman im Landsitz der Familie die Beine unter einen massiven Holztisch strecken würden, mit Cousinen und Cousins zum Tennisspielen gehen oder zum Segeln hinausfahren würden, war Johannes fremd.

Seine introvertierte Sensibilität hätte Colette gefallen können.

Dennoch wollte sie nichts mit ihm zu tun haben. Ihre Kindheit und Jugend waren zu geprägt gewesen vom Hass auf Nazi-Deutschland. Dass sie Johannes mögen könne, war nicht vorgesehen in ihrem Weltbild. In ihrer direkten Art sagte sie ihm das, als er schüchtern versuchte, sie zu einem Kaffee einzuladen, nachdem sie sich wiederholt in den Versammlungen des Studentenkomitees getroffen hatten. Johannes war verletzt.

Colette sah in seinem Blick, dass sie direkt in eine Seele geschossen hatte, die einen solchen Angriff nicht verkraften konnte. Sie schämte sich.

Bei ihrer nächsten Begegnung am Ende einer Vorlesung wollte Johannes wortlos an ihr vorbeigehen. Colette fasste ihn am Arm.

„Entschuldige. Ich habe mich danebenbenommen. Lass uns heute Abend was zusammen trinken gehen. Um sieben am Brunnen bei Saint-Michel?”

Johannes wollte ablehnen – stattdessen nickte er. Colette drehte sich um und verschwand in der bunten Menge hinauseilender Studenten. Johannes blieb allein mit seiner Verwirrung durch die so ungewollte wie ersehnte Verabredung.

 

Der Abend wurde lang. Colette und Johannes verbrachten Stunden damit, einander zu erklären, wie es sich anfühlte, auf der einen oder der anderen Seite der Geschichte zu stehen. Beide hatten Narben, die ihnen die Generation vor ihnen ins Leben mitgegeben hatte. Der erste Kuss im Regen auf nächtlicher Straße war zaghaft. Colette nahm Johannes’ Hand.

„Hier wohne ich!”

Vorsichtig stiegen sie die Treppe zu Colettes Zimmer hinauf.

„Leise, Johannes, die Concierge in diesem Haus ist eine Schlange!”

In Colettes Zimmer wurden sie wieder still: Wie ging es nun weiter? Johannes war überwältigt von dem Glück, mit Colette auf dem Boden sitzen und im Licht von einer Kerze ihr schönes Gesicht betrachten zu können.

„Ich habe genauso viel Angst wie du, Johannes.”

„Kannst du in meinen Gedanken lesen?”

„Vielleicht.”

Bevor es hell wurde, tasteten sie sich aneinander heran. Wochen der Heimlichkeit folgten.

In diese Tage und Nächte entführte Caillebotte Colette.

Der Winterhimmel in dem Gemälde wurde zu dem, den sie durch die Dachluke sahen, wenn sie auf der Matratze liegend über ihre Zukunft sprachen. So war der Anfang gewesen. Einmalig.

Das konnte Colette, ein halbes Jahrhundert später, zugestehen.

 

Nach Dienstschluss auf dem Vorplatz des Museums traf sie Matthieu, was kein wirklicher Zufall war. Er arbeitete in der pädagogischen Abteilung des Musée d'Orsay.

„Salut, Colette!”, sagte er und fügte nach drei Wangenküsschen hinzu: „Hast du was? Du lächelst so sanft!” Colette zwinkerte ihm zu. „Ich bin chagallgleich durch den Caillebotte geflogen.”

Matthieu lachte. Er hätte sich gern nach Katrin erkundigt, traute sich aber nicht. Stattdessen machte er Colette darauf aufmerksam, dass einige Meter von ihnen entfernt Bernard mit zwei Motorradhelmen in der Hand am Geländer lehnte.

 

Colette winkte ihm zu. An Bernard hatte sie während des gesamten Wochenendes nicht gedacht. Bezeichnend für eine Beziehung, die nur sporadisch geführt wurde, und die Colette durch die letzten Jahre geschleppt hatte wie einen Mantel, den man nur aus Bequemlichkeit noch überwirft.

„Er wärmt mein Bett”, lautete einer ihrer Sarkasmen zu diesem Thema. Bernard blieb allerdings nie über Nacht. Er war verheiratet. Sorgfältig duschte er jeden verdächtigen Geruch von sich ab, bevor er in sein offizielles Leben zurückkehrte.

 

Katrin hatte vorgehabt, am Abend nach einem neuen Fahrrad zu suchen. Die Serie von Ärgernissen hatte ihr jede Lust dazu genommen. So trat sie wie am Freitag den Weg zur Haltestelle an. Heute lag zu ihren Füßen eine zusammengeknüllte Tüte der Bäckereikette Grimminger.

Zu lesen waren nur die ersten fünf Buchstaben: GRIMM.

4

Und ihr habt euch nicht gefragt, wie dieses Ticket mit deiner Telefonnummer nach Mannheim an eine Haltetestelle kam?”

„Nein”, log Colette. Bernard spießte eine Tomate auf und bemerkte trocken:

„Ihr seid ein seltsames Trüppchen.”

„Es sind eben nicht alle Menschen Erklärungsfanatiker”, gab Colette beleidigt zurück.

„Und es interessiert dich gar nicht?”

Colette zuckte die Achseln: „Geht so.”

Bernard von Johannes zu erzählen kam nicht in Frage.

„Immerhin hat das turbulente Wochenende mich vor deinem Zorn bewahrt.“ Colette verzog das Gesicht. Vielleicht sollte sie besser doch der Liebschaft mit Bernard ein Ende setzen?

 

Im Briefkasten lagen mehrere Umschläge. Katrin sah sie durch – einer trug den Absender ihres nun offiziell bestätigten, neuen Vermieters, einer international operierenden Investorengruppe. Sie riss ihn auf und las, was sie bereits befürchtet hatte:

Wie langfristig angekündigt im Zuge der geplanten Umwandlung sämtlicher Mietobjekte dieser Immobilie in topsanierte Eigentumswohnungen des gehobenen Segments, kündige man das bestehende Mietverhältnis fristgerecht zum 28. Februar 2018.

Die mit den Mietparteien außergerichtlich und einvernehmlich vereinbarte Abfindung von 5.000 Euro werde nach erfolgter Übergabe des Objekts unverzüglich ausbezahlt.

Langsam ging Katrin hinauf. Sie schloss auf, warf Post, Tasche, Jacke auf den Boden und ging in die Küche. Dort öffnete sie den Kühlschrank, starrte hinein, klappte ihn wieder zu. Sie setzte sich auf den Boden davor und lehnte sich mit dem Rücken an die Tür. Ihre Knie fielen gegeneinander, als suchten sie Trost.

Genauso, wie sie mit acht Jahren viele Abende heimlich aus dem Zimmer schlich, das sie mit ihrem Bruder teilte. Dann saß sie, während ihre Eltern vor dem Fernseher Abendbrot aßen und Tagesschau sahen, im Flur neben der weiß furnierten Kommode mit dem Telefon und wartete auf nichts Besonderes.

„Schlaf erst mal darüber”, meinte Colette später am Telefon.

Um Katrin abzulenken, erzählte sie ihr, sie habe am Abend ihren langjährigen Liebhaber, ihren Amant, verlassen.

Streng genommen stimmte das nicht, denn Bernard wusste von der Trennung nichts. Als Colette aber laut aussprach, was ihr während des Essens mit Bernard schon durch den Kopf gegangen war, wurde ihr endgültig klar, dass sie genau das wollte. Nachdem sie sich von Katrin verabschiedet hatte, sprach sie auf Bernards Voicemail: aus und vorbei.

 

In dieser Nacht wurde viel geträumt.

Colette flog Hand in Hand mit Johannes über das Heidelberger Schloss. Katrin schwebte in einer gläsernen Kapsel durch eine Baumlandschaft. Sie wollte zu Matthieu, aber die Fahrt war endlos. Am Morgen fühlten sich die Schläferinnen der Welt entrückt.

 

Wie jeden Dienstag zog Katrin kurz nach sieben ihre ersten Bahnen im Hallenbad. Die Regelmäßigkeit der Schwimmzüge glättete die Unruhe in ihr. Morgenlicht fiel durch die Bogenfenster auf das Becken. Das Herschelbad in seiner imposanten Jugendstilarchitektur gehörte zu Katrins wenigen Lieblingsplätzen in der Stadt.

 

Am heutigen Dienstag hatte Colette dank des außerplanmäßigen Einsatzes vom Vortag frei. Sie machte sich auf den Weg in den weitläufigen Landschaftspark ganz im Osten der Stadt, dem Bois de Vincennes, der im Sonnenlicht des Oktobertags prachtvoll rotgolden schimmerte. Sie wollte Bäume, Luft und Gras. Vor allem aber wollte sie sich Erinnerungen aus dem Körper laufen, die keinen Platz in ihrem Leben haben sollten.

Nach ihrer Rückkehr aus Heidelberg 1977 war Colette mehrere Jahre zur Psychoanalyse gegangen. Das Scheitern ihrer Liebe hatte ihr zugesetzt, und sie wollte Antworten auf die Fragen, die das Leben ihr stellte. Auch wenn sie keine tiefe neue Beziehung mehr eingegangen war und sich eine „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”- Attitüde mit lockeren Affären zugelegt hatte, kam Colette mit ihrem Leben gut zurecht. Sie fühlte sich stark und in gewisser Weise auch noch jung. Es gab nur wenige Aspekte ihrer Biografie, mit denen sie nichts mehr zu tun haben wollte. Johannes, die Konflikte, die Jahre in Deutschland zählten dazu.

 

Matthieus Anruf und seine Einladung zum Mittagessen freuten Colette. Sie hatte Matthieu über ihren Freund François kennengelernt. Er hatte ihr den Job im Museum vermittelt. Dafür war sie ihm dankbar. Unter anderem deshalb übernahm bei ihren gemeinsamen Mittagessen meist sie die Rechnung. Nach etwas höflichem Protest nahm Matthieu in der Regel an.

Er war chronisch pleite. Die WG mit François bot ihm daher die Chance, zu einem recht geringen Mietzins in einer wunderbaren Wohnung leben zu können. Dem Freund, dessen materielle Situation nicht eben als heikel zu bezeichnen war, war es hingegen lieb, einen Mitbewohner zu haben, mit dem er quatschen, fernsehen und bisweilen ein Glas Wein genießen konnte, ohne amouröse Verstrickungen befürchten zu müssen.

Warum Colette Katrin im Glauben gelassen hatte, Matthieu sei der Lebenspartner von François, gestand sie sich nur widerwillig ein. Hatte sie einen sechsten Sinn dafür, dass sich Matthieu und Katrin mögen könnten?

Johannes hatte seit Jahren nichts mehr verloren.

Nach dem Metroticket suchte er allerdings vergebens. Wütend auf sich trat er auf den Balkon hinaus und atmete tief durch.

Warum hatte er die Nummer nicht sofort in sein Adressbuch übertragen?

5

Wie Colette geahnt hatte, wusste Matthieu beim Mittagessen das Gespräch recht schnell auf Katrin zu lenken.

Mon Dieu, dachte Colette, sie gefällt ihm. Sie selbst schätzte Matthieu als Freund. Er sah gut aus und hatte Humor. Für Frauen, die nicht zwanzig Jahre älter waren als er, war allerdings Matthieu eine Gefahr in ihren Augen. Colette hatte lang genug in Deutschland gelebt, um die Unterschiede im Verhältnis von Männern und Frauen auszumachen. Was ein Franzose aus einem Repertoire charmanter Bemerkungen hervorzaubern konnte, klang in den Ohren deutscher Frauen fast immer wie ein besonderes Kompliment. Dann maßen sie den schönen Worten eine Bedeutung zu, die sie nicht hatten.

Der Mangel an Galanterie war mehr als einmal Streitthema zwischen Colette und Johannes gewesen. In ihrer Zeit in Paris war die spröde Zurückhaltung ihres Freundes nicht wirklich aufgefallen. Um Colette waren genügend andere, die ihr bestätigten, dass sie fantastische Beine, ein gewinnendes Lächeln und umwerfende Augen hatte.

„Ich liebe dich. Natürlich finde ich dich schön.”

Ein solcher Satz war zu bindend, als dass er sich beliebig wiederholen ließe, fand Johannes. So war er erzogen.

Doch dieser Unterschied war nicht der Grund gewesen, warum Colette wieder nach Frankreich ging und ihn in Heidelberg allein ließ. Bestimmt aber hatte er dazu beigetragen, dass Colette wieder zurückwollte: in ihre Sprache, in ihr Land und in ein altes, neues Leben.

„Tut mir leid, ich habe nicht recht zugehört, war in Gedanken”, musste sie bekennen.

Matthieu wiederholte: „Ich fand Katrin wirklich nett und würde sie gern zu unserer Party am Wochenende einladen. Du gibst mir ihre Telefonnummer, nicht wahr?”

„Nein. Ohne ihre Zustimmung geht das nicht.” Das war rabiat.

In Matthieus Gesicht zeigte sich Betroffenheit. Colette versprach, Katrin die Einladung zu überbringen.

„Sie kann auch bei uns schlafen.” Nie im Leben, dachte Colette.

 

Katrin freute sich, am Dienstagnachmittag einen Termin mit dem Star-Germanisten der Universität zu haben. Professor Steinberg war eloquent und interessant. Die Falten in seinem runden Gesicht zeugten davon, dass er gern lächelte. Das Infomagazin der Uni würde über das anstehende Kolloquium seines Instituts berichten.

Katrin überquerte den gepflasterten Ehrenhof des Schlosses. Zu ihrer eigenen Studienzeit gab es an Stelle der Steine einen Rasen, auf dem im Sommer verstreute Grüppchen saßen, sich sonnten, Referate oder Prüfungen vorbereiteten. Jetzt war es edler. Aber, so dachte Katrin, auch steriler. Die Studierenden von heute setzten sich nicht mehr ins Gras. Mindestens nicht die, die hier zu Managern, Finanzexperten und Juristen herangezogen wurden. Professor Steinbergs Büro war gemütlich. Katrin bemerkte auf dem niedrigen Teetisch einen dicken Ausstellungskatalog: Anselm Kiefer im Centre Pompidou.

Professor Steinberg folgte ihrem Blick und wies auf das Buch:

„Da sind wir gleich in medias res, Frau Beller. In unserem Kolloquium geht es um Kunst als Vektor kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Austauschs. In der Literatur, wie auch der bildenden Kunst. Lassen Sie uns zunächst einen Tee trinken. Earl Grey?“

Was folgte, wurde weniger Interview denn Vorlesung. Katrin hatte das von vornherein gewusst. Es störte sie nicht. Professor Steinberg gehörte zu den Menschen, denen zuzuhören ihr das Gefühl gab, intelligenter zu werden.

 

„Dein Handy hat dreimal geklingelt”, empfing Lisa sie bei ihrer Rückkehr ins Büro. „Man kann diese Dinger auch auf stumm schalten.”

Katrin hatte eine neue Nachricht. Von Colette.

Sie freute sich, bevor sie wusste, worum es ging, und strahlte, als sie vernahm, dass sie bereits am kommenden Samstag zu einer Fete bei Matthieu und François eingeladen sei und selbstverständlich bei Colette schlafen könne. Sie rief zurück und hinterließ – auf Französisch, das Lisa nicht sprach und auch nicht verstand – die Nachricht, dass sie sich freue und sehr gern käme.

Der Rest der Woche flog vorbei.

 

Colettes zweite Wochenhälfte verlief weniger angenehm. Man hatte sie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mal wieder zu Camille Claudels L’âge mûr gesetzt. Dort hatte sie sich nach Kräften gegen eine Lawine unschöner Gedanken gewehrt: Zukunft (Was hatte sie an Glück noch zu erwarten?), Gegenwart (War es ein Fehler, Bernard zu verlassen?), Vergangenheit (Immer wieder Johannes).

In ihren Nächten strickte der Schlaf aus all den Grübeleien Träume, aus denen sie zermürbt erwachte. Entsprechend mürrisch reagierte sie am Freitagvormittag auf den Anruf von François.

 

Johannes hatte keine Lust, sich mit den Vorbereitungen für den Festakt anlässlich seiner Emeritierung zu beschäftigen. Gern hätte er die Uni still verlassen. Genau wie Heidelberg, an das er nie wirklich sein Herz verloren hatte.

Innerlich saß Johannes bereits auf gepackten Koffern.

6

Katrins Herz klopfte, als sie auf den Bahnsteig trat. Am Ende des Gleises stand Colette. Herzlich umarmte sie Katrin.

„Kaum zu glauben, dass wir uns vor einer Woche noch nicht kannten.” Katrin nickte. Colette stellte erleichtert fest, dass das Wiedersehen ihre Schwermut vertrieb. Katrins Freude griff auf sie über.

Bei zwei Gläsern Wein und einem Teller mit Käse und Baguette fanden die beiden Frauen nicht gleich den roten Faden für ein sinniges Gespräch – sie kannten sich bereits zu gut für Smalltalk, nicht aber gut genug dafür, weniger glatte Abschnitte aus ihren jeweiligen Biografien zu offenbaren. Katrin wusste, worauf sie hinauswollte:

„Wie lange sind François und Matthieu eigentlich schon ein Paar?”

Colette seufzte. Genau die Frage, auf die sie keine Lust hatte zu antworten.

Écoute, jetzt pass mal auf“, sagte sie etwas brüsk und nahm einen Schluck.

„Matthieu ist nicht schwul. Nur François.”

Katrin lächelte.

Gefahr im Verzug, ich wusste es, dachte Colette. Ma Chérie, verlieb dich lieber nicht!

Katrin war erwachsen. Colette beschloss, den Lauf der Dinge nicht zu beeinflussen. Stattdessen ließ sie nun doch einfach ihrer Neugier freien Lauf und fragte Katrin aus. Jetzt war es an dieser, ihre Komfortzone zu verlassen.

Sie sprach nur ungern über sich und bei ihren Antworten schoss das Blut in ihre Wangen, als ob sie löge oder etwas zu verbergen habe. Beides stimmte nicht. Nebel zog auf in ihrem Kopf, machte das Denken schwer und das Sprechen holprig.

„Lass sein!”, sagte Colette, was ruppig klang, aber sanft gemeint war. Auch Colette kannte die Momente, in denen es sich nicht gut anfühlte, wenn man Auskunft über sich erteilen sollte.

Dennoch sprach Katrin weiter, doch davon war nichts mehr zu verstehen. Aus Lautsprechern erschallte die Melodie von Joyeux anniversaire und wurde von den meisten Anwesenden begeistert mitgesungen. Die Lichter gingen aus, Kerzen schaukelten durch den Raum, und es wurde freudig geklatscht und durcheinandergerufen. Als es wieder hell, wenngleich nicht leiser wurde, schob Colette Katrin einen Zettel zu: DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE. Ein Slogan, dachte Katrin, aber wie wahr. Sie nahm Colette den Filzschreiber aus der Hand und malte einen Smiley aufs Papier.

Der Abend endete fröhlicher, als es einen Moment lang ausgesehen hatte: Colette und Katrin wurden an die Geburtstagstafel geladen, wo eine aufgeräumte Runde aus Freunden und Familie den fünfundsiebzigsten Geburtstag von Maxime feierte. Dieser entpuppte sich als so geistreich wie gastfreundlich. Champagner gab es reichlich, Schokoladentorte auch.

Am Ende hatte Katrin verschiedenste Komplimente und zwei Visitenkarten überreicht bekommen.

 

„Du gefällst!”, bemerkte Colette auf dem Heimweg.

„Das habe ich noch nie gehört”, erwiderte Katrin ungläubig.

Colette meinte mit einer Spur Sarkasmus in ihrer sonoren Stimme, es sei nicht immer einfach, deutschen Männern ein Kompliment zu entlocken. Katrin hätte gern nachgefragt. War Johannes ein solch ‚deutscher Mann‘ gewesen? Es war spät. Heikle Themen mussten warten.

 

Die Matratze mit der frisch bezogenen Bettwäsche lag bereits im Wohnzimmer. Erst kurz vor dem Einschlafen fiel Katrin ein, dass sie vergessen hatte, Colette ihre Geschenke zu überreichen. Morgen, konnte sie noch denken. Dann schlief sie, bis Colette mit zwei Kaffeebechern zum Wecken kam.

Never stop dreaming‘ stand auf dem Schlafshirt, das diese Woche hellblau war.

„Schaffst du das?”, fragte Katrin und wickelte sich aus der Decke, um an ihre Reisetasche zu kommen. „Was?”– „Nie das Träumen aufzugeben.”

Colette grinste. „Auf das Risiko hin, dich zu überraschen, ja. Ich kann das. Ich glaube, dass das Leben für mich noch das ein oder andere Wunder bereithält. Ob ich jetzt bald siebzig werde oder nicht.

Und ich liebe es, Geschenke zu bekommen!”, fügte sie beim Anblick der liebevoll farbenfroh verschnürten Päckchen, die Katrin ihr entgegenhielt, hinzu.

 

Beim Frühstück wollte Colette wissen, ob Katrin schon Pläne habe für den Tag. Die hatte sie. Etwas scheute sie sich zuzugeben, dass sie sich vorgenommen hatte, ins Café de Flore zu gehen. Ins Paris der Künstler und Denker wie Filmemacher, Musiker, Schriftsteller. Sich im Flore an einen Tisch setzen und sich in eine neue Identität träumen. Eine Catherine sein, keine Katrin. Catherine wie Deneuve, mit der Betonung auf der zweiten Silbe.

Colette lachte, als Katrin mit der Sprache rausrückte:

„Geh du ruhig. Das ist in Ordnung so!”

Was Colette nicht sagte, war, dass ein Espresso im Café de Flore vier Euro sechzig kostete und eine heiße Schokolade sieben. Schön, mit einem Blick für das Nicht-Alltägliche unterwegs zu sein, dachte Colette. Es wäre ihr ein Leichtes gewesen, Katrins Begeisterung zu ersticken. Sie wollte es nicht – gerade, weil sie selbst an Paris oft all das sah, was es auch war: laut und teuer, voller Kontraste und erfüllt von einem gerüttelten Maß an Aggressivität.

 

Laut war es auf dem Boulevard Saint-Germain allemal, als Katrin die Treppenstufen aus der Metro heraufkam. Sobald sie sich aber im Café auf die rote Ledercouch hinter dem ersten freien Tisch gesetzt hatte, schlüpfte sie aus der lärmenden in eine andere Wirklichkeit. Sie bedauerte, kein Notizheft dabei zu haben. Obwohl es ganz sicher einem Klischee entsprach, hier an einem Tisch, an dem vielleicht schon Jean-Paul Sartre oder Simone de Beauvoir gearbeitet hatten, schreiben zu wollen. Womöglich Überlegungen, derer sie sich im Nachhinein schämen würde. Es nervte Katrin, dass sie die kritische Stimme im Hinterkopf nicht einmal hier zum Schweigen bringen konnte.

Dann aber ließ sie sich ablenken von ihren Eindrücken, den Menschen, die kamen und gingen, bestellten, tranken, lachten und gestikulierend redeten. Es musste möglich sein, so zu fühlen, wie sie wirkten: präsent und eins mit sich und eins mit dem, was sie erlebten.

Colette hatte keine Pläne für den Samstagvormittag. Etwas lustlos hing sie bei einer letzten Tasse Kaffee verschiedensten Gedanken nach und beobachtete mit Missbilligung die mit viel Gegurre über das Zinkdach trippelnden Tauben. Eine Plage. Es lag nahe, irgendetwas zu putzen. Oder sollte sie sich an Katrin ein Beispiel nehmen und in einem Paris der Ideale auf Entdeckungsreise gehen?

 

„Vous désirez, Madame?

Der Ober war, wie er im Café de Flore sein musste: arrogant.

„Un chocolat chaud.

Ausdruckslos wiederholte er Katrins Bestellung einer heißen Schokolade, doch dann schien ihr ein Gläschen köstlichen Chablis verlockender – und in punkto Attitüde angebrachter.

„Ou, non, un chablis, s’il vous plaît.”

„Comme vous voulez”, entgegnete der Ober uninteressiert.

 

Seit Jahren war Colette nicht mehr am Platz vor der Sorbonne gewesen. Zu viele Erinnerungen. Illusionen, Parolen. Schönes, aber auch Bilder von umgekippten Autos, von herausgerissenen Pflastersteinen am Boulevard Saint Michel.

Colette mied die Kulisse jener Maitage. Nachdem sie Platz genommen hatte im Café Tabac de la Sorbonne, bemerkte sie, dass die Buchhandlung der Presses Universitaires de France aus- und ein trendy Food Market eingezogen war. Colette bestellte einen Espresso bei einem Ober mit auffallend hoher Stimme. Während er das Wechselgeld zurückgab, musterte er Colette.

„Ich kenne Sie” bemerkte er mehr zu sich selbst als eigentlich zu ihr. Colette sah ihn genauer an.

„Luc!”, entfuhr es ihr. „Ich bin Colette.”

Luc – wenn er denn so hieß − zuckte etwas hilflos mit den Schultern. Offensichtlich konnte er sie nicht einordnen.

„Wir haben zusammen Soziologie studiert. In Nanterre.”

Der Ober schüttelte den Kopf und antwortete, er habe nie studiert. Es war jetzt an Colette, perplex zu sein. Zu deutlich sah sie Luc vor sich, fünfzig Jahre jünger, mit mehr Haar und ohne Falten, wie er durchs Mikrofon rief, die neue Zeit brauche neue Strukturen und die Jugend, ihre Jugend, sei Garant des Besseren.

„Das kann nicht sein! Ich erinnere mich genau!”

Colette begann zu zweifeln. Luc hatte Charisma gehabt, war schlagfertig, scharf und sarkastisch gewesen.

Colette liebte seine Wortwechsel mit anderen Aktivisten.

Und hier stand ein kleines Männchen, das sichtlich zu oft „Bonjour!“, „Vous désirez?“ und „Merci!“ gesagt hatte.

Luc schien keinen Wert auf eine Fortsetzung des Gesprächs zu legen. Er legte die letzten zwanzig Cent auf den Bistrotisch, griff sich den Kassenbon und machte einen kleinen Riss hinein.

Colette trank ihren Kaffee und holte ihr Notizheft aus der Tasche.

21. Oktober 2017, Place de la Sorbonne.

Die Erinnerung ist ein automatisches Klavier. Sie bestimmt die Partitur. Du kannst zuhören oder dir die Ohren zuhalten.

 

Johannes war gereizt. Das verlorene Ticket machte ihm zu schaffen. Entweder musste er versuchen, François zu kontaktieren. Der hatte ihm die Nummer nur nach einigem Drängen gegeben und ihn gebeten, möglichst diskret zu bleiben. Oder er betrachtete den Verlust als Zeichen. Sollte er Colette in Ruhe lassen? Wütend trat Johannes gegen einen Stapel von Referaten, Magister- und Doktorarbeiten, die sich über den Boden verteilten. Johannes begann, sie wieder aufzusammeln und zu ordnen und schalt sich einen Oberschimpansen mit Segelohren. Eine Beschimpfung von Colette.

 

Mit Katrin geschah etwas an diesem Vormittag des 21. Oktober.