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Wilhelm Hauff

Die Geschichte von der abgehauenen Hand

 

Saga

3.
Die Geschichte von der abgehauenen Hand

Ich bin in Konstantinopel geboren; mein Vater war ein Dragoman bei der Pforte und trieb nebenbei einen ziemlich einträglichen Handel mit wohlriechenden Essenzen und seidenen Stoffen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils selbst unterrichtete, teils von einem unserer Priester mir Unterricht geben liess. Er bestimmte mich anfangs, seinen Laden einmal zu übernehmen, da ich aber grössere Fähigkeiten zeigte, als er erwartet hatte, bestimmte er mich, auf das Anraten seiner Freunde, zum Arzt, weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gelernt hat, als die gewöhnlicyen Marktschreier, in Konstantinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele Franken in unser Haus, und einer davon überredete meinen Vater, mich in sein Vaterland, nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche Sachen unentgeltlich und am besten lernen könne. Er selbst aber wolle mich, wenn er zurückreise, umsonst mitnehmen. Mein Vater, der in seiner Jugend auch gereist war, schlug ein, und der Franke sagte mir, ich könnte mich in drei Monaten bereit halten. Ich war ausser mir vor Freude, fremde Länder zu sehen, und konnte den Augenblick nicht erwarten, wo wir uns einschiffen würden. Der Franke hatte endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise bereitet; am Vorabend der Reise führte mich mein Vater in sein Schlafkämmerlein. Dort sah ich schöne Kleider und Waffen auf dem Tische liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein grosser Haufe Goldes, denn ich hatte noch nie so viel beieinander gesehen. Mein Vater umarmte mich und sagte: „Siehe, mein Sohn, ich habe dir Kleider zu der Reise besorgt. Jene Waffen sind dein, es sind die nämlichen, die mir dein Grossvater umhing, als ich in die Fremde auszog. Ich weiss, du kannst sie führen; gebrauche sie aber nie, als wenn du angegriffen wirft; dann aber schlage auch tüchtig darauf. Mein Vermögen ist nicht gross; siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, einer ist dein, einer davon sei mein Unterhalt und Notpfennig, der dritte aber sei mir ein heiliges, unantastbares Gut, er diene dir in der Stunde der Not.“ So sprach mein alter Vater, und Tränen hingen ihm im Auge, vielleicht aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wieder gesehen.