Von Maria Lührs

Midlife Crisis – ich komme!

Oder wie ich in einem Jahr den Sinn des Lebens fand

Inhaltsverzeichnis

Monat 1: September – die Sinnsuche beginnt

Intermezzo: Die Männersuche

Mein Mann, mein Leben und ich

Monat 2: Oktober

Monat 3: November

Monat 4: Dezember

Monat 5: Januar

Monat 6: Februar

Monat 7: März

Monat 8: April

Monat 9: Mai

Monat 10: Juni

Monat 11: Juli

Monat 12: August

Und wie ging mein Weg weiter?

Epilog:

Jeder Anfang ist göttlich, magisch – jedes Ende auch. Denn jedes Ende ist immer auch ein Anfang…

Die Kunst ist es, den Weg von der Quelle zur Quelle zurück selbst zauberhaft zu erschaffen - denn wir sind die Schöpfer unseres Seins hier auf Erden!

Monat 1: September – die Sinnsuche beginnt

Midlife Crisis? Als ich seine Frage schon hörte, wurde ich wütend. „Hast du etwa eine?“ Midlife Crisis. Als wenn ich schon zwei Drittel meines Lebens hinter mir hätte und nun auf die letzten Meter Lebens zuhumpele. Voller Bitterkeit über jede Falte. Voller Trauer über den Verfall meines Körpers. Voller Zorn über den Jugendwahn! Nein! Oder doch?

Gut, ich gehörte nicht mehr zu der „Hot-Pants-Ich-guck-24-Stun-den-am-Tag-auf-mein-Handy-Generation“, aber doch bitte auch noch nicht zu den Klatschblätter-Leserinnen. Ich war fast 45 (man bemerke: nicht NOCH 44!) – also war ich zwischen heiß begehrt und mich schaut keiner mehr an. Immerhin: Als hellblonde, 1,75 Meter große, schlanke Hamburgerin mit einem schweren Lauftick (ich jogge am liebsten jeden Tag) war ich noch ein Blickfang für viele Männer. Mit zwei eineinhalb Liter Plastikwasserflaschen bewaffnet kämpfe ich morgens in der Küche zehn Minuten gegen Winke-Ärmchen. Und früher, mit um die 30, stieg ich noch täglich auf die Waage, war erschüttert für den Rest des Tages, wenn ich auch nur ein halbes Kilo mehr wog. Heute bin ich wesentlich gelassener – gesegnet sei das Älterwerden und die Erfahrung – und setze mich dem Horror-Blick auf die Waage nur noch einmal im Monat aus, manchmal auch lange Zeit gar nicht. Und dennoch fragte ich mich ganz ehrlich tief in mich hinein: Doch eine Midlife Crisis, Maria? Und was heißt das eigentlich? Dass ich in der Mitte meines Lebens innehalte und mich frage: War es das jetzt? Das ist der Sinn des Lebens? Und dass mich diese Frage oft schlecht gelaunt, manchmal gar depressiv werden ließ, weil ich keine Antwort hatte? Oder war es tatsächlich ganz platt gesagt schlicht der Zuwachs an Falten, das Erschlaffen der Haut, das mich in diese Unruhe trieb? Ich spürte nur eines ganz sicher: Ich war in einem Wandel. Einem inneren Wandel. Nach Windeln wechseln und bevor das Kind aus dem Haus geht, fragte ich mich in der Tat: War es das jetzt? Kommt jetzt nichts Neues mehr auf mich zu? Wird jetzt das Essen gehen mit Freunden am Samstagabend mein zukünftiges Highlight sein? Ist arbeiten, Geld verdienen, zweimal im Jahr in den Urlaub fahren, tägliches Joggen mit dem Hund der Sinn des Lebens? Oder hatte ich den Sinn schon längst durch die Geburt meines Sohnes erfüllt und war somit eigentlich überflüssig? Was war oder ist der Sinn des Lebens? Letztere Frage wiederholte sich in meinem Kopf zunehmend – nur eine Antwort blieb dieser Frage schuldig.

Schon in den Jahren zuvor hatte ich versucht, das innere Vakuum zu füllen, ohne dass ich mir die Sinn-Frage bewusst gestellt hatte. So begann ich an der Volkshochschule Spanisch zu lernen, im Fitness Club alle möglichen Kurse auszuprobieren, als da waren Qi Gong, Pilates, Zen-Meditation, Tai Chi und Zumba. Nun: Spanisch erweiterte zumindest sprachlich meinen Horizont und machte mir auch echt Spaß. Noch mehr Spaß machte mir aber Zumba, da ich Tanzen schon immer sehr geliebt habe. Die Mischung aus Salsa-Rhythmen und Schrittfolgen macht mich glücklich. Doch leider nicht nachhaltig…

So begann ich Ratgeber zu lesen: So finden Sie ihr Glück – so finden sie ihre Mitte – wer bin ich wirklich. Nun ja, in dem einen oder anderen Buch fand ich tatsächlich eine recht spannende Anleitung zum inneren Strahlen. Mit den beiden Büchern von John Strelecky „Das Café am Rande der Welt“ (Untertitel: Eine Erzählung über den Sinn des Lebens“, 128 Seiten, dtv Verlag) und „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“ (Untertitel: Eine inspirierende Reise zum eigenen Selbst, 288 Seiten, dtv Verlag) fand ich wunderbare Wahrheiten und Anregungen. In beiden Büchern geht es unter anderem darum, wieviel Zeit man mit Dingen verbringt, die man gar nicht gerne tut und wie viele Dinge man hat, die einen eigentlich nicht glücklich machen. Bleibt die Frage: Was zählt wirklich für mich? Was erfüllt MICH wirklich? Was ist wirklich wichtig? Wunderbarste Aussage der beiden Bücher für mich: Das ganze Leben ist DEIN Spiel und du spielst dein Spiel auf deinem Spielplatz. Nutze diesen für dich so, wie du magst. Tue die Dinge, die dir Freude bereiten, dich bereichern, schaue tief in deine Seele – welcher Beruf, welche Hobbies, welche Dinge dich wirklich erfüllen und tue sie. In John Streleckys Buch „Reich und Glücklich“ (Untertitel: Wie Sie alles bekommen, was sie sich wünschen, 320 Seiten, dtv Verlag) wird es dann noch konkreter. Mit speziellen Fragen und Überlegungen, die du notieren sollst, erfährst du Dinge über dich selbst – zum Beispiel gibt es eine Werte- und eine Antiwertetabelle, in der du dich entscheiden sollst, welche zehn Dinge für dich wichtig sind. Außerdem hilft ein „Mein Reich und Glücklich Kalender“ inklusive Tipps, wie man besser atmet, positiv denkt und motiviert ist. Es wird einem ein regelrechtes Konzept an die Hand gegeben, das mit der Umsetzung echten Erfolg verspricht.

Nun: Aus diesen drei Büchern zog ich das eine oder andere und setze es auch heute noch um – immerhin! So habe ich zum Beispiel das Wort MUSS in meinem Hirn und aus meinem Wortschatz weitgehend gestrichen. Stattdessen wähle ich die Wörter DARF oder KANN oder MÖCHTE oder auch SOLLTE. Das gelingt mir nicht in jeder Minute - und dennoch: Oft bin ich mir meiner Wortwahl heute bewusster und in der Tat – das macht eine Menge mit mir.

Als Journalistin liegt mir die Sprache natürlich sehr am Herzen. Denn wie oben erwähnt: Sie macht etwas mit uns. Nehmen wir einmal den Satz: Ich gehe arbeiten. Ersetze ich aber das Wort arbeiten durch das süddeutsche Wort schaffen (von Er-schaffen) gebe ich meinem Hirn eine ganz neue Information. Arbeit gleich ach je! Erschaffen gleich super! Oder nehmen wir das Wort Umwelt – es suggeriert uns, dass die Natur um uns herum ist, uns nicht wirklich tangiert. Viel sinnvoller wäre das Wort Mitwelt, denn alles um uns herum ist ja unsere Mitwelt, sie ist mit-uns. Oder unser Dasein – wieso denn Da-Sein? Wir sind doch Hier! Es müsste also unser Hiersein heißen. Oder jemandem einen Gef-allen tun – ich falle also, wenn ich jemandem etwas Gutes tue? Es müsste eher einem behilflich sein heißen. Krankenhaus sagt unserem Gehirn: In dem Haus werde ich krank, es sollte somit viel eher Gesundhaus heißen. Oder nehmen wir das schöne Wort Entsorgungspark alias Müllhalde. Der Entsorgungspark impliziert uns: Da können wir unsere Sorgen lassen in diesem netten Park. Ha-Ha! Es gibt sogar ein Volk (ich glaube, es lebt irgendwo im Regenwald), das in seiner Sprache keine Possessivpronomen kennt, also keine besitzanzeigenden Fürwörter. Herrlich: Ein Leben ohne mein, dein, sein – alles ist unser. Was mich weiter zu dem Exkurs einlädt, über die Frage nach wahrem Glück nachzudenken. Laut einer Studie war bis zum Jahr 2015 (da gab es einen heftigen tropischen Wirbelsturm) jahrelang das glücklichste Volk der Erde auf der Südseeinsel Vanuatu zu finden. Ein Einheimischer der Insel begründete dies so: „Die Menschen hier sind glücklich, weil sie mit wenig zufrieden sind. Das ist ein Platz, wo man sich keine Sorgen machen muss.“ Die Menschen arbeiten dort nicht allzu viel und feiern dafür umso mehr. Ein enger Familienzusammenhalt, viele Freunde und natürlich auch das kontinuierlich warme Wetter sorgen dafür, dass auf Vanuatu mehr gelächelt als miesepetrig geschaut wird.

Und zu lächeln, ist übrigens gar nicht so schwer: Ein schöner Gedanke, ein tiefes Einatmen - und dann einfach lächelnd ausatmen. Fertig. Das lässt nicht nur die eigenen Glückshormone sprießen, sondern verführt auch entgegenkommende Menschen zu einem Lächeln. Mein Vater hatte und hat stets den Ansatz, Menschen um sich herum zum Lächeln zu bringen. Gerade die schlechtgelaunte Kellnerin, die traurig aussehende Kassiererin, die völlig gestresste Arzthelferin waren und sind gerngesehene „Opfer“ für seine Mission – die meinem Papa übrigens stets gelang und auch heute noch gelingt. Mit etwas Charme, einem ehrlichen Kompliment oder einer witzigen Anekdote kriegt er sie alle, was wundervoll mit anzusehen ist. Das Schöne dabei: Es macht nicht nur den anderen glücklich, sondern auch einen selbst, denn Geben ist genauso selig machend wie Nehmen. Und apropos Glück: In dem kleinen buddhistischen Land Bhutan, das ebenfalls ganz oben bei den glücklichsten Ländern der Welt rangiert, steht an erster Stelle für die Regierung nicht das Bruttosozialprodukt sondern das Bruttonationalglück! Kein Witz, es gibt sogar einen eigenen Glücksminister, der für das Glück der Einheimischen dort sorgt. Die Menschen in Bhutan sind zufrieden, so gut wie nie krank, weil auf ihre Bedürfnisse wirklich Acht (magische Zahl übrigens!) gegeben wird.

So stellte ich mir noch einmal die Frage, was MICH denn eigentlich glücklich macht? Die wiederkehrende Frage in den Büchern, was meine „Big Five for Life“ sind, brachte mein Jahr des totalen Umbruchs dabei so richtig in Gang. Noch nie gehört? Dabei geht es um die fünf Dinge im Leben, die man unbedingt (noch) gerne tun möchte. Natürlich fiel mir da einiges ein, das sich aufgrund stetigen Geldmangels nicht umsetzen ließ. Nicht, dass ich je schlecht verdient hätte, nur gab ich mein Geld auch gerne ebenso schnell wieder aus. Nicht für Mode oder Schuhe – ein Fashion-victim war ich nie – sondern für Reisen, gutes Essen und guten Wein. Letzteres war schon immer mein Laster. Glücklichsein hieß stets für mich: An einem fremden, warmen Ort in der Sonne am Meer zu sitzen mit einem Glas guten Weißwein in der Hand. Oder einem Rosé. Oder einem Aperol-Spritz. Oder einem leckeren Cocktail. Und am besten das Ganze mit einem tollen Mann oder einer Freundin an der Seite. Tatsächlich auch heute noch traumhaft schön! Doch mit diesem kostspieligen Lebenswandel ließ sich meine Number one der Big Five von mir nicht verwirklichen: eine einjährige Weltreise! Da ich nicht mehr wie oben erwähnt unter den Rucksack-traveler-twentyup anzusiedeln bin und auch für mein schulpflichtiges, 12jähriges Kind so eine Reise eher ein schwieriges Unterfangen wäre. Aber da gab es noch andere große Seelenwünsche in mir. Wünsche, die ich schon lange hegte, nie erfüllt hatte und die sich eigentlich leicht umsetzen ließen. Und wer weiß, dachte ich mir, ob mich morgen nicht auch ein Verrückter erschießt oder die Erderwärmung für meinen Untergang sorgt.

Mit Wunsch Nummer 2, der zu meinem ersten wurde, begann meine innere Veränderung auch in der Tat: Ein Fallschirmsprung aus einem Flugzeug. Sofort setzte ich mich an mein Internet und googelte los. Dort fand ich schließlich einen geeigneten Flugplatz in der Nähe von Itzehoe „Hungriger Wolf“ mit vielen Lizenzspringern und einer Schule mit langjähriger Sprungerfahrung. Ich buchte per Telefon einen Termin und fuhr zwei Wochen später höchst freudig erregt hin. Jahrelang hatte ich darauf gewartet, dass mir einer meiner Lebensabschnittsgefährten mal diesen Wunsch zu einem Geburtstag erfüllen würde - sprach diesen Wunsch natürlich auch häufiger aus - irgendwie leider nur ohne Erfolg. Jetzt schenkte ich mir diesen Traum zu meinem 45. Geburtstag im Vorwege sozusagen selbst und fühlte mich dabei wirklich großartig.

Am Flugplatz angekommen bei strahlendem Sonnenschein hieß es erst mal: eine Stunde warten. Die Crew hing dem Zeitplan mächtig hinterher und damit stieg meine Nervosität. Mein bereits langsam in die Pubertät kommender Sohn Julius war gelangweilt und genervt und auch mein Lebensgefährte Jan war alles andere als sprühend vor Freude. Wie so häufig in letzter Zeit stänkerte er herum: „Ich beneide dich ja so, warum hast du mich nicht früher eingeweiht, ich wäre auch so gern gesprungen“ – dazu sollte man wissen, dass er zuvor stets betonte, er habe Flugangst. Jahrelang hatte ich mir einen Fallschirmsprung von ihm gewünscht, den er mir nicht schenkte mit der Begründung, er habe Angst, dass etwas passieren könnte, er hätte das geträumt. Hinzu kam, dass er mit seinen 112 Kilo ohnehin zu viel für einen Tandemsprung wog, er somit erst mal 22 Kilo hätte abnehmen müssen. Zu seiner Verteidigung muss ich hier erwähnen: Es handelt sich bei Jan um einen 1,93 Meter großen Kerl, der breit gebaut ist und nicht aussieht wie ein Klops. Massig und kräftig wäre wohl die passende Beschreibung.

Schließlich wurde ich aufgerufen. Der Flugbegleiter bei meinem Sprung sei Robbie, sagte man mir, Chef-Tandempilot und Holländer. Er sah aus wie König Drosselbart und wir fanden auf Anhieb einen lustigen Draht zueinander. Nach kurzer Anweisung, wie ich zu springen, fliegen und zu landen hätte, ging es dann auch mit vier anderen Paarungen und ohne Wohnwagen ins Flugzeug. Auf 4000 Meter Höhe öffnete sich schließlich die Tür, wir robbten mit unserem Fallschirm aneinander gepresst nach vorn und an der Kante mit dem Blick auf den freien Fall fragte mich mein Märchenprinz: Bist du bereit? Für ein Ja meinerseits blieb keine Zeit, da war ich schon im freien Fall. Adrenalin pur, viele Sekunden lang fielen wir gen Erde, für mich Augenblicke voller gemischter Gefühle zwischen Ahhh, ich sterbe und Geil-Geil-Geil oder was tue ich nur hier und einem Juhu-ich-fliege Gefühl. Dann öffnete sich der Fallschirm und wir glitten langsam bis zum Boden. Ein unbeschreiblich tolles Gefühl, das auch 30 Minuten später noch ein Lächeln auf meine Lippen zauberte und das ich einfach nicht wegbekam. Ich hatte es getan! Und es war großartig.