Heiße Keramik

Heiße Keramik


von Regina Mars

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Heiße Keramik

Text Copyright © 2019 Regina Mars

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Regina Mars

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Alle Rechte vorbehalten

 

Umschlaggestaltung: Regina Haselhorst

 

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

1. Prolog

 

»Wie heißt du noch mal?«

Die Frage riss Robin aus seinem Schlummer. Er hob den Kopf vom Bauch des bärtigen Kerls, mit dem er sich eben vergnügt hatte. Aber der hatte nicht gesprochen. Es war der andere Kerl, der Rothaarige. Mit dem er sich ebenfalls vergnügt hatte. Ja, sie hatten ziemlich viel Spaß gehabt, zu dritt.

»Robin«, sagte er und setzte sich auf. Nachtluft strich über seine nackte Haut. Sie roch nach Frühling, obwohl sie in der Stadt waren und er den Straßenlärm selbst hier oben hören konnte. Um den Dachgarten herum funkelten Lichter in der Dunkelheit, unzählige erleuchtete Fenster.

Der Rothaarige grinste und reichte Robin ein Bier. Der Dachgarten war gut ausgerüstet. Ein Kühlschrank, Bänke und eine weiche Picknickdecke gegen die harten Bodenfliesen.

»Robin.« Der Rothaarige nickte. »Und weiter?«

»Ist das wichtig?«

»Nein.«

Robin trank einen Schluck. Kühl und bitter rann das Pils seine Kehle hinunter. Er hätte seinen Namen genannt, aber ...

Deine Mutter hat gerade ihre Kandidatur bekannt gegeben, hörte er seinen Vater sagen. Das ist eine sensible Phase. Mach uns jetzt keine Schande, verstanden? Die Presse lauert nur auf einen Skandal.

Einen Skandal wie den hier. Unsicher betrachtete Robin seine beiden Liebhaber. Hier oben konnte man sie nicht sehen, oder? Nein, es war viel zu hoch ...

Er hörte ein Sirren.

»Was ist das?« Er sprang auf. Bier schwappte auf seine Zehen.

»Mwas?« Der Bärtige regte sich.

»Bleib liegen.« Sein Freund lächelte ihm zu. »Keine Panik, Robin. Unser bekloppter Nachbar lässt gern seine Drohne steigen. Ich glaube, der will uns zuschauen.«

Der Bärtige lachte. »Die Sau.«

Das beruhigte Robin kein bisschen. Es durfte keine Beweise geben! Warum hatte er sich nicht zurückgehalten? Warum hatte er nicht einfach höflich Nein gesagt, als die beiden ihn angesprochen hatten?

Weil du ein sexsüchtiger Trottel bist, dachte er.

Das ist eine sensible Phase.

Dann sah er sie. Das Ding schwirrte vor ihnen in der Luft, ein rotes Licht blinkte und ihr schwarzes Auge fixierte ihn. Ein Kameraobjektiv. Gerichtet auf ihn und die beiden nackten Männer, mit denen er offensichtlich gerade gevögelt hatte.

»Hau ab!«, rief er und schleuderte die Bierflasche. Volltreffer. Die Drohne trudelte, Tropfen versprühend, und sackte ab. Und verschwand. Das Sirren verstummte.

»Sag mal, spinnst du?« Die Augen des Rothaarigen schimmerten in der Finsternis. »Was, wenn da unten Leute waren? Du kannst doch nicht mit Glasflaschen um dich werfen.«

»Es ist wichtig, dass ich nicht gesehen werde«, sagte Robin und schaute sich nach seinen Klamotten um. Er musste weg von hier, schnell.

»Oh ne, der dumme Nachbar wird uns zu Tode nerven, wegen dem Ding.« Der Bärtige richtete sich ächzend auf. »Warum hast du das gemacht? Weil er uns gefilmt hat? Du bist doch nicht schüchtern, so, wie du gerade ...«

»Ich darf nicht gesehen werden«, wiederholte Robin und stieg in seine Hose. »Sorry. Wenn die Drohne wirklich eurem Nachbarn gehört hat, zahle ich sie.«

»Wem soll die denn sonst gehören?«

Die Antwort kam eine Minute später. Eine E-Mail auf Robins Handy, mit mehreren Fotos im Anhang. Das letzte zeigte ihn mit panisch verzerrter Miene, wie er die Bierflasche schleuderte. Direkt auf die Kamera zu.

Sie forderten eine fünfstellige Summe.

Robin fühlte sich, als würde er in ein Eismeer sinken. Nichts war mehr übrig von dem Hochgefühl, das er eben noch verspürt hatte. Wie betäubt hob er das Handy und rief seinen Vater an. Jedes Tuten riss an seinem Herzen.

Du Versager, dachte er. Schon wieder.

Klack. Sein Vater nahm ab und Robin verkrampfte.

»Hallo«, sagte er. »Vater. Es tut mir leid.«

2. Blonder Trottel

 

*** Fast drei Monate später ***

 

Der blonde Trottel stand plötzlich in Gordans Werkstatt und schaute, als würde er sich in einer exklusiven Galerie umsehen.

Hochnäsiger kleiner Scheißer, dachte Gordan, bevor der Snob auch nur ein Wort gesagt hatte. Und als er sprach, bestätigte er Gordans Meinung von ihm nur.

»Ich bin hier, um Ihnen ein Angebot zu machen.« Gestochen scharfe Aussprache, unterlegt mit der Arroganz, die alles an dem Mann überzog wie Gestank.

»Kein Interesse«, sagte Gordan und knallte einen Tonklumpen auf die Werkbank. Mit einem satten »Platsch« verformte er sich und spritzte einen winzigen Fleck auf die Krawatte des Eindringlings. Der zuckte nicht. Immerhin.

In der schäbigen Keramikwerkstatt war er ein Fremdkörper, genau wie in der schäbigen Kleinstadt, in der sich die Werkstatt befand. Glänzend wie ein polierter Edelstein auf brüchigem Kopfsteinpflaster. Die Bügelfalten seines Anzugs waren scharf wie Rasierklingen, die Haut sonnengebräunt und das Gesicht glatt, perfekt und langweilig. Gordan schätzte ihn auf Anfang zwanzig.

Der Duft teuren Parfüms waberte durch die erdig-staubige Luft. Kein Geräusch war zu hören, während sie sich musterten wie zwei Hirsche vorm Revierkampf. Und es war Gordans Revier. Gordans vollgestelltes Revier, an dessen Wänden sich die Tonschalen und -tassen in Holzregalen stapelten und in dem sich die Sommersonne so staute, dass er selbst im Unterhemd schwitzte wie ein Schwein. Der arrogante Jüngling schwitzte auch, wie Gordan zufrieden feststellte. Ein schimmernder Film lag auf der glattpolierten Haut.

»Kein Interesse?«, wiederholte der Goldjunge, als Gordan keine Anstalten machte, das Schweigen zu brechen. Er nickte bedächtig.

»Überhaupt keins. Scher dich raus, Kleiner.« Gordan wäre netter gewesen, wenn … wenn nicht seit Monaten alles schieflaufen würde. Seit Jahren. Wenn er nicht heute Morgen einen Brief an der Werkstatttür gefunden hätte, in dem sein Vermieter fragte, wann genau er die Miete zahlen wollte. Wenn er gewusst hätte, wie lange er noch Strom hatte, um den Brennofen anzutreiben. Wenn er nicht diese nagende Panik im Bauch gespürt hätte, wie eine Ratte in einem zu engen Käfig, die kurz davor ist, sich selbst zu verzehren. Wenn er nicht mit Anfang vierzig, absolut nichts erreicht hätte.

»Kleiner? Ich bin größer als Sie«, sagte der Goldjunge und bewies, dass er doch ein bockiger Junge war, trotz des Markenanzugs und der breiten Schultern. »Und Sie sollten sich mein Angebot anhören.«

»Nein.« Gordans verdammte Neugier hob nun doch den Kopf. »Mit wem rede ich überhaupt?«

»Robin von Romberg-Krieger.« Weiße Zähne blitzten. »Sie haben mit meinem Bruder gesprochen. Letzte Woche.«

Als könnte Gordan sich daran nicht erinnern. »Der war ein Schleimbeutel.«

Dunkles Lachen erfüllte die Werkstatt. Ein seltener Laut, seit Tilmann ausgezogen war. Ließ den Goldjungen menschlicher wirken.

»Roman war nicht sehr glücklich über Ihr Gespräch.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und wippte vor und zurück. Seine Armbanduhr glitzerte. »Und nun, da ich Sie kennengelernt habe, kann ich mir vorstellen, warum.«

»Du hast mich noch nicht kennengelernt. Und das willst du auch nicht.« Gordan griff in den Tonklumpen. Kühle, sämige Masse drang zwischen seinen breiten Fingern hervor. Was wollte er nochmal damit? Ach ja: Henkel für die Spitzmaus-Tassen formen. Dreizehn Stück würde er auf den Markt mitnehmen, genug, um die Miete für den Juni zu zahlen. Leider war schon August. »Hau ab, Goldjunge.«

»Ich bin auch kein Junge.« Fehlte nur noch, dass der Kleine die Unterlippe vorschob. »Und mein Angebot ist gut, glauben Sie mir.«

»Sicher. Raus hier.«

»Ich verschwinde, wenn ich gesprochen habe.«

Gordan lachte. »Sie können sprechen, junger Herr. Aber ich hab keine Lust, zuzuhören.«

»Aber …« Immer noch wippte der Trottel vor und zurück. Ein Kind, das so tat, als sei es ein Mann. Fast erinnerte er Gordan an sich selbst, vor langer Zeit.

Ich war auch ein Trottel. Deshalb ist der hier ja so schwer zu ertragen.

Gordans tonbeschmierter Finger zeigte auf die Tür. Viel Hoffnung hatte er nicht, dass der Befehl befolgt werden würde. Und er hatte recht.

»Mein Bruder hat Sie gebeten, uns eins Ihrer Kunstobjekte zur Verfügung zu stellen. Für die Romberg-Krieger-Galerie. Ihre Plastiken waren die Sensation des letzten Jahres und wir würden uns wirklich sehr geehrt fühlen, wenn Sie uns weitere überlassen würden.«

»Klar. Schau dich um. Such dir was aus.« Gordan deutete mit dem Kopf auf die überquellenden Regale voller Geschirr in der Form von Eulen, Hamstern und Regenwürmern. Der Goldjunge lieferte sich ein Blickduell mit einer Gürteltier-Kanne und runzelte die Stirn.

»Das ist nicht ganz das, was ich im Sinn hatte. Wo ist die Kunst?«

»Das ist Kunsthandwerk«, brummte Gordan.

»Ja.« Klang verächtlich. »Verkaufen Sie viel davon?«

»Genug, um die Miete zu zahlen.« Manchmal.

»Sehen Sie?« Der Goldjunge strahlte. »Mit einer neuen Plastik würden Sie nicht nur die Miete zahlen können. Noch ein paar wie die vom letzten Jahr und Sie können sich ein richtiges Haus kaufen.«

»Ich will kein Haus.«

»Eine Wohnung?«

»Brauch ich nicht.«

»Offensichtlich. Da liegt ein Schlafsack unter Ihrer Werkbank.«

Gordan ärgerte sich, dass er das Ding nicht woanders verstaut hatte. Dieser kleine Scheißer musste nicht wissen, wie pleite er war. Und wie lange er schon hier pennte, sich notdürftig am Waschbecken säuberte und am Wochenende zu seiner Schwester fuhr, um zu duschen und sich Vorwürfe anzuhören.

Wenn du nicht so besessen von der Arbeit wärst, wäre Tilmann noch da. Du hast ihn ja komplett aus deinem Leben ausgeschlossen. So wie alle anderen auch, während du in deiner Werkstatt gehockt hast.

Er verdrängte den Gedanken. Er musste im Jetzt leben, auch wenn da leider ein nerviger Snob in seiner Werkstatt stand. Gordan sah auf.

»Goldjunge. Verschwinde oder ich werf dich raus.«

»Warum sollten Sie das tun?« Ein Lächeln, das vermutlich charmant wirken sollte. Gordan hatte keine Zeit für Charme.

»Weil ich es kann. Oder hast du irgendeinen Zweifel daran?« Er richtete sich auf und ließ die Schultern kreisen. Er wusste, dass die Muskeln sich unter seinem Shirt wölbten, und dass seine bloßen Arme Baumstämmen glichen. Dunkel behaarten Baumstämmen. Und da er keinen Spiegel besaß, war sein Gesicht gerade ein Stoppelfeld.

Leichte Zweifel erschienen auf der glatten Miene. Leider verschwanden sie sofort, um einem Lächeln Platz zu machen.

»Das meinen Sie doch nicht ernst.« Und dann ging der blonde Mistkerl um Gordan herum und legte die Hand an die Klinke der Besenkammer.

»Wo ist die Kunst? Hier drin versteckt?« Er rüttelte an der Klinke und Gordan beglückwünschte sich selbst dazu, abgeschlossen zu haben.

Mit drei Schritten war er bei dem Blonden und packte ihn um die Taille. Erstaunlich schwer, der Trottel. Er wirbelte ihn herum, bis das Gewicht über seiner Schulter hing und stapfte auf die Tür zu.

»He! He, was machen Sie da?!« Der Snob wand sich wie ein Wurm. Wie ein elastischer, muskulöser Wurm. Der Körper, der versuchte, sich von Gordans Schulter zu schlängeln, war trainiert. Aber nicht trainiert genug.

»Ich hab dir gesagt, dass ich dich rausschmeiße«, sagte Gordan gleichmütig und öffnete die Tür zu seiner Werkstatt.

»Ja, aber … Sie blöder Vollarsch!« Nun versuchte der Kerl ernsthaft, von Gordan runter zu kommen. Sie schwankten. Nur einen Moment lang, dann hatte Gordan ihn wieder im Griff. Und seine Hand hatte den Arsch des Kleinen im Griff, was nicht geplant gewesen war. Schnell raus mit dem Ballast! Über den Hof und ab durch den Flur.

 

Klappernde Absätze und schlurfende Turnschuhe bewegten sich über das Kopfsteinpflaster. Schaufenster glänzten in der flimmernden Hitze. Die Fußgänger schauten erstaunt, als Gordan aus der schiefen Eichentür trat, den Snob auf der Schulter.

»Loslassen, verdammt!«, brüllte der.

»Zu Befehl.« Mit einer Drehung warf Gordan ihn auf die krummen Pflastersteine. Der Snob landete elegant, rollte sich ab und kam zum Sitzen. Tonmatsch bedeckte seinen dunkelgrauen Anzug, der von Gordan auf ihn abgerieben hatte. Vermutlich war da auch ein Handabdruck an seinem Hintern.

»Sie blöder Affe! Ich zeige Sie an!« Der Kopf des Blonden war dunkelrot.

Er wurde noch dunkler, als er merkte, dass sie Zuschauer hatten. Gordans Werkstatt lag im Hinterhof eines schiefen Fachwerkhauses, das in der Fußgängerzone von Lummerdingen stand. Und die war gut besucht. »Ja, ich verklage Sie! Darauf können Sie sich verlassen! Ich komme mit meinem Anwalt wieder!«

»Klar, weil bei mir ja so viel zu holen ist.« Gordan verdrehte die Augen.

Er achtete darauf, die Werkstatttür hinter sich zu verschließen, als er in sein Reich zurückkehrte. Normalerweise war sie offen, damit er in der Sommerhitze nicht erstickte. Aber den kleinen Snob wollte er auf gar keinen Fall wieder an der Backe haben … Er schluckte. Das Gefühl, eine sehr ansehnlich geformte Arschbacke unter der Handfläche zu spüren, kam zurück. Aber das war keine Absicht gewesen. Das war nur, weil der Trottel sich gewehrt hatte! Schlechtes Gewissen kroch durch Gordans Brust.

Na ja, das war ein Versehen. Und es ist ja nicht so, als würde ich Tilmann damit betrügen. Der ist ja längst weg.

Vorletztes Jahr hatte sein Ex sich verabschiedet. Und war gleich darauf mit Gordans altem Schulfeind Louis zusammengezogen. Louis, der Angeber, der früher immer die geilsten Matchbox-Autos gehabt hatte. Und die neusten Spiele, und beim Fußball hatte er auch immer die teuersten Schuhe gehabt. Louis war sich treu geblieben: Inzwischen hatte er eine Villa am Stadtrand, die die roten Dächer von Lummerdingen überblickte. Und ein Managergehalt. Und einen Pool. Und Tilmann.

Die hohle Stelle in Gordans Brust, wo Tilmann einmal gewohnt hatte, schmerzte. Rotblonde Haare und ein verschmitztes Grinsen kamen Gordan in den Sinn.

Hallo Künstler, hatte Tilmann gesagt, damals, als …

Ein Klopfen an der Tür. Sekundenschnell wurde es zu einem Hämmern. Dumpf hallte es durch die stickige Werkstatt.

»Herr Klingenschmied!« Der Snob.

»Bin nicht da!«, bellte Gordan.

»Ihre billigen Witze können Sie sich in die Haare schmieren!« Huch, der war sauer. Immerhin siezte er Gordan noch. »Sie hören sich jetzt mein Angebot an!«

»Junge.« Gordan stellte sich direkt vor die Tür, so, dass er kaum die Stimme heben musste, um auf der anderen Seite verstanden zu werden. »Du verpisst dich. Sofort, oder ich zieh dir die Hose runter und versohl dir den Hintern. Draußen, in der Fußgängerzone.«

Schweigen. Er hörte nichts als das Knacken des alten Hauses, das Knacksen des Ofens und das Rascheln unbezahlter Rechnungen. Lieblich.

»Das tun Sie nicht.« Klang, als wäre der Snob sich da nicht sicher.

»Und wie ich das tue. Bis dein Arsch rot wie eine Mohnblume ist.«

Erneutes Schweigen.

»Das ist mir egal«, sagte der Blonde. »Vielleicht steh ich ja drauf.«

»Was?«

»Ja, woher wissen Sie, dass öffentliche Demütigung nicht mein Fetisch ist? Eventuell tue ich das hier nur, um Sie zu provozieren.«

Gordan lachte. Er war so ungeübt darin, dass es in einem Husten mündete. »Dafür, dass du darauf stehst, hast du dich eben ganz schön aufgeregt.«

»Das … gehört zu meinem Fetisch.«

»Sag mal, Kleiner, wo genau endet diese Unterhaltung in deiner Vorstellung? Wie willst du vom Arschversohl-Fetisch zu dem Punkt kommen, an dem ich dir eine Plastik töpfere?«

Schweigen. Und diesmal hielt es richtig lange. Als er wieder sprach, war es so leise, dass Gordan ihn kaum verstand.

»Bitte. Bitte, Herr Klingenschmied. Es ist wirklich wichtig für mich.«

Hä? Gordan ächzte.

»Junge. Verschwinde. Ich hab zu tun.«

Erst fürchtete er, dass der hartnäckig bleiben würde. Aber dann knarzten die morschen Bretter, die über den Rasen führten. Schließlich klappte die Hoftür. Der Blödmann war weg.

Gordan atmete auf. Tief sog er die Luft in seine Lungen, die abgestanden und viel zu heiß war. Die ganze Werkstatt war zu heiß. Durch die rechte Wand, die zur Hälfte aus Fenstern bestand, knallte Sonnenlicht. Gordan öffnete eins der Fenster und ließ frische, zu heiße Luft in den Raum. Wann hörte diese elende Hitzewelle endlich auf? Zusammen mit seinem Brennofen schraubte sie die Temperaturen hier ins Unerträgliche. Und seinen Körpergeruch ebenfalls. Misstrauisch schnüffelte er an seinen Achseln und bereute es sogleich.

Sah aus, als wäre es Zeit, seine Schwester zu besuchen.

Heute Abend, dachte er. Wenn die Spitzmäuse fertig sind. Solange muss ich es noch mit mir selbst aushalten.

Egal, wie schwer es ihm fiel.

3. Haariger Affe

 

Kleiner! Dieser behaarte Muskelprotz hatte ihn »Kleiner« genannt! Diesen Spitznamen benutzte Robins ganze verdammte Familie und die Hälfte der Männer, mit denen er geschlafen hatte. Eine Menge Männer also. Dabei war er gar nicht klein. Mit 1,87 Metern war er sogar überdurchschnittlich groß. Aber daran lag es ja nicht.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und blickte in das nächstbeste Schaufenster. Blonde Haare und ein verdammt hübsches Gesicht starrten zurück. Glatt wie ein Babypopo und wesentlich wohlriechender. Aber es war nur so glatt, weil er wusste, wie man einen Rasierer benutzte, zur Hölle! Anders als dieser Affenmensch von Keramiker, der anscheinend noch nie etwas von Haarentfernung gehört hatte. Aus dessen straff gespanntem Unterhemd hatte verschwitzte Haut geschaut, die von dunklen Haaren bedeckt gewesen war. Na, nicht überall. Die Schultern waren glücklicherweise frei davon gewesen. Das kantige Kinn dagegen hatte ausgesehen wie mit Stahlwolle bedeckt. Ein Zehn-Tage-Bart, mindestens. Und wie der gestunken hatte! Wie ein Iltis! Robin war immer noch ganz schlecht.

Na ja.

Mürrisch marschierte er über das holprige Kopfsteinpflaster. Unter dem Gestank hatte eine zwar herbe, aber auch animalisch gute Note gelegen. Wenn so ein Kerl sich über ihn hermachte, würde er bestimmt noch Tage später nach ihm riechen. Widerlich, aber geil.

Nein. Robin reckte das Kinn in die Höhe. Nicht an Sex denken! Einmal im Leben durfte er nicht alles vermasseln, weil er mit dem Schwanz dachte.

»Das ist deine Chance, Robin«, murmelte er. »Versau’s nicht.«

Er würde es ihnen zeigen. Seiner Familie und allen, die ihn je »Kleiner« genannt hatten. Was, zugegeben, auch daran lag, dass er der jüngste Sohn der Familie war. Und daran, dass er sich bevorzugt ältere Liebhaber suchte. Aber sollte er etwa selbst Schuld an der Misere sein? Daran, dass sein Vater ihm so wenig zutraute, dass er ihn in die Postabteilung versetzt hatte, wo er angeblich keinen Schaden anrichten konnte? Nur, weil er …

Robin seufzte und erinnerte sich an die Liste seiner Verfehlungen:

 

- vom Internat Greifenfels geflogen, wegen illegaler Partys,

- vom Internat Lohenhöhe geflogen, wegen Sex mit einem heißen Mitschüler,

- vom Internat Überlauen geflogen, wegen Sex mit dem heißen Kunstlehrer,

- das Abi nur mit 3,7 bestanden, weil er beim Internats-Hopping zu viel Stoff verpasst hatte,

- das erste Praktikum vergeigt, weil er sich, endlich vom Internat befreit, mit zu vielen heißen Kerlen rumgetrieben hatte,

- das Studium gestartet, indem er eine Affäre mit einem heißen, aber eifersüchtigen Professor eingegangen war. Der ihn durchfallen ließ, als Robin die Affäre beendete,

- den Bachelor noch knapper geschafft als das Abi. Grund: Feiern und heiße Männer,

- bei einem Dreier von einer Drohne gefilmt worden, genau an dem Tag, an dem seine Mutter ihre Kandidatur als Bürgermeisterin bekannt gab,

- in den Familienbetrieb eingestiegen und gleich einen heißen Projektleiter vernascht. Auf dem Schreibtisch seines Vaters, der sie prompt erwischt hatte,

- wichtige Firmengeheimnisse an einen heißen Saarländer verraten.

 

Immerhin wusste seine Familie noch nicht, dass er während des Hinflugs Handjobs mit einem spanischen Geschäftsmann ausgetauscht hatte. Aber bei seinem Glück hatte die Stewardess sie dabei gefilmt und sandte gerade einen Erpresserbrief an seinen Vater. Der seinen missratenen Sohn bestimmt freikaufen würde. Wie damals, als die Nacktfotos von ihm und diesem Grafensohn aus Monaco aufgetaucht waren. Robin war zu besoffen gewesen, um sich an das Techtelmechtel zu erinnern. Ja, er hatte einen Anflug von Stolz gefühlt, als er sich auf den Fotos gesehen hatte. Bis sein Vater ihn zusammengefaltet hatte.

Wenn er so darüber nachdachte, sollte er sich wirklich von Männern und Alkohol fernhalten … Oh, da war ein Brauhaus.

»Zur Wachtelwirtin« stand in goldenen Lettern über der holzgetäfelten Front. Nun, eine Wirtin war immerhin kein heißer Kerl und würde ihm daher keine Probleme bereiten. Auf der Schiefertafel neben dem Eingang standen die magischen Worte »Biergarten im Hof«. Ein Bier wäre genau das Richtige gegen die Hitze, überlegte Robin und trat ein.

Minuten später saß er in einem lauschigen Hinterhof, schaute den Vögeln zu, die sich im Springbrunnen balgten, und genoss die Sonne. Und das Bier. Eine Lummerdinger Eigenmarke, malzig und so finster wie die Seele von diesem bekloppten Keramiker. Der Vollpfosten! Wenn der nur Ja gesagt hätte. Robin hatte ihn doch sogar gebeten! Wie konnte der so ein blöder Klappspaten sein? Immer noch spürte er die harten Hände, den unbarmherzigen Griff. Hatte der ihm an den Hintern gefasst? Nicht, dass Robin etwas dagegen gehabt hätte, seinen Körper einzusetzen, um den Kerl zu überzeugen. Wenn es funktioniert hätte! Ihm an den Arsch zu langen und ihn dann in den Dreck zu schmeißen, war eindeutig nicht in Ordnung!

Seine Finger tappten auf die gemaserte Tischplatte. Er saß auf einer langen Bank mit zwei anderen Männern, wohl Einheimischen, die ihm beim Setzen zugenickt und mit ihm angestoßen hatten. Jetzt waren die beiden in ein Gespräch über den traurigen Zustand des Fußballplatzes vertieft. Robin dachte nach. Er konnte nachdenken, egal, was alle sagten. Was sie sagten, war, dass er ein sexsüchtiger, ewig besoffener Nichtsnutz sei. Was er auch war. Aber er war ein kluger sexsüchtiger, ewig besoffener Nichtsnutz. Und er würde diesen stinkigen Keramiker dazu bringen, ihm eine Plastik zu töpfern und seiner Familie beweisen, dass er doch zu etwas zu gebrauchen war.

Ein Glühwürmchen war in Robins Brust aufgestiegen, als sein Bruder beim Abendessen von seinem Fehlschlag berichtet hatte. Roman war ungewöhnlich niedergeschlagen gewesen. Sonst strotzten Robins ältere Geschwister vor Siegesgewissheit, alle vier. Doch diesmal war Roman fast wütend gewesen.

Ich konnte ihn nicht umstimmen, hatte er geknurrt. Und jetzt würde ich gern das Thema wechseln.

Sie hatten das Thema gewechselt und von Ronjas Pferdezucht gesprochen, die selbstverständlich großartig lief. Sie verschwendete ja keine Zeit mit Männern und Alkohol. Aber in Robin hatte etwas gearbeitet.

Das ist deine Chance, hatte das Glühwürmchen der Hoffnung ihm zugeraunt. Mach es besser als Roman und beweis, dass du auch nützlich bist!

Also hatte er drei Tage Urlaub eingereicht und war nach Frankfurt geflogen und von da im Taxi nach Lummerdingen gedüst, was ihn lächerliche 139 Euro gekostet hatte, trotz Stau. Den ganzen Weg über hatte er das Gefühl gehabt, dass das hier seine Stunde war, seine Gelegenheit, allen zu beweisen, dass er nicht nur ein verwöhnter Adelsspross mit herrlichen Haaren war. Also, nicht nur.

Dann hatte dieser Affe ihn rausgeworfen.

Und jetzt saß er hier.

»Entschuldigen Sie«, unterbrach er die beiden Einheimischen. Die sahen ihn erstaunt an. »Kennen Sie zufällig diesen Gordan Klingenschmied?«

»Den Töpfermeister?« Die graugesprenkelte Augenbraue des einen hob sich. »Ludwigs Nichte ist mit dem in der Schule gewesen. Oder, Ludwig?«

»Jupp.« Ludwig nickte. »Guter Typ, der Gordan. Bisschen stürmisch vielleicht. Hat sich früher viel geprügelt. Die Luise-Marie hat ihn mal zwei Nächte bei sich pennen lassen, weil er Stress mit seinen Eltern hatte.«

»Was?« Der andere hob auch noch die zweite Braue. »Und die Eltern hatten nichts dagegen? Bei ’nem Kerl wie dem? Da hätt ich aber was gesagt, wenn der bei meiner Tochter …«

»Ne, der hatte doch selber einen Kerl. Hatte er damals schon, glaub ich.«

»Echt, so jung?« Anerkennendes Schmatzen. »Na, feige war der schon mal nicht. Kein Wunder, dass der sich so viel prügeln musste … Ah, seine Schwester, die wohnt auch hier, oder?«

»Ja, schon.« Ludwig sah Robin an. »Aber was interessiert dich das überhaupt?«

Robin lächelte. »Ich habe überlegt, ein paar Kunstobjekte von ihm zu erwerben. Letztes Jahr tauchten drei seiner Plastiken in unserer Galerie auf, und wir waren begeistert.« Nun, Roman und sein Vater waren begeistert gewesen. Robin kannte die Dinger nur von Fotos. Vorhin, als er hergeflogen war, hatte er sie durchgesehen.

Stolz leuchtete in Ludwigs Zügen auf. »Echt? Ja, der Gordan, der kann schon was, oder? Die Luise-Marie meint, bei ihm läuft es nicht, aber klar, war nur eine Frage der Zeit, bis der berühmt wird. Ist ja ein echter Lummerdinger, der Gordan.«

Was sollte das bitte aussagen? Robin war ein echter von Romberg-Krieger und trotzdem eine einzige Enttäuschung. Dennoch nickte er.

»Was für eine Plastik war das denn?«, fragte der Kerl mit den dicken Augenbrauen. »So ein Römer mit Locken und Mini-Schniepel?«

»Nein«, sagte Robin. So viel verstand er immerhin davon. »Aber ein nackter Kerl, wenn Sie das meinen. Allerdings war er kaum als Mensch erkennbar. Er war …« Er versuchte, den Eindruck zu beschreiben, den die Plastiken bei ihm hinterlassen hatten. »Wild. Schmerzvoll. Etwas ganz Besonderes, so etwas habe ich noch nie gesehen. Durchaus im Rahmen der gängigen Kunstmarkt-Trends, aber etwas wirklich Eigenes.« Die Plastiken hatten ihm gefallen, als er sie heute Morgen angeschaut hatte. Aber da hatte er ihren Erzeuger noch nicht gekannt.

Die beiden Männer wirkten noch stolzer. »Klar, ein Mann«, sagte Ludwig. »Macht ja Sinn.«

»Genau.« Augenbraue nickte. »Diese Schwulen haben eh ein besonderes Talent für … Du weißt schon.«

»Ackerbau?«, fragte Robin.

»Ne, Kunst. Malerei und so. Diese alten Maler waren auch alle schwul.«

»Stimmt.« Ludwig begutachtete sein Bierglas. Leer.

Robin verkniff sich einen Kommentar. Stattdessen winkte er die Kellnerin herbei und bestellte drei Bier. Die Männer dankten ihm und er verbrachte die nächsten Minuten damit, sie weiter nach Gordan Klingenschmied auszufragen. Doch die Antwort, die er suchte, kam aus einer anderen Quelle.

»Bist du nicht der Typ, den Gordan eben rausgeworfen hat?« Die Kellnerin grinste breit und knallte drei Humpen auf den Tisch. »Hab grad das Schild aufgestellt, da hat er dich rausgetragen.«

Robin versuchte, es zu verhindern, aber seine Wangen wurden heiß. »Rausgeworfen ist ein starkes Wort«, begann er, aber sie lachte.

»Wieso, er hat dich doch ziemlich weit geworfen.« Kopfschüttelnd wandte sie sich Ludwig und Augenbraue zu. »Das hättet ihr sehen sollen. Hat ihn über der Schulter getragen wie einen Mehlsack.«

»Was, echt?« Neugier blitzte unter Augenbraues Augenbrauen auf. »Warum das denn, Kleiner?«

Kleiner. Robin holte tief Luft und suchte nach seinem inneren, ruhigen Zentrum oder irgendeinem anderen Zen-Scheiß. Verkniffen lächelte er. »Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit. Nichts Ernstes.«

»Wollte er dir etwa nichts verkaufen?«, fragte Augenbraue.

»Nein.« Robin packte sein Bier. »Aber das wird er noch. Zum Wohl!«

»Prost!« Die beiden grinsten. Ja, die machten sich über ihn lustig. Und die Kellnerin war immer noch da. Hm, hatte sie »Gordan« gesagt?

»Kennen Sie Herrn Klingenschmied etwa?«, fragte Robin sie.

»Sicher. Der ist hier Stammgast. Oder wäre er zumindest, wenn er sich noch ein Bier leisten könnte.«

»Lisbeth!« Augenbraue schaute vorwurfsvoll. »Das musst du nicht jedem erzählen.«

Vor allem keinen adligen Jünglingen, die etwas von ihm kaufen wollten. Robin schnaubte innerlich. Als ob er Klingenschmieds Armut nicht selbst bemerkt hätte, kaum, dass er die Werkstatt betreten hatte. Diesen Saustall.

»Ist halt so.« Lisbeth prustete. »Der Gordan ist pleite, das weiß doch jeder. Läuft halt nicht so, wie er will. Vor allem, seit er sich von seinem Kerl getrennt hat. Da hat er ein halbes Jahr lang nichts zustande gebracht.«

»Diese Künstler.« Augenbraue wischte sich den Schaum vom Bart. »Immer Liebeskummer und Sinnkrisen.«

Von seinem Kerl getrennt. Konnte Robin das nutzen? Aber die andere Info war noch besser: »Ludwig sagte, er hätte eine Schwester, die auch hier wohnt.« Er lächelte charmant zu Lisbeth hoch.

Sie grinste zurück. »Ja, die Erica. Ein vertrocknetes Miststück. Wohnt draußen im Muldengraben, mit dem Georg und den Kindern.« Sie beugte sich zu Robin hinunter und flüsterte: »Mit dem Georg hatte ich zu Schulzeiten mal was. Aber sag’s ihr nicht.«

Robin zweifelte nicht daran, dass Erica es wusste. Wenn er weitere Informationen brauchte, würde er definitiv zu Lisbeth gehen.

»Haben Sie Ericas Adresse?«

4. Unerwünschter Gast

 

»Erica!« Gordan rang sich ein Lächeln ab.

Seine Schwester rang sich ein Naserümpfen ab. »Du stinkst.«

»Stimmt. Ich spring schnell unter die Dusche, dann wird gekocht.«

»Du bist doch nur hier, um zu duschen. Ansonsten interessierst du dich überhaupt nicht für mich.« Bitterkeit färbte ihre Stimme.

»Ach was, Sister.« Er breitete die Arme aus und sie wich zurück. Zum Glück. Er hätte nicht gewusst, was er getan hätte, wenn sie ihn umarmt hätte. Sie hatte ihn seit Jahren nicht mehr umarmt.

Immerhin hatte sie den Weg freigegeben. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, schritt er in die staubfreie Diele und über den blütenreinen Teppich, von dem er vermutete, dass sie ihn bügelte. Es roch nach Sagrotan. Der Geruch hielt sich so hartnäckig wie der Geruch nach kalter Asche in einer Raucherbude. Bei Erica rauchte niemand. Keine Nikotinschwade hatte je die weißen Wände berührt, die noch exakt so aussahen wie vor fünf Jahren, als Erica und Georg eingezogen waren. Dabei hatten sie zwei Kinder. Sollten die nicht mit Fingerfarben umhertoben und alles zerstören, was ihnen in die kleinen Finger kam?

Die kleinen Finger waren damit beschäftigt, fein säuberlich ein Malbuch auszumalen. Stille herrschte im Wohnzimmer. Lucy und Luke waren sechs Jahre alt, hatten aber die Gesichtsausdrücke von vierzigjährigen Steuerberatern.

»Na, ihr Racker?«

»Guten Tag, Onkel Gordan«, flöteten sie einstimmig und beugten sich wieder über ihren Maltisch, der null Flecken und keinerlei Buntstiftstriche aufwies. Genau wie der Rest des geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmers. Gordan sah über Lukes Schulter. Der Kleine malte einen lachenden Hund mit abscheulich langen Wimpern und heraushängender Zunge aus. In Beige und Braun.

»Genau die richtigen Farben für einen Hund«, sagte Gordan. »Absolut korrekt.«

Ein verhalten stolzes Lächeln schlich sich in Lukes Gesicht. »Danke. Dein Freund ist in der Küche.«

Sein Freund? Tilmann? Aber der war sein Exfreund und … Gordan atmete tief ein und bekam eine Nase voll Körpergeruch ab. Seinen eigenen Körpergeruch.

»Ich stinke wirklich«, murmelte er.

»Ja«, sagte Lucy, die den Hörtest mit Auszeichnung bestanden hatte. »Bitte dusch endlich.«

»Wirst du etwa frech, Kleine?« Er wartete ab und bekam tatsächlich sowas wie ein Grinsen zu sehen.

»Wie ein Iltis«, ergänzte sie.

»Du hast doch keine Ahnung, was ein Iltis ist. Als ob Erica dich je nach draußen lassen würde, wo du wilde Tiere zu Gesicht bekommen würdest.«

»Wir durften eine lehrreiche Sendung über marderartige Tiere sehen«, sagte sie. Das winzige Grinsen war verschwunden. »Gestern. Weil wir drei Gedichte auswendig gelernt haben.«

»Ach so.«

»Kannst du drei Gedichte, Onkel Gordan?«

Auf Anhieb fiel ihm nur eins ein:

Ein Mädchen wollte Pilze pflücken

Musst sich dafür sehr tief bücken

Jetzt stilltse

Scheiß Pilze

»Nein«, sagte er.

Luke hob den Kopf. »Willst du sie hören, Onkel Gordan?«

»Später gern. Wer ist denn mein Freund?« Tilmann? Er schaffte es nicht, den Namen auszusprechen.

»Ein Mann, den Mama total toll findet«, flüsterte Lucy. »Sie hat dem schon zwei Tees gebracht. Den guten Tee.«

Frechheit. Gordan bekam immer nur den Earl Grey vom Discounter.

»Echt?« Er betrachtete seine Schwester, die in den Raum kam. Vermutlich, um zu verhindern, dass er ihre Kinder mit etwas Schädlichem wie Kunst ansteckte.

»Was erzählst du, Lucy?« Sie lachte hohl. »Herr von Romberg-Krieger ist nur hier, weil er eurem Onkel einen Vorschlag unterbreiten will. Einen Vorschlag, den Gordan besser annehmen sollte.« Sie beugte sich vor. Ihre Augen blitzten wie die einer tollwütigen Sumpfschnepfe. »Wenn er weiter hier duschen will.«

»Was?!« Von Romberg-Krieger? Den Namen kannte er doch. »Der schnöselige Goldjunge?«

»Genau der.« Der schnöselige Goldjunge lehnte im Türrahmen, eine Teetasse in der Hand und sah schnöselig und golden aus. Arschgeige. »Schön, Sie wiederzusehen, Herr Klingenschmied.« Mit seinem Lächeln hätte man Stahl fräsen können.

»Ja, dich auch, Kleiner. Kannst wieder gehen. Dir verkaufe ich nichts.«

»Nicht mal eine von diesen niedlichen Spitzmaustassen?« Oh, der Goldjunge trank seinen guten Tee aus einem von Gordans Meisterwerken. Dabei hatte Erica so viel edles Porzellan. War sie etwa doch stolz auf ihn? Fragend sah er sie an.

Sie seufzte. »Ich habe ihm eine vernünftige Tasse angeboten, aber er wollte die da.«

»Echtes Kunsthandwerk.« Ein blödes Grinsen erschien. »Wirklich beeindruckend.«

»Verbindlichsten Dank, Kleiner. Ich gehe duschen.« Lieber flüchten, bevor er dem Schnösel eine zimmerte. Nicht vor den Kindern.

»Gordan!« Erica stellte sich ihm in den Weg. »Du solltest dir Herrn von Romberg-Kriegers Vorschlag anhören.«

»Das kann ich auch, wenn ich nicht mehr stinke«, knurrte er. Sie wich keinen Millimeter zurück. »Wenn er es so eilig hat, kann er ja mit unter die Dusche kommen.«

»Gordan.« Ihre Augen wurden schmal. Einen Moment lang war sie wieder die fiese große Schwester, die ihn mit einem Kneifzwirbler zum Weinen bringen konnte. Dabei war er inzwischen zwei Köpfe größer als sie. »Nicht vor den Kindern.«

»Das war keine Anmache.« Verächtlich sah er den Goldjungen an.

»Schade.« Der seufzte und nippte an seinem Tee. »Borstige Primaten sind mein geheimer Fetisch.«

Erica schaute schockiert, doch dann lachte sie. »Ach. Sie sind ein Schlingel, Herr von Romberg-Krieger!«

Ein Muskel zuckte im Kiefer des Goldjungen. Schlingel war anscheinend nicht sein Lieblingswort. Musste Gordan sich merken. Bei nächster Gelegenheit würde er ihn als »Racker« bezeichnen.

»Ich dusche jetzt. Allein.« Er hob die Arme und verscheuchte Erica mit seinem Achselschweiß. Wütend wich sie dem Gestank aus.

»Seif dich zweimal ein«, zischte sie. »Und beeil dich.«

 

***

 

Er beeilte sich nicht. Ausgiebig genoss er die kühle Dusche, die in Wasserwerferstärke auf ihn herabschoss. Herrlich. In seiner letzten Wohnung hatte es aus der Brause nur getröpfelt. Er seifte seinen Leib (der überhaupt nicht so behaart war, wie dieser Klappspaten behauptete) zweimal ein und benutzte Georgs Rasierer, um zumindest im Gesicht spiegelglatt zu werden. Das würde höchstens bis morgen früh halten, aber immerhin sah er nicht mehr aus, als würde er unter einer Brücke hausen.

Erica war nicht immer nett, aber immer reinlich. Die Klamotten, die er beim letzten Mal hier gelassen hatte, waren sauber und dufteten nach Veilchen oder irgendeinem anderen Gewächs. Gordan hatte angeboten, seine Kleider selbst zu waschen, aber Erica hatte so entsetzt geschaut, als würde die Waschmaschine explodieren, wenn sie ihm in die Pranken geriet.

Das ist ein hochkomplexes Instrument, hatte sie gesagt. Klar, als Chemikerin kannte sie sich mit komplexem Zeug aus. Nicht wie er, der Höhlenmensch, der den ganzen Tag mit Ton rummatschte. So ähnlich war ihre Vorstellung von seinem Job und bisher hatte er sie nicht vom Gegenteil überzeugen können.

 

***

 

Der Schnösel schnöselte in der Küche rum, als Gordan veilchenduftend hereinkam. Genauer gesagt schnöselte er lässig an den Induktionsherd lehnend herum, umrahmt von antibakteriellen Edelstahlschränken und kindersicheren Schubladen.

»Wo ist Erica?«, fragte Gordan.

»Sie und die Kinder sind draußen im Garten.« Der Goldjunge deutete zum Fenster. »Sie machen eine Yogaübung, die die Konzentration fördert. Luke hat außerhalb der Linien gemalt.«

»Und jetzt muss er zur Strafe auf einem Bein stehen.« Gordan seufzte. »Alles klar.«

Die Nervensäge sah weiter zum Fenster hinaus. Leichte Verunsicherung legte sich über seine Züge, als er die Verrenkungen betrachtete, die Erica und die Kinder anstellten. »Ist das normal? Ich meine, in Ihren Kreisen?«

»In Ericas Kreisen bestimmt.« Gordan verschränkte die Arme. »Ich weiß, wie das aussieht. Aber sie gibt sich wirklich Mühe, eine gute Mutter zu sein. Andere kümmern sich gar nicht um ihre Kleinen.«

»Oh, ich meinte nicht … Ich weiß.« Ein Schatten flog über sein Gesicht und mit einem Mal wirkte der Goldjunge recht düster. Sekunden später war sein Gesicht wieder glatt und nichtssagend. Schade. »Nun, zumindest Ihre Schwester schien begeistert von meinem Angebot. Werden Sie …«

»Nein.« Selbst wenn er wollte, könnte er nicht. Aber das musste der kleine Scheißer ja nicht wissen. »Ich koche jetzt. Wenn du hierbleiben willst, musst du helfen.«

»Oh, kein Problem.« Die Augen des Blödmanns leuchteten auf. »Was gibt es zu tun?«

Kein Wunder, dass der sich so freute. Wie Gordan kurz darauf feststellte, hatte der Kerl noch nie gekocht und betrachtete es als neues, großes Abenteuer. Es war ein Wunder, dass er das Küchenmesser richtig rum hielt.

Trotz seiner Hilfe standen eine Stunde später fünf Teller mit Aberdeen Angus-Steaks auf dem blank polierten Esszimmertisch. Die Kinder strahlten. Sonntag war Fleischtag. Der einzige. Wenn Erica ihr Glas Weißwein geleert hatte, würde Gordan sie vielleicht sogar überreden können, den Kindern eine zweite Portion alkoholfreies Cranachan zu erlauben.

»Dann mal los«, sagte Gordan und wartete ab, bis die Kleinen ihre Dankbarkeitssätze aufgesagt hatten. Dann war Erica dran. Sie endete mit: »Ich bin dankbar, dass mein Bruder eine weitere Chance bekommt, und hoffe sehr, dass er es diesmal nicht verbockt.«

»Ich bin dankbar, dass ich eine Schwester habe, die mich nimmt, wie ich bin. Und, dass ich einen ausgezeichneten Neffen und eine wunderbare Nichte habe. Und dass die Tür zum Atelier abschließbar ist.« Gordan nickte dem Goldjungen zu. »Du bist dran.«

Der schaute leicht verwirrt.

»Du musst sagen, wofür du dankbar bist«, flüsterte Lucy.

»Ja, das habe ich verstanden.« Er lächelte. »Ich bin dankbar, dass …« Zögern. »Dass ich heute so ein wunderbares, selbstgemachtes Essen bekomme. Und dafür, dass ich mir mit dem Küchenmesser nicht den Daumen abgesäbelt habe. Und dafür, dass ich nicht mit einem miefigen Affen duschen musste.«

»Für jemand mit einem Arschversohl-Fetisch stellst du dich ganz schön an.«

»Gordan!« Erica zwang sich zu einem Lächeln. »Guten Appetit.«

Einen Moment lang herrschte wunderbares Schweigen. Die Steaks waren echt gut geworden. Das Fleisch zerging Gordan auf der Zunge, wenn er nur dagegen drückte. Weich und zartfaserig. Perfekt. Erica wusste halt, wo man das gute Zeug bekam. Vermutlich vom Sedlerhof. Mit deren Sohn hatte sie, lange vor Georg, mal ein Techtelmechtel gehabt.

»Gordan, hör dir das Angebot an, das Herr von Romberg-Krieger dir macht.« Mist, das Steak hatte ihr kaum fünf Minuten lang das Maul gestopft.

»Nein.«

»Gordan.« Einatmen. »Hör es dir an.«

»Gut.« Wütend sah er zu dem Goldjungen hinüber. Der feixte. »Aber ich nehme es nicht an.«

»Gordan, du …«

Ausgerechnet der Schnösel sprang ein und hinderte sie daran, weiterzureden.

»Fünfzig Prozent von dem, was die Plastiken einbringen«, sagte er. »Ich bin sicher, dass wir sie noch teurer verkaufen können als die letzten. Sie werden es nicht mitbekommen haben, so, wie Sie sich in Ihrem stinkenden Loch verkrochen haben, aber die ersten waren ein gigantischer Erfolg. Der Markt ist so heiß auf neue Werke von Gordan Klingenschmied, dass wir eine Auktion veranstalten könnten und ich wette, dass keine Plastik unter hunderttausend weggeht. Was sagen Sie?«

»Nein.«

»Gordan, du Hundsfott!«, brüllte Erica. Halb aufgerichtet erstarrte sie. Lucy und Luke sahen sie an, als hätte sie sich in einen feuerspeienden Drachen verwandelt. Sie wurde blass. »Ich … Lucy, Luke, geht auf eure Zimmer. Ihr könnt zum Nachtisch wieder herunterkommen. Onkel Gordan und ich müssen etwas besprechen, das«, eine Ader zuckte auf ihrer Schläfe, aber ihre Stimme war süß wie Sirup, »sehr langweilig für euch wäre. Husch, husch.«

»Das macht nichts«, sagte Lucy mit tellergroßen Augen. »Mir ist gar nicht langweilig.«

»Mir auch nicht.« Ein Salatblatt fiel aus Lukes Mund. »Gar nicht überhaupt nicht. Ich will hierbleiben.«

»Auf eure Zimmer.« Erica atmete ein. »Sofort.«

»Aber mir ist überhaupt nicht lang…«

»Sofort.«

Die beiden trollten sich. Gordan fragte sich, ob sie einen Weg finden würden, um zu lauschen. Erica und er hatten immer einen Weg gefunden, wenn ihre Eltern gestritten hatten.

Entnervt sah er den Goldjungen an, der sichtlichen Spaß an der Szene hatte. Ein fieses Lächeln zierte seinen Mundwinkel. Fehlte nur noch, dass er spöttisch mit den Augenbrauen … Der Mistkerl wackelte spöttisch mit den Augenbrauen! Gordan ballte die Finger zu einer Faust, aber bevor er etwas sagen konnte, schlug ihm Ericas geballte Wut ins Gesicht.

»Wie kannst du so ein Idiot sein, Gordan?!« Ihre Stirn war weiß, die Wangen rot. »Du dämlicher, egoistischer Mistkerl! Nagst am Hungertuch, pennst in deinem Atelier und lässt dich von mir aushalten und dann lehnst du vor meinen Augen so ein Angebot ab?!«

»Ich lasse mich nicht von dir aushalten!« Er sprang auf. Wut flammte in seinem Bauch hoch. »Ich dusche einmal pro Woche hier, und dafür koche ich! Besser als Georg das hinkriegt, falls du es gemerkt hast. Und besser als du!«

»Ja, mit meinen Zutaten!« Sie setzte das Weinglas an die Lippen und trank es in einem Zug aus. Leider besänftigte der Alkohol sie nicht. »Du verblödeter Hornochse! Was denkst du denn, wer für dich aufkommen wird, wenn du alt bist? Wenn du immer noch kein Geld hast und zu alt bist um zu arbeiten? Was für eine Rente hast du dann? Keine! Und nur, weil du unbedingt deinen Kopf durchsetzen musstest und ein nutzloser Künstler geworden bist. Genau wie Mum und Dad! Für die werde ich auch sorgen müssen, für euch alle, ihr elenden Schmarotzer! Und dann passiert einmal etwas Gutes, da hast du einmal eine Chance, und du sagst Nein?!«

»Ja, ich sage Nein«, presste Gordan heraus. »Das ist mein gutes Recht. Und du musst auch nicht für mich sorgen, wenn ich alt bin. Lieber jage ich mir eine Kugel in den Kopf, als dir zur Last zu fallen.«

»Schön.« Sie knallte das Weinglas auf die Tischplatte. »Aber für Mom und Dad muss ich alleine aufkommen, weil du nicht helfen kannst. Und wenn … wenn mir oder Georg etwas passiert, dann haben die Kleinen niemanden mehr. Ihr Onkel wird nicht für sie sorgen können, weil er … weil er ein sturer Blödmann ist …« Oh nein. Bitte nicht. Ihre Augen glitzerten und ihre Stimme wurde klein und rau. »Du Idiot. Ich kann doch nicht immer alles alleine machen. Du könntest doch auch mal …«

Verdammt. Alle Worte blieben in Gordans Kehle stecken, wie immer, wenn sie weinte. Was nicht oft vorkam. Und schon gar nicht vor Fremden. Gordan warf einen Blick auf den Goldjungen, der nicht länger griente. Er schaute, als wäre er an jedem Ort der Erde lieber als hier. So, wie seine Finger die Serviette kneteten, würden gleich nur noch weiße Fetzen vor ihm liegen.

»Erica.« Gordan atmete ein. »Ich kann dir das erklären. Später. Wenn du willst.«

»Ich will nicht.« Sie sah ihn nicht an. Eine einzelne Träne rann über ihr Kinn. »Noch einen Vortrag über Kunst und Freiheit ertrage ich nicht. Verschwinde, Gordan. Ich habe genug von dir.« Sie nahm das Glas und stiefelte aus dem Raum. Ihr schmaler Rücken war angespannt. Gordan wollte ihr hinterherlaufen, aber er wusste aus bitterer Erfahrung, wo das enden würde. In noch mehr Streit und Tränen. Trotz des guten Steaks in seinem Magen fühlte er sich leer und kalt.

»Komm mit, Goldjunge«, sagte er leise. »Ich kenn sie. Sie will jetzt alleine sein.«

Der Schönling warf seinen Stuhl fast um, als er aufstand. In Windeseile durchquerte er den Flur und war aus der Tür. Erst, als sie hinter ihnen zuklappte, atmete er aus. Es war dunkel und die Sommerluft kühlte ab. Sie roch nach frisch gemähtem Vorstadtrasen und Autopolitur.