Verzerrte Gesichter

ROBIN FELDER

Roman

Impressum

Sämtliche handelnden Personen und Begebenheiten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen, existierenden Unternehmen sowie Ereignissen oder Schauplätzen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.



© 2021 Trubel & Heller, München
Erhältlich als Taschenbuch, E-Book und Hörbuch.
www.verzerrtegesichter.de

Korrektorat: Holger Metz
Umschlagkonzept: Robin Felder
Umschlaggestaltung: Michael Dorschner | kimi kido
Satz: Timo Leibig

Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhaltsverzeichnis

Der Autor:

Robin Felder lebt und arbeitet in München. Bislang sind von ihm erschienen: Unsympath, Paranoia, The Godjob, Verzerrte Gesichter.





Der Mensch kann tun, was er will,
aber er kann nicht wollen, was er will.
Arthur Schopenhauer


Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind.
Wir sehen sie so, wie wir sind.
Anaïs Nin

Bis jetzt hat er sich noch nicht blicken lassen. Aber der kommt schon noch.

Die S-Bahn donnert wenige Meter über mir vorbei, während ich vor der Fußgängerunterführung in dem kleinen Park stehe und warte. Der vom Tunnel verdichtete Schienenlärm lässt mich den Kopf einziehen. Ich spähe ins Halbdunkel, Plakatfetzen an der Mauer, am Boden Pfützen, die nie richtig trocknen. Auch nicht an einem Sommertag wie heute. Durch diesen Schacht dürfte Clemens in vier, fünf Minuten geradelt kommen, wenn er in der S-Bahn eben gesessen hat. Sein üblicher Nachhauseweg.

Ich drehe mich um und schlendere ein paar Meter durch die menschenleere Grünanlage. Vor mir eine weitläufige Wiese, durchbrochen von vereinzelten Bauminseln. Die Bäume sehen aus, als würden sie sich langweilen. Das ganze Gelände wirkt im sanften Abendlicht wie eine Spielzeugeisenbahn-Landschaft.

Am anderen Ende der Anlage taucht die Silhouette einer Frau mit Kinderwagen auf und hetzt von links nach rechts. Ist auch schon spät für Mutter mit Kleinkind. Wenn ich mich nicht täusche, hat sie wieder einen dicken Bauch. Ist gerade Mode: ein wenige Monate altes Baby haben und bereits schwanger mit dem nächsten sein.

Noch mehr Menschen gebären. Genau was die Welt braucht.

Die Frau verschwindet. Zwanzig vor zehn. Gleich geht die Sonne vollends unter. Aber immer noch so um die zwanzig Grad.

Ich habe plötzlich ein ungutes Gefühl, Clemens einfach abzufangen. Auch wenn ich ihn gestern nicht auf seiner Geburtstagsfeier überraschen konnte, wird ihm das hier ganz sicher etwas überzogen erscheinen.

Er spielte heute Abend ein Konzert in der Staatsoper. Verdi, Rigoletto. Clemens ist Geiger bei den Philharmonikern. Im Rahmen eines Kulturfestivals wurde heute bereits um sechs angefangen. Sonderaufführung – was weiß ich. Luxussubventionierte Branche. Klassik gibt mir nichts.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Musikern, die geschuftet haben wie die Irren, um in ein Weltklasseorchester aufgenommen zu werden, war Clemens ein Naturtalent. Er ist jetzt, mit Ende zwanzig, schon weiter als die meisten Gleichaltrigen.

Ich zucke fahrig mit den Halsmuskeln. Nervöse Angewohnheit. Ich dachte, Clemens nimmt mindestens eine S-Bahn früher.

Da kommt er ja, was sagt man dazu? Ich sehe ihn auf der anderen Seite der Gleise beherzt in die Pedale seines Rads treten, den Geigenkasten auf den Rücken gespannt. Musisch hochbegabt und gleichzeitig sportlich, der Clemens. Manche haben einfach das komplette Paket abbekommen.

Ich trabe die paar abschüssigen Meter zurück zur Unterführung und bleibe, den Zugang versperrend, stehen. Clemens fährt gerade gegenüber in den Tunnel ein und dürfte mich nun als breitbeinigen Schattenumriss am ihm entgegengesetzten Ende postiert sehen. Bei der Geschwindigkeit, die er draufhat, muss er exakt jetzt bremsen, um mich nicht umzufahren.

Was er auch tut.

Leider läutet er dabei Sturm, auf so einer metallisch scheppernden Uraltklingel mit »Weg da!«-Ton. Bewirkt natürlich nichts, ich rühre mich keinen Millimeter vom Fleck.

Zwei Handbreit vor mir kommt sein Vorderreifen zum Halt. Clemens’ Gesicht wirkt gereizt und zugleich überfordert, als könne er nicht fassen, wer da vor ihm steht und seine Route blockiert.

Ich strecke die Arme aus, Handflächen nach oben gerichtet, als würde ich zum Gebet aufrufen. Erhebet Euch, in etwa. Aber natürlich meine ich: Überraschung!

Ich lächle. Ist doch auch Wahnsinn. Wir hier.

Clemens stellt seinen linken Fuß auf den Betonboden, der Hosenaufschlag von einer Fahrradklammer zusammengehalten, beide Hände noch am Lenker, die Bremsen umkrallt, und sagt: »Was soll das denn?«

Er meint meine Skimaske.

* * *

Noch könnte ich abbrechen, falls notwendig. Hinter mir kommt niemand, hinter Clemens auch nicht, ich stehe ihm günstig positioniert gegenüber. Sieht machbar aus. Kann losgehen.

»Zur Seite, aber sofort«, schnauzt Clemens mich schroff an, als hätte er irgendein fundamental verankertes Mitspracherecht.

Komisch, ich wäre in so einer Situation niemals schroff. Diese ganzen vom Leben verhätschelten Wohlstandsmenschlein haben verlernt zu erkennen, wann es angebracht ist, demütig zu sein. Das würde ihm jetzt zwar auch nichts nützen, aber wahr ist es nichtsdestoweniger.

Für den Bruchteil einer Sekunde starre ich ihn an und versuche zumindest, dass es mich nicht juckt. Seine blitzenden Äuglein durchbohren mich. Männer mit runden Brillengläsern sehen alle aus wie SS-Offiziere. Noch fieser wirken nur Männer mit Stupsnasen.

Sowie alle Zwerge. Hüte dich vor kleinen Männern!

Mein Elektroschocker jagt Clemens fünfhunderttausend Volt in die Brust. Das Geräusch ähnelt einem Knistern wie Brutzeln zugleich. Er stürzt vom Rad, knallt schlotternd gegen die Wand der Unterführung. Schlagartig verschwindet das Forsche aus seinem Gesicht und ich sehe echte Panik in seinen Augen. Offenbar hat man ihn vor vielen Dingen im Leben gewarnt, aber nicht hiervor.

Ich lege gleich nach und versenge seinen Hals mit einer weiteren Stromladung, um sicherzugehen, dass er wirklich handlungsunfähig ist.

Zielorientiertes Arbeiten. Handgreiflichkeiten wären nämlich überhaupt nicht mein Ding.

Sein Körper zittert, wehrt sich gegen die Ohnmacht. Es sieht wie gespielt aus. Ich habe den Eindruck, als sollte ich klatschen, aber ich tue es nicht.

Ich packe ihn unter den Achseln und ziehe ihn den halben Meter aus dem Tunnel, wuchte ihn seitlich auf den Grashügel, der hoch zu den Gleisen führt. Zwischen Betonwand und Gestrüpp. In null Komma nichts schieße ich ihm die dritte Elektroladung in den Körper, der Geruch seines Deos steigt mir in die Nase, ich sehe Schweiß in großen Tropfen in seinen Haarwurzeln stehen und schneide ihm mit einem Skalpell mühelos den kleinen Finger seiner linken Hand ab. Am untersten Gelenk. Womit ich einem jungen Mann, dem bis vor wenigen Sekunden eine vielverheißende Zukunft zu Füßen lag, die Lebensgeister austreibe.

Verluste gehören einfach zum Leben.

Mit der Emotionslosigkeit des wahren Getriebenen schaue ich erneut, ob jemand kommt, aber in diesem konservativen Vorort herrscht um diese Zeit tote Hose.

Der arme Clemens rührt sich nicht mehr. Ich weiß eigentlich nicht, warum mich das überrascht.

Kein Tropfen Blut weicht aus dem geröteten Knorpelstumpen an seiner Hand. Im Gegensatz zu dem abgetrennten Finger, aus dem es öligrot tropft und den ich zwischen meinem Daumen und Zeigefinger halte. Schön sieht das nicht aus.

Um der ganzen Sache ein Ende zu bereiten, lege ich den Stummel in eine Tüte, prüfe, ob Tüte, Schocker und Skalpell sicher in meinen Taschen verstaut sind, schlage Clemens sicherheitshalber mit der Faust fest ins Gesicht, je länger er bewusstlos bleibt, desto günstiger (für mich, für ihn, für alle), meine Schlagbewegung ähnelt der eines fünfjährigen Mädchens, ich habe einfach keine Übung, wuchte das Fahrrad hoch, wende es, radle in die Richtung davon, aus der Clemens kam, lasse die Unterführung schnell hinter mir, reiße mir die Maske vom Kopf und bleibe mit dem ganzen Ablauf vier Sekunden unter der Zeit meiner Probeberechnungen.

Adrenalin beschleunigt.

»Zur Seite, aber sofort!«, hat er allen Ernstes einen vermummten Mann angefaucht, der sich ihm in einem engen Tunnel gegenüberstellte? Knapp eins neunzig, schwarze Bomberjacke, Handschuhe. Man braucht das nicht zu vertiefen, aber Clemens ist nur ein weiteres großspuriges Arschloch in einem Heer aus großspurigen Arschlöchern. Auch wenn es hier schlussendlich überhaupt nicht um ihn geht, traf es doch den Richtigen.

Ich biege in eine Seitenstraße ein. Die ganzen gepflegten Einzel- und Doppelhäuser, die an mir vorbeifliegen, die liebevoll bepflanzten Vorgärten im Licht der allerletzten Sonnenstrahlen des Tages ... all das, zusammen mit meinem inneren Fluchtdruck, lässt mich fühlen, als radelte ich durch Gruselhausen.

Ein wahrer Fragenhagel prasselt durch meinen Kopf, als ich das Rad an einem Laternenpfahl abstelle und die restlichen fünfzig Meter auffällig unauffällig zu meinem Auto gehe. Habe ich nichts am Tatort zurückgelassen? Hat mich doch jemand beobachtet? Folgt mir wer?

Ich bin weiß Gott keine Person, die irgendetwas leichtzunehmen versteht.

Meine Planung ist akribisch. Auf Einzelheiten achten, keine ist zu gering. Regeln sind das A und O. Und gerade dann muss man aufpassen, dass man nicht verrückt oder schlampig wird.

Dies war mein achtzehnter Versuch, Clemens abzupassen! Siebzehnmal habe ich abgebrochen. Weil jemand kam, weil ich mich nicht in Form fühlte, weil dies, weil jenes. Stets hat irgendwas nicht hundertprozentig gepasst.

Man weiß doch immer von vornherein, ob man einen Fehler begeht. Die meisten können sich nur nicht daran hindern. Deshalb gilt es, sich nichts vorzumachen. Das halte ich bei allen Verstümmelungen so.

Aber meine wertvollste Erkenntnis lautet: Wenn dir letztlich egal ist, ob dein Unterfangen misslingt, so sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Fehlschlags um die alles entscheidenden Prozentpunkte.

Während ich im Rückspiegel meine Frisur mustere, dröhnt »I Want It That Way« saulaut aus meinem Autoradio. Backstreet Boys. Der Sommerhit dieses Jahres. 1999. In das neue Jahrtausend wird Clemens weniger optimal starten. Sein altes Leben ist gelaufen. Violinvirtuose? In dieser Hinsicht ist nichts mehr zu machen.

Meine Jeans muss dringend gewaschen werden. Grasflecken.

Ich überrasche mich dabei, wie ich lächle.

Eine emotionale Ungenauigkeit.

Die Nacht wird langsam schwarz.

Gleich bin ich zu Hause. Kurz runterkommen. Finger runterspülen. Baden. Noch fernsehen vielleicht.

Und dann ab ins Bett.

* * *

Es gibt diesen tief verankerten Irrglauben in unserer Gesellschaft, Mord stelle die ultimative Bestrafung eines Menschen dar.

Literatur, Film, Mythen aller Art vermitteln seit jeher dieses Missverständnis vom Töten als höchster Form der Vergeltung.

Aber der Tod bedeutet nichts anderes als Nichtexistenz.

Der Tod stellt lediglich den Zustand wieder her, in dem das Lebewesen sich vor seiner Zeugung befand.

Was soll daran schuldabgeltend sein?

Worin findet sich da ein Aspekt von Strafe?

Die meisten Denkvorgänge des Menschen fußen auf falschen Prämissen.

Das Jenseits ist bestenfalls Gnade, niemals Sühne.

Mein allesverschlingendes Bedürfnis nach Rache kann folglich nur dadurch gestillt werden, jeden Moment im Leben dieser einen Person zur Hölle auf Erden werden zu lassen. Ihr Augenblick für Augenblick Unglück zu bescheren.

Kummer, Schmerz, nie enden wollendes Elend.

Eine Herausforderung, die das eigene Dasein nicht angenehmer macht, die jedoch alleinige Option bleibt, wenn man begriffen hat, wie das Leben wirklich läuft.

Und sobald du begriffen hast, wie das Leben wirklich läuft, ist dein Leben sowieso gelaufen.

Aber dann gehts auch erst richtig los.

* * *

Ich verachte meinen Sohn. Und ich kann nichts dagegen tun.

Die Füße auf dem Schreibtisch, sitze ich telefonierend im zurückgekippten Chefsessel in meinem lichtdurchfluteten Büro, Handy am rechten Ohr. Auf YouTube läuft nebenbei ein Katzenvideo, stummgeschaltet. Darin wälzt sich ein getigerter Kater genüsslich auf einer Couch.

Mein Sohn sagt: »Aber es sind Fe-ri-en«, und zieht das Wort unausstehlich in die Länge. Am liebsten würde ich einfach auflegen. Ich habe ohnehin gleich einen Kaufvertrag zu beurkunden. Stattdessen höre ich mich sagen: »Du kannst das Jahr auch sofort wiederholen, wenn du nicht bald ...«

»Oh Ma-a-nn, chill halt mal. Die meisten Dinge ergeben sich von selbst, wenn man sie nur lässt«, unterbricht Maximilian mich und tut jetzt so, als ob er den Mund voll hätte.

Er ist sechzehn, bereits eins achtundachtzig groß, schwer internetsüchtig, besitzt die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege, redet daher wie ein TV-Moderator mit Professur in Philosophie und, ich kann es nicht anders sagen, ist ein hohler Idiot.

Auf meinem Bildschirm wechselt das Video automatisch zu einem Filmchen mit einer dreifarbigen Katze, die auf einem flachen Saugroboter sitzend durch eine Küche fährt. Lieb, aber Ähnliches hab ich schon zu oft gesehen. Ich klicke weiter.

»Dad?«, fragt Max in die entstandene Pause hinein. Er nennt mich ernsthaft Dad. Englisch. Was für eine Pseudoscheiße.

Ich wechsle den Telefonhörer von einem Ohr zum anderen und komme noch einmal meiner Pflicht als Erziehungsberechtigter nach, indem ich mir etwas Konstruktives aus dem Kreuz leiere, er wird ganz sicher sitzen bleiben, aber es interessiert mich nicht mehr.

»Kein Mensch wird dich später mal bewundern für all die Spiele, die du gespielt hast«, gebe ich zum Besten.

»Sagt wer?« Max betont die beiden Wörter wie tatü in tatütata.

Gelangweilt und dabei überheblich wirken, das hat er drauf. Ein Riesentalent. Leider sein einziges.

Zwei in einem Körbchen ineinandergekuschelte Katzen auf YouTube. »Geschwister | unzertrennlich!« steht in der Beschreibung.

Wir haben die Kontrolle über Max verloren, als er elf oder zwölf war, würde ich sagen. Da wurde er mit einem Schlag wie all die anderen Kids um ihn herum von einem dunklen digitalen Sog absorbiert, lethargisch vor Überreizung.

Natürlich weiß ich, dass bereits Sokrates vierhundert vor Christus die Jugend verloren gegeben hat. Aber das besänftigt mich kein bisschen. Ich habe das Gefühl, die nachrückende Generation ist anders anders als je zuvor. Beinah wie traumatisiert. Sie besitzt keinerlei Potenzial.

Waren Jugendliche bislang mitunter, von mir aus, subversiv, aufrührerisch, radikal oder reaktionär oder progressiv, extrem eigen, all so was, so sind Max und seine Kumpels nur eines – dumpf. Auf eine deckungsgleiche Art, dass einem angst und bange wird.

Es ist keine gewagte Hypothese: Der ganze gleichgeschaltete Haufen wird bald schon zuerst entmündigt und anschließend entrechtet werden. Das einzig Gute daran: Sie werden es nicht mal merken.

Wie durch einen akustischen Nebel höre ich Max noch monoton etwas zu Vernachlässigendes brabbeln, als meine Sekretärin hereinkommt. Ich hebe meine Füße vom Tisch, klicke YouTube weg und greife nach den Papieren, die sie mir in die Hand drückt. Der nächste Vorgang, mein 11-Uhr-Termin. Ich nicke ihr zu. Sie nickt zurück und macht sich auf, um die Truppe aus dem Wartezimmer zu holen.

»Dann wirst du eben Weltklassegamer, ohne Abitur. Oder Sanitärverkäufer in World of Warcraft. Ganz wie du meinst!«, sage ich so spöttisch wie möglich zu Max und lege auf. Dann wird mir klar, dass ich das nicht hätte tun sollen. Und dann denke ich mir, woher will ich wissen, ob das nicht genau richtig bei ihm ankommt.

»Danke, Frau Rütting-Illinger«, rufe ich Frau Rütting-Illinger hinterher. Fünf Silben, ein Doppelnachname. Fünf Silben, die sie mich zigmal am Tag auszusprechen nötigt, weil sie annimmt, es würde irgendein Schwein interessieren, wie ihr Mädchenname lautet. Ich weiß ja noch nicht mal, welcher von beiden das sein soll.

Halbherzig rücke ich meine Krawatte zurecht, schlage die Akte auf und merke, dass ich schon die ganze Zeit die Augen zusammenkneife. Die Sonne knallt jetzt richtig durch die sechs Fenster und lässt mein modern-schlichtes Büro im zweiten Stock überbelichtet erscheinen.

Die Notarkanzlei, die ich mir mit einem Kollegen teile, liegt direkt im Stadtzentrum, in einem herrschaftlichen Altbau schräg gegenüber dem Rathaus, Fußgängerzone, Bestlage. Die Miete ist ein perverser Witz. München ist bald London.

Notare Dr. Staiger & Dr. Nöten steht auf dem Messingschild unten an der Tür, mit amtlichem Notarwappen, so wie man sichs vorstellt. Ich als Erster.

»Herr Kofler, grüße Sie«, rufe ich allzu munter, als ich ihn mit den Klienten im Rücken eintreten sehe und aufstehe. Zack, Anknipsgrinsen. Wir klopfen einander professionell herzlich auf die Schultern und ich rieche, dass er gerade draußen geraucht hat. Sebastian Kofler ist selbstständiger Makler und einer meiner Stammkunden.

Absolute Grundregel: Wenn jemand aussieht wie ein Arschloch, ist er auch eins. Niemals uminterpretieren aus Gründen der Selbstbesänftigung. Killerfresse, aber zartes Gemüt? Das gibt es einfach nicht.

Er verkauft heute eine Achtundneunzig-Quadratmeter-Neubauwohnung an eine vierköpfige Familie, die gerade in Orgelpfeifenformation neben ihm Aufstellung nimmt. Ein Quartett aus Passfotogesichtern. In rascher Abfolge schüttle ich zuvorkommend deren Hände, die meisten kleben, nenne viermal meinen Nachnamen und zeige entlang des Besprechungstisches. Bitte Platz zu nehmen.

Frau Rütting-Illinger wuselt herum, legt Unterlagen auf dem Konferenztisch zurecht und stellt eine Kaffeekanne ab, neben dem Tablett mit unseren dünnen Tassen.

Ich sitze an der Stirnseite, links neben mir Beurkundungsprofi Kofler, ganz Maklerklischee im Sportjackett. Fehlt noch, dass er die Sonnenbrille, die in seinen Haaren steckt, aufzieht.

Rechts von mir der extra glatt rasierte Familienvater im karierten Kurzarmhemd, ziemlich aufgeregt, weil es um, mal nachsehen, einen Kaufpreis von immerhin sechshunderttausend Euro geht (dreißig Prozent finanziert) und es für ihn vermutlich so etwas wie die Erfüllung eines Lebensideals darstellt, seinen undankbaren Kindern etwas hinterlassen zu können, damit sie es mal besser haben als er.

Zwar zahlt er den Kaufbetrag allein und wird mit seiner Frau auch einziehen – als Eigentümer eintragen sollen wir die Wohnung jedoch auf seinen neben ihm sitzenden Sohn, einen grobschlächtigen Landproll Ende zwanzig, mit obligatorischem Schlangentattoo am Hals, sowie auf seine Tochter, zwei Jahre älter, mit reichlich Lipgloss, silbernem Nasenring und komplett tätowierten Unterarmen mit Fantasymotiven. Erwachsen und doch für immer neun.

Echt, ich kanns nicht mehr sehen. Seit ich zwanzig bin, läuft dieser Tattooscheiß. Jetzt bin ich sechsundvierzig. Warum kann ich mich einfach nicht daran gewöhnen?

Im kollektiven Irrglauben, sich zu individualisieren, sehen alle vollkommen identisch aus. Alter und Bildung haben nichts damit zu tun. Sogar mein Sohn überblickt, dass Tattoos nichts weiter bedeuten als Gefallsucht und Mitläuferschaft.

Die Vierte im Familienbund meiner Kundschaft, Mutter Annette Korbmeyer in veilchenfarbener Schlussverkaufbluse, ist derart nervös, dass ich den Eindruck habe, sie heult gleich los. Ein biederes Schattengewächs zur Salzsäule erstarrt. Das echte Leben ist doch etwas anders als in ihren Erotikromanen.

Irgendwo in einem über uns liegenden Stockwerk arbeitet jemand mit einem Bohrhammer.

Kofler und ich betreiben noch etwas Small Talk (macht mich krank, hab ich mir über die Jahre aber draufgeschafft) und ich werde von einer tiefen Niedergeschlagenheit erfasst.

Wie tröstlich, dass sich dieses Gefühl vertraut anfühlt.

Legen wir los.

»So, wir sind heute hier, um einen ... Kaufvertrag ... für eine Wohnung in ... Harlaching zu beurkunden«, sage ich beim Durchblättern der Papiere. Ich spreche langsam, meine Worte scheinbar abwägend, um zu zeigen, wie offiziell das alles ist.

Den Kaufvertrag hingegen trage ich mit meiner Schnelllesetechnik vor, erzeuge ein überflüssiges, aber kalkuliertes Gefühl von Eile, und immer wieder gibt es von Papa ein paar Zwischenfragen zu Paragrafen, die vollkommen unbedenklich sind, wohingegen er kritische Abschnitte souverän durchwinkt.

Aber wer kann es ihm verübeln? Er ist angesichts der Tragweite einfach restlos überfordert.

Für mich bedeutet dieser Termin eine Routineabwicklung mit einer Kostennote von knapp sechstausend Euro. Für weniger als zwei Stunden Gesamtaufwand. Die Nachbearbeitung durch mein Büro eingerechnet, lass es drei sein. Patentanwälte können über solche Beträge freilich nur schmunzeln. Dass das Rechtsgeschäftssystem eine sich selbst aufrechterhaltende Farce ist? Jeder fähige Jurist weiß um die Verachtenswürdigkeit seiner Zunft. Genau daran erkennt man ja die guten.

Wir kommen zu den Schenkungsurkunden, da Herr Korbmeyer die Wohnung Sohn und Tochter zu gleichen Teilen überschreibt.

»Entschuldigung, was genau heißt das?«, schnaubt er skeptisch und unterbricht mein Vorlesegewitter, knapp bevor wir durch sind, ein hoffentlich letztes Mal. Einfühlsam blicke ich ihn an. Männer mit gefärbten Haaren! Ähnlich befremdlich wie Menschen in Funktionskleidung. Sein rechtes Bein beginnt unter dem Tisch zu wippen. Er meints nur gut.

Ich verstehe das schon. Er ist Mitte fünfzig. Seit ich in meinen Vierzigern bin, hat sich mein Nervenkostüm auch massiv verschlechtert. Ich bin nicht mehr so belastbar. Wenn ich nur daran denke, was ich heute noch vorhabe, beginnt mir mein Herz gleich unangenehm bis zum Hals zu klopfen. Kein Hauch vorausgreifender Freude. Nur sachliches Abwägen, den Übergriff makellos zu gestalten.

Große Pläne und dabei aus dem letzten Loch pfeifen. Willkommen in der verfickten zweiten Lebenshälfte.

Mit meiner besten Geduldssimulationsstimme erläutere ich Herrn Korbmeyer also auch noch jenen ihm unklaren Passus, wobei er verständig nickt, als hätte er jetzt nicht nur endgültig alles kapiert, sondern mit lupengenauem Scharfsinn und bewunderungswürdiger Skepsis auch die allerletzte Ungereimtheit im Dienste seiner Familie ausgeräumt.

Da täuscht er sich natürlich.

Den entscheidenden Aspekt bemerkt er nämlich erst gar nicht.

Dieses Schenkungskonstrukt wird den Beteiligten derart um die Ohren fliegen, dass es nur so kracht. Spätestens sobald der Senior samt Frau gestorben ist, werden sich seine missratenen Kinder bis aufs Blut ums Erbe und im Zuge dessen vor allem um die Wohnung streiten. Einer wird den anderen ausbezahlen müssen. Und das ist meistens schwer konfliktbehaftet.

Spätestens dann sehen wir uns wieder.

Die beiden baldigen Eigentümer, Sohn und Tochter, lugen übrigens die ganze Zeit auf ihre Smartphones. Ziehen Grimassen. Lippen stülpen, Wangen einsaugen, yeah. Dauert ihnen wohl schon zu lang, ihre Sechshunderttausend-Euro-Überschreibung. Oder sie posten unser Meeting live im Netz.

Die Unterschriftensetzung erfolgt zehn Minuten später. Mit Datum vom 12. Juni 2019.

Alle sind happy.

Herr Korbmeyer greift zur Belohnung nach einem Keks.

Seine Frau tätschelt sein und ihr eigenes Knie.

Das wird was werden. Wartet nur.

Intelligenz bedeutet in erster Linie Weitsicht.

* * *

Max ist ratlos vor Wut, erschöpft vom Schock. Gerade hatte er das übermannende Gefühl, als würde ihm eine zurückflutende Riesenwelle den Sand unter den Füßen wegschwemmen. Game over. Der Algorithmus war stärker, Max chancenlos, das System hat gewonnen.

Wie einer, der zu früh aus dem Bett steigt, rafft er sich aus seinem Racersessel auf. Computer runterfahren, Yes drücken. Seine Mutter hat ihn schon vor zehn Minuten gerufen, aber schneller gehts nun mal nicht. Er musste sich noch eben erholen. Um fünfundzwanzigtausend Punkte verbessert gegenüber gestern, und dann alles verloren. Kommt vor.

Max hat heute achteinhalb Stunden God of War gespielt. Seine Selbstkontroll-App hätte sowieso gleich Alarm geschlagen. Sie soll den Konsumumfang einschränken helfen. Von Dad aufgezwungen. Nützt: null. Sie erstellt eine Tagesstatistik, anhand derer sich das eigene Onlineverhalten ablesen lässt, was okay ist. Es gibt sogar virtuelle Belohnungen, wenn man es schafft, eine halbstündige Bildschirmpause einzulegen. Man könnte auch für bestimmte Zeitfenster alle seine Digitalgeräte deaktivieren lassen – unter anderem vom Kultusministerium empfohlen –, aber das kommt nicht infrage. Drehn jetzt alle durch?

Kann schon sein, dass Dad recht hat, wenn er meint, Max sei irgendwie abhängig. Das Telefonat mit seinem Vater heute Vormittag war trotzdem mal wieder überflüssig. Alle Jungs in seinem Freundeskreis zocken, oft den ganzen Tag. Das ist normal mit sechzehn. Ich werde nicht durchfallen, werde die Kurve schon noch kriegen, denkt sich Max, während er ein frisches T-Shirt überzieht. Ohne Abi wäre assi.

Max auf eine Privatschule zu schicken, damit ihm dort ein wenig unter die Arme gegriffen wird, steht außer Diskussion. Sein Vater hält die Mitschüler dort für schlechten Umgang. Dad verachtet Bonzenkinder.

Genauso wie Armenkinder.

»Jaha, komme!«, ruft Max seiner Mutter zum x-ten Mal zurück und galoppiert benommen aus seinem Zimmer, die breite Treppe hinunter, durch die Diele in die weitläufige Küche.

»Da bist du ja endlich«, sagt seine Mutter wolkig. Nach ihren Psychotherapiestunden ist sie immer milde gestimmt. Davor war sie im Kundaliniyoga. Gerade hat sie ein Blech Blaubeermuffins gebacken, das sie aus dem Ofen zieht. Ganz die gute Hausfrau, die sie nicht ist.

»Sorry. Hatte noch zu tun. Hat sich die Alte gemeldet?« Max nimmt sich ein Red Bull aus dem Kühlschrank, sein viertes heute. Er lehnt sich mit dem Hintern an die Kante der Kücheninsel und setzt die Dose an den Mund.

Mit der Alten meint er die Sekretärin seines Vaters. Sie bringt eine Menge Unruhe rein. Aber so sehr Max dadurch auch zwischen den Fronten steht – zwischen seiner unnahbaren Mutter und seinem staubtrockenen Vater, ihrer verkorksten Beziehung – und so wenig er gutheißen würde, wenn sich seine Eltern trennten: Falls stimmt, was die Rütting-Illinger über Dad mutmaßt, wäre das ein Zustand der Ungewissheit, den er seiner Mutter nicht zu ertragen zumuten kann. Es muss Klarheit her.

»Allerdings«, sagt Maximilians Mutter, greift mit der Küchenzange nach einem Aufbackmuffin und bugsiert ihn auf einen Teller. »Frau Rütting«, sie benutzt immer nur ihren ersten Namen, »hat vorhin angerufen. Sie glaubt mitbekommen zu haben, dass dein Vater sich heute wieder mit einer Frau verabredet haben könnte.«

Mum schneidet den Muffin entzwei, prüft, ob er richtig durch ist, und führt die eine Hälfte mit spitzen Fingern zum Mund. Max kommt es vor, als spiele seine Mutter gerade die Coole, mit diesem Nebenbeigetue und der gestelzten Ausdrucksweise. Die Rütting »glaubt mitbekommen zu haben«, dass sein Vater sich wieder mit irgendeiner Frau »verabredet haben könnte«. So redet Mum sonst nie. Es klingt wie ein Gegenpegeln zermürbender Anspannung.

Vor ein paar Monaten hatte die Rütting-Illinger seine Mutter aus heiterem Himmel zum ersten Mal angerufen, Max war mit ihr im Auto unterwegs gewesen und wurde Zeuge des Gesprächs.

Wohl aus weiblichem Solidarisierungsbedürfnis heraus berichtete die Rütting, wie sich in letzter Zeit Hinweise gehäuft hätten, dass Dad sich außerehelich betätigt. Und sie fühle sich verpflichtet, diese Verdachtsmomente seiner Mutter mitzuteilen, blabla. Als Loyalität getarnte Aufhetzerei halt.

Max’ Mutter kaut und holt dabei durch den Mund stoßweise Luft, der Fertigmuffin ist heiß. Sie runzelt die Stirn, befindet ihn für gut und serviert Max das erste abgesegnete Stück im weißen Papierbackförmchen.

Eine Weile liegt es einfach nur da, auf dem Teller, der Teller in Max’ Hand.

Mutter, Sohn. Beide schweigen.

Durch die bodentiefen Fenster sieht man in den Garten, und über dem Garten zieht ein Flugzeug einen Kondensstreifen hinter sich her. So hoch am Himmel, dass man den Lärm nur erahnen kann.

»Probier doch mal«, sagt seine Mutter, im Sinne von: »Aber dann fahr endlich los und mach, was wir besprochen haben.«

Max überlegt, den Blick ins Leere. Jetzt gilts also. Es fühlt sich absurd an. Ein moralisches Dilemma.

Max nimmt den Muffin, seine Finger sind kalt und feucht, weil er die ganze Zeit das Red Bull gehalten hat. Er führt das runde Küchlein zum Mund und trifft gleich mit dem ersten Biss eine heiße Blaubeere, die ihm im Mund platzt.

»Sollen wir’s echt durchziehen?«, fragt Max mampfend und plakativ nach kühlender Luft saugend. Nun ist er es, der den Beiläufigen mimt.

Seine Mutter nickt entschlossen. Falls in ihrem Blick eine Spur von Zweifel mitschwingt, verbirgt sie sie gut.

»Mach’s Max, sonst ... jetzt können wir es einfach nicht mehr nicht machen. Sonst dreh ich noch durch.« Das ist sie längst. »So gegen sechs soll sich dein Vater mit der Frau treffen. Wenn du jetzt losfährst ...«

Max isst den Muffin nicht mehr zu Ende, greift noch mal zur Dose, nimmt einen großen Schluck und wappnet sich innerlich für die bevorstehende Mission. In dem Moment, in dem er die Dose zerdrückt, kommt Mephisto zur Katzenklappe hereingerollt und trippelt auf die Beine seiner Mutter zu, um sie drängelnd zu umschmiegen. Die übliche schamlose Choreografie zur Essenszeit. Der Typ ist pünktlich auf die Sekunde, denkt sich Max jedes Mal aufs Neue, keine Atomuhr könnte exakter sein.

Der Kater ist riesig und dermaßen dick, dass er aussieht wie ein Medizinball in einem orangen Pelzmantel. Dad hat ihn vor Ewigkeiten aus dem Tierheim geholt und ist so vernarrt in ihn, dass er ihm oft Fisch und Fleisch aus der Kaufhof-Feinkostabteilung mitbringt. Allerdings schmeckt Mephisto das Billigfutter vom Discounter deutlich besser.

Wieso der Kater so fett ist, kann sich niemand erklären. Sie wiegen die Futterportionen nach einem diätetischen Kalorienindex ab, die Essenszeiten werden streng eingehalten und am Stoffwechsel liegts auch nicht, das wurde ärztlich gecheckt. Außerdem streunt er ständig draußen rum, ist viel in Bewegung.

Vor ein paar Jahren musste Dad in Japan eine Katzenklappe für Übergrößen bestellen, nachdem Mephisto eines Tages nicht mehr durch die alte passte. Zunehmend mühsamer hatte er sich durch die ursprüngliche Öffnung zwängen müssen, wie ein elastischer Pfropfen. Und schließlich steckte er eines Tages komplett fest, schaute bedröppelt, konnte sich die Situation nicht erklären (als schiene ihm, die Klappe müsse geschrumpft sein) und musste sich schließlich rückwärts wieder rausploppen.

Lieferung der Sondergrößenklappe mit Chipkennung, Kantenabrundung und Wärmedämmung aus Tokio, samt Einbau durch einen ortsansässigen Glasereibetrieb: sechzehnhundert Euro.

Heiser vor Nervosität raunt Max seiner Mutter »Ach Scheiße, also dann los!« zu, streicht Mephisto zum Abschied über den Rücken, während der schon frisst und ihn ignoriert, holt alles Nötige aus seinem Zimmer und sitzt wenig später auf der dunkelblauen Vespa.

Als er aus der Auffahrt biegt, schaut er über seine Schulter zurück und sieht auf der Terrasse, ein paar Schritte vor dem Pool, seine Mutter stehen, die auf ihm bekannte Art ihr Kinn erhoben hält und damit beschäftigt scheint, einen unsichtbaren Gegenstand zu balancieren. Ein Leben in Kontemplation.

Nur der Gegenverkehr aus der Stadt heraus ist zäh. Einwärts kommt Max ungehindert durch. Das Dreibeinstativ der Radarkontrolle an der üblichen Stelle bremst er routiniert aus. Grünwald – München Stadtmitte: achtzehn Minuten.

* * *

Um halb fünf steht Max blickgeschützt in einer Ecke gegenüber der Notarkanzlei seines Vaters und wartet. Das GPS-Ortungssystem hat er letzte Woche bereits getestet. Es funktioniert erschütternd gut. Heute wird er an Dad zum ersten Mal den Ernstfall proben.

Gleich nachdem Frau Rütting die Fremdgeh-Indizien gepetzt hatte, war seine Mutter durch die Decke gegangen. Auf eine verzweifelte Art, die eher den desolaten Gesamtzustand ihrer Ehe offenbarte, als dass es die mutmaßlichen Eskapaden seines Vaters abgebildet hätte.

Mum sprach von Trennung, Scheidung, endlich, Vernichten, Bloßstellen und so weiter. Max wusste nicht, wie er das finden sollte. Meinte nur, dass man Belege bräuchte. Hörensagen reiche nicht. Wobei dieser Einwand weniger einer Anwandlung von Besonnenheit entsprang. Vielmehr wollte er die Ehe seiner Eltern nicht ruiniert und seinen Vater nicht schuldlos in die Pfanne gehauen sehen. Weil er mit Dad zwar auch so seine Probleme hat, der sich aber wenigstens mit beiden Beinen auf diesem Planeten befindet und nicht weit weg in anderen Galaxien, wie seine Mutter. Unterm Strich mag auch Dad pathologisch distanziert und verschlossen sein, aber Max hat den Eindruck, dass er nur deshalb so ist, weil ihn seine Intellektualität auf alles Alltägliche mit chronischer Langeweile reagieren lässt. Wenns ernst wird, funktioniert er als Elternteil zumindest. Ohne ihn, nur Max und Mum – nicht auszudenken, welche Verwerfungen das nach sich ziehen würde.

Hoffnungslos oldschool kam seiner Mum die Idee, einen Privatdetektiv zu beauftragen. Als ob man auch noch auf Telefonzellen, DVDs oder Festnetz zurückgreifen würde. Ein vom Aussterben bedrohter Job, Privatdetektiv.

Die Idee mit der Ortungs-App lag nah, grünes Licht seiner Mutter. Die Senderkomponente im Handy seines Vaters zu koppeln und zu aktivieren dauerte keine zwei Minuten. Merkt der nie.

16 Uhr 49. Früher als erwartet. Dad verlässt das Haus, in dem sich die Kanzlei befindet, Max folgt seinem dunkelblauen Anzugrücken in sicherem Abstand. Er ist aufgeregt. Das Ganze fühlt sich falsch an. Wer möchte seinen Vater schon dabei beobachten, wie er sich unbeobachtet verhält. Das ist zu intim, zu entwürdigend. Für beide Seiten.

Auf seinem Handydisplay sieht Max, auf den Meter genau, wohin sein Vater läuft. Der Gegencheck mit bloßem Auge bestätigt das. Er läuft die Fußgängerzone hinunter, bis zum Sendlinger-Tor-Platz, betritt dort ein Motel One. Oh nein! Max bleibt hinter einem Lieferwagen stehen, den Eingang im Blick. Was soll er jetzt machen? Alle Frauen fotografieren, die hineingehen? Vielleicht ist die betreffende ja schon drinnen. Er beschließt, weiter zu warten.

Nach sieben Minuten kommt Dad ohne seine schicke Ledertasche wieder raus und marschiert über mehrere verwinkelte Straßen zu einem italienischen Restaurant und betritt es, ohne zu zögern.

Max hat Glück und Pech zugleich. Er könnte kotzen, als er seinen an einem Fensterplatz sitzenden Vater sich mit einer fremden alten Frau, die erst nach einer Ewigkeit erschienen ist, unterhalten sieht.

Wie sehr hatte Max gehofft, alles wäre nur ein Irrtum, eine Fehlinterpretation.

Er macht Fotos, die aber auf die Distanz und durch die Scheibe nichts taugen. Müssen sie ja auch nicht. Es reicht, wenn Max weiß, was Sache ist. Er ist ja eben kein angeheuerter Schnüffler, der den Ehebruchbeweis in Form von Bildern zusammentragen muss. Das Wissen allein ist schrecklich genug. Diesen Albtraum braucht seine Mutter nicht auch noch schwarz auf weiß vorgelegt zu bekommen. Wahrscheinlich sitzt sie gerade daheim, in sich gekippt, voller nervöser Unruhe. Max stellt sich vor, wie er ihr die Nachricht überbringen wird. Er spielt schon lange nicht mehr sich selbst, wenn er in ihrer Nähe ist.

Aber er wird dennoch nichts beschönigen.

Er starrt wieder rüber ins Restaurant. Gerne würde er hören, was sein Vater und die Hure reden. Vielleicht hätte er das Richtmikrofon gleich mitbestellen sollen, das es auf derselben Website wie die Ortungs-App gab. Dort wurden auch Minikameras mit Nachtsicht, Abhörgeräte und GPS-Fahrzeug-Tracker angeboten. Zu lächerlich niedrigen Preisen. Kann sich jeder leisten.

Die Welt ist verloren.

Mach doch endlich, dass die beiden zu labern aufhören. Max wird ungeduldig. Für einen Moment flammen seine Kieferschmerzen auf. Die Geschichte mit seinem Kumpel Laurin gestern. Er hatte via Bildschirm mit ihm gewettet, dass er seine Faust ganz in seinen Mund bekommt, und sie dann ewig nicht mehr rausgekriegt.

Endlich. Er sieht, wie sein Vater zahlt.

Dad und die Olle schlendern anschließend in das verfickte Motel One und Max bleibt nichts anderes übrig, als geschlagene zweieinhalb Stunden zu warten. Wieder warten! Er müsste eigentlich nicht, er hat genug gesehen, möchte es jetzt aber genau wissen.

Die Warterei ist zermürbend. Gleichzeitig empfindet er es als angebrachte Selbstbestrafung, denn was er hier macht, ist abartig. Für einen Moment weiß er gar nicht, wessen Schuld größer ist: die seines Vaters oder seine. Max, der etwas aufdeckt, das ohne Aufdeckung gar nicht erst wahr geworden wäre.

Wieso hat sein Vater überhaupt noch Sex? Er ist 46. Ekliger Gedanke.

Die Sonne geht langsam unter. Max sucht sich in dem kleinen Park gegenüber dem Hotel eine Bank. Neben ihn setzt sich bald ein alter Mann mit Buckel und knittriger Bundfaltenhose, der mit sich selbst auf Arabisch debattiert. Nach einer Ewigkeit erst verzieht er sich.

Sichtlich zerzaust, Max glaubts ja nicht, verlässt die durchgevögelte Nutte um 22 Uhr 8 das Hotel. Ihm läuft ein Schauer des Ekels über den Rücken, während er abwägt, ob er heimfahren soll, jetzt reichts nämlich wirklich, entscheidet sich dann aber anders und möchte plötzlich nichts lieber wissen, als ob sein Vater hier schläft oder nach Hause fährt. Dad bleibt nämlich manchmal über Nacht weg, sagt, er sei im Büro geblieben, zu viel Arbeit, und habe dort auch übernachtet. Er hat Couch und Dusche in der Kanzlei.

Dass er nachts manchmal nicht heimkommt, ist zwischen ihm und Max’ Mutter kein Thema. Die zwei haben sich längst so entfremdet, dass man keinerlei Anlass für rechtfertigende Auskünfte verspürt.

Dad kommt und kommt nicht!

Knapp bevor Max abbrechen will, trottet sein Vater aus dem Hotel. Max hätte ihn beinah nicht erkannt, weil er einen Trainingsanzug trägt. Vor lauter Überraschung versäumt Max es fast, sich hinter einem Strauch zu verstecken.

Dad geht dieselbe Strecke zu seinem Büro zurück, auf der er vor Stunden herkam. Max beschließt, ihm nicht mehr zu folgen und einen anderen Weg zur geparkten Vespa einzuschlagen und somit nicht Gefahr zu laufen, aufzufliegen. Als ihm plötzlich etwas Merkwürdiges auffällt. Das Ortungssystem auf seinem Smartphone zeigt keinerlei Bewegung an. Schaut Max aber die Straße hinunter, sieht er seinen Vater zügig Richtung Norden marschieren.

Der Peilsender regt sich dabei kein bisschen.

Falls Dad im Hotel ausgecheckt haben sollte, wäre es für seinen übergenauen Vater ungewöhnlich, sich nicht zu vergewissern, nichts auf dem Zimmer liegen gelassen zu haben. Schon gar nicht das iPhone.

Und dann auch noch dieser Trainingsanzug. Und die Ledertasche hat er auch nicht dabei. Dafür eine Tüte.

Irgendwas stimmt hier nicht.

Max beginnt die rechte Häuserzeile entlang zu joggen und holt seinen Vater in sicherem Abstand ein, sieht, wie er in die Tiefgarage unweit der Notarkanzlei geht und kurz darauf in seinem alten Mercedes CLK wieder rauskommt. Auch komisch, dass er nicht seinen Jaguar, sondern den betagten Benz genommen hat, von dem er sich zwar kurioserweise nicht trennen will, der in letzter Zeit aber nur noch in der Garage stand.

Genügend Sicherheitsabstand wahrend hängt sich Max mit dem Moped an Dads Auto.

Sein Vater ist normalerweise ein extremer Raser, fährt heute aber genau nach Tempolimit. Scheint entspannt zu sein.

Frisch gefickt.

Mein Gott.

Dad will definitiv nicht heim, überlegt Max, als der Wagen nach Osten weiterfährt, anstatt rechts abzubiegen.

Nach einer weiteren Ewigkeit kommt der CLK in einer Nebenstraße nahe dem Stadtrand zum Halt, parkt. Max bleibt fast das Herz stehen. Was tun?

Er hält ebenfalls an und schiebt die Vespa zwischen zwei parkende Pkw, linst ums Heck des VW-Busses vor ihm und sieht – nichts.

Sein Vater ist verschwunden. Der Wagen steht verlassen da.

Max kennt die Gegend, seine Tante wohnt zwei Straßen weiter.

Lauter gepflegte Einzelhäuser, Siebzigerjahrestil. Was soll er jetzt machen?

Aus einem Impuls heraus beschließt er, vorsichtig durch die Straßen zu schleichen, um nicht von seinem Vater ertappt zu werden, sondern vielmehr ihn zu ertappen. Eventuell findet er ihn ja wieder. Ist er hier, um zu joggen? Eine weitere Frau besuchen? Es wird immer kurioser.

Max’ Weg führt ihn nach mehreren willkürlichen Abzweigungen am Haus seiner Tante vorbei. Neben einem Stromverteilerkasten, diagonal gegenüber ihrem Grundstück versetzt, bleibt er stehen. Evi Junckers, die Schwester seiner Mum. Sie ist eine Geschäftsfrau auf Selbstverwirklichungstrip, berufsbedingt viel unterwegs, agil, lebensfroh, das Gegenteil seiner Mutter.

Und dann passiert etwas, das kein Zufall sein kann, das spürt Max sofort.

Er sieht Tante Evi mit ihrem großen schwarzen Mercedes am anderen Ende der Einbahnstraße auftauchen. Ausgerechnet. Er erkennt ihr personalisiertes Kfz-Kennzeichen im kurzen Lichtmoment, als sie eine Straßenlaterne passiert. M-EJ 21 noch was.

Sie setzt den Blinker, das elektrische Garagentor schwenkt bereits automatisch auf, enorme Reichweite der Fernbedienung, diagnostiziert Max noch und traut seinen Augen nicht, sieht aber in der sich öffnenden Doppelgarage einen Schatten neben dem Regal rechts stehen. Ganz eindeutig. Es ist dunkel, es ist nur eine Silhouette von vielen in der mit allerlei Kram verstellten Garage, aber es ist völlig klar, dass das sein Vater ist.

Wie angewurzelt steht Max da, denkt sich, das wird schon seinen Grund haben. Denkt sich, mein Vater bumst auch meine Tante, denkt sich, nein, das ist unmöglich, denkt sich, nicht eingreifen, sonst zerstöre ich noch irgendeine Überraschung, die ich gerade nicht voraussehen kann.

Keine Frage, er kriegt hier irgendwas nicht mit.

Und dann sieht er seine Tante den Mercedes vorsichtig in die Garage bugsieren, nach einiger Nestelei aus dem Wagen steigen, es ist immer noch dunkel in der Garage, sie will den Lichtschalter an der Wand anknipsen, aber sein Vater, der etwas über den Kopf gezogen hat, springt aus der Deckung, drückt ihr von hinten einen Gegenstand auf den Mund, zwingt sie nieder. Es dauert wenige Sekunden, bis Tante Evi auf dem Boden liegt. Dann betätigt Dad einen Knopf hinter dem Regal, das Garagentor senkt sich erhaben, und noch ehe es ganz schließt, erkennt Max, der unbeweglich und mit offenem Mund immer noch an derselben Stelle gegenüber dem Grundstück steht, dass sein Vater mit so etwas wie einem Hammer oder einer großen Zange wie wild auf die Beine seiner Tante eindrischt.

Ein-, zwei-, dreimal. Wie im Rausch. Dann schließt das Tor.

Gespenstische Ruhe.

Max kapiert gar nichts mehr.

* * *

Erledigt, erledigt, erledigt. Es ist halb fünf. Meine To-do-Liste sagt, das wärs für heute. Keine weiteren offiziellen Termine mehr. »E. J. einen einschneidenden Schicksalsschlag verabreichen« steht natürlich nicht auf der Liste.

Der Wohnungskauf von Familie Korbmeyer heute Vormittag ging postalisch bereits raus, die Vorsitzende der Landesnotarkammer habe ich ebenfalls zurückgerufen.

»Gutte Tag Herr Dokto Staiga«, unterbricht eine Stimme meine Gedanken. »Sauber machen ich jetz, könne jetz?« Unsere rumänische Putzfrau betritt unvermittelt mein Büro.

»Bin gleich weg, Frau Paladi«, antworte ich freundlich, während sie trotzdem meinen Mülleimer zu leeren beginnt.

»Bin wirklich gleich weg, nur fünf Minuten«, bitte ich erneut um Einhalt. Dem entgegnet sie etwas scheinbar Humorvolles, das ich nicht kapiere. Sie lebt erst seit dreißig Jahren in Deutschland, deswegen ist ihre Grammatik noch ein wenig wacklig.

Sie gackert über ihren eigenen Scherz und ich stimme wohlwollend mit ein, beinahe devot. Und während sie sich entschließt, mein Büro vorerst doch noch zu verlassen, steigert sie sich richtig rein und ihr Kichern wird zu einem prustenden Wiehern. Lebensfreude live. Ich sehe ihr bewundernd nach. Durch ihre niedere Einfalt ist sie derart unangreifbar, dass sie sich ein vollkommen freies Lachen leisten kann.

Ich ordne noch einige Unterlagen auf meinem Schreibtisch. Stoße ein paar lose Seiten auf Kante.

Das frisch geladene iPhone meldet keine kurzfristige Absage meines Treffens in einer Stunde mit einer gewissen Marion, die ich auf einer Sexdatingseite kennengelernt habe.

Wir haben uns letzte Woche zum ersten Beschnuppern auf einen Kaffee verabredet. Heute gehen wir was essen und dann aufs Hotelzimmer, das ich gebucht habe.

Casual Dating ist so viel entspannter und ehrlicher als klassische Partnerportale. Du musst keiner Frau vormachen, du würdest eine Beziehung suchen, Wärme, Nähe, was Dauerhaftes. Beide wissen, erst mal Sex haben und dann weitersehen – was bei mir bedeutet: zügig wieder Abschied nehmen.

Ich praktiziere diese Art der Affärenanbahnung seit Jahren. Inzwischen kriege ich schon beim dritten Mal Vögeln keinen mehr hoch, da ich derart abgebrüht bin, dass mich nur noch maximal die ersten beiden Male mit derselben Frau ausreichend stimulieren können.

Das Lustempfinden verkümmert, wenn du wieder und wieder neue Körper konsumierst. Du weißt gar nicht mehr, worauf du dich einstellen und wofür du überhaupt noch heiß werden sollst.

Es wird zum stupiden Abarbeiten eines selbst auferlegten Prinzips. Es geht nur noch um die Idee von Sex.

Vielleicht gings nie um was anderes.

Aufhören kann und will ich dennoch nicht. Was hat man denn sonst noch?

Zu einem nicht unerheblichen Teil habe ich nur deswegen Sex, weil mich dabei meine Schwermut und Denksucht in Frieden lassen.

Phasenweise verliere ich vor lauter Überfrachtung von neuen Frauen die Kontrolle und stecke ihn auch mal ohne Gummi rein.

Wie im Wahn fatalistischer Gleichmut.

Wird etwas zu viel, setzt zwangsläufig so was wie eine Tendenz zur Selbstzerstörung ein, schätze ich.

Bislang kam ich aber glimpflich davon. Zwei je fünftägige Antibiotikakuren. Zum einen wegen eines Pilzes mit einer obskuren Buchstaben-Zahlen-Kombination (wobei gegen Schmierinfektionen auch kein Kondom hilft), zum anderen wegen einer Nierenentzündung. Alles ruckzuck behoben.

Auch wenn es mental anstrengend ist, sich dem eigenen Leistungsdruck auszusetzen (wer ist schon mit einer fremden Frau in einem Hotelzimmer termingenau in Stimmung? »Klopfklopf, es ist 16 Uhr 30. Los gehts!«), bin ich froh über Onlinesexdating. Wie trostlos war es doch, als es das noch nicht gab. Steinzeit. Ins beklemmende Nachtleben eintauchen? Dunkel, laut, miefig, die Leute überdreht? Nichts für mich. Die Offensichtlichkeit deiner Absicht, wenn du dich einer Frau näherst, diese Durchschaubarkeit ist derart jämmerlich. Und du hast keine Ahnung, ob die Frau, die du ansprichst (könnt ich niemals!), sich nur mit einem ziellosen Flirt die Zeit vertreiben und ihren Marktwert testen will.

Bei Casualportalen kannst du mannigfach Blindakquise betreiben, investierst täglich zehn Minuten mit dem Versenden deines Standardanschreibens und bekommst, meiner Erfahrung nach, eineinhalb potenzielle Kandidatinnen pro Monat ins Bett. Zudem bin ich nicht wählerisch. Schönheit ist nur ein Trick der Natur, für die Einfachgestrickten. Aussehen sagt über körperliche Passgenauigkeit exakt gar nichts aus. Es lassen sich die erstaunlichsten Überraschungen erleben. Eine eher unattraktive Erscheinung: superkompatibel. Mittelansehnlich: gänzlich untalentiert oder auch deutlich über Durchschnitt. Sehr hübsch: total gehemmt. Oder ganz anders.

Und wirklich küssen kann sowieso nur jede Zehnte. Die anderen machen mit ihren Zungen Dinge, dass ich manchmal innehalten und fragen möchte: Was genau soll das sein? Wie soll ich darauf reagieren? Bist du eine tollwütige Klapperschlange? Oder ein offenmäuliger Fisch mit Zungenlähmung?

Eigendynamisches Ineinandergreifen ist rar.

Von Geruch, Haut, gegenseitigen Proportionen im Verhältnis zueinander ganz zu schweigen.

Vielleicht wirds langsam zu viel. Es gibt ihn einfach, den Augenblick, an dem man am Ende dessen angelangt ist, was einem widerfahren kann.

Unnötig eilig sammele ich meine Sachen zusammen, verlasse mein Büro und betrete das Vorzimmer. Durch das Panoramafenster sieht man direkt auf den Marienplatz, in ganzer Breite.

»Sind Sie gerade an der Akte Welss AG/Hermannsdorf dran?«, frage ich Frau Rütting-Illinger, die mit kerzengeradem Rücken vor ihrem Computer sitzt, der ja eigentlich meiner ist.

»Sieht so aus«, antwortet sie, ohne die leiseste Spur eines Lächelns. Frau Rütting-Illinger ist eine resolute Sechsundfünfzigjährige vom alten Schlag. Stets tiptop gekleidet, gewissenhaft, restlos verhärmt. Sie ist wirklich unentbehrlich für mich geworden und ich zahle ihr mehr, als ich müsste. Ein Akt, der selten wertgeschätzt wird, da Menschen Entgegenkommen allzu schnell als selbstverständlich abheften.

»Äh, ... schön«, murmele ich, mal wieder perplex über ihre ostdeutsche Muffigkeit. Ist Frau Rütting-Illinger auch bereits seit acht Jahren bei mir, so können wir beide mit Fug und Recht behaupten, dass wir uns emotional kein bisschen angenähert haben.

Ich sage: »Ich sehs mir dann morgen gleich in der Früh an. Die handschriftlichen Anmerkungen haben Sie berücksichtigt?« In gespielter Entspanntheit ziehe ich die Augenbrauen hoch, als wäre es nur eine Nebenbemerkung. In Wahrheit befinde ich mich immer in Habachtstellung. Notarskorrespondenz muss hundertprozentig korrekt sein, inhaltlich wie orthografisch.

»Ihre Anmerkungen habe ich natürlich aufgenommen. Der Vorgang ist sofort fertig. Sie könntens gleich noch durchschauen, aber wahrscheinlich haben Sie’s sehr eilig, oder?« Frau Rütting-Illinger legt angewidert die Stirn in Falten. Sie hat immer eine Laune zum Davonlaufen, aber irgendwas ist neuerdings anders an ihrem Verhalten. So vorbehaltlich. Als käme das dicke Ende noch. Ich kann es nicht auf den Punkt bringen.