Oliver Mey

Epidemie der Wahrheit

Roman

Inhalt

Vorwort

Was ist mit Charly los?

Good bye, Angie

Die Machenschaften des Dr Tamoti

Cindys verrückte Entdeckung

Lord Shivas letzte Show

Ulrike bleibt skeptisch

Rodney und die Sicht der Männer

Vorweihnachtliche Gefühle

Ingrids Doppelleben

Ulrikes Analyse

Alptraum vor laufender Kamera

Allans Artikel

Aussichten auf Tapetenwechsel

Berlin-Paris: Die lange Fahrt

Frédérics Bericht, oder: Wenn eine Großmutter auspackt

Die Party der feinen Leute

Leben in Paris, da läuft was

Wenn ein Banker Klartext redet

Trout Bank, Nachlese

Der große Schritt

In vino veritas, oder: Der Verlust einer Medaille

Vielversprechende Aussichten

Es gibt Verstärkung

Tills zerschellte Hoffnungen

News von Rodney

Die Geheimnisse des Amazonas

Ein Wiedersehen

Jeffreys Mission

Die Kunstmesse

Jeffrey kriegt seinen Teil

Der große Körper

Modern Times

In der Mangel eines Autokraten

Wird’s bedrohlich?

Tills Artikel

Schwarze Schafe gibt es überall

Die Presse reagiert

Das Wunder der weinenden Maria

Begegnung mit Monsieur Déran

Medienrummel angesagt

Einblick in eine Star-Fabrik

Stoff für eine gewisse Leserschaft

Ein zweiter Anlauf

Bald ist’s so weit

Die Vorahnung

Die Sendung

Ein bitterer Nachgeschmack

Der Medienrummel tobt

Signora Saltinetti, der Sturz eines Idols

Jetzt geht’s los

Im Rampenlicht

Epilog

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Dank, dass du dich für den Roman Epidemie der Wahrheit entschieden hast.

Er wurde mit höchster Sorgfalt geschrieben, korrigiert und lektoriert. Deshalb hoffen wir, dass er dir Freude und Unterhaltung bereiten wird.

Aber Achtung! Weil dieser Roman etwas anders funktioniert, als du es vermutlich von bisher gelesenen Büchern gewohnt bist, ist es wichtig, dass du dir diese kurze Anleitung zu Gemüte führst, bevor du mit dem ersten Kapitel beginnst.

1. Lies wenn möglich in einem Zug die ersten vier, fünf Kapitel durch.

2. Stelle dir dabei nicht hunderttausend Fragen, selbst wenn dir Unerwartetes, ja Befremdliches begegnet.

3. Lege das Buch auf keinen Fall zur Seite, auch wenn du - was die Handlung betrifft - im Dunklen tappst.

4. Lass dich also bei der Hand nehmen und vertraue dem Autor. Er weiß, wo er dich hinführen will.

5. Bist du mal bis zu Kapitel 6 vorgedrungen, überlasse die Führung Cindy und Ulrike, welche du durch die weiteren Geschehnisse begleiten wirst.

Und jetzt: Viel Spaß!

Kapitel 1

Was ist mit Charly los?

Widmington, Kentucky

„Hey, Charly, komm mal kurz ins Bad“, schrie Angie über die Schulter hinweg.

Sie hörte Charlys schlurfende Schritte im Flur.

Mann, wie der ihr auf die Nerven ging, seine Langsamkeit, sein Mangel an Ehrgeiz. Die Hölle, mit so einem Versager verheiratet zu sein. Anita, ihre Schwester, hatte ihr schon lange geraten, sich von ihm scheiden zu lassen.

„Was ist das Problem?“, fragte Charly, den Kopf durch den Türrahmen streckend.

„Da stimmt was nicht mit der Badewanne“, keuchte sie und kämpfte gegen einen aufkommenden Asthma-Anfall an. „In letzter Zeit ist da immer so ein klebriger Belag. An was liegt das? Ist vielleicht die Armatur defekt?“

Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne.

„Die Armatur defekt? Wie kommst du drauf?“ Charly strich seine strähnigen Haare über die Glatze. „Bist du dumm? Wie soll die Armatur einen klebrigen Belag verursachen?“

„Wie sprichst du mit mir, Charly? Was fällt dir ein, mich dumm zu nennen?“

„Genau das bist du.“

„Was? Was soll das? Wenn ich dumm bin und du so klug, dann sag mir wenigstens, woher dieses Zeug kommt.“

„Das kann ich dir schon sagen, Angie“, erwiderte Charly in neutralem Ton und fixierte seine Frau mit den wässrigen Augen.

„Ich wichse mir seit einiger Zeit regelmäßig einen ab, wenn ich unter der Dusche bin. Leider hab ich zu wenig darauf geachtet, die Badewanne danach zu putzen. Daher kommt dieses Zeug.“

Angie glotzte Charly mit offenem Mund an. Hatte sie richtig gehört? War es möglich …? Vorübergehend wich ihre Wut einem Gefühl von Verwirrtheit.

Schnell hatte sie sich aber wieder gefasst und fragte schrill: „Was sagst du da bitte, du widerliches Schwein? Bist du völlig verrückt? Hast du sie nicht mehr alle?“

„Ich bin nicht verrückt. Ich sage nur die Wahrheit. In deiner Jugend warst du ein knackiges Ding, von allen Jungs unseres traurigen Kaffs begehrt. Aber schau dich jetzt an!“ So langsam kam er in Fahrt. „Schau, wie du dich gehen lässt, all das Fett, das du dir über die Jahre angefressen und angesoffen hast, deine verbitterte Visage. Kein Mensch hat noch Lust auf dich. Ich jedenfalls nicht.“ Angie war zündrot im Gesicht und wollte protestieren.

„Unterbrich mich jetzt nicht!“, rief Charly bebend.

Endlich war er in der Lage, auch mal seine Meinung zu sagen.

„Lass mich fertig reden. Seit wie vielen Jahren haben wir’s nicht mehr getrieben, Angie? Am Anfang unserer Ehe hast du dich immer schrecklich geziert, in der kurzen Zeit, als du noch begehrenswert warst.

Schon damals musste ich auf die Wichserei zurückgreifen. Dann hast du dich allmählich so gehen lassen, dass ich es vorzog, mich nur noch darauf zu beschränken. Kürzlich habe ich entdeckt, wie gut es ist, das unter der warmen Dusche zu tun. Ich weiß nicht, ob du auch masturbierst, um sexuell über die Runden zu kommen, und ob du dir dabei einen Film im Kopf abspielst, mit wem du es treibst.

Ich jedenfalls mach das. Seit die Fetchers drüben eingezogen sind, denke ich beim Wichsen zum Beispiel an die kleine Rebecca mit ihrem zierlichen Arsch und den sprießenden Brüstchen, ihrer zarten Figur …“

Angie sprang auf. „Von wem sprichst du? Wer um Himmels willen ist diese Rebecca?“

„Hab ich doch gesagt! Rebecca Fetcher, die Tochter unserer neuen Nachbarn. Ich finde die sowas von heiß.“

Wie ein ausbrechender Vulkan, der endlich seinen Überdruck ablassen kann, schrie Angie los: „Du perverses, widerliches Schwein! Du bist total durchgedreht! Die ist höchstens dreizehn. Wehe, du vergreifst dich an ihr. Ich wäre die erste, die dich anzeigen würde, und zwar mit größtem Vergnügen. Ein Typ wie du gehört in die Klapsmühle! Schon was du vom Wichsen erzählst, ist jenseits von Gut und Böse. Aber dass du in deinen pädophilen Anwandlungen und sexuellen Fantasien an dreizehnjährige Mädchen denkst, geht wirklich zu weit. Ich werde die Fetchers warnen und ihnen sagen, wie gefährlich du bist und dass sie ihre Tochter von dir fernhalten sollen.“

„Aber Angie, ich sag ja nur die Wahrheit. Nie würde ich der Kleinen was antun, benutze sie bloß in meiner Vorstellung“, versuchte sich Charly zu rechtfertigten.

„Hör endlich auf mit deiner verdammten Wahrheit, das geht mir auf den Keks.“

Erschöpft setzte Angie sich wieder und rang nach Luft. „Was ich nur nicht verstehe, Charly, wie kommt es, dass du dich so schlagartig verändert hast? Bisher hast du dich nie getraut, die Schnauze aufzumachen. Und plötzlich sprichst du wie ein perverses Monster, das sich über das Gesagte nicht mal schämt. Wirfst mir an den Kopf, dass ich fett und hässlich bin. Aber du, hast du dich mal selber angeschaut im Spiegel? Hast du deinen überhängenden, schlaffen Bauch gesehen, deine spärlichen, klebrigen Haarsträhnen, die du dir quer über die Glatze streichst, wie das unsere Großväter vor fünfzig Jahren gemacht haben? Merkst du nicht, wie ungepflegt du bist, wie heruntergekommen? Lieber Charly“, setzte sie ihre Tirade in gespielt süßlichem Ton fort, „möchtest du auch mal die Wahrheit, MEINE Wahrheit kennen? Wieso solltest du nicht erfahren, dass ich dich schon immer für einen unfähigen Dummkopf, einen totalen Trottel gehalten habe?

Du bist für mich der König der Idioten, der Inbegriff eines Versagers, das wandelnde Symbol der Erfolglosigkeit. Zudem bist du schon lange impotent“, kreischte sie höhnisch. „Wie hätte ich DAS nicht bemerken können …“

„Das stimmt nicht!“, wehrte sich Charly aufgebracht. „Das ist es ja gerade, was ich dir vorhin erklärt habe. Lieber wichse ich mir einen ab, als dass ich mit dir ins Bett gehe. Wer mag denn schon eine fette Schlampe wie dich vögeln?“

Angie war kurz sprachlos, benommen, als hätte sie jemand ins Gesicht geschlagen. Charly hatte sie tatsächlich als fette Schlampe bezeichnet.

Angie erhob sich langsam – inzwischen purpur im Gesicht – und ging auf Charly zu. Den Zeigefinger auf ihn ausstreckend überschüttete sie ihn mit den vulgärsten Fluchwörtern, die das amerikanische Vokabular hergab.

Er ließ die Beschimpfungen wie immer über sich ergehen, im Bewusstsein, dass Angie wegen ihres Asthmas bald erschöpft sein und Atemnot kriegen würde.

Und so war’s auch diesmal.

Nach Luft ringend, vor Wut und Aufregung zitternd, stieß Angie mit Mühe hervor: „Ich verzieh mich heute zu meiner Schwester. Sie kennt einen guten Anwalt in unserer Gegend. Den zu kontaktieren wird mein erster Schritt sein. Ihm kannst du dann erklären, wie heiß du die minderjährige Rebecca findest, wenn du dir einen abwichst. Und du kannst Gift drauf nehmen, dass ich dir eine heiße Nummer vorbereite. Das Haus geht an mich, glaub mir. Dafür werde ich mich einsetzen und ich werde dafür sorgen, dass du mit Sack und Pack rausgeschmissen wirst.“

„Willst du dich scheiden lassen, Angie?“, fragte Charly dümmlich.

Sie hatte sich etwas beruhigt, kramte ihren Asthma-Spray hervor und inhalierte eine gute Dosis.

„Du Vollidiot, was für eine Frage! Denkst du wirklich, dass für mich ein Leben mit dir noch möglich ist, nach alldem? Und wenn wir schon dran sind, Charly: Wie wär’s, wenn ich dir noch ein ganz besonderes Häppchen Wahrheit vorsetzen würde?“

Charly stierte Angie, die sich ihm noch etwas mehr genähert hatte, wortlos an.

„Ich habe dich nur geheiratet, weil der Vater des Kindes, das ich in mir trug, nichts mehr von mir wissen wollte und es zu vermeiden galt, in unserem Kaff als alleinerziehende Mutter dazustehen. Mach nicht so ein langes Gesicht.

Du siehst, ich kann auch austeilen, wenn ich will.

Du warst nicht der Vater des Kindes, mein lieber Charly. Da hatte ich dich angelogen.“

Triumphierend stellte Angie fest, dass diese Enthüllung Charly wirklich ans Herz ging. Er hatte wieder diesen weinerlichen Ausdruck im Gesicht, zum Ohrfeigen.

„Hätte ich gewusst, dass das Kind tot zur Welt kommen würde, wär ich NIEMALS auf die Idee gekommen, einen Typen wie dich zu heiraten. Im Nachhinein habe ich mich verflucht, dieses Kind verflucht, welches mich damals dazu gezwungen hatte, diesen verhängnisvollen Schritt zu gehen. Du siehst, Charly, ich bin froh, endlich einen Grund zu haben, die Scheidung einzuleiten. Ich habe bereits genug Beweise, um dich von einem auch nur mittelmäßigen Anwalt zur Schnecke machen zu lassen.“

„Ich bin ja auch nicht gegen die Scheidung“, erwiderte Charly. „Es wird auch für mich eine große Befreiung sein.“

„Lass mich fertig reden. Vorläufig fahre ich zu meiner Schwester … “

„Das ist aber weit weg …“

„Unterbrich mich nicht ständig. Von ihr aus werde ich das Nötige in die Wege leiten, einen Anwalt kontaktieren und so weiter.

Glaub mir, du wirst durch die Hölle gehen. Ich bin todsicher, diese Scheidung haushoch zu gewinnen.“

Abrupt verließ sie das Badezimmer, ohne eine Reaktion von Charly abzuwarten, schnappte das Telefon im Wohnzimmer und verzog sich – die Tür zuknallend – ins Schlafzimmer.

Sie wählte die Nummer ihrer Schwester. Wenn Anita nur zuhause ist, dachte sie fiebernd.

Es dauerte nicht lange, dann nahm diese ab.

„Anita, darf ich für ein paar Tage zu dir kommen? … Hier ist was ganz Furchtbares passiert. Es geht um Charly, aber es ist zu verrückt, als dass ich dir das jetzt am Telefon erklären kann … Vielen Dank, du bist ein Schatz! Sobald ich gepackt habe, fahr ich los. Ich sollte gegen Mitternacht bei dir sein. Bis dann.“

Erleichtert legte sie auf.

Alles klappte bestens, so wie sie es sich erhofft hatte.

Immer noch beflügelt von ihrer Siegesgewissheit, packte sie sofort ihren Koffer und suchte die für ihre Scheidungsabsichten nötigen Dokumente zusammen.

Sie eilte sogar ins Bad, um sich frisch zu machen, dahin, wo dieser denkwürdige Streit angefangen hatte. Angewidert schaute sie zur Badewanne. In diesem Haus konnte sie keine Sekunde länger bleiben, das war klar. Endlich kam Bewegung in ihr Leben, sie hatte richtig entschieden. Triumphierend betrachtete sie sich im Spiegel. Ja, sie war guter Dinge, bereit zu kämpfen, ihrer Sache sicher.

Bald war sie reisefertig, lud, Charlys Hilfe abweisend, ihren Koffer ins Auto.

„Pass auf, Angie! Du bist dir bewusst, dass du nicht Auto fahren solltest mit den Medikamenten, die du nimmst?!“

„Lieber Charly, lass das MEINE Sorge sein. Ich weiß schon, was ich tue.“

Zwar war sie es nicht gewohnt, so lange Strecken zu fahren, aber sie steckte immer noch voller Energie und bemerkte keine Spur von Schläfrigkeit, einer Nebenwirkung des Medikaments, das sie schon längere Zeit wegen ihres Asthmas einnehmen musste.

Im Gegenteil, sie fühlte sich wacher denn je und fuhr los, ohne sich zu verabschieden oder zurückzuschauen.

Es war Charly, der völlig benommen im Hauseingang stand und nicht begriff, wie es so weit kommen konnte. In Gedanken versunken schlich er ins Wohnzimmer zurück.

Was war geschehen? Natürlich, er hatte die Wahrheit gesagt, aber warum?

Früher behielt er, wie jeder, seine Geheimnisse für sich.

Was um Gottes willen hatte ihn bewogen, mit der Wahrheit herauszurücken? Er war so verwirrt, dass er sich auf die Couch legte, wo er augenblicklich einschlief.

Gegen Abend erwachte er, total benommen.

Eigentlich hätte er heute Abenddienst an der Kasse des Big Bang Take Away gehabt. Er stellte jedoch fest, dass er bereits eine halbe Stunde zu spät war, was zu seiner Verwirrtheit beitrug, denn er hatte sonst einen ausgeprägten Sinn für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

In seinem aktuellen Zustand schaffte er es aber weder ins Auto zu steigen noch im Take Away anzurufen. Stattdessen ging er zum Kühlschrank, der immer gut mit Bierdosen ausgestattet war, und nahm sich eine heraus.

Charly hatte nie exzessiv getrunken, die Bierreserven waren vielmehr für Angie, welche sich regelmäßig volllaufen ließ.

Ah, wie gut der erste Schluck doch schmeckte. Sofort fühlte er sich besser, fläzte sich auf die Couch und stellte den Fernseher an.

Er würde morgen im Take Away anrufen und hätte bis dahin sicher eine plausible Ausrede gefunden. Aber Moment, war er dazu überhaupt noch imstande? Konnte er überhaupt noch lügen? Schließlich hatte er Angie gegenüber auch seine intimsten Gedanken ausgeplaudert.

Im Moment war es ihm unmöglich, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Er verstand auch überhaupt nicht, worum es in der Talkshow ging. Trotzdem zappte er nicht weiter. Die Berieselung durch die Stimmen im Kasten tat ihm irgendwie gut, und mit dem zweiten Bier war er bereits so entrückt, dass ihn nichts mehr berührte.

Das Klingeln des Telefons. Scheiße, ich bin auf der Couch eingeschlafen, dachte Charly. Wer wird um diese Zeit wohl anrufen? Es ist ja fast Mitternacht.

Er sah die aufgereihten Bierdosen auf dem Couchtisch. Kein Wunder, dass er sich so gerädert fühlte.

Charly beeilte sich – so gut es ihm sein Zustand erlaubte – und war erleichtert, das Telefon noch rechtzeitig zu erreichen.

„Hier spricht Divisionär Fergusson vom Bezirk Burlington. Sind Sie Herr Buttler?“, meldete sich eine Männerstimme.

„Ja, bin ich.“

„Ist Angela Buttler-Kramer Ihre Ehegattin?“

„Ja, ist sie, worum geht es?“

„Hatte Ihre Frau Ihres Wissens nach Selbstmordgedanken?“

„Das glaube ich nicht. Es ist nicht ihre Art, sich irgendwelche Gedanken zu machen.“

„Wie meinen Sie das, Herr Buttler?“

„Ich meine, sie ist ein simples Geschöpf, Divisionär. Wenn sie sich Gedanken macht, dann höchstens über die Farbe ihrer nächsten Frisur oder die Selektion der lokalen Miss-Wahlen.“

„Herr Buttler, bitte, es geht um eine ernste Angelegenheit! Ihrer Frau ist etwas zugestoßen. Sie hatte diese Nacht einen tödlichen Unfall auf der A25, den sie selbst verursacht hat, muss ich präzisieren. Mein aufrichtiges Beileid, Herr Buttler.“

„Angie ist tödlich verunfallt? Was ist denn passiert?“

„Ich kann Ihnen leider am Telefon keine weiteren Angaben machen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine gerichtsmedizinische Untersuchung stattfinden wird, um festzustellen, ob irgendwelche Drogen im Spiel waren. In der Zwischenzeit möchte ich Sie bitten, die Ruhe zu bewahren. Aus meiner Berufserfahrung weiß ich, dass man in so schweren Momenten besser nicht allein ist, Herr Buttler. Versuchen Sie also Freunde, Bekannte, Verwandte anzurufen. Die werden Verständnis haben und Sie moralisch unterstützen, auch wenn jetzt Mitternacht ist.

Kommen Sie morgen früh ins Kommissariat von Burlington Town, um die Formalitäten zu erledigen. Ich werde anwesend sein. Vergessen Sie nicht, Ihre Ausweispapiere mitzubringen. Es tut mir außerordentlich leid, Ihnen eine so schmerzliche Mitteilung zu machen.

Gute Nacht, Herr Buttler. Ah, noch etwas: Seien Sie vorsichtig, falls Sie allein herfahren. Besonders in der Nacht ist die Strecke gefährlich.“

„Danke für den Rat. Gute Nacht, Divisionär.“

Sie war also weg, Angie war tödlich verunglückt. Er hatte ihr doch noch gesagt, dass sie wegen ihrer Medikamente nicht Auto fahren sollte. Den Tod hatte er Angie nicht gewünscht, dieser Gedanke war ihm total fremd. Aber Charly begriff schnell, dass Angies Ableben für ihn große Vorteile mit sich bringen würde. Die Scheidung, die er befürchtet hatte, würde nicht stattfinden. Er würde nicht das Haus verlassen müssen. Ja, er würde eventuell sogar eine Rente als Witwer bekommen!

Damit könnte er seinen leidigen Job an den Nagel hängen, oder zumindest weniger arbeiten. Morgen würde er der Polizei sagen, wie froh er über den unerwarteten Verlauf und seine neue Lebenslage sei und welche Verbesserung der Tod seiner Frau für ihn bedeute.

Euphorisch begab er sich zum Kühlschrank, dessen Inhalt bereits bedenklich geschwunden war, nahm sich gleich zwei Biere und ließ sich in die Couch sinken.

Wie herrlich schmeckten doch die ersten Züge des eiskalten Getränks. Aber der Genuss war diesmal von kurzer Dauer. Schließlich hatte er morgen im Kommissariat von Burlington Town vorzusprechen. Das bedeutete, dass er bald losfahren musste. Diese Nacht war also nicht mehr an Schlaf zu denken.

Eine Bierdose in der Hand suchte Charly angedonnert nach den Dokumenten, welche die Polizei morgen von ihm verlangen würde.

Ob sein alter Ford die lange Strecke noch schaffen konnte? Ächzend ließ sich Charly auf den Fahrersitz fallen und betätigte den Anlasser. Immerhin war der Tank voll, stellte er mit Erleichterung fest.

Kapitel 2

Good bye, Angie

Es war einer dieser strahlenden Tage in Widmington, so wie man die Gegend in den Herbstmonaten kannte, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Wer konnte, ging raus, zur Mall oder zur Parkanlage, um die Milde des Indian Summers zu genießen.

Also ein Tag, an welchem man leicht vergisst, dass es Trauer gibt, Abschiedsschmerz, Tod. Aber heute, an diesem lieblichen Tag, fand die Beerdigung von Angie statt, und zwar auf dem einzigen Friedhof der kleinen Ortschaft.

Das Bestattungsinstitut hatte die Parzelle reichlich mit Blumen dekoriert, die Grube duftete nach frischer Erde. Daneben wartete der Sarg, den die vier reglos danebenstehenden Männer in Schwarz am Schluss der Trauerrede in die Erde versenken würden.

Etwas weiter entfernt war ein schlichtes Podest mit Mikrophon aufgebaut worden.

Weil in kleinen Ortschaften wie Widmington jeder jeden kannte, waren zahlreiche Bewohner anwesend, die sich frühzeitig eingefunden hatten, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Lose geschart um die Grube und verhalten diskutierend, warteten sie geduldig.

Angela – oder für all diejenigen, die sie kannten, Angie – war trotz ihres Namens kein Engel gewesen, vor allem in ihrer Jugendzeit. Neugierig und wechselhafter Natur strahlte sie damals eine knisternde Erotik aus, welcher nicht viele Männer widerstehen konnten – und wollten. Warum auch, wenn es doch ein Leichtes war, dieses Mädchen abzuschleppen. Willig wie kaum eine andere, kam praktisch jeder früher oder später in den Genuss ihrer Reize. Heute reife Männer, waren zahlreiche ihrer früheren Liebhaber anwesend, wohl eher aus Pflichtbewusstsein, ja sogar Schaulust, als aus Trauer. Jedem war klar, dass er damals Angies Gunst mit zahlreichen anderen geteilt hatte. Aber keiner störte sich daran, schließlich lag das alles weit zurück.

Jeder wusste, dass Angies Blütezeit von kurzer Dauer gewesen war. Damit interessierte sie auch keinen mehr und alle belächelten Charly, weil allgemein bekannt war, dass Angie – sobald sie erfuhr, dass sie schwanger war – den Erstbesten genommen hatte, um nicht als ledige Mutter dazustehen. Obwohl das Kind tot zur Welt kam, waren die beiden nun sozusagen auf Lebzeiten aneinandergekettet, denn im konservativen Widmington wurde Scheidung noch in der heutigen Zeit als etwas Verwerfliches angesehen. Aber Angies Unfall, ihr unerwarteter Tod, hatte dieser Situation plötzlich ein brutales Ende gesetzt.

Übrigens, wo war er, Charly, der Ehemann? Und Reverend Hulkon?

„Ich habe gehört, Charly ist in einer psychiatrischen Klinik“, wusste Kevin Blumfeld.

„Wirklich?“, antworteten die Lander Twins, zwei stämmige Farmer. „Kannst du uns mehr darüber sagen? Aber warte, da ergreift jemand das Mikrophon.“

Eine unscheinbare, zerbrechlich wirkende Frau mittleren Alters – die Gesichtszüge gezeichnet von Trauer und Schlafmangel – hatte sich auf das kleine für Reverend Hulkon vorgesehene Podest begeben.

„Verehrte Anwesende, Bürger von Widmington, liebe Freunde und Bekannte von Angie, geschätzte Familienangehörige. Mein Name ist Anita Redhouse, ich bin Angies Schwester. Danke, dass Sie so zahlreich gekommen sind, es wärmt mein Herz, wenn ich sehe, dass Angie so beliebt war. Reverend Hulkon müsste schon längst da sein, aber weil dies nicht der Fall ist, erlaube ich mir, mich mit ein paar Worten an Sie zu wenden. Der Tod meiner Schwester ist mir sehr schmerzhaft, besonders weil er so unerwartet eintraf und mit solcher Brutalität. Meine Schwester ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich bin umso mehr betroffen, als sich dieser Unfall auf dem Weg zu mir ereignet hat. Sie wollte einige Zeit bei mir verbringen, um über familiäre Fragen nachzudenken. Ihr frühzeitiges Ableben allein ist schon schwer zu ertragen. Aber danach ist so vieles passiert, so viel Hässliches und Trauriges, dass es mir nicht leichtfällt, Worte zu finden.

Und dennoch möchte ich Ihnen kurz schildern, was sich nach ihrem Tod ereignet hat. Damit werden Sie auch verstehen, warum Charly nicht anwesend ist.

Nachdem mich die Polizei über den Tod meiner Schwester benachrichtigt hatte – meine Adresse lag anscheinend auf dem Beifahrersitz – begab ich mich frühmorgens ins Kommissariat von Burlington, wohin man sie gebracht hatte. Meine Schwester lag aufgebahrt in einem Kühlraum. Ihr Gesicht war unversehrt, Gott sei Dank, ihr Körper weniger. Dieser war mit einem Tuch bedeckt, die Beamten ersparten mir den Anblick. Jedoch zeigten sie mir Fotos vom Unfall, schrecklich, ich mag gar nicht daran denken.

Niedergeschmettert, wie ich war, hatte ich erst gar nicht bemerkt, dass inzwischen Charly eingetroffen war. Ich werde nur das Wesentliche erzählen, denn was da vorfiel, würde ein Buch füllen.

Er stand also plötzlich neben mir, eine verwahrloste Figur, sagte kaum guten Tag. Was mir gleich auffiel, war die sagenhafte Alkoholfahne, die er ausdünstete. Mein Gott, der muss die ganze Nacht gesoffen haben und war dennoch selber so weit gefahren, dachte ich. Also, er war wie gesagt total betrunken, aber das allein erklärt sein Verhalten nicht, die schockierenden Aussagen und Geständnisse, die er der Polizei gegenüber machte, welche ihm nur Schwierigkeiten bringen konnten, dessen musste er sich trotz seines Zustandes bewusst gewesen sein.

Er legte eine unerklärliche, penetrante Ehrlichkeit, einen hemmungslosen Striptease seiner perversesten Gedanken an den Tag und sprach von einer Erleichterung, was Angies Tod betraf.

‚Ich sage ja nur die Wahrheit‘, war ein Satz, den er ständig wiederholte.

Ich hatte die Beamten ins Bild gesetzt, dass sich meine Schwester nach einem Streit mit ihrem Ehemann für ein paar Tage bei mir zurückziehen wollte und deshalb diese lange Autofahrt auf sich genommen hatte. Auf Nachfrage beschrieb Charly überaus peinliche, intime Details, erwähnte zum Beispiel ohne Zusammenhang eine Nachbarin, die – wenn ich es richtig verstanden habe – noch minderjährig ist.

Ich kann Ihnen wirklich keine weiteren Einzelheiten erzählen, das Vorgefallene ist einfach zu grässlich, kaum denkbar …

Und es würde diese Trauerfeier zusätzlich belasten und Ihre Gefühle unnötig aufwühlen.

Was das Ableben meiner Schwester betrifft, sprach natürlich alles gegen Charly. Die Polizei wird nun prüfen, ob er allenfalls Angies Auto sabotiert hat, um ihren Tod herbeizuführen. Außerdem veranlassten Charlys verwirrende Äußerungen und Geständnisse die Polizei, eine psychiatrische Begutachtung anzuordnen, weshalb er vorerst in Untersuchungshaft bleibt.

Ah, da sehe ich endlich Reverend Hulkon! Eigentlich bin ich auch fertig. Ich danke Ihnen, verehrte Trauergäste, für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld. Es war mir ein Anliegen, Ihnen die Gründe für Charlys Abwesenheit zu erklären. Bitte behalten Sie Angie, meine geliebte Schwester, die ich ewig vermissen werde, in guter Erinnerung. Sie hat es verdient.“

Die Anwesenden applaudierten zaghaft.

„Also bitte, Reverend Hulkon, jetzt wo Sie endlich da sind, ist es nun an Ihnen …“, sagte sie, ihm das Mikrophon übergebend.

„Hallo, hallo, ihr lieben Leute. Sorry für die Verspätung, aber als Seelsorger tanzt man immer auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig. Fahren Sie ruhig fort, junge Frau, Sie machen das wunderbar, ich höre gerne zu. Sie sind die Schwester, ja? Da drüben ist ein Ersatzmikrophon, haben Sie nicht gesehen?“

Anita ergriff dieses, schaltete es ein und antwortete gereizt: „Reverend Hulkon, gehen Sie nicht. Sie sind doch für die Trauerrede verantwortlich. Vielleicht können Sie uns erklären, wieso Sie mehr als eine halbe Stunde zu spät sind.“

„Kein Problem, alles mit der Ruhe, liebe Leute. Eine Alte, die ich monatelang eingeseift habe, hat mir endlich ihr Haus vermacht. Das musste natürlich so schnell wie möglich geregelt werden, nicht dass sie sich’s anders überlegt oder die Familie dazwischenfunkt. Beim Notar hat’s halt etwas gedauert. Ihr wisst ja, welche Geduld es manchmal braucht mit den Alten. Das ist also der Grund, wieso ich zu spät kam, denn so eine Gelegenheit wollte ich doch nicht wegen einer Beerdigung aufs Spiel setzen, das sieht wohl jeder von euch ein.“

Es ging ein Raunen durch die Reihen, die beiden Landers wetterten lautstark.

Anita war erst sprachlos, entschloss sich aber rasch, Reverend Hulkons haarsträubende Begründung zu ignorieren, in der Hoffnung, auf diese Weise die Situation zu retten.

„Ich nehme an, Sie haben Ihre Rede vorbereitet, Reverend Hulkon.“

„Ja, ja, meine Liebe, klar, klar, die habe ich vorbereitet und wie. Soll ich sie vortragen?“

„Mensch, was für eine Frage!“

„Ok, ok, keine Panik.“

Reverend Hulkon kramte lange in den verborgenen Taschen seiner Soutane. Endlich fündig geworden, hielt er längere Zeit inne, betrachtete seinen Text, als ob er ihn zum ersten Mal sähe.

Schließlich erhob er seine klangvolle Stimme, so wie man es von ihm gewohnt war.

„Also, liebe Angehörige, liebe Trauergäste und so weiter, ich habe hier meine Rede vor Augen und muss zugeben, dass ich es beim Durchlesen kaum für möglich halten kann, der Verfasser dieses Textes zu sein.

Dabei ist mir bewusst, dass ich während nun gut fünfzehn Jahren, immer wieder solche Lügengebilde hervorgebracht habe.

Zum Beispiel habe ich da an einer Stelle geschrieben: ‚Angela oder Angie, wie dich deine Freunde zärtlich nannten, alle liebten dich für deine Warmherzigkeit und Menschlichkeit.‘

Das müsste man anders sagen: ‚Die Weiber mochten dich nicht, weil du als Teenager ihnen jeden, der dir über den Weg lief, weggeschnappt hast. Die Jungs mochten dich hingegen ausgesprochen, weil sie sich nicht besonders anstrengen mussten, um mit dir ins Bett zu gehen.‘ Mich als dein langjähriger Klassenkamerad hat das nie betroffen, denn ich stehe sowieso seit jeher auf Männer. Ja, nun wisst ihr‘s, ich bin schwul. Aber im Gegensatz zu vielen meiner geistlichen Kollegen ziehen mich nicht Knaben an, sondern erwachsene Mä…“

Nun wurden Protestrufe laut, Blumfeld zückte sein Handy und begann zu filmen.

„Was fällt Ihnen ein, Reverend, sind Sie total verrückt geworden? Lesen Sie endlich Ihren Text, verdammt noch mal“, sagte ein älterer Herr mit Gehstock, der in der Nähe des Podests stand.

„Liebe Leute, da vorne ist jemand nicht mit mir einverstanden, aber ich sage ja nur die Wahrheit, was ist daran so verwerflich?

Aber ok, zum Text also. Vielleicht sollte ich vorne anfangen.“ „Es wär in der Tat endlich an der Zeit“, kam das Echo aus dem Publikum.

„Also, liebe Trauergemeinde: ‚Angie, wir nehmen heute Abschied von dir, denn Gott hat dich heim zu sich gerufen. Er will dich in seiner Nähe haben …‘“

Abermals unterbrach Reverend Hulkon die Lesung.

„Sie wissen wohl so gut wie ich, dass es Gott nicht gibt. Das jedenfalls wurde mir klar, als einige meiner besten Freunde elendig an AIDS eingingen. Es gab keinen Gott, welcher ihnen ihre Qualen abnahm, geschweige denn sie davon befreite. Gäbe es Gott, wie könnte er all das Elend dieser Welt rechtfertigen, wenn er so erhaben, so mächtig ist, wie das die Bibel … Ja, jetzt tut ihr so empört, ihr Heuchler, dabei seid ihr ja auch alles nur Egoisten, auf den kleinen Profit erpicht. Ich kenn euch ja mehr als auswendig! Ihr habt mir ja genug anvertraut, um eure Gewissen zu erleichtern und euer Plätzchen im Himmel zu sichern.

Liebe Leute, Religion ist das reinste Lügengebilde, eine Droge fürs Volk, wie Marx oder Lenin oder wer auch immer richtigerweise …“

Der Rest seiner Rede ging vollends in den Protestrufen unter, die immer lauter geworden waren. Der Mann mit Gehstock begann auf ihn einzuschlagen. Reverend Hulkon ließ sich jedoch nicht vertreiben, klammerte sich an sein Rednerpult, gestikulierte und schrie ins Mikrophon.

Jemand zog das Kabel der kleinen Verstärkeranlage, mehrere griffen zu ihren Mobiltelefonen und riefen die Polizei an.

Reverend Hulkon ereiferte sich, obwohl ihm im allgemeinen Tumult niemand mehr zuhörte. In Kürze waren Polizeisirenen zu hören. Mit quietschenden Reifen und praktisch gleichzeitig trafen drei Streifenwagen ein, die Türen flogen auf und eine unorganisierte Schar Beamter kam angerannt, die Waffen schussbereit auf Reverend Hulkon gerichtet.

Er wurde sofort gepackt, wehrte sich aber heftig und schlug um sich, wobei ihm sein künstlicher Haaraufsatz verrutsche. Er schrie immer wieder etwas von Wahrheit, beschimpfte die Polizisten, so dass diese ihm unsanft die Handschellen verpassten und ihn ohne Umschweife zu einem der Streifenwagen schleppten.

Wie erschütternd – und gleichzeitig lächerlich – war der Anblick des sich mit gerötetem Gesicht immer noch wehrenden Reverend Hulkon, das verschobene Toupet auf dem Kopf.

Während dieses Zwischenfalls hatte jemand – um die Trauerrede zu retten – die Geistesgegenwart besessen, einen anderen Priester zu rufen, der in Kürze zur Stelle war und die Zeremonie schlicht und zur Zufriedenheit aller durchführte. Angie wurde in Würden beigesetzt, wie es die Tradition will, die Anwesenden hatten sich weitgehend beruhigt.

Und trotzdem, als die Trauergäste danach betreten auseinandergingen, kreisten deren Gedanken viel mehr um den skandalösen Auftritt des Reverend Hulkon als um Angie, welcher in Wirklichkeit niemand nachtrauerte, außer ihre Schwester, die durch die dramatischen Ereignisse dieser letzten Tage am Boden zerstört war.

Allen war bewusst, dass sich heute etwas wirklich Ungewöhnliches ereignet hatte. Wie konnte man Reverend Hulkons Verhalten erklären? Wie kam es, dass er so ohne Umschweife seine gotteslästerlichen Gedanken aussprach, und das erst recht vor einer großen Trauergemeinde wie dieser?

Er musste doch mit Reaktionen rechnen, damit, dass jemand die Polizei benachrichtigen würde.

Und die Art, wie er von seiner Erbschleicherei mit dem Haus gesprochen hatte, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Stand er unter Drogeneinfluss? Oder war er psychisch erkrankt?

Aber einer der letzten intakten Instinkte des Menschen ist es, sich zu schützen, sei’s mit Lügen oder wenigstens dem Bewahren der geheimen Gedanken. Wie war es also möglich, dass Reverend Hulkon diese natürliche menschliche Eigenschaft plötzlich fehlte?