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Christian Pross, geb. 1948, ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Medizinhistoriker und Honorarprofessor an der Charité. Er ist Mitbegründer und war von 1992 bis 2003 Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer (bzfo e.V.). Forschung und Publikationen über Medizin im Nationalsozialismus, die Verfolgung jüdischer Ärzte sowie über die Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen und Stasi-Verfolgten, u.v.a. Neueste Publikation: „Wir wollten ins Verderben rennen: Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg“ (2016). Weiteres Arbeitsgebiet: Supervision von Helferteams in Traumazentren und psychosozialen Einrichtungen. 2009 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. 2010–2013 war er Mitglied im Unterausschuss der Vereinten Nationen zur Prävention von Folter. Webseite: www.christian-pross.de

Christian Pross

Wiedergutmachung

Der Kleinkrieg gegen die Opfer

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© E-Book-Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021

eISBN 978-3-86393-562-7

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de

Vorwort zur 3. Auflage

Seit Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches im Jahr 1988 sind 32 Jahre vergangen. Die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren geprägt von einer breiten öffentlichen Debatte über die NS-Verbrechen und ihre Folgen. 1985 hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine historische Rede, in welcher er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung und nicht der Niederlage bezeichnete. Es war eine Zeit des Übergangs, die Generation der 58er, die „skeptische Generation“, Träger der sozialliberalen Reformpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt hatte die Generation der Kriegsveteranen und Alt-Nazis bereits weitgehend abgelöst. Die Zeit des Verleugnens, des Vertuschens der NS-Verbrechen ging ihrem Ende entgegen. Holocaust-Forscher – in den 60er und 70er Jahren noch als Nestbeschmutzer und Tabubrecher geschmäht – erhielten jetzt Preise, ihre Projekte wurden von Stiftungen, Körperschaften und vom Staat gefördert und sie erhielten Zugang zu bislang verschlossenen Archiven. Unter diesem Zeitgeist stand auch eine kritische Bilanz der Wiedergutmachung an, welches den Ansporn zum Schreiben des Buches gab (siehe Vorwort zur 2. Auflage).1

Mit dem zeitlichen Abstand von mehr als sechs Jahrzehnten ist ein etwas nüchterner, gelassener und weniger ideologisch gefärbter Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit möglich, wie ihn z.B. Harald Jähner in seinem Buch „Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945–1955“ vornimmt. Jähner würdigt Bundeskanzler Konrad Adenauers Integration der Altnazis in die Bundesrepublik als Staatskunst gemäß dessen Devise „man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat“. Dazu zitiert er Adenauers schärfsten Kritiker, den SPD-Politiker Egon Bahr, der dem Kanzler rückblickend recht gab: Hätte Adenauer auf strenge Moralisten wie ihn, Bahr, gehört, wäre der neue Staat explodiert. Schließlich war es Adenauer, der die Wiedergutmachungszahlungen an Israel und das Bundesentschädigungsgesetz in den 50er Jahren gegen den parteiübergreifenden Widerstand von Altnazis und Antisemiten durchgesetzt hat.2

Bei Teilen der linken und antifaschistischen Szene sowie der Medien hält sich jedoch der Glaube, dass das Wasser nach wie vor verseucht und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen, die Wiedergutmachung und die Erinnerungskultur nichts anderes seien als Augenwischerei. Samuel Salzborn, Politikwissenschaftler an der Universität Gießen, nennt sie in einer Spiegel-Kolumne gar „die größte Lebenslüge der Bundesrepublik“.3 Ganz anders dagegen ein vergleichender Blick von außen wie das kürzlich erschienene Buch der amerikanischen Philosophin Susan Neiman, „Von den Deutschen lernen – Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können“. Neiman schreibt, Deutschland sei das erste Land gewesen, das bereit war, seine Selbstwahrnehmung so zu ändern, dass man sich nicht mehr als Opfervolk sondern als Tätervolk wahrgenommen habe. Dieser Wechsel der Perspektive sei historisch enorm wichtig und sei in den USA in Hinblick auf den amerikanischen Bürgerkrieg und die Sklaverei noch immer nicht vollzogen worden, wie es die kaum verhüllte rassistische Politik von Präsident Donald Trump vor Augen führe. Trotz aller Mängel sieht Susan Neiman die deutsche Erinnerungskultur der US-amerikanischen Vergangenheitsaufarbeitung weit voraus.4

Wir erleben derzeit weltweit eine Welle von Nationalismus, Rassismus, religiösem Fundamentalismus, einen Aufstieg von Demagogen, Despoten und Kriegstreibern. Es ist, als schwinge das Pendel nach der Aufbruchstimmung in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, nach dem Ende der Sowjetdiktatur, der Apartheid in Südafrika und der lateinamerikanischen Militärjuntas in die entgegengesetzte Richtung. Folgt man Susan Neimans Thesen, hat das möglicherweise etwas mit der unbearbeiteten Vergangenheit in diesen Ländern zu tun. In Russland z.B. herrscht ein ehemaliger Agent des sowjetischen Geheimdienstes KGB, der den Zerfall des Sowjetimperiums mit Waffengewalt rückgängig machen will, die Verbrechen Stalins leugnet, Oppositionelle verhaften und umbringen lässt. Nach einer vorübergehenden Periode der Öffnung, Aufklärung und Demokratisierung unter Gorbatschow laufen hier die Uhren wieder rückwärts.

Der Streit von Tätern und Opfern um die Deutungshoheit über die Geschichte, Gerechtigkeit für die Opfer, ihre gesellschaftliche Anerkennung und das zur Rechenschaft ziehen der Täter gestalten die Zukunft einer Gesellschaft, ob sie den Weg in die Demokratie oder den Rückfall in die Diktatur einschlägt. Die Geschichte der deutschen Wiedergutmachung spiegelt einen solchen Prozess und sie ist deshalb hoch aktuell.

Christian Pross, im November 2020

1Eine Angabe im Buch auf S. 52 bedarf der Korrektur. Laut Quellen, von denen ich erst nach Erscheinen des Buches Kenntnis erhielt, ist der Rechtsanwalt in Entschädigungsverfahren Hans Deutsch 1964 zu Unrecht wegen Betrugs verhaftet und für 18 Monate in Untersuchungshaft genommen worden. Er war das Opfer einer Intrige alter Nazi-Seilschaften, wartete neun Jahre auf seinen Prozess und wurde schließlich rehabilitiert. Einzelheiten dazu siehe: Die Spur der Bilder, in: Die Welt vom 26.7.2005. https://www.welt.de/print-welt/article684757/Die-Spur-der-Bilder.html

2Harald Jähner, Wolfszeit – Deutschland und die Deutschen 1945–1955, Berlin 2019.

3Samuel Salzborn, Die Lüge von der Aufarbeitung. Spiegel 11/2020. Sein Text ist ein selbstgerechtes ahistorisches Traktat voller Behauptungen und Klischees.

4Susan Neiman, Von den Deutschen lernen – Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können, Berlin 2020; https://www.sueddeutsche.de/politik/susan-neiman-weltkrieg-nazi-trump-1.4898396; ähnliche Thesen vertritt auch Isabel Wilkerson in ihrer vergleichenden Studie über die Geschichte der Sklaverei in den USA, das Kastensystem in Indien und den NS-Holocaust. Isabel Wilkerson, Caste – The Lies that divide us, Random House 2020.

Vorwort zur 2. Auflage

Ein Jahr nach Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches, im Jahr 1988, fiel die Berliner Mauer. Die damalige Debatte über die ausgebliebene Wiedergutmachung für die „vergessenen Opfer“ des Nationalsozialismus trat vor diesem historischen Ereignis in den Hintergrund. Auch das Buch, das zunächst eine große Resonanz gefunden hatte, verschwand in der Versenkung. Einige Ereignisse der letzten Jahre – nicht zuletzt das Ringen um eine Entschädigung für die Zwangsarbeiter – verleihen ihm jedoch wieder eine gewisse Aktualität. In Chile, in Argentinien, in Südafrika und in den Ländern des ehemaligen Ostblocks ist eine für unbesiegbar gehaltene jahrzehntelange Diktatur gefallen. Auf die revolutionäre Euphorie folgte Ernüchterung, und die Trümmer, die die totalitären Regime hinterlassen haben, lasten wie ein Alp auf der Nachwelt. Die Hoffnungen der Widerstandskämpfer und Opfer auf einen radikalen Wandel und Neubeginn werden oft enttäuscht. Meist haben sich die Repräsentanten des „Ancien Régime“ schnell reorganisiert und bewegen sich nur allzu gewandt auf dem Parkett der neuen Ordnung, während die Opfer ins gesellschaftliche Abseits geraten.

Straffreiheit für die Täter eines Unrechtsregimes kann bei den Opfern eine Reaktualisierung des Traumas auslösen. Von KZ-Überlebenden ist bekannt, daß die Nachricht über die Freisprechung eines KZ-Schergen durch die deutsche Justiz heftige seelische Reaktionen auslösen konnte. Die Nürnberger Prozesse unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, der Eichmann-Prozeß in Jerusalem und der Auschwitz Prozeß in Frankfurt in den sechziger Jahren hatten eine enorme Bedeutung für die Überlebenden des Holocaust. Sie schufen ein Stück Gerechtigkeit und Genugtuung. Untersuchungen aus Argentinien zeigen, daß die Straffreiheit und der fortdauernde politische Einfluß der Militärs, die für während der Diktatur begangene Verbrechen verantwortlich sind, die Opfer in die Sprechstunden von Psychotherapeuten treiben (Edelman et al., 1995). Ebenso wichtig wie das Zur-Rechenschaft-Ziehen der Täter ist eine wie auch immer geartete Form gesellschaftlicher Anerkennung dessen, was die Opfer durchlitten haben. Die Wahrheitskommission in Südafrika versuchte beides zu verbinden. Jedes Land, jede Kultur baut auf historischen Vorbildern auf und entwickelt daraus ihr eigenes Modell. Die bundesrepublikanische Wiedergutmachungsgesetzgebung enthält sowohl Modellhaftes als auch Abschreckendes. Von diesem Widerspruch handelt das vorliegende Buch.

Das Buch entstand zeitgleich zu einer politischen Debatte, die Mitte der achtziger Jahre in der Öffentlichkeit um die Gerechtigkeit der Wiedergutmachung geführt wurde, insbesondere am Beispiel der „vergessenen Opfer“, d. h. der Gruppen von Verfolgten, die man bewußt ausgeschlossen hatte oder die durch die Maschen des Entschädigungsgesetzes gefallen waren: Zwangsarbeiter, Sinti und Roma, Zwangssterilisierte, Kommunisten, Homosexuelle, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure. Während ich an dem Buch schrieb, geriet ich mitten in den tagespolitischen Streit um die Entschädigung der „vergessenen Opfer“. Erstmals nach dem Kriege meldeten sich Vertreter dieser Minderheiten öffentlich zu Wort, so z. B. die Sinti und Roma bei einer Anhörung der Grünen im Bundestag. Zwangssterilisierte, die aus Scham über eine erneute Diskriminierung jahrzehntelang geschwiegen hatten, stellten Forderungen und bildeten eine eigene Interessenvertretung. Ich wurde auf Betreiben der damaligen Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin, Hilde Schramm, Mitglied einer Expertenkommission des Abgeordnetenhauses, die Vorschläge zur Errichtung eines Härtefonds für die vergessenen Opfer erarbeiten sollte. Dabei begegnete ich fast allen damals noch lebenden Funktionären der Verfolgtenverbände und Akteuren aus Justiz, Politik und Medizin, die in die heftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Wiedergutmachung in der unmittelbaren Nachkriegsära persönlich involviert gewesen waren. Sie verfügten über ausgedehnte Privatarchivbestände. Die Entschädigungsämter dagegen erlaubten mir aus Furcht vor einer kritischen Analyse ihrer Spruchpraxis keine Einsicht in ihre Akten. Über persönliche Kontakte geriet ich jedoch an den aufgeschlossenen Leiter eines Landesentschädigungsamtes, der die vergangene Spruchpraxis seines Amtes kritisch beurteilte und mich in seinen Amtsräumen Akten studieren ließ.

Das Ausgangsmaterial für meine Recherchen bildete die Gutachtensammlung eines jüdisch-deutschen Emigrantenarztes aus Paris, S. Pierre Kaplan. Ich hatte ihn 1983 bei meinen Nachforschungen über das Schicksal jüdischer Ärzte eines Berliner Krankenhauses im Dritten Reich kennengelernt. Er hatte im Untergrund als Mitglied der Resistance in Frankreich überlebt und nach dem Krieg als Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft in Paris viele KZ-Überlebende im Rahmen der Wiedergutmachung untersucht. Aus den Stellungnahmen deutscher Gutachter und Beamter der Entschädigungsämter, die er in seinen Gutachten zitierte, erhielt ich einen ersten Eindruck von der bürokratischen Kleinkrämerei und verdeckten Feindseligkeit, die den Opfern entgegenschlug. Ich wollte den Hintergründen dieser Haltung auf deutscher Seite auf den Grund gehen und vertiefte mich immer weiter in die Geschichte der Wiedergutmachung, die Entstehung der Gesetze und die damit einhergehenden innenpolitischen Auseinandersetzungen. Aus einer ursprünglich geplanten Studie über die medizinische Begutachtung von KZ-Überlebenden durch deutsche Ärzte wurde eine Studie über die Wiedergutmachung insgesamt. Ich versuchte, mich in die gesellschaftliche Atmosphäre der 50er und 60er Jahre hineinzuversetzen, und las unzählige Presseberichte aus dieser Zeit. Eine wertvolle Hilfe gaben mir dabei die Deutschlandberichte im AUFBAU, der bedeutendsten Zeitung aus Nazideutschland in die USA geflohener deutscher Emigranten.

Die Bundesregierung vollendete damals gerade die Herausgabe einer mehrbändigen Chronik der Wiedergutmachung, in der das Jahrhundertwerk aus regierungsamtlicher Sicht für die nachfolgenden Generationen festgeschrieben werden sollte. Um den letzten Band, in dem einige der Akteure nochmal rückblickend Bilanz ziehen sollten, gab es ein Tauziehen. Das Bundesfinanzministerium wollte kritische Stimmen wie die von Otto Küster, Martin Hirsch und Kurt Steinitz nicht zu Wort kommen lassen. Otto Küster kann als einer der wichtigsten Väter und Vordenker der Wiedergutmachungsgesetze betrachtet werden. Er war ein kämpferischer, leidenschaftlicher Moralist und ein Intimfeind des ersten Bundesfinanzministers und Wiedergutmachungsgegners Fritz Schäffer. Auf Grund von Schäffers Intrigen war Küster in den fünziger Jahren politisch kaltgestellt worden. Er war einer der wenigen, die in einer Zeit, als über die Verbrechen des Nationalsozialismus der Mantel des Schweigens gebreitet wurde, den Mut hatten, dem Kartell aus Altnazis und Opportunisten, die damals die politische Szene in Deutschland beherrschten, die Stirn zu bieten. Ich besuchte Otto Küster 1985 in seiner Anwaltskanzlei in Stuttgart. Er war schon weit über 80, aber er war ungebrochen. Als Anwalt beim Bundesgerichtshof vertrat er noch Verfolgte in Entschädigungsprozessen.

Beim Vergleich des fünfbändigen Werkes der Bundesregierung mit den Veröffentlichungen Küsters und anderer Akteure stieß ich im regierungsamtlichen Werk auf viele Ungereimtheiten, Entstellungen und Oberflächlichkeiten. Die gröbsten Geschichtslügen finden sich in den Kapiteln von Ernst Feaux de la Croix, der grauen Eminenz des Bundesfinanzministeriums. Insbesondere die Schlüsselrolle Küsters und die skandalösen Umstände seiner Ausschaltung werden von Feaux de la Croix unterschlagen. Er war noch unter Schäffer zum höchsten Wiedergutmachungsbeamten des Finanzministeriums aufgestiegen. Das war allerdings schon seine zweite Karriere. Die erste hatte er als Experte für Volkstumsfragen im NS-Jusitzministerium gemacht. Daß die Bundesregierung einen ehemaligen Nazibeamten zum Chronisten der Wiedergutmachung bestellte und Leute wie Küster zensierte, meinte ich, konnte man nicht stehen lassen.

Küster hatte sich wegen der Zurückweisung seines Manuskriptes für den Band VII der Regierungschronik sogar mit seinem ehemaligen Weggefährten Rechtsanwalt Walter Schwarz, dem Mitherausgeber der Chronik, überworfen. Walter Schwarz war ebenso wie Küster einer der Väter der Wiedergutmachung. Er betrachtete die Wiedergutmachung jedoch im Unterschied zu Küster als einzigartige historische Leistung, als gelungenen Kompromiß zwischen den Ansprüchen der Opfer und den möglichen Zugeständnissen der Täter und deren Rechtsnachfolger. Dazwischen stand Kurt May, ein Mann, der als Leiter der URO, der größten Rechtshilfeorganisation der Verfolgten, das Beste für seine Klienten erstritten hatte und in der Wiedergutmachung durchaus eine historische Leistung sah, aber auch die zuweilen kleinliche Praxis der Behörden herausstellte.

Kurz nach Erscheinen des Buches verabschiedete das Abgeordnetenhaus von Berlin eine Härtefondsregelung für die „vergessenen Opfer“. Andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen folgten dem Berliner Beispiel. Zur gleichen Zeit entschied sich das Bundesfinanzministerium dann angeblich doch, eine leicht entschärfte Fassung des Kapitels von Otto Küster über die Rechtsprechung der Wiedergutmachungskammer des Bundesgerichtshofes in den geplanten Band VII der Chronik des Finanzministeriums aufzunehmen. Das Erscheinen dieses ominösen siebten Bandes wird seit über zehn Jahren vom Beck-Verlag angekündigt. Nach Auskunft des Sohnes von Küster hat es das Bundesfinanzministerium bisher nicht fertiggebracht, die Mittel zur Produktion des Bandes bereitzustellen. Küsters Beitrag ist mittlerweile von einer israelischen Zeitung veröffentlicht worden1.

Auf der zeitgenössischen politischen Bühne hatte ich es neben den Verteidigern der Wiedergutmachungspraxis aus dem Regierungslager auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums mit Teilen der bundesdeutschen antifaschistischen Linken zu tun, die in der Wiedergutmachung einen heuchlerischen Akt sahen, mit dem Deutschland versuchte, sich von der Schuld der NS-Verbrechen freizukaufen. Sie sahen in der Wiedergutmachung ein kapitalistisches Machwerk, da die Besitzenden und gesellschaftlich höher gestellten unter den Opfern angeblich großzügiger entschädigt wurden als die Besitzlosen. Ich erlebte auf einer politischen Veranstaltung wie Vertreter dieser Haltung an eben jenem Leiter des Amtes, der mir Zugang zu den Akten verschafft hatte, stellvertretend ein Tribunal gegen die Wiedergutmachung exerzierten. Er sollte die vergangene Spruchpraxis seines Amtes – für die er nicht verantwortlich war – öffentlich rügen. Das konnte er natürlich nicht, und es lief mir kalt den Rücken runter, mit welcher Selbstgerechtigkeit dieser gutwillige Mann von den „schneidigen jungen Deutschen“ (wie Walter Schwarz sie nannte) vorgeführt wurde. Ich geriet somit mitten in den Strudel des Gerangels darum, wie und von wem die Geschichte der Wiedergutmachung für die nachfolgenden Generationen festgeschrieben werden würde.

Entsprechend kontrovers waren die Reaktionen auf das Buch. Kurt May ließ mich wissen, daß es viel zu einseitig sei. Der Leiter des bayerischen Landesentschädigungsamtes, Karl Heßdörfer, schrieb mir einen langen Brief, in dem er mir einerseits bescheinigte, ich hätte wichtige neue Fakten zu Tage gefördert, z. B. erstmals die Rolle Küsters gewürdigt, andererseits zeichnete ich „gnadenlos“ ein zu düsteres Gesamtbild und vermittelte den Eindruck, die meisten Entschädigungsbeamten seien Mitglieder einer „kriminellen Vereinigung“, die sich zum Ziel gesetzt hätten, Ansprüche der Opfer abzuwehren. Im Kapitel über die Affaire um den Auschwitzüberlebenden und Leiter des bayerischen Landesentschädigungsamtes Philipp Auerbach seien mir auch sachliche Fehler unterlaufen, Auerbach sei nicht ganz zu Unrecht der Prozeß gemacht worden. Herr Heßdörfer, dem ich auch bei einer Podiumsdiskussion persönlich begegnete, war ebenso wie mein Helfer, der og. Leiter eines Landesentschädigungsamtes, ein Beamter der Nachkriegsgeneration, der im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste für die Opfer herauszuholen versuchte, die Versäumnisse der sechziger und siebziger Jahre aber natürlich nicht wettmachen konnte.

Constantin Goschler, ein Historiker des Münchner Instituts für Zeitgeschichte hat mir in seinem Werk über die Wiedergutmachung vorgeworfen, mein Buch sei im Stile „eines Western“ geschrieben. Ich kann nicht verhehlen, daß mich dieses Urteil ehrt. Man kann Geschichte langweilig oder spannend darstellen. Die Machtkämpfe, das Feilschen und die Intrigen, die es um die Wiedergutmachungsgesetze und die Wiedergutmachungspraxis gegeben hat, lesen sich in der Tat wie ein Krimi. Ich habe mich bei meinen Recherchen von dieser Spannung inspirieren lassen.

Bei einer vom Förderer des Buchprojektes, Jan Philipp Reemtsma, anläßlich der Veröffentlichung organisierten Diskussionsveranstaltung, drückte mir ein Vertreter der Union der Sinti und Roma ein Dokument mit einem Erlaß Küsters aus den frühen fünfziger Jahren in die Hand, als er noch Leiter des Entschädigungsamtes in Baden Württemberg war. Dieser Erlaß verlangte einen restriktiven Umgang mit den Entschädigungsansprüchen von Zigeunern. Ich wußte aus meinen Gesprächen mit Küster, daß er auch den Ausschluß der Kommunisten aus dem Bundesentschädigungsgesetz befürwortet hatte. Küster war einerseits seiner Zeit weit voraus, aber er war auch Kind seiner Zeit. Verurteilen kann ihn für letzteres nur jemand, der Geschichte allein mit der Brille der Gegenwart betrachtet.

Wahrscheinlich hätte ich das Buch heute, zwölf Jahre später, mit mehr Distanz zum politischen Tagesgeschehen geschrieben. Genauso wenig wie damals möchte ich in den Chor derjenigen einstimmen, die die Wiedergutmachung insgesamt für gescheitert und für eine Farce halten. Trotz aller Mängel, aller Kleingeistigkeit und aller Ungerechtigkeiten, die sie begleiteten, war sie das Maximum, was unter den damaligen politischen Bedingungen zu erreichen war. Und angesichts dessen war sie eine enorme Leistung ihrer Urheber wie Walter Schwarz, Kurt May, Otto Küster und derjenigen Beamten, Juristen und Ärzte, die sich dafür eingesetzt haben, den Opfern gerecht zu werden. Die Wiedergutmachung war ein entscheidender Baustein für den Wiederaufbau der Demokratie in der Bundesrepublik. Sie hat rechtsstaatliche und moralische Maßstäbe gesetzt, hinter die man heute nicht mehr zurück kann. Sie hat die Voraussetzungen geschaffen für ein verändertes Bewußtsein und einen veränderten gesellschaftlichen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, wie er Ende der siebziger Jahre einsetzte. Und sie hat die begangenen Verbrechen in den protokollierten Aussagen der Opfer und zahlloser Zeugen umfangreich dokumentiert.

Christian Pross

im April 2000

1Mitteilung eines Lektors des Beck-Verlages und des Sohnes von Otto Küster, Gerold Küster, der die Anwaltspraxis seines Vaters auch in Entschädigungssachen weiterführt, 6. 3. 1997.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von William G. Niederland

Vorwort des Autors

I Einleitung

II Geschichte

Die regionalen Vorläufer des Bundesentschädigungsgesetzes

Das Luxemburger Abkommen mit Israel und der Claims Conference

Die Affaire Auerbach

Die Ausschaltung Küsters

Debatten über den Geist der Wiedergutmachung

Das Bundesentschädigungsgesetz von 1956

Schlußstrich unter die Wiedergutmachung

III Schaden an Körper und Gesundheit

Das Verfahren

Die herrschende medizinische Lehrmeinung in der Bundesrepublik

Das Überlebenden-Syndrom

Der wissenschaftliche Grabenkrieg

IV Gutachter und Opfer

Medizinische Grundsatzfragen

Frau E. – Beweiserhebung über einen Leitersturz im Jahr 1944

Herr F. – „Wenn irgend möglich Schluß machen mit den Ansprüchen dieses alten Herrn“

Herr O. – Die gutachterliche Zerlegung von Organen in verfolgungs- und nicht verfolgungsgeschädigte Anteile

Paradoxien im Namen Freuds

Herr W. – „Gesellschaftliche Diskriminierung stärkt die Fähigkeit zur Lebensbewältigung“

Herr S. – „Blander hypomanischer Verstimmungszustand bei abnormer Primärpersönlichkeit“

Frau B. – „Wer sich nicht an seine Kindheit im KZ erinnert, kann nicht darunter gelitten haben“

Die Retraumatisierung

Herr R. – Krisen, die mehrmals zum Abbruch der Untersuchung zwingen

Herr G. – „Ein von Zorn, Eifer und Absichten freies Hinnehmen“

Diagnosen für die Unterschicht

Frau M. – „Charakterliche Abwegigkeit“

Herr K. – Zigeuner = schwachsinnig

Frau O. – „Grobe demonstrative Tendenzen“ und „psychogene Entgleisungen“

Die Begutachtung von Frauen

Frau N. – „Zarte anfechtbare frauliche Delikatheit und Anschmiegsamkeit“

Frau A. – Wertverlust nach Zwangsabtreibung

Frau J. – „Keine meßbare Minderung der Erwerbsfähigkeit durch Zwangssterilisierung“

V Bilanz

Wiedergutmachung – letzter Akt

100 Milliarden DM bis zum Jahr 2000

Innenpolitische Stabilisierung und moralische Erlösung

Die Gutachtermühle

VI Anhang

Abkürzungen

Anmerkungen

Tabellen

Fragebogen zum Antrag auf Entschädigung

Die Kongresse zum Thema Gesundheitsschäden nach Verfolgung

Glossar

Literatur

Personenregister

Vorwort von William G. Niederland

„Wiedergutmachung – der Kleinkrieg gegen die Opfer“ ist ein bedeutendes, wichtiges und gewichtiges Werk – gewichtig nicht nur wegen seines Inhalts und Umfangs, sondern auch aufgrund der gründlichen, kenntnisreichen Bearbeitung des Forschungsgegenstands. Daß es einem einzelnen Forscher gelungen ist, den in diesem Buch enthaltenen immensen, ja überwältigenden Stoff zu meistern und in verständlicher Weise dazustellen, ist erstaunlich und bewundernswert.

In meinem Buch „Folgen der Verfolgung. Das Überlebenden-Syndrom“ (1980 im Suhrkamp Verlag erschienen) habe ich einleitend ausgeführt, daß die seelischen Folgeerscheinungen der als „Drittes Reich“ titulierten Gewaltherrschaft Historiker, Juristen, Ärzte, Psychologen, Psychiater, Soziologen und alle mitfühlenden Menschen jedes Standes und Berufszweigs viele Jahre und wahrscheinlich Jahrzehnte hindurch beschäftigen werden. Ohne diese durch die massiven Verfolgungsereignisse und deren Spätfolgen begründete Voraussicht ändern zu wollen, möchte ich nach der Lektüre der Arbeit von Christian Pross sagen, daß er als historisch-archivarisch und medizingeschichtlich-forensisch tätiger Autor einen Großteil der betreffenden Fragen bearbeitet hat, daß er Entstehungsweise und Tragweite der durch die nationalsozialistische Verfolgung bei den Opfern entstandenen Schäden, vor allem aber deren Beurteilung (und leider auch sehr häufige Fehlbeurteilung) durch Gutachter wissenschaftlich erforscht und überzeugend dargestellt hat.

Im ersten Teil des Buches wird die mir (und wohl auch manchen anderen) bisher unbekannte Entstehungsgeschichte der Wiedergutmachungs-Gesetzgebung in ungewöhnlicher Deutlichkeit beschrieben. Dieser Darstellung konnte ich entnehmen, daß es sich bei der Wiedergutmachung keineswegs um eine von Adenauer und seinen Mitarbeitern mehr oder weniger geförderte Leistung in Anbetracht der von den Nazis oft in grausamster Weise verübten Untaten und verbrecherischen Zerstörungen handelte, sondern zumeist um „eine lästige, von den Siegern verordnete Pflichtübung“, der von zahlreichen Ämtern und Behörden, oft auch von der deutschen Bevölkerung starker Widerstand entgegengesetzt wurde, ja, immer noch entgegengesetzt wird.

Die Feststellung, daß es eine solche intensive Ablehnung der Wiedergutmachung gegeben hat, machte mir (der ich in der kürzlich veröffentlichten Festschrift zu Ehren des Göttinger Professors Ulrich Venzlaff als „Altmeister“ der wissenschaftlichen Erforschung von gesundheitlichen Spätschäden des Holocaust bezeichnet wurde) zum ersten Male wenigstens teilweise verständlich, wie die große Zahl ärztlicher Fehlbegutachtungen von Verfolgungsschäden zu erklären sei. Die leider nicht seltene Unmenschlichkeit von gutachterlich und „dienstlich“ (d.h. für Ämter und Gerichte) tätigen Ärzten ist schon vor Jahren von Alexander Mitscherlich beschrieben worden. Zusammen mit dem Mangel an Menschlichkeit seitens bürokratischer, nicht selten auch gerichtlicher Amtsstellen hat sie, wie wir seit langem wissen, manches den ehemals Verfolgten und gesundheitlich Geschädigten geschehene Unrecht fortgesetzt und verschärft.

In dem Werk von Christian Pross werden die diesem Sachverhalt zugrundeliegenden Faktoren, die sozialforensischen Umstände und weitere verborgene Gründe erstmalig offenkundig gemacht, erforscht und beschrieben, und zwar ohne um den heißen Brei herumzureden und ohne Zusammengehöriges auseinanderzureißen. Aus diesem Grunde spreche ich den Wunsch aus, daß das hervorragende Buch nicht nur wohlverdiente Anerkennung im deutschen Sprachgebiet erhalten, sondern bald auch Eingang in die Weltliteratur finden wird. Denn obwohl in den Schriften von Kurt Eissler, von weiteren Autoren und auch in den meinigen ärztliche, dokumentarische und wissenschaftliche Befunde eingehend dargestellt sind, die erschütternde, das ganze Leben andauernde Krankheitszustände – oft mit Auswirkungen auf seelischem Gebiet – nachweisen und die tragischen Schicksale ehemals Verfolgter, und jetzt auch ihrer Nachkommen, beschreiben, ist auch heute der Glaube keineswegs verschwunden, daß diejenigen, die dem Holocaust lebend entrinnen konnten – Millionen von Menschen konnten es leider nicht –, die „glücklichen“ waren und sind.

In den gutachterlichen Beurteilungen vieler sog. deutscher Sachverständiger, Amtsärzte und Medizinaldezernenten – Christian Pross nennt viele von ihnen namentlich – kommt den ärztlich feststellbaren Befunden „keine Überzeugungskraft“ zu, und falls die schwerwiegenden Gesundheitsschäden sich vorwiegend im seelisch-nervösen Bereich befinden, fehlt ihnen „die organische Würde“, wie in einem deutschen Gegengutachten wörtlich geschrieben steht. Tatsächlich lesen sich manche gutachterlichen Urteile solcher „Sachverständigen“ wie Schreibübungen ehemaliger KZ-Wächter, und nicht wenige von ihnen waren höchstwahrscheinlich einst Nazis oder sind es im Innern noch immer. Daher gestatte ich mir zu sagen: Der Untertitel des Buches lautet „der Kleinkrieg gegen die Opfer“; jedoch fast alles, was in dem so lesenswerten Text überzeugend dargestellt ist, weist nicht auf Kleinkrieg, sondern auf einen großen Krieg gegen die Opfer hin, und so könnte auch mit diesen Worten bezeichnet werden, was der Untertitel ausdrücken soll. Auch in den Wiedergutmachungsverfahren und noch heute befinden sich die von tiefem Leid und innerem Leiden so hart Betroffenen auf der Opferseite. Für ihr Leid und Leiden nach dem Überleben im KZ oder im verborgenen Keller eines polnischen Bauernhauses haben die von Pross und mir genannten sog. Sachverständigen kein Verständnis, des öfteren allerdings Hohn und Spott. Daß die Überlebenden – den Tod der eigenen Eltern, den Verfolgungstod ihrer Kinder, der Geschwister, fast aller Freunde und nahen Menschen ständig im Bewußtsein, nach dem Verlust ihrer sozialen und wirtschaftlichen Position, ihrer ehemaligen Wirkungsstätte und ihres damit verbundenen inneren Seins –, daß sie leiden, zumeist ein ganzes Leben lang, ist jenen „Sachverständigen“ nicht beizubringen. Daß die Schrecken der Lager lebenslang nachwirken, bestreiten sie. Auch dafür bedarf es der Wiedergutmachung.

Meine eigenen ärztlichen Begutachtungen haben einigen Überlebenden zu etwas Geld und Rente verholfen. Daß mir dies in mühseliger und auf das stärkste aufreibender Arbeit gelang, hat auch mir seelisch Jahre und Jahrzehnte geholfen. Für die überlebenden Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die Entschädigung erhielten und erhalten, ist es nicht eine bestimmte Summe Geld, die am meisten zählt (sie ist oft klein genug), obwohl auch sie wichtig ist. Was wirklich und zutiefst zählt, ist nicht das Geld, sondern die damit zugestandene Anerkennung ihres Leids und ihrer Leiden. Und hierin liegt wohl der wahre Sinn und die echte Hilfe der Wiedergutmachung.

Prof. Dr. med. William G. Niederland
State University of New York, N.Y.

Vorwort des Autors

Wiedergutmachung – zum ersten Mal hörte ich dieses Wort als Primaner Mitte der sechziger Jahre, als ein Mitschüler sich darüber empörte, daß wir Deutschen von Israel „wie eine Kuh gemolken“ würden. Die Deutschen, trotz oder wegen des verlorenen Krieges wieder eines der reichsten Völker der Erde, fühlten und fühlen sich geschröpft. Für sie wurde und wird bei der Wiedergutmachung ihr eigenes Geld anderen in den Rachen geworfen, und nicht etwa geraubtes, das sie zurückzuzahlen hatten. Das mit Luftkrieg, Flucht und Vertreibung geschlagene Herrenmenschenvolk, das 1945 vor den Trümmern seines Großmachtrausches saß, wollte mit den überlebenden „KZ-lern“ nichts zu tun haben. Wiedergutmachung spielte sich in einem Ghetto ab, und die wenigen, die sich damit befaßten, waren gesellschaftlich isoliert. Wenn nun über 40 Jahre nach Kriegsende plötzlich ein öffentliches Interesse daran erwacht, ist das zu spät. Zwar gibt es die Wiedergutmachungsämter noch, zwar laufen noch Prozesse, werden noch bis über das Jahr 2000 hinaus Renten gezahlt werden, aber die Wiedergutmachung ist nicht mehr Tagespolitik, sie ist Geschichte.

Betritt man die Büros der United Restitution Organization (URO), der größten Rechtshilfeorganisation für Verfolgte, betritt man ein Museum, das eine kleine Gruppe von Anwälten biblischen Alters, die längst einen ruhigen Lebensabend verdient hätten, verwaltet. Die Tatsache, daß diese 80- bis 90jährigen emigrierten deutschen Juden, die nach 1945 zurückgekehrt waren, um eine Arbeit zu verrichten, die kaum ein Deutscher anrühren wollte, trotz Krankheit und Gebrechlichkeit ihre letzte Kraft für noch laufende Entschädigungsverfahren hergeben, spricht für sich. Damals wie heute gibt es nämlich kaum jemanden, der sich auf dem komplizierten Gebiet des Wiedergutmachungsrechts auskennt und sie ersetzen könnte.

Seit kurzem werden diese alten Männer von einer Schar junger Historiker heimgesucht, die den historischen „Schatz“, der in ihren Aktenschränken verborgen liegt, heben wollen. Einerseits freuen sich die Männer darüber und sind dankbar für das Interesse der jungen Leute, andererseits entbehrt es nicht einer gewissen Peinlichkeit, wie sie bis an den Rand ihrer Kräfte ausgepreßt und mit einer Flut von schriftlichen Anfragen und Interviews überhäuft werden, die sie kaum bewältigen können. Man hat den Eindruck, die Barfuß- und mittlerweile auch die etablierten Historiker betreiben ein Ausschlachten der Zeitzeugen. Mitverantwortlich für diese Situation sind die Wiedergutmachungsbehörden und Teile der Justiz, deren Aufgabe es wäre, ihre Archive für die historische Forschung zu öffnen und ihre Beamten für Auskünfte zur Verfügung zu stellen. Stattdessen betreiben sie eine ängstliche Geheimniskrämerei und beginnen damit, ihre Akten zu vernichten. Auf einer länderübergreifenden Konferenz am 14./15. Mai 1985 legten die Wiedergutmachungsämter als Reaktion auf das erwachende öffentliche Interesse restriktive Richtlinien zur Akteneinsicht fest, um zu unterbinden, daß einzelne Amtsleiter oder der eine oder andere aufgeschlossene Beamte – wie es bis dahin vorgekommen war – einem Interessierten Zugang zu den Akten gewährten. Gemäß dem Beschluß vom 15. 5. 1985 antwortete mir der Senator für Inneres von Berlin als vorgesetzte Dienststelle des Berliner Entschädigungsamtes auf meine Bitte um Akteneinsicht wie folgt: „Die Länder haben mehrheitlich die Auffassung vertreten, daß eine Akteneinsicht ohne vorherige Zustimmung der Verfahrensbeteiligten oder anderer Personen, deren Persönlichkeitsrechte berührt werden, nicht möglich ist… Da es angesichts des Umfangs des hiesigen Aktenbestandes (ca. 210000 Einzelakten), des nicht aktualisierten Adressenmaterials und des geringen Personalbestandes des Entschädigungsamtes Berlin völlig ausgeschlossen ist, generell die Einwilligung der Verfahrensbeteiligten zur Akteneinsicht einzuholen, kann ich Ihr Forschungsvorhaben nach der derzeitigen Rechtslage leider nicht unterstützen.“1 Die Landesrentenbehörde Nordrhein-Westfalen lehnte eine Akteneinsicht unter Hinweis auf die unüberschaubare Menge von Akten ebenfalls ab.2 Als ich daraufhin Einsicht in die überschaubare Anzahl von 20 ausgewählten Akten mit Aktenzeichen und allen erforderlichen Daten (die das Heraussuchen zu einer Angelegenheit von Minuten machen) erbat, erhielt ich wiederum einen ablehnenden Bescheid mit der Begründung, der Verwaltungsaufwand sei zu groß.3 Als ich dann persönlich mit der schriftlichen Vollmacht einer Verfolgten in der Landesrentenbehörde in Düsseldorf vorsprach, wurde ich wie ein gefährlicher Eindringling von einer Gruppe aufgescheuchter Beamter umringt, die wissen wollten, was ich denn mit dieser Akte anstellen wollte. Als ich schließlich in das Zimmer des Amtsleiters vorgedrungen war, drehte dieser die Vollmacht dreimal prüfend in der Hand und beteuerte gegenüber seinem widerstrebenden Stellvertreter, daß ich eine Vollmacht hätte, dagegen könne er nichts machen, man müsse mir also notgedrungen Akteneinsicht gewähren. In nur drei Minuten war die Akte da, die ich dann unter Aufsicht studieren durfte.

Eigenartigerweise hatte ich bei einem früheren Forschungsprojekt über die jüdischen Ärzte eines Berliner Krankenhauses vom Entschädigungsamt Berlin ohne Schwierigkeiten die Entschädigungsakten der betroffenen Ärzte bekommen, soweit sie verstorben waren, ohne Einwilligung, soweit sie am Leben waren, hatte man mir ihre Adressen gegeben, damit ich sie anschreiben konnte. Für dieses vom Senator für Kultur geförderte Projekt waren aufgrund einer Weisung die Türen geöffnet worden. Als ich einen Mitarbeiter des Entschädigungsamtes auf diese unterschiedliche Handhabung ansprach, erklärte er mir, es sei kürzlich in einer Veröffentlichung über die ehemalige Stadtärztin von Berlin, Käte Frankenthal, das Entschädigungsamt Berlin kritisiert worden.4 Der Herausgeber dieses Buches habe die Akte Käte Frankenthal beim Entschädigungsamt Berlin eingesehen und daraus falsche Schlüsse gezogen. Man könne doch nicht Leuten Akteneinsicht gewähren, die dann das Amt kritisieren.

In meinem Ersuchen um Akteneinsicht an die verschiedenen Ämter und Gerichte hatte ich geschrieben: „An die Bestimmungen des Datenschutzes fühlen wir uns gebunden… die Anonymität der betroffenen Personen bleibt selbstverständlich gewährleistet. Schon allein von daher, daß die Entschädigungsprozesse öffentlich waren, dürften sich keine rechtlichen Probleme ergeben. Wir wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mit Ihrer Hilfe die Bearbeitung dieses wichtigen und im Interesse der Allgemeinheit liegenden Forschungsprojektes unterstützen würden.“ Der Präsident des Landgerichtes Düsseldorf hat insbesondere im Hinblick auf diesen Passus meiner Bitte stattgegeben. Der Präsident des Landgerichts Berlin nicht.

Ich bin dem Präsidenten des Landgerichts Düsseldorf, Dr. Liermann, und dem Vorsitzenden Richter am Landgericht Düsseldorf, Dr. Jansen, sehr zu Dank verpflichtet für ihre aufgeschlossene Haltung. Sie sind die einzigen Vertreter einer Behörde, die mir Akteneinsicht gewährten. Der größte Teil des Aktenmaterials mußte aus privater Quelle beschafft werden, wobei mir Anwälte, einzelne ärztliche Gutachter und die Verfolgtenorganisationen ohne jegliches bürokratische Hindernis großzügig entgegenkamen. Der ehemalige Vertrauensarzt der Deutschen Botschaft in Paris, S. Pierre Kaplan, überließ mir sein komplettes Archiv mit Entschädigungsgutachten, Behördenkorrespondenz, -Rundschreiben etc. Die Anwälte und Mitarbeiter der Rechtshilfeorganisation United Restitution Organization (URO) in Frankfurt, Kurt May und Ulrich von Bubna, sowie der Leiter der Frankfurter Zentrale der Conference on Jewish Material Claims against Germany, Ernst Katzenstein, stellten mir Material aus ihrem Archiv zur Verfügung. Rechtsanwalt Eberhard Fellmer, Hamburg, gewährte mir Zugang zu Akten seiner ehemaligen Mandanten, Hans-Joachim Herberg zum Archiv des von ihm geleiteten Dokumentationszentrum für Gesundheitsschäden nach Gefangenschaft und Verfolgung in Köln, und Gerda Ahrens, Else Werner und Stephan Romey zum Archiv der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Hamburg. Für den historischen Teil der Arbeit stellte mir die ehemalige Beamtin des Entschädigungsamtes Berlin, Helene Jacobs, ihr Privatarchiv zur Verfügung. Ebenso zu Dank verpflichtet bin ich Anette Meyburg und Siegfried Büttner vom Bundesarchiv in Koblenz.

Das Material der vorliegenden Untersuchung bilden:

1.195 Akten aus dem Privatarchiv von S. Pierre Kaplan, Paris

2.27 Akten des Landgerichts Düsseldorf

3.27 Akten aus dem Privatarchiv von Rechtsanwalt Eberhard Fellmer, Hamburg

4.15 Akten aus dem Archiv der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Hamburg

5.89 Akten aus dem Archiv der United Restitution Organization (URO) in Frankfurt

6.1 Akte aus dem Archiv der URO Berlin

7.15 Akten aus dem Archiv des Dokumentationszentrums für Gesundheitsschäden nach Gefangenschaft und Verfolgung in Köln

8.Handakten des Privatarchivs von Helene Jacobs in Berlin

9.Die Wiedergutmachungsakten des Bundesfinanzministeriums im Bundesarchiv

Daneben wurden 39 Zeitzeugen befragt: Anwälte, Richter, ärztliche Gutachter aus dem In- und Ausland, Verfolgte, Mitglieder von Verfolgtenorganisationen, Bundestagsabgeordnete und Beamte von Entschädigungsämtern.

Die Arbeit ist Teil des Projekts Täterbiographien im Nationalsozialismus am Hamburger Institut für Sozialforschung, das sich zur Aufgabe gestellt hat, die vom NS-System profitierenden deutschen Intellektuellen darzustellen. Eine wesentliche Stütze des NS-Staates bildeten die Ärzte, die die sozial- und gesundheitspolitischen Programme zur Ausgrenzung und Vernichtung der Minderwertigen, Schwachen und Fremdrassigen mit entwarfen und vollzogen. Im Rahmen dieser Programme erfuhr das Gutachterwesen eine ungeheure Ausweitung. Die zur Sterilisation bzw. zur Vernichtung vorgesehenen Kranken wurden eingehend ärztlich begutachtet. Am Beispiel der Wiedergutmachung wird in dieser Arbeit untersucht, inwieweit nach 1945 die ehemaligen Täter in Gestalt von Politikern, Beamten, Richtern und insbesondere ärztlichen Gutachtern über ihre eigenen Opfer zu Gericht saßen, in welchem Rahmen diese Begegnung stattfand und was für Konsequenzen sie hatte. Aufgrund der Quellenlage und aus methodischen Gründen mußten die Biographien der Beteiligten etwas in den Hintergrund und dafür die grundsätzlichen Merkmale der Täter-Opfer-Beziehung in den Vordergrund treten. Es sollte eine Studie über einige wenige Gutachter werden und ist im Verlauf des Projekts zu einer historischen Untersuchung über die politischen, psychologischen und medizinischen Aspekte der Wiedergutmachung geworden. Da die beteiligten Personen nach gängiger Auffassung allzu schnell in Nazis und Nicht-Nazis eingeteilt werden, sich bei näherem Hinsehen dieses Schwarz-Weiß-Schema jedoch als unzulänglich erweist, werden diejenigen, die im Zusammenhang dieser Untersuchung wichtig sind, in besonders hervorgehobenen Kurzbiographien vorgestellt, soweit ausreichende Daten zugänglich waren. Sofern diese aus den allgemeinen Nachschlagewerken stammen, wird auf die Quellenangabe verzichtet.

Zu danken ist zu allererst Götz Aly, dessen Ansporn, Rat und Kritik mir unentbehrlich waren, Jan Philipp Reemtsma, der das Projekt gefördert und inhaltlich begleitet hat, Hans-Dieter Heilmann, dessen Gedanken und wertvolle Quellenhinweise wesentliches zum Gelingen der Arbeit beigetragen haben, Susanne Heim und Peter Chroust für wichtige Diskussionen und Anregungen, Kurt May, Otto Küster, Ulrich von Bubna, Heinz Düx, Martin Hirsch und Alice Stertzenbach, die mich mit dem Wiedergutmachungsrecht vertraut gemacht haben, Ludger Hermanns, Wolf-Dieter Narr, Ulrich Schultz, Helmut Dahmer und Kilian Stein für ihren fachkundigen Rat und die kritische Durchsicht des Manuskripts sowie Heike Schoop, die die Endfassung des Manuskripts lektoriert hat.

Wichtige Hinweise und Auskünfte gaben mir: Walter Ritter von Baeyer, Heidelberg; Jan Bastiaans, Leyden, NL; Otto Bental, Berlin; Józef Bogusz, Krakau; Günter Hand, Düsseldorf; Otto Heinz Hurdelbrink, Berlin; Klaus Hoppe, Los Angeles; Heinrich Huebschmann, Heidelberg; Hans Keilson, Bussum, NL; Robert Kempner, Frankfurt; Milton Kestenberg, Sands Point, N.Y.; Stanisław Kłodzinski, Krakau; Ernst Kluge, Freiburg; Uschi Körber, Berlin; Christi Langenberger, Berlin; Joseph Lautmann, Berlin; Joachim Luwisch, Forest Hills, N.Y.,; Wolfgang Meywald, Hamburg; Jakob Moneta, Frankfurt; Herrman Müller, Frankfurt; William G. Niederland, Englewood, N.J.; Karl Heinz Roth, Hamburg; Zdzisław Ryn, Krakau; Hilde Schramm, Berlin; Hermann Steinitz, Tel Aviv; Ulrich Venzlaff, Göttingen; Ruth Warnecke, Berlin.

I
Einleitung

Im April 1957 saßen in einem Offenburger Gasthaus ein Textilhändler und ein Studienrat zusammen und kamen ins Debattieren. Es ging um das Dritte Reich und die jüngsten Schändungen jüdischer Friedhöfe. Der Studienrat hatte nichts daran auszusetzen; im Gegenteil: es seien „noch viel zu wenige Juden vergast worden“. Daraufhin gab sich der Textilhändler als Jude zu erkennen. Seinen Unterkiefer hatte man ihm im KZ zerschlagen. Dann habe man wohl auch ihn bei der Vergasung vergessen, meinte der Studienrat, im übrigen sei er stolz darauf, mit seinen Männern im Krieg „Hunderten von Juden mit der Schaufel das Genick eingeschlagen zu haben“. Dem jüdischen Textilhändler versicherte er, daß er ihn „auch heute noch ins KZ bringen“ und seine Frau „ebenfalls vergasen“ würde, ihre zwei Kinder könnten seinetwegen am Leben bleiben. Der so Angegriffene und Bedrohte beschwerte sich beim Direktor des Gymnasiums und beim Kultusministerium. Es geschah zunächst nichts. Mit der Mitteilung, daß der Studienrat seine Äußerungen dahingehend abgeschwächt habe, er habe „nur Russen“ und nicht „Juden“ gemeint, als er von Hunderten mit der Schaufel Erschlagener sprach, versuchte man zwar des Textilhändlers Empörung zu dämpfen, doch wartete er vergeblich auf eine Entschuldigung. Im Gegenteil: er handelte sich eine Beleidigungsklage ein, als er den Studienrat bei einer erneuten Begegnung als „Menschenschlächter“ bezeichnete. Als der Spiegel über diesen Fall berichtete, bekundeten zahlreiche Leserbriefschreiber Sympathie für den Studienrat. Ein Pastor meldete sich zu Wort und äußerte Verständnis für Ressentiments, die durch die „heutige Rechtsungleichheit“ zwischen Juden und Ariern bedingt wären, denn erstere erhielten „Wiedergutmachungsleistungen, die über das erlittene Unrecht hinausgehen“. Die Affaire kam schließlich vor den Wiedergutmachungsausschuß des Bundestages und nach einem dreiviertel Jahr wurde der Studienrat vom Dienst suspendiert.1

Fast dreißig Jahre später standen sich ein Vertreter der verfolgten Juden, der ehemalige Berliner Rechtsanwalt Walter Schwarz und Vertreter der deutschen Nachkriegs-Generation im Berliner Abgeordnetenhaus gegenüber. Es sollte über eine parlamentarische Initiative der Alternativen Liste (AL) Berlin zur Anerkennung vergessener und