Der Tote im Torfschiff

Ostfrieslandkrimi

Alfred Bekker


ISBN: 978-3-96586-313-2
1. Auflage 2021, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2021 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von shutterstock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt.

Inhalt

Kapitel 1

 

Es war schon nach Mitternacht. Und da Emden keineswegs eine Stadt war, die niemals schlief, war um diese Zeit wirklich nichts mehr los. Selbst die letzten Bars und Lokale hatten inzwischen geschlossen. Der Mond stand hoch. Es war Vollmond und sein Licht spiegelte sich im dunklen Wasser vom Ratsdelft. An diesem bis mitten in die Stadt hineinreichenden Wasserarm lagen ein paar Museumsschiffe. Ein ausrangierter Seenotrettungskreuzer zum Beispiel. Um das Jahr 1600, zur großen Zeit Emdens, hatten hier 400 seetüchtige Schiffe vor Anker gelegen und Waren in die Stadt gebracht. Emden war damals für einige Jahre der größte Hafen Europas gewesen – aber diese Zeiten waren lange vorbei. Zwar gab es immer noch einen Seehafen, aber dessen Bedeutung war mit dem in Emden nicht vergleichbar.

In einigen der am Delft festgemachten Schiffe befanden sich Restaurants, aber auch die hatten inzwischen alle geschlossen.

Seit kurzem gab es ein neues Schiff am Ratsdelft. Es war ein traditionelles Torfschiff, wie es bis in die fünfziger und sechziger Jahre hinein auf den Tiefs und Kanälen Ostfrieslands gefahren war. Nicht nur, um Torf zu transportieren. Lange Zeit waren die Torfschiffe die wichtigsten Transportmittel gewesen. Sie hatten auch andere Ware mitgenommen, manchmal Post oder im Auftrag irgendeines Dorfbewohners etwas aus der Stadt mitgebracht.

Dieses Torfschiff war ein besonders gut erhaltenes und großes Exemplar. Es hatte die typische Form. Ein breites Schiff, das an einen Holzschuh erinnerte und auf jeder Seite ein Schwert hatte, das man bei Niedrigwasser hochziehen konnte. Außerdem einen Mast für das Segel.

Dieses Torfschiff war noch nicht für die Besichtigung durch Touristen hergerichtet worden, aber das sollte noch kommen. In den letzten Tagen hatten große Artikel darüber in der örtlichen Presse gestanden.

Der Mann, der sich um diese späte Stunde dem Schiff näherte, klappte den Kragen seiner Jacke hoch und sah sich um, so als würde er etwas suchen. Etwas – oder jemanden.

Bei dem Torfschiff blieb er stehen, denn dies war der Treffpunkt, den er vereinbart hatte.

Aber die Person, die er hier zu treffen beabsichtigte, war offensichtlich noch nicht da.

Der Mann blickte auf die Uhr.

Solltest du mich versetzt haben, wird dir das leidtun!, dachte der Mann.

Das Mondlicht schien auf seine Mütze. Sie war schwarz-gelb. Die Mütze eines Postboten. Er trug seine Uniform zwar nicht in der Freizeit, aber als er an diesem Abend noch so spät hinausging, wollte er eine Mütze auf dem Kopf haben. Er besaß noch eine andere Baseballmütze, aber die hatte er schon seit einiger Zeit verlegt. Also hatte er die Dienstmütze genommen.

Ein kühler Wind blies zurzeit von der Nordsee her.

Sein Handy vibrierte.

Jemand hatte ihm eine Nachricht geschrieben. Er langte zur Innentasche seiner Jacke und holte es heraus.

›Alles klar?‹, lautete die Nachricht.

Der Mann tippte eine Antwort ein.

›Ich glaube, der Arsch hat mich versetzt!‹, schrieb er und schickte die Nachricht ab.

›Blas die Sache ab, da ist was faul!‹, kam es zurück.

›Ich warte noch fünf Minuten‹, lautete die Antwort.

Dann fiel dem Mann mit der Postbotenmütze plötzlich eine Bewegung auf. Ein schattenhafter Umriss hob sich gegen das fahle Mondlicht ab.

›Da ist er! Bin gleich zurück‹, schrieb der Mann mit der Postbotenmütze noch zurück und steckte dann das Handy ein.

Er ging auf den Schatten zu.

»Moin«, sagte er.

Der Schatten antwortete nicht.

»Schön, dass Sie doch noch gekommen sind«, sagte er. »Ich hatte schon gedacht, Sie hätten sich die Sache nochmal überlegt …«

»Das habe ich allerdings«, kam es jetzt von dem Schatten.

Das Mündungsfeuer einer Schusswaffe blitzte auf. Aber man hörte kein Schussgeräusch. Mehr als ein trockenes Plopp-Geräusch ließ der Schalldämpfer nicht nach außen dringen.

Zwei Kugeln trafen den Mann mit der Postbotenmütze kurz hintereinander. Er sank auf das unebene Pflaster.

Die Gestalt kam näher.

Der Schein einer Taschenlampe leuchtete dem Toten ins Gesicht.

Der Unbekannte beugte sich nieder und zog den Toten an den Füßen hinter sich her.

Viele Möglichkeiten gab es hier nicht, eine Leiche verschwinden zu lassen. Den Toten einfach in das Wasser des Delft zu werfen, wäre vordergründig betrachtet das Einfachste gewesen. Aber er hatte nichts dabei, um die Leiche zu beschweren. Und das bedeutete, dass die Leiche dann irgendwann an der Oberfläche treiben würde.

Es gab eine bessere Möglichkeit.

Das Torfschiff! Die Restaurierungsarbeiten sollten erst in zwei Wochen beginnen. So lange würde niemand in den Laderaum des Schiffs hineinsehen. Und es reichte völlig, wenn der Tote so lange verschwunden blieb.