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Dr. Daniel Classic
– 77 –

Ich halte zu dir, Maren!

Marie Francoise

Impressum:

Epub-Version © 2021 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: https://ebooks.kelter.de/

E-mail: info@keltermedia.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74097-606-4

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»Es ist wie ein Naturereignis«, seufzte Maren Lamprecht mit einem seligen Lächeln.

»Eher wie eine Naturkatastrophe«, entgegnete Antje Stevens trocken und tippte auf das Foto, das zwischen Maren und ihr auf dem Tisch lag. »Das ist Gino Recchio. Ahnst du überhaupt, was das bedeutet?«

Mit verklärtem Blick betrachtete die sechzehnjährige Maren den jungen Mann, der ihr auf dem Bild strahlend entgegenlächelte.

»Wir lieben uns«, meinte sie achselzuckend. »Wir sind uns gestern auf der Fahrt nach Helgoland begegnet, und dann war’s auch schon passiert. Liebe auf den ersten Blick – dagegen ist man einfach machtlos.«

»Das wird der alte Recchio mit Sicherheit nicht sein«, erwiderte Antje nachdenklich.

Doch Maren war im Moment viel zu glücklich, um die Worte ihrer Brieffreundin, bei der sie seit gut einer Woche zu Besuch war, ernst zu nehmen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie wirklich verliebt, und Gino hatte ihr versichert, daß es ihm genauso gehen würde.

Gino Recchio. Wenn sie an ihn dachte, sah sie tiefschwarze Locken, die ein jugendliches, braungebranntes Gesicht umrahmten, samtweiche dunkle Augen und einen Mund, der zärtlich küssen konnte. Wenn er sie »cara mia« nannte, dann hatte Maren das Gefühl zu schweben… bis in den siebten Himmel der Liebe.

»Maren«, ermahnte Antje sie beinahe flehend. »Mach Schluß, solange es noch geht.«

Doch das junge Mädchen schüttelte nur den Kopf. »Es geht nicht mehr. Ich liebe ihn, und er liebt mich auch. Gemeinsam sind wir nicht zu schlagen.«

Daran glaubte Antje allerdings nicht. Im Gegensatz zu Maren kannte sie Giovanni Recchio, der in Hamburg, Köln, Heidelberg und München große Hotels besaß. Gino war sein einziger Sohn und Erbe, der bei seinem Vater eine übermäßig strenge Erziehung genossen hatte. Es wunderte Antje schon, daß sich Gino mit seinen siebzehn Jahren überhaupt allein hier an der Nordsee aufhalten durfte. Mit seinen Eltern war er ja schon einige Male hier gewesen, aber selbst bei diesen offensichtlichen Erholungsaufenthalten hatte man unschwer spüren können, welch strenges Regiment Giovanni Recchio führte.

Marens Liebe zu Gino war in Antjes Augen zum Scheitern verurteilt.

*

Maren war bereits eine halbe Stunde zu früh am verabredeten Treffpunkt und wartete nun ungeduldig auf Gino.

»Cara mia!«

Sie wirbelte herum und fühlte, wie ihr Herz heftiger zu klopfen begann.

»Gino.« Glücklich schmiegte sie sich an ihn. »Ich hatte schon Angst, du würdest nicht kommen.«

Liebevoll lächelte Gino sie an, seine dunklen Augen strahlten.

»Du warst zu früh, Maren«, erwiderte er, dann küßte er sie zärtlich. »Komm, cara, suchen wir uns ein stilles Plätzchen, wo wir ganz ungestört sind.«

Sie fanden dieses Plätzchen hinter windgeschützten Sanddünen. Maren lag in Ginos Armen und wünschte sich, die Zeit möge für immer stehenbleiben. In vollen Zügen genoß sie seine Küsse, sein sanftes Streicheln und die Worte der Liebe, die er ihr ins Ohr flüsterte.

»Ich möchte mich am liebsten nie wieder von dir trennen, cara«, erklärte er mit plötzlichem Ernst, während seine Augen sie zu streicheln schienen.

Schlagartig erinnerte sich Maren an Antjes Worte.

»Dein Vater«, murmelte sie. »Wird er… ich meine… ich bin Deutsche und du Italiener…«

Lächelnd schüttelte Gino den Kopf. »Nein, cara, das ist mit Sicherheit kein Problem. Meine Mutter war auch Deutsche, und wir leben hier. Mein Vater erwartet sicher nicht von mir, daß ich eine Italienerin heirate. Allerdings… er hat möglicherweise andere Pläne mit mir, die ich ihm wohl erst noch ausreden muß.« Er schwieg kurz, dann lächelte er in Marens nun sehr sorgenvolles Gesicht. »Mach dir nur keine Gedanken, cara… ich bin zwar erst siebzehn, aber ich weiß sehr genau, was ich will. Und ich will dich – nur dich.«

Maren wurde bei diesen Worten ganz schwindlig vor Glück.

»Gino«, konnte sie nur flüstern. »Oh, Gino.«

Er beugte sich über sie und küßte sie wieder… leidenschaftlicher als zuvor. Maren erwiderte seine Küsse, und es schien ihr, als könnte die Liebe, die in ihr loderte, gar nicht mehr größer werden. Gino war ihr Leben, und er würde es immer sein. In seinen Armen vergaß sie alles um sich her, und es gab nur noch sie und ihn. Ihre Körper und Seelen verschmolzen miteinander… wurden eins – eine Liebe und ein Leben.

Die Dämmerung brach bereits herein, als Maren erschrocken hochfuhr.

»Meine Güte, ich muß zurück«, fiel es ihr ein. »Herr und Frau Stevens werden sich schon Sorgen machen.«

»Ich begleite dich«, bot Gino an und brachte sie auch tatsächlich bis vor die Haustür. Dort küßte er sie sanft. »Morgen wieder hinter den Dünen?«

Maren nickte selig. »Ja, Gino.« Noch einmal schmiegte sie sich an ihn. »Ich werde von dir träumen.«

»Ich auch von dir«, flüsterte Gino zurück.

Noch ein letzter Kuß, dann verschwand Maren im Haus. Gino blieb noch einen Augenblick abwartend stehen, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte und zu der kleinen Pension ging, wo er sich einquartiert hatte.

Früher als sonst legte er sich ins Bett und träumte mit offenen Augen vor sich hin.

»Maren.« Zärtlich flüsterte er ihren Namen, dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Welch glücklicher Zufall, daß er sich gerade jetzt zu einem kleinen Kurzurlaub entschlossen hatte.

Unwillkürlich mußte er an seinen Vater denken. Er würde außer sich sein, wenn er davon erfuhr, daß Gino sich zu diesem Abstecher an die Nordsee aufgemacht hatte. Aber vielleicht würde er es ja gar nicht erfahren…

Wenn ich in zwei oder drei Tagen wieder nach Hamburg zurückkehre, wird er gar nicht merken, daß ich überhaupt weg war, dachte Gino, dabei tat ihm der Gedanke an einen so baldigen Abschied von Maren schon jetzt sehr weh.

*

Aus den zwei oder drei Tagen, die Gino an der Nordsee hatte verbringen wollen, waren zwei Wochen geworden. Gino hatte es einfach nicht geschafft, Maren zu verlassen, und so fuhr er erst nach Hamburg, als auch Marens Ferienaufenthalt zu Ende war und sie in ihren Heimatort zurückkehren mußte.

Es wurde ein tränenreicher Abschied. Immer wieder fiel Maren dem jungen Mann in die Arme, küßte ihn mit Lippen, die nach dem Salz ihrer Tränen schmeckten, und nahm ihm wohl tausendmal das Versprechen ab ihr zu schreiben.

»Wir sehen uns bald, cara«, versicherte Gino wieder und wieder – das letzte Mal, als Maren schon im Zug saß und sich weit aus dem Fenster herauslehnte. Ihre Augen waren rot und verschwollen vom vielen Weinen, trotzdem erschien sie Gino so schön wie nie zuvor, und er war nahe daran, all seine Verpflichtungen in Hamburg zu vergessen und Maren in ihren Heimatort zu folgen.

Mit dem anfahrenden Zug lief er am Bahnsteig entlang, dann blieb er schweratmend stehen und blickte den roten Schlußlichtern hinterher, die kleiner und kleiner wurden. Sein Herz erschien ihm tonnenschwer.

»Wir sehen uns bald wieder«, flüsterte er, als wolle er sich selbst davon überzeugen, doch es gelang ihm nicht.

Langsam ging er zurück, die Treppe hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Dort stand der Zug, der ihn nach Hamburg bringen würde. Am Hauptbahnhof stieg er aus und nahm sich ein Taxi, das ihn zum Hotel Mediterraneo brachte. Vor dem Portal blieb er zögernd stehen und entschloß sich dann ganz spontan, durch die Tiefgarage zu gehen.

Als er den Wagen seines Vaters in der eigens für ihn reservierten Parkbucht stehen sah, fühlte er eine leichte Übelkeit aufsteigen. Wie hatte er nur so unvernünftig sein können, zwei volle Wochen an der Nordsee zu verbringen?

Wie ein Verbrecher schlich sich Gino ins Hotel, doch der Portier entdeckte ihn, als er sich heimlich in das kleine Zimmerchen unter dem Dach schleichen wollte, das ihm für die Dauer seines Aufenthalts zugeteilt worden war. Sein Vater achtete peinlich darauf, Gino nur ja nicht mit Luxus zu verwöhnen. So galt er im Hotel Mediterraneo auch beileibe nicht als Juniorchef, sondern war nichts weiter als ein gewöhnlicher Page.

»Gino!« Schon der Blick des Portiers war strafend. »Ihr Vater erwartet Sie.«

Der junge Mann schluckte schwer, dann wollte er sich auf den Weg zu Giovanni Recchios Büro machen, doch der Portier hielt ihn zurück.

»Ich weiß nicht, wie Ihr Vater auf Ihre Eskapade reagieren wird«, erklärte er kalt, »aber einem Pagen, der sich heimlich absetzt und zwei Wochen lang verschwunden bleibt, würde normalerweise fristlos gekündigt werden. Als Sohn des Chefs wird Ihnen das natürlich erspart bleiben, aber Sie können sich darauf verlassen, daß man Ihnen künftig scharf auf die Finger sehen wird.«

Gino schwieg bedrückt. Es entsprach einer Anordnung seines Vaters, daß er genauso behandelt werden sollte wie jeder andere Page auch. Einige Angestellte hatten Hemmungen, Gino Befehle zu erteilen oder ihn gar zu schikanieren. Immerhin würde er ja eines Tages hier Chef sein. Andere dagegen hatten Freude daran, ihn ihre Macht spüren zu lassen.

Ohne ein Wort der Erwiderung wandte sich Gino um und steuerte nun das Büro seines Vaters an. Er klopfte, wartete darauf, daß er hereingebeten wurde, und öffnete dann mit einer dumpfen Angst im Herzen die Tür.

Zwei dunkle Augen blickten ihm feindselig entgegen. Gino blieb an der geschlossenen Tür stehen – bereit, jederzeit die Flucht zu ergreifen.

»Komm her!« Die Worte seines Vaters waren wie ein Peitschenknall – kurz und scharf.

Gino gehorchte und wünschte dabei, er hätte die Strafe, die ihm blühte, schon hinter sich. Als sich sein Vater mit einem Ruck erhob und um den Schreibtisch herumkam, blieb Gino so abrupt stehen, als wäre er gegen eine Mauer gerannt. Er sah in die vor Zorn funkelnden Augen des Vaters und verspürte den schier unwiderstehlichen Drang zu fliehen.

Ohne Vorwarnung schlug Giovanni Recchio zu – so schnell, daß Gino die drohende Handbewegung seines Vaters gar nicht mehr sah, sondern nur noch den brennenden Schmerz auf beiden Wangen fühlte, der ihm unwillkürlich das Wasser in die Augen trieb. Gino taumelte zurück.

»Bleib!« herrschte sein Vater ihn an und hob die Hand, als wolle er noch einmal zuschlagen.

Schützend hob Gino beide Arme über den Kopf, doch Giovanni Recchio hatte nicht vor, ihn erneut zu schlagen. Mit einer raschen Bewegung griff er in Ginos dichtes Haar und zog ihn zu den beiden Sesseln, die vor seinem Schreibtisch standen, dann stieß er ihn von sich wie ein lästiges Insekt.

Gino landete unsanft in einem der beiden Sessel. Seine Kopfhaut fühlte sich an, als würden tausend Nadeln darin stecken. Der Schmerz trieb Gino erneut Tränen in die Augen.

»Wo warst du?« wollte Giovanni wissen.

»An der Nordsee«, antwortete Gino wahrheitsgemäß, weil er genau wußte, daß jede Lüge seine jetzige Lage nur noch verschlimmern würde.

Giovanni nickte und trommelte mit den Fingern einen wütenden Marsch auf der Tischplatte.

»Ich werde dich züchtigen«, prophezeite er seinem Sohn, dann warf er einen Blick auf die Uhr. »Heute abend, wenn dein Dienst als Page beendet ist.«

Entsetzt starrte Gino ihn an. »Papa, das… das kannst du nicht! Ich bin siebzehn!«

Gleichmütig zuckte sein Vater die Schultern. »Na und?« Er beugte sich vor, so daß Gino das zornige Funkeln in seinen Augen sehen konnte. »Weißt du, wann ich von meinem Vater das letzte Mal gezüchtigt worden bin?« Er gab die Antwort gleich selbst. »Einen Tag vor meinem einundzwanzigsten Geburtstag. Heutzutage werdet ihr ja mit achtzehn volljährig, aber bis zu diesem Tag habe ich das Recht, dich zu erziehen, wie ich es für richtig halte.« Er holte einen dünnen Rohrstock aus seinem Schreibtisch und legte ihn provozierend vor sich hin. »Nach deinem Dienst meldest du dich gleich bei mir.«

»Papa, nein«, bat Gino leise.