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Ein unerwartetes
Geständnis

Christa Wagner

Roman

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Erste Auflage 2021

© net-Verlag, 09125 Chemnitz

© Coverbild: pixabay

Covergestaltung, Lektorat und Layout: net-Verlag

printed in the EU

ISBN 978-3-95720-299-4
eISBN 978-3-95720-300-7

Für Lena, Hannes und
Jonas

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Über die Autorin

1

Wie sehr die kommenden beiden Tage ihr Leben für immer verändern sollten, konnte Simone nicht ahnen, als sie im Mai 2007 mit ihrem Auto unterwegs in ihr Heimatdorf war. Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, die Wischer flitzten hin und her. Simone hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Regengrau und Müdigkeit drückten zusätzlich ihre Stimmung, die mit der Aussicht auf die kommenden Tage eigentlich schon ausreichend getrübt war: heute und morgen die kranke Mutter betreuen. Allein.

Aber es gab kein Ausweichen, sie war die einzige Wahl. Der Vater und ihr Bruder samt Familie, die normalerweise für die Pflege zuständig waren, weil sie alle zusammen auf dem Hof lebten, fuhren zur Beerdigung eines Onkels nach Hamburg. Über 600 Kilometer waren einfach zu viel für einen Tag, klar verstand sie das. Simone seufzte.

Die Vorstellung, für zwei Tage mit der kranken Mutter allein und für alles verantwortlich zu sein, verursachte Bauchgrimmen und schweißfeuchte Hände, die am Lenkrad klebten. Obwohl die Diakonie früh und abends die schwere Arbeit erledigte – Gott sei Dank – und für sie nur noch Handgriffe blieben, hatte sie Angst davor, mit ihrer Mutter, die nicht allein sein sollte, allein zu sein.

Tränen traten Simone in die Augen. Rasch wischte sie sie mit dem Jackenärmel weg; sie musste klar sehen, sich auf die Straße konzentrieren. Wenigstens ließ der Regen etwas nach.

Die letzten Monate hatte Mutter abwechselnd im Krankenhaus und zu Hause verbracht. Jetzt war sie austherapiert. Was für ein Wort! Warum sagten sie nicht einfach, was es war? Endstation. Warten auf den Tod.

Das Nachbardorf tauchte auf, die Pappelallee, die den Berg hinauf in Simones Dorf führte. Sie hatte all die Jahre, in denen sie in der Stadt lebte, nie das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen, wenn sie ins Dorf zurückfuhr. Es bedeutete ihr nicht mehr viel, war ihr fremd geworden. Sie hatte sich auch wenig um den Erhalt von Kontakten bemüht. Wozu auch? Die Freunde von einst lebten ein völlig anderes Leben.

Simone bremste am Ortsschild auf 50 km/h, bog von der Hauptstraße ab; geradeaus vor ihr lag direkt der Hof. Jetzt, nach der Wetterfront, spiegelten sich die ersten Strahlen der Morgensonne im Regennass.

Sie parkte vor der Scheune, nahm ihren Trolley und den Cellokasten aus dem Kofferraum, öffnete die immer unversperrte Haustür und trat in die Diele, wo sie beides erst einmal abstellte. Sie wusste, sie würden alle in der Küche sein.

Nach raschem Klopfen öffnete Simone die Tür. Da saßen sie auf der Eckbank um den großen Küchentisch: ihr Vater Reinhard, ihr Bruder Walter, die Schwägerin Irene und sogar der sechsjährige Marco, ihr Neffe – alle schwarz gekleidet, startklar für die bevorstehende Fahrt zur Beerdigung.

»Na endlich!« Irene sprang auf.

Die anderen nickten ihr lediglich zu.

Simone wuschelte Marco durchs Haar. »Du bist ja schon wieder gewachsen!«

Vater brummte: »Es wird Zeit, dass er im Herbst in die Schule kommt, er hat nur noch Unfug im Kopf.«

Marco grinste, Simone lachte.

Irene lief zum Kühlschrank. »Ich erkläre dir jetzt, was mit Bärbel zu tun ist. Wir müssen gleich los.« Sie nahm Fläschchen und Tabletten heraus und dozierte, was wann zu geben und wie zu handeln sei bei allen möglichen Eventualitäten.

Simone nickte alles stumm ab.

Dann endlich brachen sie auf.

»Bis morgen Abend!«, rief Simone noch. Die Autotüren wurden zugeschlagen, der Wagen startete, wurde leiser. Simone schnaufte durch, ging auf die Schlafzimmertür zu, zögerte, drückte dann aber langsam die Klinke.

Da lag die Mutter in ihrem weißen Krankenhausbett, dünn, blass. Von ihrem Leiden gezeichnet, aber mit lebhaften Augen. Kaum zu glauben, dass sie erst achtundfünfzig war.

»Meine Simone!« Mit leichtem Lächeln hob Bärbel die schmale Hand etwas an.

Simone ergriff sie, streichelte die welke Haut, lächelte zurück. Dann gab sie sich einen Ruck und fuhr mit den Fingern sanft die Gesichtskonturen ihrer Mutter nach. Sie spürte, wie sie sich beide entspannten.

»Wie geht es dir?« Simone hörte selbst, wie hohl ihre Frage klang.

Umso mehr überraschte sie die Antwort ihrer Mutter. »Gut. Verhältnismäßig gut. Bin froh, endlich zu Hause zu sein.«

Ihre Stimme klang wirklich nicht mehr ganz so schwach wie beim letzten Mal bei Simones Besuch im Krankenhaus, selbst die Augen schimmerten klarer.

»Das ist schön, Mama. Sehr schön!« Simone lächelte zuversichtlich.

»Und dir? Was macht Georg?«

»Mir geht’s wie immer, Mama. Das Wochenende war wieder stressig. Drei Aufführungen. Bin jede Nacht um eins ins Bett gefallen. Aber jetzt hab ich zwei Tage frei. Übermorgen beginnen wieder die Proben. Übrigens hab ich mein Cello dabei, um ein bisschen zu üben, und vor allem, um dir mal was vorzuspielen. Du magst das ja so.«

Bärbel nickte und lächelte in sich hinein.

Simone fuhr fort: »Und Georg? Ja, der hat viel zu korrigieren mit einer Abiklasse in Mathe. Momentan sehe ich nicht viel von ihm. Wenn ich Zeit habe, ist er in der Schule, und wenn er frei hat, muss ich spielen. Das alte Problem. Na ja. Aber Mitte August wollen wir für zwei Wochen nach Norwegen fahren. Da freu ich mich drauf.«

Die letzten beiden Sätze sprach Simone leiser, unsicherer. Ihr wurde bewusst, dass ihre Mutter dann wahrscheinlich nicht mehr lebte. Wie konnte sie nur so unsensibel sein und behaupten, sich auf eine Zeit zu freuen, in der ihre Mutter nicht mehr da sein würde.

Aber Bärbel drückte ihre Hand. »Schön, dass du dich auf die Ferientage mit Georg freust. So muss es doch sein.«

Simone antwortete nicht. Sie hatte Georg schon mehrmals mitgebracht in den drei Jahren, in denen sie zusammen waren. Er war nett zur Familie gewesen, hatte sich um Gesprächsthemen bemüht, mehr als sie selbst. Es gab durchweg positive Rückmeldungen. Die Schwägerin ließ sich sogar zur Bemerkung hinreißen, Georg sei doch etwas ganz anderes als dieser Koreaner. Simone hatte ihr hinter ihrem Rücken die Zunge rausgestreckt. Wenigstens das.

Simone schaute ihre Mutter an. Heller, kurzer, grauer Flaum hatte sich über der Kopfhaut gebildet, seit die Chemo abgesetzt war. Jetzt schaffte es die Morgensonne, durch die Wolken zu brechen, und ein einzelner Lichtstrahl beleuchtete Bärbels Bett. Der Flaum leuchtete auf dem Kissen wie ein fransiger Heiligenschein, der den Kopf umrahmte. Das Gesicht strahlte unerwartete Energie aus.

Bärbel tastete nach Simones Hand. »Gut, dass wir heute allein sind, ich muss dir etwas erzählen. Etwas Wichtiges. Solange ich noch Zeit habe. Stell deinen Stuhl neben mein Bett!«

Simone gehorchte, nahm aber noch nicht Platz, sondern verschwand erst noch schnell in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen.

Was hatte Mama wohl auf dem Herzen? Vielleicht kam jetzt das, was viele Sterbende suchten – die Gespräche über alles, was sie versäumt hatten und bereuten, damit den Kindern ja nicht dasselbe passierte.

Das Leben der Mutter war in Simones Augen völlig ereignislos, um nicht zu sagen langweilig, verlaufen. Sie hatte kaum etwas erlebt, war nur selten aus dem Dorf rausgekommen, so gut wie nie in den Urlaub gefahren. Ihre Kontakte beschränkten sich im Großen und Ganzen auf die Dorfgemeinschaft.

Simone kehrte mit dem Kaffee zurück, setzte sich und nahm einen kräftigen Schluck. Er tat ihr gut.

Bärbel lächelte in sich hinein. »Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Hab dem Papa damals versprochen, dass ich keinem Menschen davon erzähle, auch dir nicht. Dir schon gleich gar nicht.«

Simone horchte auf.

»Aber in den letzten Monaten hab ich viel Zeit gehabt und hin- und herüberlegt. Es geht nicht anders, ich muss wohl mein Versprechen an Reinhard brechen. Heute ist die Gelegenheit. Alle anderen sind fort. Ich habe extra nur die Hälfte der Morphine genommen, damit ich mehr Kraft habe und nicht so leicht eindöse.«

Berührt strich Simone ihr über die eingefallene Wange. »Ist es etwas Schlimmes?«

Mutter lächelte. »Nein, eigentlich nicht. Ich habe dir ja schon immer viel von meiner Kindheit erzählt, mein Schatz, auch weil du so interessiert warst, du weißt eigentlich auch ziemlich alles.

Aber eines hab ich ausgespart oder bei Nachfragen nur kurz und beiläufig erwähnt, das war meine Zeit in Würzburg, als ich bei Tante Alice gewohnt habe. Und erst jetzt habe ich mich entschlossen, dir davon wahrheitsgemäß zu berichten, denn sie hat mich sehr geprägt, mehr als alles andere.

Für mich hat es damals, trotz meiner guten Noten, weder Schul- noch Berufsalternativen gegeben. Die Kreisstadt mit den höheren Schulen lag zu weit entfernt, um die Strecke mit dem Fahrrad bewältigen zu können; Schulbusse verkehrten erst viel später.

Außerdem war ich als einziges Kind meiner Eltern dafür vorgesehen, ihren Hof weiterzuführen. So habe ich halt, wie viele andere Jugendliche aus dem Dorf, eine landwirtschaftliche Lehre absolviert.

Meine Mutter, also deine Oma Marga, hatte damals schon eine Herzschwäche, und dein Opa war froh, wenn ich es war, die ihm bei der schweren Arbeit helfen konnte.

Aber im Spätsommer 1966 veränderte sich meine Welt mit einer Kette von Ereignissen, von denen du keinerlei Ahnung hast. Damals war ich knapp achtzehn Jahre alt, hatte meine landwirtschaftliche Lehre bereits hinter mir und bewirtschaftete zusammen mit meinen Eltern unseren kleinen Hof.«

2

Ende August 1966 besuchte uns Tante Alice aus Würzburg. Ich freute mich immer, sie zu sehen, denn sie brachte mit ihrem Temperament frischen Wind in unser Haus. Sie war, wie du vielleicht noch weißt, Vaters Halbschwester, mehr als zehn Jahre jünger als er, schlank, modisch gekleidet, geschminkt.

Wenn Vater sie diesbezüglich anspitzte, entgegnete sie schnippisch, als Verkäuferin im Kaufhof sei gutes Aussehen unverzichtbar, doch davon verstehe er wohl nichts.

Als Alice diesmal an einem strahlenden Spätsommernachmittag ankam, lief Mutter ihr gleich entgegen und erklärte, ihr Bruder Erich sei im Weinberg.

»Ach, Mensch, da würde ich auch gern mal wieder hin«, sagte Alice. »Nach der Autofahrt tut mir ein kleiner Spaziergang gut. Bärbel, kommst du mit?«

Nichts lieber als das. Ich hätte ansonsten bloß wieder meiner Mutter helfen müssen: Hof kehren, putzen, Abendessen richten.

Kaum hatten wir das Dorf hinter uns gelassen, zündete sich Alice eine Zigarette an, inhalierte und blies mit einem tiefen Wohllaut den Rauch wieder hinaus.

»Herbstzeitlosen! Schau mal dort rüber, Tante Alice!« Ich zog sie mit an den Wegrand. »Es sind die ersten, die ich dieses Jahr sehe. Was für ein zartes Violett!«

»Ja, wirklich schön, Bärbel. Aber sie sind eben auch ein Anzeichen, dass der Sommer bald vorbei sein wird.«

Wir gingen weiter. Sie schaute mich an. »Ach, Bärbel, langweilst du dich denn nicht in diesem Kuhdorf? Vor zwanzig Jahren wollte ich nur noch weg von hier.«

Ich kicherte: »Du hast auch nie so recht hierher gepasst. Sogar Vater gibt zu, dass die Stadt das Richtige für dich ist.«

Sie grinste. »Na, dann muss es wohl stimmen.« Dann schaute sie mich fragend an. »Und wie ist das bei dir?«

»Klar ist es hier oft öde. Aber was soll ich denn machen? Ich hab doch gar keine Wahl. Die Eltern schaffen die Arbeit nicht allein. Und Mama ist, wie du weißt, nicht die Gesündeste.«

»Ist denn in Zukunft der kleine Hof überhaupt eine Lebensgrundlage für dich?«

»Kaum. Das wissen auch meine Eltern.« Halb im Spaß fügte ich hinzu: »Aber Vater hofft, ich heirate einen von den großen Jungbauern, dann könnten wir die Höfe zusammenlegen.« Angesichts der Vorstellung schüttelte ich den Kopf und musste grinsen. »Und wenn das nichts wird, ist es das Mindeste, dass ich einen tüchtigen Handwerker heimbringe und den Hof als Nebenerwerb führe.«

»Na, das sind ja vielversprechende Aussichten«, sagte Alice und schürzte die Lippen. »Aber jetzt mal im Ernst: Was möchtest du denn selbst? Hast du nicht manchmal das Bedürfnis rauszukommen aus diesem Kaff, irgendwo anders zu sein, vielleicht einmal Stadtluft zu schnuppern?«

»Irgendwie schon. Aber ich hab ja nur Landwirtschaft gelernt. Das Jahr Fremdlehre auf dem Hof in Gnodsdorf war bereits ein Problem für die Eltern. Sie sind auf meine Hilfe angewiesen.«

»Zum Donnerwetter noch einmal! Ich habe nicht deine Eltern gefragt, sondern dich.«

Betroffen schwieg ich. Was wusste meine Tante schon, welche Rücksichten ich zu nehmen hatte.

Alice legte ihre warme Hand auf meinen Arm. »Du bist eine gute Tochter, die beste. Aber hättest du nicht mal Lust, zu mir nach Würzburg zu kommen? Nur für ein paar Monate. Ich könnte dir einen guten Job vermitteln. Über den Winter könnten deine Eltern doch auf dich verzichten.«

»Vater lässt das nicht zu. Du kennst ihn doch.«

»Schon. Das wird sicher nicht ganz leicht. Aber wenn du wirklich willst …« Sie brach den Satz ab, wandte ihren Blick wieder mir zu.

Ich nickte, so heftig ich konnte.

»Gut! Lass nur mich mal machen«, sagte Alice zufrieden.

Wir näherten uns dem Weinberg von der Bergseite her. Vor uns fielen die Drahtreihen mit den dichten, grünen Rebenzeilen steil den Hang hinunter. Alice zog noch einmal lustvoll an ihrer Zigarette und zertrat sie.

Wir öffneten das schmale Türchen im Zaun und schlüpften hinein. Gleich links davon stand, an der höchsten Stelle des Grundstücks, ein von meinem Vater selbst gezimmertes Weinbergs-Häuschen, auf das er sehr stolz war. Wir ließen uns auf der Terrasse nieder. Vater war weiter unten im Weinberg zu sehen.

Alice formte ihre Hände zu einem Trichter und rief: »Hallo, Erich. Hier sind zwei, die dich von der Arbeit abhalten wollen.« Sie seufzte: »Hatte ganz vergessen, wie himmlisch dieser Blick ist: das Aischtal, die Burg Hoheneck, die Frankenhöhe. Ein Traum!«

»Ich dachte, es ist ein Kaff«, sagte ich grinsend.

Alice knuffte mich in die Seite.

Vater schnaufte die Rebengassen zu uns herauf. »Alice!« Er streckte ihr seine große, schwielige Hand entgegen. Mich beachtete er nicht. Dann setzte er sich zu uns an den groben, ebenfalls von ihm selbst geschreinerten Holztisch. »Gell, das hier ist ein kleines Paradies! Das kann dir die Stadt nicht bieten.«

Alice lachte. Eine Pause entstand.

»Wie wird denn die neue Ernte, Vater?«

Ich wusste, was ihn besonders interessierte.

Zum ersten Mal, seit wir hier waren, sah er mich an.

»Also, wenn kein Hagel kommt, gut. Dann brauchen wir jede Hand zur Lese; auch deine wäre mal durchaus willkommen, Alice.«

»Ja, warum eigentlich nicht? Man soll ja bekanntlich niemals nie sagen. Gib mir einfach Bescheid, wenn’s so weit ist.«

Wir schwiegen eine Weile. Mein Vater ließ den Blick über das Tal schweifen. Dann schaute er seine Schwester an.

»Und, geht’s dir gut? Hast du noch den von der Weinstube?«

»Du meinst Fritz? Ja, wenigstens ab und zu.« Sie grinste.

»Wieder nichts Ernstes, oder?«

»Nö, nicht so, wie du das verstehen würdest, Bruderherz. Aber er bringt mich zum Lachen, das ist doch schon mal was.«

»Zum Lachen?«, wiederholte mein Vater und schüttelte verständnislos den Kopf.

»Die Weinstube läuft gut. Sie suchen übrigens händeringend Bedienungen, freundliche, verlässliche. Das wär doch etwas für Bärbel. Natürlich nur den Winter über.« Tante Alice sah mich an.

Ich fühlte mich überrumpelt. Das mit der Weinstube war nicht abgesprochen, und ich konnte erst einmal gar nichts sagen.

Mein Vater tat es für mich. »Also, wir brauchen Bärbel hier. Setz ihr keine Flausen in den Kopf!«

»Sie könnte bei mir wohnen. Kostenlos. Was denkst du, was eine tüchtige Bedienung so an Trinkgeldern nach Hause bringt!« Sie ließ das Gesagte sacken.

Inzwischen hatte ich mich gefangen. »Vater, doch nur von Oktober bis März. Im Frühjahr, wenn die Arbeit auf dem Hof wieder losgeht, komme ich wieder heim und helfe euch.«

»Außerdem würde Bärbel mal gern was Anderes sehen als nur das Leben auf dem Dorf. Gönn es ihr doch mal für diese kurze Zeit, Erich!«

»Wer von euch beiden hat sich denn das alles ausgedacht? Du, Alice, oder sie?«

Alice grinste wieder und deutete mit der einen Hand auf sich, mit der anderen auf mich.

»Vater, bitte! Das ist doch eine einmalige Gelegenheit. Ich könnte was sparen.« Ich überlegte kurz, was ihm wohl wichtig sei. »Für die Aussteuer!«

Mein Vater schnaufte laut und kratzte sich hinter dem Ohr. »Also, ihr wollt mich wohl vor vollendete Tatsachen stellen?«

»Nö, ist nur ein Vorschlag.« Alice grinste in sich hinein. »Und zwar ein sehr guter!«

Gedankenverloren kramte sie nach einer Zigarette, ließ es dann aber doch lieber sein. Offensichtlich wollte sie ihren Bruder nicht unbedingt verärgern.

»Würzburg ist mir ein zu unsicheres Pflaster für so ein unerfahrenes junges Mädchen wie Bärbel. Die ganzen Studenten – und erst die Amis!«

»Ich bin achtzehn, Vater. Hab ich dir nicht immer bewiesen, dass ich gut auf mich selbst aufpassen kann?«

»Außerdem wohnt sie schließlich bei mir, ihrer Tante. Da kannst du ganz beruhigt sein, Erich.«

Vaters Blick suchte Trost in der ihm vertrauten Landschaft, dann brummte er etwas in seinen Bart hinein von wegen Bock und Gärtner.

Seine Schwester ging nicht darauf ein. Wieder sprach eine Zeitlang niemand.

Dann stand mein Vater ruckartig auf und sah Alice an. »Also, ich muss wieder an die Arbeit. Und wegen der Sache mit Würzburg, seid euch da nicht zu sicher. Da muss ich erst mit Marga reden.«

Meine Tante zwinkerte mir zu.

Mir wurde heiß vor freudiger Erregung. Wir kannten beide Mutter und wussten: Die Schlacht war geschlagen.

Tatsächlich täuschten wir uns nicht. Sie brachte für meinen Wunsch mehr Verständnis auf als Vater und hatte auch sofort größeres Vertrauen in mich und weit weniger Bedenken ihrer Schwägerin Alice gegenüber. So wurde noch am Abend mit meiner Tante vereinbart, dass ich von Anfang Oktober 1966 bis Ostern 1967 bei ihr wohnen und unter ihrer Aufsicht stehen würde. Ich könnte ja ab und zu an den Wochenenden und natürlich zu Weihnachten mit dem Zug nach Hause kommen. Der Bahnhof mit einer direkten Verbindung nach Würzburg war nur eine Viertelstunde mit dem Auto von unserem Dorf entfernt, die Bahnfahrt selbst dauerte eine gute halbe Stunde.

Außerdem sagte Tante Alice mir einen Job als Bedienung in einem renommierten, seriösen Weinhaus in Würzburg zu, in dem auch ihr Freund Fritz Kellner sei, sodass ich zu keiner Zeit allein und ohne den Schutz eines Erwachsenen arbeiten müsste, was meiner Mutter sehr wichtig war.

Schließlich konnte auch Vater kein Argument gegen meinen Aufenthalt in Würzburg mehr vorbringen, und das Ganze war beschlossene Sache.

Freudig winkte ich Alice nach, als sie gegen Abend mit ihrem Auto wieder Richtung Würzburg losfuhr.

Später jedoch wälzte ich mich in meinem Bett hin und her und fragte mich, ob ich mich von meiner Tante nicht vielleicht doch hatte überrumpeln lassen.

Hatte ich wirklich Lust, monatelang als Bedienung zu arbeiten? Was, wenn ich mich zu dumm anstellte, mich gar als Dorftrampel blamierte? Ich kannte doch niemanden dort, nicht einmal den besagten Fritz. Und Tante Alice? Ich mochte sie, aber wie gut kannte ich sie wirklich?

In ihrer hübschen Drei-Zimmer-Wohnung war ich schon öfter gewesen. Mir hatte es dort immer gefallen. Anders als bei uns zu Hause waren die Zimmer modern und farbenfroh eingerichtet. Aber wie wäre es, wenn ich dauernd bei ihr wohnen würde?

Bei all diesen schweren Gedanken schlug mein Herz schneller, und ich hatte Mühe, nach dem aufregenden Tag einzuschlafen.

In den nächsten Wochen jedoch traten die Bedenken, die ich natürlich niemandem gegenüber äußerte, immer mehr in den Hintergrund, und in mir machte sich eine freudige Erregung breit, wenn ich an das Abenteuer Würzburg dachte, das mit jedem Tag näherrückte.

3

Meine Eltern brachten mich im Oktober 1966, am Sonntag, bevor ich meinen Job antreten sollte, in unserem VW Käfer nach Würzburg. Es war nur eine knappe Stunde Fahrt mit dem Auto.

Tante Alice hatte sich für unseren Empfang tüchtig ins Zeug gelegt. Sie hatte einen Kuchen gebacken und einen echten Bohnenkaffee aufgebrüht. Sogar eine Schale mit Schlagsahne stand auf der sorgfältig gedeckten Kaffeetafel.

Mutter und ich machten ihr Komplimente, und selbst Vater rang sich zu einer löblichen Erwähnung der Mühen seiner Schwester durch.

Wir ließen es uns schmecken und plauderten in einer angenehmen Atmosphäre.

Später trug Vater meinen Koffer in das kleinste Zimmer der Wohnung, ein Raum vom Zuschnitt einer Schuhschachtel, doch hell mit einem bequem aussehenden, frisch bezogenen Bett, einem kleinen Nachttisch mit Lämpchen, einem schmalen Schrank und sogar einem Waschbecken. So brauchte ich nur für Dusche und Toilette das Bad der Tante mitzubenutzen. Man konnte dank eines Elektroboilers jederzeit duschen; bei uns zu Hause musste der Badeofen erst mit Reisig und Holz mühevoll angeschürt werden. Hier war das ein Luxus! Meine Eltern zeigten sich beeindruckt.

Nach dem Kaffeetrinken führte uns Tante Alice in die Weinstube, nur ein paar Straßen weiter. Sie bestand aus einem großen, dunklen Saal, der in mehreren Nischen abgeteilt war. Daran schlossen sich weitere kleinere Gasträume an. Alles war gediegen eingerichtet. Überall saßen Menschen, die fröhlich tranken, plauderten, rauchten.

Meine Mutter fand es gut, dass auch viele Frauen darunter waren; bei uns im Dorfgasthaus wäre das undenkbar gewesen.

Tante Alice winkte zur Theke, und eine resolut wirkende, ältere Frau, ihr graues Haar zu einem strengen Knoten frisiert, kam auf uns zu. Ihre ganze Erscheinung strahlte Führungsstärke aus.

Alice stellte uns gegenseitig vor. Es war Frau Hartmann, meine künftige Chefin. In ihrem geröteten Gesicht funkelten lebhafte, freundliche Augen.

Sie dirigierte uns zu einem leeren Tisch; ein Kellner eilte sofort herbei, um unsere Wünsche aufzunehmen. Selbstverständlich waren wir eingeladen.

Mit ihrer dunklen, fast männlich wirkenden Stimme wandte sie sich an mich: »Sie heißen also Bärbel. Was für ein schöner Name! Meine Mutter hieß auch so. Sie ahnen gar nicht, liebe Bärbel, wie dringend wir Sie brauchen. Alice hat mir schon viel über Sie erzählt, wie flink und tüchtig Sie sind. Ich freue mich auf Sie.«

Sie umschloss mit ihren großen, warmen Händen meine blassen, kalten und nahm mir mit dieser Geste etwas von meiner Aufregung.

Natürlich versuchte ich abzuwiegeln, unterstrich, dass ich keine Ahnung vom Bedienen hätte, man mir erst noch alles beibringen müsse.

»Das ist doch gar kein Problem. Nach ein paar Stunden können Sie’s. Das sehe ich Ihnen an der Nasenspitze an.« Sie lachte und tätschelte meinen Arm.

Es musste sich in der Weinstube herumgesprochen haben, dass eine neue Kollegin bei der Chefin am Tisch sitze, denn nach und nach kamen die anderen Bedienungen zu uns her, stellten sich kurz vor, reichten mir und meinen Eltern die Hand und wünschten mir einen guten Start. Sie waren adrett mit schwarzer Hose oder Rock und weißem Hemd beziehungsweise Bluse gekleidet, so wie ich mich ab morgen auch bei der Arbeit anzuziehen hatte. Alle machten sie einen freundlichen, recht sympathischen Eindruck.

Meine Eltern und meine Tante waren bestens gelaunt, als wir gingen. Selbst Vaters Bedenken schienen zerstreut; auch mir war es leichter ums Herz.

»Nur schade, dass ihr Fritz nicht kennenlernen konntet«, meinte Tante Alice. »Er hat heute erst ab 18 Uhr Dienst und ruht sich immer gern vorher etwas aus.«

Dafür hatten meine Eltern Verständnis. Zufrieden fuhren sie in ihrem Auto nach Hause.

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»Wenn ich jetzt zurückdenke, Simone, mein Schatz, bin ich froh, dass meine Eltern Fritz nicht begegnet sind. Sie haben eine gute Menschenkenntnis, und sie wären nicht so beruhigt nach Hause gefahren.«

»War es denn so schlimm mit ihm, Mama?«

»Nein, das nicht, aber nervig. Er war ein schleimiger, mir unsympathischer Typ mit anzüglichen Sprüchen, der auch noch glaubte, meinen Aufpasser spielen zu müssen.« Bärbel lachte. »Aber ich habe ihn schon in die Schranken verwiesen. Jedoch ist mir nie ganz klar geworden, was Tante Alice an ihm gefunden hat.«

Sie schloss für Sekunden die Augen. Das Reden hatte sie angestrengt.

»Mama, wir machen jetzt mal eine Pause. Es ist Zeit für deinen Tee und die Medizin, und ich mache mir noch einmal eine Tasse Kaffee.«

»Ja, gut. Aber wir halten die Pause kurz, legen dafür erst nach dem Mittagessen eine längere ein. Da schlafe ich dann immer eine Stunde, und du kannst dich dann auch ausruhen oder spazieren gehen, ganz, wie du möchtest.«

Eine Viertelstunde später saß Simone bereits wieder am Bett der Mutter und nippte an ihrer Tasse. Die Mutter schien wieder erholt und begierig zu sein weiterzuerzählen.

4

In meiner ersten Nacht in Würzburg schlief ich trotz des harmonischen Tagesverlaufs und der ermutigenden Begegnungen nicht gut. Das Zimmer war nicht völlig dunkel, wie ich es von zu Hause gewöhnt war, Licht und Schatten huschten trotz geschlossener Vorhänge über die Wand. Der Verkehrslärm, den ich tagsüber kaum wahrgenommen hatte, dröhnte in ständig wechselnder Lautstärke zu mir ins Zimmer hinauf. Daheim hörte ich höchstens mal ein Käuzchen rufen oder frühmorgens im Sommer bei geöffneten Fenstern die Vögel zwitschern.

Irgendwann war ich wohl doch eingeschlafen, denn ich erwachte vom Lärm, den Tante Alice am Morgen in der Küche beim Zubereiten des Frühstücks machte.

Ihre Schicht begann früh, und wir hatten ausgemacht, dass ich erst aufstehen sollte, wenn sie das Haus verlassen hatte, denn ich brauchte erst um 12 Uhr bei der Arbeit zu erscheinen.

Heute Mittag sollte ich, noch während die Weinstube geschlossen hatte, von meiner Chefin eine Einweisung erhalten und erst am frühen Abend, wenn das Lokal geöffnet hatte, zum ersten Mal selbstständig Gäste bedienen.

Meine alten Ängste kehrten nun zurück: Was, wenn ich die Weinsorten verwechsle oder gar stolpere und das vollgeladene Tablett fallen lasse? Was, wenn die Chefin mir gleich nach dem ersten Abend mitteilt, dass sie mich leider für ungeeignet hält und nicht weiter brauchen kann? Dann muss ich gleich morgen wieder nach Hause fahren. Schon bei der Vorstellung dieser Schande wurde mir ganz heiß.

Frau Hartmann begrüßte mich mit ihrem breiten Lächeln in der Weinstube. Sie musste mir wohl meine Hemmungen angesehen haben, denn sie nahm wieder meine Hand und tätschelte sie.

»Ja, ja, ja, meine Liebe. Aller Anfang ist schwer, und es ist ganz normal, wenn du ein kleines bisschen Angst hast. Es ist dir doch recht, wenn ich du zu dir sage, Bärbel?«

Ich nickte heftig.

»Als ich dich gestern so mit deinen Eltern habe ins Lokal reinkommen sehen, da habe ich gleich gespürt, dass du zu uns passt. Das habe ich im Gefühl, und ich täusche mich selten.«

Die Chefin zeigte mir, in welche Gläser welcher Wein eingefüllt und serviert wurde: Die grünen Römer waren für den Silvaner, die gelben für den Müller-Thurgau, Riesling wurde in weißen Stielgläsern an den Tisch gebracht. Die Kollegen an der Theke richteten sich beim Befüllen nach einem bestimmten Schema, und ich musste mit ihm vertraut sein.

Eifrig machte ich mir Notizen, fertigte sogar zur Klarheit einige Skizzen an. Bis zu meinem ersten Einsatz am Abend lernte ich alles auswendig.

Meine Aufgabe war es, Bestellungen für Essen und Getränke aufzunehmen, zusammen mit der Tischnummer in der Küche beziehungsweise an der Theke abzugeben und anschließend zu servieren. Erst einmal brauchte ich nicht zu kassieren, das würde erst später hinzukommen.

»Nun das Wichtigste, Bärbel: lächeln, lächeln, lächeln. Immer freundlich bleiben, auch wenn manchmal die Leute dumm daherreden. Der Gast hat immer recht. Auch bei größtem Betrieb nie hektisch werden oder zu schnell hin- und herflitzen, das stört die Gemütlichkeit. Ruhe bewahren ist die oberste Oberpflicht.«

Frau Hartmann ließ kurz ihr kehliges Lachen erklingen, dann legte sie mir ihre Hand auf den Arm. »Und wenn es mal ein Problem geben sollte, kommst du einfach zu mir.«

In der Ecke der Gaststube schaute ich meine Notizen immer wieder an, drehte die Seiten um, versuchte, alles auswendig herzusagen. Danach stand ich auf, um mir die Tischnummern einzuprägen, das war leichter als gedacht, weil sie im Uhrzeigersinn angeordnet waren. Probehalber nahm ich dann ein Serviertablett in die Hand, stellte es voll leerer Gläser und trug es zu einem weit entfernten Tisch. Die Gläser schepperten. Ich versuchte, das Tablett ruhiger zu halten, langsamer zu gehen. Schon besser!

Auf der Toilette zog ich mir dezent meine Lippen nach und puderte mir die Nase. Ich überprüfte, ob der schwarze Rock und die weiße Bluse richtig saßen. Dann versuchte ich, freundlich in den Spiegel zu lächeln. Nicht schlecht.

Als ich zurückkehrte, stand ein Kellner hinter der Theke und musterte mich augenfällig. Er hatte ein teigiges Gesicht und dunkles, dünnes Haar, das mit einer Frisiercreme eng an die Kopfhaut hin gekämmt war. Über dem weißen Hemd trug er eine schwarze Weste, die um den Bauchansatz etwas offenstand.

»Guten Abend«, murmelte ich leicht irritiert.

Der Mann verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. »O la la, du bist bestimmt Bärbel vom Lande, die Vielgepriesene.« Er streckte mir seine Hand entgegen und drückte die meine so stark zusammen, dass ich aufschrie. Was für ein Rüpel!

»Mein Alice-Mäuschen hat mir ganz verschwiegen, was für ein hübsches Vögelchen sie sich da eingefangen hat.« Er lachte blechern.

Ich erschrak.

Das sollte Fritz sein? So ein unsympathischer Kerl? Hatte denn die sonst so stilsichere Tante gar keinen Geschmack, was Männer betraf?

Fritz musste meinen Gesichtsausdruck bemerkt haben. »Na, Bärbelchen, du brauchst gar nicht so finster zu gucken. Du hast nämlich Glück: Der liebe Fritz nimmt dich unter seine Fittiche, darauf kannst du dich verlassen!« Sein heiseres Lachen und sein lüsterner Gesichtsausdruck jagten mir einen Schauer über den Rücken.

Wie gut, dass jetzt zwei weitere Kellner den Raum betraten. Es waren die netten von gestern, die mich auch gleich herzlich begrüßten. Dann kam noch eine blondierte Frau mittleren Alters dazu, die mir, ohne die Miene zu verziehen, die Hand reichte und murmelte: »Ich bin Evi. Halsund Beinbruch!«

Ich lächelte sie an und bedankte mich.

Sie nickte mir zu.

Frau Hartmann teilte uns bestimmte Tische zum Bedienen zu. Nur um diese hätten wir uns zu kümmern und sollten lediglich bei anderen aushelfen, wenn wir ausdrücklich darum gebeten würden.

Bevor die Chefin die Weinstube aufschloss, kam sie auf mich zu und hob mit ihrem Mittelfinger mein Kinn an. »Kopf hoch und lächeln, lächeln, lächeln!«

Ich versuchte es, obwohl mir nicht unbedingt danach war.

Als dann die ersten Gäste hereindrängten, und gleich eine Gruppe an einem meiner Tische Platz nahm, begann ich zu funktionieren: Ich begrüßte sie freundlich, händigte Speise- und Weinkarten aus. Da die Leute selbst entspannt und nett waren, fiel es auch mir nicht schwer. Ich nahm die Bestellungen auf und servierte korrekt. Mir unterlief kein einziger grober Schnitzer. Jawohl, ich konnte es!

Vor Freude straffte ich die Schultern, trug ruhig und besonnen die Tabletts zu den Tischen, wünschte »Zum Wohl!« oder »Guten Appetit«, das Lächeln kam von allein.