image

RICHARD SCHUBERTH

Bus nach Bingöl

Roman

image

Die Herausgabe dieses Buches erfolgte mit
freundlicher Unterstützung durch die Stadt Wien.

image

image

Lektorat: Martin Gastl

Copyright © dieser Ausgabe 2020 bei Drava Verlag

ISBN 978-3-85435-944-9
eISBN 978-3-85435-962-3

Inhalt

Vorbemerkung

1. Von İstanbul nach Elazığ

2. Meltem und Hatice

3. Die Frau im Sarg

4. Das Dorf

5. Die letzten Tage

6. Epilog Die Geschichte zweier Esel

7. Nachspiel

Glossar

Vorbemerkung

Das Fundament dieses Buchs waren zwei themenverwandte Erzählungen, die ich 2007 schrieb. Freunde rieten mir, sie zu einem Roman oder zumindest einer Novelle zu ergänzen. Einige Jahre vergingen, bis ich daran weiterarbeitete. Das Vorhaben wurde aber von anderen Projekten rüde zur Seite geschoben. Nach der Niederschlagung des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 und der endgültigen Umwandlung des Landes in einen autokratischen Staat wurde mir klar, dass der Roman zu Ende geschrieben werden musste.

Ahmet Arslans Heimatdorf Holike sowie das Bergdorf Belekan, die Berge Koyo Derg und Koyo Serd, der Kinkor-Pass und der Fluss Derê Saniku sind frei erfunden. Somit habe ich der Topografie Süd-Dersims ein weiteres geheimes Gebiet geschenkt, vom dem sie bis jetzt nichts wusste …

Dieser Roman ist einer Generation von Männern und Frauen gewidmet, die im Bewusstsein internationaler Solidarität ein Beispiel gaben und den Weg des Widerstandes gegen den türkischen Staat wählten, die getötet, eingesperrt oder ins Exil getrieben wurden und deren Andenken nur im Gedächtnis ihrer Freunde, Mitstreiter und Verwandten fortlebt.

1.

Von İstanbul nach Elazığ

Sabiha Gökçen Airport

Sabiha Gökçen – Leitstern weiblicher Emanzipation.

Sabiha Gökçen – die erste Frau in der Türkei, die ein Flugzeug flog.

Sabiha Gökçen – die erste Frau in der Türkei, die zur Kampfpilotin ausgebildet wurde.

Sabiha Gökçen – die erste Frau in der Türkei, die aus der Luft Kurden tötete.

Ihre ersten Einsätze flog die Ziehtochter Kemal Atatürks gegen kurdische Dörfer während der Dersim-Massaker 1937 und ’38. Im Jahr 2004 erbrachte der Journalist und Menschenrechtsaktivist Hrant Dink den Nachweis, dass sie aus einer armenischen Familie stammte, die den Massakern von 1915 zum Opfer gefallen war. Drei Jahre zuvor war der neue İstanbuler Flughafen im Osten der Stadt nach ihr benannt worden.

Ahmet Arslan stand an einem Apriltag des Jahres 2008 vor der Passkontrolle. Er hatte die Wahl gehabt zwischen drei Kabinen. In der ersten saß eine junge Beamtin mit hochgesteckten Haaren, in der zweiten ein Mann mit dunklem Bartschatten – beide trugen die respekteinflößende Unnahbarkeit ihres Amtes zur Schau. Doch suchten sie nur selten auf dem Bildschirm nach Verdachtsmomenten. Warum hatte sich Ahmet Arslan ausgerechnet in die dritte Reihe gestellt, die von einem mürrischen Polizisten mit harten Gesichtszügen abgefertigt wurde? Trotz war es. Gepaart mit dem Versuch, seiner Angst die härteste Prüfung zu gönnen. Er dachte: Du bist Bauer, ich bin Bauer, lassen wir es darauf ankommen. Zudem hat die Bürokratie bekanntlich kein Gesicht. Gelangweilt winkte der Beamte die Leute in der Reihe durch, deren letzter Ahmet Arslan war. Ahmets Hochmut fiel wie ein Schleier von ihm, als der Beamte seinen Pass prüfte. Nicht einmal den üblichen Abgleich zwischen Foto und Gesicht, der auch Unbescholtene nervös macht, ließ er Ahmet angedeihen. Er tippte bloß eifrig in die Tastatur und verglich die Daten des Passes mit denen des Bildschirms, über welche Ahmet dunkle Ahnungen hatte.

Der Beamte stand auf und verließ die Kabine. Ahmets Herz begann zu rasen. Der Beamte kam zurück und befahl ihm, sich an den Schalter 47 zu wenden, es gebe ein Problem.

Ahmet trippelte zu jenem Schalter 47, in dem die Vorgesetzten der Passkontrolleure Zweifelsfälle behandelten. Auch sie kamen ihm zivilisierter vor als die türkischen Beamten seiner Erinnerung. Doch was heißt das schon. Nervös schob Ahmet ein Dokument, das er aus seinem Rucksack geholt hatte, in die Durchgabemulde.

Hören Sie, fuhr Ahmet einen kleinen Polizisten mit Bürstenhaarschnitt an, hier haben Sie die Bestätigung des Innenministeriums über die Aufhebung des Einreiseverbots.

Der junge Polizist musterte Ahmet mit einem Anflug von Amüsement. Er sah den Schweiß auf Ahmets Stirn. Und ließ ihn, um den Augenblick noch ein wenig auszukosten, mit der Antwort warten.

Nein, nein, sagte er schließlich, das geht schon klar. Keine Sorge, Herr Arslan. Ein Formfehler bloß, das passiert immer mit diesen österreichischen Pässen, das System erkennt sie nicht, weil auf den Visa das P vor der Passnummer fehlt. Immer derselbe Mist.

Er reichte ihm den Pass mit einem freundlichen Lächeln und hieß ihn willkommen in der Türkei.

Ahmet schämte sich bei der Gepäckabholung ein wenig, weil er den kleinen Beamten am liebsten umarmen wollte, und mit ihm diese ganze neue zivile Türkei, die ihm zunächst solch eine Angst eingejagt hatte, nur um damit zu prahlen, dass sie nicht mehr die alte war, dass sie nicht mehr das Land war, das er vor 28 Jahren verlassen hatte. Durfte er dieser alerten, gut gelaunten Service-Türkei trauen?

Esenler Otogar

Wie hässlich der Busbahnhof war. Esenler Otogar. Doch sogar das gefiel ihm. Hier erst fing Anatolien an. Die zweite Etappe seiner Reise. Ahmet Arslan war noch benommen von der Zeit in İstanbul mit den alten Freunden, von übermütigen Tagen, die ihn mit der neuen Version dieses Landes versöhnt hatten. Zwei seiner ehemaligen Kampfgefährten waren Geschäftsleute geworden, großzügige zumal. Nein, du bist unser Gast. Keine Widerrede. Was, so weit kommen wir noch, dass wir uns von einem dahergelaufenen Alman wie dir einladen lassen. Augenzwinkern, Backenzwicken, gemeinsames Tanzen. Sie hatten sich einen Spaß gemacht, den Zeybek zu tanzen und jenes Machogehabe dabei zu persiflieren, das besonders bei den Emporkömmlingen wieder groß in Mode war. Şerafettin hatte ihnen dann gezeigt, wie wirkliches Tanzen aussieht und unter allgemeinem Beifall Horons von der Schwarzmeerküste getanzt. Man war durch die Klubs gezogen. Ahmet, wie alle aufrichtigen kurdischen Helden schüchtern, hatte geflirtet, was das Zeug hält. Wobei es aber die Frauen waren, die den ersten Schritt taten: diese neue Generation unverschämt selbstbewusster Mittelstandsfrauen, noch nicht in seinem Alter, aber schon reif genug, um nicht nur junges Gemüse zu ernten. Ein sehr eindeutiges Angebot war ihm gemacht worden. Er hatte sich geschmeichelt gefühlt. Und geschämt. Und das alles war in seinem Gesicht zu lesen gewesen. Weil er solch ein Bauer ist. Şerafettins Schwester, sie war frisch geschieden und wollte dies feiern, saugte von seiner Unsicherheit wie von schwerem Nektar. Sie fand ihn süß, und nur die Angst, Jagdobjekt und Trophäe zu sein, hatte ihn bewogen, nicht mit ihr nach Hause zu gehen. Das könne er Laura nicht antun. Sogar sich selbst versuchte er mit seiner Treue zu Laura zu täuschen. Wie kurz dieser Selbstbetrug währte, bewiesen seine abenteuerlichen Pläne für seine Rückkehr nach İstanbul. Zwei Telefonnummern hatte er in seiner Brieftasche, die hütete er wie Eintrittskarten fürs Paradies.

Er reckte und streckte sich, denn eine dreizehnstündige Busreise startet man besser nicht mit Verspannungen. Dann versuchte er sich an das Treiben hier vor 30 Jahren zu erinnern. An kodakfarbene Tage, an all die Landeier wie er, die ihre Angst hinter protzigen Schnurrbärten und bunten, weit geöffneten Fledermauskrägen versteckten. Die Unsicherheit der Bauern war noch immer dieselbe. Dann fiel ihm ein, dass es den Esenler Otogar damals noch gar nicht gegeben haben konnte. Er querte den Platz zur anderen Seite, wo sich in Billigläden und Imbissstuben ein wenig die Türkei seiner Jugend bewahrte.

Ein Busunternehmen neben dem anderen war hier aufgefädelt. Die Bäuche der Busse wurden fortwährend geleert und gefüllt. Koffer, riesige Ballen und ganze Hausgerätschaften schob man in die Laderäume. Familienväter instruierten die Packer argwöhnisch. Noch gar nicht alte Frauen mit geschwollenen Füßen schleppten sich am Stock zu den Eingängen und wurden von ihren Kindern am Gesäß in den Bus geschoben.

Sonnenstrahlen hatten die graue Wolkendecke perforiert. Der Bussteig füllte sich mit Fahrgästen. Einer der Stationsangestellten schien der ungekrönte König hier zu sein. Er kannte jeden, jeder kannte ihn, ein hagerer Bursche mit eingefallenen Wangen. Mit seinem schnellen Mundwerk kommentierte er alles und jedes, scherzte und versuchte das blasse Mädchen, das wie eine Säule am Randstein stand, mit einem Moonwalk zu beeindrucken. Nach einer Weile gab er es auf. Blass war sie, rote Lider, selbst die Glasaugen der Katze auf ihrem lila Mohairpulli schauten traurig. Sie zündete sich eine Zigarette an, denn zu ihrer Schwermut gesellte sich Unruhe. Jemand beobachtete sie. Sie spürte die Blicke. Dort beim Auslagenfenster der Firma Vangölü Tours stand eine Frau und fixierte sie mit wissendem Lächeln. Das Mädchen blies eine Rauchschwade der Unnahbarkeit in die Luft, dann drehte sie sich schnell nach der Spannerin um, um das Machtspiel zu wenden, doch die war verschwunden. Das Mädchen erschrak, als sie die ebenfalls bleiche, ältere Frau in der Mitte des achteckigen Platzes zwischen den Autos sie weiter anstarren sah.

Seit es günstige Flüge nach Elazığ, Diyarbakır und Kars gab, nahmen nur wenige junge Menschen den Bus in den Osten. Weniger der Flugpreis als Flugangst ließ die Älteren die Straße vorziehen. In der kleinen Wartehalle saßen jene Passagiere, die fürs Telefonieren, Rauchen, Auf-und-ab-Gehen zu müde waren: ältere Leute, anatolische Männer mit karierten Hemden, Tellermützen und Schnurrbärten, nie sicher, ob sie bei der richtigen Kompanie gelandet waren. Bei jedem Geräusch, jeder Durchsage flackerten ihre Augen wie die verfolgter Tiere. Nicht abwarten konnten sie, diesen Großstadtpfuhl der Verwirrungen und Täuschungen zu verlassen und ihren Platz wieder dort einzunehmen, wo sie bessere Figur machten, diese Männer, die nichts anderes erwarteten und gewohnt waren, als von Geschäftsleuten übervorteilt, den staatlichen Autoritäten gedemütigt und ihren Frauen verspottet zu werden. Ihre Frauen wirkten ruhiger, denn sie hatten schon längst sich unter die Schildkrötenpanzer ihrer Beleibtheit verkrochen und starrten leer vor sich hin. Das war auch vernünftig, denn sie hatten eingesehen, dass auch ihre letzten Jahre nicht mehr versprachen als die übliche Schufterei. So ein Leben bietet kein anderes Vergnügen, als am Selbstwertgefühl der Männer zu sägen.

Ein junges Pärchen versprach Hoffnung, denn ihre schlafenden Köpfe waren aneinandergelehnt – von solch einer Symmetrie konnten die Älteren nur träumen, und einige von ihnen fanden sie mit Bestimmtheit obszön.

Noch eine Figur in diesem Ensemble stach hervor, ein aufrecht sitzender Mann mit blondgrauen Haaren. Seine Hände lagen auf den Knien und starr war sein Blick. Dabei hätte er seine Unnahbarkeit nicht nötig gehabt, denn niemand wunderte sich über diesen Europäer, der einen Bus nach Bingöl nimmt. Kurze Blicke der Neugier vielleicht, kurze Versuche, sich diese Erscheinung zu erklären. Ein Russe gar? Oder ein Ukrainer? – Und man verfiel wieder in die Lethargie des Wartens. Der leblose Ausdruck seines Gesichtes mochte vielleicht das Vorurteil mancher hier bestätigen, dass diese Europäer reservierte Leute seien. Das ist bestimmt ein Alman, ein Deutscher. Alfred Horn war zufällig wirklich Deutscher.

Und die nächste auffällige Erscheinung lenkte die Blicke auf sich. Eine großgewachsene Frau in Trenchcoat durchmaß selbstbewusst den Raum, ging auf den Schalter zu und wartete mit ihrem Anliegen gar nicht, bis der Beamte den Kopf hob.

Ob es noch Tickets für zwei nebeneinanderliegende Sitze gebe, herrschte sie ihn an. Ihr langes brünettes Haar war in der Mitte gescheitelt, und ihr Gesicht, das zu einem Teil hinter einer riesigen Retrosonnenbrille verschwand, versprach, anmutig zu sein.

Müden Blickes fragte sie der Beamte, ob sie alleine reise.

Was das zur Sache tue, antwortete sie ungeduldig.

Weil der Bus fast voll sei und jeder Sitz genutzt werden müsse.

Hören Sie zu, mein Herr, ich brauche Platz und bin bereit, dafür auch den vierfachen Preis zu zahlen.

Der Beamte schnalzte mit der Zunge. Dies sei für diesen Tag der letzte Bus nach Bingöl, sagte er. Wenn sich keine neuen Passagiere einfänden, dann könne sie sich nach Belieben ausstrecken. Aber er werde allfällig auftauchende Reisende nicht ihr zuliebe auf den nächsten Tag vertrösten. – Das sehen Sie doch ein, gnädige Frau.

In diesem Augenblick trugen vier Männer einen groben quaderförmigen Sarg durch den Warteraum. Er war mit einem grünen Seidentuch bedeckt, auf dem in arabischer Schrift eine Sure gestickt war.

Die elegante Frau blickte den Schalterbeamten entsetzt an. Dieser lächelte.

Nein!

Doch.

Wie weit?

Bis Karakoçan.

Die Frau kaufte das Ticket und lief den Trägern auf den Steig nach. Dort war der Busliniendiener schon dabei, Koffer umzuschlichten, um den Sarg noch irgendwie zu verstauen. Sie hatte es befürchtet. Der Sarg landete auf ihrem fliederfarbenen Koffer.

Die elegante Frau musste ihn einige Male ansprechen, bis er sich ihr zuwandte.

Ich gebe ihnen 30 Lira, wenn sie meinen Koffer so weit wie möglich von der Leiche verstauen.

Das ist unmöglich, Angelina, ich müsste alle Koffer und das andere Zeug wieder ausräumen.

Ich heiße weder Angelina noch sehe ich ihr ähnlich. Mein Koffer ist jedenfalls kein Schwamm für Leichensäfte.

Der Diener musste über diese Bemerkung lachen.

Aber, aber, der Abi ist gut gekühlt und geräuchert wie ein Hering. Ich hab Erfahrung. Da stinken die Socken im Bus mehr, wenn die Bauern ihre Schuhe ausziehen.

Ach erinnern Sie mich bloß nicht daran.

Zwischen der Dame und dem Arbeiter flackerte ein kurzer Moment scherzhafter Vertraulichkeit auf. Da Männer wie er eine solche gerne als Einladung auffassen, nahm ihre Stimme wieder den Ton herrischer Strenge an.

Also, was ist? Kommen wir ins Geschäft?

Der Diener nahm die 30 Lira, ging zum Fahrer und plauderte kurz mit ihm. Der hielt die Hand auf, der Diener ließ ein Drittel der eingerollten Scheine in seiner Hand verschwinden. Er ging zum Laderaum, betrachtete das perfekt verstaute Werk und überlegte, wie er das Mikadospiel angehen sollte. Schließlich presste er seine linke Schulter gegen den Sarg und versuchte den lila Koffer mit kleinen Rucken rauszuziehen. Als er merkte, dass der Sarg keine Anstalten machte, sich aus seiner Verstauung zu lösen, riss er den Koffer mit Schwung heraus, zwinkerte dessen Besitzerin zu und trug ihn in den Bus, wo er Platz unter den Füßen des Beifahrers fand. Der Motor begann zu brummen und zu keuchen, die letzten Passagiere stiegen ein. Der Packer näherte sich der Frau mit der Sonnenbrille grinsend, um sich sein Dankeschön abzuholen. Doch das war ihm nicht genug.

Eigentlich hätte ich ein Küsschen verdient.

Deinen Arsch kannst du küssen!

Der Packer war keineswegs beleidigt. Dass diese Dame aus Taksim oder irgendeiner anderen noblen Gegend seinen Jargon beherrschte, nötigte ihm Respekt ab. Traumfrau, keine Frage. Aber ewig träumen macht auch keinen Spaß.

Ahmet Arslan war zurückgekehrt, er hatte sich noch einmal den Bauch vollgeschlagen und würde gut schlafen im Bus. Früher, als alle noch mit dem Bus fuhren, da bedeutete solch eine Reise etwas. Die Abschiede waren Feste. Zigeuner spielten Klarinette oder Zurna und schlugen die Davul, eine Ziege wurde geschlachtet, und die Busse besprengte man mit ihrem Blut.

Bus fährt ab

Die Frau im Trenchcoat stieg als Letzte ein. Ahmet Arslan stellte sich schlafend. Er hatte sich nämlich eingebildet, dass sie schon in der Station seinen Augenkontakt gesucht habe, und der Sitz neben ihm war einer der letzten freien Plätze. Würde sie ihm das abnehmen, dass er jetzt, wenige Minuten, nachdem er draußen gestanden hatte, schon schlief? Man schläft doch frühestens erst nach einer halben Stunde ein, nachdem die Hektik des Sicheinfindens sich gelegt und der Bus einen gelinde in die Müdigkeit gefedert hat.

Ahmet Arslan wollte allein sein. Mit sich, der Landschaft, der Straße, seinen Gedanken. Nach so vielen Jahren der Abwesenheit wollte er sich durch nichts und niemanden ablenken lassen. Mit dieser Frau würde sich bestimmt ein Gespräch ergeben. Er würde zuhören, Interesse heucheln müssen, und all die Unterschiede zwischen der Türkei seiner Jugend und der aktuellen versäumen. Zwei weitere Gründe trieben ihn in den falschen Schlaf. Diese Frau war sehr attraktiv – und vermutlich eine dieser konsumfreudigen Großstadtkemalistinnen.

Vielleicht begehrte er sie, aber er respektierte sie nicht. Er würde auf seine vorsichtige Art versuchen, sie anzumachen, und sie zugleich geringschätzen. Diesen Zwiespalt wollte er sich ersparen. Das alles ging durch seinen Kopf, während sie durch den Gang schritt, und ein klein wenig nur die zusammengepressten Lider zu öffnen reichte, um zu erkennen, dass ihr er und der Platz neben ihm gar nicht auffielen, da sie weiter hinten bereits vor einer halben Stunde freie Sitze mit einem Kaschmircape besetzt hatte. Nun gut, die Gefahr war gebannt. Der Bus setzte sich in Bewegung, fuhr quietschend in einer Kurve aus dem Esenler Otogar heraus, bahnte sich über geschwungene Auffahrten, die den darunterliegenden Häusern das Licht nahmen, seinen Weg zur Stadtautobahn. Bald befanden sie sich auf der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke. Hektisch drehte Ahmet den Kopf nach beiden Seiten, um so viel wie möglich vom Anblick des Bosporus zu erhaschen.

Die Stadt nahm kein Ende, Sultanbeyli hieß diese Siedlung, auf deren Boden vor 30 Jahren Ziegen und Schafe geweidet hatten. Kaum franste İstanbul mal an den Hängen eines von Weißdornbüschen bewachsenen Hügels aus, schossen aus dessen Kuppel schon wieder protzige Wohnsiedlungen. Diese da sahen anders aus als die hässlichen Plattenbauten von damals. Sie prätendierten Wohlstand, Modernität und Traditionsbewusstsein. Abstrakte Zitate muslimischer Ornamentik zierten Erker und Fenster, Dubai-Style. Welchen Geistes die neue Staatsideologie war, sah er an den unzähligen kleinen Moscheen, die oft von noch größeren Shopping-Malls überschattet wurden. Die Religion gab es jetzt also im Sonderangebot. Wenn die Männer zur rituellen Waschung ihre Schuhe in der Moschee auszogen, konnten sie in dieser perfekten Servicezone gleich die neuen anprobieren, die sie zuvor in der Mall, dem eigentlichen Zentrum ihrer Spiritualität, erstanden hatten.

Der Anblick der Bucht von İzmit entschädigte Ahmet für diese Scheußlichkeiten, obwohl das Erste, was er von ihr sah, ein riesiges Sandwerk am Meer war.

Er wandte sich um und musterte die Mitreisenden. Die Kemalistin hatte drei Sitze hinter ihm Platz gefunden und telefonierte, als wäre der Bus ihr Penthouse. Auffällig war der Deutsche. Ahmet hatte keinen Beweis dafür, dass er Deutscher war. Vielleicht war er Russe, vielleicht doch ein Türke oder Kurde. Sein Instinkt aber sagte ihm, dass das ein Deutscher war. Dicht gewelltes graublondes Haar, nach oben hin etwas ausgedünnt, ausrasierte Koteletten. Nach vorne gebeugt saß er da, Oberkörper und Kopf schwangen leicht mit dem Bus mit. Katatonisch starrte er vor sich hin. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Ahmet lehnte sich zurück.

Wie laut die Kemalistin hinter ihm mit ihrer Freundin tratschte. Auch was sie sagte, empörte ihn. Doch erst das Dämpfen ihrer Stimme erweckte die Aufmerksamkeit von Mithörern. Sie verriet ihrer Gesprächspartnerin, dass sich hauptsächlich Kopftuchweiber und Ziegenhirten im Bus befänden und sie kaum abwarten könne, dass die ihre Schuhe auszögen. Was zum Teufel, fragte sich Ahmet Arslan, nimmst du dann den Bus? Die Antwort kam prompt. Den Flug nach Bingöl, erzählte sie ihrer Freundin, habe sie versäumt. Und Papa habe darauf bestanden. Mein Gott, ein Königreich für ein Auto. Dann begann sie wieder über die Bauern zu lästern. Ahmet war das peinlich. Er warf einige prüfende Blicke auf die Ziegenhüter und Kopftuchweiber. Die starrten schicksalsergeben vor sich hin, als wären sie keine andere Behandlung gewöhnt. Noch immer konnte er nicht fassen, dass diese Frau sich so laut zu reden traute. Und dann kam ihm, der sich in Wien als Feminist verstand, ein schrecklicher Verdacht. Empörte ihn diese Frau, weil sie zu selbstbewusst war? War er wieder zum Anatolier geworden, erwartete er hier von emanzipierten Frauen bestenfalls, dass sie tugendhafte Kommunardinnen waren, ansonsten ihn die schlichten Dorffrauen allemal lieber waren als eine wie sie? War seine Abneigung also nicht einmal ihrer Schicht geschuldet, sondern der Fehlentwicklung, dass Frauen, wenn sie sich aus dem Patriarchat befreiten, so wie sie wurden? Hätte auch er mitgelacht, wenn seine ehemaligen Genossen die Empfehlung ausgegeben hätten, dass es der Luxusschlampe einmal ordentlich besorgt gehöre?

Diese Selbstkritik überforderte Ahmet Arslan. Der Schlaf langte mit haarigen Pfoten nach ihm. Und wurde durch allerlei Störungen vereitelt. Zunächst durch eine Bremsung – ein Verrückter hatte bei Gegenverkehr den Bus überholt –, später durch das Schließen der Klotür an der Stiege. Der Deutsche hantelte sich von einem Sitzgriff zum anderen zurück zu seinem Platz. Auf Ahmets Höhe fiel ihm etwas runter. Dumpf schlug es am Boden auf. Der Deutsche bückte sich. Als er sich erhob, sah Ahmet, wie er sich eine Pistole in den hinteren Hosenbund schob. Er dachte lange nach, was der Deutsche damit vorhabe und in welche Schwierigkeiten er sich damit bringen könnte.

Nach İzmit und Hendek dräuten dichte Laubwälder an den Hängen zu beiden Seiten der Straße. Ahmet genoss ihren Anblick, deren Gleichförmigkeit ihn bald in tiefen Schlaf wog.

Ali

In Düzce stieg ein junger Reservist zu, der wie ein Ali aussah. Er war untersetzt, hatte kindliche Gesichtszüge und blieb mit seinem Armeerucksack zweimal an den Haltegriffen hängen. Einer älteren Frau streifte er den Kopf damit. Sie fuhr ihn an, ob er nicht wisse, dass das Ding zwei Schleifen habe. Ahmet musste lachen. Er wusste, dass der Kleine sich den Rucksack nie und nimmer wie ein Schuljunge am Rücken fixiert hätte, so lange er nicht im Feld war, und selbst wenn er allen Passagieren damit gegen den Kopf geschlagen hätte. Und ihn amüsierte auch die verächtliche Miene, hinter welcher dieser tapfere Krieger sein Unbehagen verbarg. Der Junge, der wie ein Ali aussah, blieb kurz stehen, hielt Ausschau nach einem freien Platz, entschied, sich nicht neben die Kemalistin zu setzen, und fragte Ahmet. Ahmet lud ihn lächelnd ein, er erwiderte das Lächeln kurz, ehe er es von seinem Gesicht löschte.

Ahmet taufte ihn auf Ali. Er hatte diese Marotte, bestimmte Gesichter bestimmten Namen zuzuordnen. Dieser Junge sah wie ein Ali aus. Natürlich wusste er, dass solche Assoziationen sich nach Stars oder Menschen ausrichten, die man gekannt hat, die ähnlich aussahen und die Ali oder Ahmet hießen. Andere redeten Quatsch über Sternzeichen und er gönnte sich eben dieses alberne Spiel.

Ali setzte sofort Kopfhörer auf. Ein deutliches Zeichen, an Kommunikation nicht interessiert zu sein. Aus dem Augenwinkel beobachtete Ahmet den jungen Mann, und glaubte, alles über ihn zu wissen, über seine tiefe Verunsicherung, über die Angst, die Freuden der Kindheit gegen die Rolle eines ganzen Kerls eintauschen zu müssen, vor den nächsten Wochen, der Kaserne, dem Drill, dem Keuchen, vor körperlichem Versagen bei den Wehrübungen, den Strafen, dem Spott der Kameraden wegen seiner Statur, dem Brüllen der Offiziere, den sexuellen Übergriffen vielleicht. Ahmet wusste genau, wie man aus einem lieben Jungen eine wütende Kampfmaschine macht, wie man seine sozialen Regungen kastriert, und wie man vor allem die Weichlinge, Dicken und Schlusslichter in die effizientesten Rädchen der Maschine umfunktionierte. Solche sind für die Offizierslaufbahn vorgesehen und werden rücksichtslose Ausbildner, so sie ihr Wagemut, mit dem sie ihre humane Feigheit überspielen, an der Front nicht das Leben gekostet hat.

Plötzlich bot ihm Ali Salzmandeln an. Kurz nahm er die Kopfhörer ab.

Was hörst du da für tolle Musik, Soldat?

İsmail YK.

Cool?

Super.

Ali bot ihm einen seiner Kopfhörer an. Ahmet presste ihn an sein rechtes Ohr und hörte nichts als den üblichen türkischen Pop, bei dem es sich nach seinem Dafürhalten stets um dieselbe Nummer handelte. Ahmet wippte mit dem Kopf dazu. Ali erkannte es als Anbiederung, ließ es sich aber gerne gefallen. Ahmet gab ihm den Kopfhörer zurück.

Ali erklärte ihm, dass Şekerim nicht die beste Nummer von İsmail YK sei. Bomba bomba gefalle ihm viel besser. Er war vor zwei Monaten in Bodrum bei seinem Konzert.

Wie heißt du eigentlich, Soldat?

Oktay.

Freut mich, Ahmet.

Händeschütteln.

Bald befanden sich die beiden in einem angeregten Gespräch. Oktay war in der Tat auf dem Weg zum Militärdienst nach Diyarbakır. Als Ahmet das Wort Diyarbakır hörte, sagte er:

Möge Gott dir beistehen.

Oktay durchschaute schnell Ahmets vorsichtigen Versuche, eine antimilitaristische Haltung aus ihm herauszukitzeln.

Der Militärdienst sei schon okay.

Aber du sagtest, du hast eine Spenglerlehre gemacht. Ist das nicht sinnvoller, als in der Gegend herumzuschießen?

Ich weiß noch nicht. Als Offizier verdienst du besser. Und die Leute achten dich mehr.

Ja, leider.

Sind Sie Pazifist?

Theoretisch schon. Aber wenn man sich wehren muss, dann kann es schon sein, dass man den Angreifern Angst macht.

Das sehe ich genau so.

Mann, Oktay, gegen wen musst du dich wehren?

Gegen die Kurden.

Der entschlossene Ton, in dem der kleine Dicke das sagte, noch dazu, ohne lange nachzudenken, ließ Ahmets Gesicht rot anlaufen.

Und wenn ich Kurde bin?

Gegen Sie muss ich mich nicht verteidigen.

Hör mal, Oktay, sagtest du nicht, dass deine Mama aus Kars kommt? Stammt die von Tscherkessen ab?

Nein.

Aha? Von Armeniern.

Auch nicht.

Wär ja auch eine Schande, nicht wahr?

Das haben Sie gesagt.

Beiden behagte der gereizte Ton nicht, in dem sie miteinander sprachen. Und Ahmet wusste, dass er den kumpelhaften und doch souveränen Abi nicht mehr hinkriegen würde.

Okay, ich geh mal davon aus, dass deine Mutter Kurdin ist, oder zumindest in ein, zwei Generationen von Menschen abstammt, die Kurdisch sprachen.

Ja, das waren sicher Kurden. Ihre Großeltern sprachen kein Türkisch. Das hat sie mir erzählt.

Ahmet ergriff lächelnd Oktays Hand und schüttelte sie mit starkem Druck.

Willkommen im Klub. Ich bin Kurde.

Was Oktay nun sagte, erstaunte Ahmet.

Sie verstehen mich falsch, Arslan Ahmet Bey …

Nenn mich einfach Ahmet.

Ich habe nichts gegen Kurden, und ich finde es super, wenn sie ihre Sprache und Sitten pflegen können. Mein Vater ist Türke, aber er hat gesagt, dass die beste Sazmusik von den Kurden kommt. Ich rede von den radikalen Kurden. Von denen, die den türkischen Staat zerstören und meine Kameraden aus dem Hinterhalt angreifen.

Natürlich war Ahmet mit dieser Antwort noch lange nicht zufrieden, aber da sie sich doch verdächtig manchen seiner eigenen Aussagen näherte, die er in Wien kurdischen Hitzköpfen an den Kopf geworfen hatte, wollte er es dabei belassen. Er hatte keine Lust, mit dem Kleinen einen Streit vom Zaun zu brechen. Er wollte sein Herz gewinnen.

Ist schon gut, Oktay. Mir wird nur ganz anders bei dem Gedanken, dass du da in den Bergen dein junges Leben verlieren könntest oder dass jemand anderer sein junges Leben durch dich verliert. Ist beides nicht schön.

Die anfängliche Harmonie zwischen den Sitznachbarn wollte nicht wieder einkehren. Ahmet schien beim Versuch, alles richtig zu machen, einiges falsch gemacht zu haben.

Wenn es sein muss, muss es sein, sagte Oktay.

Wow, du bist aber cool.

Sein Lieblingscousin sei schon 42 Jahre alt, er verehre ihn wie einen Vater, er sei Offizier bei der Terrorabwehr und habe 25 von den kurdischen Schweinen ins Jenseits befördert. Er habe ihm ein paar PKK-Ohren versprochen.

Ahmet spürte, wie von den Beinen aufwärts die Kontrolle über sich aus seinem Leib fuhr.

Mit spöttischem Ton bohrte Oktay in Ahmets Wunde, die sich da vor ihm auftat:

Kann es gar nicht abwarten, bis ich mein erstes kurdisches Schwein abknalle.

Je mehr Ahmet seine Hilflosigkeit vor dem Jungen verbergen wollte, desto sichtbarer wurde sie. Seine Hände ballten sich, seine Rückenmuskeln pressten das Rückgrat zusammen, als wollten sie die Bandscheiben herauswringen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Die heiß ersehnte Pause rettete Ahmet davor, dass er den Jungen erwürgte. Der Bus hielt schnaubend bei einer riesigen Haltestelle nach Bolu. Der Fahrer sprach durchs Mikro sogar etwas von 45 Minuten, da eine kleine Reparatur erforderlich sei.

Los, lass mich raus!

Da der beleidigte Reservist nicht schnell genug seiner Anweisung folgte, war Ahmets Wunsch, als Erster den Bus zu verlassen, vereitelt. Er bekam keine Luft. Oktay stieß er zur Seite. Dann musste er hinter zwei alten humpelnden Frauen und drei Männern warten. Umso schneller stürmte er aus dem Wagen, ins Gebäude, ins Klo. Eine Kabine war noch frei. Und in gerade die wollte der Deutsche, jener Deutsche, dem im Bus die Pistole zu Boden gefallen war. Heftig stieß Ahmet ihn zur Seite. Aber hallo, rief ihm dieser nach. Ahmet sperrte ab, rief Entschuldigung, fiel auf die Knie und übergab sich ins Klo-Basin. Es war ein langes Kotzen – je älter er wurde, desto seltener, aber qualvoller war es. Nahtoderfahrung, die Angst, dass der Magen sich nach außen stülpt. Bittere gelbe, mit Blutschlieren durchzogene Magensäure spuckte er aus. Schwer atmend ließ er sich dann gegen die Wand fallen und wischte mit dem Saum seiner Lederjacke das Sekret von der Unterlippe. Tränen hatten seinen Blick verschleiert. Nachdem die Galle draußen war, kamen die Erinnerungen hoch, und dann ging es erst richtig los. Ein Weinkrampf erfasste Ahmet.

Du kurdisches Schwein

Der erste Polizist, der Ahmet Arslan je geschlagen hatte, nannte ihn kurdisches Schwein, und war damit seiner Zeit weit voraus. Solche ethnischen Spezifizierungen waren damals eher ungewöhnlich, denn in der Regel war man ein kommunistisches Schwein oder ein roter Eselssohn. Ganz richtig hatte Ahmets Genosse Murat Atalay denselben Sprecher des Empfangskomitees im Polizeigefängnis darauf hingewiesen, dass es gemäß der türkischen Verfassung keine Kurden gebe und dass er sich mit der Nennung dieses Namens strafbar mache. Er werde, fügte Murat hinzu, dieses Mal noch Gnade vor Recht ergehen lassen und bitte ihn daher, ihn türkisches Schwein zu nennen. Dieser Scherz kostete Murat den unteren Zahndamm.

Am 5. Mai, vier Tage nach einer der schlimmsten Auseinandersetzungen mit der Polizei im Bezirk Ümraniye, bei der vier seiner Genossen das Leben ließen, holte ihn die Polizei aus dem Bett und fuhr ihn in die Birinci Şube, die Erste Politische Abteilung. Dort verbrachte er die schlimmsten drei Wochen seines Lebens. Nur der Umstand, dass die Überlebenden seiner Gruppe vor ihm verhaftet worden waren, ersparte ihm die Schande, Genossen verraten zu müssen. Die er verriet, saßen schon. Und er wusste nicht, wer von ihnen seinen Namen verraten hatte, und wollte es auch nicht wissen.

In diesen drei Wochen wurde Ahmet täglich gefoltert. Und zwar immer vom selben Mann. Man nannte ihn İbrahim Doktor. İbrahims Doktors professionelle Grausamkeit war nicht das Schrecklichste an ihm. Wäre er einer der primitiven Sadisten gewesen, die im Staatsdienst ihre perversen Neigungen ausleben, ihre Minderwertigkeitsgefühle kompensieren, als Schwächlinge erkennbar waren, denen bloß ihre Position Macht gab, er wäre berechenbar gewesen. Doch nein, İbrahim Doktor trat den Häftlingen als Übermensch entgegen. Ein kühler Bürokrat, weder Lust noch Abscheu schien er zu empfinden. Als wäre er gleich einem Geschworenen per Los für sein Amt bestimmt worden und müsste es nun mit all der Würde und Professionalität ausüben, die er sich und dem Staat schuldig war. Es gab sicher weitaus mehr von der anderen Sorte, Ahmet hatte nur ihn erlebt. Und viele seiner Schicksalsgenossen, welche die Haft überstanden, hatten seine Erfahrung geteilt. İbrahim Doktor, der Spitzname kam nicht von ungefähr, arbeitete wie ein praktischer Arzt, nur dass er die Leiden seiner Patienten nicht heilte, sondern verursachte, nur dass er nicht ihre Reflexe prüfte, sondern ihre Knie zerschmetterte. Kontrolliert, schweigsam, als wäre er mit Aktenkoffer und Krawatte in den Knast gekommen, als hätte er seine Frau mit Kuss verabschiedet und die Kinder beim Frühstück nach ihren Leistungen in der Schule gefragt.

Solche Folterer waren eine Katastrophe, denn sie stahlen ihren Opfern das Gefühl der moralischen Überlegenheit. Nie ließen sie sich gehen, nie beschimpften sie einen. Weder Du rote Sau noch Ich ficke dich kam diesen Herren des Schicksals über die Lippen, nicht einmal Hass oder Freude. Aber auch kein Mitleid zeigten sie, was doch der fieseste Trick gewesen wäre: den verlorenen Sohn, der jeder von ihnen war, an sich zu binden.

Er sah wirklich wie ein Doktor aus, glatt rasiert und grau meliert, dicke Brille und pomadisiertes Haar, wie ein Relikt aus der guten alten postkemalistischen Nachkriegszeit. Wie so eine gottverdammte Orhan-Pamuk-Figur. Ahmet mochte Orhan Pamuk nicht, wie von ihm zu erwarten war, pries er Yaşar Kemal, obwohl er auch den längst überwunden hatte. Doch das ist eine andere Geschichte …

İbrahim Doktor hätte auch Anwalt sein können. Vielleicht war er es und verdiente sich was dazu. Es dauert nicht lange, mein Junge, flüsterte er ihm vertrauensvoll zu. Es dauert nicht lange, sagte er ihm beinahe zärtlich, nicht etwa: Wenn du vernünftig bist, pack aus, dann erspar ich mir Arbeit und dir Schmerzen. Es gab nichts mehr auszupacken. Die notwendigen Geständnisse hatten ihm die Polizisten schon in den ersten Tagen rausgeprügelt. Dieser Bürokrat des Schreckens hatte nicht die Aufgabe, Geständnisse zu pressen. Er hatte bloß die Aufgabe, Ahmet weh zu tun. Er war nicht einmal überzeugt von seiner Aufgabe. Er hasste die Linken nicht. Er hatte keine politischen Neigungen. Er verriet ihm, Ahmet, bloß seinen Arbeitsplan, dass für ihn, wie sich herausstellen würde, vier Minuten reichten. Bis zum Abendessen – kam seine Schwiegermutter zu Besuch oder hatte seine Frau Karten für den neuesten Film besorgt? – mussten noch sieben weitere Fälle erledigt werden. Wer weiß, vielleicht hätte er seinen Vorgesetzten auch sagen können: Dem Jungen tu ich nichts, er hat so hübsche Augen. Und niemand hätte widersprochen. Oft waren nicht einmal Wachebeamte im Raum. Er hätte Ahmet auch Zigaretten anbieten und mit ihm plaudern können. Aber er war kein Gesprächstherapeut – er war Diplomfolterer. Er arbeitete um der Arbeit willen, sine ira et studio. Die Gummihandschuhe zog er über, die Elektroden befestigte er an Ahmets Hoden und den Ohren, und nestelte wie ein Hobbyfunker an den Schaltern herum. Ahmet brauchte ihm nicht zu sagen, dass er sich melden solle, wenn es zu sehr schmerze – seine Schreie waren beredt genug, und dann erhöhte Dr. İbrahim die Spannung.

Ahmet Arslans Selbstkritik befahl ihm, diesen Typus nicht zu verallgemeinern, nur weil er so schön paradox schien und bei seinen fiktiven Zuhörern Erstaunen auslösen würde. Es gab genug von den Kerlen, die genau so waren, wie man sie sich vorstellte. Und die Schweine, die Jungs vergewaltigt haben, waren sicher keine väterlichen Bürokraten.

Einmal hatte man ihm einen Gummiknüppel in den Anus geschoben. Es war bei diesem einen Mal geblieben. In vielen anderen Knasten standen Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Das war das Schrecklichste, was man einem jungen Mann antun konnte. Bevor er ein solcher wurde, stahl man ihm die Männlichkeit. Zeitlebens würde er sich rächen wollen und, falls er überlebt, den Täter nie finden und deshalb seinen Rachedurst an allen möglichen anderen Objekten stillen wollen, am ehesten bei denen, die ihm am nächsten stehen.

Das orientalische Paradox: Sagtest du dem Gefängniswärter oder dem Polizeioffizier, der regelmäßig Jungs fickt, er sei schwul, würde er dich auf der Stelle erschießen. Keine größere Verletzung seiner Ehre ließe sich vorstellen. Ihm zu erklären, wie so eine hübsche Latte zustande käme, hätte nicht viel Sinn. Nach eigenem Dafürhalten ist er alles andere als schwul. Auch Männer zu lieben ist nicht schwul. Schwul ist der Abschaum, der sich penetrieren lässt und Lust dabei empfindet. Der Ficker kann auch Lust empfinden, aber solange es nur die Lust der Erniedrigung ist, bleibt er ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Er hat doch bloß Lust – ein für jeden Mann nachvollziehbarer Lausbubenstreich –, weil er einen Mann zu so etwas Erbärmlichem wie einer Frau macht. Als aktiver Part wäre er nur schändlich, wenn er seine zärtlichen Gefühle für einen Mann, bis dahin tolerabel, in gelebte körperliche Lust verwandelt. Ahmet resignierte bei dieser Kettenreaktion der Widerwärtigkeiten immer, wenn er sich eine moralische Hierarchie ausdenken, die Antwort auf die Frage finden wollte, was hier am widerlichsten sei: die Schwulenverachtung, die Verachtung von Frauen, die Demütigung des Schwachen durch den vermeintlich Starken, der Sadismus oder die peinliche Leugnung der eigenen Homosexualität.

Mirhat Balık

Zu seinem Glück wurde Ahmet ins Zivilgefängnis von Bayrampaşa verlegt. Dort blieb er auch nach dem Urteilsspruch. Fünf Jahre hatte er ausgefasst. In Bayrampaşa wurde wenig gefoltert. Zu Beginn war er öfter geschlagen worden. Andere Genossen landeten in Gaziantep, İzmir und Metris. Dort wurde systematisch gefoltert. In den Militärgefängnissen nach dem Putsch von 1980 kam niemand mehr der Marter aus. Was allerdings zu dieser Zeit und vor allem später in den 1990er-Jahren im Gefängnis der 5. Abteilung in Diyarbakır im Osten des Landes mit den Häftlingen geschah, das überstieg Ahmets Vorstellungskraft, und vermutlich geschieht es noch immer.

Dass die Gefängnisleitung in Bayrampaşa auf systematische Folter verzichtete und kaum sadistisches Personal anstellte, hieß aber mitnichten, dass man dort ohne Gefahr lebte. Mit regelmäßigen Hungerstreiks fügten sich die Genossen lebenslange gesundheitliche Schäden zu.

Die Kriminellen fürchteten die Politischen wegen ihrer Organisation und Unerschrockenheit. Aber verirrte sich mal ein verlorenes Schäfchen im Gefängnishof in falsche Gesellschaft, konnte es leicht sein, dass man es schlug, ausraubte oder vergewaltigte. Der Respekt dieser Halunken vor den Politischen war deren Schutz, denn der Ruf ihrer Taten und die völlig unverständliche Tatsache, dass sie diese Taten nicht irgendeines Gewinns willen außer dem einer besseren Gesellschaft vollbrachten, eilte ihnen ins Gefängnis voraus. In Wirklichkeit waren sie allesamt durch die Prügel der Untersuchungshaft eingeschüchterte Jungs, die Bürgerlichen weich und verzweifelt, die härteren Arbeiter- und Bauernjungs chaotisch und desorganisiert. Es dauerte, bis aus ihnen, den unversöhnlichen Konkurrenten aus Dutzenden linken Splittergruppen, ein Block wuchs, und ihr verdientester Anführer, das war Mirhat Balık.

Mirhat Balık war ein Monster und der edelste Kizilbasch zugleich. Er hatte in der Schlacht vom 1. Mai an vorderster Front gekämpft, ein kleiner drahtiger Kurde aus Erzurum. Liebenswürdig, hilfsbereit, politisch unendlich naiv, aber ein meisterlicher Organisator. Hatte er, Ahmet Arslan, je intellektuelle Arroganz gegenüber den ungebildeten Genossen verspürt, spätestens mit Mirhat Balıks festem Händedruck war die aus seinem Körper gefahren. Mirhat Balık hatte ihm das Leben gerettet.

Bald hatten die Kriminellen die Schwäche vieler Politischer erkannt. Manche von ihnen, vor allem die Bürgerlichen, erlagen der romantischen Anziehungskraft der Gauner, Zuhälter und Mafiosi und begannen für sie zu arbeiten. Zudem kamen alte Animositäten zwischen den rivalisierenden politischen Zellen hinzu. Einen Jungen aus Mardin, der wie Ahmet bei Dev-Yol organisiert war, hatten ein paar Messerstecher im Gefängnishof so sehr verletzt, dass er wenige Tage später starb.

Einer der Unterbosse hatte ausgerechnet an Ahmet Gefallen gefunden und um ihn geworben. Ahmet hatte ihm dann bei einer seiner Avancen die Nase eingeschlagen und war davongelaufen. Eines Tages schickte man ihn mit einem Brief in den Trakt der Kriminellen, den er an einen Boss übergeben sollte, den sie Padişah nannten. Plötzlich sah sich Ahmet von einer Bande lüstern grinsender und ihre Messer zückender Häftlinge umringt. In diesem Augenblick fuhr wie ein Blitz Mirhat Balık dazwischen. Ahmet versuchte sich immer wieder diese Szene ins Gedächtnis zurückzurufen, doch war damals alles so schnell gegangen, dass sich auch so viele Jahre später eine logische Abfolge schwer rekonstruieren ließ. Mirhat Balık hatte vier Männer zu Boden gestreckt, einen in den Schwitzkasten genommen und seinen Kantinenlöffel in dessen Kehle gedrückt. Er hatte Ahmet gerufen, zu ihm rüberzukommen, und den anderen befohlen, in ihren Trakt zu verschwinden. Auch ohne diese Geisel hätten die Kriminellen den Rückzug angetreten. Mirhat Balık war tags zuvor aus Gaziantep nach Bayrampaşa verlegt worden, und diesem glücklichen Umstand verdankte er sein Leben.

Warum die Einwohner das Atatürk-Viertel noch immer Viertel des 1. Mai nennen

Drei Tage vor seiner Verhaftung war er ihm das erste Mal begegnet, an jenem schrecklichen 1. Mai 1978, als Ahmet und vierzehn seiner Genossen einer Armee von 300 Polizisten eine Schlacht lieferten: Mirhat Balık, jenem unerschrockenen Hitzkopf, der nicht die Kraft, aber die Behändigkeit eines Superhelden besaß. Wann immer sich Ahmet die Ereignisse dieses Tages in Erinnerung rief, spulten sie sich wie ein Film ab, den er teilnahmslos ansah und auf dessen Besetzungsliste er fehlte. Aber wenn die Szene kam, da er seinen sterbenden Freund Mustafa in Armen hielt, auf dessen Mund sich Blutblasen bildeten, die mit dem letzten Atemzug zerplatzten und seine rechte Hand mit kleinen Tröpfchen benetzten, wenn er das hübsche bärtige Gesicht seines Genossen vor sich sah, bleich und leer, kam ihm jede Sekunde dieses Tages in den Sinn zurück.

Dieser verfluchte 1. Mai. Heute ist die Gegend ein verbautes Viertel im asiatischen Stadtteil Ümraniye, damals war sie Stadtrand. Jahr für Jahr, Monat für Monat, Woche für Woche waren Familien aus Anatolien hierher geströmt und hatten Land in Besitz genommen. Für die Hütten, die sie darauf errichteten, gab es keine Baugenehmigungen. Eine kleine Stadt, Hunderte Hütten und Häuschen, so weit das Auge reichte, war in wenigen Monaten aus dem Boden geschossen. Ihre Erbauer waren wie Ahmet Menschen aus dem Osten, Lumpenproletariat, in die Stadt gespült, um dort rechtlos und ausbeutbar die Mühlen des Wirtschaftswachstums anzutreiben. Ahmet und seine Genossen hatten nicht gezögert und sofort mit der Politisierung der Migranten begonnen. Ob sie Türken oder Kurden oder Christen waren, spielte damals keine Rolle. Es waren ihre Leute, sie sprachen ihre Dialekte, sie waren ihr Fleisch und Blut. Und oft hatten sie dieses Fleisch und dieses Blut verdammt, so begriffsstutzig waren viele von ihnen. Mustafas Zelle war wesentlich beteiligt daran, eine funktionierende Administration einzurichten: provisorische Schulen, faire Wasserverteilung, Siedlungsräte, Bürgermeister, Diskussionsgruppen. Die meisten Bewohner vertrauten ihnen. Die Polizei wagte sich kaum in diese Siedlungen, und die Grauen Wölfe nach ein paar Versuchen auch nicht mehr, denn sofort stießen ihre Angriffe auf Gegenwehr.

Am 1. Mai 1978 war alles anders. Zwanzig Caterpillars waren angerückt, um die illegale Siedlung endlich platt zu machen. Hinter diesen und fünf Tanks war eine schwer bewaffnete Armee in Stellung gegangen. Die Leute aus der Siedlung waren, durch die politische Agitation von Mustafas Organisation angestachelt, zum Äußersten bereit. Mit Holzlatten und Steinen und rostigen Stangen bewaffnet, schrien sie ihre Wut aus den Lungen.

Ahmet und seine Genossen befanden sich plötzlich in einer absurden Funktion. Sie, die keine bewaffnete Konfrontation scheuten, waren nun Ordner, ein diplomatisches Corps geworden, alle ihre Kräfte aufwendend, die wütende Masse zu beschwichtigen, mit weißen Tüchern den Kontakt zur Polizei zu suchen und ein Massaker zu verhindern. Die Polizisten hätten ihre Emissäre, Mustafa und einen baumlangen Lazen namens Ibo, auf der Stelle verhaften können, doch sie akzeptierten sie als Sprecher, denn auch sie zeigten wenig Lust, Menschen zu töten.

Während Mustafa und Ibo mit der Polizei verhandelten, wurde Ahmet ein neuer Genosse vorgestellt, Mirhat Balık, ein kleiner drahtiger junger Mann, ein Kizilbasch, der bei den Linken İstanbuls als Legende galt. Viele der Geschichten um ihn mussten erfunden sein, dachte Ahmet, ehe er ihn das erste Mal im Kampf erlebte. Er soll am helllichten Tag eine der größten Juweliergeschäfte İstanbuls ausgeraubt und nichts vom Schmuck für sich zurückbehalten haben.

Niemand hatte um seine Unterstützung angesucht, er war einfach aufgetaucht wie ein erfahrener Spezialist, der den göttlichen Auftrag verfolgte, auf die Grünschnäbel, die Ahmet und seine Genossen nun einmal waren, aufzupassen. Niemand wusste zudem, welcher Organisation er angehörte. Dass man ihn nicht als Agent vertrieb, lag an dem guten Ruf, den er überall genoss. Im Vergleich zu ihnen, die nur Pistolen und Mauser hatten, war er bis an die Zähne bewaffnet. Ein Schnellfeuergewehr hing ihm am Rücken, zwei Pistolen steckten im Hosenbund, und eine beachtliche Sammlung an Molotowcocktails und selbstgebastelten Dynamitgranaten hatte er schon in der Dämmerung, lange bevor sie anmarschiert waren, am Fuß eines Sandhaufens in Stellung gebracht. Mirhat Balık war gekommen, um mit ihnen zu sterben. Und er war quietschvergnügt.