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Nr. 2

 

Die Rollende Stadt

 

Zwei Terraner auf der Flucht – eine Prophezeiung droht zu scheitern

 

Ben Calvin Hary

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Quingart – Tag 9999

1. Irgendwo. Irgendwann.

2. Quingart: Dasselbe Tor, irgendwo anders

3. Perry Rhodan: Stunden zuvor

4. Solsystem: Juli 1975 alter Zeitrechnung

5. Quingart: Aus der Zeit gefallen

6. Perry Rhodan: Da ist der Wurm drin

7. 1975: In Terranias Kindertagen

8. Quingart: Tag 10.000

9. Perry Rhodan: Scharfkantiger Empfang

10. Quingart: Lakramiel und sein Käfer

11. Perry Rhodan: Der Fremde im Zug

Epilog: Krakatau: Tag 10.004

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Seit mehr als dreieinhalb Jahrtausenden bereisen die Menschen den Weltraum und erforschen die Wunder des Universums. Sie sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet, haben zahlreiche Welten besiedelt und kosmische Geschichte gestaltet.

Als die Raumfahrer einst zu den Sternen aufbrachen, war das Sonnensystem der Wega mit seinen vielen Planeten ihr erstes Ziel. Im Jahr 2059 Neuer Galaktischer Zeitrechnung kehrt Perry Rhodan erneut dahin zurück, wo er das Volk der Ferronen kennengelernt und den Schlüssel zur Unsterblichkeit entdeckt hat.

Der Freundschaftsbesuch nimmt jedoch einen verhängnisvollen Verlauf – eine unbekannte Macht greift die Ferronen und Menschen an. Gleichzeitig erhält Rhodan eine Nachricht des mysteriösen Geisteswesens ES.

Um die seltsamen Gegner abzuwehren, muss der Terraner offenbar einem neuen Galaktischen Rätsel nachspüren. Verfolgt von dem Anführer der Invasoren, fliehen Perry Rhodan und eine Raumpilotin aus ferner Vergangenheit in DIE ROLLENDE STADT ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Terraner begegnet seltsamen Känguruwesen.

Gillian Wetherby – Die Raumpilotin erzählt ihre Geschichte.

Quingart – Die Willkommenheißerin will sterben.

Krakatau – Der Maccani bleibt seiner Beute unerbittlich auf den Fersen.

Prolog

Quingart

Tag 9999

 

Quingart hätte sich keinen besseren Tag zum Sterben aussuchen können.

Seit das Licht des morgendlichen Mosaikhimmels sie sanft geweckt hatte, war alles glatt gelaufen. Zum Frühstück hatte es gedünstete Rohrföten gegeben – ihr Leibgericht und ihr letztes Mahl. Der Sänger Lynderboort hatte im Geräuschempfänger eine bezaubernde Weise geträllert.

Und der Käfig hatte geschwiegen. Wie auch in den 4000 Tagen zuvor. Bis zuletzt hatte niemand die Dienste der Willkommenheißerin benötigt, die Prophezeiung war nicht eingetreten.

Nun war der Abend gekommen. Zeit zu gehen.

Quingart durchquerte den Andachtsraum und eilte die Stufen zum Altar empor, vorbei an Leuchtflaschen auf irdenen Wandhalterungen und betenden Oigani. Wehmütig nahm sie jeden Eindruck in sich auf. Das spröde Stahlblech des Treppenabsatzes, über den ihr Stützschwanz beim Gehen schleifte. Die seltsam geraden Schultern des Mietpriesters, der sie, mit würdevoll verflochtenen Haarborsten und in seinen Glorienponcho gehüllt, vor dem Tabernakel erwartete. Das ehrfürchtige Raunen der Zuschauer. Dutzende wollten der Willkommenheißerin das letzte Geleit geben. Der Raum war überfüllt.

Der Priester winkte sie zu sich. »Nenne dein Begehr!«

Quingart betrat den Silberteppich, der den heiligen Bereich auskleidete. In seiner Mitte ragte der Altar empor, ein fugenloser, hüfthoher Stein von zartgelber Farbe. Histogravuren wanderten über die Oberfläche. Sie zeigten den Fall der Titanen vor etlichen Tagtausenden. Zu jeder anderen Zeit hätte Quingart sich in der stummen Erzählung verloren. Sie liebte diese alten Mythen.

Dies war kein solcher Moment. Noch einmal genoss sie sich, ihr Leben und die Welt – die letzten Augenblicke, bevor ihr Dasein enden würde, kurz vor ihrem 10.000 Lebenstag. Genau wie die Sitten es verlangten. Quingart war glücklich.

Die Willkommenheißerin vollführte den rituellen Dreibeinknicks, beugte beide Beine und den Stützschwanz so weit, dass ihr Steißbein fast über den Silberteppich streifte. »Neuntausendneunhundert und Neunundneunzig Tage sind vorüber. Ich bitte um die Gnade der Ermordung.« Ihre Sprunggelenke knacksten altersschwach.

»Warum wünschst du den Tod?« Der Priester legte die Hände gegeneinander. Seine sechs Fingerkuppen bildeten die Eckpunkte einer dreiseitigen Doppelpyramide.

»Wer viel lebt, nimmt anderen den Raum zum Leben.« Ein Hochgefühl überkam sie, als sich die Formel von ihren Lippen löste. Dies war der Moment der Erfüllung, dem jeder Oigan entgegenfieberte. Sie hatte lange dafür geübt. Noch ein Dutzend Schritte trennten sie voneinander.

»Was war deine Lebensaufgabe?« Die Stimme des Priesters tönte salbungsvoll.

»Die Willkommenheißung der Testobjekte.« Quingart zwang sich zu einem Scheinlächeln.

Sie mochte diesen Mann nicht. Er war ein Krüppel, seine fehlgestaltete Schulterpartie irritierte sie. Doch nur den Vermögendsten stand ein Wunschpriester offen. Die Zeremonie war teuer genug: Elf Millionen Yppich hatte sie gezahlt, die Ersparnisse eines Lebens. Warum auch nicht? Wo sie hinging, benötigte sie kein Geld mehr.

»Hast du deine Aufgabe erfüllt?«

»Stets und mit Hingabe.« Das Lächeln schmerzte auf ihren Kauleisten.

»Dann hast du verdient, zu sterben.« Der Priester schenkte ihr einen Blick voller Güte. »Im Namen meiner Gewerkschaft verurteile ich dich zum Tode.«

Quingart seufzte erleichtert. Das Ritual galt als Formalität, und doch war es wichtig. Sich ohne Segen das Leben zu nehmen, war unschicklich. Illegitim Verstorbene wurden auf den Müllhalden der Randkantone verscharrt, ohne Chance, in den ewigen Kreislauf zurückzukehren. Es war ein Schicksal schlimmer als ein langes Leben.

Auf den Rängen streckten die Zuschauer ihre Sprunggelenke und stimmten die achte Hymne der Höheren Ebene an. Ein mehrstimmiges Summen hallte durch den Andachtsraum. Quingart fühlte sich von den Klängen emporgehoben und die letzten Stufen hinaufgetragen. Dass sie die Beine bewegte, spürte sie kaum.

Schließlich stand sie direkt vor dem Mietpriester. Erneut vollführte sie den Knicks, ignorierte den Schmerz der abgenutzten Knie.

»ES sei mit uns.« Der Priester beugte den Oberkörper. Es war eine Geste der Unterwerfung, und sie galt der Gottheit. Bei jedem anderen Oigan hätten die Arme nun den Boden berührt, aber bei diesem fehlgestalteten Mann baumelten sie einen Fingerbreit über den Teppichborsten.

Vermutlich konnte er mit dieser Deformation nur Priester werden. Sie vermochte den Blick nicht von seinen geraden Schultern zu lösen. Für körperliche Arbeit ist er ungeeignet.

Nach einem kurzen Gebet an die Gottheit richtete sich der Priester auf und trat hinter den Altar. Aus einer Nische zog er ein Kästchen, entriegelte es und streckte es Quingart entgegen.

Ein gerührtes Knurren entfuhr ihrer Kehlröhre, als sie den Deckel hob.

Darunter lag ein platinverzierter Gegenstand, der entfernt an ein Bolzenschussgerät erinnerte. An seiner Spitze steckte ein gewundenes Stäbchen. Messerscharfe Kanten glitzerten im Licht. Der Ritualbohrer. Das Werkzeug der Erlösung.

Quingart zögerte nicht länger. Das Ende der Feierlichkeit war erreicht. Sie hob den Bohrer aus der Kiste und hielt ihn an die Stirn.

Ein letztes Mal holte sie Luft. Zwei ihrer drei Finger berührten den Auslöser. Gleich würde sie ihn betätigen, und der Drehbolzen würde sich in Bewegung versetzen. Das geweihte Carit würde in ihren Schädel eindringen und ihrem Dasein ein Ende bereiten – lange bevor die Gebrechlichkeit des hohen Alters sie niederringen konnte.

Es kam einer Befreiung gleich: die letzte, erlösende Handlung ihres Lebens. Danach würden ihre Überreste dem Konverter zugeführt werden und Fementa-Oist mit neuer Energie versorgen – und mit Nahrung für die Überlebenden. Quingart sah ihre Bestimmung erreicht.

Noch immer sangen die Zuschauer. Die Hymne steigerte sich in ekstatische Höhen.

Die Willkommenheißerin drückte den Auslöser. Das Sirren eines Elektromotors drang aus dem Gehäuse. Ihr Dreiherz machte einen Sprung.

Die Spitze des Bohrers drehte sich und ...

Ein durchdringendes Gelächter erfüllte den Andachtsraum.

Der Gesang verstummte. Köpfe hoben sich, blickten in alle Richtungen. Haarborsten zuckten. Gemurmel drang aufgeregt von den Rängen. Das Lachen schien von überall und nirgends zu kommen.

Betroffen ließ Quingart den Bohrer sinken. Sie lauschte dem Elektromotor, flehte stumm das Schicksal an, es sich anders zu überlegen. Das Gelächter war das Signal der Gottheit – und es galt ihr.

Viertausend Tage ohne eine Neuankunft, und ausgerechnet jetzt entschließt sich ES, Besucher zu schicken?

Das konnte nur eins bedeuten. Die Prophezeiung – und damit die Bestimmung ihres Volkes – hatte sich erfüllt! Was sonst wäre wichtig genug, ihre Abschiedszeremonie zu unterbrechen?

Vor dem Andachtsraum ertönten Schritte. Ein Stützschwanz schleifte hörbar über groben Stein. Jemand riss das Portal auf. Es war Barwidug, ihr designierter Nachfolger.

Das lautlose Gelächter versiegte im selben Moment.

»Stoppt die Zeremonie!« Barwidugs Stimme überschlug sich. »Die Tore des Tempels sind geschlossen. ES benötigt seine Willkommenheißerin.«

Unruhe brach aus. Die Zuschauer riefen durcheinander: »Fremde sind hier!« – »ES hat neue Testobjekte geschickt.« – »Wenn es die sind, die kommen sollen? Quingart darf noch nicht sterben!«

Die anderen hatten recht. Jene beiden, deren Ankunft die Legende verhieß und die Lakramiel und sein Käfer so sehnlich erwarteten – sie benötigten ihre Dienste. Barwidug hatte die Initiierungssegnung noch nicht erhalten. Ihn zu beauftragen, wäre Frevel gewesen.

Enttäuscht nahm Quingart den Finger vom Auslöser des Ritualbohrers, und der Motor verstummte. Der Tod musste warten. Noch einmal rief die Pflicht nach ihr.

Plötzlich glaubte sie, dass die Gottheit sie hasste.

1.

Irgendwo. Irgendwann.

 

Über Perry Rhodan glänzte der Himmel.

Es war das Erste und das Letzte, was er sah, bevor der Rematerialisierungsschmerz ihm fast die Besinnung raubte.

Als die Tür des Transmitterkäfigs krachend vor ihm aufschwang, verlor er den Halt. Er fiel. Reflexartig streckte er die Arme aus, um den Sturz abzufangen. Seine Hände berührten glatt poliertes Metall, dann rollte er sich beiseite und blieb auf dem Rücken liegen.

Wo bin ich gelandet? Benommen blinzelte er in das Irrlichtern über sich, ein Kaleidoskop aus verschiedenen Lichtstärken. Seine Sicht blieb vernebelt. Seine sämtlichen Nerven brannten von den Folgen des Transmitterdurchgangs.

Der Raum bewegte sich.

Erst glaubte er, dass er sich das einbildete. Er fühlte sich, als läge er in einem Gleiter, der einem unsichtbaren Ziel entgegenraste. Die Welt ringsum wankte, nur der Boden stand vollkommen still.

Rhodan biss die Zähne zusammen. Einatmen. Ausatmen. Zug um Zug verebbte die Pein, sein Blick klarte auf. In der Schulter pochte der Zellaktivator. Er stützte sich auf die Ellbogen und sah sich um.

Er war allein, inmitten einer Halle, deren Ränder im Halbdunkel lagen. Was er für den Himmel gehalten hatte, entpuppte sich als Mosaik zumeist quadratischer Bleche, manche winzig, andere riesenhaft. Helligkeit aus einer unsichtbaren Quelle spiegelte sich im Metall, gedämpft von der Patina ungezählter Jahre, und tauchte den Boden in eine Vielzahl verwirrender Reflexe.

Ich bin in Sicherheit. Vorerst. Doch die Anspannung fiel nicht von ihm ab.

Perry Rhodan war auf der Flucht. Die Maccani, eine Gruppe verblüffend menschenähnlicher Wesen, hatten das Wegasystem besetzt – just als Rhodan es mit einer Diplomatendelegation besuchte. Ein Mann namens Krakatau machte Jagd auf ihn und seine Begleiter. Mittels eines Fiktivtransmitters unter dem Roten Palast auf Ferrol waren sie entkommen – gleich nachdem sie eine Botschaft des Geisteswesens ES erhalten hatten: Das ist dein zweites Spiel, alter Freund. Du wirst die Hilfe deiner Freunde brauchen. So wie damals ...

Schnell überprüfte er die Funktionstüchtigkeit seines hochmodernen Raumanzugs vom Typ SERUN. Der Antigrav sprang nicht an, das Flugaggregat ebenso wenig. Rhodan nahm es zur Kenntnis. ES trieb nun mal seine Scherze.

Die Stimme des Unsterblichen hallte in Rhodan nach. Doch zunächst gab es Wichtigeres. Hatte er die Verfolger abgeschüttelt? Wo blieben seine Begleiter, mit denen er das Gewölbe unter dem Roten Palast fast gleichzeitig verlassen hatte?

Hinter Rhodan ertönte ein anhaltendes Summen. Es drang aus dem Transmitter: ein käfigartiges Gestell aus chromblitzendem Material mit primitiv anmutenden Kontrollelementen, die aus einem Pult am Sockel ragten. Das Gerät ging erneut in Betrieb.

Gillian Wetherby materialisierte Augenblicke später. Haltlos stürzte sie aus dem Käfig, doch Rhodan stemmte sich vollends auf und bremste ihren Fall, bevor sie neben ihm auf den Boden prallte. Ein erstickter Laut entfuhr ihrer Kehle.

Gleichzeitig umhüllte ein milchiges Flimmern den Transmitter – ein Schutzschirm unbekannter Art, der den Rückweg abschnitt. Rhodan bezweifelte ohnehin, dass ES die Umkehr gestattet hätte.

Wetherby wälzte sich zitternd. »Es ... tut weh!«, rief sie auf Englisch, der längst vergessenen Verkehrssprache der Dritten Macht. Sie war blass.

Der Terraner kämpfte den eigenen Schwindel nieder, legte ihr die Hand in den Nacken und massierte sie behutsam. Fransen ihres lockigen Haars, pechschwarz und militärisch kurz geschnitten, verfingen sich zwischen seinen Fingerspitzen. Kaffeebraun schimmerte Wetherbys Haut hindurch.

»Was du spürst, nennt man Rematerialisierungsschmerz.« Er sprach leise, teils um die Pilotin zu beruhigen, hauptsächlich jedoch, um keine potenziellen Gegner anzulocken. Noch war unklar, wohin der Transmitter sie befördert hatte. »Es ist eine normale Reaktion des Nervensystems. Der menschliche Körper schätzt es nicht, entstofflicht, durch den Hyperraum befördert und am Ende ins vierdimensionale Kontinuum zurückgeschickt zu werden. Vor allem nicht, wenn sich der Verstand zuvor kaum dagegen wappnen konnte. Unsere Flucht vor Krakatau war überstürzt. Es wird gleich vorbei sein.«

Sie halfen einander auf. Selbstverständlich hatte Gillian Wetherby keine Ahnung von Materietransmittern und deren Nebenwirkungen. Sie stammte aus einer anderen Epoche, dem Jahr 1975 alter Zeitrechnung. Infolge einer Raum-Zeit-Anomalie hatte die ehemalige Raumjägerpilotin der Dritten Macht die vergangenen Jahrtausende übersprungen.

»Wohin jetzt? Wo sind Reginald Bull und ...« Ihr Blick irrte unstet durch den Saal, hielt sich an den Reflektorplatten der Decke fest, dann am Schutzschirm, der ihnen den Rückweg versperrte. »... und der Mausbiber?« Sie schwankte und krallte sich am Brustteil von Rhodans SERUN fest.

»Gucky«, half der Terraner aus. Wenigstens litt anscheinend nicht allein er unter dem Gefühl, dass sich der Raum bewegte. Befanden sie sich in einer Art Fahrzeug? Er zuckte mit den Schultern. »Ich hatte gehofft, Bully und er würden nachkommen.« Seine Freunde hatten den Transmitter unmittelbar nach ihnen benutzen sollen. Offenbar hatte ES entschieden, sie voneinander zu trennen.

Rhodan nahm es hin. Derartiges gehörte zu den üblichen Spielchen der Superintelligenz, die er seit Jahrtausenden kannte. Er hoffte nur, dass sie sich noch immer im Wegasystem aufhielten.

»Wir müssen hier weg«, sagte er. »Krakatau lässt sich bestimmt nicht so einfach abschütteln. Er wird uns durch den Transmitter folgen.«

Mit unsicheren Schritten und über schwankenden Boden zogen sie sich vom Empfangskäfig zurück. Am Ende der Halle flackerten zwei Lichter im Halbdunkel. Darauf hielten sie zu. Wetherby war noch immer bleich.

»Der SERUN verfügt über ein integriertes Medomodul.« Rhodan zeigte ihr die entsprechenden Bedienkontrollen am Handgelenk des Schutzanzugs. »Es ist mit hochwirksamen Stimulanzien bestückt. Falls die Übelkeit überhandnimmt.«

»Ich bin zäh im Nehmen.« Unwirsch fegte Wetherby seine Hand beiseite, als er nach ihrem Multifunktionsarmband fasste. Sofort machte sie ein erschrockenes Gesicht. »Entschuldigen Sie, Mister Rhodan. Sir.« Sie blieb stehen, salutierte und sah dabei auf ihre Stiefelspitzen.

»Schenken wir uns die distanzierten Formalitäten, Gillian. Das ›Sir‹ ist im Interkosmo schon vor Jahrtausenden aus der Mode gekommen. Heutzutage spricht man sich mit Vornamen und vertraulicher Anrede an.«

»Ich soll den Präsidenten der Dritten Macht ›Perry‹ nennen?« Wetherbys Finger klebten an ihrer Schläfe, als traue sie sich nicht, den militärischen Gruß zu beenden.

»Diesen Posten bekleide ich seit Ewigkeiten nicht mehr.« Rhodan winkte ab. »Betrachte uns als zwei ehemalige Piloten der Space Force. Wir lösen das Rätsel der Superintelligenz eher, wenn wir auf Augenhöhe miteinander umgehen.«

»Ja, Sir. Ich meine ... Perry.« Sie errötete. Die Situation war ihr sichtlich unangenehm. Immerhin nahm sie die Hand von der Stirn.

Rhodan unterdrückte ein Schmunzeln. Damit hätte er sie noch mehr verunsichert. In der Ära der Dritten Macht hatten weibliche Mitglieder der Raumflotte, zumal solche mit dunkler Hautfarbe, sich stets beweisen müssen. Wer zu Wetherbys Zeit nicht härter und männlicher als jeder Mann aufgetreten war, wurde von den Kameraden schlicht nicht ernst genommen.

Der Terraner aktivierte den Holoprojektor, der am Brustteil seines SERUNS angebracht war. »Diesen Raum vermessen!«, befahl er der Anzugpositronik.

Der Projektor zeichnete gelbe Rasterlinien in den Raum, immateriell und doch so realistisch, dass Rhodan glaubte, er könne sie berühren. Sie folgten den Konturen des Bodens. Bemaßungen kennzeichneten die Dimensionen.

»Dieser Raum durchmisst zweihundert Meter«, las Rhodan ab. »Quadratische Grundfläche. Die verschieden großen Reflektoren über uns befinden sich in vierzig Metern Höhe.«

Sie näherten sich dem Saalrand. Die Lichter, die Rhodan aus der Ferne gesehen hatte, entpuppten sich als riesenhafte Gasfackeln. Ihr Licht erhellte zwei steinerne Säulen, die einen Torbogen bildeten. Sie umrahmten eine mächtige, zweiflügelige Tür, deren Oberfläche mit faustgroßen, metallenen Nieten beschlagen war. Die Positronik gab eine Höhe von 18 Metern an. Das Portal war geschlossen.

Wetherby legte den Kopf in den Nacken, starrte an den Türflügeln empor. »Wer wohnt dahinter? King Kong?« Sie zog die Stirn kraus.

Zu zweit untersuchten sie die beiden Säulen. Der Brustscheinwerfer des SERUNS aktivierte sich selbsttätig und beleuchtete das Gestein. Im Lichtkegel erkannte Rhodan haarfeine Gravuren, die vor seinen Augen flimmerten und verschwammen. Der Holoprojektor zeichnete sie mit kräftigeren Linien nach.

Ratlos betrachtete Rhodan die Zeichnungen, die entfernt an Höhlenmalereien aus der Vergangenheit der Menschheit erinnerten. Eine davon zeigte riesenhafte Gestalten, die sich um eine Gruppe kleinerer Kreaturen scharten und die Arme schützend über sie hielten.

»Kängurus«, kommentierte Wetherby. Widerwillige Faszination schwang in ihrer Stimme mit. »Diese Zeichnungen erzählen ihre Geschichte.« Wetherbys Finger beschrieb einen Kreis, der die Gravuren umfasste. Aus dem Rücken der Kleinen wuchs ein Schwanz, der bis auf den Boden reichte und offenbar als zusätzliche Stütze diente.

»Intelligenzwesen«, korrigierte Rhodan sanft. »Der Schwanz könnte auch ein drittes Bein darstellen. Die Zeichnungen sind nicht detailliert genug, um eindeutige Rückschlüsse zuzulassen.«

Im nächsten Bild waren die gleichen Wesen zu sehen, doch nun waren ihre Fäuste erhoben, und beide Gruppen bedrohten einander. Nummer drei und vier zeigte die Riesen am Boden liegend.

»Ob die Schöpfer dieser Zeichnungen von links nach rechts lesen?« Wetherby legte die Hand auf eine Gravur. Ihr Handschuh strich über das Gestein. »Was zum ...?« Verblüfft hielt sie inne.

Rhodan blinzelte. Auch er hatte es gesehen. Die Zeichnung hatte sich bewegt – sie war Wetherbys Finger gefolgt.

Der Terraner streckte ebenfalls den Zeigefinger nach einem Piktogramm aus: Die Kleinen standen auf den daliegenden Riesen, rissen die Arme hoch. Eine Geste des Triumphs? Ein Freudentanz? Als er es anfasste, verschoben sich auch die Rillen dieses Bilds im Gestein und vollzogen den Weg seiner Fingerkuppe nach.

»Die Oberfläche ist berührungsempfindlich. Die Gravuren lassen sich verschieben.«