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Westend Verlag

Ebook Edition

Felix Holtermann

Geniale Betrüger

Wie Wire­card Politik und Finanzsystem bloßstellt

Westend Verlag

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Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-814-3

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2021

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Titel
Inhalt
1. Auf der Flucht
Der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit
2 Aufstieg und Absturz der Wire­card AG
2.1 Aufstieg aus dem Nichts – Sex, Lügen und die frühen Jahre
Geld verdienen im Informationszeitalter
Ein Lehrersohn mit großen Plänen
Schöner Schein und reale Expansion
2.2 Lukrative Geschäfte – Riskantes Wachstum mit dubiosen Partnern
Verborgene Glücksspielzahlungen
Erfolgsgeheimnis Drittpartner
Fatale Wachstumsgier
In den Fängen der Cybermafia
2.3 Bruch im System – Betrug als Geschäftsmodell
Drei Warnzeichen
Die Herren über das Zahlenreich
Genialer »Bilanzbetrug 2.0«
Verräterische Reports
Kartell des Schweigens
Ein dreifacher Raubzug
»Projekt Panther«
2.4 Übles Erwachen – Absturz mit Flurschaden
Die FT und das »House of Wire­card«
Softbank und Sonderprüfung
Gigantischer Kollateralschaden
3 Bananensystem Deutschland: Ein Finanzplatz will betrogen werden
3.1 Die Kritiker – Verdächtigt und verstummt
Shortseller, Testkäufe und verschwiegene Probleme
Der Pädagoge und die Sex-Dialer
Der lange Arm des Konzerns
Erzfeind Fraser Perring
Anzeige gegen die Financial Times
3.2 Die Anleger und Medien – »Stupid German Money«
Fataler deutscher Herdentrieb
»Lieblingsaktie« der Redaktion
Ruinierte Kleinanleger, glückliche Hedgefonds
Insider unter Verdacht
3.3 Die Zöllner und Staatsanwälte – Willkommen im Geldwäsche-Paradies
Genutzte Schlupflöcher, zögernde Staatsanwälte
Geldwäsche-Paradies Deutschland
Kafkaeskes Aufsichtschaos
Spezialeinheit im Tiefschlaf
Topmanager unter Verdacht
4 Kontrolle Fehlanzeige: Wie alle internen Instanzen versagen
4.1 Die Aufsichtsräte – Auftritt der Frühstücksdirektoren
Überwachungsgremium mit Beißhemmung
Private Geschäfte, hochbezahlte Kontrolleure
Schwache interne Kontrollsysteme
(Zu) später Kurswechsel
Fehlender Durchgriff
4.2 Die Prüfer – Hochbezahlt und stets zu Diensten
»Nach einer Stunde war mir klar, dass es Betrug ist«
Gesetzlich klar geregelte Aufgaben
Hochdefizitär unter den Augen der Prüfer
Fehlende Testüberweisungen
Zweifel an der Integrität des Managements
Erstaunliche Vorgänge
Klagewelle rollt an
Strafrechtliche Ermittlungen, Verlust von Mandaten
Auch KPMG im Zwielicht
Fatale Marktmacht der »Big Four«
4.3 Die Banker und Analysten – Ahnungslos im Finanzcasino
Geprelltes Kreditkonsortium
Manche Banken wussten mehr
Der Liebling der Analysten
»Fake News«-Hetze aus dem Bankenturm
Vermögensverwalter als Wire­card-Fans
5 Helfer auf höchster Ebene: Politik im Dienst des Konzerns
5.1 Die Aufseher – Von Geisterfahrern und Profiteuren
Narrenfreiheit für Aschheim
Fehlende Prävention, fatale Einstufung
Beispielloses Leerverkaufsverbot
Bafin-Aufseher unter Insiderverdacht
Zahnlose »Bilanzpolizei«
Passive Wirtschaftsprüferaufsicht
Apas-Chef zockt mit
EU kritisiert deutsche Aufsicht
Staatshaftung für Aufsichtsversagen?
5.2 Die Politiker – Empfängliche Freunde in München, Wien, Berlin
Profitable Lobby-Arbeit
Die Zweifel der Botschaft
Kanzlerkandidat im Zwielicht
Fein gesponnenes Netz an Polit-Influencern
Beste Kontakte nach München
Berater, Einflüsterer, Kommunikatoren
Wiener Freunderlwirtschaft
5.3 Die Spione – Schützenhilfe aus dem Schattenreich
Geheime Chats und falsche Fährten
Lukrative Geheimdienst-Connections
Fluchthilfe aus Wien
CSU-Geheimdienstkoordinator im Zwielicht
Wire­card-Kunde BND
Sehnsuchtsort Russland
Doppelagent Marsalek?
Flucht, Tod und Wiederkehr
6 Enthülltes und Verborgenes: Vom Absturz zur Aufklärung
Vorstandschef und Opfermythos
Das andere Gesicht des Markus Braun
Der doppelte Boden der Wahrheit
Verwertungserfolge und Kündigungswelle
Erste Antworten
Viele offene Fragen
Organisierte Verantwortungslosigkeit
7 Eine Frage des Systems: Was sich jetzt ändern muss
1.Schutz für Kritiker
2.Ausweitung der Finanzbildung, Förderung unabhängiger Medien
3.Auflösung der FIU, Stärkung der Staatsanwaltschaften
4.Umgestaltung der unternehmensinternen Kontrollsysteme
5.Totalreform der Wirtschaftsprüfung
6.Trennung von Bankgeschäft und Analyse
7.Aufspaltung der Bafin, Aufstockung der Aufsicht
8.Einschränkung des politischen Lobbyings
9.Ausreichende Finanzierung für rechtsstaatliche Korrektive
10.Keine Nachsicht mit Groß- und Digitalkonzernen
Das Rädchen im Getriebe
Danksagung
Anmerkungen

Das Namensregister und weiterführende Informationen zum Buch finden Sie unter www.westendverlag.de/wirecard


* Name geändert

** Name geändert

*** Name geändert

**** Name geändert

***** Name geändert

****** Name geändert

******* Name geändert

1. Auf der Flucht

Es sind die Worte eines Entlaufenen. »Die Alternative wäre gewesen, dass ich ins Gefängnis gehe«, schreibt Richard Dabrowski am 27. Juli 2020 an einen Vertrauten. »Meine aktuelle Situation ist schwierig. Ich bin in meinem Handlungsspielraum deutlich eingeschränkt.«

Einschränkung. Was für ein Wort, was für ein Gefühl für diesen Mann. Jahrelang kannte sein Leben keine Grenzen. Die Eckpunkte seines Schaffens waren München, Dubai, Singapur. Er flog im Privatjet, nächtigte in Fünf-Sterne-Hotels wie dem Marina Bay Sands oder Mandarin Oriental. Zu seinen Freunden zählten Oligarchen, Politiker, Spione. Wenn ihm danach war, legte Dabrowski ein paar Tage auf der ostafrikanischen Trauminsel Benguerra vor der Küste Mosambiks ein. Zum Zahlen zückte er seine Visa-Kreditkarte aus echtem Gold, Nummer 4596 0332 6126 2060.

Es gab keine Regeln in Dabrowskis Welt. Mochten gewöhnliche Menschen an Einnahmen und Ausnahmen denken, an Vorschriften oder gar Moral, Dabrowski tat, was er wollte. Er bestimmte, er protzte, er genoss. Bis seine Welt – und sein Arbeitgeber – implodierte. Als Dabrowski seine Telegram-Nachricht absetzte, war er schon seit fünf Wochen auf der Flucht. Sein Gesicht sollte bald auf internationalen Fahndungsplakaten prangen.

Richard Dabrowski ist ein Deckname, ein Alias. Der echte Richard Dabrowski ist Lehrbeauftragter für Sicherheitsstudien am Joint Forces Staff College in Virginia, der Eliteschmiede der US-Streitkräfte. Der Mann, der ihm seine Identität klaute, nutzte im Telegram-Chat Dabrowskis echtes Bild – ein Porträt in Uniform. Getroffen hat der Dieb Dabrowski wahrscheinlich nie. Er hat ihn nur benutzt – so wie er die ganze Welt benutzte.

Die Rede ist von Jan Marsalek. Im Sommer 2020 ist der gebürtige Wiener 40 Jahre alt. Bis zum 18. Juni war er Chief Operating Officer (COO) beim Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München. Als COO kümmerte sich Marsalek zehn lange Jahre um den Vertrieb und das Asiengeschäft, das dem Konzern Jahr für Jahr angeblich traumhafte Wachstumsraten bescherte und die fantastischen Börsenziele von Vorstandschef Markus Braun ermöglichte.

Braun sitzt Ende Juli 2020 in Untersuchungshaft wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs in Milliardenhöhe, der Untreue und anderer schwerer Wirtschaftsvergehen. Wirecard teilte am 18. Juni 2020 mit, dass ein Konzernvermögen von 1,9 Milliarden Euro in Asien, ein Viertel der Bilanzsumme, nicht aufzufinden wäre. Höchstwahrscheinlich gab es das Geld nie. Nun gibt es Konsequenzen.1

Braun muss ins Gefängnis, Marsalek flüchtet. Kollegen erzählt Marsalek noch, er wolle auf den Philippinen nach dem verschwundenen Milliardenvermögen suchen. Tatsächlich reist er einen Tag nach seinem Rauswurf bei Wirecard per Privatjet ins weißrussische Minsk, später weiter in die Nähe von Moskau. Der russische Auslandsgeheimdienst hilft ihm dabei.

In Deutschland weiß man davon nichts, man kann es sich auch nicht vorstellen. Zwar hat es schon Vorstände gegeben, die von einem Tag auf den anderen ihren Job verloren. Aber kein Dax-Vorsteher ist je über Nacht einfach verschwunden. Ein paar Wochen später steht Marsalek auf der »Most Wanted«-Liste der europäischen Polizeibehörde Europol. Trotzdem schmiedet Marsalek schon Pläne mit einstigen Vertrauten.

Einer von ihnen ist Goran Cudnovic*, Geschäftsmann, ehemaliger Tourismusmanager und Start-up-Investor. Er kennt Marsalek seit gemeinsamen Partynächten im Münchner Edelclub »Pacha« um die Jahrtausendwende. Cudnovic arbeitet für Marsalek erst als Berater, 2017 tritt er ganz in seine Dienste. Die beiden wollen gemeinsam Internet­firmen aufbauen und an die Börse bringen.2

Cudnovic bringt das unternehmerische Geschick und seine Kontakte in die Firma ein, Marsalek das Geld. So ist der Deal. Am Bilanzbetrug bei Wirecard ist Cudnovic nicht beteiligt.

Dafür weiß er viel über Marsaleks Nebengeschäfte. Nach dem Untergang des Konzerns ist Cudnovic einer der letzten Vertrauten Marsaleks. Der Mann, nach dem international gefahndet wird, kontaktiert Cudnovic per Telefon und Chat. Der Austausch gibt Einblick in sein Schattenreich – und legt offen, welche Pläne Marsalek für die Zukunft hatte.

Wie eng die Beziehung der beiden Männer ist, zeigen ihre Nachrichten bei Telegram. Marsalek agiert unter den Decknamen Richard Dabrowski und Karim Gasmi. Cudnovic nennt sich Daniel Craig. So heißt der Hauptdarsteller der James-Bond-Filme seit 2005.

»Sag Bescheid, falls Du reden willst«, schreibt Marsalek am 23. Juli 2020, vier Wochen nach seiner Flucht. »Gerne«, antwortet Cudnovic, »aber unsere Themen dezimieren sich gerade selbst.«

Es gab einmal viele davon. Von ihrer Gründerzeitvilla in der Prinzregentenstraße 61 in München aus bauten die beiden Männer ein kleines Firmenimperium. Im Zentrum steht die Beteiligungs­gesellschaft IMS.

Marsalek arbeitet in den letzten zwei Jahren vor seinem Verschwinden fast jeden Tag in der Villa. Zum Lunch geht es zum Nobelrestaurant »Käfer« um die Ecke, nur noch selten per Taxi in die zehn Minuten entfernte Wirecard-Zentrale in Aschheim. Dort werden die erfundenen Geschäfte in Ostasien verbucht. Die realen Deals steuert Marsalek aus der Villa heraus.

Im Sommer 2020, so scheint es, hat Marsalek in seinem Leben zwischen Schein und Sein die Orientierung verloren.

»Guten Morgen! Gib mir bitte Bescheid, wie wir jetzt weiter vorgehen und was ich tun soll/kann. Wollen wir mal telefonieren?«, fragt Marsalek am 24. Juli. Cudnovic schlägt den späteren Nachmittag vor. Marsaleks Antwort um 15:50 Uhr: »Bei mir ist es leider schon etwas spät.«

Vier Uhr nachmittags in Deutschland entspricht 23 Uhr auf den Philippinen: Selbst gegenüber seinem Vertrauten hält Marsalek die Scharade aufrecht, sich in einer entfernten Zeitzone aufzuhalten. Der Wirecard-Vorstand zog bei seiner Flucht alle Register. Bestochene philippinische Grenzbeamte fälschten für ihn die Einreisedatenbank des Landes, sie zeigte seine Ankunft am 23. Juni 2020. Erst durch Videoaufnahmen am Airport fiel der Schwindel auf.

Wo immer er jetzt sein mag – Marsalek wiegt sich in Sicherheit und plant seine Zukunft. Seine Chats mit Cudnovic zeigen ein Duo, das ernsthaft glaubt, etwas aus dem Trümmerhaufen zu sichern, der Wirecard nun ist. »Ich denke es wäre schon wichtig heute zu klären wie es weitergeht«, schreibt Cudnovic am 27. Juli. »Ich bin dabei alles aufzulösen und zu retten was zu retten ist. Ohne Funds wird das schwierig.«

Mit Funds ist Geld gemeint: Eine Reihe an Start-ups, in die beide Männer investierten, braucht frische Mittel. Gelingt es Marsalek und Cudnovic, die mutmaßlich mit abgezweigten Wirecard-Geldern hochgezogenen Firmen an die Börse zu bringen, könnten sie große Kasse machen.

»Es fehlen folgende Beträge für einen reibungslosen Ablauf«, schreibt Cudnovic. Er rechnet vor: 5,0 Millionen Euro schulde IMS mehreren Start-ups, 3,0 Millionen dem Vermieter der Villa, 1,4 Millionen der Wirecard Bank, 3,4 Millionen schließlich Marsalek selbst. Und 1,0 Millionen Euro werden für Betriebsausgaben gebraucht. Das Problem: Die IMS hat kein Geld mehr. Bisher sorgte Marsalek für regelmäßige Zahlungseingänge. Doch auf der Flucht versiegt die Quelle.

»Wenn du das kurzfristig schickst, ist alles ok… gerne auch in Bitcoins… die kann ich sofort convertieren«, schreibt Cudnovic.

Der flüchtige Marsalek, der angeheitert einmal damit prahlte, 300 Millionen Euro schwer zu sein, stellt sich quer: Erst einmal müsse eine neue Struktur her, die ihm auch auf der Flucht einen Durchgriff auf seine Firmen erlaube. »Es geht meines Erachtens nicht nur um Geld sondern auch ein paar strukturelle Fragestellungen, die es zu klären gilt«, referiert er. Es mag ein gewaltiger Druck auf ihm lasten, seine gewählte Ausdrucksweise behält der Österreicher bei.

Cudnovic ist nach Wochen des Wartens ungeduldig: »Sicherlich. Aber als erstes geht es um Geld und darum, alles von meinen Schultern zu nehmen, und dann können wir an die Struktur ran.« Marsalek: »Ich fürchte, das sollte Hand-in-Hand gehen.« Cudnovic: »Ich fürchte der Zug ist abgefahren.«

Marsalek versucht, den aufgebrachten Vertrauten zu beruhigen: Dieser solle doch als Geschäftsführer und Eigentümer der IMS zurücktreten. »Dann hast Du keine Risiken.« Er könne ja als Prokurist und Gesellschafter an Bord bleiben.

Jan Marsalek ist einer der meistgesuchten Männer Europas – sein Geschäftssinn ist weiter hellwach. Was er vorschlägt, ist nichts weniger als eine kalte Enteignung. Cudnovic gehören laut Handelsregister 100 Prozent der IMS. Daneben gibt es eine geheime Absprache: Ein zwischen beiden Männern geschlossener Treuhandvertrag spricht Marsalek einen »Anteil am Unternehmen IMS Capital Partners GmbH in Höhe von 75 %« zu. Dieser werde durch Cudnovic treuhänderisch verwaltet. Marsalek lehnt ab, den Vertrag beim Notar zu hinterlegen. So kann er aus dem Schatten heraus Geschäfte machen.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, Marsalek habe im Laufe der Zeit einen dreistelligen Millionenbetrag aus Wirecard herausgeschleust. Ein kleiner Teil davon floss direkt in die Start-ups der IMS, ein anderer über den Umweg zweier türkischer Firmen. Zusätzlich erhielten Marsaleks Start-ups von der Wirecard Bank Millionen als Kredit und für angebliche Beratungsleistungen.

So fein austariert das Netzwerk gewesen sein mag: Mit dem Zusammenbruch Wirecards und dem Abtauchen Marsaleks steht es im Sommer 2020 vor dem Kollaps.

»Mich hast du hier zurückgelassen und im Prinzip am langen Arm verhungern mit mehr als 10 [Millionen Euro] Verpflichtungen … das ist nicht lustig«, beschwert sich Cudnovic am 27. Juli. Marsalek verweist auf die Alternative: den Gang ins Gefängnis. »Wie hätte das die Situation besser gemacht? Ich verstehe nicht ganz, was Dein Vorschlag ist.«

Cudnovic platzt der Kragen. »Ihr habt die letzten Jahre Milliarden geklaut mit Hilfe von James und Co«, schreibt er in Anspielung auf einen weiteren Marsalek-Vertrauten, James Henry O’Sullivan. Mit diesem hatte Marsalek große Wirecard-Deals eingefädelt – und den Konzern ausgesaugt.3

»Die Marionetten wie ich haben euch einen offiziellen Touch gegeben. Und jetzt lasst ihr alle fallen«, schimpft Cudnovic.

»Mein Name steht hier überall drauf … Also brauch ich 10 [Millionen Euro] Kapital jetzt. Dann gehe ich den Verpflichtungen nach und dann reden wir über Struktur. Andere Option ist, ich löse das in den kommenden Monaten alleine und schaue was übrig bleibt und welche Schäden ich abbekomme dadurch. Also ziemlich einfach…«

Nicht für Marsalek. Versucht Cudnovic, ihn auszubooten? Der Ex-Vorstand verliert zum ersten Mal die Contenance: »Es kann nicht sein, dass Du zuerst von mir Geld willst und dann erst mit mir über die Strukturen der Zukunft reden willst. Ich bitte um Verständnis, dass wir das zeitgleich lösen müssen.«

Marsalek beginnt nun seinerseits zu drohen: »Außerdem finde ich es befremdlich, dass Du Dich als ›Marionette‹ bezeichnest. Du warst der Erste, der gerne Consulting Fees von Wirecard angenommen hat, der an Geldwäsche-Lösungen gebastelt hat, etc. Von der Finanzierung deines Hauses mal ganz zu schweigen (Smiley).«

Mit der Hausfinanzierung spielt Marsalek auf eine IMS-Sonderausschüttung an Cudnovic an, mit den »Consulting Fees« auf die abgerechneten Beratungsdienste. Tatsächlich hatte Cudnovic zwischen März 2019 und Juni 2020 insgesamt 160 000 Euro für Kundenakquise und Geschäftsentwicklung von Wirecard erhalten. Eine Beteiligung an Geldwäsche bestritt er gegenüber der Staatsanwaltschaft.

»Ich würde wirklich gerne Getnow & Co. retten – die Firmen verdienen das. Aber wir können das nur gemeinsam machen«, schreibt Marsalek. Sein Tonfall wird wieder versöhnlicher: »Ich habe Dir doch immer geholfen, wenn ich konnte … Ich bin für jeden Lösungsweg zu haben, aber bitte nimm Rücksicht darauf, dass wir einfach eine Governance-Struktur brauchen, die nicht auf Vertrauen beruht – ich glaube, das haben wir beide aktuell nicht (mehr).« Der Flüchtige beschwört sein Gegenüber: »Lass uns doch bitte morgen mal in Ruhe telefonieren. Dann besprechen wir das und ich bin optimistisch, dass wir eine Lösung finden werden!«

Die Lösung wird nicht gefunden. Auch im August bleiben die versprochenen Zahlungen aus. Gleichzeitig fordern die türkischen Gesellschaften, die mit Marsalek verbandelt sind, knapp 20 Millionen Euro von der IMS zurück. Versucht der Flüchtige etwa, an frisches Geld zu kommen?4

Im Spätsommer verklagen die türkischen Firmen Cudnovic und erstatten Strafanzeige. Sein Privatvermögen wird arrestiert – ein Zustand, der sich erst im März 2021 durch einen Aufhebungsbeschluss des Landgerichts München ändert. Vorher, Ende Oktober 2020, kommt Cudnovic 18 Tage in Haft.

Während Marsaleks Geschäftspartner hinter Gittern sitzt, durchsucht die Staatsanwaltschaft ihre ehemals gemeinsame Villa. Wichtiges findet sie nicht. Wochen zuvor, Ende August, wird in die Prinzregentenstraße 61 eingebrochen, Marsaleks Büro ausgeräumt. Einbruchsspuren gibt es nicht, die Täter kommen per Schlüssel durch den Keller ins Gebäude.

Cudnovic wirft Marsalek am 31. August vor, er und seine Geheimdienstfreunde steckten dahinter. Der Flüchtige geht nicht darauf ein. »Die sind über den Keller rein?«, fragt er treuherzig. Dann schickt er seinem ehemaligen Vertrauten die letzte Nachricht, bevor der Chat-Account »Richard Dabrowski« gelöscht wird. Sie ist kurz: »Alles sehr seltsam.«

Der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit

Seltsam ist vieles im Fall Wirecard: Seltsam ist der geheimnisvolle Einbruch in Marsaleks Villa. Seltsam ist das ungeheuerliche Treiben der Manager und ihrer Helfer in Deutschland und am Ende der Welt. Und seltsam ist auch die gesamte fantastische Firmengeschichte des einst so hofierten Hoffnungsträgers.

Wire­card ist der größte Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegszeit. In 20 Jahren wächst der Zahlungsabwickler aus Aschheim bei München vom dubiosen Finanz-Start-up zum internationalen Technologieriesen, wirft die Commerzbank aus dem Dax, ist mehr wert als die Deutsche Bank. Anleger lieben die Aktie, Banker hofieren das Management, die Politik gibt Schützenhilfe. Und dann ist binnen sieben Tagen und sieben Nächten alles aus.

Der Ex-Chef sitzt mit weiteren Topmanagern in Untersuchungshaft, andere sind auf der Flucht oder überraschend verstorben, Geheimdienste mischen mit. Die Staatsanwaltschaft ermittelt intensiv, in der zweiten Jahreshälfte 2021 soll Anklage erhoben werden. Was wir bereits wissen: Wire­card hat die Hälfte seiner Kunden erfunden und ein Viertel seiner Bilanzsumme gefälscht. Ein Börsenwert von bis zu 24 Milliarden Euro hat sich in Luft aufgelöst. Viele Kleinanleger stehen vor dem Verlust ihrer Lebensersparnisse.

Wie ist das möglich? Der Kampf um die Deutungshoheit ist bereits entbrannt, wird von interessierten Kreisen geführt, wobei sich zwei Erzählungen gegenüberstehen.

Die erste beruhigt die Nerven: Wire­card ist demnach ein Betriebsunfall der Marktwirtschaft. Eine Bande von Betrügern kapert ein New-Economy-Start-up aus dem Vorzeigefreistaat Bayern. Zunächst setzt das Management auf Zahlungsabwicklung und Geldwäsche für Trading, Gambling, Porno von legal bis illegal. Bald merkt es, dass es noch einfacher Geld verdienen kann: Statt in reales Geschäft zu investieren, befeuern die Manager die große Börsen-Story, erhalten frisches Geld von Aktionären, Banken, Fonds. Damit stopfen sie Finanzierungslöcher, schaufeln sich Hunderte Millionen Euro in die eigene Tasche. Am Ende täuschen die Gangster mit hoher krimineller Energie alle Aufpasser, Anleger und Politiker – und sehen nun ihrer gerechten Strafe entgegen. Case closed.

Die zweite Erzählung ist beunruhigender, dafür deutlich näher an der Wahrheit: Wire­card ist kein Kriminalfall aus dem Aschheimer Gewerbegebiet, wo zwischen Bahngleisen und Autokino eine Gangsterbande ihr Unwesen trieb. Der größte Betrugsfall der Nachkriegszeit steht für mehr: Wire­cards Absturz legt pars pro toto die Abgründe unseres Wirtschaftssystems offen, rüttelt an den Grundfesten des Finanzkapitalismus und entlarvt vermeintliche deutsche Gewissheiten als Selbstbetrug. Der Fall ist damit nicht weniger als ein Lehrstück über Technologiegläubigkeit, Investorengier und Korruption, ein Sittengemälde über die Abgründe der Hochfinanz – und ein Weckruf für den Zustand unseres politischen Systems.

Aber der Reihe nach. Was macht Wire­card eigentlich? Ganz einfach: Das Geschäftsmodell besteht darin, digitales Geld von A nach B zu schicken. Das ist ein Markt mit Zukunft, weil das Bargeld verschwindet und die gläserne Zahlung per Karte und App auf dem Vormarsch ist. Die Banken könnten dieses Geschäft auch selbst betreiben, doch weil die Spitzen der Finanzwelt, allen voran Visa und Mastercard, früh entschieden haben, sich nicht die Finger in den Untiefen des Zahlungsverkehrs schmutzig zu machen, sind Spezialisten entstanden. Spezialisten für Daten, für vermeintlich saubere Zahlungsströme, Spezialisten wie Wire­card, eine Art Paypal für Unternehmen. Die teutonische Antwort auf das Silicon Valley stand kurz vor dem Sprung zur Weltgeltung. Und Manager, Anleger, Aufseher, Banker, Börsen, Politiker, ja, auch viele Journalisten träumten fröhlich mit.

Dabei hatte es früh Warnungen gegeben: Bereits 2008 zweifelten Hobbyanalysten die Wire­card-Zahlen an, 2015 zeigten kritische Investoren Unregelmäßigkeiten in der Bilanz auf, 2019 warnte die renommierte Zeitung Financial Times (FT). Doch kaum einer hörte zu. Kritiker bedrohte der Konzern offen durch Klageorgien, Rufmord, Beschattung, Gewalt. Und Jasager, Wegseher und Möglichmacher entlohnte er auf vielfältige Art und Weise. 20 Jahre ging das gut: Die deutsche Öffentlichkeit hofierte ein Betrugsgebilde, das nicht erst 2015 entstand, wie die Münchner Staatsanwaltschaft glaubt, sondern schon in den Nullerjahren.

Fast alle machten mit: Die zuständige Aufsicht Bafin stellte sich schützend vor den Konzern, ihre Beamten verdienten mit Aktienspekulation auf Insiderwissen. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) und Co. setzten zehn lange Jahre ihre Unterschrift unter erfundene Zahlen und verdienten schnelles Geld mit Beratungsdiensten. Die Rating-Agentur Moody’s vergab wie üblich eine positive Bewertung, 15 Großbanken gaben bereitwillig Millionenkredite. Die Deutsche Börse öffnete ihren Leitindex Dax, die Anlegermagazine trommelten zum Aktienkauf. Und Kleinsparer wie Großinvestoren gierten nach ihrem Anteil am fantastischen 30-Prozent-Wachstum, das Wire­card Jahr für Jahr auswies. Sogar die Geheimdienste sahen vor allem den Datenschatz aus Deutschland.

Betrogen wurde ein System, das betrogen werden wollte. Ins Verderben geführt hat Wire­card nicht nur die Gier nach Geld, Macht und Größe, sondern die simple Überzeugung, alle in der Tasche zu haben. Am Ende schauten die Entscheider weg, hielten die Hand auf oder taten beides. Der Betrug war kein Betriebsunfall, der Betrug war Kern des Geschäftsmodells. Der Markt reinigte sich nicht selbst, sondern suchte im Aschheimer Schlamm nach neuen Profiten. Und die Politik, die Hüterin der öffentlichen Sache? Über ihre Rolle wird gesondert zu sprechen sein.

Schon heute ist klar: Der Fall Wire­card beschädigt die wichtigsten politischen Ämter. In Wien ließ sich der konservative Jungkanzler Sebastian Kurz von CEO Markus Braun beraten, rechtsextreme Politiker und Spione kungelten mit Wire­cards Asienvorstand Jan Marsalek. Und auch in München und Berlin gab es keine Berührungsängste. Ein Ex-Polizeipräsident diente sich dem Konzern an, ein Staatssekretär traf Braun an dessen 50. Geburtstag, Ministerialreferenten erfüllten hinter den Kulissen Wire­cards Wünsche. Ein früherer Geheimdienstchef lobbyierte im Kanzleramt, Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg bei Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin selbst warb beim Pekinger Staatsbesuch für den Konzern. Und der zuständige Finanzminister Olaf Scholz schaute, wieder einmal, weg.

Die Old Economy Deutschland, das Land der Autobauer und Schraubenhändler, gierte nach einem globalen, digitalen Finanzwunder – und schien es mit Wire­card gefunden zu haben. Sein Untergang könnte nun zum Menetekel werden für das bundesrepublikanische Laisser-faire gegenüber mächtigen Finanzkonzernen und vermeintlichen Digitalvorreitern.

Es geht – ja – ums System. Wird die Macht der Skrupellosen, des Geldes und seiner Lakaien nicht durch den Rechtsstaat gebrochen, dann droht der nächste Fall Wire­card oder Schlimmeres. Warum, das steht in diesem Buch.

Nach einem Kurshoch von 198 Euro im September 2018 stürzte die Aktie im Juni 2020 ins Bodenlose. Heute kostet sie weniger als einen Euro. (Quelle: Reuters)

Bevor wir uns der Analyse der systemischen Faktoren des Falls zuwenden, rekapitulieren wir die wichtigsten Ereignisse der Wire­card-Geschichte. Denn so unglaublich der kometenhafte Aufstieg des Konzerns heute erscheint, so beschämend sollte sein Untergang für Deutschland werden.

Wichtig ist: Noch sind viele Fragen offen, die Ermittlungen laufen. Noch ist niemand verurteilt, für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Aber schon jetzt lässt sich mithilfe von Zeitzeugen, anonymen Informanten, internen E-Mails und anderen Quellen erzählen, was wir über Wire­cards Geschichte wissen. Die folgenden Kapitel basieren auf jahrelanger Recherche, erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Weitere überraschende Erkenntnisse sind – wie immer im Fall Wire­card – alles andere als ausgeschlossen.

2 Aufstieg und Absturz der Wire­card AG

2.1 Aufstieg aus dem Nichts – Sex, Lügen und die frühen Jahre

Für fünf Minuten verliert Markus Braun die Nerven. Seine Hände zittern. Alles Blut weicht aus dem Gesicht des Wire­card-Chefs, als er hört, wie viele Mitarbeiter sich vor seinem Büro versammelt haben. In Gruppen stehen sie an diesem 18. Juni 2020 vor den Türen des Vorstandsflurs im vierten Stock der Firmenzentrale in Aschheim bei München.

Um 10:43 Uhr hat Wire­card vermeldet, den Jahresabschluss 2019 nicht vorlegen zu können. In der Bilanz klafft ein Loch von 1,9 Milliarden Euro. Die Mitarbeiter wollen Antworten vom Chef – und Braun hat keine. Der Aktienkurs befindet sich im freien Fall. Binnen einer Woche wird der Konzern untergehen. Ein Augenzeuge: »Es herrschte Lynchstimmung.«

Brauns engste Mitarbeiter verbarrikadieren ihn in seinem Büro. Sicherheitsleute und Angestellte des Hausmeister-Dienstleisters verschließen die Feuerschutztüren zum Treppenhaus und den Aufzügen. Ein Leibwächter weicht Braun nicht mehr von der Seite. Susanne Steidl, die Produktvorständin, bricht in Tränen aus.

Doch Braun wäre nicht Braun, wenn er sich nicht schnell wieder fangen würde. Das Ganze sei ein großes Missverständnis, erklärt er Vertrauten. Am späten Abend gibt er eine Erklärung ab, auf Youtube. »Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wire­card AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist«, sagt Braun. Dann fährt ihn sein Chauffeur nach Hause. Es ist fast Mitternacht, als der Maybach vor Brauns Wohnung im Münchner Nobelstadtteil Bogenhausen ausrollt.

Einen Tag später, es ist Freitag, tritt Braun zurück. Es ist keine freiwillige Entscheidung. Sein Aufsichtsrat hat ihm nur eine Alternative genannt: Rausschmiss. Trotzdem scheint er nicht ganz zu begreifen, was gerade passiert. »Ich komme nicht mehr ins System, rufen Sie die IT«, herrscht Braun seine Sekretärin an. Da wissen alle auf der Vorstandsetage: Es ist aus. Schließlich begleitet ihn der Compliance-Chef in die Tiefgarage, im abgesperrten Teil wartet Brauns Fahrer. Dieser fährt ihn ein letztes Mal nach Hause, die Zentrale wird Braun nicht mehr betreten.

Nach 20 Jahren an der Spitze ist seine Zeit abgelaufen. Nur Braun selbst will das nicht akzeptieren. Noch am Nachmittag ruft er Geschäftsfreunde an. Sein Anliegen überrascht die meisten: Er wolle sich Geld leihen, sagt der gefallene Chef, dem sieben Prozent am Konzern gehören. Sein Plan: Er wolle Wire­card ganz übernehmen. Der Kurs sei deutlich gesunken, der Konzern günstig zu haben. Unter seiner Ägide werde es wieder nach oben gehen. »Und dann«, so verkündet Braun, »dann starten wir richtig durch!«

Es kommt anders. Drei Tage später stellt sich Markus Braun der Staatsanwaltschaft München und kommt in Untersuchungshaft. Tags darauf darf er gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro auf freien Fuß. Aber schon am 22. Juli 2020 wird er aufgrund eines erweiterten Haftbefehls erneut festgenommen. Ein Kronzeuge hat ausgepackt, die Staatsanwälte werfen Braun nun ein ganzes Sammelsurium von Wirtschaftsstraftaten vor: gewerbsmäßigen Bandenbetrug, Untreue und Marktmanipulation.

Bereits am 25. Juni 2020 ist Wire­card nur noch ein Trümmerhaufen. Der Aktienkurs liegt unter drei Euro – 98 Prozent weniger als beim Höchstkurs im Herbst 2018. Aktionäre haben mehr als 20 Milliarden Euro verloren. Am selben Tag muss der Finanzkonzern Insolvenz anmelden – es ist das erste Dax-Unternehmen, dem das je widerfuhr. Die halbe Republik fragt sich: Was genau ist da bei Wire­card eigentlich passiert? Und wie? Wer war in diesem größten Betrugsfall in der Geschichte der Bundesrepublik Täter, wer Opfer? Wer war nützlicher Idiot und wer unverzichtbarer Helfer?

Wire­card – in den Augen seiner führenden Vertreter war das immer mehr als ein schnöder Zahlungsdienstleister. Wire­card war eine Idee, ein Versprechen: den Markt für Zahlungsdienste zu revolutionieren – durch Technologie, vor allem aber durch Größe. »Eigentlich war es eine riesige Wette«, sagt ein hochrangiger Manager. Die Führung habe zwei Dekaden lang nach einer Devise agiert: »Fake it till you make it«, der Silicon-Valley-Devise aus den wilden Jahren der Jahrtausendwende. Und genau dort, in der Ursuppe der New Economy, muss die Spurensuche beginnen, die nötig ist, um den größten Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit zu verstehen.

Geld verdienen im Informationszeitalter

1998 ist ein Jahr des Übergangs. Nach 16 Jahren endet die Ära Helmut Kohl. Seine christliberale Koalition, gestartet mit dem Postulat der »geistig-moralischen Wende«, hatte die Wiedervereinigung gestemmt, war an den »blühenden Landschaften« gescheitert und ist am Ende in Agonie versunken. Der rot-grüne Wahlsieg Gerhard Schröders setzt ein deutliches Zeichen, dass nun alles anders wird. Erstmals soll Deutschland die »Chancen der Informationsgesellschaft« nutzen, wie es im SPD-Wahlprogramm 1998 heißt: »Alle Schulen ans Netz«, Vorfahrt für »neue Medien« und »neue Informations- und Kommunikationstechnologien«. Verabschiedet wird das Programm am 17. April in Leipzig.

Rund 360 Kilometer weiter südlich macht sich zur selben Zeit eine Münchner Firma daran, aus dem kommenden Informationszeitalter Kapital zu schlagen – und einen wichtigen Baustein zu verwirklichen. Das noch neue Internet dient zunächst nur der Übertragung von Information. Doch die Securitas Internet Systems GmbH denkt weiter: Die Münchner wollen mithilfe der neuen Kommunikationstechnologie die Übertragung von Werten verwirklichen.

So verworren, wie sich Wire­cards Bilanzen zwei Dekaden später darstellen, ist die Frühgeschichte des Konzerns. Das gilt bereits für das Gründungsdatum: Wire­card gab auf seiner Homepage 1999 an, der eigentliche Geburtstag der Wire­card-Idee ist jedoch der 3. Juli 1998. An diesem Tag stellt Securitas Internet Systems die Vorzüge einer Plattform vor. »Anwenderunternehmen, die schon heute einen sicheren Zahlungsverkehr anbieten wollen, können auf ›Wire Card‹ zurückgreifen«, heißt es in der Pressemitteilung. Ziel sei ein »sicheres Bezahlen im Internet per Kreditkarte«, und zwar mithilfe einer Technik, die bisher »allenfalls in Pilotprojekten eingesetzt« werde. Wire Card, hier noch mit Leerzeichen geschrieben, ist ein Kunstbegriff der New-Economy-Zeit, der Internetwirtschaft. Doch er umreißt den Kern der Geschäftsidee erstaunlich klar: Kreditkartenzahlungen über eine Fernleitung, das Internet, zu ermöglichen.

Die Gründer in der Dotcom-Szene Münchens kurz vor der Jahrtausendwende haben einen guten Riecher: Das Internet ist da, Geld verdienen dort aber nur MSN und AOL, die Türsteher der digitalen Zukunft. Kleine Anbieter haben es schwer, vor allem das sichere Bezahlen im Web ist das Problem. Genau dafür soll Wire Card die Lösung bieten.

Markus Braun wird sich später gern als Gründer der Wire­card beschreiben, aber auch das stimmt nicht. Tatsächlich entsteht die heutige Wire­card AG aus zwei Vorgängerunternehmen. Beide starten 1998 und beide gehen auf zwei sehr unterschiedliche Männer zurück.

Gründer Nummer eins ist Detlev Hoppenrath. Er vertreibt heute Campingkocher, Ende der 1990er-Jahre ist er jedoch als Programmierer tätig und entwickelt Technologien für sichere Informationsübertragung im Internet.1 Unter dem Dach der Securitas Internet Systems programmiert er eine Software, die Online-Händler, Kunden und Kreditkartennetzwerke verknüpft, der Kern von Wire Card. Das zugehörige Patent DE10008280C1 findet sich bis heute im Patentregister und auch der Name Wire Card geht auf Hoppenrath zurück.

1999 wird aus der Software schließlich eine eigene Firma: Die Wire Card AG startet als Ableger der Securitas Internet Systems, Hoppenrath wird Vorstandschef.2 Hoppenrath ist es auch, der die beiden wichtigsten Männer der Wire­card-Geschichte einstellt: Jan Marsalek und Markus Braun, in dieser Reihenfolge. Marsalek ist Ende der 1990er-Jahre noch Schüler am Bundesgymnasium Klosterneuburg bei Wien, aber bereits ein begnadeter Programmierer. Statt für die Schule interessiert er sich für Programmcode, arbeitet die Nächte in der Wiener Start-up-Szene durch, wie er dem Autor dieses Buches später erzählen wird. Hoppenrath holt Marsalek, der Streit mit seinen Eltern hat, nach München. Die Matura, das österreichische Abitur, wird Marsalek nie ablegen.

Zu den ersten Kunden der Wire Card AG um die Jahrtausendwende gehören die Supermarktkette Spar und der Ticketdienst CTS Eventim. Kunden aus der Pornobranche und anderen zwielichtigen Milieus lehnt Hoppenrath ab. Doch die Weiterentwicklung der Software verschlingt Millionen – Kosten, die aus dem laufenden Geschäft nicht bezahlt werden können. Auf Druck seiner Investoren, darunter der Technikgigant Sony, holt sich Hoppenrath Hilfe: Markus Braun soll es richten.

Ein Lehrersohn mit großen Plänen

1998 ist der gebürtige Wiener 29 Jahre alt. Der Sohn eines Volkshochschuldirektors und einer Lehrerin kommt aus soliden Verhältnissen, besucht das altehrwürdige Gymnasium Fichtnergasse im 13. Bezirk. Seine Schwester ist dort lange im Elternverein aktiv. Sein Studium der Wirtschaftsinformatik an der Universität Wien schließt Braun 1998 ab.

Im selben Jahr tritt er einen neuen Job als Berater für KPMG in München an. Kollegen, die ihn damals erlebten, beschreiben ihn als unauffällig. »Er war ein kleines Licht. Besonders hervorgetan hat er sich nicht«, sagt eine ehemalige Wirtschaftsprüferin. Zweierlei sei ihr dennoch aufgefallen: Brauns Ruhe selbst in stressigen Phasen und seine Bereitschaft, groß zu denken.

Braun beginnt berufsbegleitend zu promovieren, das Thema lautet »Graph Based Characterization of Parallel Programs«. Gabriele Kotsis, die Betreuerin seiner Doktorarbeit, nennt ihn »beeindruckend ehrgeizig«. »Es war ein sehr anspruchsvolles Thema, Braun suchte die Herausforderung«, erinnert sich Kotsis, heute Professorin in Linz. Sie beschreibt ihn als angenehmen, zurückhaltenden Kollegen, der sehr auf seine Arbeit fixiert gewesen sei. Seine Dissertation schließt Braun im Januar 2000 ab.

Im Oktober 2000 schickt KPMG Braun zu Hoppenraths Unternehmen, dem die Investoren gerade den Geldhahn zudrehen. Braun beeindruckt durch Arbeitswillen und Fachwissen, und er rettet die Weiterentwicklung der Software. Hoppenrath, der froh ist, einen resoluten Manager an Bord zu haben, ernennt den introvertierten Österreicher zum Vorstand. Braun setzt ein Sparprogramm durch, viele Mitarbeiter werden entlassen. Mit einem versteht er sich jedoch prächtig: Jan Marsalek. Der schlaksige Junge, zehn Jahre jünger als Braun, wird bald zu seiner rechten Hand.

Als 2001 die Internetblase platzt und viele Start-ups pleitegehen, kämpft auch die Wire Card AG abermals ums Überleben. Zum Retter wird jetzt ein weiterer Vordenker aus dem Münchner Speckgürtel: Paul Bauer-Schlichtegroll. Der Unternehmer hatte zeitgleich mit Hoppenrath die Idee, eine Firma rund um digitale Zahlungslösungen aufzubauen. 1998 gründet er die Entertainment Print Media AG, bald darauf in Electronic Billing Systems AG (EBS) umbenannt. Auch die EBS entwickelt digitale Zahlungslösungen, aber im Unterschied zu Hoppenrath hat Bauer-Schlichtegroll kein Problem damit, die lukrativsten Kunden des frühen Internets anzusprechen und auf der Jagd nach Umsatz auch zwielichtige Pfade einzuschlagen.

Bauer-Schlichtegroll hatte erkannt, dass vor allem eine Branche dringend Zahlungslösungen braucht, die im jungen Internet am schnellsten wächst: die Pornobranche. Für sie bedeutet das World Wide Web eine Revolution: Statt verschämt Schmuddelheftchen am Kiosk zu kaufen, kann sich die vor allem männliche Kundschaft von nun an ganz bequem vom heimischen PC aus bedienen. Die Bezahlung erfolgt zuvorderst nicht über die Kreditkarte, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nicht weit verbreitet ist. Bauer-Schlichtegrolls Team setzt auf das Bezahlen per Telefonrechnung, über einen sogenannten Web-Dialer. Diese kleinen Programme leiten die Interneteinwahl des Routers auf andere, teurere Rufnummern um, etwa auf 0190er-Nummern. Statt weniger Pfennige kostet die Minute nun drei Mark oder mehr. Viele Kunden installieren sich die Dialer, ohne die Kosten zu kennen, und erfahren davon erst beim Blick auf die Telefonrechnung. Aus reiner Scham bezahlen sie meist trotzdem. Das Geschäft, das am Rande der Legalität stattfindet (oder sogar darüber hinaus), ist für EBS extrem lukrativ.

Unter Bauer-Schlichtegroll kommt ein weiterer leitender Manager ins Boot. Oliver B., ein junger Banker Anfang zwanzig, kommt 2005 von der genossenschaftlichen DZ Bank und soll Ordnung bringen in das Finanzchaos bei EBS. B. arbeitet sich ein und wird zum Problemlöser, zum Mann für die schwierigen Fälle – eine Rolle, die er bis zu Wire­cards Untergang beibehalten wird. Heute sitzt er wie Markus Braun in Untersuchungshaft.

Früh hat EBS ein Problem, denn die Dialer geraten schon bald ins Visier der Verbraucherschützer und der Politik, negative Medienberichte häufen sich. Bauer-Schlichtegroll sucht nach alternativen Zahlungsmethoden. Sein Blick fällt auf eine Konkurrenzfirma im Münchner Speckgürtel, die zwar keine lukrativen Kunden hat, dafür aber die bessere Technik: Hoppenraths Wire Card AG.

2001 macht Bauer-Schlichtegroll der Wire Card AG ein Übernahmeangebot. Hoppenrath lehnt ab, er will sich nicht von seiner Firma trennen. Aber Braun verhandelt hinter dessen Rücken mit Bauer-Schlichtegroll, so gibt es der Gründer zumindest zu Protokoll.

Die genauen Hintergründe bleiben ungeklärt, Fakt ist: Es wird dubios. Das Management votiert für kontroverse Softwarelizenzverkäufe. Im November 2001 verschwinden bei einem angeblichen Einbruch in die Geschäftsräume der Wire Card AG die Laptops von Braun und Marsalek mitsamt wichtiger Firmendaten. Einbruchsspuren gibt es sonderbarerweise keine – Gerüchte über einen Inside Job machen die Runde. Kurz darauf muss die Wire Card AG Insolvenz anmelden. Gut für Bauer-Schlichtegroll: Im Januar 2002 kann EBS die Konkurrenzfirma billig übernehmen.

Die Rolle Brauns in der Insolvenz ist umstritten. Ex-Manager werfen ihm später im Nachrichtenmagazin Spiegel vor, die Firma ausgehöhlt und übernahmereif gemacht zu haben. Braun bezeichnet das als »Unsinn«. Hoppenrath erstattet sogar Strafanzeige gegen den Vorstand um Braun, doch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft werden nach wenigen Monaten eingestellt. »Unsere Technologie von damals war eine Goldmine für die spätere Wire­card. Eine Schlüsseltechnologie, die hohe Umsätze garantiert, wenn sie mit dubiosen Kunden in Kontakt kommt, die hohe Gebühren bezahlen«, sagt Hoppenrath viele Jahre später den WirtschaftsWoche-Journalisten Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg.

Markus Braun jedenfalls geht aus den Wirren des Anfangs als Sieger hervor. Er wird 2002 CEO des neu gebildeten Unternehmens. Im Januar 2005 kommt Wire Card mithilfe eines »Reverse-IPO«, eines »Börsengangs durch die Hintertür«, an die Börse. Genutzt wird die Hülle des Telefondienstanbieters Infogenie AG, einer der vielen gescheiterten Unternehmungen nach der »New Economy«-Euphorie. Infogenie wird aufgekauft und in Wire Card umbenannt: Nach dem Platzen der Internetblase ist das ein einfacher Weg, an die Börse zu kommen.

Nach dem Börsengang wechselt Bauer-Schlichtegroll in den Aufsichtsrat, später scheidet er ganz aus. Nach einem Streit mit Braun, der mit dem Rücktritt als CEO droht, gibt er ihm zudem ein großes Aktienpaket zum Vorzugspreis ab. Ab jetzt kann Braun durchregieren, bis zum Schluss wird er sieben Prozent an Wire­card halten.

Schöner Schein und reale Expansion

Offiziell geht es bei Wire­card ab Mitte der Nullerjahre immer nur aufwärts – eine Kommunikationsstrategie, die der Konzern bis zum Ende durchzieht. Im Juni 2006 entfällt das Leerzeichen im Firmennamen, die neue Wire­card AG steigt in den Technologiewerte-Index TecDax der Deutschen Börse auf.

Der Wille zum schönen Schein zeigt sich schon zur Jahrtausendwende. 2000 verzeichnet die Firma einen Jahresumsatz von drei Millionen Euro. Das ist nicht viel Geld, aber die eigenen Pläne fliegen hoch. In Pressemitteilungen ist man längst weiter: »Wire Card, einer der führenden Finanzdienstleister, gründet seine erste Niederlassung in Asien«, heißt es damals. Standort: Hongkong. »Von dort wird Wire Card seine Produkte und Dienstleistungen im stark expandierenden asiatischen Markt direkt vertreiben.« Die Erschließung Koreas, Chinas und Japans werde »konkret« vorbereitet, Wire­card habe »einen strategischen Vorteil im Hinblick auf die Marktführerschaft im asiatischen Raum«, heißt es hochtrabend.

In Wirklichkeit sollte Wire­card Korea, China und Japan bis zum Untergang 2020 nie erobern, bleibt die Expansion auf Südostasien beschränkt. Aber das Beispiel zeigt ein wiederkehrendes Muster auf: Die offizielle Selbstdarstellung Wire­cards fällt fast durchgehend bombastischer aus, als die bescheidene geschäftliche Wirklichkeit des Konzerns hergibt.

Dafür baut Wire­card schon früh eine Dependance in Dubai auf und arbeitet dort ab 2004 mit der Firma Cardsystems FZ-LLC zusammen, die später noch eine gewichtige Rolle spielen sollte. In Deutschland, an der Börse, geht es rasant aufwärts: 2002 steht die Wire­card-Aktie bei 41 Cent. Zehn Jahre später liegt sie bei knapp 19 Euro.

Eine Zutat des Erfolgsrezeptes: Wire­card bietet früh all jenen seine Dienste an, die von den etablierten Banken gemieden werden. Zunächst sind das die Pornoanbieter. Doch 2003 werden die deutschen Gesetze für die Internet-Dialer verschärft, Anbieter müssen ihre Kunden nun besser über die Kosten aufklären. Zudem sperren die beiden großen Kreditkartennetzwerke Visa und Mastercard Zahlungen für die Schmuddelbranche.

Wire­card bringt das an den Rand des Ruins, der Umsatz fällt 2003 um 40 Prozent. Doch »Kundenakquisitionen in anderen Nischenbereichen«, wie es in einer Mitteilung heißt, retten die Firma. Diesen Kunden zu Diensten zu sein, erfordert ein neues System der Verschleierung. Und dessen Aufbau legt den Grundstein für den späteren Untergang.

2.2 Lukrative Geschäfte – Riskantes Wachstum mit dubiosen Partnern

»Hörst du das? Hörst du das?!« Sean, der Anlageberater am Telefon, ist aus dem Häuschen. Im Hintergrund klatschen und jubeln Menschen. »Da macht jemand einen schönen Profit. Und du bist nicht dabei, Peter!« Der Kunde am anderen Ende der Leitung weiß noch genau, was das in ihm auslöste: »Ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht zuschlage, verpasse ich die große Chance«, erinnert sich Peter Ahler**.

80 000 Euro, seine gesamten Ersparnisse, hatte er bei der Online-Plattform »PrestigeFM« investiert, außerdem einen Kredit über 30 000 Euro aufgenommen. Die Worte seines Beraters hat er noch im Ohr. »Die Trades sind absolut todsicher! Und wenn etwas schiefgeht, nehm’ ich das auf meine Kappe.« Der angebliche Börsenprofi am Telefon ruft aus London an, kennt sich aus in der Finanzwelt, wie er täglich betont. Doch dann geht etwas schief.

Nachdem sich Ahler gegen die Aufforderung seines »Beraters« weigert, weitere 90 000 Euro einzubezahlen, passiert das Unfassbare: Seine Positionen auf der Anlageseite verlieren plötzlich und rapide an Wert, am Ende ist das ganze Geld weg. Heute weiß der 61-jährige Berliner, dass sein Verlust kein Börsenpech war. Ahler ist einer von mehr als 100 000 Europäern, die Opfer eines internationalen Betrügerrings wurden.

Ihre Spezialität ist der Betrug per Telefon und Internet mit fingierten Verkäufen von binären Optionen, Bitcoins und anderen Finanzprodukten. Tatsächlich wird auf diesen Trading-Seiten überhaupt nicht gehandelt, die Opfer werden mit gefälschten Berichten lediglich zu weiteren Einzahlungen überredet. Über 100 Millionen Euro im Monat erbeuteten die Cyberkriminellen laut Schätzungen.

Im Februar 2019 wurde das Ausmaß des Netzwerks bekannt, seitdem versuchen Fahnder, das Bild zu vervollständigen. In Deutschland, Österreich, Bulgarien und Tschechien durchsuchten sie Wohnungen, nahmen Verdächtige fest und sperrten Konten. Einer der mutmaßlichen Hintermänner wurde in der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken tot aufgefunden.

Doch nicht nur die Köpfe hinter dem Betrug in Wien und Sofia sind ins Visier der Ermittler geraten, sondern auch deren Zahlungsabwickler. Denn Banken und Finanzdienstleister leiteten über Jahre hinweg die Gelder der Opfer weiter und kassierten dafür Gebühren. Haben sie einfach nur weggeschaut oder den Betrug billigend in Kauf genommen? In jedem Fall hielten sie das System am Laufen. Vor allem ein bekannter Name fällt im Rahmen der Ermittlungen immer wieder: der des Dax-Konzerns Wire­card, wie Handelsblatt-Recherchen zeigten.3 Mehrere Staatsanwälte bestätigten die Rolle des Zahlungsabwicklers, doch erst nach dem Zusammenbruch des Konzerns durchsuchten deutsche Ermittler auf eigene Initiative hin die Zentrale. Vorläufiges Ergebnis: Das Unternehmen war ein zentraler Zahlungsabwickler für das betrügerische Netzwerk.

Thomas Merian***