Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2021 Norbert Herzner

Umschlagdesign, Satz, Herstellung und Verlag:

BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-7543-6258-7

Inhalt

Links die Berge – rechts das Meer

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind … Nein, es ist nicht der Vater mit seinem Kind. Es ist der Wolf. Auch nicht der »Böse Wolf«, sondern unser Freund aus der Nachbarschaft. Bei Nacht und Wind reitet er allerdings eher selten und wenn, dann auf seinem Drahtesel. Dafür aber bei Gluthitze mit schweißnassem Gesicht oder bei Saukälte mit rot-glühender Nase. Und nachdem er im Sommer eine größere Radltour unternommen hat, drängt es ihn, uns davon zu berichten.

Mieses Wetter – mal wieder. Der Wind peitscht kalte Regentropfen, auch noch in die falsche Richtung, nämlich unter unseren Schirm. Wir sind froh, nur hundert Meter zurücklegen zu müssen zu Suse und Wolf, unseren liebenswerten Nachbarn. Ein halbes Jahr war Wolf unterwegs. Mit dem Fahrrad durch Frankreich, Spanien, Portugal und zurück. Dass an diesem Abend für mich der Samen für ein folgenreiches Abenteuer gesät wird, war mir da noch nicht klar.

Suse öffnet die Haustür. Hektisch wirkt sie und das beziehen wir auf unseren Besuch. Sie wischt die Hände an der geblümten Schürze ab und umarmt uns herzlich.

»Ich muss in die Küche. Geht schon mal ins Wohnzimmer.«

Im Kamin tanzen gelbrote Flämmchen über glimmenden Holzscheiten. Gemütlich. Das Knistern verbreitet eine heimelige Atmosphäre. Da kann einem das Scheißwetter hinter den Fenstern glatt am Arsch vorbeigehen. Kaum haben wir Wolf umarmt (er fremdelt dabei immer ein bisschen), lotst er uns zum Wohnzimmertisch. Zwischen Servietten, Besteck, Gläsern und einer Flasche Wein liegt ein dickes Fotoalbum.

»Setzt euch da hin«, meint Wolf und zeigt auf die beiden Stühle vor dem Album. »Da könnt’s besser sehen. Ich setz mich gegenüber.«

Kaum haben unsere Hintern die Sitzfläche berührt, kommt Suse aus der Küche getänzelt, auf den Händen ein Tablett mit leckerer Quiche.

»Wolf, was soll das. Weg mit dem Album. Ich brauch Platz.«

Eher widerwillig legt Wolf das Album auf die Anrichte. Es wird deutlich, ihn interessieren weder Häppchen noch sonst irgendwas, das nicht mit seiner Reise zu tun hat. Wir rumpeln wieder hoch, damit Suse das Tablett abstellen kann.

»Wolf, du hast ja noch nicht mal Wein eingeschenkt.«

Etwas pikiert füllt Wolf die Gläser und wir prosten uns erst mal zu.

»Auf deine Fahrradtour!«

»Auf meine Fahrradtour!«, echot Wolf und wir stoßen an. Kaum sitzen wir, schiebt Wolf das Tablett zur Seite und sein Album in die Mitte vor uns.

»Vielleicht wollen Evelyn und Norbert erst mal was essen!«, meint Suse.

»Ach was. Das können sie doch nebenbei … oder?«

Evelyn und ich nicken bejahend. Wir wollen Wolf nicht unnötig auf die Folter spannen. Es scheint, als habe er vor Aufregung schon rosa Bäckchen bekommen. Bedächtig klappt er den Albumdeckel auf.

Das erste Foto zeigt ihn vor der Abfahrt. Die Arme durchgestreckt, die Hände fest am Lenker, zwischen den Beinen das mit Packtaschen beladene Fahrrad. Gar nicht so hoch aufgetürmt, wie ich erwartet hatte. Sein Gesichtsausdruck sagt deutlich: Mach hin, Suse. Ich will endlich losradeln. Schon das nächste Foto wirkt nicht mehr heimisch, zeigt ihn auf einem Pass, dahinter ein mächtig aufragendes Gebirgspanorama.

»Mein erster Pass«, liest Wolf mit glänzenden Augen die Untertitelung. Auf den nächsten Fotos wird es flacher, Laubbäume weichen Palmen; eine Gruppe Personen gesellt sich zu ihm; irgendwann schimmert das Meer im Hintergrund.

Liebevoll ist jedes Foto untertitelt. Der Platz neben den Fotos reicht nur fürs Nötigste und so ergänzt Wolf den Text mit erklärenden und aufregenden Geschichten – so begeistert und leidenschaftlich, dass wir sogar die Leckereien vergessen, was uns nur selten passiert. Deutlich ist zu spüren: Wolf durchlebt seine Fahrradtour erneut. Immer wieder fallen ihm neue Anekdoten ein, die er mit seinen Erfahrungen und nützlichen Informationen ergänzt.

Die letzte Seite klappt zu und es dauert auch für uns einen Moment, um wieder ins regnerische Solln zurückzufinden.

»Super, Wolf. Gratuliere. Kannst stolz auf dich sein.« Insgeheim beneide ich ihn um dieses Abenteuer. Wir stoßen noch mal auf seine Reise und die glückliche Wiederkehr an. Spontan dreht sich Evelyn zu mir und meint:

»Kannst du doch auch machen.«

»Was kann ich auch machen?«

»Na ja. Zur Abwechslung mal zu Nino radeln, statt immer nur zu fliegen. Jetzt bist du noch fit genug.«

Der Gedanke überrascht mich so sehr, dass ich mich fast verschlucke.

»Das meinst du doch nicht wirklich, oder?«

»Doooch! Denk an meinen Bruder. Hansi wollte unbedingt nach Kanada. Und was ist draus geworden? Er hat gewartet und gewartet und gewartet. Und jetzt … jetzt kann er nicht mehr, weil er zu krank ist. Also, was ist?«

Alle Blicke haften auf mir. Der Gedanke lähmt mich. Haben die sich abgesprochen? In mir häufen sich Gedankenblasen. Wie steht’s heute mit mir? In der lang hinter mir liegenden Jugend hätte ich spontan mit »Klar, mach ich!« geantwortet. Jetzt braucht’s mehr als einen Moment, um mir das vorzustellen. Nicht, weil die Spontanität flöten gegangen ist. Aber schon lange neige ich dazu, bei größeren Entscheidungen Risiko und Nutzen abzuwägen. Wobei mir das Risiko kein Kopfzerbrechen bereitet, basierend auf Wolfs Reiseschilderungen. Was mich quält, ist: Bewältige ich die Fahrt nach Sizilien noch? Körperlich. Im nächsten Jahr kann ich immerhin meinen Siebzigsten feiern. Während Wolfs Erzählungen schwappte des Öfteren der Gedanke hoch: Wie hat er das geschafft? Nicht nur einmal schielte ich verstohlen zu ihm und dachte: Er ist kaum älter und macht keinen besonders athletischen und durchtrainierten Eindruck. Eigentlich unterscheidet uns körperlich nicht viel. Na gut, er ist ein bisschen kleiner. Bedeutet weniger Luftwiderstand. Aber das kann nicht ausschlaggebend sein. Trotzdem: mich auf so was einzulassen, kam mir dabei nicht in den Sinn. Aber Evelyns Vorschlag ist nicht so abwegig. Nur festnageln lassen will ich mich nicht. Nicht jetzt und nicht hier, während ich mir einen Bissen in den Mund schiebe und vor lauter durcheinanderpurzelnder Gedanken gar nicht schmecke, was ich da kaue. Wenn ich zu einer Sache stand, hab ich sie meist durchgezogen, selbst wenn ich später meine Entscheidung bereute. Aber zweitausend Kilometer mit dem Fahrrad! Inzwischen bin ich doch ein bisschen erwachsener geworden.

Mit einem »Ich muss mir das noch überlegen« befreie ich mich vom Entscheidungsdruck und wechsle zum momentanen Wetter. Immer ein dankbarer Themenwechsel. Und den brauch ich jetzt, um den Gedanken an eine derartige Reise zu verdrängen. Doch Wolf kann’s nicht lassen. Immer wieder streut er eine Geschichte zu seiner Reise ein und wir driften wieder ab in sonnige Gefilde.

Zu Hause und ernüchtert, schiebe ich die Idee von der Fahrradtour in die Ecke der hin und wieder aufkeimenden Hirngespinste. Aber der Stachel sitzt tiefer, als mir bewusst ist. Wolfs Erzählungen hatten doch eine nachhallende Wirkung und für meine liebe Gattin ist eh schon klar, dass ich diese Reise machen werde.

In den folgenden Tagen beackert sie mich mit neuen lockenden Fantastereien, in denen ich unter strahlendem Himmel – glücklich und aufgeräumt – gen Süden radle. Schließlich hat sie mich so weichgeklopft, dass ich, etwas bockig, aber auch neugierig, zu Wolf gehe, um Genaueres zu erfahren.

»Da bist ja schon«, empfängt mich Wolf.

»Was soll das heißen?«

»Na ja. Hab eigentlich gedacht, du brauchst no ein paar Tage.«

»Für was?«, frag ich etwas dümmlich, obwohl ich weiß, was er meint.

»Na ja, bis du dich entscheidest.«

»Bis ich mich entscheide?« So läuft der Hase also oder in dem Fall der Wolf. »Für euch ist wohl schon klar, dass ich die Radltour mache, oder?«

»Ja. Eigentlich schon.«

Haben sich Wolf und Evelyn gegen mich verbündet? Oder muss ich sagen: für mich?

»Gut. Dann fang ma mal mit dem Elementarsten an.«

Wolf schenkt zur Lockerung ein Glas Rotwein ein. Soll mich wohl positiv einlullen. Dann legt er los. »Als Erstes brauchst a g’scheids Radl. Ich mein: tourentauglich.«

»Viiiel zu teuer!!!«, entgegne ich schockiert, als er mir die Summe nennt, die er für seines bezahlt hat. Dabei beteuert er, es günstig ergattert zu haben. Gebraucht. Quasi ein Schnäppchen. Nur etwas über 1.500 Euro. Ein-tausend-fünf-hundert! Utopisch. Für das Geld flieg ich sechsmal nach Sizilien und wieder zurück. Ja! Sechsmal. Hin und zurück. Dazu kommt: Mit dem Preis fürs Fahrrad sind die Kosten längst nicht gedeckelt. Für die Ausrüstung ist ein weiterer erklecklicher Betrag notwendig, falls wir nicht schon einiges davon haben. Haben wir? Nein. Wir haben praktisch nichts. Keine Packtaschen, kein handliches Zelt, keinen geeigneten Schlafsack, keine passende Luftmatratze und, und, und … Und einen schmalen Geldbeutel, den die laufenden Kosten aussaugen wie die Laus ihren Wirt. Da sind die angekündigten knapp dreißig Euro Rentenerhöhung nicht nur wie der Tropfen auf dem heißen Stein. Der Tropfen verdunstet schon, bevor er aufschlägt.

Mit dieser ernüchternden Erkenntnis komme ich nach Hause.

»Egal!«, ermuntert mich Evelyn. »Man kann sich ja mal vortasten. Kostet ja nichts.«

Sie klingt so überzeugt, da wird jeder Einwand nichtig wie ein Sandkorn in der Wüste.

»Wo finden wir ein günstiges Fahrrad?«, überlegt sie laut. Wenn es nämlich schon daran scheitert, ist die Reise eh gelaufen. Was in der Tageszeitung angeboten wird, können wir gleich vergessen. Ungeeignet oder utopische Preisvorstellungen. Außerdem ist das Angebot äußerst dünn. Klar, in Zeiten des globalen Netzes. Gut, dann eben übers Internet. Ich klappe mein MacBook auf. Evelyn rückt einen Stuhl heran und kuschelt sich dicht neben mich. Hat mich ja prima zurechtgebogen, meine liebe Gattin. Dafür, geglaubt zu haben, diese Reise sei eine Schnapsidee, gehe ich jetzt ganz schön eifrig zur Sache.

»Wonach sollen wir suchen, mein Schatz?«

»Erst mal einfach nach Fahrrädern … oder?«

Ein Klick, und uns springt ein unübersichtlich großes Angebot an.

»Okay, dann eben Trekkingräder.«

Schon besser. Aber viel zu teuer, was da herunterblättert.

»Vielleicht niedrigster Preis zuerst?«

Oh Gott, was kommt denn da alles daher. Fahrradschlösser, Ketten, Seilzüge, Zubehör in rauen Mengen. Wir suchen doch ein Trekkingrad! Ich scrolle weiter nach unten. Und dann tauchen sie doch noch auf, ebenfalls für einen Euro. Ein Euro für ein Trekkingrad? Das wär’s! Jedoch enden diese Angebote erst in einigen Wochen und bis dahin wird es nicht bei einem Euro bleiben. Also die Suche mit weiteren Kriterien eingrenzen: Bald endende Angebote zuerst.

»Daaa!!!«, jauchzt Evelyn so laut, dass ich erschreckt zusammenzucke.

»Das ist es!«, jubelt sie.

Ihr Favorit ist gefunden. Und das schon nach dem dritten Angebot. So ganz überzeugt bin ich noch nicht. Aber ich muss zugeben, es sieht wie ein richtiges, taugliches Tourenrad aus: stabil, mit wuchtigem Gepäckständer, Vorderrad-Federung, einem ergonomischen Hörnchen-Lenker, einundzwanzig Gänge! ›Ein bisschen Wasser und es ist wieder wie neu‹, schreibt der Verkäufer. Der aktuelle Preis liegt bei fünfundzwanzig Euro. Was will man mehr. Natürlich wird er noch steigen. Und ganz so rosig ist auch nicht alles daran. Die gravierendsten Abnutzungsspuren betreffen den Sattel und die Lenkerummantelung. Der Verkäufer hat sie mit Fotos dokumentiert und das macht einen ehrlichen und seriösen Eindruck.

»Worauf wartest du noch?«, drängelt Evelyn und rempelt mir ihren Ellbogen zwischen die Rippen.

»Aber es kommen doch noch andere Angebote. Lass uns doch weitersuchen.«

»Du findest nichts Besseres. DAS da ist es. Mach hin.« Dabei attackiert sie mich wieder mit ihrem Ellbogen, um ihre Aufforderung zu bekräftigen.

»Du hast nur noch vier Minuten.«

»Ja, aber … «

»Kein aber. Los, gib das Angebot ab … SCHNELL!!!«

Ich gerate unter Druck. Vier Minuten sind im Nu vorüber und es liegen schon neun Interessenten auf der Lauer. Ich tippe das Angebot ein.

»Was soll das denn? Warum muss ich das Angebot noch mal bestätigen? War doch früher nicht so.«

»Ist doch egal. Gib’s halt noch mal ein!«

Ein Klick und die bange Frage: War es zu spät? War der Angebotspreis zu niedrig? Spannende Sekunden verstreichen. Acht Sekunden … vier Sekunden … drei … zwei… Dann die Bestätigung: Sie sind Meistbietender.

Evelyn reißt die Arme hoch, springt auf, würgt mich mit ihren umschlingenden Armen.

»Wir haben’s, Schnuffbär!!!«, jubelt sie und küsst mich stürmisch. »Hättest du gedacht, dass es so schnell geht?«

»Is ja gut, mein Schatz! Aber hör bitte auf, mich zu würgen.«

»’tschuldigung. Freu mich halt so für dich.«

Darauf fällt mir momentan keine Antwort ein. Ich schwanke zwischen Freude, Überraschung und bangem Gefühl. Was vorher vage und in weiter Ferne lag, ist plötzlich ganz nah und konkret und mir wird bewusst: Damit ist der Grundstein für die Reise unwiderruflich gelegt. Ab jetzt gibt’s nur noch eine Richtung.

»Wenn das kein gutes Omen ist«, schwärmt Evelyn und reißt mich zurück ins ungastliche München. »Siebenundvierzig Euro! Ein Schnäppchen … oder?«

»Schau dir mal den Preis für den Transport an. Neununddreißig Euro. Das ist fast so viel wie fürs Fahrrad.«

»Na und. Ist trotzdem noch ein Schnäppchen. Komm, Schnuffbär. Jetzt freu dich doch ein bisschen.«

Sie hat ja recht. Vielleicht hänge ich mich an solchen Kleinigkeiten auf, weil ich weiß, es gibt kein Zurück. Der Kauf ist bestätigt und abgeschlossen. Also find dich damit ab, Alter, und freu dich.

In den nächsten Tagen will der Verkäufer das Fahrrad losschicken. Zeit, den Gedanken an die Fahrradtour reifen zu lassen. Obwohl ich noch nicht völlig überzeugt bin, wahrhaftig nach Sizilien zu radeln, schwirrt die Vorstellung seit der Ersteigerung im Kopf herum, gleich einer lästigen Fliege, die, kaum verjagt, sich immer wieder aufdrängt.

Und tatsächlich. Drei Tage später, am fünfundzwanzigsten Februar, klingelt es an der Tür. Ich springe auf, elektrisiert, als gäbe es nichts anderes, was mich beschäftigt. Zuversichtlich drücke ich den Türöffner, reiße die Wohnungstür auf und sofort wird klar: Es ist anders als sonst. Kein Päckchen auf vorgestreckter Hand eilt auf mich zu. Im Gegenteil. Der Bote hat Mühe, die Haustür aufzustemmen. Das kann nur an etwas Sperrigem liegen – nämlich dem Fahrrad. Zwischen Tür und Angel bemüht sich der Bote, das in milchig-weißes Plastik gehüllte Etwas in den Flur zu schieben. Ich springe ihm entgegen, packe es vorne, er schiebt von hinten, und wir lehnen es im Hausflur an die Wand. Hurra! Mein Fahrrad ist da.

»Bevor du unterschreibst, musst du kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.«

Das hat mir Evelyn immer wieder eingeimpft. Gut gemeinter Rat, aber nicht praxistauglich. Ich versuch’s trotzdem. Vorsichtig hebe ich die Hülle an. Will wenigstens einen kurzen Blick darauf werfen. Aber der wird mir sogleich durch das ungeduldig hingestreckte digitale Empfangsteil versperrt. Bevor noch mein Gehirn sich einschaltet und registriert, was da abläuft, ist die Unterschrift auf das Display gekritzelt und der Bote schon wieder durch die Tür verschwunden. War wohl nichts mit vorher kontrollieren, liebe Evelyn.

Da ist es nun. Ehrfurchtsvoll betrachte ich das sperrige Paket. Ich freu mich und bin neugierig. Also nichts wie in die Wohnung damit, um es zu entblättern. Aber wie? Nicht einfach, bei der kompakten Umhüllung. Vorne an einem Höcker und hinten beim Sattel versuche ich, es Richtung Wohnungstür zu bugsieren. Geht aber nicht, weil die steife Hülle das Vorderrad blockiert. Mit etwas Gewalt lässt es sich dann doch bis vor die Wohnungstür wuchten. Mit dem Hintern will ich sie aufdrücken. Nur, sie gibt nicht nach, ist zugefallen und ich bin ausgesperrt. Saublöd aber auch! Und jetzt? Da können die Hände noch so tief in den Hosentaschen wühlen, auf den Wohnungsschlüssel stoßen sie nicht. Scheiße! Ist unsere Terrassentür offen? Hoffentlich. Sonst muss ich unsere liebe Nachbarin bemühen und das will ich jetzt partout nicht. Wir haben zwar für solche Fälle einen Schlüssel bei ihr deponiert, aber ich will mich jetzt ausschließlich ums Fahrrad kümmern, es auspacken und nicht in endlose Erklärungen verwickelt werden wie: Was hast du da Schönes? Ist das für dich? Wofür brauchst du das … Ich kenn mich. Bin zu höflich, um sie kommentarlos abzuwimmeln. Hätte sie auch nicht verdient. Also bleibt nur der Weg durch den Garten. Doch vorher muss ich noch einen intensiveren Blick auf das werfen, was sich unter der Folie verbirgt. Ich zerre daran und versuche, die Schnüre zu lösen. Aussichtslos. (Christo hätte es nicht besser verpacken können.) Bei dem Gezergel bröseln ganze Dreckklumpen auf den blank polierten Steinboden. Bevor die Sauerei weiter anwächst, lasse ich es lieber. Werd es noch früh genug bestaunen können, wenn es erst mal in der Wohnung ist. Um dorthin zu kommen, bleibt nur der Weg ums Haus herum, durch den Wintergarten und die Terrassentür – ohne Fahrrad natürlich.

Mannomann. Ich bin ganz durcheinander. Vor lauter Ungeduld wäre beinahe die Haustür eingeschnappt und hätte den Weg zurück in den Hausflur verbaut, sollte unsere Terrassentür verschlossen sein. Weiß ja nicht, ob unsere liebe Nachbarin zu Hause ist. Wir sind zwar ein Sechsparteien-Haus, aber die beiden Damen ganz oben arbeiten tagsüber, der Oldie links oben verbringt seine Winter in südlichen Gefilden und der über uns öffnet quasi nie, wenn es bei ihm klingelt.

Kaum vor der Haustür, nadelt mir der Wind scharfkantige Eiskristalle ins Gesicht. Geduckt stapfe ich ums Haus herum zur Terrasse, die wir zum provisorischen Wintergarten umfunktioniert haben, damit unsere Pflanzen – vor allem die Palme und Zitrusbäumchen – nicht erfrieren. Der Schnee, knöcheltief, füllt im Nu die Öffnungen der Crocs. Wie eisige Dornen sticht die Kälte durch die Socken bis zu den Zehen, die sich vor Kälte aufrollen. Dazu schneidet der Wind rücksichtslos durch die dünne Jogginghose, klappt den knappen Pulli samt Unterhemd immer wieder hoch, damit die Kälte die Taille bis zur Taubheit schockgefrieren kann. Sollte die Tür zum Wintergarten verschlossen sein, muss der lächerliche kleine Riegel dran glauben, der die mickrige Tür sichert. (So ein Eigenbau hat halt auch seine Vorteile.) Im Wintergarten pendelt die Temperatur gewöhnlich um die zehn Grad, sofern das kleine Heizgebläse angeschaltet ist. Dem qualvollen Erfrierungstod werde ich also nicht erliegen. Aber kuschelig wird es auch nicht, zumal die Sonne nicht scheint und unseren Wintergarten aufheizt.

Ohne Füße erreiche ich ihn. Jedenfalls fühlt es sich so an, weil sie taub sind. Und die Crocs? Praktisch nicht mehr vorhanden. Das Blau ist unter einem weißen Frostklumpen verschwunden. Doch das Glück ist mir hold: Die Tür in den Wintergarten ist nicht verriegelt – wie schön; und, noch viel wichtiger: Auch die Terrassentür ist nur eingeschnappt.

Zurück im Hausflur, versuche ich das Fahrrad in die Wohnung zu schieben. Keine leichte Übung. Es gibt keine Stelle, an der man es richtig packen oder hochheben kann. Schließlich schleife ich es, rückwärts tapsend, mit sanfter Gewalt am umwickelten Lenker ins Wohnzimmer und lehne es an einen Stuhl, der dabei samt Fahrrad umfällt, die Tischplatte streift und ein Glas mitreißt. Super! Der erste Kollateralschaden. Am liebsten würde ich das Fahrrad sofort auspacken. Aber erst müssen die Scherben aufgekehrt werden. Halt! Falsche Reihenfolge. Erst muss der Dreck im Hausflur beseitigt werden.

Im Wohnzimmer, die Glasscherben entfernt, zupfe ich ungeduldig an der Hülle. Was auf den Boden des Hausflurs gebröselt ist, war ein Klacks gegen das, was jetzt aufs Parkett rieselt. Aber das soll nicht überraschen. War ja so angekündigt: ›Mit ein bisschen Wasser ist es fast wieder wie neu.

Es ist wie Weihnachten, oder Geburtstag, oder beides zusammen. Häufig weiß man ja schon vorher was sich unter der Verpackung verbirgt. Spannend ist es trotzdem. So auch jetzt. Als die Hülle völlig beseitigt ist und das Fahrrad entzaubert vor mir steht, macht mein Herz einen freudigen Hüpfer. »Hej! Sieht aus wie auf den Fotos.« Klar. Wie sollte es auch anders sein. Trotzdem erhebend, es so direkt vor der Nase zu haben, es anfassen zu können. Vorsichtig, als wäre es zerbrechlich, streichen meine Fingerkuppen über den abgerubbelten Hörnchen-Lenker, den Rahmen, ziehen an den Bremshebeln. Sieht wirklich nicht schlecht aus. Eigentlich richtig gut. Bin ich schon infiziert? Kann nicht sein. Dazu kenne ich mich zu gut.

Ich schiebe es Richtung Terrasse, um das Parkett nicht noch mehr zu besudeln. Boh, geht das zäh. Irgendwas schleift unangenehm. Mit gestreckten Armen neige ich es, um die Ursache zu erkunden. Wen wundert’s. Der Hinterreifen ist platt und der Fahrradmantel schlabbert lose im Felgenbett und schleift am Rahmen. Na ja. Wenn’s nur das ist. Mit mächtig Kraft wuchte ich es über die Stufe zur Terrasse und lehne es seitlich an die Wand, um es aus der Entfernung zu betrachten. Nicht schlecht, Herr Specht. Und das für 47 Euro. Gut, die Transportkosten kommen noch dazu. Drauf geschissen.

Aus dem bescheidenen Werkzeugkoffer hole ich einen Inbusschlüssel und stelle den Lenker gerade. Dabei knackt es scheußlich und die vordere Lampe purzelt scheppernd auf den Waschbetonboden. So widerstandslos, wie die abgebrochen ist, muss sie schon vorher angeknackst gewesen sein. Vielleicht beim Transport passiert. Kann ja sein. Nicht aber, was das Hinterrad betrifft. Es hängt asymmetrisch schief im Rahmen und klackert hin und her, wenn ich daran wackle. (Evelyn würde an dieser Stelle sagen: Dann wackle halt nicht dran.) Aber damit käme ich nicht weit. Das Kugellager auf der linken Seite existiert praktisch nicht mehr. Da kullert kein einziges armseliges Kügelchen herum. Auf der gegenüberliegenden Seite – sie ist schwer einzusehen, weil der Spalt beim Zahnkranz sehr schmal ist – siehts zwar eine Idee besser aus, aber von gut kann keine Rede sein. Dazu ist auch dieses trocken wie Zwieback. Na, guter Freund und Kupferstecher. Gib’s zu. Du hast das Fahrrad seit Jahren nicht benutzt. Vom verkrusteten Dreck will ich gar nicht reden. Ein bisschen Wasser reicht da nicht, um es fast wie neu aussehen zu lassen. Und der Rost? Mehr als nur zarte Patina. Ziemlich dreist, was er da alles verschwiegen hat. Beim Transport ist das mit Sicherheit nicht passiert. Das kann er seiner Großmutter erzählen. Er hat mich einfach beschissen. Mehr als 47 Euro ist es nicht wert, das »Schnäppchen«, wie Evelyn es betitelt hat. Aber das war vorher nicht zu ahnen.

Genug geärgert fürs Erste. Die Kälte ist bis zu den Eingeweiden vorgedrungen und bevor ich als Eisbein ende, flüchte ich ins Wohnzimmer, ziehe was Warmes über und presse den Hintern an den Heizkörper, bis es angenehm zwickt. Dann ruf ich Evelyn an. Sag ihr, wie’s mir mit dem Fahrrad geht.

»Willst du’s zurückschicken?«, fragt sie.

Nein, will ich natürlich nicht. Trotz allem bin ich glücklich darüber.

»Kannst du doch reparieren«, ist ihr lapidarer Kommentar. »Fang gleich damit an. Bist du wenigstens beschäftigt.«

Ganz schön frech, was sie da loslässt, umschmeichelt von der Wärme in ihrem Laden. Als würde ich mich ohne diese Herausforderung langweilen. In einem Punkt allerdings hat sie recht. Es kann nicht so schwer sein, ein neues Kugellager einzubauen. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Kugellager? Hab ich so was? Nein, hab ich nicht. Wart ich halt bis morgen und kümmere mich erst um die Reinigung. Also wieder raus in den kalten Wintergarten. Das Wasser spar ich mir. Ein trockener Lappen tut’s auch. Zu mehr kann ich mich bei der Kälte nicht entschließen.

Als Evelyn nach Hause kommt, ist sie vom Fahrrad überschwänglich begeistert.

»Und der Rost?«

»Pah, da kommt auf der Reise noch ’ne Menge dazu.«

»Und die Radlager?«

»Schaffst du doch locker. Reparierst doch sonst auch alles.«

Ihr Optimismus ist ansteckend und ehrlich gesagt bin ich ihrer Meinung. Sie bringt mir die Freude über den Kauf zurück.

Im Wintergarten brennt Licht und während wir essen, zieht das Fahrrad immer wieder unsere Blicke auf sich. Dabei wiederholt Evelyn immer wieder, wie ein Mantra, wie schön und aufregend meine Reise werden wird. Wird sie so schön und aufregend, wie Evelyn mir einredet? Wird nicht ein Berg von Problemen mich ausbremsen?

Häufig verarbeite ich belastende Probleme im Traum. Diese Nacht blieb traumlos. Besser so, denn in meinen Träumen wachsen die Probleme zu beängstigenden Szenarien und ich schrecke meist geschockt hoch. Leider beschränkt sich diese Phobie nicht nur auf meine Träume. Auch in der Realität neige ich inzwischen dazu, aus einer Mücke einen Elefanten werden zu lassen. Dabei hat sich immer wieder gezeigt – in der Realität –, dass die Elefanten zu Mücken zusammenschnurren. Liegt’s am Alter? Wird schon alles gut gehen! Das muss ich mir so lange einreden, bis ich davon überzeugt bin.

Mit dieser Zuversicht schiebe ich am nächsten Morgen meine Befürchtungen beiseite und widme mich beherzt den Reparaturen. Der erste Blick lässt mich die Kälte im Wintergarten sofort vergessen und stimmt mich euphorisch: Gut sieht’s aus. Trotz allem. Ich drehe es auf den Sattel und Lenker. Mein Gott, ist das Ding schwer. Kein Vergleich zu meinem filigranen Sportrad, obwohl auch das nicht zu den Leichtgewichten gehört. Das Vorderrad dreht sich, wie es soll, ohne Knirschen. Hinten sieht es allerdings übel aus. Wusste ich ja schon. Trotzdem ärgerlich. Um das Radlager beim Zahnkranz zu inspizieren, muss die Achse ausgebaut werden. Geht aber nicht, weil der Zahnkranz im Weg ist. Zwar schaff ich es ein Stückchen, doch der kleine Spalt, der sich öffnet, genügt nicht, um zu erkennen, ob es damit ebenso wenig rosig, oder besser, genauso rostig aussieht. Da hilft nur, den Zahnkranz abzumontieren. Aber womit? Als Erstes fällt mir dazu Wolf ein.

»Hallo Wolf!«, säusle ich ins Telefon, denn es ist mir wie immer peinlich, um etwas zu bitten. »Ich hab mir ein Fahrrad gekauft. Im Internet.«

»Super! Mach ma gleich a Probefahrt.«

Bei dem Gedanken wird mir ganz gruselig. Wolf schreckt vor keinem Wetter zurück. Der ist da hart im Nehmen.

»Geht leider nicht. Die hinteren Lager sind kaputt und ich kann’s nur reparieren, wenn der Zahnkranz abmontiert ist. Mir fehlt aber das richtige Werkzeug. Hast du dafür zufällig was?«

»Zufällig hab ich gar nichts.«

Sehr witzig.

»Klar hab ich was. Was hast’n bezahlt?«

»47 Euro.«

»47 Euro? Für das Bisschen gibt’s schon a Radl. Da bin ich ja gespannt. Bring’s rüber.«

Hm. Mir wär’s lieber gewesen, nur mit dem ausgebauten Hinterrad zu ihm zu gehen. Aber gut. Verstehe seine Neugier.

Umständlich schiebe ich das Fahrrad auf die Straße. Nach ein paar Metern schrammt die blanke Felge unangenehm laut über die festgetretene Eiskruste. Es klingt wie eine Klage. Ich packe es am Gepäckträger und schiebe es mit angehobenem Hinterrad. Ziemlich umständlich. Bei jedem größeren Schritt schlägt mir das Pedal brutal in die Wade. Aber die restlichen fünfzig Meter werd ich schon noch schaffen.

Als Wolf das Fahrrad sieht, ist er doch bass erstaunt – trotz der kaputten Lager und den restlichen Gebrauchsspuren. In seiner Werkstatt, in der es an nichts fehlt – nicht mal an der Heizung –, lösen wir den Zahnkranz. Auch dieses Lager ist rostig und ähnelt dem gegenüberliegenden. Es liegen zwar noch ein paar vertrocknete Kügelchen drin, aber der Rest ist buchstäblich zerbröselt. Der Verkäufer wusste das sicherlich und hat es schlichtweg verschwiegen. Davon bin ich hundertprozentig überzeugt.

»Kannst doch reklamieren«, insistiert Wolf. »Der soll dir das Geld wieder zurückgeben. Oder wenigstens einen Teil davon.«

»Ist mit zu umständlich.«

»Aber der hat dich beschissen. Das ist Betrug. Wehr dich. Ich tät mir das nicht gefallen lassen.«

»Vielleicht mach ich’s«, erwidere ich kleinlaut, damit er Ruhe gibt. Weiß aber, ich werde es nicht tun. Man kann eben nicht immer Glück haben. Mit einem passenden Kugellager oder Kugeln kann mir Wolf nicht aushelfen. Um die weiteren Reparaturen will ich mich selbst kümmern, obwohl Wolf gerne noch weiter am Fahrrad gebastelt hätte. Tut mir leid für ihn. Da bin ich einfach zu eigenbrötlerisch, so verlockend die Wärme in seiner Werkstatt andererseits ist.

Mit losem Hinterrad quer über dem Lenker, die schmierige Achse samt Zahnkranz in der Hosentasche, quäle ich mich nach Hause. Das Hinterteil des Fahrrads muss ich dabei wieder mit einer Hand hochheben, was dem Pedal erneut die Möglichkeit gibt, meine eh schon geschundene Wade weiter zu attackieren.

Zu Hause überlege ich, wie es weitergehen soll. Jetzt ein Kugellager kaufen? Ohne Auto? Das kostet mindestens eine halbe Stunde. Ich würde aber gerne die Gangschaltung testen. Und zwar sofort. Das geht aber nur mit eingebautem und drehendem Hinterrad. Also doch losgehen und eins kaufen? Beim Blick nach draußen wird der Wunsch gleich nicht mehr so dringlich. Obwohl! Nein, lieber nicht. Gibt’s eine andere Lösung? Ich grüble. Und da fällt mir ein, im Garten steht ein altes Klapprad von Evelyn, das dort munter vor sich hin gammelt und demnächst eh auf dem Schrottplatz landet. Vielleicht passen die Kugellager, obwohl ich das nicht ernsthaft glaube – bei dem Größenunterschied. Aber vielleicht die Kugeln. Es muss ja nicht endgültig sein.

Kacke! Das ist ja völlig zugeschneit. Mit spitzem Finger wische ich den Schnee vom Lenker und Sattel. Wenn ich weiter so zögerlich agiere, bin ich erfroren, noch bevor ich es einen Meter bewegt habe. Also wird es einige Male kräftig gegen die Hausmauer geknallt, damit der meiste Schnee abfällt. Anschließend landet es im Wintergarten.

Die Achsen sind schnell demontiert. Und schon kullern sie in der Hand, die Kügelchen, die mir jetzt wertvoller sind als edle Perlen. Ein paar mehr hätten nicht geschadet, aber sie reichen für den Moment. Noch schnell etwas Fett aus einer flachgepressten Tube, die Achse samt Zahnkranz wieder eingebaut, und schon dreht sich das Hinterrad. Na also! Geht doch. Na ja, nicht so ganz. Ein bisschen wackelt’s schon. Aber es reicht, um die Schaltung und Bremsen zu kontrollieren und einzustellen.

Da ein bisschen schrauben, dort ein bisschen drehen und beides funktioniert, wie es soll. Macht mich glücklich. Währenddessen hat es angefangen zu schneien und auf dem durchsichtigen Wintergartendach häuft sich der Schnee zu dunkelgrauer Masse. Dazu ist die Kälte beißend, die Finger steif wie gefrorene Pommes und das Metall kalt wie blankes Eis. Das war’s für heut. Ich kuschle mich mit dem Sizilien-Reiseführer auf die Couch im Wohnzimmer. Der Blick wandert immer wieder zum Fahrrad. Das Wesentliche funktioniert. Morgen werde ich passende Kugellager besorgen und mich ums Feintuning kümmern.

Die folgenden Wochen verstreichen mit weiteren Reparaturen und Einkäufen: Kugellager, Sattel, Bremsschuhe, viele andere Kleinigkeiten. Wolf taucht hin und wieder auf, neugierig, wie es vorangeht. Er rät zu Fahrradmänteln, mit denen ich schadlos über das Nagelbrett eines Fakirs radeln kann. Solche Tipps nehme ich gerne an. Sparen auf der Reise Zeit und Ärger. Im Internet finde ich das Passende. Das empfohlene deutsche Fabrikat ist sauteuer. Es zu kaufen, will mir nicht einleuchten. Warum auch, wenn es eine günstigere Alternative gibt, die mit denselben Attributen aufwartet. Auch sie wird als unplattbar oder so ähnlich beworben. Muss ja nicht ein Leben lang halten. Und wenn das Profil nicht ganz so griffig ist – was soll’s. Will ja keine Rallye fahren.

Fast täglich bringen Paketboten neue Lieferungen. Es ist wieder wie Weihnachten. Nur gibt es täglich was auszupacken. Mir ist der Überblick über Evelyns und meinen Bestellungen längst entglitten. Manches davon ist doch sehr verwunderlich. Evelyn hat so ihre eigenen Vorstellungen, was für die Reise unentbehrlich ist. Zum Beispiel eine Radlaufglocke. Erstaunlich, dass es so was überhaupt noch gibt. Als ich sie auspacke, erwacht schlagartig meine Jugend in mir.

Damit hab ich Passanten zur Seite gescheucht, wenn ich auf dem Fußgängerweg unterwegs war. Erst ein paar Augenblicke, bevor sie vom Lenker aufgespießt wurden, ließ ich die Glocke rasseln. Sie war unglaublich schrill und um das Mehrfache lauter als alles, was es sonst noch in dieser Richtung gab. Zu Tode erschreckt sprangen die Fußgänger zur Seite. Ich war längst vorbei, bis sie ärgerlich merkten, dass sie einem unverschämtem Bengel Platz gemacht hatten. Dann folgten wüste Beschimpfungen: Du Saukerl, du Rotzlöffel … Wenn ich dich erwische. Derartige Beschimpfungen haben mich eher beflügelt als abgeschreckt. Sie waren ja im Recht. In dieser Beziehung war ich ein Rotzlöffel. Andererseits war die Radlaufglocke manchmal auch überlebensnotwendig. Sie war irrsinnig laut. Sogar Autofahrer reagierten, wenn sie wollten. Es war quasi die kleine Schwester der Straßenbahnglocke, die genauso funktioniert; halt nur um ein paar Phon lauter. Irgendwann wurde sie verboten. Vielleicht hat sie einen Minister erschreckt zusammenfahren lassen, der dann ein Verbot vorschlug, das es bis in die Straßenverkehrsordnung schaffte.

Was ich allerdings jetzt in den Händen halte, ist ein billiger Abklatsch. Nicht nur ist am Lenker und Vorderrad kein Platz dafür. Sie funktioniert auch nicht richtig. Weder die Glocke noch der Zugmechanismus. Sie wird als glatte Fehlkonstruktion eingestuft und landet in der Kiste bei den anderen Fehlkäufen. Schade fürs bezahlte Geld. Trotzdem: Was ankommt, lässt das Fahrrad täglich reisefertiger aussehen.

Viel Spaß bereitet das Wurfzelt, das Evelyn gekauft hat und das ich bei jeder Gelegenheit vorführe. Faszinierend wie es, in die Luft geworfen, in Sekunden aufspringt und quasi sofort bezugsfertig ist. Nur mit dem Zusammenfalten klappt’s anfangs nicht. Hätte es vorher – wie ein Origami – vorsichtig entblättern und mir den Faltvorgang einprägen sollen. Auf den Gedanken kam ich aber nicht. Außerdem: Das Zelt steht, zusammengefaltet, unter immenser Spannung. Es ist gar nicht möglich, es kontrolliert zu entfalten. Es zieht und zerrt wie früher unser Afghane, wenn er vor sich ein Gruppe Rehe rennen sah. Und überhaupt hätte es mich so um das Aha-Erlebnis gebracht. So steht es anfangs erst mal aufgebaut für einige Stunden im Garten. Es gibt zwar eine Packanleitung, sogar bebildert, jedoch zu kryptisch, um sie zu verstehen. Chinesische Schriftzeichen wären nicht unklarer gewesen. Dazu sind die Abbildungen winzig, skizzenhaft wie ein verrutschter Kartoffeldruck und zu untauglich, um daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. (Mit Ikea-Aufbauanleitungen hab ich im Übrigen keinerlei Probleme.) Ich probier’s trotzdem, würge und drehe die biegsamen Stangen nach allen Regeln der Kunst bis zu einem Punkt, bei dem ich spüre: Ein Stück weiter und die Stange knackt ab. Und nun? Wie so oft hilft das Internet weiter.

In einem YouTube-Video zeigt ein Typ die angeblich nur drei möglichen Packvorgänge für Wurfzelte. Ich probiere sie alle aus. Einer davon scheint vielversprechend. Doch der letzte Faltvorgang macht mir Angst. Der Widerstand wird schmerzhaft groß. Wahrscheinlich hätte ich auch dabei einen Stab abgeknickt, wäre ich dem Herrn auf dem Video gefolgt, der am Ende so überzeugt in die Kamera grinst.

Zum Glück gibt es noch weitere Zeitgenossen und –genossinnen, die ihre Weisheiten verbreiten wollen. Ein junges Mädchen erweist sich als der rettende Engel. Aber bis zum Faltvorgang dauert es. Erst kommt sie mit dem Auto an, steigt aus, sucht einen geeigneten Platz … Sehr nett. Schließlich lässt sie das Zelt dann doch aufploppen und faltet es wieder zusammen. Und siehe da: So funktioniert auch mein Zelt. Ein paarmal probiert und es klappt wie am Schnürchen. Na also. Gibt’s doch noch eine vierte Möglichkeit. Sollte ich dem Schlaumeier mit den drei ultimativen Packmöglichkeiten eigentlich mitteilen. Keine Zeit dafür.

Etwas Sorge macht der Durchmesser. Es ist groß wie ein 28er-Fahrrad-Reifen. Mir ist nicht klar, wo und wie ich es für die Reise befestigen soll. Ich teste einige Möglichkeiten. Seitlich angebracht hat es zwar Platz, aber dann kann ich nicht mehr treten und das werde ich müssen, wenn ich vorwärtskommen will. Wie immer hat Evelyn einen Vorschlag.

»Du kannst es als Hut verwenden.«

Genial! Damit könnte ich sicherlich im englischen Königshaus punkten. Und der Luftwiderstand? Käme noch Gegenwind dazu, den Kopf würde es nach hinten reißen, gefolgt von einer unfreiwilligen Rückwärtsfahrt. Abgesehen davon sähe es reichlich albern aus. Letztlich bleibt nur, es hinten quer über die Satteltaschen zu spannen.

Inzwischen haben wir die 400-Euro-Marke geknackt, trotz der meist preiswertesten Variante, was sich auf der Reise noch rächen sollte. Aber vielleicht ist es die Sache ja wert. So kann ich auch dieses Abenteuer auf der Liste der noch offenen Vorhaben abhaken. Aber wer weiß? Vielleicht werde ich ja süchtig und es wird nicht die letzte große Fahrradtour.

Ende Juli. Es gibt nichts mehr, was sich am Fahrrad noch verbessern ließe und Evelyn mahnt, endlich in die Gänge zu kommen. Mein Timing richtet sich nach ihrem Urlaub. Wir wollen in etwa zur gleichen Zeit in Sizilien ankommen. Also wird es Zeit, endlich abzuzwitschern. Am Abend hab ich eine Runde um den Block gedreht. Zum ersten Mal mit Gepäcktaschen und Zelt. Evelyn fand, wir sahen toll aus, das Fahrrad und ich. Morgen ist eine längere Testfahrt angesagt. Quasi die Feuerprobe.

Als ich das vollbepackte Rad um die Hausecke schiebe, kommt ausgerechnet Lisa durch die Haustür. Ich mag sie. Sie ist eine nette Hausinwohnerin aus dem obersten Stock. Wir nehmen uns immer Zeit für ein paar freundliche Worte, erzählen was uns im Moment beschäftigt. Doch so voll aufgerüstet mit Zelt, Packtaschen und vor allem dem doofen Helm (Evelyn hat ihn mit blauer Farbe aufgehübscht, konnte allerdings meine Abneigung dagegen nicht übertünchen), war es mir peinlich, ihr so zu begegnen. Eigentlich gibt es keinen Grund dafür. Sie sportelt regelmäßig und viel, sommers wie winters. Sie würde mein Vorhaben bestimmt gut finden. Aber, wie’s scheint, stehe ich nicht voll dahinter. Warum kann ich ihr nicht einfach zurufen: »Hey Lisa! Ich fahr demnächst mit dem Fahrrad nach Sizilien, und jetzt mach ich einen kleinen Test.« Würde sie sicherlich gut finden und mir viel Glück und Erfolg wünschen. Doch ich bring’s ums Verrecken nicht fertig. Irgendwie komm ich mir blöd und lächerlich vor. Eigentlich sollte ich stolz auf das sein, was ich vorhabe. Bin ich aber nicht. Mir fehlt offenbar das Selbstbewusstsein.

Hat sie mich schon entdeckt? Ja, sie hat! Mich wieder hinter die Hausecke zu verdrücken, wäre oberpeinlich. Also bleibe ich, wo ich stehe, und nicke ihr kurz zu. Der Abstand zwischen uns ist zu groß für einen Plausch, und nachdem ich auch noch den Kopf senke, um den Blickkontakt zu unterbrechen, und wichtigtuerisch am Fahrrad herumnestle, verschwindet sie, ohne dass ich eine Erklärung für meinen Aufzug abgeben muss. Diese Marotte sollte ich schleunigst ablegen, denn in diesem Aufzug werde ich einige Wochen unterwegs sein. Und daran sollte ich mich gleich heute gewöhnen, auf dem Weg zu Evelyns Weinladen nach Hohenschäftlarn. Es wird der erste größere Test.

Na ja, von wegen größerer Test. Lächerliche zwölf Kilometer sind es – einfach. Dazu mogle ich bei den Packtaschen, die mit Kissen und Zeitungen ausgebaucht sind. Mir ist nämlich noch nicht klar, was alles mitkommt, und Evelyn hat sicherlich genaue Vorstellungen, in welche Packtasche was hineinmuss. Und da sollte ich mich besser raushalten.

Ich schiebe das Fahrrad um die Straßenecke in die kleine Nebenstraße, in der so gut wie kein Verkehr herrscht. Nicht nur deshalb. Auch um die Abfahrt zu verzögern. Wie gewohnt versuche ich das Bein über den Sattel zu schwingen. Doch es hakt. Wie war das denn beim Test gestern Abend? Ein zweiter Versuch scheitert ebenfalls. Ich kann nicht weit genug ausholen, um nicht am Wurfzelt hängen zu bleiben. Dann eben nicht. Muss ich halt – nicht gerade sportlich – den Fuß über die Querstange des Rahmens heben. Glücklicherweise ist sie abgesenkt und so fällt es leichter und wirkt nicht ganz so verkrampft. Wäre sie nicht abgesenkt, hätte ich ernsthafte Schwierigkeiten. Bin halt doch nicht mehr so elastisch.

Als Kind steckte ich ein Bein unter der Querstange durch, wenn das Fahrrad zu hoch war, um an die Pedale zu kommen. Sah zwar auch nicht elegant aus, aber es war eine Möglichkeit, als kleiner Knirps mit einem normalen Herrenfahrrad zu fahren.

Mit schwitzigen Händen klammere ich mich an den Lenker. Zugleich flaut der Magen. Ist es die Fahrt nach Hohenschäftlarn, die mich so nervös macht? Oder das Gefühl, sich dem Ernst der Reise zu nähern? Wenn der Trip zu Evelyn klappt, gibt es keine Ausrede mehr. Dann muss ich nach Sizilien radeln. Basta! Ich verdränge die Gedanken an mein seltsames Aussehen und radle vorsichtig los.

Kaum auf der Hauptstraße befällt mich das Gefühl, alle blicken nur noch auf mich und denken: Wo will der denn hin? Und was hat er da für ein komisches gelbes Ding auf dem Gepäckständer? Und der Helm … Natürlich weiß ich: alles nur Einbildung. Keiner interessiert sich dafür. Keiner ist erstaunt oder verwundert oder beachtet mich überhaupt. Trotzdem … Ja, trotzdem fühle ich mich wohler, als ich kurze Zeit später die belebte Straße hinter mir lasse und die Stadtgrenze von München passiere.

Solang der Radweg glatt und eben ist, stört nichts. Doch dann wird es holprig. Das Wurfzelt beginnt mich zu ärgern. Es wabert hin und her und muss immer wieder mit der Hand zurückgedrückt werden. Die Gumminetze sind nicht die beste Lösung, um es zu fixieren. Spanngurte waren es noch weniger. Aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Bin einfach zu nervös, und da stört im Moment die kleinste Ungereimtheit. Ein echtes Ärgernis ist allerdings der Dynamo. Er ist hinten anmontiert. Ausgerechnet wenn es bergauf geht, ich mit aller Kraft in die Pedale treten muss, stößt der Absatz dagegen und er klappt ein. Ein zusätzlicher Widerstand, den ich genau dann nicht brauchen kann, wenn ich eh schon am Limit bin. Dafür wird sich auch noch eine Lösung finden. Darf beim Bergauffahren einfach die Füße nicht verdrehen. Gelingt es nicht und er ärgert mich weiterhin, muss er weg. Ganz einfach.

Und dann bin ich fast da, vor Evelyns Weinladen. Das letzte Stück der steil nach oben führenden Straße war nur schiebend zu bewältigen. Hohenschäftlarn heißt nicht umsonst Hohenschäftlarn. Kaum um die Ecke gebogen, strahlen mich zwei überraschte Augenpaare an. Neben Evelyn steht unsere liebe Freundin Evi. Sofort befreie ich mich vom ungeliebten Helm. Dann lass ich mich von beiden kräftig drücken und genieße die bewundernden Worte. Freu mich natürlich darüber, obwohl es keine sonderliche Leistung war.

»Ging doch ganz gut, oder?«, fragt Evelyn.

»Ja, doch. War auch nicht übermäßig anstrengend.«

»Hey. Siehst ja schon richtig reisefertig aus. Hast du schon alles zusammengepackt?«, will Evi wissen.

»Noch nicht so ganz. Eigentlich gar nicht. Ist bloß ein bisschen Werkzeug drin. Der Rest ist Zeitungspapier und zwei Kissen.«

»Na ja. Man muss ja nicht gleich übertreiben beim ersten Mal.«

»Genau! Wollt nur wissen, wie sich’s so fährt, mit allem Drum und Dran.«

»Und jetzt geht’s wieder zurück, oder?«

»Ja. Wenn ich Evelyn im Laden nicht helfen kann …«

»Nein, Schnuffbär. Schaff ich schon alleine. Fahr vorsichtig.«

»Mach ich! Ich ruf dich an, wenn ich zu Hause bin. Ciao, ihr Süßen!«

Zurück fährt sich’s dann wesentlich leichter, ja richtig beschwingt. Nicht nur wegen des leichten Gefälles. Bin einfach entspannter und fange an, mich mit dem Outfit zu versöhnen. Sogar ein bisschen mit dem Helm. Super! Mit dem Fahrrad komm ich klar. Den ersten Test haben wir zwei bestanden. Weitere Tests erübrigen sich.

Um den Inhalt der Packtaschen kümmert sich Evelyn. Da hab ich nicht viel zu melden, vertraue ihr blind. Sie wird mit Sicherheit nichts Wichtiges vergessen. Das Beladen des Fahrrads ist dann wieder mein Part.

Montag, 14. Juli 2014 – erster Reisetag

Es ist so weit. Um 13.38 Uhr soll der Zug abfahren. Evelyn begleitet mich. Zusammen fahren wir zur S-Bahn-Station, sie auf dem Klapprad, ich mit voller Ausrüstung neben ihr. Sie sperrt ihr Fahrrad ab und wir warten auf dem Bahnsteig. Eigentlich dachte ich, schon hier haften alle Blicke auf mir. Aber die meisten ignorieren mich und beschäftigen sich mit ihren Smartphones. Sollen sie. Kann mir nur recht sein.

Anders dann in der S-Bahn. Sie ist ziemlich voll und durch die sperrige Ausrüstung müssen alle ein bisschen zusammenrücken. Die entstandene Unruhe macht sie auf mich aufmerksam. Dabei starren sie abwechselnd aufs Fahrrad und mich. So aufgerüstet sind häufig auch andere unterwegs. Aber das ausladende Wurfzelt, leuchtend gelb, ist ein echter Hingucker. Ich versuche in die Gedanken der Beobachter zu schlüpfen. Finden sie mich zu alt? Das Fahrrad zu schäbig? Der Helm ist unter dem Gepäcknetz verstaut. Mit ihm auf dem Kopf wäre mir der letzte Funken Selbstvertrauen flöten gegangen. Na, hoffentlich wachsen da keine Neurosen. Sollte gelassener damit umgehen; stolz sein auf das, was ich demnächst meistern werde. Doch meine Gefühle schwimmen in flauer Ungewissheit.

Die Fahrt mit der S-Bahn dauert quälende zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten, in denen die Gedanken vom Hier und Jetzt zur bevorstehenden Reise wandern. Wie wird sie werden? Wird alles gut gehen? Als Jugendlicher wären solche Gedanken gar nicht hochgeschwappt. Jetzt, als Grufti, lähmen sie meine Vorfreude.

Um nicht schon vor der Abfahrt unliebsame Überraschungen zu erleben, war ich schon ein paar Tage vorher am Bahnhof. Wollte wissen, ob tatsächlich das gesamte Gepäck – immerhin fünf Gepäcktaschen plus Wurfzelt und eine Lenkertasche – ins Zugabteil muss. Ja, muss es. Hm. Wie schleppe ich das alles? Hab ja nur zwei Hände. Natürlich hab ich’s vorher geübt: Die Dreier-Packtaschen vom hinteren Gepäckständer über die Schulter; die zwei von vorne über den einen Unterarm; die Lenkertasche um die Hüfte, an der schon das Wimmerl mit den wichtigsten Papieren und dem Geld hängt; das Wurfzelt in die zweite freie Hand; den Helm …? Oje. Auf dem Kopf. Geht nicht anders.

Wär ja nicht so wild. Nur mich plagt eine Aversion gegen jegliche Art von Kopfbedeckungen. Wann diese Neurose sich meiner bemächtigt hat, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schleichend. Sie war irgendwann einfach da. Dabei gab es Zeiten, da fand ich es ausgesprochen chic, einen Hut zu tragen. Hätte er nicht darunter gelitten, er wäre sogar im Bett mein treuer Begleiter gewesen.

Irgendwann hat sich das umgekehrt. Es ging so weit, dass ich bei einem Besuch mit meiner Ex-Familie im Salzbergwerk als einziger von vierundzwanzig Personen kein Bergmannskäppi trug. Wie es dazu kam? Im Umkleideraum, in dem für jeden »Einfahrenden« eine Bergmannskluft samt Bergmannskäppi bereitlag, beobachtete ich die anderen. Einige haben sich das Käppi auf den Kopf gestülpt und fanden das auch ganz lustig, andere standen ohne herum. Prima. Die waren mir sympathisch. Kann ich auch darauf verzichten. Dann wurden wir aus der Umkleidekabine in den Vorraum vor die Lore gebeten, die uns dann in die Tiefen des Stollens transportiert hat. Bevor wir allerdings ins Bergwerk einfuhren, mussten wir uns für ein Gruppenfoto aufstellen. Die, die vorher ohne ihre Käppis herumstanden – die einstmals Sympathischen –, setzten sie jetzt auf. Die Verräter hatten sie vorher in der Hand oder Hosentasche. Nur ich stand ohne da. Es war mir fürchterlich peinlich. Am liebsten wäre ich zu allen hingegangen und hätte ihnen einen plausiblen Grund dafür genannt, den es aber nicht gab. Mit der Zeit hab ich mich dann wieder beruhigt und mir vorgenommen, so was passiert mir in Zukunft nicht mehr.

Ab jetzt geht es um Substanzielleres und ich werde brav den Helm tragen, schon deshalb, weil ich es Evelyn versprochen habe. Doch ernsthaft muss ich mich mit diesem Problem erst bei der Ankunft am Brenner auseinandersetzen. Wir haben nämlich beschlossen, die extremen Pässe bis zur italienischen Grenze auszulassen. Zum einen könnte das Wetter regnerisch und kalt sein (bin bekennender Warmduscher), zum anderen sollen nicht alle Kräfte schon erschöpft sein, bevor das sonnige »Bella Italia« erreicht ist.