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Elisabeth Ebenberger

Niko mit der Harmonika

Elisabeth Ebenberger

mit Illustrationen
von Natasha Chalmers

Niko mit der Harmonika

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Neue Rechtschreibung 2006

www.obelisk-verlag.at

Inhalt

Kapital 1.

Kapital 2.

Kapital 3.

Kapital 4.

Kapital 5.

Kapital 6.

Kapital 7.

Kapital 8.

Kapital 9.

Kapital 10.

Kapital 11.

Kapital 12.

Kapital 13.

Kapital 14.

Kapital 15.

Kapital 16.

Kapital 17.

Kapital 18.

Kapital 19.

Kapital 20.

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1.

Hein ist ein Seemann. Und genauso schaut er aus: braun gebrannt und kräftig. Mit quergestreiftem Ringelpulli und blauer Matrosenmütze. Die schwarzen Augen sind umrahmt von lustigen Falten vom Lachen und Fluchen und vom In-die-Sonne-blinzeln. Zwei weiße Büschel Brauen über den Augen, ein grauer Wuschelbart um den Mund.

Hein hat Kinder gern, und die Kinder haben den Hein gern.

Und Hein hat eine Harmonika mit Tasten.

Wenn Hein besonders gut gelaunt ist, dürfen die Kinder zu ihm auf das Schiff kommen und helfen: Deck schrubben, Messing polieren, Fische sortieren.

Wenn Niko nach so einem Besuch heimkommt, rümpft seine Mutter die Nase und sagt mit vornehmen spitzen Fältchen um ihren Mund:

„Huuuuh, man riecht, wo du herkommst!“

Heute aber hat sich Hein fein gemacht. Er ist bei Familie Bär zur Abschiedsfeier eingeladen.

Hein hat seine Harmonika mitgebracht. Schifferklavier nennt er es. Weil ja auf einem Schiff zu wenig Platz für ein richtiges Klavier ist, hat er ein Klavier zum Umhängen.

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Niko schaut mit offenem Mund zu, wie Hein seine braunen Finger über die Tasten tanzen lässt: hinauf und hinunter, hinüber und herüber, in Läufen und Hopsern und Gekrabbel wie von einer tollen Spinne!

Noch toller geht es bei der linken Hand auf der Knopfseite zu: Wie kann sich denn der Hein mit hundertzwanzig Knöpfen auskennen ohne hinzuschauen! Und dazu noch dieses Ziehen und Quetschen und Pfauchen mit der Ziehharmonika, auf und zu, laut und leise!

Dazu tönt es aus dem mit Bart umwuschelten Mund:

„Hein spielt abends so schön auf dem Schifferklavier,

auf dem Schifferklavier seine Lieder …“

„Naja, richtig rockig klingt es nicht gerade“, findet Nikos Freund Holger.

Niko kommt es weniger darauf an, wie es klingt, sondern wie es funktioniert!

„Willst du versuchen?“, fragt Hein und lässt Niko auf ein Knöpfchen drücken.

Ein tiefer Brummton kommt aus der Harmonika und alle lachen.

Niko bekommt rote Ohren, das ärgert ihn.

Sogar Holger lacht ihn aus, und natürlich die Maja. Kleine Schwestern sind sowieso nur zum Ärgern da. Und überhaupt ist derzeit alles zum Ärgern und zum Heulen.

In drei Tagen wird die Familie Bär nämlich aus der Stadt wegziehen in ein neues Zuhause: Papa hat ein Hotel in den Bergen gekauft.

Nur mehr drei Tage für den Abschied von allen Freunden!

Holger sagt, er möchte nirgends wohnen, wo es kein Meer gibt! Keine Muscheln und Krabben, keinen Strand und kein Watt, undenkbar! Was soll man in so einer Gegend denn tun?

Nur mehr drei Nachmittage, um dem Hein auf dem Schiff zu helfen!

Wer traurig ist und nur mehr drei Tage Zeit hat, der braucht gar nicht erst versuchen Ziehharmonika spielen zu lernen. Jeder Quietschton von den Tasten eine Träne, jeder Brummton von den Knöpfen ein Schniefen.

Alles ist zum Heulen und zum Ärgern, alles, alles…

Abschied nehmen muss man auch von der Oma.

Und von Chrissy, der amerikanischen Kusine, die bei der Oma wohnt, um Deutsch zu lernen.

„Okay“, sagt Chrissy. „Cool“, und „shit“ sagt sie auch.

Jeder versteht das. Wozu also Deutsch?

„Ach, Oma, ich glaube, du erzählst nur deshalb so lustig von den Bergen, damit wir lieber hinfahren“, sagt Maja beim Abendessen.

Niko nickt.

Klar. Maja hat ausnahmsweise recht. Was soll dort schon lustig sein, ohne Holger, ohne Meer, ohne Hein mit seinem Schifferklavier?

„Die Oma schwindelt wieder einmal zum guten Zweck, klar.“

„Ssssui – schwiii – windelt what?“, fragt Chrissy.

Das wird noch dauern, bis die endlich Deutsch kann!

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2.

Es war noch stockdunkel, als es mit der Übersiedlung von Familie Bär tatsächlich losging.

Oma drückte die Kinder herzhaft an sich.

Niko wand sich, um der Küsserei zu entgehen.

Chrissy kam barfuß aus ihrem Zimmer, in einem Nachthemdchen – huch, noch kürzer geht‘s wirklich nicht – und fragte in ihrem besten Deutsch:

„Oh, why fahrt du in die Bergen in middle von die Nacht?“

Das frage sie sich auch, schluchzte die Mutter und küsste Chrissy und Oma.

Es gibt keinen Grund zum Traurigsein: Zu Weihnachten, spätestens, werden sie alle wieder zusammen sein!

Trotzdem heulte Maja laut, und die Mama hatte so komische Knopfaugen, und der Papa tat nur so lustig wie ein Clown.

Niko drückte Chrissys Hand, schaute verlegen am Rand des Nachthemdchens vorbei und sagte mit rauer Stimme – und dabei kollerte peinlicherweise auch über seine Wange eine Träne:

„Jetzt habe ich vergessen, für dich die Wörter aus dem Wörterbuch herauszusuchen, die es für schwindeln gibt!“

So, als wäre gerade das im Moment das Wichtigste!

Im Auto drückt er seine Ohren tief in die Polster, um Majas Schluchzen nicht zu hören. Er will auch nichts sehen. Vor allem nicht, wie die Lichter der Stadt hinter ihm klein und kleiner werden und der Strand, sein Strand mit den Muscheln und Geheimnissen, blasser und blasser. Und schon gar nicht, wie die Kennzeichen der überholten Autos fremd und fremder werden.

Niko will auch nicht hören, wie die Mama nervös auf Papa einredet, dass er nicht so verrückt schnell fahren soll, schließlich müsse man nicht schon vor Mittag „dort unten“ ankommen.

Und Papas Antwort – na immerhin liegen noch tausend Kilometer vor uns –, die will Niko am allerwenigsten hören.

Bisher war alles so einfach: Seine Stadt war der Mittelpunkt der Welt. Rundherum gab es Norden – da oben –, und Süden – dort unten. Und Westen war, wo die Sonne ins graue Meer versank, wenn es Zeit war, vom Strand heimzugehen. Und Osten war in der Richtung, aus der der Wind blies, wenn das Wetter schön bleiben sollte.

Aber diese Übersiedlung jetzt, die zog ihn weg aus dem schönen Kreis, Es war unbehaglich, nicht zu wissen, wo und wie seine neue Welt sein würde.

Niko stöpselt sich den Walkman in die Ohren, mit einer Kassette, die ihm die Oma zum Abschied geschenkt hat.

Leider hat die Oma nicht die leiseste Ahnung von guter Musik. Na, kein Wunder bei ihrem Alter. Die Kassette ist eine Erinnerung an den gestrigen Abschiedsabend und an den Hein mit dem Schifferklavier.

Niko drückt mit den Fäusten auf seine Augäpfel, da kann er deutlich wieder die Tasten vor sich sehen, die weißen und die schwarzen, angeordnet wie auf dem Klavier, und darüber die flinken Finger vom bärtigen Hein.

„Na, Kleener, willste versuchen?“

Versuchen? Versuchen ist zu wenig, können möchte ich das“, murmelt Niko. Genauso gut Harmonika spielen können wie der Hein. Auf – zu, quetschen und ziehen, laut und leise.

„Hein spielt abends so schön auf dem Schifferklavier …“, tönt es aus dem Walkman.

„… auf dem Schifferklavier seine Lieder …“ (Kopf ganz fest in die Polster drücken.)

„Hein spielt sich in die Herzen der Mädels hinein …“ (Jetzt wird Chrissy gerade aufstehen, zum zweiten Mal heute. Es ist Ebbe und der Strand wird schon trocken sein.)

„Immer wieder, immer wieder …“

Wenn Maja nicht gleich aufhört zu heulen, fängt er selber auch noch an.

Niko schaltet die Lautstärke im Walkman auf maximal.

„Wo die Nordseewellen spülen an den Strand,

dort ist meine Sehnsucht, ist mein Heimatland …“, dröhnt es heraus.

Mama dreht sich um und sagt: “Mach doch leiser, du ruinierst dir ja die Ohren.“

Niko zieht die Beine auf den Sitz und legt den Kopf auf die verschränkten Arme und macht natürlich nicht leiser. (Chrissy läuft sicher schon mit Holger durchs Wattenmeer …)

Links wird der Himmel bereits ganz gelb.

Papa fährt irrsinnig schnell. Er will die Speditions-LKW einholen, die mit den Möbeln vor Stunden abgefahren sind.

Mama ist nervös, dauernd dreht sie sich um und meckert irgendetwas Unnötiges.

Maja kneift die Augen zu, aber Niko ist sich sicher, dass sie nicht schläft. Immerhin hat sie aufgehört zu schluchzen.

Jetzt kommt das Lied, nach dem die Kassette den Namen hat:

„Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt,

dann sind die Matrosen so still,

weil ein jeder nach seiner Heimat sich sehnt,

die er einmal noch wiedersehen will.“

Blödes, kitschiges Lied. Heimat! Hein! Holger! Niko versucht, den Knödel in seinem Hals hinunterzuwürgen. Er putzt sich die Nase und wischt bei dieser Gelegenheit schnell über die Augen, aber er passt auf, dass Papa ihn nicht im Rückspiegel sehen kann.

„Hast du was“, fragt Papa prompt.

„Hunger“, knurrt Niko.

Noch 100 Kilometer, dann gibt‘s Frühstück!

Aber nach hundert Kilometern ist der Walkman-Stöpsel aus Nikos Ohren gerutscht und er schläft fest, eng an seine Schwester gekuschelt, die im Schlaf noch immer seufzt und schluchzt.

„Nur mehr 900 Kilometer“, sagt Vater leise zu Mutter, und die schaut aus dem Seitenfenster und putzt sich geräuschlos die Nase.

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3.

Die Berge, von denen Papa und Oma immer geschwärmt haben, sind in dicke graue Wolken gehüllt, aus denen es in Strömen regnet. Bei der Ankunft vor dem neuen Heim geht der Regen in einen Wolkenbruch über. Die Scheibenwischer schaffen die Wassermassen nicht mehr.

Undeutlich sieht man durch die Windschutzscheibe, dass die Speditions-LKWs noch voll beladen auf dem Hof stehen. Die Fahrer hatten sich unter das Vordach des Hotels gestellt. Mit hochgezogenen Schultern schauen sie ihnen unlustig entgegen.

Die nächste Stunde ist Chaos total.

Papa knurrt und brüllt Handfestes.

Mama keift eine Oktave höher Widersprüchliches.

Maja hat den Daumen im Mund.

Niko beißt auf seinen Lippen herum.

In der Vorhalle stehen Leitern, im großen Speisesaal ebenfalls. Tapetenrollen und Kübel stapeln sich in allen Ecken.

Papa läuft wie ein Kampfhahn herum, Mamahenne gackernd und die Kücken piepsend hinterher.