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Hermann Lübbe

»Ich entschuldige mich«


Das neue politische Bußritual

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PeP eBooks erscheinen in der Verlagsgruppe Random House

Copyright © 2001 by Siedler Verlag,
Berlin in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH

Alle Rechte vorbehalten, auch das der fotomechanischen Wiedergabe.

Lektorat: Christoph Leuchter

Umschlaggestaltung:Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg

ISBN 3-89480-702-4

Inhaltsverzeichnis













Vorwort

Öffentliche politische Eingeständnisse historischer Schuld sind der Gegenstand dieses Essays. Um einen weiteren Beitrag zur deutschen Vergangenheitsbewältigung handelt es sich nicht. Das Buch möchte auf die aktuelle Internationalität der neuen Praxis aufmerksam machen, eigene frühere Untaten vor den Nachkommen ihrer Opfer öffentlich zu bekennen. Das geschieht heute weltweit über Deutschland hinaus in Russland und in Japan, in den USA, in Tschechien und in Kanada.

Ein neues, inzwischen ritualisiertes Element internationaler Beziehungen wird sichtbar. Gelegentlich erhebt sich der Ritus zur förmlichen Bitte um Vergebung. Religiöse Anklänge sind dann unüberhörbar. Auch Segenswünsche, Kreuzeserrichtungen gar begegnen als Teil der fraglichen politischen Handlung. Sie lässt sich als Akt der Zivilreligion deuten.

Es wäre ein Missverständnis aus deutscher Selbstbezogenheit zu meinen, hier fände deutsche Moral politischer Vergangenheitsaufarbeitung ihre Nachahmer rund um den Globus. Wer sich des Entschuldigungsritus bedient, hat dafür jeweils seine eigenen, unvergleichlichen Gründe. Zugleich aber hat der Vorgang eine allgemeine Bedeutung für Wandlungen politischer Kultur, die sich weltöffentlich zur Geltung bringen.

Was ist der Sinn öffentlicher Schuldbekenntnisse, die sich in einigen Fällen sogar auf Untaten beziehen, die jahrhunderteweit zurückliegen? Was bedeutet es, die Taten von Tätern zu bekennen, denen die Bekenner, statt im dritten und vierten Glied, in der sechsten oder siebten Generation folgen? Das ist nicht evident, und das vorliegende Buch bemüht sich, das verständlich zu machen – in seinen plausiblen wie in seinen prekären Aspekten.

Dass es sich nicht um einen beiläufigen, vielmehr um einen sehr anspruchsvollen Vorgang handelt, macht schon der Rang der politischen Büßer sichtbar. Nicht Diplomaten oder Ministerialbeamte treten hier auf, vielmehr Regierungschefs und Staatsoberhäupter – von Clinton bis Jelzin. Adressat ihrer Bekenntnisse sind nicht die jeweils anderen Nationen in ihrer Rolle als Verbündete, Mitstreiter oder Kampfgenossen, vielmehr als Nachfahren ehemals Unterdrückter, Versklavter, Verfolgter. Die nationalen und sonstigen Kommunitäten, die in dieser Verfolgtenrolle sich herausgehoben finden, werden als Leidenskommunitäten anerkannt, und deren historisches Profil gewinnt dabei schärfere Konturen als das der bekenntnisbereiten Täternachfahren. Leidensgeschichten werden darüber zum Medium historisch-politischer Selbstidentifikation.

Geschichtspolitisch fördert der neue Ritus die Bereitschaft zur Historisierung, das heißt zur vorbehaltlosen Kenntnisnahme dessen, was wirklich gewesen ist. Die Epoche der Schwarz- und Weißbücher, die über einen selbst weißeingebunden und über Gegner und Feinde schwarzeingebunden berichteten, scheint zu Ende zu gehen. Geschichte darf wieder in Schwarzweiß-Büchern geschrieben werden.

Noch während des Kalten Krieges, dessen Ende ja gerade erst ein gutes Jahrzehnt hinter uns liegt, hätte sich das nicht uneingeschränkt sagen lassen. Inzwischen blicken wir auf das abgelaufene Jahrhundert als auf das Jahrhundert der großen totalitären Bewegungen und Schreckensregime zurück. Nach der Öffnung der Massengräber öffnen sich nun auch bislang verschlossen gewesene Archive. An die Stelle der Moral der ideologischen Rechthaberei tritt die anspruchsvollere Moral der Bereitschaft zur Anerkennung der historischen Wirklichkeit. Das ist nicht überall so. Aber der Anspruch der neuen Geschichtsmoral ist nachweislich politisch wirksam. Im fraglichen neuen Ritus bringt er sich dann und wann zur Geltung.

Für die Deutschen hat die neue vergangenheitspolitische Praxis noch eine spezielle Bedeutung. Sie lässt erkennen, dass man nicht mit einer Zukunft rechnen sollte, in der das Thema deutscher Vergangenheitslasten sich kraft Zeitablauf endgültig erledigt haben wird. Der neue, inzwischen international etablierte Ritus demonstriert uns: Die Aufdringlichkeit schlimmer Vergangenheiten nimmt sogar über den Tod der Täter hinaus noch zu, weil die Erinnerung an die Leiden ihrer Opfer für die Gemeinschaften der Nachfahren dieser Opfer konstitutiv wird.