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Walter L. Rothschild

Der Honig und der Stachel
על הדבש ועל העקץ

Das Judentum – erklärt für alle,
die mehr wissen wollen

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Viele Menschen sehen im Judentum eine idealisierte Form von »Milch und Honig«. Die Wirklichkeit ist anders. Es gibt bei dieser Religion tatsächlich etwas »Süßes«, das sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat, aber sie hat auch viele Stacheln. Deshalb widerspiegelt diese Zeile aus dem israelischen Kinderlied von Naomi Shemer die Bemühung, das Judentum nicht in idealisierter Form darzustellen. Es gibt Brüche und Widersprüche, oftmals gibt es verschiedene »richtige« Formen, häufig besteht eine Kluft zwischen Theorie und Wirklichkeit. Doch jeder, der jüdisch werden oder seine jüdischen Wurzeln besser verstehen möchte und am jüdischen Leben, wie es sich tatsächlich vollzieht, teilhaben und dies nicht nur durch die rosafarbene, nostalgische Brille sehen will, sollte nicht nur lernen, was zu tun ist, sondern auch, was zu beachten und zu bedenken ist. Dabei soll nicht nur Wissen vermittelt, sondern vor allem zu eigenem Denken und kritischem Nachfragen angeregt werden.
Berlin, April 2008 / Nisan 5768

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in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
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Umsetzung eBook: SatzWeise, Bad Wünnenberg
Umschlagmotiv: Tallit, © mstudio – AdobeStock.com
ISBN 978-3-641-03728-4
V002
www.gtvh.de

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Geleitwort

Einleitung

Bemerkungen eines Rabbiners zum Glauben

I. Die Synagoge und häuslicher Gottesdienst; Schabbat

1. Innenansichten der Synagoge

1.1 Der Raum

1.2 Einige Aspekte des Synagogenlebens

2. Der Gottesdienst in der Synagoge

2.1 Struktur eines Synagogengottesdienstes

2.2 Gottesdienst und Gebet

2.3 Die Ordnung des Gebets

2.4 Der tägliche Morgengottesdienst (Schacharit)

2.5 Der tägliche Abendgottesdienst (Ma'ariw)

2.6 Der tägliche Nachmittagsgottesdienst (Minchah)

2.7 Empfang des Schabbat am Freitag (Kabbalat Schabbat)

2.8 Morgengebet am Schabbat

2.9 Nachmittagsgebet am Schabbat

2.10 Gebet zum Schabbatausgang

2.11 Hawdalah

2.12 Weitere Zusätze

2.13 Zusammenfassung

2.14 Eine Bemerkung zur Sprache

2.15 Die Torah-Lesung während des Gottesdienstes

2.16 Wie geht die Torah-Lesung in der Synagoge vor sich?

3. Schabbatregeln

3.1 Schabbatkerzen

3.2 Segnen der Kinder

3.3 Schalom Alejchem

3.4 Eschet Chajil

3.5 Der Kiddusch

3.6 Segen über das Brot

3.7 Zwei Challot

3.8 Semirot

3.9 Birkat HaMason, der Segen nach dem Essen

3.10 Arbeit am Schabbat

II. Der jüdische Kalender und die Feiertage

1. Der jüdische Kalender

1.1 Der Monat

1.2 Wie der neue Monat bestimmt wird

1.3 Der Tag

1.4 Die Namen der Tage

1.5 Die Woche

1.6 Das Jahr

1.7 Der Schaltjahrzyklus

1.8 Die Tagundnachtgleiche

1.9 Der Kalender oder Taschenkalender

1.10 Schluss

2. Der liturgische Kalender

2.1 Einleitung und Terminologie

2.2 Der Zyklus

2.3. Abweichungen zwischen liberalen und orthodoxen Kalendern

2.4 Hallel

3. Die Hohen Feiertage

3.1 Einleitung

3.2 Der Monat Elul und die Slichot

3.3 Rosch HaSchanah

3.4 Der zweite Tag von Rosch HaSchanah

3.5 Das Schofar

3.6 Das Mussafgebet

3.7 Traditionen zu Rosch HaSchanah

3.8 Die zehn Bußtage

3.9 Jom Kippur

4. Sukkot und Simchat Torah

4.1 Sukkot

4.2 Sukkot in anderen biblischen und nachbiblischen Schriften

4.3 Sukkot in den rabbinischen Schriften

4.4 Die Zeremonie des Wasserschöpfens

4.5 Die Sukkah

4.6 Die Arba Minim

4.7 Hoschannah Rabbah

4.8 Chol HaMo'ed

4.9 Die Uschpisin

4.10 Schemini Azeret

4.11 Simchat Torah

4.12 Bräuche moderner liberaler Gemeinden

5. Chanukkah

5.1 Heidnischer Hintergrund? Einige Gedanken dazu

5.2 Zum Datum 25. Kislew

5.3 Status

5.4 Wie man das Fest begeht

5.5 Die Wunder

5.6 Geschichtlicher Hintergrund und Quellen

5.7 Die Bedeutung von Chanukkah – aus der Sicht des liberalen Judentums

5.8 Die Channukkah-Lichter und eine Anleitung zum Entzünden

6. Purim

6.1 Hintergrund

6.2 Die Megillah

6.3 Die Bedeutung der Megillah

6.4 Schabbat Sachor

6.5 Bräuche und Feierlichkeiten

6.6 Die Bedeutung von Purim

6.7 Sonstige Bräuche

7. Pessach

7.1. Warum feiern wir Pessach?

7.2 Die biblische Erzählung

7.3 Anmerkungen zur biblischen Erzählung

7.4 Pessach in der Mischnah und in späteren rabbinischen Schriften

7.5 Die Suche nach Chamez

7.6 Wie lange dauert Pessach?

7.7 Chol HaMo'ed

7.8 Das Fasten der Erstgeborenen

7.9 Die Haggadah

7.10 Haggadah – die Entwicklung des Textes

8. Der Sederabend – Ein Leitfaden

8.1 Der Sederabend

8.2 Kadesch

8.3 U'Rchaz

8.4 Karpas

8.5 Jachaz

8.6 Maggid

8.7 Das zweite Glas

8.8 Die vier Fragen

8.9 Die Antwort

8.10 Die vier Söhne

8.11 Die Zeit des Seder

8.12 »Unsere Vorfahren waren Götzenanbeter«

8.13 Die Plagen

8.14 Dajjenu

8.15 Rabban Gamliel

8.16 Hallel

8.17 Rachzah

8.18 Mozi Mazzah

8.19 Maror

8.20 Korech

8.21 Der Sederteller

8.22 Schulchan Orech

8.23 Barech – Segnen

8.24 Der dritte Becher

8.25 Hallel

8.26 Nischmat-Gebet

8.27 Lieder

8.28 Dritter Becher und Nirza

8.29 Nachbemerkung

9. Mazzah – Mazzot

9.1 Was ist Mazzah?

9.2 Wie wird die Mazzah gebacken?

10. Omer

11. Schawuot

11.1 Die Symbole von Schawuot

11.2 Typische Speisen zu Schawuot

11.3 Tikkun Lajl Schawuot

11.4 Das Datum von Schawuot

11.5 Das moderne Verständnis

11.6 Das Buch Ruth

12. Tisch'ah BeAw

12.1 Die Zerstörung des Tempels

12.2 Die Einbettung in den Kalender

12.3 Die Klagelieder Jeremias

12.4 Weitere Ereignisse am 9. Aw

12.5 Die Haltung des liberalen Judentums

13. Weitere Feier- und Gedenktage

13.1 Jom HaSikkaron

13.2 Jom HaAzma'ut

13.3 Jom HaSchoah

13.4 Jom Jeruschalajim

13.5 Tu BeAw

13.6 Tu BiSchwat

13.7 Lag BaOmer

13.8 Kleinere Fasttage

III. Texte und Traditionen

1. Die Bibel

1.1 Das Problem: Was stimmt?

1.2 Der fundamentalistische Ansatz

1.3 Der historisch-kritische Ansatz

1.4 Die Sicht der Bibel im liberalen Judentum

1.5 Der Kanon

1.6 Die Torah

1.7 Die Newi'im

1.8 Die Ketuwim

1.9 Die rabbinische Bibel

1.10 Methoden der Interpretation

2. Die mündliche Lehre – Jüdische Codices

2.1 Das Konzept der mündlichen Lehre

2.2 Halachah und Aggadah

2.3 Die Karäer

2.4 Die Mischnah

2.5 Die Abfolge der Mischnah

2.6. Die Autorität der mündlichen Lehre

2.7 Der Talmud

2.8 Die Codices

2.9 Maimonides

2.10 Der Ba'al HaTurim (Der Meister der Turim)

2.11 Joseph Caro

2.12 Isserles

2.13 Spätere Codices

IV. Häusliche und persönliche Befolgung der Gebote – Gebote für Haus und Alltag

#1.#Kaschrut

1.1 Aspekte der Kaschrut bei Nahrungsmitteln

1.2 Koscherer Wein

1.3 Kaschrut an Pessach

1.4 Schluss

2. Mesusah

2.1 Die Rückseite

2.2 Woran soll die Mesusah befestigt werden?

2.3 Wie sieht die Wartung aus?

3. Tefillin

3.1 Was sind Tefillin?

3.2 Was steckt in den Tefillin?

3.3 Warum sind Tefillin wichtig?

4. Kopfbedeckung

4.1 Kopfbedeckungen in der Bibel

4.2 Kopfbedeckungen im Talmud

4.3 In späteren rabbinischen Schriften

4.4 Arten der Kopfbedeckung

4.5 Frauen

4.6 Der Judenhut

4.7 Die Sicht des liberalen Judentums

5. Tallit und Zizit

5.1 Zizit

5.2 Wie die Zizit hergestellt werden

5.3 Tallit Katan – der kleine Tallit

5.4 Der blaue Faden

5.5 Der Tallit

5.6 Der Segensspruch

5.7 Heutige liberale Praxis

V. Der jüdische Lebenszyklus

1. Geburt

1.1 Der Status des Embryo

1.2 Der Name

1.3 Berit Milah (Beschneidung)

1.4 Namensgebungs- und Dankgottesdienst

1.5 Geburtstage

1.6 Pidjon HaBen (Auslösung des Erstgeborenen)

2. Bar- bzw. Bat-Mizwah

2.1 Herkunft des Begriffes

2.2 Der Anlass

2.3 Die Festlegung der Altersgrenze

2.4 Spätere geschichtliche Entwicklung

2.5 Bat-Mizwah für Mädchen

2.6 Wie feiern?

2.7 Welche Bedeutung hat die Bar- oder Bat-Mizwah in einer liberalen Synagoge?

3. Kidduschin – Hochzeit

3.1 Voraussetzungen für die Eheschließung

3.2 Gründe für eine Eheschließung

3.3 Die Ketubbah

3.4 Hochzeitsbräuche

3.5 Das Kalle-Bedecken

3.6 Das Hereinführen der Braut

3.7 Das Zerbrechen des Glases

3.8 Schewa Berachot

3.9 Andere Gebräuche

3.10 Gleichgeschlechtliche und interreligiöse Ehen

4. Scheidung

4.1 In der Bibel

4.2 Im Talmud

4.3 Die spätere Entwicklung

4.4 Der Get

4.5 Ablauf

4.6 Zivilrechtliche Scheidung

4.7 Annullierung einer Ehe

4.8 Ausblick

4.9 Witwenschaft

5. Tod, Trauer- und Beerdigungsriten

5.1 Der Körper

5.2 Die Beerdigung

5.3 Der Friedhof

5.4 Die Beerdigungsvorbereitung

5.5 Der Sarg

5.6 Die Beerdigung

5.7 Die Einäscherung

5.8 Die Grabrede

5.9 Die Trauerzeit

5.10 Die Kriah

5.11 Symbolische Speisen

5.12 Spiegel

5.13 Kaddisch

5.14 Jahrzeit

5.15 Der Grabstein

5.16 Bezugnahme auf Verstorbene

5.17 Nichtjüdische Familienmitglieder

VI. Verschiedene Überlegungen

1. Mizwot

1.1 Zedakah

1.2 Gemilut Chassadim

1.3. Talmud Torah (»Pflicht zum Lernen«)

1.4 Bikkur Cholim (»Kranke besuchen«)

1.5 Laschon HaRa (»Üble Rede«)

1.6 Hachnasat Orchim (»Gastfreundschaft«)

1.7 Levajat HaMet

1.8 Hachnasat Kallah

2. Universalismus und Partikularismus

3. Der Messias und Messianismus aus liberaljüdischer Perspektive

4. Die Reformbewegung im Kontext

4.1 Masorti

4.2 Chabad-Lubawitsch

4.3 »Messianisches Judentum«

4.4 Christliche Kirchen

4.5 Die Kabbalah-Bewegung

4.6 Eine Bemerkung zur Ökumene und zu gemischt- religiösen Zeremonien

4.7 Jüdische Organisationen und Rabbiner-Ausbildungsstätten

VII. Annäherung an den Holocaust

VIII. Israel

1. Was bedeutet Israel für Juden?

2. Ein kurzer Abriss der modernen Geschichte

3. Kritik an Israel

4. Israel für die Diasporajuden heute

IX. Der Übertritt zum Judentum

1. Was ist das Judentum?

1.1 Das Judentum beansprucht nicht das Monopol auf die Wahrheit

1.2 Das Judentum ist nicht »von Natur aus« eine »Weltreligion«

1.3 Die Definition dessen, wer »jüdisch« und was »Judentum« ist, hat sich über die Jahrhunderte stetig gewandelt

2. Wer gilt als jüdisch?

3. Was heißt Konversion?

4. Bedenken gegen einen Übertritt

4.1 Die jüdische Lehre

4.2 Die jüdische Geschichte

4.3 Die eigene Familie

4.4 Die jüdische Gemeinschaft

4.5 Die lokale jüdische Gemeinde

4.6 Die persönliche Motivation

5. Der Übertritt zum Judentum

6. Was ist ein Bet Din?

7. Wie erfolgt ein Übertritt? Praktische Schritte

7.1 Wissen

7.2 Integration

7.3 Identität

7.4 Rituelle und administrative Voraussetzungen

8. Schlusswort

9. Literaturempfehlung für die Übertrittsvorbereitung

X. Anhang

Anhang 1: Sidrot und Haftarot – Ein kurzer Überblick

Anhang 2: Übungen und Testfragen

ZWISCHENTEST

MÖGLICHE FRAGEN DES BET-DIN

DAS 200-FRAGEN-QUIZ

Anhang 3: Ein Purim-Quiz

Glossar

Anmerkungen

Geleitwort

Dieses Werk ist aus Hingabe zum Judentum und in einem sehr umfassenden Rahmen verfasst. Es hat – auch, wenn der Verfasser dies bescheiden zurückweist – einen enzyklopädischen Charakter. Es folgt bewusst den Prinzipien und Lebensformen des religiösen, doch nicht-orthodoxen Judentums und richtet sich an alle Juden, die von ihrem Glauben mehr wissen wollen, ist aber speziell für Kandidaten zum Übertritt ins (liberale) Judentum bestimmt, deren Probleme und Pflichten in einem Schlusskapitel eingehend dargestellt werden.

Perioden der Vergangenheit, Lehren und Tradition, werden z.T. sehr detailliert dargestellt und mit den Lebensformen des neuzeitlichen, liberalen Judentums in Verbindung gebracht. Das Judentum wird so sichtbar als eine Einheit, die sich zugleich in pluralistischer Weise entfaltet und so die Zeiten, Orte, so wie die neuzeitlichen Erkenntnisse und Lebensformen im Zusammenhang mit Tradition und individuellem Brauchtum in sich aufnimmt. So werden in diesem Werk die Verschiedenheiten innerhalb verschiedener Gemeinden und Gruppen verständlich, wobei Tabellen und andere Darstellungsmittel sehr nützlich sind.

Rabbiner Rothschild hat ein Werk verfasst, das Konzentration fordert, das zu lesen aber lohnt, denn es kann in der Tat sowohl Juden, die mehr wissen wollen, wie Kandidaten zum Übertritt nützlich sein und Leser aus beiden Gruppen zu lebenslangem Lernen führen und anleiten.

Im Juni 2009 Rabbiner Dr. Leo Trepp

Einleitung

Was will dieses Buch? In seinen wesentlichen Teilen entstand es über mehrere Jahre hinweg als Lehrmaterial für Erwachsene, als ich in der Gemeinde von Leeds in England tätig war. Es ist bestimmt für Juden, die mehr über ihr Judentum wissen wollen, ebenso wie für nichtjüdische Ehepartner und Menschen, die zum Judentum konvertieren möchten. Es stellt den Versuch dar, ihnen Dinge zu vermitteln, die man wissen sollte, um sich in einer liberalen jüdischen Gemeinde zurechtzufinden. Es ist eher als Ergänzung zu bereits vorliegenden Büchern gedacht, als dass es beansprucht, diese zu ersetzen.

Gleichwohl stellte sich heraus, dass Bücher über das liberale Judentum vor allem die Erfahrung amerikanischer Reformgemeinden widerspiegeln. Andere »Einführungen in das Judentum« geben ausschließlich die orthodoxe Sicht wieder – mit Beschreibungen, wie traditionell jüdische Familien leben (sollen) oder mit Bildern, die nur Männer beim Gebet zeigen. Außerdem gibt es eine Menge Bücher über das Judentum, aber nur wenige befassen sich mit Fragen des alltäglichen Gemeindelebens, etwa: Wer kann daran teilhaben? Wie funktioniert eine Synagoge? Wer unterhält sie? Was geschieht hinter den Kulissen? Was gehört noch zum jüdischen Lebensvollzug jenseits öffentlicher Rituale wie Hochzeiten oder Beerdigungen?

Jemand, der als Erwachsener in eine jüdische Gemeinde hineinwachsen will, muss sich einen bestimmten Jargon zulegen, sollte in der Lage sein, in einer jüdischen Zeitung zwischen den Zeilen lesen und sich in einem Gespräch im Lebensmittelladen behaupten zu können. Er muss sich damit auseinandersetzen, falls sein Kind in der Schule dafür angegriffen wird, jüdisch oder auch nicht jüdisch genug zu sein. All dies gehört zum jüdischen Alltag und wird von denen, die schon lange in der Gemeinde sind, für gegeben hingenommen. Es taucht deshalb nicht in Büchern für eine allgemeinere Leserschaft auf. Die verschiedensten Menschen mögen dieses Buch zur Hand nehmen, die mehr wissen wollen – manche aus christlichem Umfeld, einige als Atheisten, andere mit jüdischem Hintergrund. Manche mögen Deutsche sein, andere aus den Staaten der früheren Sowjetunion.

Dieser Wegweiser wurde ursprünglich auf Englisch mit Unterstützung des Rabbinatsgerichts der Reformgemeinden in Großbritannien veröffentlicht und fand bei vielen Kollegen und Gemeinden Anklang. Um es auch für die Erwachsenenbildung und die Vorbereitung von Konvertiten in Deutschland nutzen zu können, wurde es u. a. von Caroline Bechhofer, Esther Kontarsky, Anna Schmidt, Franziska Werner und Lara Zilberkweit übersetzt. Darüber hinaus wurde es einer gründlichen Revision und Erweiterung unterzogen, um es den Bedürfnissen der deutschen Gemeinden am Beginn des 21. (säkularen) Jahrhunderts anzupassen. Das bedeutet, das jüdische Leben in Europa zu erklären, wie wir es heute vorfinden – nicht nur, wie es zu biblischen Zeiten oder im Mittelalter war. Ein besonderes Problem für jene, die sich als Erwachsene bemühen, das Judentum zu verstehen, ist die Frage: »Wie macht man das richtig?« – zu beten, einen Tallit umzulegen, einen Segensspruch zu sagen, den Schabbat oder die Feiertage einzuhalten. Das bezieht sich nicht allein auf Rituale. Es gibt viele Menschen, nicht nur in Deutschland, die es gern haben, wenn ihnen genau gesagt wird, was zu tun ist, und die eine Reihe von Vorschriften wünschen. Sie suchen nach einer einfachen, aber umfassenden Liste von Halachot, die dem gläubigen Juden, der die Gebote befolgt, sagt, was zu beten ist und wann und wie, seltener: warum.

Aber das Problem besteht darin, dass das Judentum viele Facetten hat und es oft verschiedene Arten gibt, etwas »korrekt« zu tun. Ein denkender Mensch sollte die unterschiedlichen Zugänge kennen und seine eigene Wahl treffen. Es gibt verschiedene Liturgien, selbst innerhalb der traditionellen Synagogen. Nebenbei: Das Wort »orthodox« wird oft falsch gebraucht, da sich die Orthodoxie erst in Reaktion auf die Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts herausgebildet hat als eine Form der jüdischen »Gegenreformation«. Raschi und Maimonides und Ibn Esra und Jehudah Halevy waren keine »orthodoxen Juden«, sondern Kinder ihrer Zeit, die ihren Intellekt und ihre Kreativität nutzten, um neue Zugänge und Analysen zu entwickeln und nicht bloß zu versuchen, unverändert an alten Formen festzuhalten. Die Gebetbücher der sephardischen Gemeinden weisen etliche Unterschiede in Form und Inhalt auf, selbst bei so zentralen Gebeten wie dem Kaddisch, und auch ihre Rituale sind verschieden. Wenn man also annähme, dass allein der aschkenasische Gottesdienst der einzig wahre sei, wäre das ziemlich töricht – auch wenn das innerhalb einer bestimmten Gemeinde vielleicht der einzig angebotene ist. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erwarb der Verfasser das neue israelische »Standard«-Gebetbuch Rinat Jisrael – in fünf verschiedenen Fassungen (aschkenasisch und sephardisch für Israel, aschkenasisch und sephardisch für die Diaspora sowie die Version für die Edot Misrach, die Juden aus arabischen Ländern). In Berlin wird der Siddur Avodat HaSchem von der sephardischen Gemeinde genutzt. Der Seder HaTefillot, das Gebetbuch für Schabbat, Wochentage und Pilgerfeste, ist vor allem in den liberalen jüdischen Gemeinden in Deutschland verbreitet. Er ist eine Überarbeitung der englischen Reformliturgie, beruhend auf aschkenasischen und sephardischen Traditionen des 19. Jahrhunderts. Die Siddurim Sch'ma Kolenu und S'fat Emet folgen eher einem konservativ-orthodoxen Ritus, der Siddur S'fat Emet arbeitet in Fußnoten zahlreiche Unterschiede zwischen polnischen und deutschen aschkenasischen Bräuchen heraus usw.

Alle Gemeinden entwickeln ihre eigenen Minhagim, ihre Bräuche. In der einen Synagoge steht man auf, um das Sch'ma zu sagen, in einer anderen bleibt man sitzen. In einer Synagoge geht man während des Gottesdienstes umher und redet miteinander, in einer anderen bleiben alle diszipliniert in den Reihen sitzen, in einigen gibt es mehr Musik, in anderen mehr Stille. Wenn man nach dem Warum eines Brauches in einer bestimmten Synagoge fragt, bekommt man meist zur Antwort: »Tradition!« Aber – es ist nur eine Tradition, nicht die gesamte, und andere bestehende Traditionen sind genauso legitim.

Darum zielt dieses Buch nicht darauf zu sagen, was zu tun ist – allein darauf fußend, was gerade in einer einzigen bestimmten Synagoge üblich ist –, sondern es will zeigen, wo Vielfalt möglich ist und Alternativen genauso berechtigt sind. Es soll Sie befähigen darüber nachzudenken, warum Sie ein bestimmtes Gebet sagen wollen und weshalb es geschrieben wurde, warum Sie einen bestimmten Ritus ausführen wollen und die Ursachen und Bedeutungen verschiedener Themen und Vorstellungen zu bedenken. Dieses Buch will Fragen stellen und Antworten geben gleichermaßen. Es richtet sich an Erwachsene – manche, die sich erstmals ernsthaft mit dem Judentum befassen, vielleicht weil sie zuvor keine Gelegenheit hatten, als Juden aufzuwachsen, oder auch weil sie die bewusste Entscheidung getroffen haben, Juden werden zu wollen. In jedem Falle wird vorausgesetzt, dass Erwachsene selbst denken und Entscheidungen treffen können. Es werden verschiedene grundlegende Themen behandelt – entweder in systematischer Form oder als allgemeine Abhandlung. Aber es verhält sich hier genauso wie mit biblischen Texten: Es ist nicht alles enthalten – das Geheimnis liegt oft eher darin zu fragen, was fehlt und warum.

Zu einem gewissen Grad repräsentieren alle Religionen die menschliche Suche nach Bedeutung im Universum. Viele der Grundgedanken werden von vielen, wenn nicht allen Religionen geteilt: Vorstellungen von Opfer und Opfergabe, von Gebet und Meditation, von Selbstkritik und der Kritik anderer. Sie stellen Versuche dar, soziale Strukturen zu bilden, die Selbstkontrolle und Selbstdisziplin fördern sollen, die Sorge um andere, den Fortbestand der Familie und die Sicherheit. Man kann also betonen, was die Religionen vereint – oder was sie unterscheidet und trennt. Dieses Buch beabsichtigt, letzteres zu tun: das Judentum zu erklären, manchmal im Kontext seiner Beziehung zu anderen Religionen, an anderer Stelle im Kontext der europäischen Moderne, oder aus meiner rein persönlichen Perspektive als Rabbiner, der in mehreren Gemeinden in verschiedenen Ländern gearbeitet hat.

Das Judentum hat immer Diskussion und Debatten erlaubt, daher ist das, was hier vorgestellt wird, kein Dogma, sondern eine Einführung, ein »Zugang«, der dem Leser ermöglichen soll, ein bisschen von dem zu verstehen, worüber debattiert wird und selbst an dieser Debatte teilzunehmen. Kritisches Denken ist wichtig. Jeder Jude und jede Jüdin ist unabhängig und steht allein vor Gott; zur selben Zeit jedoch sucht jeder andere, die genügend wesentliche Gemeinsamkeiten teilen, um eine Gemeinschaft zu bilden. Jeder Jude und jede Jüdin sollte danach streben, das ganze Leben lang weiter zu lernen. Wir haben aber keine Päpste, keine lehramtlichen Kommissionen, keine Dogmen – niemand schreibt uns vor, was wir denken sollen. Im Judentum gibt es vielmehr eine lebendige Tradition, mit den Texten zu arbeiten – und manchmal sogar gegen sie –, nach Schlupflöchern zu suchen, die Texte entweder strenger oder freier auszulegen und neue Kommentare zu schreiben.

Wie dem auch sei, die »reale Welt« ist nicht immer so offen und ideal, wie die Tradition es erlauben würde. Das moderne Judentum wird von allen Seiten und auch von innen heraus angegriffen. Wir können Tendenzen hin zu extremem Nationalismus oder Universalismus beobachten, zionistische wie nichtzionistische und antizionistische Positionen ausmachen, wir finden Versuche, das Judentum mit Christentum und Buddhismus (sowie dem Islam) zu synthetisieren oder eher die soziale Fürsorge und ethische Ideen zu betonen, die religiöse Komponente zu reduzieren und so einen säkularen Sozialismus zu schaffen. Es gibt Juden, die seit den Geschehnissen der Schoah nicht mehr glauben, und es gibt Juden, die vertrauen, aber nicht wissen bzw. glauben, ohne den Grund dafür zu kennen. Es gibt den zielgerichteten (und sehr erfolgreichen) Versuch einiger, das Judentum in eine Art Nostalgie des osteuropäischen 18.  Jahrhunderts zurückzuführen, eine Religion, die an Disneyland erinnert und angereichert ist mit heiligen Helden und bösen Schurken.

Letztlich versucht dieses Buch daher, eine persönliche Annäherung an das Judentum anzubieten – die Annäherung, die im Großen und Ganzen von liberalen Juden zu Beginn des 21. christlichen Jahrhunderts auf einem Kontinent unternommen wird, der so viele Male durch religiösen und nationalistischen Hass zerstört wurde, dass man immer auf Ruinen und Erinnerungen baut – und doch nicht in diesen Ruinen und Erinnerungen leben kann. Möglicherweise enthält dieses Buch Elemente, die Sie als Leser schockieren oder enttäuschen oder aufregen, aber das ist gut. Möglicherweise stimmen Sie mit Dingen in diesem Buch nicht überein – gut, denn Sie als Leser sind willkommen, das Buch anzuschreien, die Seitenränder zu bekritzeln und es sogar wegzuschmeißen (sofern Sie es vorher erworben haben!). Aber denken Sie über das Geschriebene nach und darüber, warum es geschrieben wurde – und denken Sie darüber nach, was ausgelassen wurde, was zwischen den Zeilen steht.

Das Buch ist vorrangig dazu bestimmt, denen, die das Judentum annehmen wollen, als Textbuch zu dienen, um ihren Weg ins Judentum oder dorthin zurück zu finden. Aber es ist auch für andere bestimmt: für die, die mit den Inkonsistenzen und Widersprüchen kämpfen, die das Judentum heute mit sich bringt, einer Mixtur aus Altem und Modernem, aus Ausschluss und Offenheit, aus Begrenzung und Grenzenlosigkeit. Das Buch beabsichtigt, Sie über den Glauben zu unterrichten, ohne Sie zum Glauben zu zwingen. Es beabsichtigt ebenso, Ihnen zu zeigen, was Sie nicht glauben sollten, indem es Aberglaube, Neurosen und den verbreiteten Missbrauch von Religion aufdeckt. Aber es ist kein Kol Bo – kein Buch, das Alles enthält. Genau das Gegenteil ist der Fall, man könnte ganze Bibliotheken mit Alternativen füllen. Falls das Lesen dieses Buches Sie dazu anregt, in einen Buchladen oder eine Bibliothek zu gehen und auch andere Bücher übers Judentum zu suchen – um zu vergleichen und zu reflektieren –, dann war es erfolgreich.