Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Ein Abgrund von Lüge
Geheimakten belegen, wie die Bundesregierung 1962 versuchte, den SPIEGEL mundtot zu machen
Ein Land erwacht
Die Deutschen solidarisieren sich mit Augstein, die Adenauer-Ära geht zu Ende
Die SPIEGEL-Affäre
Chronik der Ereignisse
Das Personal der SPIEGEL-Affäre
Drahtzieher, Helfer, Unterstützer
Unrühmliche Rolle
Wie der Bundesnachrichtendienst den SPIEGEL bespitzelte und trotzdem bei Adenauer in Ungnade fiel
1962 begann das Jahr 1968
Franziska Augstein sieht in der SPIEGEL-Affäre den Grundstein für die Proteste von 1968
„Umtaufen in Strauß-Affäre“
Interview mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt über seine Rolle in der SPIEGEL-Affäre
Bedingt abwehrbereit
Die SPIEGEL-Titelgeschichte vom 10.10.1962 über den Zustand der Bundeswehr wuchs sich zur Staatsaffäre aus
Sie kamen in der Nacht
Wie SPIEGEL-Redakteure 1962 über die Affäre berichteten
„Sie arbeiten nicht bei Al Capone“
Auszüge aus der Ansprache von Hans Detlev Becker auf der SPIEGEL-Betriebsversammlung am 29. Oktober 1962
Denk ich an Deutschland
Kommentar von Rudolf Augstein, geschrieben im Gefängnis im November 1962
„Ich habe mit der Sache nichts zu tun“
Die Lügen des Franz Josef Strauß – eine Chronik vom 28.11.1962
Lieber Spiegel-Leser!
Hausmitteilung von Rudolf Augstein zur SPIEGEL-Affäre, geschrieben im Gefängnis im Januar 1963
„Es war ein Kampf“
Interview mit Rudolf Augstein zum 40. Jahrestag der SPIEGEL-Affäre 2002
Impressum
SPIEGEL-Affäre

Vorwort

Vor fünf Jahrzehnten besetzten Polizisten die Redaktion und den Verlag des SPIEGEL, Herausgeber Rudolf Augstein und leitende Redakteure wurden verhaftet. Der Grund: Der SPIEGEL habe in einer Titelgeschichte unter der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“ militärische Geheimnisse ausgeplaudert, mithin Landesverrat begangen – so jedenfalls sah es die Staatsanwaltschaft, so sah es der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Das Ziel war klar: Der lästige SPIEGEL sollte erledigt werden. Doch die Öffentlichkeit protestierte heftig gegen diesen Angriff auf die Pressefreiheit, Strauß musste zurücktreten. Die verknöcherte Republik mit ihren autoritären Zügen lockerte sich auf. So trug die SPIEGEL-Affäre zur Demokratisierung des Landes bei. 
Den heutigen Blick auf die Affäre dokumentiert eine SPIEGEL-Serie, die 2012 nach Durchsicht freigegebener Geheimakten erschien. Inzwischen gefundene Wortlautprotokolle beispielsweise zeigen, mit welchen illegalen Methoden Strauß die Festnahme des SPIEGEL-Redakteurs Conrad Ahlers in Spanien betrieb.
In diesem E-Book sind zudem Augsteins letztes Interview zu der Affäre und die wichtigsten Artikel aus dem SPIEGEL zwischen Herbst 1962 und Frühjahr 1963 versammelt: darunter die Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“, die die Ereignisse auslöste, sowie zwei Kommentare, die Augstein im Untersuchungsgefängnis geschrieben hat. 
 
Klaus Wiegrefe
SPIEGEL-TITEL 38/2012

Ein Abgrund von Lüge

Serien-Teil 1: Geheimakten belegen, wie die Bundesregierung vor 50 Jahren versuchte, den SPIEGEL mundtot zu machen. Die dramatischen Ereignisse im Herbst 1962 gerieten zum Testfall für die Pressefreiheit. Von Georg Bönisch und Klaus Wiegrefe
Die Woche beginnt freundlich in Hamburg. Nebelschwaden, die vom Wasser her hochziehen, lösen sich bald auf. Von Osten weht ein leichter Wind, sieben Stunden lang wird die Sonne scheinen, das Thermometer klettert auf 17 Grad. Es ist Montag, der 8. Oktober 1962, 11 Uhr, im Pressehaus am Speersort 1, sechster Stock, Konferenzraum der SPIEGEL-Redaktion.
Rudolf Augstein, 38, ist wieder fit, das passt zum guten Wetter. Er leitet, wie immer, diese Konferenz. In der Woche zuvor hatte der Herausgeber mit Schwindelanfällen zu kämpfen, schon als Jugendlicher litt er daran. Er war bei seinem Hausarzt und kurzzeitig im Krankenhaus - und deswegen kaum im Büro.
Aber der Laden läuft auch ohne ihn. Augstein hat zwei tüchtige Chefredakteure und einen ebenso tüchtigen Verlagsdirektor an seiner Seite. Das Blatt ist seit gut 15 Jahren auf dem Markt, die Auflage wächst beständig. Sie nähert sich der Marke von 500 000 Exemplaren.
Der SPIEGEL ist keck, forsch, oftmals schnoddrig im Ton, er enthüllt große und weniger große Skandale, er legt sich, ganz im Gegensatz zur meist staatsgetreuen Tagespresse, gern mit Politikern an.
Auf dem Tisch liegt die Ausgabe 41/1962, 118 Seiten stark. Das Titelbild zeigt einen älteren Herrn in Uniform, der den Kopf leicht nach rechts dreht und lächelt, als hätte er soeben ein nettes Kompliment bekommen. Das Haar ist streng gescheitelt, über der sauber gebundenen Krawatte trägt der Mann das Eiserne Kreuz: Friedrich Foertsch, 62, ist Generalinspekteur der Bundeswehr, Deutschlands ranghöchster Soldat.
Die Titelgeschichte beginnt auf Seite 32. „Bedingt abwehrbereit“ heißt sie. In nüchtern-sachlichen, für SPIEGEL-Verhältnisse ungewohnt zurückhaltenden Worten beschreibt sie den Zustand der jungen Bundeswehr. Der Armee von Offizier Foertsch und der von Franz Josef Strauß, dem Verteidigungsminister im vierten Kabinett Adenauer. Strauß ist Vorsitzender der bayerischen CSU, jung, alert, schneidend intelligent - und überzeugt davon, dass nur er Konrad Adenauers geborener Nachfolger sein könne. Genau das sucht Augstein zu verhindern. Seit 1961, wird er später erklären, habe er einen „Kampf“ gegen Strauß geführt. Dessen Problem ist die Bundeswehr.
Im Kriegsfall, dies hatte das Nato-Manöver „Fallex 62“ wenige Wochen zuvor drastisch gezeigt, fehlte es an allem: Waffen, Gerät und Soldaten. Und der Kriegsfall liegt bedrohlich nahe. Berlin ist geteilt, vor kurzem noch standen sich am Checkpoint Charlie russische und amerikanische Panzer gegenüber. Fallex 62 hat auch deutlich gemacht, dass das westdeutsche Sanitätswesen unmittelbar nach Beginn eines Krieges zusammengebrochen wäre, ebenso die Lebensmittelversorgung.
Deshalb stellten die Nato-Oberen der deutschen Truppe und deren Befehlshabern ein miserables Zeugnis aus: „zur Abwehr bedingt geeignet“. Das war die schlechteste Note überhaupt. Die beste hieß: „zum Angriff voll geeignet“.
Und da das Fallex-Planspiel von einem Atomkrieg in Mitteleuropa ausging, berichteten die Autoren der Titelstory von ganz frischen und ganz brisanten Überlegungen im Verteidigungsministerium, wie ein solcher Krieg aussehen würde. Auch die Zahl der Opfer war kalkuliert worden, und der SPIEGEL druckte sie: Bis zu 15 Millionen westdeutsche Bürger würden im nuklearen Feuer oder danach sterben. Eine schreckliche Übungsbilanz.
Augstein nimmt in der Konferenz das Heft, hält es hoch und schaut in die Runde. Spöttisch fragt er: „Hat wohl keiner gelesen?“
Wer das Militärwesen und die Militärpolitik regelmäßig verfolgt, der erfährt in der Tat kaum Neues, und deshalb ist Conrad („Conny“) Ahlers, wie sein Boss Augstein einst Offizier im Zweiten Weltkrieg und nun einer der beiden Verfasser des über 8000 Wörter zählenden Stücks, kaum stolz darauf. „Eine mühsame Lektüre“, gibt er gegenüber den Kollegen zu, „nur für besonders interessierte Leser verdaulich.“
Mühselig, schwer verdaulich, kaum News - die wenig schmeichelhaften Etikettierungen stehen im Kontrast zu dem Echo, das der Artikel auslösen wird.
Denn 18 Tage später schlägt die Staatsmacht gegen den SPIEGEL los, in Hamburg, in Bonn, in Düsseldorf. Dutzende Polizisten, Beamte des Bundeskriminalamts und Soldaten des Militärischen Abschirmdienstes durchsuchen Redaktionsräume und Privatwohnungen von SPIEGEL-Leuten, nehmen nach und nach sieben Redakteure (darunter Augstein) und Verlagsmitarbeiter fest, versiegeln das Archiv, schüchtern Sekretärinnen ein - „das ganze Besteck“, wie sich später ein Fahnder erinnerte. Es sind Maßnahmen, wie sie in der noch jungen Republik nie zuvor gegen ein Presseorgan gewagt wurden.
Denn mit jener Titelstory soll der SPIEGEL Landesverrat begangen haben. Im „Dritten Reich“, an das sich alle Beteiligten noch gut erinnern, verlor man dafür leicht sein Leben, und auch nun, in Zeiten des Kalten Krieges, riskiert man 15 Jahre Zuchthaus.
Die Fahnder suchen verräterische Unterlagen, wollen das Informantennetz des SPIEGEL ausheben, besetzen wochenlang Teile von Verlag und Redaktion, was ein weiteres Erscheinen des Blattes unter normalen Umständen ausgeschlossen hätte; zum Glück helfen andere Verlagshäuser aus.
Sie hatten es, sagte Augstein im Oktober 2002, kurz vor seinem Tod, „auf die Vernichtung des SPIEGEL abgesehen“. Sie, das ist die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die das Verfahren betreibt, das ist Verteidigungsminister Strauß, der sich der Freiheitsberaubung schuldig macht, weil er Titelautor Ahlers widerrechtlich in Spanien festnehmen lässt, und das ist Kanzler Adenauer, der das Verfahren gutheißt und öffentlich zum Anzeigenboykott gegen das Magazin aufruft.
Adenauers restaurative Politik war länger schon in Agonie gefallen; den Wertewandel, den er überall bemerkte, begriff er nur als Werteverfall. Noch war seine Bundesrepublik ein verknöchertes Land, in dem Beamte die Bürger wie Untertanen behandelten, Frauen das Einverständnis ihres Ehemanns benötigten, wenn sie arbeiten wollten, Studenten sich siezten.
Aber der Beginn einer neuen Ära ließ sich nicht übersehen, die Zeit der Autoritäten wilhelminischer und hitlerscher Prägung ging bereits zu Ende. Und so provozierte die Überreaktion des Staates eine landesweite Protestwelle, die sich zur größtmöglichen Sympathiekundgebung für den SPIEGEL ausbreitete.
Allein in Hamburg zogen Tausende zu dem Untersuchungsgefängnis, in dem Augstein einsaß, und skandierten, „SPIEGEL tot - die Freiheit tot“. Es sei „schwierig, das öffentliche Interesse an der Affäre zu überschätzen“, notierte am 2. November der US-Generalkonsul in der Hansestadt, sie werde „überall diskutiert, in Restaurants, in Straßenbahnen usw.“.
Dass das Magazin den Generalangriff auf die Freiheit der Presse überlebte, lag weniger am SPIEGEL selbst als vielmehr am öffentlichen Aufbegehren der Deutschen, die inzwischen gelernt hatten, ihre Demokratie zu lieben.
Monatelang kam es zu Protesten, Demonstrationen, studentischen Sitzstreiks. Die großen liberalen Blätter der Zeit wie „Stern“, „Zeit“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Frankfurter Rundschau“ stellten sich hinter den SPIEGEL und gegen Adenauer.
Die SPIEGEL-Affäre gewann ihre Brisanz auch durch diese „neuartige Mobilisierung der Öffentlichkeit, die spontane Solidarisierung mit dem SPIEGEL, die schroffe Polarisierung zwischen Linksliberalen und Rechtskonservativen“, wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler schreibt. Eine innere Opposition formierte sich, die einem Machtwechsel zustrebte, der dann 1969 mit der Wahl Willy Brandts zum Kanzler tatsächlich erfolgte.
Und ein neues Staatsverständnis breitete sich aus. Die zweite deutsche Demokratie erlebte im Spätherbst 1962 einen „kräftigen Liberalisierungsschub“ (Historiker Heinrich August Winkler); wer fortan Politik von oben nach unten konzipiert, muss mit breitem öffentlichem Widerstand rechnen; die Staatsräson verlor den ihr bis dahin zugesprochenen Vorrang vor Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
Am Ende kamen die SPIEGEL-Mitarbeiter wieder frei, am längsten blieb Augstein in Haft: 103 Tage. Strauß hingegen musste gehen, er hatte das Parlament über seine Rolle ebenso belogen wie Adenauer, der von seinem Koalitionspartner FDP gezwungen wurde, verbindlich seinen Rücktrittstermin zu benennen.
Der SPIEGEL jedoch wurde einflussreicher und auflagenstärker denn je. Eine Ironie der Geschichte, auf die schon der Zeithistoriker Norbert Frei verwiesen hat: Ausgerechnet die regierenden Gegner des SPIEGEL hatten diesem das „größte Geschenk“ seiner Geschichte zuteilwerden lassen. Der SPIEGEL wurde zum Symbol der Pressefreiheit.
Ein halbes Jahrhundert nach diesen aufregenden, von der SPIEGEL-Affäre ausgelösten Zeiten hat sich ein Redakteursteam darangemacht, die Ereignisse zwischen 1961 und 1967 zu rekonstruieren. Tausende Blatt bis dato unbekannter Akten wurden ausgewertet - im Bundesarchiv, im Hamburger Staatsarchiv, im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und bei der Bundesanwaltschaft, die das Verfahren mit Verve betrieb; hinzu kamen Akten des Bundeskanzleramtes, des Justizministeriums und des Verteidigungsministeriums, allesamt freigegeben auf Antrag der SPIEGEL-Redaktion. Gesichtet wurden auch Vermerke des Bundesnachrichtendienstes, des Parlamentarischen Vertrauensmännergremiums und der US-Botschaft in Bonn.
In aller Regel unterlagen diese Papiere den höchsten Sekreturen: „geheim“ oder „streng geheim“. Und dies durchaus zu Recht, denn ihre Inhalte sind in vielfacher Hinsicht brisant.
So lässt sich zum Beispiel nun deutlicher als zuvor nachweisen, dass Verteidigungsminister Strauß und etliche seiner höchsten Militärs tatsächlich riskanten Plänen nachhingen. Sie wollten schon dann taktische Atomsprengköpfe zünden, wenn sie glaubten, ein sowjetischer Angriff stehe unmittelbar bevor - und diesen nicht erst abwarten. Was in der historischen Bewertung bislang als Gedankenspiel galt, als reine Analyse, war offenbar mehr: ein konkretes Szenario, das im Verteidigungsministerium favorisiert wurde.
In der atlantischen Allianz lösten die nuklearen Ambitionen von Strauß beispiellose Befürchtungen aus. So schrieb Henry Kissinger nach einem Treffen mit Strauß am 10. Mai 1961 in einem bislang unbekannten Vermerk an die US-Regierung, diese müsse dringend dafür sorgen, die amerikanischen Atomwaffen und deren Lager in der Bundesrepublik so zu sichern, dass es „physisch unmöglich“ werde, die Nuklearwaffen „zu nehmen oder einzusetzen ohne unsere Zustimmung“. Strauß sei in einer Krisensituation zuzutrauen, „die Waffen einfach zu nehmen“, also US-Atombomben zu stehlen, wenn er das im Interesse der Bundesrepublik für notwendig erachte.
Erstmals lässt sich auch belegen, was immer vermutet wurde: dass der Verteidigungsminister das Verfahren gegen den SPIEGEL zwar nicht initiierte, wohl aber nur darauf wartete, gegen das Magazin loszuschlagen. Sein Staatssekretär Volkmar Hopf wird später bei einem vertraulichen Mittagessen mit dem US-Gesandten Brewster Morris einräumen, dass sein Ministerium und auch die Bundesanwaltschaft den SPIEGEL „schon lange“ im Visier gehabt hätten - wegen des immer wieder aufkeimenden Verdachts, die Hamburger würden brisante Informationen zur „militärischen Sicherheit“ enthüllen.
Auch die Bundesanwaltschaft hatte den SPIEGEL seit Wochen auf dem Kieker - und schreckte dabei sogar vor illegalen Praktiken nicht zurück. Denn laut BND-Chef Reinhard Gehlen bat sie den Geheimdienst um „Einwirkungen auf nachrichtendienstlichen Wegen“ in der SPIEGEL-Redaktion; zwar durfte er nicht in Redaktionen schnüffeln, aber er tat es trotzdem. Die BND-Leute wollten die „zweifellos vorhandenen Ostverbindungen des SPIEGEL klären“, doch sie fanden nichts, was die Bundesanwälte gegen das Magazin ins Feld führen konnten.
Wäre es nach der Bundesanwaltschaft gegangen, hätte es am Ende etliche Anklagen mehr gegeben: gegen SPIEGEL-Journalisten, gegen Offiziere, die Strauß kritisch gegenüberstanden, gegen Bundestagsabgeordnete der SPD, auch gegen Helmut Schmidt, damals Innensenator in Hamburg.
Überall nämlich witterten die Ermittler Verrat, auch bei kritischen Militärs wie Johann Adolf Graf von Kielmansegg, nachmalig Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte in Mitteleuropa, oder Wolf Graf Baudissin, der mit Kielmansegg das Bild vom „Staatsbürger in Uniform“ entworfen hatte. Oder bei Ulrich de Maizière, später Generalinspekteur der Bundeswehr. Bundesanwalt Albin Kuhn, 52, hatte eine „weit verzweigte, gegen die Verteidigungspolitik gerichtete Verschwörung“ ausgemacht, die „auf Bekämpfung“ dieser Politik mit kriminellen Mitteln ausgerichtet sei: durch Verrat.
"Sprechtafel" für die Observationsteams des Militärischen Abschirmdienstes
"Sprechtafel" für die Observationsteams des Militärischen Abschirmdienstes
In Wahrheit war der SPIEGEL weder das Sprachrohr von Verschwörern, noch gefährdete er die junge Demokratie - vielmehr ging die Gefahr von den angeblichen Beschützern der Republik aus.
Den „Abgrund von Landesverrat“, wie Adenauer die SPIEGEL-Story genannt hatte, gab es nicht. Jedoch hat sich auch die Perspektive mit den Jahren und mit den Inhalten der jetzt einsehbaren Dokumente verändert. Dies zeigt sich bei Betrachtung der Antagonisten Strauß, 47, und Augstein, 38.
Ausgerechnet Strauß, das „Kraftwerk ohne Sicherung“ (Helmut Schmidt), hatte in entscheidenden politischen Fragen richtiggelegen. Strauß förderte die Bindung der Bundesrepublik an den Westen, er war für die Nato, für die europäische Integration - und selbstverständlich für die Bundeswehr.
Augstein hingegen bekämpfte erbittert die adenauersche West-Integration, weil er fürchtete, sie könnte irgendwann ein Hindernis sein für die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Eine Zeitlang sympathisierte er sogar mit jenem rechten Flügel der FDP, deren Repräsentanten die Nähe ewiggestriger Wähler suchten. In der SPIEGEL-Affäre trat dann freilich Strauß die Werte des Westens mit Füßen, der einstige Nationalliberale Augstein wurde hingegen zur Symbolfigur für die Pressefreiheit.
 

Ein besorgter Oberst plaudert

Bensberg, das Tor zum Bergischen Land, ist eine beschauliche Kleinstadt mit gut 31 000 Einwohnern, nach Bonn sind es rund 40 Kilometer. Nicht weit vom prächtigen Schloss entfernt befindet sich, im Ortsteil Moitzfeld, ein weniger hübsches Gebäude. In dem früheren Kinderheim ist eine Dependance des Verteidigungsministeriums untergebracht - der „Stab für Nato-Übungen“.
Ende 1961, kurz vor Weihnachten, trifft sich hier eine Reihe hochrangiger Offiziere. Ihr Auftrag: ein „verbindliches Kriegsbild“ zu entwerfen. Wie also ein künftiger Krieg, der dritte Weltkrieg, verlaufen könnte - und welche Rolle der jungen Bundeswehr dabei zugedacht werden müsse. Vor allem aber soll untersucht werden, welche „Überlebenschancen“ die „gesamte Nation (militärisch und zivil)“ habe.
Die Zeit drängt, die neue US-Regierung unter John F. Kennedy will einen Paradigmenwechsel in der Verteidigungspolitik. Statt die Sowjetunion durch Androhung eines massiven Atomschlags abzuschrecken, will Washington durch eine Verstärkung der herkömmlichen Streitkräfte beeindrucken: mehr Soldaten, mehr Gewehre, mehr Panzer und Kanonen, mehr Schiffe, mehr Flugzeuge.
So denkt auch der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt, in der SPD gilt er bereits damals als einer der fähigsten Köpfe. Eine „Aufrechterhaltung“ des „allgemeinen nuklear-strategischen Vergeltungskonzepts ist töricht“, schreibt der Ostfrontsoldat von 1941/42 in einer vielbeachteten Studie: „Die These von der Unvermeidbarkeit nuklearer Verteidigung ist tödlicher Unfug.“ Auch Augstein gefällt die Idee der Amerikaner. Eine konventionelle Verstärkung, sagt er, könne der „Anfang von einem atomaren Disengagement in Mitteleuropa sein“.
Franz Josef Strauß hingegen hängt an der alten Nuklearstrategie. Ein Atomsprengkopf, tönt er, ersetze eine ganze Brigade Soldaten und sei zudem billiger. Er muss vielleicht so reden, weil sein Ministerium es nicht schafft, aus Soll-Stellen Ist-Stellen zu machen. „You are nuclear obsessed“, er sei von Atomwaffen besessen, raunzt ihn Henry Kissinger an, der spätere US-Außenminister.
Diese Obsession teilt Strauß mit etlichen Spitzenkräften des Verteidigungsministeriums. Sein Sprecher Gerd Schmückle schreibt in der konservativen Zeitung „Christ und Welt“, es werde in Europa „keinen konventionellen Krieg mehr geben, da beide Seiten atomar bewaffnet sind. Auch dort, wo nur mit konventionellen Waffen geschossen wird, sind die Truppen gezwungen, die Taktik der atomaren Kriegführung anzuwenden“.
Etliche Offiziere im Strauß-Ministerium denken ganz anders, vor allem die des Heeres. Einer von ihnen ist Oberst Alfred Martin aus dem Führungsstab des Heeres. Fast drei Jahre lang saß er bei Shape, dem Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa; im Krieg verlor er einen Unterschenkel, immer wieder plagen Martin starke Entzündungsschmerzen.
Prinzipiell ist der Oberst kein Gegner von A-Waffen - jedoch ein strikter Gegner der Strategie des „vorbeugenden Atomschlags“. Im März 1960 hatte er dem SPIEGEL einen Brief geschrieben, aus Sorge, die militärpolitische Konzeption der Amerikaner und der Deutschen könne „in Dissonanz geraten“. Ein mutiger Schritt, heraus aus dem Geheimbereich Bundeswehr. Eine Antwort bekam Martin von der Redaktion nicht.
Der Stabsoffizier ist in Bensberg nicht dabei. Albert Schnez, der Stabschef der Bundeswehr, kippt den ursprünglichen Plan, alle möglichen Formen eines Krieges zu untersuchen. Stattdessen weist Schnez an, so berichtet später ein Teilnehmer den ermittelnden Bundesanwälten, dass sich die „Untersuchung nur auf den nuklearen Krieg“ erstrecke.
Erarbeitet wird ein Szenario A: „Die Sowjets beginnen den Krieg mit einem atomaren Überfall“ (O-Ton Schnez).
Und ein Szenario B: „Der Westen schlägt atomar zuerst zu 1. gegen einen bereits laufenden, jedoch mit herkömmlichen Waffen geführten sowjetischen Großangriff (entsprechend der damals gültigen Nato-Doktrin -Red.) 2. Pre-emptive, d. h. gegen einen einwandfrei erkannten feindlichen Großangriff ganz kurz bevor dieser losbricht.“
Alles „rein analytisch“, sagt Schnez: „Keine strategische Planung.“ Die Analyse ergibt, dass die Bundesrepublik bei der angenommenen Lage A so gut wie ausradiert wird. Im Fall B errechnen die Experten eine „geringere Schadensquote“.
Erstmals taucht damit der Begriff „preemptive strike“ in einer Strategiediskussion unter Bundeswehr-Oberen auf, und Augstein ist sich später sicher, dass dieser Begriff das „Schlüsselwort der SPIEGEL-Affäre“ gewesen sei.
Was in Bensberg besprochen wurde, beherrscht schon bald den Flurfunk des Verteidigungsministeriums. Das Offizierskorps scheint geteilt: hier die Strauß-Leute, dort eine Fronde gegen die Atompläne des Ministers. Zudem wissen einige Militärs, dass ein „preemptive strike“ sich fundamental unterscheidet vom sofortigen Atomwaffeneinsatz, den die Nato-Strategie im Konfliktfall vorsieht.
Auch Oberst Martin sieht darin einen „eklatanten“ Verstoß gegen den Geist der Nato-Verträge, die Bundeswehrstrategie würde „auf Misstrauen und Ablehnung“ bei den Verbündeten stoßen und „Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit hervorrufen“.
Der Offizier malt ein finsteres Bild: Der Schlag „würde hauptsächlich deutsches Land, deutsche Kultur und deutsche Bevölkerung beiderseits des Eisernen Vorhangs der Vernichtung aussetzen“. Der „wohl entscheidendste Punkt“ für ihn: Dem Bundeskanzler, davon ist er überzeugt, sei eine „entschärfte Fassung“ der Pläne vorgelegt worden.
Oberst Martin handelt.
Er wendet sich an einen Bekannten, der zu den Mandanten des Rechtsanwalts Josef Augstein zählt, des älteren Bruders des SPIEGEL-Herausgebers. Und schon bald kommt es in Hamburg zu einem Treffen mit Rudolf Augstein und dessen Redakteur Ahlers.
Martin trägt vor, und Augstein ist schnell überzeugt, mit diesen Informationen erstmals eine „Gesamtschau der strategischen Entwicklung zwischen West und Ost“ veröffentlichen zu können. Die „fehlt einfach in Deutschland“, während sie in den USA, Frankreich und Großbritannien „publizistisch bekanntgegeben“ würde.
Ahlers geht ans Werk, mehrfach trifft er sich im Lauf des Frühjahrs und des Sommers mit Martin und anderen hohen Offizieren. Auch Helmut Schmidt, einen Studienfreund, befragt Ahlers und schlachtet dessen aufsehenerregende Studie aus. Seine Erkenntnisse fasst er in einem elfseitigen Exposé zusammen, aufgeteilt in drei Kapitel. Zum „preemptive strike“ notiert Ahlers, dieser sei geplant mit „rund 350 Einsätzen“ von Jagdbombern, bestückt mit Sprengkörpern, deren Vernichtungskraft in etwa dem 20fachen der Hiroshima-Bombe entspricht.
Rudolf Augstein ist entsetzt und informiert den SPD-Bundestagsabgeordneten Gustav Heinemann. Der SPIEGEL-Chef schreibt, dies alles müsse doch „völlig unglaubhaft und geradezu haarsträubend erscheinen“. Dieser Brocken, so Augstein, hänge „über uns“, und keinesfalls wolle er darauf verzichten, „ihn durch eine Dynamitladung abzusprengen“.
Ahlers schreibt die Geschichte auf, sie soll am 26. September als Titel erscheinen. Doch Augstein verschiebt die Veröffentlichung. Er lässt eine andere Strauß-Story drucken, sie trägt die Überschrift „Onkel Aloys“. Es geht um die angebliche Vetternwirtschaft des Bayern. Einerseits ist die Verschiebung redaktioneller Taktik geschuldet - wenn „Onkel Aloys“ zuerst erscheint, würde Strauß es kaum wagen, gegen das Militärstück zu schießen. Das würde, so die Hoffnung, als billige Retourkutsche verpuffen.
Andererseits will er Ahlers und Hans Schmelz, dem Co-Autor, mehr Zeit für Sorgfalt geben. Er scheint zu befürchten, dass ansonsten das Ministerium die Gelegenheit hätte, „uns einen Geheimnisverrat zu unterstellen“.
Landesverrat ist nämlich in Redaktionen landauf, landab ein allgegenwärtiges Thema. Max Güde, bis 1961 Generalbundesanwalt, hatte darüber vor dem Deutschen Presserat referiert, und der Text des Vortrags war Anfang 1962 beim SPIEGEL verteilt worden. Güde warnte nachdrücklich, durch zu große Offenheit das „Wohl der Bundesrepublik zu beeinträchtigen“. Es ist die hohe Zeit des Kalten Krieges, und selbst halbwegs liberale Köpfe wie Güde wittern überall Verrat.
Auf der jährlichen Korrespondententagung weist die Chefredaktion ausdrücklich darauf hin, bei allen Themen zu Strauß und zur Militärpolitik akribisch zu sein. Augstein: „Kinder, passt auf! Die hängen uns noch mal was an.“
Allerdings ist die Rechtslage so, dass politische Autoritäten durchaus mit geheimen Dokumenten spielen können. Landesverrat ist definiert als der Verrat von „Staatsgeheimnissen“, und was ein Staatsgeheimnis ist, definiert die Bundesregierung gern selbst. Wenn es dem Verteidigungsminister gelegen kommt, zitiert er bedenkenlos aus Geheimpapieren.
Titelautor Ahlers sichert sich ab, indem er sich mit Jürgen Brandt, Major an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, austauscht. Das Thema Geheimschutz kommt auch zur Sprache, als Ahlers am Ende seiner Recherchen noch einmal das Urteil von Helmut Schmidt einholt und ihm das Manuskript zu lesen gibt.
Schmidt macht Kreuze am Rand, unterstreicht das eine oder andere Wort. „Na, Conny“, sagt er, „ist denn das nicht geheim? Das muss aber geprüft werden.“
SPIEGEL-Titelbild 41/1962
SPIEGEL-Titelbild 41/1962
Auch dies tut die Redaktion. Sie wendet sich an den Bundesnachrichtendienst in Pullach, zu dem SPIEGEL-Verlagsdirektor Hans Detlev Becker gute Kontakte pflegt. Die BND-Agenten sind schon deswegen hilfsbereit, weil sie hoffen, auf diese Weise an das Manuskript heranzukommen. Aus der Redaktion erhalten sie aber nur zwei Listen mit 13 Fragen - in 7 Fällen Fachfragen, in den anderen geht es um Geheimnisverrat.
Ahlers fragt, ob er schreiben dürfe, dass „Atomwaffenlager in den Aufmarschräumen der Nato-Truppen versteckt sind“. Das hält der BND für unproblematisch. Die Geheimdienstler geben auch die Formulierung frei, die Kriegsbildstudie trage in sich den „Gedanken eines ,vorbeugenden Schlages' der Nato gegen sowjetische Raketen-Abschussbasen“. Nur einmal reklamiert Pullach „Geheimschutz“, und Ahlers folgt dem Hinweis.
 

Bubacks folgenschweres Telefonat

Karlsruhe, ein neobarocker Palast in einer Grünanlage, ehedem das Schloss des letzten badischen Großherzogs Friedrich II. - und seit Anfang der fünfziger Jahre Sitz des Bundesgerichtshofs und des Generalbundesanwalts. Es ist der 8. Oktober 1962, in den Geschäften liegt seit den Morgenstunden der SPIEGEL mit dem Foertsch-Titel aus.
In einem fensterlosen Saal verhandelt der 3. Strafsenat; Bundesanwalt Kuhn vertritt die Anklage. In einer Verhandlungspause wird ihm zugeraunt, der SPIEGEL habe einen kritischen Artikel veröffentlicht. Der Ankläger lässt sich das Heft bringen und liest. Sein erster Eindruck: Die Autoren müssen etliche Gespräche mit Informanten geführt haben. Aber er fragt sich, so hat er es in einer späteren Vernehmung formuliert, ob diese Details wirklich „geheimhaltungsbedürftig“ seien.
Also will er sich schlaumachen. Kuhn bittet einen Kollegen, den Ersten Staatsanwalt Siegfried Buback, in Bonn anzurufen, beim Justitiar im „Amt für Sicherheit der Bundeswehr“, das zum Verteidigungsministerium gehört. Es ist ein folgenschweres Telefonat für den SPIEGEL - weil Buback um die Erstellung eines Gutachtens bittet. Bei jener Behörde, die im Artikel so heftig attackiert wurde; und die alle militärischen Vorgänge am liebsten in Panzerschränken wegsperrt.
Zuständig für Expertisen solcher Art ist der Oberregierungsrat Heinrich Wunder, 38, ein Franke, knapp drei Jahre lang war er Soldat im Zweiten Weltkrieg.
Kuhn und Buback kennen Wunder, schließlich hat er einmal bei der Bundesanwaltschaft gearbeitet. Und er scheint genug Erfahrung zu besitzen, wohl 30 Gutachten hat er bereits formuliert. Nun jedoch muss Wunder sich mit einem Fall beschäftigen, bei dem es „um hoch diffizile strategische Fragen“ geht, und sich, so sagt er später aus, mit dem „Problem der Vorveröffentlichungen“ befassen. Was schon einmal beschrieben wurde, kann naturgemäß nicht mehr verraten werden.
Wunder bittet die Pressestelle seines Ministeriums zu klären, „ob die in dem Artikel erwähnten Einzelheiten in vollem Umfang“ bereits publiziert worden seien. An das Bundespresseamt und das Archiv des Deutschen Bundestags, weitaus besser sortiert, wendet er sich nicht - „wegen der angeordneten Geheimhaltung“.
Die Pressestelle liefert Krümelkram, nur zehn ausländische Zeitungen werden hier ausgewertet. Und da Wunder zwar viel von Strafrecht und von seinem Promotionsthema Zollrecht versteht, aber nichts von internationaler Militärpolitik, sucht er sich im Organigramm des Verteidigungsministeriums einen Spezialisten als Helfer heraus: den Oberst im Generalstab Hans-Joachim von Hopffgarten.