Inhaltsverzeichnis

Nelson Mandela
„Held der Freiheit“
Ein Nachruf von Jan Puhl. SPIEGEL ONLINE vom 5. Dezember 2013.
„Madibas Magie“
Nelson Mandelas Tod erschüttert Afrika. SPIEGEL-TITEL vom 9. Dezember 2013.
„Am Ende des Regenbogens“
Wie der Afrikanische Nationalkongress das Erbe Nelson Mandelas ruiniert. Kasten zum SPIEGEL-Titel vom 9. Dezember 2013.
„Vergitterte Freiheit“
Obama auf Robben Island. SPIEGEL ONLINE vom 30. Juni 2013.
„Die Regenbogen-Nation“
SPIEGEL-SPECIAL GESCHICHTE vom 22. Mai 2007.
„Mandelas langer Weg zur Freiheit“
Eine touristische Spurensuche. SPIEGEL ONLINE vom 15. Dezember 2003.
„Sieg der Knechte“
Stunde Null am Kap. Das einstige weiße Herrenvolk der Buren tritt seine Macht an die schwarze Mehrheit ab. SPIEGEL-TITEL vom 15. April 1994.
„Handschlag mit den Herrenmenschen“
Über den späten Triumph des Nelson Mandela. Report zum SPIEGEL-Titel vom 25. April 1994.
„Nie mehr so, wie es war“
In einem historischen Kompromiss einigen sich ANC-Chef Nelsen Mandela und Südafrikas Staatschef Frederik Willem de Klerk auf eine neue Verfassung. DER SPIEGEL vom 22. November 1993.
„Tag der Befreiung“
SPIEGEL-Gespräch mit Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela über das neue Afrika. DER SPIEGEL vom 22. November 1993.
„Rivalen und Verbündete“
Friedensnobelpreis für Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk. DER SPIEGEL vom 18. Oktober 1993.
„Weiße haben nichts zu fürchten“
SPIEGEL-Gespräch mit Nelson Mandela über die Zukunft Südafrikas. DER SPIEGEL vom 11. Juni 1990.
Impressum

Nelson Mandela

(1918 - 2013)
Gespräche und Artikel
aus dem SPIEGEL    
mit einem Nachruf    
von Jan Puhl
SPIEGEL ONLINE vom 5.12.2013
NACHRUF AUF NELSON MANDELA

Held der Freiheit

Mit Nelson Mandela hat die Welt einen der größten Kämpfer gegen die Unterdrückung verloren, einen Jahrhundertpolitiker, der für seinen Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika jahrzehntelang im Gefängnis saß. Und der am Ende zusehen musste, wie die Nachfolger sein Werk gefährdeten.
Nelson Mandela wollte sich in das Land seiner Väter zurückziehen. Der Mann, der die Geschichte Afrikas wie kein anderer verändert hatte, liebte im Alter den Blick auf die ruhige Hügellandschaft der Provinz Ostkap. Doch statt in seinem beschiedenen Heim im Dorf Qunu sanft zu entschlafen, starb Mandela nach langem Kampf in seinem von Medien umlagerten Haus in Johannesburg.
„Sein Lebenslicht weicht langsam“, hatte seine Frau Graça Machel schon vor einem Jahr betrübt mitgeteilt. Was dann folgte, war ein monatelanges Ringen mit dem Tod, ein altes Lungenleiden macht dem Helden zu schaffen. Mal durfte er nach Hause, mal musste er mit Blaulicht ins Krankenhaus, ein zermürbendes Hin- und Her. Am Donnerstagabend war es Südafrikas Präsident Jacob Zuma, der die Nachricht vom Tode Mandelas überbrachte: „Unsere Nation hat ihren größten Sohn verloren.“
95 Jahre alt wurde Nelson Rolihlahla Mandela, den zuletzt alle Südafrikaner egal welcher Hautfarbe nur liebevoll „Madiba“ nannten. Madiba war schon zu Lebzeiten ein Heiliger, geliebt von der ganzen Welt, ein „Mahatma Gandhi Afrikas“ (Bill Clinton), noch bis in die letzten Jahre gingen bei seinem Büro etliche Interviewanfragen und Einladungen ein. Die südafrikanische Regierung hat auf die Rückseite der Rand-Banknoten mit den „Big Five“, Löwe, Elefant, Nashorn, Büffel und Leopard, Mandelas freundliches Gesicht setzen lassen.
Als er vor fünf Jahren seinen 90. Geburtstag feierte, kamen 46.664 begeisterte Gratulanten zu einem Benefizkonzert in London. 466/64 war auch die Nummer des berühmtesten Häftlings der Welt, jenes Mannes, der nach 27 Jahren ohne Groll das Gefängnis verließ, der seinen Gegnern am Verhandlungstisch das Ende der Apartheid abtrotzte, der verhinderte, dass die friedliche Revolution der Schwarzen und Farbigen gegen die Diktatur der Weißen doch noch in ein Blutbad mündete.
 

„Ein gewöhnlicher Mensch“

Doch es sind nicht allein die politischen Verdienste, die die weltweite „Mandelamania“ begründen, sondern sein Charisma, seine Milde und gleichzeitig seine Beharrlichkeit. Mandela galt als Chiffre für Güte und Weisheit. Seine Aufrichtigkeit verlieh ihm Autorität. Jene, die ihn einmal trafen, berichten von einer entwaffnenden Fähigkeit, sich auf den Gegenüber einzulassen, von einer unerschütterlichen Selbstsicherheit.
Sogar seine bunten Batikhemden begründeten zumindest Afrika-weit einen Modetrend. Verehrung wurde ihm so selbstverständlich und umfassend zuteil, dass er immer wieder betonen musste, er sei „kein Messias“, sondern „ein gewöhnlicher Mensch“.
Doch der Held Madiba hat auch eine tragische Seite: Sie besteht darin, dass seine Partei, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), auf dem besten Wege ist, Mandelas politisches Erbe zu verspielen. Im August 2012 schossen vor der Marikana-Mine im Nordwesten des Landes überwiegend schwarze Polizisten protestierende schwarze Minenarbeiter zusammen - ein Fanal, das beklemmende Erinnerungen weckt an die Massaker des Apartheid-Regimes, zum Beispiel an Sharpeville 1960 als 69 Schwarze im Kugelhagel der weißen Polizei starben.
Nahezu unangefochten herrscht der ANC seit 1994 über Südafrika, und der Ruf der alten Kampforganisation ist schwer lädiert. Es ist dem ANC nicht gelungen, die enorme Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen. Die Partei tut sich schwer mit der Demokratie, gilt als hochkorrupt. ANC-Funktionäre beherrschen den Staatsapparat und viele Wirtschaftszweige. Sie versorgen auch ihre Familien, Freunde und Seilschaften mit einträglichen Posten. Das neue Image des ANC überschattet allmählich den Nimbus des historischen Sieges über das rassistische Apartheid-Regime.
Mandelas Nachfolger als Präsident der Regenbogennation - wie sich das neue Südafrika gerne nennt - ist Jacob Zuma, ein Zulu-Traditionalist mit mindestens vier Frauen. Öffentlich bekannte er einst, eine heiße Dusche nach dem Sex für einen probaten Schutz vor Aids zu halten. Bei Auftritten vor Anhängern schreckte er nicht davor zurück, Schlachtrufe wie „Bringt mir mein Maschinengewehr“ anzustimmen. Einer seiner Top-Berater war tief in eine Korruptionsaffäre um die Anschaffung von Rüstungsgerät verstrickt. Ein Verfahren gegen Zuma selbst wurde erst kurz vor seiner Wahl 2009 niedergeschlagen.
Dabei gehört Zuma zur alten Riege der Befreiungskämpfer. Wie Mandela saß er auf Robben Island, der Gefängnisinsel vor Kapstadt, ein. Zuma, ein junger Heißsporn, soll damals von den älteren Gefangenen überhaupt erst richtig lesen gelernt haben. Es war jene Zeit, als noch nicht abzusehen war, dass das eiserne Regime der Weißen über Südafrika jemals zusammenbrechen würde.
 

Der Aufstieg des Unruhestifters

Mandela, geboren 1918, ist in einem System aufgewachsen, in dem eine kleine weiße Minderheit die schwarze Mehrheit unterdrückte. Die totale Trennung der Menschen nach Hautfarben durchdrang alle Lebensbereiche. Die Weißen hatten sich zu Herren aufgeschwungen, die die Schwarzen in bestimmte Viertel verbannten, sie in Armut und Unwissenheit hielt und ihnen jede Aufstiegsmöglichkeit versagten. Mandela, Sohn eines Tembu-Häuptlings in der Transkei, hieß in der Stammessprache Rolihlahla, was umgangssprachlich „Unruhestifter“ bedeutet - ein Name, dem er gerecht werden sollte.
Als einer der wenigen mit seiner Hautfarbe ergatterte er eine höhere Bildung, studierte zunächst an der einzigen Schwarzen erlaubten Universität in Fort Hare. Mandela geht nach Johannesburg, wird Praktikant in einer Anwaltskanzlei, studiert Jura und gründet später mit seinem Freund Oliver Tambo die erste schwarze Anwaltssozietät.
Und er kostet das Stadtleben aus: „Er war ein Township-Held, ein Mann der Frauen, ein Tänzer und ein Boxer“, schreibt sein Biograf Anthony Sampson. Die Politik interessiert ihn erst allmählich, dank dem Einfluss seines langjährigen Freundes Walter Sisulu. Dafür ist Mandela ein Leben lang dankbar: „Von der Herkunft war ich zum Herrscher geboren, aber Sisulu half mir zu begreifen, dass meine wahre Berufung war, dem Volk zu dienen.“
1944 gründen Mandela, Tambo und Sisulu die Jugendliga des ANC. Dessen Ziel ist, ein Südafrika zu schaffen, in dem die Hautfarbe keine Rolle spielt, nicht ein multirassistischer, sondern ein nicht-rassistischer Staat - der ANC will die Weißen ausdrücklich nicht ins Meer treiben.
Die schwarze Bewegung radikalisiert sich nach dem Massaker von Sharpeville. Mandela wird Befehlshaber der neu gegründeten Kampforganisation des ANC, „Umkhonto we Sizwe“ (Speer der Nation). Er war nie ein Pazifist, neben die Strategie des zivilen Ungehorsams gegen das Regime, traten Attentate, nicht gegen Menschen, sondern gegen symbolische Gebäude, auf die Infrastruktur der Weißen.
 

Selbst den ärgsten Feind mit Würde behandeln

Im Spätsommer 1962 wird Mandela festgenommen und unter anderem wegen Protestaktionen zu fünf Jahren verurteilt. Ein Jahr später steht er mit weiteren Mitangeklagten erneut vor Gericht, im berühmten Rivonia-Prozess. Als Hauptangeklagtem wird ihm die Verantwortung für zahlreiche Sabotageakte zur Last gelegt. Der Staatsanwalt fordert die Todesstrafe. Mehr als 30 Jahre später, als Präsident, lud Mandela ihn zum Essen ein. Es ist dieses Bemühen, selbst den ärgsten Feind mit Würde zu behandeln und verstehen zu wollen, das Mandelas Glaubwürdigkeit ausmacht.
Der Richter folgt dem Staatsanwalt nicht, sondern verhängt lebenslänglich: Die Angeklagten jubeln wie nach einem Freispruch, hatten sie doch untereinander vereinbart, gegen ein Todesurteil keine Berufung einzulegen, sondern sich dem Henker zu überantworten. „Wir würden in einer Wolke des Ruhms verschwinden. Das ist der Dienst, den wir unserer Organisation und unserem Volk erweisen können“, erklärte Mandela damals einem Freund.
Für 27 Jahre sollte Mandela im Gefängnis verschwinden: Auf Robben Island ist er den Schikanen der Wärter ausgesetzt. Er leidet aber am meisten darunter, nicht bei seiner Frau Winnie und seinen fünf Kindern sein zu können. Er schuftet im Steinbruch der Insel, als einer seiner Söhne bei einem Autounfall ums Leben kommt. Systematisch versucht die Lagerführung, die schwarzen Gefangenen zu brechen. Zu Anfang dürfen sie nicht einmal lange Hosen tragen, Shorts sollen auch äußerlich klarmachen: Schwarze und schon gar schwarze Gefangene sind keine vollwertigen Menschen, eher ungezogene Schuljungen.
Mandela protestiert so lange, bis ihm ein Wächter eine alte Khakihose hinwirft. Mandela wäre nie Madiba geworden, wenn er sich damit zufriedengegeben hätte. Er legt das Geschenk nicht an, bis allen seinen Mitgefangenen lange Beinkleider erlaubt werden.
 

Die Zeit des Wandels

Gegen die Tristesse hält er sich mit Sportübungen fit, im Gefängnisgarten zieht er Gemüse - manchmal gibt er sogar den Wächtern etwas ab. Mandela organisiert beharrlich den passiven Widerstand gegen die Willkür. Doch persönlich bringt er keinen Hass gegen die Handlanger des Rassistenregimes auf. Einer der Wächter wird gar sein Freund.
Ab Anfang der achtziger Jahre liegt Wandel in der Luft. Mandela verlässt die Insel, wird im Pollsmoor- und ab 1988 im Victor-Verster-Gefängnis inhaftiert. Er genießt Privilegien, bewohnt einen eigenen kleinen Bungalow mit Swimmingpool.
Das Regime biedert sich beim Staatsfeind Nummer eins an. Und Mandela erkennt dessen Schwäche: Der Sowjetblock wankt, die kommunistische Bedrohung verblasst, die immer als Legitimation für das Apartheid-Regime hatte herhalten müssen. Die Machthaber sind isoliert, internationale Wirtschaftssanktionen treiben sie weiter in die Enge.
Mandela darf jetzt manchmal Ausflüge machen. Seine Bewacher lassen ihn gar unbewacht. Doch er flieht nicht, er weiß, die Zeit arbeitet für ihn und die Sache der Schwarzen.
Es gehört zu seinen größten politischen Leistungen, die Avancen des Regimes nicht ausgeschlagen zu haben. Auf sich allein gestellt, ohne sich mit den Getreuen aus dem ANC beraten zu können, führt er vorsichtig „Gespräche über Gespräche“. Schließlich macht Präsident Pieter Willem Botha 1985 das Angebot, Mandela freizulassen unter der Bedingung, er möge der Gewalt abschwören. Der Gefangene ist aber nicht bestechlich. „Ich kann mein angeborenes Recht nicht verkaufen. Nur freie Menschen können verhandeln“, entgegnet Mandela.
1990 gesteht das Regime seine Niederlage ein: Der neue Präsident, Frederik Willem de Klerk, läutet am 2. Februar das Ende der Apartheid ein und hebt das Verbot des ANC auf. 150 Millionen Menschen verfolgen an den Bildschirmen wie Mandela wenige Tage später das Gefängnis verlässt, die Faust kämpferisch in die Höhe gestreckt. Mandela verhandelt den sanften Übergang der Macht herbei. De Klerk und er erhalten dafür den Friedensnobelpreis.
 

Das Blutbad bleibt aus

1993, vor den ersten freien Wahlen, steht das Land vor einem Bürgerkrieg. Bewaffnete weiße Rechtsextremisten, Zulu-Separatisten und ANC-Kämpfer liefern sich Schießereien. Es gibt Tote jeden Tag. Da erschießt ein weißer Fanatiker den charismatischen Kommunisten Chris Hani. Madiba legt sein ganzes moralisches Gewicht und sein Charisma in eine Rundfunkrede, die eine Explosion der Gewalt verhindern soll: „Heute Abend wende ich mich tief bewegt an jeden einzelnen Südafrikaner, schwarz oder weiß. Ein weißer Mann voller Vorurteile und Hass beging eine abscheuliche Tat, dass unsere ganze Nation am Rande eines Desasters dahinschwankt“, sagt er und lobt aber auch eine „weiße Frau burischer Abkunft“, die geholfen hat, den Mörder zu finden. Das Blutbad bleibt aus.
1994 bildet Mandela mit de Klerk eine Regierung der nationalen Einheit. Die Schwarzen übernehmen einen ineffizienten, bürokratischen Staat, wirtschaftlich ruiniert, mit gewaltigen sozialen Unterschieden zwischen den Hautfarben.
Nach fünf Jahren tritt Mandela freiwillig als Präsident zurück - auch darin ist er ein unerreichtes Vorbild für viele afrikanischen Führer.
Privat hat er sich von der machtgierigen, in Skandale verwickelten Winnie Mandela getrennt, er heiratet Graça Machel, die Witwe des früheren Präsidenten von Mosambik. Seine öffentlichen Auftritte werden immer seltener. Madiba, der gerne im Jubel der Mengen schwelgte, möchte sich nicht mal zur Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 beklatschen lassen. Dass die Spiele am Kap stattfinden, ist auch ein Verdienst des fußballverrückten Greises. Doch kurz vorher kommt seine Urenkelin auf dem Rückweg vom Eröffnungskonzert in Johannesburg bei einem Verkehrsunfall ums Leben.
Sein Leben lang hatte seine Familie auf ihn verzichten müssen. Seine Kinder haben ihn erst nach der Haftentlassung wirklich kennengelernt. Das hatte Mandela mehr geschmerzt als Gefangenschaft und Erniedrigung. Jetzt will er ein bisschen aufholen. Bis zum Ende ist er nie mehr allein. So auch in seinen letzten Stunden, als sich seine Familie im Haus in Johannesburg versammelt - und Abschied nimmt.
Jan Puhl
SPIEGEL-TITEL 50/2013

Madibas Magie

Er befreite die Schwarzen, einte sein Land, wurde zum Idol für Millionen in aller Welt, zu einem Superstar. Nelson Mandelas Tod erschüttert Afrika, sein Leben wird zu einer Legende - größer als der Mann selbst.
Genadendal, die Residenz des südafrikanischen Präsidenten in Kapstadt. Der Herr des Hauses betrat den Salon. Ging er nicht ein bisschen gebückter? Sah er nicht älter, grauer aus? Wirkte er nicht erschöpft? Er trug, leger wie meistens, eine weiße Leinenhose, dazu eines seiner Ethno-Hemden, erdnussbraun mit schwarzen Ornamenten. Ein fester Druck einer großen Maurerhand, ein hinreißendes Lächeln. Dann saß er im Sessel unter einem Gemälde, das indische Frauen im zinnoberroten Sari zeigt: Nelson Mandela, Präsident des neuen Südafrika, bereit zum Interview.