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Band 41

Spiegel des Bösen

 

von Michael J. Parrish & Christian Montillon

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Torn – Wanderer der Zeit" by Michael J. Parrish

 

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der Autoren-

und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

 

Titelbild: Günther Nawrath

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

 

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

Inhalt

 

Spiegel des Bösen

 

Was bisher geschah

 

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Epilog

Anhang

 

Vorschau

Glossar

 

 

 

Was bisher geschah

 

Mein Name ist Torn.

Ich war der letzte der Wanderer.

Dies ist meine Geschichte ...

Der Elitesoldat Isaac Torn nimmt an einem Zeitreiseexperiment teil und stößt damit unwissentlich das Tor zum Subdaemonium auf, wodurch das Heer der dämonischen Grah'tak entfesselt wird und über die Welten der Sterblichen herfällt. Von den Lu'cen, den mächtigen Richtern der Zeit, kann der Untergang in letzter Sekunde abgewendet werden.

Als Wiedergutmachung wird Torn in ihre Dienste gestellt: Als Nachfolger der legendären Wanderer reist er durch Raum und Zeit, um gegen die verbliebenen Grah'tak zu kämpfen.

Ausgestattet mit einer Plasmarüstung, die ihre Gestalt wandeln kann und seinem Lux, dem Schwert des Lichts, ist es seine Mission, die Sterblichen zu beschützen – die Festung am Rande der Zeit wird dabei seine neue Heimat.

Doch Torn leidet unter der Einsamkeit, die ihm auferlegt wurde. Als er seiner Vergangenheit, die die Lu'cen aus seinem Gedächtnis löschten, näher kommt, bricht er das Gesetz der Wanderer: Er schont das Leben von Mathrigo, dem Herrscher der Grah'tak, um die Sterbliche Callista zu retten. Daraufhin verbannen ihn die Lu'cen aus der Festung, und eine gefährliche Odyssee durch Raum und Zeit beginnt …

Die erste Station seines Exils führte Torn ins alte Rom, wo er sich auf die Suche nach dem alles vernichtenden Pal'rath begab. Seine nächste Mission führte Torn ins sagenumwobene Atlantis. Die Grah'tak versuchten, die letzte Kolonie der Wanderer zu vernichten. Mit Hilfe neuer Freunde und Verbündeter gelang es Torn jedoch, ihren Angriff zu stoppen. Nach dieser Mission trug das Vortex Torn ins alte Japan, wo er auf der Suche nach Darkon dem Schwertmeister den Weg des Kriegers beschritt und dabei seinen schlimmsten Gegner fand – sich selbst. Das Gute in Torn behielt jedoch Oberhand, und durch eine List der Lu'cen gelang es, die Grah'tak glauben zu machen, Torn sei tot.

Dadurch ermutigt, versuchte Mathrigo, der Herrscher der Dämonen, mit Hilfe eines Weltenvernichters die Erde zu zerstören. In letzter Sekunde gelang es Torn, Mathrigos Pläne zu vereiteln und den Ragh'na'rakh zu zerstören. Auf Rache sinnend, musste Mathrigo erkennen, dass ihm aus den eigenen Reihen Feinde erwachsen waren. Im Rat der Dämonen von seinem Rivalen Kerok Ghul herausgefordert, setzte der Herrscher der Grah'tak alles auf eine Karte und rief das »Killerkorps« ins Leben.

Mit Hilfe der verräterischen Menschenfrau Carnia und des Wanderers Nroth gelang es ihm, sich seiner Gegner in den eigenen Reihen zu entledigen und einen erfolgreichen Angriff auf die Festung am Rande der Zeit durchzuführen, während sein Erzfeind Torn im 20. Jahrhundert der Menschheitsgeschichte in eine tödliche Falle gelockt wurde. Unter Freisetzung von Kräften, von denen er bislang nichts wusste, überlebte Torn das tödliche Inferno. Im Kampf um New York, das von einer gigantischen Kreatur aus dem Subdaemonium überfallen wurde, traf Torn auf Ceval von Atlantis, seinen Verbündeten und Freund aus alter Zeit.

Unterdessen organisierten die Lu'cen Custos und Callista auf der Festung am Rande der Zeit den Widerstand gegen die Grah'tak. Mit Unterstützung der Geister der Wanderer, die vor Urzeiten im Kampf um die Festung ihr Leben gelassen hatten, gelang es schließlich, Mathrigo und sein Heer in einer verlustreichen Schlacht zu vertreiben.

Nur drei Kämpfer des Lichts – Torn, Callista und Ceval – blieben am Ende übrig. Sie gründeten das neue Korps der Wanderer, zu dem sich mit dem intelligenten Menschenaffen Krellrim von Mrook und dem mit geheimnisvollen Tätowierungen versehenen Tattoo zwei neue Mitstreiter gesellten. Doch kurz danach muss Ceval im Kampf sein Leben lassen – und Mathrigo wird von Torn durch das Vortex an einen unbestimmten Ort verbannt, wo er seinem totgeglaubten Meister Machiel begegnet. Während dessen bricht Torn auf, um seinen Sohn Nroth zu retten, welcher gegen General Nagor einen Bürgerkrieg unter den Grah'tak entfesselt, der das Gesicht des Immansium komplett zu verändern droht.

Die Wanderer Callista und Tattoo brechen zu einer Rettungsmission auf, werden jedoch aus dem Vortex geschleudert. Sie finden sich in einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs wieder und treffen auf den jungen Soldaten Max Hartmann. Gemeinsam gehen sie dem mysteriösen Verschwinden zahlreicher Soldaten auf den Grund – und ein Erdriss verschlingt sie.

Im Krieg der Grah'tak triumphiert der Perr'agkar Nagor und vertreibt Nroth vom Thron im Cho'gra. Gestrandet in der Zukunft der Erde verbündet er sich mit seinem Vater Torn und der Sterblichen Nara Yannick. Gemeinsam dringen sie in das Hauptquartier der »Stimme« vor, einem geheimnisvollen Diktator, hinter dem Nroth seinen Erzfeind General Nagor vermutet.

Die »Stimme« bringt zwischenzeitlich auch Krellrim in seine Gewalt; der intelligente Menschenaffe endet ebenso wie Nara Yannick und Nroth in einer Folterzelle, wo sich Carnia ihrer annimmt, die der »Stimme« Treue geschworen hat.

Torn hingegen tritt dem geheimnisvollen Diktator gegenüber – und blickt entsetzt in sein eigenes Gesicht …

 

 

»Malos tempos, sotas duca abyrsatra. –

In bösen Zeiten führt Erkenntnis

in einen dunklen Abgrund.«

Ausspruch des Lu'cen Severos

 

Mein Name ist Torn.

Einst war ich der letzte der Wanderer, einsam und ausgestoßen, zerrissen zwischen den Dimensionen – aber das ist nun vorbei. Denn im Laufe meines Kampfes gegen die Dämonen, die die Welten der Sterblichen zu überrennen drohen, habe ich Verbündete gefunden, Freunde und Waffenbrüder, die mich im Kampf gegen die Grah'tak unterstützen. Seite an Seite fechten wir in dem Krieg, der durch die Zeiten und Welten tobt.

Das Korps der Wanderer wurde neu gegründet, und wie vor Äonen ist es seine Aufgabe, die Welten der Sterblichen vor den Mächten des Chaos zu beschützen. Der Kampf ist hart und entbehrungsreich und fordert immer neue Verluste. Aber wir geben nicht auf, denn wir sind Wanderer und haben den Eid des Lichts geleistet.

Dies ist unsere Geschichte ...

 

Prolog

 

Das Jahr 2239

In der Zentrale der »Stimme«

Dunkelheit quoll in Torns Herz und füllte sein Inneres mit eisiger Kälte.

Er stand vor der »Stimme«, jener geheimnisvollen Macht, die mit eiserner Hand über die Menschheit der Zukunft herrschte. Jenem Bösen, hinter dem sein Sohn Nroth den neuen Herrscher des Cho'gra vermutet hatte, General Nagor.

Der Erste Wanderer befand sich in der Zentrale des Hauptquartiers seines Feindes, einem kahlen, metallenen Raum, an dessen Wänden sich Dutzende von Monitoren entlang zogen. Von hier aus wurde ganz Atlantic City und vielleicht noch viel mehr überwacht.

Einer der Monitore zeigte Nroth und Nara Yannick – auf Operationstischen festgeschnallt. Der Dunkle Wanderer und die mutige Widerstandskämpferin waren der »Stimme« in die Hände gefallen.

Torn gelang es nur mühsam, sich aus dem Sumpf der Verzweiflung zu lösen. Er dachte daran, was sein Gegner vor wenigen Augenblicken behauptet hatte. »Was soll das heißen, du beobachtest mich schon lange?«

»Kann es daran auch nur den geringsten Zweifel geben, wenn du mich ansiehst?«

Mein Feind.

Mein schlimmster Feind.

Schlimmer noch als Mathrigo. Oder? Wieso habe ich nur das Gefühl, dass der Augenschein mich in die Irre führt? Ich kann die Präsenz eines starken Grah'tak fühlen. Ich ahne, dass es anders ist ...

So völlig anders, das es mich nicht nur in einen Strudel aus Kälte reißt, sondern auch in tiefster Dunkelheit versinken lässt. Inzwischen frage ich mich nur noch eins: Warum?

Warum ...?

Er konnte nicht verhindern, dass er immer und immer wieder dieses eine Wort schrie, in dem alle Anklage lag, zu der er fähig war. Hatte man ihm nicht schon längst übel genug mitgespielt?

Ich habe Mathrigo vernichtet, ihn aus Raum und Zeit entfernt, ohne jemals die Wahrheit zu erfahren. Bis heute weiß ich nicht, ob er mein Vater war. Ob ich wirklich sein Sohn bin, sein missratener Sohn, wie Nroth mein missratener, mein bemitleidenswerter Sohn ist, der sich zurück auf die Seite des Bösen geschlagen hat, auf die Seite seines ... Großvaters?

Was bin ich?

Wer bin ich?

Und wie kann es sein, dass ich das sehe, was ich sehe? Wie kann die »Stimme« – ich selbst sein?

Wieder blickte Torn auf das offen stehende Schott. Sah auf das Wesen, das sich selbst die »Stimme« nannte. Er kannte die Gesichtszüge nur zu gut.

Es waren seine eigenen. Genau so hatte er einst ausgesehen, als er noch ein Mensch gewesen war, der Mensch Isaac Torn, der Elitesoldat, der ein verhängnisvolles Zeitexperiment durchführte und damit die Schleusen des Grauens öffnete.

Der Mensch Isaac Torn, der von den Lu'cen zum Wanderer erhoben worden war.

Erhoben?, durchfuhr es den Ersten Wanderer. Oder verdammt? Alles in ihm rebellierte. »Du bist eine Täuschung!« Sein ganzer Leib zitterte, er hob die Arme, streckte sie dem Bösen entgegen, in einer Geste kindlicher Abwehr.

Hass kroch in ihm hoch und überflutete sein Denken. Er besann sich auf seine vor kurzem entdeckten Kräfte. Warum sollte er der Kreatur, die sein Aussehen angenommen hatte, nicht einen energetischen Blitz entgegenschleudern und sie damit töten? Wieso nicht den Feind in der Luft zerfetzen, ihn für die Ungeheuerlichkeit bestrafen, die er begangen hatte?

»Du bist ein Chamäleonid, der mich in die Irre führen will«, vermutete er, »aber das wird dir nicht gelingen. Dir nicht, du elende Kreatur!«

Ein Lachen antwortete ihm. Kalt und emotionslos. »Glaubst du das wirklich? Bist du so sehr davon überzeugt, Wanderer? Warum spüre ich dann dein Entsetzen? Gib es zu. Du weißt, dass ich die Wahrheit sage. Tief in deinem Inneren spürst du, dass ich Realität bin. Dass ich du bin.«

»Aber ... wie ...« Torn brachte kein weiteres Wort heraus. Seine Hände sanken hinab. Alle Kraft wich aus ihm. Er fühlte sich schwach, dem Tode näher als je zuvor. Er wollte sterben, damit dieses Elend endlich ein Ende fand. Seine Existenz war Qual, Leid und Schmerz.

Er wollte nicht mehr.

Dann, wie von selbst, lösten sich Worte von seinen Lippen: »Ich ertrage die Wahrheit nicht.«

Denn es stimmte.

Sein Feind hatte Recht.

Der Erste Wanderer wusste, dass dies keine Täuschung war. Er zeigte sich in seiner wahren Gestalt, bereit, die tiefsten Tiefen der Wahrheit auszuloten.

»Sei mir willkommen«, sagte sein Doppelgänger. »Willkommen im Spiegel des Bösen.«

 

 

1.

 

März 1917

Flandern, Belgien

Tiefer.

Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.

Sie hatte ausgespielt.

Endgültig.

Callista schrie und stürzte. Sie schlug seitlich gegen eine Felswand. Ihr Fall geriet ins Trudeln, die Wanderin wirbelte haltlos um sich selbst. Sie war hilflos den an ihr zerrenden Kräften ausgeliefert.

Aus der Tiefe gellten Schreie. Entsetzen spiegelte sich darin, Schmerz – und Tod. Voll Grauen dachte Callista an all die Soldaten, die vor ihr abgestürzt waren, oder immer noch fielen. War dieser geheimnisvolle, widernatürliche Schlund bodenlos? Fielen sie dem glutflüssigen Kern der Erde entgegen, oder gar durch das Kha'tex zu einem schrecklichen Ziel?

Die Wanderin hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Abgrund eine Falle der Grah'tak darstellte. Über das Warum konnte sie sich keine Gedanken machen, dazu blieb keine Zeit.

Verzweifelt versuchte sie Halt zu finden, irgendwo. Vergeblich. Die Felswand raste an ihr vorbei, versank bald in Dunkelheit. Die Konturen lösten sich auf.

Absolute Finsternis herrschte.

Dann, wie aus weiter Ferne, erklang ein Schrei.

Jemand rief ihren Namen.

Tattoo ... diese Stimme gehörte Tattoo!

Er war ebenfalls gefallen, lange vor ihr, aber offenbar lebte er noch. Er hatte diesen mörderischen Sturz irgendwie überstanden und –

– sie schlug auf.

Etwas schloss sich um sie, warm und weich. Der Boden gab unter ihr nach, legte sich saugend und schmatzend um sie. Sie sank in dieses warme, widerwärtig stinkende Etwas.

Es dauerte Sekunden, bis sie begriff, dass sie noch lebte.

Sie war nicht auf Stein geprallt, genauso wenig wie alle anderen, die in diese Felsspalte gestürzt waren. Deshalb lebten die Soldaten noch, lebte auch Tattoo noch, der ihren Namen geschrien hatte. Auch Max Hartmann musste seinem Schicksal noch einmal entgangen sein.

Unendliche Erleichterung überflutete Callista. Nur einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Moment lang. Dann schloss sich die schleimige, weiche Wärme über ihr und legte sich wie eine zweite Haut um ihren Körper. Das Etwas überwucherte auch ihren Mund und die Nase.

Atmen war unmöglich.

Panik überflutete die Wanderin, während sie langsam, wie in Zeitlupe, weiter in die Tiefe sank.

Das Medium um sie lebte. Es pulsierte schwach, drückte auf Hände, Gesicht, Arme ... überall. Callista hielt die Augen krampfhaft geschlossen, wusste, dass sie sie verlieren würde, wenn sie sie öffnete, wenn sie sie ungeschützt dem Etwas um sie herum preisgab.

Sie hätte schreien wollen, doch sie konnte nicht, ohne dass die schleimige Masse in sie eindringen würde. Die Luft wurde knapp, der Impuls zu atmen übermächtig.

Die Lungen zogen sich schmerzhaft zusammen. Sie brauchte Sauerstoff. Schnell. Wild schlug sie um sich, die Arme drückten sich durch die schleimige Masse wie durch zähen Schlamm. Es quoll träge zwischen ihren Fingern hindurch.

Dann veränderte sich etwas.

Sie fühlte es instinktiv, ihr vor Panik blinder Verstand bemerkte es nicht. Sie sank nicht mehr tiefer.

Im Gegenteil.

Sie trieb in die Höhe. Es war, als hätte ein Sprungtuch den Punkt der höchsten Dehnung erreicht und katapultierte sie nun zurück. Die warme Masse rieb über ihr Gesicht, drückte auf die Augen, schien sie in die Höhlen treiben zu wollen. Einen Moment lang fürchtete Callista, die schweren, verklebten Lider nie wieder öffnen zu können. Der Eindruck von Kälte überwältigte sie.

Das unbekannte Ding spuckte sie wieder aus, und für einen Augenblick befand sie sich in der Luft, ehe sie zurückfiel und auf etwas Hartem landete. Jemand ächzte unter ihr, sie fühlte Hände, die sie zur Seite schoben.

»Nur nicht so stürmisch «, sagte Tattoo auf seine trockene Art. Selbst in einer verfahrenen Situation wie dieser versuchte er die Anspannung durch seinen Humor zu lösen.

»Was ist hier los?« Die Wanderin blickte sich gehetzt um. Weder auf ihrer Haut, noch der Kleidung oder den Haaren war etwas von der schleimigen Masse zurückgeblieben; sie war vollständig von ihr abgeperlt. Sie fuhr mit der Zunge über die Lippen, schmeckte nichts.

»Darauf kann ich dir keine Antwort geben«, erwiderte ihr Waffenbruder.

Offenbar war es allen abstürzenden Soldaten so gegangen wie Callista. Überall sah sie Männer, die sich wieder aufrappelten. An verschiedenen Orten hörte sie Schreie, aber nicht voll Schmerzen, sondern ausgelöst von Panik und Furcht. Für die Männer war eine Welt zusammengebrochen – sie waren in eine für sie völlig unverständliche Situation geraten.

Den beiden Wanderern fiel es naturgemäß leichter, mit den neuen Begebenheiten zurechtzukommen; das Wirken der Grah'tak und damit verbundene Phänomene waren ihnen bekannt. Für die Soldaten musste dies alles hingegen Teufelswerk sein, ein übernatürliches Geschehen, das ihre Wirklichkeit in Scherben schlug.

Nicht weit entfernt begann ein Mann in zerrissener Uniform plötzlich um sich zu schlagen. Seine Schreie wurden immer greller, dann endeten sie in einem Gurgeln. Würgend erbrach er sich mit zuckenden Schultern über die eigenen Beine.

»Er ist nicht der erste«, erklärte Tattoo nüchtern. »Sie ertragen es nicht. Der Ekel ...«

Die weiteren Worte gingen im Schreien eines Soldaten unter, der gegen die Felswand schlug und den Kopf mit flackerndem Blick herumwarf. »Die Hölle. Wir sind in der Hölle! Der Herr hat uns verdammt, weil wir gemordet haben!«

Der unnatürliche Abgrund, auf dessen Boden sie standen, reichte so weit Callistas Auge blickte. Er wand sich, verlief hin und wieder in Zacken, so dass kein Blick bis ans Ende möglich war – falls es ein solches überhaupt gab. »Wieso bist du hier? Du bist doch meterweit entfernt abgestürzt. Ich sah dich fallen und rannte weiter.«

»Ich kam vor dir hier unten an und quälte mich aus diesem verdammten Mistzeug. Ich beobachtete deinen Sturz und machte mich auf den Weg zu dir. Ich sah dich noch versinken. Widerlich, nicht wahr?«

»Nicht gerade angenehm«, stimmte die Wanderin zu. Sie bemerkte nun erst, dass sie knöcheltief in den körperwarmen Boden einsank. Überall pulsierte es kaum wahrnehmbar. Hin und wieder stiegen Blasen auf und zerplatzten mit sattem, schmatzendem Geräusch. Das Zwielicht, das am Boden des Erdspalts herrschte, drang aus dieser Masse – von oben fiel kein Licht in die Tiefe.

Callista atmete tief ein. Es roch sauer und zugleich bitter, wie Erbrochenes, vermengt mit bitterer Magensäure. Der Gestank weckte Assoziationen. Erschreckende Assoziationen. »Das Ganze wirkt wie ... wie ein ... riesiger Darmtrakt.« Kaum war das letzte Wort ausgesprochen, kam es ihr unendlich lächerlich vor.

Aber Tattoo widersprach nicht. Im Gegenteil ...

»Der Boden ist organisch, daran gibt es wohl keinen Zweifel. Eine biologische Trennschicht zwischen uns und ...« Er hob die Schultern. »Und was auch immer. Das können wir nicht wissen. Wenn es tatsächlich ein« – er verzog angewidert das Gesicht – »Verdauungsapparat ist, stehen wir auf der Oberseite.«

Die Wanderin legte den Kopf in den Nacken, sah nach oben. Der Abgrund schien Hunderte Meter hoch und verlor sich in düsterer Schwärze.

»Wir können nur hoffen, dass wir tatsächlich nur in die Tiefe gestürzt sind und es uns nicht in eine fremde Sphäre verschlagen hat. Was immer man mit uns vorhat – es ist nichts Gutes.«

»Du glaubst, dass die Grah'tak dahinter stecken?«

»Wer sonst?« Sie zog den rechten Fuß aus der schleimigen Masse. Fingerdicke Fäden hafteten an ihr, wollten sie zurückzerren. Angeekelt holte sie aus, dehnte diese Fäden, bis sie rissen. Die durchtrennten Enden zuckten, wanden sich wie lebende Würmer, ehe sie mit der Umgebung verschmolzen.

»Was können wir tun? Wir müssen die Soldaten retten! Es sind Hunderte, die wir nicht ihrem Schicksal überlassen dürfen. Schließlich muss es einen Grund geben, warum wir gerade hier aus dem Vortex geschleudert worden sind.«

Die beiden Wanderer hatten sich auf einer Reise durch Raum und Zeit befunden, als um sie herum das Vortex kollabiert war und sie schließlich über einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs ausgespuckt hatte. Sie waren auf Max Hartmann getroffen, einen jungen Soldaten, dem schon Torn während eines seiner ersten Einsätze als Wanderer im Dienste der Lu'cen begegnet war. Bald hatten sie erfahren, dass auf den Schlachtfeldern seltsame Dinge vor sich gingen. Unheimliche Gerüchte kursierten, und es hatte nicht lange gedauert, bis Max, Tattoo und Callista selbst Augenzeugen dieser Geschehnisse geworden waren. Vor ihren Blicken hatte sich der Boden geöffnet und reihenweise Soldaten verschlugen. Auch Max und Tattoo waren hineingestürzt, zuletzt die flüchtende Callista, die von einem Riss in der Erde förmlich verfolgt worden war ...

»Zunächst einmal müssen wir getarnt bleiben und dürfen unsere Plasmaklingen keinesfalls aktivieren, weil wir uns dadurch sofort verraten würden. Mit etwas Glück wissen die Grah'tak nicht, dass wir ihnen ebenfalls in die Falle gegangen sind. Diese Anonymität ist eine große Chance, die wir uns nicht verbauen dürfen.« Sie legte die Hand auf Tattoos Schulter. »Was wir tun können, liegt auf der Hand. Wir müssen alle dazu bringen, aus eigener Kraft wieder empor zu steigen.«

Tattoos Blick wanderte über den senkrecht nach oben ragenden Felsen. Es hätte keiner Worte bedurft, um seiner Skepsis Ausdruck zu verleihen. »Kein Mensch wird das fertig bringen. Vielleicht nicht mal wir beide.« Er grinste schwach und ohne den geringsten Funken Humor.

Callistas Hand krallte sich um seine Schulter. Sie brachte ihren Mund nahe an sein Ohr, um flüstern zu können. Niemand sollte es hören außer ihrem Waffenbruder. »Die einzige Alternative ist, tatenlos abzuwarten. Sieh dich doch um. Diese Menschen verzweifeln. Sie sind dem Irrsinn nahe, wenn nicht einige von ihnen diese Grenze schon blitzartig überschritten haben. Sie brauchen nichts nötiger als Hoffnung. Wir müssen ihnen die Aussicht auf einen Ausweg bieten.« Und, noch leiser: »Auch wenn wir selbst nicht daran glauben, dass sie entkommen können.«

Die Situation war hoffnungslos, und sie hatten darüber hinaus keine Ahnung, was auf sie zukommen würde. Diese Ungewissheit machte Callista beinahe noch mehr zu schaffen als alles andere.

»Los«, forderte sie. »Oder hast du irgendwelche Einwände? Wir müssen Widerstand leisten, Tattoo, und wenn es noch so sinnlos erscheint.«

Der Wanderer nickte. »Organisieren wir diesen Widerstand. Treten wir dem verfluchten Grah'tak, der hinter allem steht, in den Hintern.«

»Was glaubst du, um wen es sich handelt? Ist das alles ein Plan von General Nagor? Oder steckt noch ...« Sie biss sich auf die Unterlippe und ballte unwillkürlich die Hände. »Glaubst du, dass Nroth das alles in die Wege geleitet hat? Immerhin war er bis vor kurzem Herrscher des Cho'gra und damit Befehlshaber aller Grah'tak im Immansium.«

Tattoos Hand suchte die ihre auf seiner Schulter und drückte sie. »Wir werden es herausfinden. Später. Jetzt brauchen die Soldaten unsere Hilfe.«

Callista nickte und wandte sich demonstrativ ab, um an die Arbeit zu gehen.

»Eins noch«, rief Tattoo.

Sie drehte sich zu ihm.

Er winkte sie heran und ging gleichzeitig auf sie zu. Dicht neben ihr blieb er stehen. »Selbst wenn Nroth dies alles veranlasst haben sollte, trifft dich keine Schuld, Callista. Er mag dein Sohn sein, aber nicht du hast seinen Weg bestimmt, sondern Mathrigo. Vergiss das nie.«

»Du hast Recht«, erwiderte sie. »Und jetzt geh an die Arbeit.« Trotz ihrer Worte, und obwohl sie der Wahrheit entsprachen, empfand sie ganz anders. Sie war eine Mutter, und sie fühlte sich für die Taten ihres Sohnes verantwortlich, auch wenn dieser ihr schon im Mutterleib entrissen worden war und sie all die Jahre nicht gewusst hatte, dass er noch lebte.

Sie trat zu einem apathisch gegen die Felswand lehnenden Soldaten, dessen Füße komplett in der organischen Masse versunken waren. »Nimm dein Schicksal in die Hand«, raunte sie ihm zu.

Er wirbelte herum, starrte sie aus fiebrig-glühenden Augen an. Die Lippen bewegten sich erst tonlos, und die Augen weiteten sich, als wollten sie aus den Höhlen quellen. »Der Teufel ...«

»Er hat deine Seele noch nicht«, behauptete Callista, um gar nicht erst eine Diskussion aufkommen zu lassen. Dafür blieb keine Zeit. »Klettere nach oben, zurück in die Freiheit.«

Die Mundwinkel des Soldaten zuckten. Seine Schultern bebten.

»Na los! Worauf wartest du noch?« Aus einer spontanen Eingebung heraus ergänzte sie: »Schlag dem Teufel ein Schnippchen!«

Da zerrte er den rechten Fuß aus der schleimigen Masse und fand auf einer Unebenheit der Felswand Halt. Er hob das andere Bein, doch diesmal gab der Untergrund ihn nicht frei. Fäden hafteten an ihm, widersetzten sich seinem Befreiungsversuch.

Callista bückte sich. Sie packte zu, und es gelang ihr, den anderen loszureißen. Der klammerte sich mit beiden Händen an Spalten im Felsen fest, blickte an sich hinab und fand auch für den linken Fuß einen Tritt.

»Klettere in die Freiheit!« Callista eilte weiter, um andere auf den mutigen Versuch aufmerksam zu machen. Das Beispiel des Soldaten musste Schule machen. Nur so gab es eine Chance, dass alle oder wenigstens einige gerettet wurden.

Plötzlich stockten Ihre Gedanken. Das Grauen kroch in ihr hoch und verschlug ihr den Atem.

Aus dem Boden wuchs etwas, als dränge eine junge Pflanze ans Licht. Das Ding quoll auf, platzte und gab einen fingerdicken Auswuchs frei, der rasend schnell wuchs und sich dabei verdickte. Nach Sekunden peitschte ein armdicker Tentakel gegen die Beine des Flüchtenden. Der Soldat schrie, verlor jedoch nicht den Halt.

Callista überwand das Grauen und rannte los, Hilfe zu leisten. Sie kam nicht weit. Plötzlich versank sie bis zur Hüfte in der organischen Masse. Sie schlug mit dem Gesicht auf, versteifte das Kreuz und presste beide Hände auf, drückte sich zurück. Sie suchte Halt, um sich zu befreien.

Inzwischen schoben sich weitere Auswüchse auf den Bedauernswerten zu, schlangen sich um seine Hüfte und pflückten ihn ohne sonderliche Mühe von der Felswand. Er schwebte, nur von den Tentakeln gehalten, in der Luft und schrie.

Weitere braun-graue Arme reckten sich in die Höhe und wirbelten auf den Soldaten zu. Sie peitschten ihn, zerfetzten seine Kleidung und umfassten die Beine, drückten sie gnadenlos zusammen. Dann schlossen sie sich schmatzend um Arme und Brustkorb. Callista steckte nach wie vor fest und war hilflos gezwungen, zuzusehen, wie sich die Tentakel auseinander bogen.

Der Leib des Soldaten spannte sich. Er brüllte in entsetzlichem Schmerz. Die Finger zitterten, der Kopf sackte tief in den Nacken, dass die Kehle frei lag. Ein dünner Schleimfaden ringelte sich darum und schnitt ins Fleisch.

Die Wanderin hörte ein Knacken, gefolgt von einem durch Mark und Bein gehenden Krachen. Ein Arm riss ab, Blut spritzte aus der schrecklichen Wunde. Der Soldat wand sich in Agonie, schrie, schrie ... bis sich ein Tentakelauswuchs in seinen Mund schob und ihn für immer zum Schweigen brachte.

Unvermittelt gab der Untergrund Callista frei, doch sie konnte nichts mehr tun. Die Tentakel schleuderten den verstümmelten Leib vor ihre Füße. Verdrehte, tote Augen starrten ihr genau ins Gesicht. Das Blut quoll nach wie vor in dickem Strahl aus der Wunde und versickerte in der Biomasse des Bodens. Callista war, als höre sie ein zufriedenes Stöhnen, das von überall gleichzeitig kam.

Die grausame Aktion hatte eins gezeigt: Sie wurden genau beobachtet, und es gab nicht mal die Aussicht auf Flucht. Der Boden lebte nicht nur, er war auch intelligent ... oder zumindest eine unfassbare, mit Instinkten versehene Kreatur.

»Verdammt, Callista, was ist das?«, fragte Tattoo, der wieder neben ihr auftauchte.

Doch sie konnte ihm keine Antwort geben. Sie hatte nie zuvor von etwas Derartigem gehört, geschweige denn es gesehen.

Und als sei der auf sie einprasselnde Schrecken noch nicht genug, ertönte ein durchdringendes, schabendes Geräusch, gefolgt von einem schmetternden Glockenton. Die Soldaten in ihrer Nähe schrien, einige pressten sich die Hände auf die Ohren. Es klang wie eine mörderische Fanfare, die das Ende aller Dinge ankündigte.

Das Zentrum des Lärms befand sich ganz in ihrer Nähe. Hinter ihnen ...

Callista wirbelte herum. Ihre Augen weiteten sich fassungslos.

Ein meterbreites Stück des pulsierenden Bodens hatte sich zur Seite geschoben. Ein Dutzend Soldaten stürzte noch weiter in die Tiefe. Sie konnte ihren Weg einige Meter weit verfolgen. Um sich schlagend wie zappelnde Gliederpuppen verschwanden sie aus Callistas Blickfeld.

Dann, wie aus weiter Ferne, folgte das Geräusch des Aufpralls. Aber es war kein Schlag, sondern ein Platschen, dem leises Prasseln folgte. Als ob die Soldaten in einen mit Wasser gefüllten Pfuhl gestürzt wären.

In diesem Augenblick ahnte Callista, was wirklich geschah. Das schiere Entsetzen ließ sie sich krümmen. Sie wankte vorwärts, um ihrem Verdacht Gewissheit zu verschaffen.

Tattoo rief ihr irgendetwas nach, das sie nicht verstand. Er packte sie an den Oberarmen, aber sie schüttelte seinen Griff ab. Sie stampfte voran, zog mit jedem Schritt ihre Füße aus dem schleimigen Bio-Morast. Bald konnte sie den Boden des zweiten Abgrunds sehen.

Dort brodelte und zischte es.

Eine unfassbare, bösartige Masse.

Das Urelement des Bösen.

»Das Malum«, entrang es sich Callistas Lippen.

Tief unter ihr schob sich ein knöcherner, mit blutigen Hautfetzen spärlich bedeckter Schädel aus den Fluten. Geschrumpfte tote Augen rollten in den viel zu großen Höhlen. Statt der Nase zeigte sich nur noch ein knorpeliges, abscheuliches Ding. Der bloße Oberkiefer zeigte zerfressene, faulige Zähne, die Unterlippe hing wie ein Lappen über das dürre Kinn. Einer der abgestürzten Soldaten kehrte als bösartige Kreatur, als Wiedergänger, aus dem Malum zurück.

Es musste sich um eine den Wanderern unbekannte Form des Malum handeln, da lebende Sterbliche eigentlich als Grak'ul und nicht als Re'thruk'ul dem Pfuhl des Bösen entstiegen. Im Endeffekt war dies aber ein unbedeutendes Detail, änderte nichts an der Grausamkeit des Ganzen.

Und vor Callista wich der Boden weiter nach hinten. Überall schrien Soldaten, die sich nicht schnell genug zurückziehen konnten. Sie stürzten ab, dem Tod und grauenhafter neuer Existenz entgegen.

Das Malum wirbelte und brodelte, strahlte Verderben und dumpfe Gier aus. Callistas Knie gaben nach. Sie stürzte vornüber in die schleimige Masse. Sie konnte nicht mehr atmen, aber es war ihr gleichgültig. Konnte es noch eine Steigerung des Grauens geben? Schlimmeres, als die Nähe des Urelements des Bösen zu fühlen und zu sehen, wie sich Menschen in Re'thruk'ul verwandelten?

Am Rand ihres Bewusstseins bekam sie mit, wie dicht neben ihr ein Soldat abstürzte und in die grauenhafte Flut tauchte. Dann löste sich der Boden unter ihr auf –

– und sie verlor jeden Halt.

 

Das Jahr 2239

Im Hauptquartier der »Stimme«

Torn folgte seinem Ebenbild durch einen endlos scheinenden Korridor.

Graue Metallwände und nackter Boden boten nicht die geringste Abwechslung für das Auge. Jeder Schritt hallte wider, vermischte sich mit den Echos der vorangegangenen. Ein dumpfes, hämmerndes Stakkato.

Die »Stimme« führte ihn seit einer Ewigkeit durch diesen Korridor. Nie gab es eine Abzweigung, nie begegneten sie irgendjemandem. Torn hätte sich sogar über einen jener behelmten Soldaten gefreut, die die Schergen des Überwachungsstaats bildeten, an dessen Spitze sein Gegner stand.

Mein Gegner?

Kann ich ihn überhaupt noch so nennen? Ist es denn möglich, in mir selbst meinen Feind zu sehen? Die »Stimme« bin ich selbst, das weiß ich inzwischen. Sie hat nicht das Aussehen des Soldaten Isaac Torn angenommen – sie ist jener Soldat. Ich kann mir nicht erklären, wie das möglich ist oder was dahinter steckt, aber es ist so.

Und mit dieser Erkenntnis ist das Ende auf diesem Weg des Bösen noch nicht erreicht. Da ist mehr ... noch viel mehr. Ich stehe an der Schwelle einer Offenbarung, die so gewaltig ist, dass sie mich stärker erschüttern wird als alles andere.

Stärker als jener Moment, in dem ich zum ersten Mal den Lu'cen gegenüberstand.

Stärker als die entsetzliche Gewissheit, mein Symellon verloren zu haben.

Stärker als die vernichtende Gewalt der Atombombenexplosion, in deren glutendem Zentrum ich stand.

Stärker auch als der Triumph, Mathrigo vernichtet und besiegt zu haben.

Mathrigo vernichtet und besiegt zu haben.

Mathrigo ...

Torns Gedanken fingen sich am Namen seines Erzfeindes. Jeder Schritt hämmerte eine Silbe in seine Gedanken: Ma – thri – go.

Und wieder: Ma – thri – go.

Ma-thri-go.

Mathrigo.

Ich habe ihn in jenem irrsinnigen Moment auf der Spitze der auseinanderbrechenden Chaosfestung aus der Raumzeit entfernt und damit den Triumph General Nagors rückgängig gemacht ... damit und durch den Tod unseres geliebten Waffenbruders Ceval. Ein Wanderer musste sterben, um den Fluss der Zeit wiederherzustellen.

Und der Jahrmillionen alte ehemalige Wanderer Mathrigo ist aus dem Gedächtnis der Zeit entfernt. Er ist entfernt. Entfernt. Und doch ist noch nicht alles zu Ende.

Ich spüre es. Ich weiß es.

Wie habe ich mir nur einreden können, dieser eine Gewaltakt würde genügen. Es gibt ein Geheimnis hinter allem, und es ist noch nicht vorbei.

»Wir sind da«, gellte die Stimme seines Doppelgängers.

Der Erste Wanderer schreckte aus den Gedanken. Er hatte nicht bemerkt, dass sie an das Ende des Korridors gelangt waren. Unverwandt hatte er den Rücken seines Ebenbildes angestarrt.

Eine Tür zischte in die Höhe, verschwand in der Decke und gab den Blick auf ein riesiges Gewölbe frei. Auf den ersten Blick sah Torn zylinderförmige Behälter, deren Zahl er nicht schätzen konnte.

»Tritt ein und erkenne die Wahrheit«, forderte die »Stimme« und ging voran.

Torn folgte.

Es war kalt in dem Gewölbe. Nahezu schwarze Felswände ragten steil in die Höhe. Die Decke ragte mindestens zwanzig Meter über ihnen auf. Von meterdicken wuchtigen Tropfsteinen fielen trübe, gelbliche Wassertropfen.

»Siehst du die Behälter?«, fragte sein Doppelgänger unnötigerweise.

Sie maßen in Länge und Breite mindestens doppelte Mannslänge, ragten noch höher auf. Hunderte von ihnen standen in parallelen Reihen. Torn versuchte ihre Zahl zu schätzen, doch je länger er sie anblickte, umso mehr schienen es zu werden.

»Sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen«, sagte die Gestalt mit Torns Aussehen. Ein sich überschlagendes, gehässiges Lachen folgte. Dann verhärteten sich die Gesichtszüge. »Fühle sie.«

Torn verharrte reglos.

»Du sollst sie fühlen!« Der andere packte den Wanderer und stieß ihn gegen den ersten Behälter.

Es klang dumpf, als Torns Rüstung dagegen stieß. Mühelos gelang es dem Wanderer, stehen zu bleiben. Er sagte nichts, als er die Hand hob und auf das Metall legte.

Es vibrierte.

Als lebe der Behälter, oder als versetze etwas darin ihn in Schwingung.

»Grah'tak-Technik«, erklärte sein Doppelgänger. »Reine Grah'tak-Technik.«

»Was befindet sich darin?«, fragte Torn.

Ein kurzer Moment der Stille entstand. Dann: »Die Wahrheit.«

»Was soll das heißen?«

»Das weißt du doch längst, oder nicht? Leugne nicht, Torn. Ein Teil von dir weiß es schon, seit wir uns das erste Mal begegneten – oder schon viel länger. Lass es zu, Wanderer! Lass zu, dass du endlich die Wahrheit erkennst!«

»Es gibt in diesen Tagen viele Wahrheiten zu erkennen«, erwiderte Torn tonlos. »Auch solche, die nicht mit diesen Behältern zusammenhängen.«

»Bist du dir da so sicher?« Etwas Lauerndes lag in der Art, wie der andere antwortete.

Torn nickte. »Zum Beispiel die Wahrheit über dich. Du bist nicht der Soldat Isaac Torn«, sagte er, plötzlich erfüllt mit grimmiger Gewissheit. »Sag nichts – ich weiß, dass du kein falsches Aussehen angenommen hast, dass du mir dein wirkliches Antlitz zeigst.«

»Sehr gut, Wanderer. Sehr gut. Du bist auf dem richtigen Weg. Weiter! Lass es endlich zu.«

Torn lehnte nach wie vor gegen den zylinderförmigen Behälter. Er war sich absolut sicher, was die Identität seines Gegenübers betraf. Es widersprach jeder Logik, war unmöglich ... aber was hieß das schon in einem Omniversum, das immer mehr aus den Fugen geriet?

»Sag es!«, forderte die »Stimme«.

»Deine Gestalt ist die des Isaac Torn ...«

»Aber?«

Torn führte den Satz ungerührt zu Ende. »Aber dein Name lautet Mathrigo ...«

 

 

2.

 

März 1917

In der Tiefe ...

Callistas Oberkörper kippte vornüber, die Hände schlugen gegen einen warmen, pulsierenden Strang. Sie krallte sich instinktiv fest. Die Finger bohrten sich tief in die schleimige Masse.

Ein Kreischen ertönte, das in ihren Ohren ebenso schmerzte wie in den Gedanken. Ihr Kopf schien auseinander gerissen zu werden. Ihr schwindelte; Oben und Unten verloren jede Bedeutung. Die Welt kippte.

Die Hände lösten sich von dem Strang, und sie stürzte.

Oder doch nicht?

Sie fühlte ein Prasseln auf ihrem Körper und schlüpfrige, beißende Hitze auf den Lippen, die nach oben gezerrt wurden. Etwas drückte sich an den Zähnen vorbei und quoll in ihren Mund: Geschmack nach Tod und Verderben. Ekel überwältigte sie, und während sie fiel, erbrach sie sich.

Während sie fiel?

Die Körpermasse jenes gewaltigen Grah'tak-Verdauungstraktes, auf deren Oberfläche sie sich befanden, schleifte unter ihr hinweg. Etwas hielt Callista an den Füßen gepackt und zog sie. Erst mit dieser Erkenntnis kam ihr zu Bewusstsein, dass jemand ihren Namen rief.

»Callista! Verdammt, Callista, komm zu dir!«

Tattoo! Es war Tattoo. »Ich ... ich ...« Sie zog die Beine an, stieß sie von sich, um sich aus dem Griff der Schleimtentakel zu befreien, die sie erbarmungslos ihrem Ende entgegen zogen.

»Hör auf, Callista! Ich bin es, Tattoo!«

Ihre Beine fielen in die weiche Masse.

Endlich verstand sie.

Ihre Gedanken klärten sich. Sie stützte sich ab, versank dabei bis über die Handflächen. Es gelang ihr, sich in die Höhe zu stemmen. »Du hast mich vom Abgrund weggezogen?«

Ihr Waffenbruder packte sie unter den Achseln und half ihr aufzustehen. »Ich sag es nicht gern, aber du warst weggetreten. Ohne mich wärst du in diesen brodelnden Pfuhl gestürzt. Ich habe gerade noch deine Beine zu fassen bekommen.«

»Das Malum.« Callistas Stimme spiegelte all das Entsetzen wider, das sie beim unmittelbaren Anblick jenes Urelementes des Bösen empfunden hatte. »Dieser Riss, der die Soldaten verschlingt, dient nur einem Zweck ... er fängt Menschenmaterial.«

Der Tätowierte verzog angeekelt das Gesicht. »Menschenmaterial?«

»Man kann es wohl kaum anders nennen. Alle hier Gefangenen sollen früher oder später ins Malum stürzen, und du weißt, was das bedeutet.«

Der Wanderer nickte langsam. »Sie kommen als Re'thruk'ul zurück. Als untote Wiedergänger. Aber ... warum?«

»Auf den Schlachtfeldern dieses Krieges gibt es viele Tote«, antwortete Callista ebenso düster wie ausweichend. Sie hatte eine Idee, was hinter allem stand, doch sie wollte noch darüber nachdenken.

»Das ist ...« Tattoo brach ab, packte Callistas Schulter und wies der Waffenschwester, sich umzudrehen. »Wir müssen etwas unternehmen.«

Alles in Callista zog sich zusammen, als sie das Entsetzliche sah.

»Irgendetwas unternehmen«, wiederholte Tattoo schwach.

Nur was? Was blieb ihnen angesichts des Grauens zu tun? Der schleimige Boden brach immer weiter ab, kippte in die Tiefe, so dass der Abgrund über dem Malum sich vergrößerte – während die trügerische Sicherheit auf der Oberfläche der Grah'tak-Kreatur immer schmaler wurde.

Den gefangenen Soldaten blieb weniger Platz.

Viel weniger Platz.

Von weit her ertönten Schreie, die plötzlich abbrachen. Callista mochte nicht daran denken, dass wohl jeder einzelne den Tod eines Menschen und die bevorstehende Geburt eines Re'thruk'ul bedeutete. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was konnten sie tun? Gab es eine Möglichkeit der Rettung?