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Mathias Schreiber

WÜRDE

Was wir verlieren,
wenn sie verloren geht

Deutsche Verlags-Anstalt

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1. Auflage

Copyright © 2013 Deutsche Verlags-Anstalt, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle Rechte vorbehalten

In Kooperation mit dem SPIEGEL-Verlag, Hamburg

Typografie und Satz: DVA / Brigitte Müller

Lektorat: Antje Korsmeier

Gesetzt aus der Berling

ISBN 978-3-641-10609-6
V002

www.dva.de

Für Christina

Inhalt

Vorbemerkung

Szenen aus dem realen Würde-Elend – auch Lichtblicke

Leben vor dem Tod

Präsidenten und Netzwerke

Von altem Adel

Das Lächerliche, das Schickliche, die Ehre

Duelle und andere Meinungs-Zweikämpfe

Arm und Reich, Ausschluss und Teilhabe

Entwürdigende Folter-Androhung? Der Fall Jakob von Metzler

Fernseh-Elend

Papst und Pilger

Der Begriff der Würde

Definitorisches

Aristoteles, Cicero: würdevolle Gesten, Gewänder, Köpfe

Gottes Ebenbild, humane Exzellenz

Denker der Würde: Kant und Schiller

Autorität und Würde – die dezente Gesellschaft

Mystiker des All-Bezugs

Würde als Recht

Grundgesetz und Menschenrechte

Übergriff und Unantastbarkeit

Souveräne Völker und Frauen – ewige Würde

Würde unter Zeit-Druck

Der Wert des Bleibenden im Wechsel – ein Rückblick

Zeit als Psyche

Terror des Tempos – Die gemessene Zeit-Not

Schnelle Kommunikation: Denken im »Live-Ticker«

Entdeckung der Langsamkeit

Nähe und Distanz

Anstand und Manieren

Tod und Liebe, Scham und Schock

Ende der Intimität

Würde der Herrscher

Ritter und Paläste

Majestätische Bauten für die Republik

Goethes Geburtshaus

Streit um die »Bauhaus«-Würde nach 1945

Das Kanzleramt wagt Größe

Die Würde des Lateinischen

Rituelle Magie

Würde der Kreatur

Mitgeschöpfe im Würgegriff der Agrarindustrie

Natürliche Erhabenheit

Würdige Greise

Helmut Schmidt und Stéphane Hessel

Wenn kluge Alte dumm wirken

Liebe im Alter

Würdige Sprache

Loben ohne Maß

Modische Anglizismen

Jugendjargon

Würde als weltliche Religion

Der Kampf gegen Hass als Kampf für Demokratie

Medialer Ego-Wahn

Würde des Rückzugs und des Verzichts

Ende der Sklaverei

Thomas Clarkson: ein Held der Würde

Totale Institutionen

Ausblick

Transparenz und Geheimnis

Exerzitien der Schlichtheit

Literaturverzeichnis

Personenregister

»Große Spieler verabschiedet man mit Stil
und Würde in den Ruhestand«

Fußballstar Günter Netzer über seinen jüngeren
Kollegen Michael Ballack in einer Rückschau auf
dessen Karriere in der deutschen Nationalmann-
schaft, gesendet vom ZDF am 21.4. 2012

»Um seine Würde zu wahren, muss man
eine Situation des Zwangs in eine der Freiheit
verwandeln.«

Der französische Schriftsteller Tzvetan Todorov,
Jahrgang 1939, in dem Buch Angesichts des
Äußersten
(1993)

Vorbemerkung

Je häufiger der Begriff der Würde hochgehoben und als disziplinierende Monstranz durch das laute und wirre Gewusel unserer Gegenwart getragen wird, desto mehr drängt sich uns der Verdacht auf: Das mit diesem Begriff Gemeinte könnte bald für immer verloren sein – vergessen, verplappert, verschlampt, verschwendet, versendet, verkauft; verkannt noch von jenen, die dessen wahren Sinn verteidigen wollen.

Viele Zeitgenossen handeln durchaus moralisch verantwortungsvoll, haben aber keinen Geschmack, zum Beispiel wenn sie vor anderen über sich reden, was das Zeug hält. Andere Zeitgenossen glänzen durch Diskretion, Geschmack und Eleganz, verhalten sich aber, etwa wenn es um berufliche Vorteile geht, wie Raubtiere. Beiden Typen fehlt Entscheidendes: Würde. Die Würde verbindet den guten Eindruck mit dem Gut-Sein. Sie ist ein Wert, der in jüngster Zeit häufig beschworen wird, egal ob beim »würdigen« Rücktritt des Papstes, beim »unwürdigen« Auftritt eines Politikers oder angesichts der Selbstentblößung vieler »Gemeinde«-Mitglieder sogenannter sozialer Internetforen. Repräsentanten der Linkspartei berufen sich ebenso auf die Würde, wenn sie Niedriglöhne beklagen, wie konservative Anhänger der lateinischen Sprache.

Wo der uralte Begriff der Würde auftaucht, muss er sich gegen alle möglichen Strategien der Flegelhaftigkeit behaupten: gegen eitle Unterhaltungs-Redehäuptlinge verschiedener Medien, bei parteipolitischen Schnellschuss-Rempeleien – Motto: möglichst rüde dem Anderen ins Wort fallen –, gegen radikale naturwissenschaftliche Positivisten, gegen Talkshow-Schwätzer, die ihre neuesten Bücher oder Platten oder Filmrollen schamlos eigennützig auch dann vor der Kamera anpreisen, wenn in diesen Produkten der alles verschlingende »Ego«-Wahn oder Eigennutz-»Kommerz« attackiert wird. Nicht zuletzt muss er der Aggressivität und Beliebigkeit jener Kommentare oder Beschimpfungen standhalten, die massenhaft und oft anonymisiert über das Internet rauschen.

Die Wiedergeburt öffentlicher Berufung auf Würde rüttelt am Vorrang lange gehätschelter Prägungen wie »Moderne«, »Fortschritt« oder »Kritisches Bewusstsein«. Auch die vielgeliebte »antiautoritäre Bewegung«, deren prominente Wortführer nach neueren Erkenntnissen zum Teil Antisemiten waren, verblasst neben dem dunklen Feuer der ein wenig magischen Würde. An Würde mag erinnern, wer geistige Moden meiden möchte. Was jedoch nicht passieren darf: dass die Würde selbst zum modischen Schlagwort verkommt.

Die folgende Untersuchung will dies durch Differenzierung der verschiedensten Würde-Szenarios verhindern. Sie will Belege für die wichtigsten Formen der Anrufung von Würde und Würdelosigkeit festhalten, dabei den Begriff der Würde genauer erörtern und ausführlich an seine Kulturgeschichte erinnern. Gerade die reichhaltige Vergangenheit der Versuche, die Würde als über den engeren sittlichen und rechtlichen Geboten schwebende, irgendwie erhabene Norm zu begründen, macht deutlich, welch zivilisatorischer und geistiger Verlust uns drohte, wenn uns der Sinn für echte Würde verloren ginge; und wenn das, was den Titel der Würde verdient, einerseits als Prinzip von wissenschaftsgläubigen Dogmatikern untergepflügt würde, andererseits als Kultur in unserer medial aufgeladenen, trendhörigen Augenblicks-Gesellschaft verschwände wie in einem Schneegestöber.

Winsen an der Luhe, im Mai 2013

Mathias Schreiber