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Nora Roberts

Die letzte Zeugin

Roman

Deutsch von
Margarethe van Pée

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Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
»The Witness« bei G. P. Putnam’s sons,
published by the Penguin Group, New York

1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe 2012 by Nora Roberts
Published by Arrangement with Eleanor Wilder
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Copyright © 2013 für die deutsche Ausgabe
by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe
Random House, München
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-09674-8

www.blanvalet.de

Für Laura Reeth,
die Meisterin der Details.

Elizabeth

Das ist der Widerhaken im Pfeil des Leidens in der Kindheit:

Die Einsamkeit ist so groß wie das Nichtwissen.

OLIVE SCHREINER

1

Juni 2000

Elizabeth Fitchs kurzes Aufbegehren als Teenager begann mit L’Oréal Pure Black, einer Schere und einem gefälschten Ausweis. Es endete blutig.

Sechzehn Jahre, acht Monate und einundzwanzig Tage hatte sie pflichtbewusst die Anweisungen ihrer Mutter befolgt. Dr. Susan L. Fitch gab Anweisungen, keine Befehle. Elizabeth hatte sich nach dem Plan ihrer Mutter gerichtet, das Essen zu sich genommen, das der Ernährungsberater ihrer Mutter zusammengestellt und der Koch ihrer Mutter zubereitet hatte, und die Kleider getragen, die die persönliche Einkäuferin ihrer Mutter ausgewählt hatte.

Dr. Susan L. Fitch kleidete sich konservativ, wie es ihrer Meinung nach ihrer Position als Chefärztin der Chirurgie im Silva Memorial Hospital in Chicago entsprach. Von ihrer Tochter erwartete sie das Gleiche.

Elizabeth war eine fleißige Schülerin, die in den akademischen Programmen, die ihre Mutter für sie vorsah, hervorragende Leistungen erbrachte. Im Herbst würde sie nach Harvard zurückkehren, um Medizin zu studieren, damit sie ebenfalls Ärztin werden konnte wie ihre Mutter – Chirurgin wie ihre Mutter.

Elizabeth – niemals Liz, Lizzie oder Beth – sprach fließend Spanisch, Französisch, Italienisch, hatte passable Russisch- und rudimentäre Japanisch-Kenntnisse. Sie spielte Klavier und Geige. Sie hatte Reisen nach Europa, nach Afrika unternommen. Sie konnte sämtliche Knochen, Nerven und Muskeln im menschlichen Körper benennen und spielte Chopins Klavierkonzerte auswendig.

Sie hatte noch nie eine Verabredung gehabt oder einen Jungen geküsst. Sie war nie mit anderen Mädchen in der Mall gewesen, hatte nie eine Pyjama-Party besucht oder bei Pizza und Eis mit heißer Karamellsoße mit ihren Freundinnen gekichert.

Mit ihren sechzehn Jahren, acht Monaten und einundzwanzig Tagen war sie ein Produkt des gewissenhaft und ausführlich geplanten Programms ihrer Mutter.

Aber das würde jetzt anders werden.

Sie sah ihrer Mutter beim Packen zu. Susan, die ihre dicken braunen Haare bereits zu dem üblichen Knoten im Nacken geschlungen hatte, hängte sorgfältig ein weiteres Kostüm in den Kleidersack. Anschließend hakte sie es auf dem Ausdruck ab, auf dem jeder Tag der siebentägigen Konferenz in Untergruppen aufgeteilt war. Auf einem Beiblatt waren jeder Event, jeder Termin, jede Sitzung und jedes Essen mit dem entsprechenden Outfit, einschließlich Schuhen, Tasche und Accessoires, aufgeführt.

Designerkostüme und natürlich italienische Schuhe, dachte Elizabeth. Die Kleidung musste elegant geschnitten und aus einem guten Stoff sein. Aber zwischen all dem Schwarz, Grau und Taupe gab es nicht eine einzige helle, leuchtende Farbe. Sie fragte sich, wie ihre Mutter so schön sein konnte, obwohl sie doch absichtlich immer nur gedämpfte Töne trug.

Nach zwei verkürzten Semestern auf dem College hatte Elizabeth beschlossen, sie könnte – vielleicht – ihren eigenen Modegeschmack entwickeln. Daraufhin hatte sie sich Jeans und einen Kapuzensweater und Stiefel mit Blockabsatz in Cambridge gekauft.

Sie hatte bar bezahlt, damit die Sachen, die sie in ihrem Zimmer versteckte, nicht auf der Abrechnung ihrer Kreditkarte auftauchten, wo ihre Mutter sie unter Umständen entdecken könnte.

Sie war sich darin wie eine andere Person vorgekommen, so anders, dass sie schnurstracks in einen McDonald’s marschiert war und sich ihren ersten Big Mac mit einer großen Tüte Pommes und einem Schokoladenshake bestellt hatte. Es hatte ihr solches Vergnügen bereitet, dass sie anschließend zur Toilette gegangen war, sich in einer Kabine eingeschlossen und ein bisschen geweint hatte. An jenem Tag war vermutlich die Saat der Rebellion in ihr aufgegangen. Vielleicht hatte sie immer schon in ihr geschlummert, und Fett und Salz hatten sie geweckt.

Und auch jetzt spürte sie, wie sie in ihrem Bauch wuchs.

»Deine Pläne haben sich geändert, Mutter, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch meine das tun müssen.«

Susan antwortete nicht gleich, weil sie einen Schuhsack im Koffer verstaute. Sie steckte ihn mit ihren schönen, geschickten Chirurgenhänden fest, deren Nägel perfekt manikürt waren. French Manicure wie immer – auch hier keine Farbe.

»Elizabeth.« Ihre Stimme war so gepflegt und ruhig wie ihre Garderobe. »Es hat mich beträchtliche Mühe gekostet umzubuchen und dich für dieses Jahr im Sommerprogramm unterzubringen. Dadurch kannst du ein volles Semester früher zur Harvard Medical School zugelassen werden.«

Allein bei dem Gedanken krampfte sich Elizabeth’ Magen zusammen. »Du hast mir eine Pause von drei Wochen versprochen, einschließlich dieser nächsten Woche in New York.«

»Manchmal kann man Versprechen eben nicht einhalten. Wenn ich die nächste Woche nicht abgesagt hätte, hätte ich Dr. Dusecki nicht auf der Konferenz vertreten können.«

»Du hättest ja nein sagen können.«

»Das wäre egoistisch und kurzsichtig gewesen.« Susan bürstete das Jackett ab, das sie gerade aufgehängt hatte, und trat einen Schritt zurück, um ihre Liste zu überprüfen. »Du bist alt genug, um zu begreifen, dass die Arbeit wichtiger ist als Vergnügen und Freizeit.«

»Wenn ich alt genug bin, um das zu begreifen, warum bin ich dann nicht auch alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen? Ich will diesen Urlaub. Ich brauche ihn.«

Susan bedachte ihre Tochter mit einem flüchtigen Blick. »Ein Mädchen deines Alters, in bester körperlicher und geistiger Verfassung, braucht wohl kaum einen Urlaub von Studium und anderen Aktivitäten. Außerdem ist Mrs Laine bereits zu ihrer zweiwöchigen Kreuzfahrt aufgebrochen. Ich konnte sie ja nicht gut darum bitten, ihren Urlaub zu verschieben. Es ist also niemand da, um dir deine Mahlzeiten zuzubereiten oder das Haus in Ordnung zu halten.«

»Ich kann mir selbst etwas kochen, und putzen und aufräumen kann ich auch.«

»Elizabeth.« Im Tonfall ihrer Mutter mischten sich Tadel und Kummer. »Es ist beschlossene Sache.«

»Und ich darf nicht einmal meine Meinung sagen? Ich denke, ich soll Unabhängigkeit und Verantwortung entwickeln?«

»Unabhängigkeit entwickelt sich schrittweise, ebenso wie Verantwortung und Entscheidungsfreiheit. Du brauchst immer noch Anleitung und Führung. Ich habe dir einen aktualisierten Plan für die nächste Woche gemailt, und das Paket mit allen Informationen zum Programm liegt auf deinem Schreibtisch. Denk bitte daran, Dr. Frisco persönlich dafür zu danken, dass er dich in die Sommerschule aufgenommen hat.«

Während sie sprach, zog Susan den Reißverschluss ihres Kleidersacks zu und schloss ihren kleinen Rollkoffer. Sie trat an ihre Kommode, um ihre Frisur und ihren Lippenstift zu prüfen.

»Du hörst mir überhaupt nicht zu.«

Susan blickte ihre Tochter im Spiegel an. Das war das erste Mal, dass die Mutter sich die Mühe machte, sie anzusehen, seit sie in ihr Schlafzimmer gekommen war, dachte Elizabeth. »Aber natürlich. Ich habe alles gehört, was du gesagt hast. Laut und deutlich.«

»Zuhören ist etwas anderes als Hören.«

»Das mag stimmen, Elizabeth, aber diese Diskussion hatten wir bereits.«

»Das ist keine Diskussion, das ist ein Beschluss.«

Susan presste kurz die Lippen zusammen, als einziges Zeichen dafür, dass sie verärgert war. Als sie sich umdrehte, waren ihre blauen Augen wieder kühl und ruhig. »Es tut mir leid, dass du es so empfindest. Aber als deine Mutter muss ich tun, was ich als das Beste für dich betrachte.«

»Und deiner Meinung nach ist es das Beste für mich, zu tun, zu sein, zu sagen, zu denken, zu handeln und genau so zu werden, wie du es geplant hast, bevor du dich mit sorgfältig ausgewähltem Sperma hast befruchten lassen.«

Sie hörte, dass ihre Stimme immer lauter wurde, konnte aber nichts dagegen machen. Auch die Tränen, die in ihren Augen brannten, konnte sie nicht zurückhalten. »Ich bin es leid, dein Experiment zu sein. Ich bin es leid, dass jede Minute an jedem Tag organisiert, gelenkt und geplant ist, damit ich deine Erwartungen erfülle. Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, meine eigenen Kleider kaufen, Bücher lesen, die ich lesen will. Ich will mein eigenes Leben führen – nicht deins.«

Susan zog milde interessiert die Augenbrauen hoch. »Nun, dein Verhalten überrascht mich nicht, wenn ich bedenke, wie alt du bist, aber du hast dir einen sehr ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um so trotzig und aufsässig zu sein.«

»Tut mir leid. Es war nicht geplant.«

»Sarkasmus ist auch typisch für dein Alter, aber er steht dir nicht.« Susan öffnete ihre Aktenmappe und überprüfte deren Inhalt. »Wir sprechen darüber, wenn ich wieder zurück bin. Ich mache einen Termin bei Dr. Bristoe.«

»Ich brauche keine Therapie. Ich brauche eine Mutter, die mir zuhört, und keine die es einen Scheißdreck noch mal interessiert, wie ich mich fühle.«

»Solche Ausdrücke zeigen einen beklagenswerten Mangel an Reife und Intellekt.«

Wütend warf Elizabeth die Hände in die Luft und drehte sich um die eigene Achse. Wenn sie nicht ruhig und rational sein konnte wie ihre Mutter, würde sie eben wild sein. »Scheißdreck! Scheißdreck! Scheißdreck!«

»Durch die Wiederholung wird es kaum besser. Du hast den Rest des Wochenendes Zeit, dein Benehmen zu überdenken. Deine Mahlzeiten stehen im Kühlschrank oder liegen beschriftet im Tiefkühler. Deine Packliste liegt auf deinem Schreibtisch. Melde dich am Montagmorgen um acht Uhr bei Ms Vee an der Universität. Wenn du an diesem Sommerprogramm teilnimmst, ist dir der Platz an der HMS im nächsten Herbst sicher. Und jetzt trag bitte meinen Kleidersack hinunter. Das Auto muss jeden Moment da sein.«

Oh, diese Saat keimte, sie durchbrach den öden Boden und breitete sich schmerzhaft aus. Zum ersten Mal in ihrem Leben blickte Elizabeth ihrer Mutter direkt in die Augen und sagte: »Nein.«

Sie wirbelte herum, marschierte hinaus und schlug die Tür ihres Zimmers hinter sich zu. Dann warf sie sich auf ihr Bett und starrte mit tränenverschleiertem Blick an die Decke. Und wartete.

Jetzt gleich, in einer Sekunde, sagte sie sich. Ihre Mutter würde hereinkommen, eine Entschuldigung von ihr verlangen, Gehorsam fordern. Aber diese Genugtuung würde Elizabeth ihr nicht geben.

Sie würden sich streiten, richtig streiten, sich Strafen und Konsequenzen androhen. Vielleicht würden sie einander sogar anschreien. Und wenn sie sich anschrien, würde ihre Mutter sie vielleicht endlich hören.

Und vielleicht konnte sie dann auch all die Dinge sagen, die sich in den letzten Jahren in ihr angestaut hatten. Dinge, von denen sie das Gefühl hatte, sie seien schon immer in ihr gewesen.

Sie wollte nicht Ärztin werden. Sie wollte nicht nach Plan leben oder eine blöde Jeans verstecken müssen, weil sie nicht den Kleidungsvorstellungen ihrer Mutter entsprach.

Sie wollte Freunde haben und keine gesellschaftlichen Verabredungen, die gebilligt wurden. Sie wollte die Musik hören, die gleichaltrige Mädchen hörten. Sie wollte wissen, worüber sie miteinander tuschelten, lachten und redeten, während sie ausgeschlossen war.

Sie wollte kein Genie und kein leuchtendes Vorbild sein.

Sie wollte normal sein. Sie wollte sein wie jede andere.

Sie wischte sich die Tränen ab, rollte sich zusammen und starrte auf die Tür.

Jeden Moment jetzt, dachte sie wieder. Jeden Moment. Ihre Mutter musste wütend sein. Sie musste hereinkommen und ihre Autorität zeigen. Das musste sie einfach.

»Bitte«, murmelte Elizabeth, als die Sekunden zu Minuten wurden, »bitte, lass mich nicht wieder als Erste nachgeben. Bitte, bitte, ich will nicht nachgeben.«

Liebe mich einfach. Nur dieses eine Mal.

Aber als die Minuten verstrichen, erhob sich Elizabeth schließlich. Geduld war eine der stärksten Waffen ihrer Mutter. Geduld und die Überzeugung, im Recht zu sein, zerschmetterten alle Gegner. Insbesondere ihre Tochter war dem nicht gewachsen.

Besiegt trat sie aus ihrem Zimmer zum Zimmer ihrer Mutter.

Der Kleidersack, die Aktenmappe, der kleine Rollkoffer waren weg. Schon als sie die Treppe hinunterging, wusste sie, dass auch ihre Mutter weg war.

»Sie hat mich alleingelassen. Sie hat mich einfach verlassen.«

Sie blickte sich in dem hübschen, aufgeräumten Wohnzimmer um. Alles war perfekt – die Stoffe, die Farben, die Kunstwerke, die Einrichtung. Die Antiquitäten befanden sich schon seit Generationen in der Familie der Fitchs und strahlten ruhige Eleganz aus.

Alles war leer.

Nichts hatte sich geändert, stellte sie fest. Und nichts würde sich je ändern.

»Dann werde ich mich eben ändern.«

Da gab es kein Nachdenken und kein Hinterfragen. Sie ging in ihr Zimmer und holte eine Schere aus dem Schreibtisch.

Im Badezimmer studierte sie ihr Gesicht im Spiegel. Die Farben hatte sie von ihrem Vater geerbt – kastanienbraune Haare, dick wie die ihrer Mutter, aber ohne die weichen, hübschen Wellen. Die hohen, scharfen Wangenknochen ihrer Mutter, die tiefliegenden grünen Augen, die blasse Haut und den großen Mund ihres biologischen Vaters – wer auch immer er sein mochte.

Physisch attraktiv, dachte sie. Das war genetisch bedingt, und ihre Mutter hätte auch nichts anderes geduldet. Aber nicht strahlend schön wie Susan, nein. Und das war wohl eine Enttäuschung gewesen, gegen die selbst ihre Mutter nichts ausrichten konnte.

»Freak.« Elizabeth presste eine Hand auf den Spiegel. Sie hasste ihr Spiegelbild. »Du bist ein Freak. Aber wenigstens bist du kein Feigling.«

Sie holte tief Luft, packte eine dicke Strähne ihrer schulterlangen Haare und schnitt sie ab.

Mit jedem Schnipsen der Schere fühlte sie sich mächtiger. Ihre Haare, ihre Entscheidung. Die abgeschnittenen Strähnen ließ sie zu Boden fallen. Und während sie die Haare schnitt und absäbelte, bildete sich ein Bild in ihrem Kopf. Sie wurde langsamer und betrachtete sich mit zusammengekniffenen Augen. Es war wirklich einfach nur Geometrie, dachte sie, und Physik. Aktion und Reaktion.

Die Last fiel von ihr ab, physisch wie metaphorisch. Das Mädchen im Spiegel sah leichter aus. Ihre Augen wirkten größer, ihr Gesicht war nicht mehr so schmal und verkniffen.

Sie sah … neu aus, fand Elizabeth.

Vorsichtig legte sie die Schere weg, und als sie merkte, dass ihr Atem in keuchenden Stößen kam, zwang sie sich, tief durchzuatmen.

So kurz. Prüfend hob sie eine Hand an ihren bloßen Hals, an ihre Ohren, dann strich sie über ihre Haare. Zu gleichmäßig, dachte sie. Sie ergriff eine Nagelschere und versuchte, etwas mehr Pfiff hineinzuschneiden.

Nicht schlecht. Nicht wirklich gut, gab sie zu, aber anders. Und darum ging es doch nur. Sie sah anders aus und fühlte sich anders.

Aber sie war noch nicht fertig.

Sie ließ die Haare einfach auf dem Boden liegen und ging in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie die Sachen an, die sie versteckt hatte. Sie brauchte Zeug – so nannten die Mädchen es doch. Produkte für die Haare. Make-up. Und noch mehr Klamotten.

Sie musste in die Mall.

Aufgeregt lief sie ins Arbeitszimmer ihrer Mutter und nahm den Zweitschlüssel ihres Wagens aus der Schreibtischschublade. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie in die Garage eilte. Sie setzte sich hinters Steuer und schloss einen Moment lang die Augen.

»Jetzt geht es los!«, sagte sie leise. Dann betätigte sie die Fernbedienung für das Garagentor und fuhr rückwärts hinaus.

Sie ließ sich Löcher in die Ohrläppchen stechen. Es war ein wenig schmerzhaft, kam ihr jedoch kühn vor, und es passte zu der Haarfarbe, die sie nach langem, sorgfältigem Studium und Nachdenken ausgewählt hatte. Sie kaufte auch Haarwachs, da sie gesehen hatte, wie eins der Mädchen auf dem College es benutzte. Vielleicht konnte sie sich eine ähnliche Frisur machen.

Sie gab zweihundert Dollar für Make-up aus, weil sie sich nicht entscheiden konnte, welches das Richtige war.

Danach musste sie sich setzen, weil ihre Knie wackelten. Aber sie war noch nicht fertig, rief sich Elizabeth ins Gedächtnis, während sie beobachtete, wie Grüppchen von Teenagern, Frauen und Familien vorbeischlenderten. Sie musste nur einen Moment zur Besinnung kommen.

Sie brauchte Kleider, aber sie hatte keinen Plan, keine Einkaufsliste. Spontankäufe machten Spaß, waren aber auch anstrengend. Mittlerweile hatte sie dumpfe Kopfschmerzen, und ihre Ohrläppchen pochten.

Logisch und vernünftig wäre es, wenn sie nach Hause fahren und sich eine Weile hinlegen würde. Und dann konnte sie in Ruhe einen Plan aufstellen, was sie alles kaufen musste.

Aber das war die alte Elizabeth. Die neue holte nur kurz Luft.

Ein Problem war, dass sie nicht genau wusste, in welches Kaufhaus oder welchen Laden sie gehen sollte. Es gab so viele, und alle Schaufenster waren voll mit Sachen. Am besten wäre es wohl, ein bisschen herumzulaufen und Mädchen ihres Alters zu beobachten. Dann würde sie dorthin gehen, wo sie auch hingingen.

Sie packte ihre Tüten, stand auf – und prallte mit jemandem zusammen.

»Entschuldigung«, setzte sie an, aber dann erkannte sie das Mädchen. »Oh, Julie.«

»Ja.« Die Blonde mit den glatten, perfekten Haaren und den Augen wie geschmolzene Schokolade warf Elizabeth einen verwirrten Blick zu. »Kennen wir uns?«

»Wahrscheinlich erkennst du mich nicht. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Ich habe als Schülerin Spanisch bei euch unterrichtet. Elizabeth Fitch.«

»Elizabeth, ja klar. Das Superhirn.« Julie kniff die Augen zusammen. »Du siehst so anders aus.«

»Oh, ich …« Verlegen hob Elizabeth eine Hand an die Haare. »Ich habe mir die Haare abgeschnitten.«

»Cool. Ich dachte, du wärst weggezogen oder so.«

»Ich bin aufs College gegangen und bin jetzt den Sommer über zu Hause.«

»Ach ja, du hast ja schon früh deinen Abschluss gemacht. Komisch.«

»Ja, wahrscheinlich. Gehst du diesen Herbst aufs College?«

»Ich soll nach Brown gehen.«

»Das ist eine wunderbare Schule.«

»Okay. Na ja …«

»Gehst du einkaufen?«

»Ich bin pleite.« Julie zuckte mit den Schultern. Elizabeth musterte ihren Aufzug – die enge Jeans, die tief auf den Hüftknochen saß, das dünne Top, das den Bauch freiließ, die übergroße Schultertasche und die Keilsandalen. »Ich bin nur in die Mall gekommen, um meinen Freund zu treffen – meinen Exfreund, ich habe mich nämlich von ihm getrennt.«

»Das tut mir leid.«

»Ach, scheiß drauf. Er arbeitet bei Gap. Wir wollten heute Abend ausgehen, und jetzt sagt er, er müsse bis zehn arbeiten, und danach wolle er lieber mit seinen Kumpels abhängen. Ich war es leid, deshalb habe ich Schluss gemacht.«

Elizabeth wollte erwidern, dass sie ihn nicht dafür bestrafen sollte, dass er seinen Verpflichtungen nachkam, aber Julie redete immer weiter – und Elizabeth ging durch den Kopf, dass das andere Mädchen noch nie so viel mit ihr gesprochen hatte wie heute.

»Also gehe ich jetzt mal zu Tiffany, um zu hören, was sie so vorhat, weil ich jetzt für den Sommer keinen Freund habe. Das nervt. Du bist wahrscheinlich mit Jungs aus dem College zusammen.« Julie musterte sie. »Gehst auf Frat Partys, Bierpartys und so.«

»Ich … in Harvard gibt es viele Männer.«

»Harvard.« Julie verdrehte die Augen. »Sind jetzt im Sommer auch ein paar in Chicago?«

»Keine Ahnung.«

»Ich bräuchte einen Typen vom College. Wer will schon einen Loser, der in der Mall arbeitet? Ich brauche jemanden, der weiß, wie man Spaß hat, der mich mitnehmen kann, an Alkohol rankommt. Aber das klappt ja nie, wenn man nicht in die Clubs reinkommt. Dort hängen die ja ab. Ich bräuchte einfach einen gefälschten Ausweis.«

»Den kann ich dir machen.« Sie hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als sich Elizabeth auch schon wunderte, wo sie herkamen. Julie jedoch packte sie am Arm und lächelte sie an, als seien sie die besten Freundinnen.

»Kein Quatsch?«

»Nein. Mit den richtigen Werkzeugen ist es nicht besonders schwierig, einen falschen Ausweis herzustellen. Eine Dokumentenvorlage, ein Foto, Laminat, ein Computer mit Photoshop.«

»Superhirn. Was brauchst du, um mir einen Führerschein zu machen, mit dem ich in einen Club komme?«

»Wie schon gesagt, eine Vorlage …«

»Nein, mein Gott! Was willst du dafür?«

»Ich …« Sie musste handeln, stellte Elizabeth fest. Das war ein Geschäft. »Ich muss Klamotten kaufen, aber ich weiß nicht, was ich kaufen soll. Ich brauche jemanden, der mir hilft.«

»Einen Einkaufsberater?«

»Ja. Jemanden, der sich auskennt. Du weißt schon.«

Julie wirkte auf einmal gar nicht mehr mürrisch und gelangweilt. Sie strahlte. »Darin bin ich ein Superhirn. Und wenn ich dir helfe, ein paar Outfits zu kaufen, dann fälschst du mir den Führerschein?«

»Ja. Und ich möchte mit dir in den Club gehen. Auch dafür brauche ich die richtigen Kleider.«

»Du? Du willst in einen Club gehen? Dann hast du mehr als nur die Haare anders, Liz.«

Liz. Sie war Liz. »Ich brauche ein Foto, und es dauert ein bisschen, um die Ausweise zu gestalten. Aber bis morgen könnte ich sie fertig haben. In welchen Club würden wir denn gehen?«

»Am besten gleich in den angesagtesten. Warehouse 12. Brad Pitt war da, als er in der Stadt war.«

»Kennst du ihn?«

»Schön wär’s. Okay, dann lass uns mal shoppen gehen.«

Ihr wurde ganz schwindlig, nicht nur weil Julie sie mit atemberaubender Geschwindigkeit in die Läden dirigierte und sich Kleider schnappte, die sie nur flüchtig gemustert hatte. Schon allein die Vorstellung. Eine Einkaufsberaterin. Nicht jemanden, der eine Vorauswahl traf, was geeignet war, und dann von ihr erwartete, dass sie zustimmte. Jemand, der einfach nach etwas griff und davon redete, heiß, cool oder sogar sexy auszusehen.

Niemand hatte Elizabeth jemals vorgeschlagen, sie solle sexy aussehen.

Sie schloss sich in ihrer Umkleidekabine mit einem Berg von bunten Sachen ein und musste sich zunächst einmal setzen.

Es ging alles viel zu schnell. Sie kam sich vor wie in einem Tsunami. Die Woge überrollte sie einfach.

Ihre Finger zitterten, als sie sich entkleidete. Sorgfältig faltete sie ihre Sachen und betrachtete all die Kleidungsstücke, die in dem winzigen Raum hingen.

Was sollte sie anziehen? Was passte wozu? Woher sollte sie das wissen?

»Ich habe ein supertolles Kleid gefunden!« Ohne anzuklopfen, stürmte Julie in die Kabine. Instinktiv verschränkte Elizabeth die Arme vor der Brust.

»Hast du noch nichts anprobiert?«

»Ich wusste nicht, womit ich anfangen sollte.«

»Fang mit dem supertollen Fummel hier an.« Julie drückte ihr das Kleid in die Hand.

Von der Länge her war es eigentlich mehr eine Tunika, dachte Elizabeth. Es war knallrot, mit Rüschen an den Seiten. Auf den dünnen Trägern funkelten silberne Pailletten.

»Was zieht man dazu an?«

»Killerschuhe. Nein, lass den BH lieber weg. Zu dem Ding kannst du keinen BH tragen. Außerdem hast du eine echt gute Figur.«

»Ich habe gute Gene und halte mich durch tägliches Training und gesunde Ernährung fit.«

»Verstehe.«

Und der nackte – oder fast nackte – menschliche Körper war etwas ganz Natürliches, dachte Elizabeth. Nur Haut, Muskeln, Knochen und Nerven.

Sie legte ihren Büstenhalter auf die gefalteten Sachen und schlüpfte in das Kleid.

»Es ist sehr kurz«, begann sie.

»Wirf diese altmodischen Schlüpfer besser weg und kauf dir einen String. Das ist absolut clubwürdig.«

Elizabeth holte tief Luft und drehte sich zum Dreifachspiegel. »Oh.«

Wer war das? Wer war das Mädchen in dem kurzen roten Kleid?

»Ich sehe …«

»Du siehst großartig aus«, erklärte Julie, und Elizabeth sah im Spiegel, wie sich auch auf ihrem Gesicht ein Lächeln ausbreitete.

»Großartig.«

Sie kaufte das Kleid und noch zwei weitere. Und Röcke. Sie kaufte Tops, die über der Taille endeten, und Hosen, die auf den Hüften saßen. Sie kaufte Tangas. Und sie surfte auf dem Tsunami und kaufte sich Schuhe mit silbernen Absätzen, auf denen zu laufen sie erst noch üben musste.

Und sie lachte wie jedes normale Mädchen, das mit einer Freundin in der Mall einkauft.

Sie kaufte eine Digitalkamera und sah dann zu, wie Julie sich auf der Toilette schminkte. Sie fotografierte Julie mehrere Male vor der hellgrauen Tür der Kabine.

»Und das funktioniert?«

»Ich sorge dafür, dass es funktioniert. Wie alt willst du sein? Am besten bleiben wir so dicht wie möglich an deinem wahren Alter. Dann kann ich alles von deiner gültigen Fahrerlaubnis übernehmen und brauche nur das Jahr zu ändern.«

»Hast du das schon mal gemacht?«

»Ich habe experimentiert und viel über Betrug und Cyber-Verbrechen gelesen. Es ist interessant. Ich würde gerne …«

»Was?«

»Ich würde mich gerne intensiver mit Computer-Verbrechen, Prävention und Ermittlung beschäftigen. Am liebsten würde ich zum FBI gehen.«

»Ehrlich? Wie Dana Scully.«

»Die kenne ich nicht …«

»Akte X, Liz. Guckst du kein Fernsehen?«

»Populäre und kommerzielle Fernsehsendungen darf ich nur eine Stunde pro Woche anschauen.«

Julie verdrehte ihre großen schokoladenbraunen Augen. »Wie alt bist du? Sechs? Jesus Christus!«

»Meine Mutter hat ganz klare Vorstellungen.«

»Du bist auf dem College, du liebe Güte! Du kannst dir angucken, was du willst. Na ja, ich komme auf jeden Fall morgen Abend bei dir vorbei. Gegen neun? Von dir aus nehmen wir ein Taxi. Aber ruf mich bitte an, wenn du den Ausweis fertig hast, okay?«

»Ja.«

»Ich sag dir was. Dass ich mit Darryl Schluss gemacht habe, war das Beste, was ich je getan habe, sonst hätte ich all das hier verpasst. Wir machen richtig Party, Liz.« Lachend schwenkte Julie mitten auf der Damentoilette die Hüften. »Richtig groß. Ich muss los. Neun Uhr. Versetz mich nicht.«

»Nein, das tue ich nicht.«

Erschöpft vom aufregenden Tag schleppte Elizabeth alle Tüten zu ihrem Auto. Sie wusste jetzt, worüber Mädchen in der Mall redeten.

Über Jungs. Darüber, es zu machen. Julie und Darryl hatten es gemacht. Über Kleider. Musik. Im Geiste hatte sie eine Liste von Sängern gespeichert, die sie nachgucken musste. Film- und Fernsehschauspieler. Andere Mädchen. Was andere Mädchen anhatten. Mit wem andere Mädchen es gemacht hatten. Immer wieder von Jungs.

Sie wusste, dass die Unterhaltungen und Gesprächsthemen Ausdruck gesellschaftlicher und generationsbedingter Normen waren. Aber bis zum heutigen Tag war sie ausgeschlossen gewesen.

Und sie glaubte, dass Julie sie mochte, wenigstens ein bisschen. Vielleicht könnten sie mehr miteinander unternehmen. Vielleicht auch mit Julies Freundin Tiffany – die es mit Mike Dauber gemacht hatte, als er in den Frühlingsferien zu Hause gewesen war.

Sie kannte Mike Dauber. Sie war in einem Kurs mit ihm. Und er hatte ihr einmal eine Nachricht zugesteckt. Sie war zwar für jemand anderen bestimmt, aber es war immerhin schon mal ein Kontakt gewesen.

Zu Hause legte sie alle Tüten auf ihr Bett.

Dieses Mal würde sie nichts verstecken. Und alles, was ihr nicht gefiel – also fast alles, was sie besaß –, würde sie in die Kleidersammlung geben. Und wenn sie Lust hatte, würde sie sich Akte X anschauen und Christina Aguilera, ’N Sync und Destiny’s Child hören.

Und sie würde ein anderes Hauptfach wählen.

Beim Gedanken daran schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sie würde das studieren, was sie studieren wollte. Und wenn sie ihren Abschluss in Kriminologie und Computerwissenschaften hatte, würde sie sich beim FBI bewerben.

Heute hatte sich alles geändert.

Entschlossen holte sie das Haarfärbemittel aus einer Tüte. Sie baute alles im Badezimmer auf und führte den empfohlenen Test an einer versteckten Stelle durch. Während sie wartete, fegte sie die abgeschnittenen Haare auf, dann räumte sie ihren Schrank und ihre Kommode aus und hängte und legte ihre neuen Sachen hinein.

Weil sie Hunger hatte, ging sie in die Küche, machte sich eine der vorbereiteten Mahlzeiten warm und aß, während sie auf ihrem Laptop einen Artikel über das Fälschen von Ausweisen las.

Nachdem sie das Geschirr abgewaschen hatte, ging sie wieder nach oben. Mit einer Mischung aus Zögern und Erregung befolgte sie die Anweisung zum Färben der Haare und stellte den Wecker ein. Während die Farbe einwirkte, bereitete sie alles vor, was sie für die Ausweise brauchte. Sie nahm die Britney-Spears-CD, die Julie ihr empfohlen hatte, aus der Hülle und schob sie in den CD-Player ihres Laptops. Den Ton drehte sie so laut, dass sie die Musik hören konnte, als sie in der Dusche stand, um sich die Farbe aus den Haaren zu waschen.

Pechschwarzes Wasser verschwand im Abfluss.

Sie spülte die Haare mehrmals aus. Schließlich stützte sie sich mit den Händen an der Wand der Dusche ab. Vor Aufregung und Furcht zog sich ihr der Magen zusammen. Als das Wasser schließlich klar war, trocknete sie sich ab und wickelte sich ein Handtuch um die Haare.

Seit Jahrhunderten färbten Frauen sich die Haare, rief sich Elizabeth ins Gedächtnis. Dazu benutzten sie Beeren, Kräuter oder Wurzeln. Es war ein … ein Übergangsritus, beschloss sie.

Es war eine persönliche Entscheidung.

Sie schlüpfte in ihren Bademantel und trat vor den Spiegel.

»Meine Entscheidung«, sagte sie und nahm das Handtuch von den Haaren.

Sie starrte auf das Mädchen mit der blassen Haut und den großen grünen Augen, das Mädchen mit den kurzen, stacheligen rabenschwarzen Haaren, die ihr schmales, scharfgeschnittenes Gesicht umrahmten. Sie fuhr mit den Fingern hindurch, fühlte die Struktur, sah, wie es sich bewegte.

Dann stellte sie sich aufrecht hin und lächelte.

»Hi. Ich bin Liz.«