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Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe

1

PLÖTZLICH das Meer, ganz nah, eine graue, stille, beinahe völlig beruhigte Fläche. Ich reckte mich auf und schaute auf die Uhr, zwei, drei Stunden hatte ich vielleicht geschlafen, jetzt war früher Morgen, kurz nach Fünf, ein Juli-Morgen an der italienischen Adria-Küste. Ich hatte das Meer einfach vergessen, jahrelang hatte ich es nicht gesehen, jetzt lag es mir wie eine weite Verheißung zu Füßen, unaufdringlich und groß, als bekäme ich mit ihm zu tun. Noch war die Sonne nicht da, der Himmel noch graublau und fahl, am Strand keine Bewegung, kein einziger Mensch, nur hier und da einige verlassene, verstreut stehende Liegestühle, Kinderspielzeug, Gerümpel, die schiefen, zusammengeklappten Sonnenschirmpilze, Liegengebliebenes … Doch all das reichte schon, mich zu erregen, es war eine meinen ganzen Körper erfassende Erregung, wie sie mich nach langen Nachtfahrten in Zügen oft in der Morgenfrühe befiel.

 

Zwei weitere Fahrgäste teilten das Zugabteil mit mir, ein stiller, keinen Laut von sich gebender Japaner und ein junger Schweizer, der sich in der Nacht umgezogen und schlafen gelegt hatte, als wäre er noch immer ein wenig bei sich zu Haus. Ich kletterte vorsichtig über die steifen, schlafenden Körper und trat auf den Gang, ruhig und schnell glitt der Zug durch die Landschaft, in der Ferne die grünen Olivenhügel des Südens, mit einem Mal spürte ich mein aufgeregt klopfendes, hellwaches Herz. Im Waschraum wusch ich mir durchs Gesicht, dann schaute ich, als müßte ich mich vergewissern, durch das heruntergezogene Fenster der Waggontür noch einmal hinaus. Das Meer! …, ja, das Meer, die Überraschung hielt an, der Eindruck stimmte, am liebsten wäre ich ausgestiegen, um jetzt, sofort, am Meer entlangzugehen, stundenlang, den ganzen Morgen, wie schön wäre es, dachte ich, so anzukommen, irgendwo ausgespuckt und gleich in der Weite verschwindend.

 

Dann blieb der Zug stehen, die Wolken hingen schwer und staubgrau über dem Wasser und verdeckten noch immer die Frühsonne, es war sehr still, die meisten Fahrgäste schliefen, der stehende Zug atmete aus, immer matter und ruhiger. Draußen, auf dem kleinen Dorfbahnsteig, ging das Zugpersonal auf und ab, als hätte alles so seine Ordnung und als befänden wir uns in einem Film der Fünfziger Jahre. Niemand sprach, eine wattige, dichte Wärme drang herein, vollgesogen mit dem Erdgeruch der nahen Umgebung, dann ein Pfiff, das Personal stieg wieder ein, und die Lok zog vorsichtig an, um unerwartet schnell zu beschleunigen. Mit einem Mal erreichte der Zug eine hohe Geschwindigkeit, die Küstenlandschaft raste wie kleingeschnitten vorbei, gefräst oder zerhäckselt von diesem Tempo.

 

Ich ging in den Speisewagen und trank einen starken, schwarzen Kaffee, als ich ins Abteil zurückkam, waren auch die beiden anderen Fahrgäste wach. Der Japaner, der die ganze Nacht unter einem bunten, wie ein Linnen über den Körper gebreiteten Tuch verbracht hatte, verbeugte sich kurz, während der junge Schweizer schon seine Verpflegung auspackte. Ich nahm die kaum handgroße, digitale Kamera, die Rudolf mir mitgegeben hatte, aus meinem Gepäck, setzte mich wieder ans Fenster und filmte das vorbeigleitende Meer. Manchmal drängten sich häßliche Häuser aus unverputztem Beton vor den Anblick, minimale Gerippe auf ein paar dürftigen Fundamenten, aber ich filmte weiter, denn das Meer leuchtete immer wieder zwischen diesen Bauten hervor. Allmählich belebte sich die Kulisse, einzelne Figuren standen am Strand und schauten mit verschränkten Armen in die Weite, manche waren auch in die Hocke gegangen, als wollten sie den Strand abtasten, es waren fast immer Männer, Männer ohne Begleitung oder höchstens zu zweit, tastende, lauschende, schauende Männer, vom Anblick des Meeres in eine seltsam ruhige Andacht versetzt.

 

Das alles erschien auf dem Display meiner Kamera, der kleine Bildschirm verwandelte es sofort in einen strahlenden Film. Der junge Schweizer beugte sich zu mir hinüber und warf einen Blick darauf, aha!, sagte er kurz und erstaunt, als habe er mit soviel Präzision nicht gerechnet. Auch mir erschien die Abbildung auf dem Bildschirm präziser, festlicher und genauer als das Original, erst gestern abend hatte Rudolf mir in München die Funktionen des kleinen Geräts erklärt, schließlich war ich nur ein Amateur, der den Umgang mit solchen Apparaten nicht wirklich beherrschte.

 

Einen kurzen Moment dachte ich daran, wie wir in der Osteria italiana zu Abend gegessen hatten, ich hatte Kohlrabisuppe, Kalbsnieren und Erdbeeren bestellt, und Rudolf hatte lange von allen nur möglichen Kamera-Feinheiten gesprochen, ganz detailliert, er wurde dabei immer verzückter, als habe er selbst diese Technik erfunden, während mir nichts anderes übriggeblieben war, als in der Bedienungsanleitung zu blättern. Ich hatte ihm nicht mehr folgen können, viel zu lange hatte ihn das Thema gepackt, es war mir seltsam vorgekommen, daß er mein Schweigen nicht bemerkt hatte, er hatte immer weitergesprochen, als müßte ich wirklich jede Einzelheit wissen. Rudolf war schon oft mit dieser kleinen Kamera gereist, manchmal kam es mir so vor, als reiste er nur, um sie auszuführen, immerzu dachte er in Einstellungen und Schnitten, der Beruf des Kameramannes prägte seine Wahrnehmung so sehr, daß er überhaupt nicht mehr naiv in die Welt schauen konnte. Ich hatte ihm schließlich nicht mehr zugehört, sondern auf die Geräusche draußen geachtet, manchmal, wenn neue Gäste hereingekommen waren, war ein frischer Windzug durch das Lokal gestreift, und ich hatte eine bittere Erdfeuchtigkeit gerochen, die Feuchtigkeit des leichten Regens, der so sehr zu den breiten Münchener Straßen paßte. Im Taxi zum Bahnhof hatte Rudolf wieder von Technischem gesprochen, als wäre er besorgt, ich könnte die Kamera falsch bedienen, ich hatte ihm sogar versprechen müssen, mich bei eventuellen Problemen zu melden. Jetzt, jenseits der Alpen, erschienen mir seine Beschwörungen wie eine deutsche Marotte, als verstünde er nichts vom schwerelosen, leichteren Leben auf dieser Seite der Berge.

 

Ich stoppte die Aufnahme, ein heller, kurzer Signalton erklang, plötzlich grinsten wir alle drei, sogar der Japaner tat amüsiert. Seit wir zusammen reisten, hatten wir kaum miteinander gesprochen, jeder reiste auf seine Weise, und als folgten wir einer unausgesprochenen Regel, blieben wir stumm und verkehrten miteinander nur pantomimisch, der Japaner schwieg wie ein Meister des Zen, während der junge Schweizer beinahe ununterbrochen werkelte, leise mit sich selbst redend.

Ich packte die Kamera weg, holte mein schwarzes Notizbuch hervor und begann zu schreiben. Die verhangene Sonne preßte noch eine Weile ein mattes Licht gegen den dichten Wolkenvorhang, dann sah ich die ersten, durch das Grau schießenden Sonnenflecken, sie sprangen über das Meer und zitterten in der Ferne, ich äugte immer wieder dorthin hinaus, während ich schrieb. Zum ersten Mal seit vielen Jahren fahre ich wieder allein, ohne Kollegen, ohne Freunde, ohne eine Frau an meiner Seite. Ich hätte den Billigflug nach Pescara nehmen können, es hätte kaum mehr als eine Stunde gedauert, aber ich wollte noch einmal fahren wie früher, als Schüler und als Student, als es eine Sache der Ehre war, so billig wie möglich zu reisen. So habe ich zwei Stunden mitten in der Nacht auf dem Bahnhof von Bologna verbracht und später versucht, ausgestreckt, auf zwei harten Sitzen eines Zugabteils zu schlafen. Wie früher dehnte sich die Nacht und schien kein Ende zu nehmen, und wie früher war mit der ersten Helligkeit das alles vergessen und die Übermüdung wie weggeblasen. Sogar das alte Glücksgefühl ist wieder da, ein Gefühl, das mit dem Alleinreisen zu tun hat, als bräuchte man zum Alleinreisen Kraft, Überwindung und Ausdauer und als belohnte einen das Glück, wenn man von alledem genug aufbietet. Vielleicht ist das Glück aber auch eine Entspannung, denn erst jetzt, jenseits der Alpen, ist es mit den ersten Sonnenstrahlen da, erst jetzt, wo ich aufhöre, an München, die Arbeit und die Freunde zu denken. Seit einem Jahr gibt es die Frau an meiner Seite nicht mehr, noch vor wenigen Monaten hätte ich oft an sie denken müssen, ich glaube, das ist jetzt vorbei, auch die Frau an meiner Seite denkt nicht mehr an mich, vielleicht ist es uns tatsächlich gelungen, unsere gemeinsame Zeit hinter uns zu lassen, hinter uns, meine ich, nur ein Stück weit hinter uns, denn ich will nicht so tun, als hätte es diese Zeit nie gegeben.

2

WENIGE STUNDEN später kamen wir in San Benedetto an, unruhig und überstürzt strömten die meisten Reisenden dem Ausgang entgegen, ich ließ mir Zeit und ging den lautstarken Haufen, die sich dann sofort auf die bereits wartenden Autos und Taxis verteilten, langsam hinterher. Draußen vor dem Bahnhofsgebäude standen die blauen Überlandbusse mit laufenden Motoren und weit geöffneten Türen in der gleißenden Sonne, genau gegenüber aber saßen die alten Voyeure auf den weißen Plastikstühlen eines Cafés und beobachteten das Schauspiel. Ich nahm meinen Koffer und ging, den kleinen Rucksack auf dem Rücken, zu ihnen hinüber, ich grüßte freundlich, ließ das Gepäck draußen an einem Tisch stehen, bestellte meinen zweiten schwarzen Kaffee, nahm ihn mit nach draußen und setzte mich.

 

Rudolf hatte von San Benedetto als der Stadt der Palmen gesprochen, ich erinnerte mich daran, als ich die vielen sich aufreckenden Palmwedel auf den schuppig grautrockenen Stämmen sah, die die Straßenzüge entlang paradierten und bis dicht an den Bahnhof reichten. Ich nippte an dem Kaffee und schaute in die Runde, sofort sprach mich einer der Männer an und fragte, woher ich komme. Ich erzählte von München, Monaco, als wäre es ebenfalls eine italienische Stadt, gar nicht weit, er nickte laufend und sprach vom Sommer jetzt. Er sprach ganz präzise, als erinnere er sich an jeden einzelnen Tag im letzten Monat, vier, fünf kurze Regengüsse am Morgen, Temperaturen bereits über vierzig Grad, rasch wieder verziehende Gewitter manchmal in der Nacht, sonst aber die Gleichmäßigkeit ruhiger Tage, ein guter Sommer, zum Glück.

 

Die anderen Männer hörten uns zu, einer fragte, ob ich schon ein Hotel habe, und ich nannte den Namen, ein gutes Hotel, ein Familienhotel mit ausgezeichneter Küche, keine Touristen, antwortete er, als wollte er mir eine Freude machen. Aber ich, sagte ich, ich bin ein Tourist, ich bin ein Fremder. Sie sprechen sehr gut italienisch, Sie sind kein Fremder und auch kein Tourist, entgegnete der Alte, und die anderen stimmten zu, als wäre ich damit aufgenommen in ihren Club. Kommen Sie, sagte einer von ihnen, ich fahre Sie hin, mein Wagen steht dort, und als ich abwehrte und erklärte, lieber ein Taxi nehmen zu wollen, protestierten sie so laut, daß ich das Angebot annahm.

 

Während der Fahrt fielen mir die grünen Palmwedel wieder auf, oft waren die Häuser zu beiden Seiten vor lauter Palmen kaum zu sehen, den breiten Boulevard, der direkt am Meer verlief, schmückten gleich mehrere Reihen. Mein Fahrer drehte sich zu mir um und fragte, wie lange ich Ferien machen wolle, und ich antwortete, daß ich keine Ferien mache, sondern beruflich hier sei, als Journalist. Er tat erstaunt, als habe er etwas Bedeutsames gehört, er nahm an, ich sei für eine Zeitung unterwegs, für eine große Zeitung, setzte er noch hinzu, und ich korrigierte ihn und antwortete, daß ich fürs Fernsehen unterwegs sei und für einen Film recherchiere, einen Film über die Stadt, das Meer und das berühmte meeresbiologische Institut.

Diese Auskunft schien ihn noch munterer zu machen, er strich sich mit der Rechten übers Haar und murmelte etwas wie zur Probe vor sich hin, anscheinend überlegte er bereits, wie er mir helfen könne. Dann sprach er vom Hafen und davon, daß der Hafen das eigentliche Herz dieser Stadt sei, die ganze Stadt sei aus dem Hafen hervorgegangen, und er habe ihn noch genau vor Augen, als er nichts anderes gewesen sei als ein kleiner Fischerhafen, die großen bunten Segel der alten Schiffe gebe es jetzt im Museum zu sehen, im Museum am Hafen, gleich neben dem meeresbiologischen Institut.

 

Ich lehnte mich zurück und hörte ihm zu, ich mochte die liebende, schwärmerische Suada, mit der er erzählte, es hörte sich an, als spräche er ein altes, klares Latein. Als er vor dem Hotel hielt, griff ich nach meinem Gepäck und wollte mich von ihm verabschieden, aber er wehrte ab und begleitete mich hinein. Hinter der Rezeption stand ein Mann seines Alters mit einem Gesicht ewiger Bräune, er breitete die Arme aus, als wollte er uns gleich beide umarmen, trat dann aber ins Foyer, um seinen Freund leicht an der Schulter zu packen, sie schienen sich sehr lange zu kennen und sprachen miteinander in ganz vertraulichem, liebevollem Ton. Ich sagte mir, daß ich besonderes Glück gehabt hatte, von einem guten Freund des Hoteliers hierhergefahren worden zu sein, mein Fahrer erzählte von mir, als hätten wir den halben Morgen miteinander verbracht, schließlich kramte er eine Visitenkarte aus seinem Portemonnaie, überreichte sie mir und ging zur Tür, ich wollte ihm zum Abschied ein Trinkgeld geben, aber er wehrte ab, als wäre ein solches Angebot seiner nicht würdig.

 

Auch als er verschwunden war, hielt sich die gute Stimmung, der Hotelier stellte sich vor, nannte sich aber lediglich Carlo, als sei es ausgemacht, daß wir untereinander nur mit den Vornamen verkehrten. Ich zog gleich mit und deutete, als müßte nicht er mir, sondern ich ihm die Sprache beibringen, auf mich selbst, ich heiße Giovanni, Gio-vanni, sagte ich, und so standen Carlo und Giovanni einander gegenüber, als hätten sie gerade im Eiltempo einige lästige Hürden des Lebens mit Leichtigkeit übersprungen. Ich dachte auch gleich daran, wie hilfreich dieser Mann mir bei meiner Arbeit sein könne, auch bei früheren Reisen hatte ich manches Mal Glück mit Bekanntschaften dieser Art gehabt, die einem die richtigen Auskünfte gaben und oft die besten Wege zu einem Ziel wußten. Hatte man einen solchen zuverlässigen Menschen gefunden, kam man um vieles schneller voran, für kurze Zeit war man mit einem Eingeweihten im Bunde und näherte sich den Geheimnissen der Fremde nicht mehr wie jemand, der jeden Schritt allein tun mußte.

 

Carlo kratzte sich am Kopf, nahm einen Zimmerschlüssel vom Schlüsselbrett und begleitete mich zum Aufzug, er sagte, daß er mir ein sehr schönes Zimmer im fünften Stock geben werde, ein Zimmer mit Blick auf das Meer und zu den Bergen, er akzentuierte das und ganz besonders, als werde mir eine seltene Auszeichnung zuteil. Ich ging auch gleich auf das Spiel ein, das Meer und die Berge sagte auch ich, als ließe ich mir die Worte auf der Zunge zergehen. Mein Italienisch war nicht perfekt, aber ich besaß eine gute Aussprache, schon früher hatte ich meine Gesprächspartner damit oft so getäuscht, daß sie mich, solange der Vorrat der Wendungen reichte, für einen Italiener gehalten hatten. Auch an Carlo bemerkte ich diese Täuschung, sie war daran zu erkennen, daß er schnell und beiläufig sprach und die Wortenden verschleifte, er setzte voraus, daß ich alles verstand, irgendwann aber würde der Moment kommen, an dem ich diesen guten Glauben mit einem einzigen falschen Wort ins Wanken bringen würde.

 

Wir fuhren zusammen hinauf, oben öffnete er mit einem leichten Ächzen die Zimmertür und ließ mich eintreten. Es war ein großes, helles Zimmer, durch eine schmale Tür betrat man einen ums Eck laufenden Balkon, auf dem Tisch und Stühle standen. Ich blickte hinunter aufs Meer, es war ein überwältigender Anblick, die Strandpartien erschienen durch die Symmetrie der Sonnenschirme und Liegestühle wie breite, monochrome Streifen, die bis hinunter zum Leuchtturm nahe dem Hafen lückenlos dicht aufeinanderfolgten, an diesen bunten Teppich reihten sich die neueren Stadtteile mit ihren Hotels und den rechtwinklig aufeinandertreffenden Straßen, bis das Gelände allmählich zu den ockergelben, mattgrünen Hügeln hin anstieg.

 

Ich ging etwas fassungslos auf dem kleinen Balkon auf und ab, dieses Zimmer war ein richtiger Treffer, ich hätte gern etwas Passendes zu diesem starken Eindruck gesagt, aber vor lauter Glück verhedderte ich mich in Gedanken beim Durchspielen der Sätze, so daß ich nur sichtbar tief und befreit durchatmete, als wäre ich vollkommen hingerissen von dieser Kulisse. Carlo lächelte, als habe er nichts anderes erwartet, mir fiel plötzlich das Wort Wohlgefallen ein, er betrachtet Dich mit Wohlgefallen, dachte ich, das war genau die richtige Wendung, einen Moment suchte ich nach einer entsprechenden italienischen, fand aber wie benommen nichts annähernd Passendes. Er schien auch nichts Besonderes von mir zu erwarten, jedenfalls machte er meiner Verlegenheit ein Ende, indem er vom Mittagessen sprach, das Essen, sagte er, werde in einer halben Stunde serviert, sicher hätte ich Hunger genug, nach der langen, anstrengenden Reise. Ich sagte, daß ich in einer halben Stunde zur Stelle sein werde, ich mußte dabei etwas grinsen, denn meine Antwort kam jetzt sehr schnell und mitten hinein in seinen Satz, als hätte ich den Einsatz in einem Musikstück genau getroffen. Er nickte auch gleich, wünschte mir einen schönen Aufenthalt, bot mir seine Hilfe für alle Fälle an und zog sich mit jener Diskretion zurück, die mir noch einmal beweisen sollte, wie sehr er gerade mich als seinen besonders bevorzugten Gast schätzte.

 

Ich packte Koffer und Rucksack schnell aus, ging kurz unter die Dusche und setzte mich dann noch für einige Minuten nach draußen auf den Balkon. Im Vorgarten des Hotels standen die Gäste in kleinen Gruppen und warteten bereits auf das Essen, die Strände waren leer, kein Wind wehte, das starke Mittagssonnenlicht bleichte die Farben. Beim Verlassen des Zimmers blickte ich auf den kleinen Tisch neben der Garderobe: Die Handkamera, das Fernglas, das schwarze Notizbuch, Stifte aller Art, Zeichenpapier, ein Diktiergerät …, wie ein heutiges Stilleben, dachte ich, wie das Stillleben eines Handwerkers.

 

Unten an der Rezeption drängten sich die Gäste in dichten Trauben vor dem angeschlagenen Speisezettel, der laut vorgelesen und ausführlich kommentiert wurde, Carlo bemerkte mich, kam zu mir und führte mich in den Speisesaal, wo er mir einen kleinen Tisch zuwies. Er fragte, ob ich allein sitzen wolle, doch er wartete meine Antwort nur aus Höflichkeit ab, in Wahrheit rechnete er mit nichts anderem, einer wie ich saß allein, solo, fast hätte ich ihn mit einem solissimo überboten, zum Glück beließ ich es bei einem zustimmenden Nicken. Wenn wie heute alles beinahe ohne mein Zutun gelang, machte sich in meinem Wortschatz manchmal eine gewisse Albernheit breit, ich wußte, daß ich mich davor hüten mußte, es war längst noch nicht klar, ob ein Mann wie Carlo so etwas richtig verstand. Ich nahm Platz, doch das unterdrückte Wort plagte mich wie ein Ohrwurm, solissimo, ging es mir immerzu durch den Kopf, Carlo schaute zu, wie ich mich setzte, schließlich sagte ich, als hätte ich endlich das passende Wort für diese Situation gefunden, ja, genau, bis ich eine attraktive Bekanntschaft gemacht habe, will ich einen Tisch für mich allein. Ich bereute sofort, was ich gesagt hatte, attraktive Bekanntschaft paßte ganz und gar nicht zu mir, so eine Wendung machte mich älter, geradezu häßlich alt, ich hatte mich vergaloppiert, aber Carlo tat so, als hätte ich lediglich etwas Freundliches, Nichtiges gesagt, pure Konversation, wir werden sehen, antwortete er, ich war geradezu erleichtert, wie er über mein Gerede hinwegging.

 

Am Nachbartisch saß ein älteres Ehepaar, das mich sofort begrüßte, ich grüßte zurück und schlug das meeresbiologische Fachbuch auf, das ich zum Essen mitgenommen hatte. Die Gäste setzten sich jetzt an die weiß gedeckten Tische, jeder einzelne Tisch war sorgfältig gedeckt, die Weingläser schimmernd neben den gedrungenen Wassergläsern, das Besteck in Reih und Glied, die Servietten eingerollt in weiße Serviettenringe, die bereits entkorkte Flasche Wein mit dem kleinen goldenen Reif, auf dem sich die Zimmernummer befand, neben der Wasserkaraffe. Dann wurde das Murmeln leiser, die Erwartung stieg, und wie auf einen geheimen Befehl eilten die jungen Kellner dicht hintereinander mit den dampfenden, silbernen Platten herein.

3

ICH ZOG den Korken aus der gut gekühlten Weißweinflasche, schenkte mir ein Glas ein und trank einen Schluck, sofort, ohne jede Verzögerung, spürte ich die Wirkung des Alkohols, als nähme er sich meiner Müdigkeit an, um sie schlagartig zu vertreiben, es war wie ein kurzer, animierender Schock, so daß ich gleich einen zweiten Schluck nahm.

Die Kellner zogen mit den bunten Spaghetti-Bergen durch die Reihen, um sie auf die hingeschobenen großen Teller zu verteilen, die Stimmung im Saal war jetzt beinahe ausgelassen, man hörte die anfeuernden, kommentierenden Rufe der Gäste, wenn sich die Spaghetti-Fäden auf die Teller senkten. Da ich ganz am äußersten Rand des Saales, nahe der großen Fensterfront, saß und so schnell nicht bedient werden würde, schlug ich das meeresbiologische Fachbuch auf, am nächsten Morgen hatte ich meinen ersten Termin im Museum, zumindest einige Grundbegriffe, die ich mir in den letzten Wochen angelesen hatte, wollte ich auffrischen.

 

Am meisten hatten mich die Kapitel über die Lebensräume im Meer interessiert, immer wieder war ich an den Abbildungen dieser Seiten hängengeblieben. Der Algenbereich mit seinen Grün-, Rot- und Brauntönen, mikroskopisch kleine Sträucher, in denen sich die Krebse verfingen. Der graugrüne Sandboden mit den kaum erkennbaren Umrißabdrücken der Plattfische. Der schlammige Grüngrund, pastos, mit bemoosten Muscheln und den Texturen von kleinen fünfarmigen Sternen.

 

Ich starrte mal auf die Bilder, mal hinaus auf den Boulevard, der Blick flog über den Palmwedelteppich des Hotelvorgartens auf die im Sonnenlicht glitzernde Meeresfläche, bis hin zu den Segelbooten am weißen Horizontstreifen. Ich füllte das Wasserglas und leerte es gleich, dann stand der junge Kellner neben mir und bot mir die Pasta an, Spaghettini, sagte er, ich serviere Ihnen spaghettini, mögen Sie spaghettini?

Die dünnen Nudelfäden schlangen sich um dunkle Oliven, Kapern, kleine Tomatenstücke und rosa Anchovis, grüne, spitz zulaufende Blätter lagen mittendrin wie ein zentrales Nest. Was sind das für Blätter? fragte ich. Zitronenblätter, antwortete der Kellner, das sind Zitronenblätter.

Ich nahm noch einen Schluck Wein, als ich die Nudeln mit der Gabel aufzurollen begann, fischte ich in den Tiefen des Meeres. Die zusammengerollten grünen Zitronenblätter erinnerten an die Algenwälder der Abbildungen, das ganze Gericht schmeckte intensiv nach Meer und Fisch.

 

Ich sehe, es schmeckt Ihnen, sagte der ältere Mann am Nebentisch. Wem sollte so etwas nicht schmecken? antwortete ich. Ah, nicht alle mögen Fisch, sagte er, aber wenn man hier keinen Fisch mag, sollte man zu Hause bleiben. Unbedingt, antwortete ich, man sollte in die Berge fahren und sich an fetten Landwürsten mästen.

Nun ja, sagte er, auch fette Landwürste sind nicht zu verachten, kaum eine halbe Stunde von hier ist man schon in den Bergen, wo es sehr gute gibt.

Da er mit seiner Frau kaum ein Wort wechselte, war er anscheinend froh, einen anderen Gesprächspartner gefunden zu haben, sein Gesicht war gerötet, freudig gerötet, dachte ich und überlegte, wie ich ihn auf Distanz halten konnte. Er hob sein Glas und prostete mir zu, salute, sagte er, und ich dachte salute, cum grano salis, salute, wieder war ich in einen leichten Wortwirrwarr geraten.

Was lesen Sie denn da, fragte er, es sieht aus wie ein Kochbuch. O nein nein, antwortete ich, das ist kein Kochbuch, sondern ein meeresbiologisches Fachbuch. Sie sind Meeresbiologe? fragte er sofort nach.

Ich erklärte ihm kurz, was mich nach San Benedetto geführt hatte, er tat beeindruckt, als wäre die Arbeit eines Fernseh-Redakteurs etwas Besonderes, ja Exquisites, ich schenkte mir Wein nach und vertiefte mich mit gespieltem Interesse wieder in mein Fachbuch.

Ich las von Einzellern, Ultra- und Mikro-Plankton, ich betrachtete die Kleinstorganismen, die sich dicht an das, wie es hieß, »Oberflächenhäutchen« des Meeres schmiegten. Unterhalb der schwebenden, kaum beweglichen Schicht gab es schwerere, aber immer noch passiv schwimmende Wesen wie etwa die Veilchenschnecken, die angeblich auf selbstgebauten Schaumflößen dahertrieben, aktiver waren die umherschweifenden Arten, denen es aber auch nicht gelang, gegen die Strömung anzuschwimmen, erst die Fische waren aktive Schwimmer und wechselten ihre Lebensräume aus eigener Kraft.

Winzige Schnecken in leeren Seepockengehäusen …, das Wasserrelief der Kalkausfällungen auf grauen Steinen …, Seeigel- und Molluskenschalen auf schwerem Grobsand – die präzisen Fotografien übten einen so stark ästhetischen Reiz auf mich aus, daß ich gar nicht darauf achtete, was sie mir eigentlich erklären sollten, ich betrachtete sie eher wie kleine Bilder, die mich an eigene Meereseindrücke erinnerten. Worte wie »Seepockengehäuse« oder »Kalkausfällungen« las ich mehrmals, in ihrer anschaulichen Präzision gefielen sie mir besonders, daneben verstärkten sie die Neugierde, ich freute mich auf meinen ersten Gang am Meer entlang, wo ich all das wiederzufinden hoffte.

 

Als ich umblätterte, stand Carlo neben mir und blickte mir über die Schulter, zu Beginn der Mahlzeit hatte er sich allein an einen kleinen Tisch hinter der Tür gesetzt, das schien sein Platz zu sein, der Platz des Beobachters, der alles übersah und kaum etwas aß. In ruhigem Ton fragte er, ob ich zufrieden sei, und ich antwortete, der Wein sei zu gut, ich trinke zuviel davon. Sie werden sich an ihn gewöhnen, sagte er, jedenfalls beneide ich Sie, ich komme weder zum Trinken noch zum Essen, wenn die Gäste zugreifen, verliere ich jeden Appetit.

 

Er sprach sehr leise mit mir, es war ein Flüstern, als wollte er vermeiden, daß noch andere das Gespräch hörten. Wir redeten miteinander, als hätten wir Geheimnisse, es war ein seltsamer Dialog, wie zwischen Eingeweihten, die die anderen links liegen ließen. Ich werde Sie zum Essen einladen, sagte ich schließlich, irgendwo da draußen am Meer, damit Sie einmal etwas von der Welt zu sehen bekommen. Ich danke, Sie sind sehr freundlich, antwortete er grinsend und ging wieder zurück an seinen Tisch.

Während ich ihm hinterherschaute, wußte ich endgültig, daß ich in ihm eine Art Partner gefunden hatte, das Treiben der Gäste schien er mit leichter Ironie zu verfolgen, vielleicht war ich für ihn einer, dem er ebenfalls Distanz und Ironie zutraute, jedenfalls hatte unser Gespräch einen Ton angenommen, als wären wir zwei erfahrene Aufsichtspersonen für einen Haufen verwöhnter Kinder.

 

Nach dem Essen trank ich an der Bar im Foyer des Hotels einen doppelten schwarzen Kaffee und ging hinauf auf mein Zimmer. Die meisten Gäste begaben sich jetzt zur Ruhe, zwei, drei Stunden würden sie während der größten Hitze des Tages in ihren kühlen Zimmern verbringen, auch ich war sehr müde, die beinahe schlaflos verbrachte Nacht im Zug hinterließ ihre Spuren, doch war ich zu neugierig und unruhig, um dem Beispiel der anderen zu folgen.

So packte ich einige Utensilien in meinen Rucksack und verließ das Hotel, ich überquerte den breiten Boulevard, ging über einen schmalen Steinplattenstreifen ans Meer, zog Schuhe und Strümpfe aus, krempelte meine Hose hoch und watete einige Schritte hinein. Das Meer war sehr ruhig, die Wellen glitten ungebrochen an Land und legten sich wie feine Netze aus Schaum über den glatten, aufschimmernden Sand. Ich breitete die Arme aus, wie zum Flug, so verharrte ich kurz, ohne Bewegung, ich war angekommen.

4

DIE LIEGESTUHLREIHEN waren jetzt am späten Mittag fast leer, nur hier und da döste ein einzelner Schläfer, die Rettungs- und Tretboote kauerten zwischen den Reihen im tieferen Sand, zu jeder Strandpartie gehörte ein kleines Café oder ein Restaurant, weiter hinten, am Boulevard.

Ich ging barfuß am Meer entlang, meine Füße hinterließen im niedrigen Wasser einen prägnanten Abdruck, den die flachen Wellen sofort wieder wegspülten. Ich sah bleiche Schwämme und Flechten, gummiartige Mooshände zwischen Muscheln und Schnecken, fast durchsichtige Krebsskelette lagen neben gestreiften Mövenfedern und gallertigen Trauben leerer Eihülsen, ich fixierte das alles und nahm mir vor, es später einmal zu filmen.

So ging ich, den Blick meist nur auf einen schmalen Uferstreifen gerichtet, bis die feinen Sandstrände aufhörten und, weit draußen, schon am Rande der Stadt, von Steinhalden und einer schwer zugänglichen Steppe abgelöst wurden. Ich trank etwas Wasser und legte mich in einen Felsschatten, meine Augen tränten im beizenden Sonnenlicht vor Überanstrengung, als ich den Kopf ganz zurück, auf den Sand fallenließ, schlief ich sofort ein.

 

Das Keuchen eines Hundes ganz in meiner Nähe weckte mich. Ich hatte beinahe zwei Stunden geschlafen, die Sonne stand über den Hügeln, und die Strandpartien hatten sich längst wieder gefüllt. Ich stand auf und ging den langen Weg zurück, Läufer trabten am Meer entlang, Boccia-, Fußball-und Federballspieler kreuzten den Weg, dazwischen fliegende Händler, mit bunten Tüchern, Uhren und Kokosnüssen. Der gesamte Küstenstreifen war jetzt in Bewegung, wippend und swingend, ein einziges Sport- und Spiele-Terrain, die Windsurfer schossen hinaus aufs Meer, zwischen den Plätzen der Volleyballspieler drehten sich die Trampolinspringer, das Ganze war unterlegt mit Musik, Ansagen und lauter Werbung, wie ein lärmender Schreckensreigen in Filmen von Jacques Tati.

 

Ich ließ alles hinter mir und erreichte endlich die Mole, der Lärm verebbte, und die Sonne zog ihr Licht langsam ab, so daß die Farben satter hervortraten, orange, grün und gelb, beinahe metallisch. Die schmale Molenzunge bestand zum Meer hin aus schweren Steinquadern, ich stieg hinauf und tänzelte auf ihnen entlang, bis an ihrem Ende, in Nähe der Hafeneinfahrt, eine Sprossenleiter hinauf zu dem Ausguck neben dem blinkenden Laternenlicht führte. Von oben sah ich das Panorama der Küste, es sah aus wie ein schimmernder Halbreif, eingefaßt von den Flutlichtzonen der Strandrestaurants. Ich konnte kaum glauben, daß ich in den letzten Stunden diese ganze Strecke zurückgelegt hatte, schon reihten sich die stärksten Bilder zu einer Folge, wie ich sie mir als eine Sequenz in dem späteren Film gut vorstellen konnte. Ein Schwenk vom Balkon meines Hotels, die Küste entlang, ein paar Standbilder am Mittag zwischen den leeren Liegestuhlreihen, eine Totale von hier oben am Abend …, von einem so sonnigen Tag wie dem heutigen würde das eine gute Vorstellung ergeben.

 

Wieder hinabgestiegen, sah ich unten, daß jemand auf den schweren, dunkelroten Betonsockel des Ausgucks in blauer Schrift Il rumore del mare gesprüht hatte, auch das mußte ich filmen, vielleicht eignete sich die naive Buchstabendramatik dieses Blaus sogar als Filmtitel. Während ich auf den Steinquadern der Mole zurücklief, begegnete ich einigen Anglern, die stumm aufs dunkle Meer hinausschauten. Hier draußen, nahe dem Hafen, befand ich mich in einem stillen, geschützten Bereich, es war die Zone der einsamen Radfahrer und Liebespaare, die allein und unbeobachtet sein wollten.

 

Erst jetzt fiel mir die kleine Trattoria am Anfang der Mole auf, deren gläserner Kubus von allen Seiten einzusehen war, er stand direkt neben einigen aufgebockten Schiffen, die zur Reparatur auf eine weite, öde Strandfläche gebracht worden waren. In der Küche begannen gerade die Kochvorbereitungen, die Tische drinnen waren bereits gedeckt, bei diesem Anblick befiel mich ein jäher Hunger.

Ich ging hinein, die meisten Plätze waren reserviert, aber ich bekam noch einen freien Tisch in einer Ecke. So bestellte ich wenig später als erster, schon den ganzen Nachmittag hatte ich an gegrillten Fisch gedacht, eine gegrillte Brasse wollte ich essen, eine gegrillte Brasse mit viel Zitrone, dazu etwas Salat, das würde reichen.

 

Ich blätterte noch etwas in dem meeresbiologischen Fachbuch, ich trank leichten Weißwein, doch als sich das Lokal immer mehr füllte, sehnte ich mich plötzlich nach einem Gegenüber. Auf vielen Reisen war ich allein gewesen, meine Arbeit brachte das mit sich, so daß ich mich auskannte mit dem Alleinsein und wußte, wie ich mit seinen überfallartigen Melancholien umgehen mußte. Ich durfte nicht allzuviel trinken, auf keinen Fall, und ich mußte mich ablenken, durch ein paar Notizen oder einfach dadurch, daß ich meine Umgebung beobachtete.

An diesem Abend aber fühlte ich mich zu schwach für solche Ablenkungsmanöver, ich wollte gerade eine weitere Karaffe Wein bestellen, als der Fisch serviert wurde. Durch die große Hitze war seine silberne Haut an den Rändern transparent geworden und ließ das weiße Fleisch durchscheinen, neben dem Auge trat das Skelett des Kiemendeckels hervor. Als ich ihn zu filetieren begann, legte sich meine Unruhe und wich der Lust auf das Essen. Ich ließ mir den größten verfügbaren Teller geben und drapierte die leicht angebräunten Fischstreifen nebeneinander, dann beträufelte ich alles mit Zitronensaft, nippte noch einmal an meinem Weinglas und begann die Mahlzeit.

Während ich aß, füllte sich das Lokal rasch, und bald tobte in ihm ein beinahe höllischer Lärm. Die großen Gruppen, die die Tische bevölkerten, sprachen ungeniert laut miteinander und riefen den Kellnern immerzu etwas hinterher, während ich mich ganz im Abseits befand, in der einzigen toten Ecke. Ich hörte noch eine Weile zu, aber als ich den Fisch verzehrt hatte, beeilte ich mich mit der Bezahlung. Ich wäre gern noch sitzen geblieben, aber an diesem ersten Abend fühlte ich mich zu mutlos und zu allein, um noch Freude an diesem Spektakel zu haben. Einen Moment dachte ich daran, mit Rudolf zu telefonieren, um wenigstens mit ihm ein wenig zu plaudern, doch als ich mir den Beginn unseres Gespräches vorstellte, ließ ich diesen Gedanken gleich wieder fallen. Rudolf war nicht mein Freund, Rudolf war mein Kameramann, beruflich waren wir oft zusammen unterwegs und verstanden uns gut, aber ich konnte und wollte ihm nichts allzu Privates erzählen. So packte ich meine Sachen zusammen, zahlte vorn an der Kasse und quetschte mich an den überfüllten Stuhlreihen vorbei nach draußen, niemand beachtete mich.

 

Ich ging zurück ans Meer, ich wollte noch einmal den Strand entlang durch das tiefe Dunkel zu meinem Hotel, als ich eine leichte Windbrise spürte. Ich setzte mich seitlich auf das vordere Teil eines Liegestuhls, eigentlich hatte ich erst am nächsten Tag ins Meer gehen wollen, doch jetzt erschien mir ein nächtliches Bad wie eine große Verlockung, die mir über meine abendliche Ermüdung vielleicht hinweghelfen würde. Ich zog mich aus, verstaute meine Sachen unter dem Liegestuhl und lief rasch ins Wasser. Als wollte ich ganz verschwinden, tauchte ich sofort ab, ich hörte nichts mehr, keine Geräusche, nicht den geringsten störenden Ton, nach dem Aufenthalt im Lokal war es eine richtige Wohltat. Solange ich konnte, blieb ich unten, für einen Moment glaubte ich die bunten Szenen des meeresbiologischen Buches zu sehen, kurze Blitze, dicht hinter der Netzhaut, angesaugt von der dunklen Flut.

 

Ich schwamm einige hundert Meter hinaus, sehr rasch, die meiste Zeit unter Wasser, dann drehte ich, warf noch einen kurzen Blick auf die Küste und tauchte langsam zurück. Der leere Strand war in der Dunkelheit von besonderer Schönheit, an einigen Stellen brannten kleine Feuer, ich hörte gedämpfte Stimmen und Gesang, wie stille und trotzige Gegenhymnen zum lauten Tagesprogramm. Ich kleidete mich wieder an und legte mich in den Liegestuhl, ich wollte noch ein paar Minuten hier verbringen, doch dann dachte ich daran, daß es gefährlich sein könnte, an einem solchen Ort einzuschlafen.

 

Als ich im Hotel ankam, stand Carlo noch an der Rezeption. Ich sehe, Sie kommen ohne attraktive Bekanntschaft, sagte er. Ich hatte geahnt, daß er sich diese Wendung merken würde, es war mir peinlich, sie jetzt aus seinem Mund zu hören. Ich habe eine Brasse verzehrt, antwortete ich, als wäre das eine Antwort auf seine Bemerkung. Er erkundigte sich, wo ich gegessen hatte, und begann, von den Fischrestaurants am Meer zu erzählen, er holte einen kleinen Stadtplan heraus und zeichnete die Lage der besten mit einem Bleistift ein. Bitte verstehen Sie richtig, sagte ich, Ihr Mittagessen war ausgezeichnet, ich bin aber nicht als Tourist hier, sondern muß mich überall umsehen, um die besten Bilder zu finden. Keine Sorge, antwortete er, ich verstehe Sie richtig, Sie brauchen mir das nicht zu erklären, und Eifersucht gehört in meinem Alter nicht mehr zu den ganz großen Themen. Wir redeten noch eine Weile und tranken zum Schluß einen Averna, dann ging ich hinauf auf mein Zimmer.

Oben trat ich noch einmal auf den Balkon, wie ein Mann, der die ganze Umgebung erobert hatte. Da, dort, und dort …, überall war ich gewesen. Dann ließ ich die Rollos wie ein paar schwere müde Lider herunter und legte mich schlafen.