Anmerkungen


ZEIT-Interview, 30.12.2015.
Erschienen als: Walter Kardinal Kasper: Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive. Ostfildern 2016.
Bernardo Olivera, Unsere Brüder von Atlas. Zeugen für Christus im muslimischen Algerien, Langwaden 1999, S. 12.
Gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch ­Kyrill von Moskau. 12.2.2016, Nr. 12 (de.radiovaticana.va).
Gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch ­Kyrill von Moskau. 12.2.2016, Nr. 12 (de.radiovaticana.va).
Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution »Gaudium et spes«, Nr. 1 (vatican.va).


Information zu den Autoren


Dr. Antje Vollmer ist Politikerin und Theologin und war Co-Vorsitzende der Fraktion der Grünen im Deutschen Bundestag. Von 1994 bis 2005 war sie die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Heute arbeitet sie als freie Autorin zur Zeitgeschichte und zur Geschichte des Widerstands gegen die NS-Diktatur. 

Klaus Mertes ist Jesuitenpater und Direktor des Kollegs St. Blasien. Von 2000 bis 2011 war er Rektor des katholischen Gymnasiums Canisiuskolleg in Berlin. Mertes ist Autor mehrerer Bücher und Chefredakteur der Zeitschrift »Jesuiten«.

Klaus Mertes/Antje Vollmer

Ökumene in Zeiten des Terrors

Streitschrift für die Einheit der Christen

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St. Blasien, 21. Februar 2016

Lieber Frau Vollmer,

ich denke auch: Wir sind auf der Zielgeraden unseres Briefwechsels angekommen. Und ich kann Sie beruhigen: Es ist nicht zu viel von einem Katholiken verlangt, Martin Luther in die Reihe der Märtyrer der Ökumene zu stellen. Ich zögere nur bei dem Begriff Märtyrer, weil für mich die Vorstellung von Martyrium meist mit gewaltsamer Tötung verbunden ist. Aber dass Luther die Reform der Kirche im Blick hatte und in diesem Sinne auch ein geschichtlicher Zeuge für die Einheit der Kirche ist, die immer wieder an Haupt und Gliedern erneuert werden muss, daran besteht für mich kein Zweifel. Der Thesenanschlag von Wittenberg am 31. Oktober 1517 war ein notwendiger Ruf zur Umkehr, um zu einer neuen Einheit zu finden. Das korrupte Ablasswesen war der offensichtliche Anlass für die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform. Die Verweigerung der Reform spaltete, nicht der Ruf nach Reform.
Ich kann auch mit dem Satz mitgehen, den Sie über Luther und Ignatius schreiben: »Sie gehören einfach hinein in die gemeinsame Kirchengeschichte des ewigen Ringens um Erneuerung.« Das stimmt, und wird auch mehr und mehr anerkannt. Eine jüngst erschienene Luther-Biografie (von Heinz Schilling) räumt erfreulicherweise ganz nebenbei mit dem Klischee auf, dass Ignatius den Jesuitenorden gegründet habe, um die Reformation zu bekämpfen. Das ist ausgemachter Quatsch, aber insbesondere in Deutschland immer noch die vorherrschende Perspektive auf das Werk von Ignatius. Schilling reiht hingegen zu Recht die Gründung des Jesuitenordens in die Reihe der europaweiten innerkirchlichen Reformbewegung des 16. Jahrhunderts ein.
Die Bekehrung von Ignatius nahm 1521 nach seiner Verwundung in Pamplona ihren Ausgang und setzte sich in der Stille des Krankenbettes auf Schloss Loyola fort. Danach war es jahrelang Ignatius’ Wunsch, in Jerusalem zu leben und dort »den Seelen zu helfen«. Erst 1540 entschied er sich, nach Rom zu gehen und sich vom Papst aussenden zu lassen, weil die Durchführung des Jerusalem-Planes zum zweiten Mal gescheitert war, diesmal an der Blockierung des Mittelmeeres durch die Türkenkriege. Man könnte also sagen: Die Blicke von Ignatius und Luther kreuzten sich fast zwanzig Jahre lang, sie begegneten sich aber nicht. Luther blickte nach Rom, Ignatius nach Jerusalem.
Als die ersten Jesuiten 1541 von Rom aus Deutschland betraten, waren sie entsetzt über den desolaten Zustand des kirchlichen Lebens in den katholisch gebliebenen Gebieten. Sie kämpften dann in diesen entschlossen gegen den Einfluss der Reformation, insbesondere durch die Erneuerung der Frömmigkeitspraxis und des Bildungswesens – übrigens ist auch dies eine Parallele zwischen Reformation und jesuitischer Reform: Beide setzten besonders auf Frömmigkeitspraxis und humanistische Bildung: Was dem Luther sein Philipp Melanchthon war, das war dem Ignatius in Deutschland sein Petrus Canisius. Die Jesuiten nahmen dann auch an der Verschärfung des Tons zwischen den Konfessionen teil. Petrus Canisius formulierte den katholischen Alternativ-Katechismus zu Luthers Katechismus. Die Katechese veränderte so allmählich ihren Charakter von der praktischen Einführung in Gebet und Glaubensleben hin zu kontroverstheologischer Polemik. Schließlich gab es dann auch Jesuiten, die die These propagierten, die göttliche Vorsehung habe den Jesuitenorden gegründet, um die Reformation zu bekämpfen. So läuft das – und es ist nicht leicht, aus diesen Zuschreibungen wieder auszusteigen. Aber wir können es. 2017 ist ein guter Anlass dazu.
Sie haben mich nach Ignatius und seinen Konflikten mit Rom und auch nach seinen Schattenseiten gefragt: Ignatius und die ersten Jesuiten wurden angefeindet, weil viele von ihnen aus Familien von »Neuchristen« stammten, aus zwangsgetauften jüdischen Familien und deren Nachkommen. Ignatius sagte gegen solche Kritik, er bedauere, dass das Blut Jesu nicht in seinen Adern fließe. Er befürwortete allerdings auch aktives Proselytentum unter den Juden und unterstützte die strengen Maßnahmen von Papst Paul IV. gegen sie. Schon eine Generation später, 1593, war es dann aus mit der offenen Haltung von Ignatius gegenüber diesen »Neuchristen«. Männer mit jüdischer Abstammung durften nicht mehr in den Orden aufgenommen werden. Erst 1925 wurde diese Zugangsregel wieder aufgehoben. Es besteht katholischerseits also kein Anlass, über den Antisemitismus bei Luther die Nase zu rümpfen.
Ignatius hatte auch Anteil an anderen Schattenseiten seiner Zeit. In seiner Schublade lag zum Beispiel ein Plan für einen neuen Kreuzzug. Gott sei Dank hat er ihn nie umgesetzt oder aktiv darum geworben. Die typisch mittelalterliche Pilgersehnsucht ins Heilige Land, der drängende Wunsch, die Orte, an denen Jesus wandelte und wirkte, mit den eigenen Händen und Füßen zu berühren, diese ganze ganz sinnliche Frömmigkeit – darin war er ein Mensch des ausgehenden Mittelalters, mehr noch vielleicht als Luther.
Sie schreiben über die selbstquälerischen Aspekte des Luthergedenkens der evangelischen Kirche in Deutschland in Hinblick auf 2017. Das Pendant zum Selbstquälerischen ist die Idealisierung. Hinter beiden steckt die Sehnsucht nach einer Lichtgestalt, die alles wieder gutmacht – oder eben die Enttäuschung darüber, dass die Lichtgestalt doch keine Lichtgestalt ist. Ich halte das alles für narzisstische Selbsttäuschungen. Es gibt keine Lichtgestalt, sondern in jeder menschlichen Gestalt und auch in unserer sind Licht und Schatten vermischt. Wie könnte es anders sein? Rückwärtsgewandte moralisierende Urteile über Menschen in anderen Epochen sind mir zu billig. Was hilft, ist ein historisch-kritischer Blick. Darauf haben Luther, Ignatius und alle Epochen, die hinter uns liegen, einen Anspruch.
Hilfreich mit Blick auf Ignatius ist für mich im Rahmen unseres Gesprächs, dass er sich gegen die Sehnsüchte nach einem papa angelicus wandte, nach einem engelgleichen Papst, der die Kirche reformieren würde. Ich frage mich oft, ob nicht die katholische Kirche spätestens im 19. Jahrhundert, voran die Jesuiten, in die Falle dieser narzisstischen Selbsttäuschung geraten sind, deren Ausdruck die Überhöhung des »Mannes in Weiß« in Rom ist. Der Ruf der Jesuiten, so etwas wie die »Ledernacken des Papstes« zu sein, stammt vor allem aus dieser Zeit, als die Jesuiten drängender als manche Päpste auf die Zuspitzung des Papstkultes in der katholischen Kirche hinarbeiteten. Seit Pedro Arrupe, also seit der Erneuerung des Jesuitenordens in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts, schwelt in reaktionären katholischen Kreisen deswegen sogar der Vorwurf gegen den Orden, er sei dieser Tradition untreu geworden, weil er nicht mehr so papstnah agiere wie im 19. Jahrhundert. Die innerkatholischen Verdächtigungen gegen den Orden verbündeten sich in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil oft genug spiegelverkehrt mit protestantischem Anti-Jesuitismus (von dem ich bei Ihnen übrigens keine Spur erlebe). Es wäre ein Geschenk für die Einheit, wenn diese Klischees allseitig überwunden würden – Papst Franziskus hat dazu in wenigen Jahren schon einiges geleistet, was hoffentlich irreversibel ist.
Ich sehe noch manche andere Gemeinsamkeit zwischen Luther und Ignatius. Ganz sicherlich gehört dazu auch die Liebe zur Heiligen Schrift. Vielleicht ist bei Ignatius das charismatische Element deswegen etwas stärker ausgeprägt, weil Ignatius zum Zeitpunkt seiner Bekehrung noch nicht theologisch gebildet war. Er las auf dem Krankenbett die Heiligenleben von Franziskus und Dominikus sowie eine Darstellung des Lebens Jesu von Ludolf von Sachsen. Seine ersten theologischen »Instruktionen« erhielt er einige Monate später in der Einsamkeit eines kleinen Dörfchens namens Manresa am Fuße des Montserrat, Nähe Barcelona, wo er die Theologie in Visionen »sah«. In seiner Autobiografie formuliert er, dass Gott ihn in dieser Zeit behandelt habe »wie ein Schullehrer ein Kind behandelt, wenn er es unterrichtet.« Deswegen wurde es ihm später – darin vielleicht wieder Luther ähnlich – schwer, die trockene scholastische Philosophie zu studieren. Er hatte eben, ähnlich wie Luther, religiöses Feuer im Bauch und im Herzen.
Es ist für uns heute vielleicht verwunderlich, wie sich bei Ignatius die charismatische Freiheit mit der Wertschätzung der kirchlichen Disziplin verband. Man darf aber nicht vergessen: Er saß wegen seiner Exerzitien im Inquisitionsgefängnis – setzte sich also Risiken aus, als er mit seiner eigenen geistlichen Erfahrung an die Öffentlichkeit ging. Immerhin befinden wir uns im Spanien der Scheiterhaufen gegen Häretiker aller Art. Vielleicht kann man manchen Text in den Exerzitien auch so verstehen, dass er sich damit gegenüber der Inquisition absicherte.
Luther und Ignatius als Zeugen der Ökumene? Ja, sie sind es im gemeinsamen Anliegen einer Kirchenreform und einer Erneuerung der Seelsorge. Beide stehen für Dienst und Hilfe beim Suchen und Finden eines persönlichen Gottesbezuges, für die Wertschätzung der Schrift, für eine praktische Theologie, die nicht bloß im Elfenbeinturm der Gelehrtheit sitzen bleibt, sondern sich von »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst«6 der Welt erreichen lässt.
Ich zähle sie beide zur »Gemeinschaft der Heiligen«, die wir Protestanten und Katholiken gemeinsam im Credo bekennen. Ich höre schon im Hintergrund die oberschlauen Besserwisser, die sagen, dass die Protestanten doch gar nicht an »die Heiligen« glauben. Seit vielen Jahren habe ich mich entschlossen, den Protestanten zu überlassen, selbst zu sagen, was sie glauben oder nicht glauben. Ich nehme dasselbe ja auch für mich als Katholik in Anspruch. Für meinen Glauben an die Heiligen ist die Vorstellung des fürbittenden Gebetes zentral. In zahllosen evangelischen Gottesdiensten habe ich mitgebetet, wenn auch dort »für« andere Menschen gebetet wurde. Warum sollte dieses Für-Bitten in der unmittelbaren Gegenwart Gottes plötzlich aufhören? So kann ich mir gut Luther und Ignatius, Melanchthon und Canisius und viele andere im Himmel als Zeugen, als Fürsprecher der Ökumene vorstellen, nachdem sie durch das Feuer des Gerichtes gegangen sind.
Ich danke Ihnen herzlich für unseren brieflichen Austausch. Ich habe besser verstanden, wie wichtig Ihnen die Ökumene ist als Sauerteig für die Einheit in der Welt, die von Konflikten zerrissen ist und gerade aktuell wieder auf große gegenseitige Verwerfungen hinsteuert. Sie haben die Kraft, Formulierungen zu wählen wie: »Aufhebung von Machtverhältnissen überhaupt!« Ökumene geht nicht ohne Verzicht auf Machtpositionen. Das wird mir am Ende unseres Briefwechsels noch klarer. Am besten fängt damit jeder bei sich selbst an.

Herzlichen Dank und: Auf Wiedersehen in Plötzensee!

Ihr Klaus Mertes
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Vorwort


Wie kam es zu diesem Briefwechsel? Den Beginn unseres Gedankenaustausches markiert das Jahr 2010, das Jahr, in dem die Ereignisse öffentlich wurden, die irreführend als »Missbrauchsskandal« in der katholischen Kirche bezeichnet werden – irreführend deswegen, weil nicht die Aufdeckung des Missbrauchs der Skandal war, sondern das jahrzehntelange Schweigen über den Missbrauch. Die eine von uns, Antje Vollmer, leitete damals auf Wunsch des Deutschen Bundestages einen »Runden Tisch zur Aufarbeitung der Heimerziehung in der Bundesrepublik der 50er- und 60er-Jahre« und versuchte dort das so schwierige Gespräch zwischen Opfern, Tätern und verantwortlichen Institutionen. Der Deutsche Bundestag war bis dahin aus rechtlichen Gründen daran gescheitert, eine Entschädigungsmöglichkeit für die Betroffenen zu finden und die vergangenen Unrechtserfahrungen angemessen zu thematisieren. Der andere, Klaus Mertes, hatte gerade mit einem Brief an die ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs eine heftige öffentliche Debatte angestoßen. Der Jesuitenorden stand damals ebenfalls vor der Forderung nach Entschädigungszahlungen für die Opfer von Missbrauch. Wir hatten also gemeinsam eine schwierige und umstrittene Aufgabe vor uns, die uns gelegentlich subjektiv und objektiv zu überfordern schien. Nichts war da notwendiger als ein vertraulicher Erfahrungsaustausch. Eines Tages klingelte Antje Vollmer an der Pforte des Canisius-Kollegs in Berlin. So begann unser Gespräch über all die verwickelten Fragen und unauflöslichen Widersprüche, mit denen wir monatelang zu tun hatten, über die öffentliche Rolle, in die wir hineingeraten waren, und über den unbequemen Platz zwischen allen Stühlen, auf dem wir uns oft befanden.
In diesem Jahr starb Christoph Schlingensief, ein Freund von Antje Vollmer, der vor seiner letzten Operation nach einem katholischen Priester verlangte. Christoph Schlingensief war ein intensiv gläubiger und zweifelnder Mensch, der sich ein Leben lang mit den gesellschaftlichen Fragen von Macht und Gewalt, aber auch mit seinem Kinderglauben auseinandersetzte. In seiner »Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« trat er in beinahe blasphemischer Zuspitzung bei der Abendmahlsszene in der Position Christi auf, gab Auskunft über den aktuellen Stand seiner tödlichen Erkrankung und warf mit Hostien um sich. Dabei rief er die Abendmahlsworte in den sakralen Raum hinein, den er seiner Heimatkirche in Oberhausen nachgestaltet hatte, und verfremdete die Worte zugleich: »Das ist mein Leib, das ist euer Leib, das ist unser Leib.« Über Christoph Schlingensief und die letzten Gespräche mit ihm waren wir wieder bei dem Thema angekommen, das auch das thematische Zentrum unseres vorliegenden Briefwechsels ausmacht: Das christliche Abendmahl – und zwar nicht bloß in historischer Erinnerung, sondern als vergegenwärtigtes Ereignis.
Ein erkenntnisbringendes Gespräch über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt, über Täter- und Opfer-Dynamiken führt in die Spannung der politischen Diskurse ebenso wie in die Tiefen der eigenen Biographie, auch dann, wenn man weder Opfer noch Täter im engeren Sinne des Wortes ist. Die Zusammenhänge, in denen Täter-Opfer-Konstellationen entstehen und sich verfestigen, sind immer auch systemischer Natur und betreffen deswegen die ganze Gesellschaft. Ganz offensichtlich ist die Frage nach den Ursprüngen und nach der Überwindung der Gewalt ein Schlüsselthema aller Religionen, zumal der christlichen, in deren Zentrum die Geschichte von der Kreuzigung Jesu steht.
Entscheidend für diesen Briefwechsel war dann aber, dass wir uns wieder im Kuratorium der Stiftung 20. Juli 1944 begegneten. Jedes Jahr feiern Angehörige der wegen ihres Widerstandes gegen das NS-Regime Ermordeten unter dem Galgen im Hinrichtungsschuppen einen ökumenischen Gottesdienst, zu dem erstmals am 20. Juli 1946 P. Odilo Braun OP und Eberhard Bethge, der Freund Dietrich Bonhoeffers, einluden. Von Anfang an gab es bei diesem Gottesdienst das Ringen um die angemessene Form. Nach den ökumenischen Erfahrungen der Hingerichteten und der Überlebenden wollte man nicht einfach auseinandergehen, aber auch nicht auf die Feier des Abendmahles verzichten, zumal die Ermordeten es vor ihrer Hinrichtung in den Gefängnissen gemeinsam gefeiert oder doch danach verlangt hatten.
Die unerledigte Frage nach der angemessenen Form eines ökumenischen Gottesdienstes unter dem Galgen von Plötzensee, so wie sie schon im ersten Brief auftaucht, war der Anlass dieses Briefwechsels. Dass er drei Tage nach dem Attentat in Paris am 13. November 2015 begann und zwei Tage nach dem Attentat von Brüssel am 22. März 2016 endete, gab ihm eine überraschende Aktualität und Themenerweiterung. Die Überwindung der Spaltung zwischen Konfessionen und zwischen Religionen ist kein Thema der Vergangenheit, sondern betrifft unmittelbar die Gegenwartsaufgabe, Hass und Verzweiflung zu überwinden. Die Sehnsucht nach der Ökumene ist die Sehnsucht nach dem möglichen Friedenszustand der Welt.

Berlin, St. Blasien, Gründonnerstag, 24. März 2016

Antje Vollmer / P. Klaus Mertes SJ