Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Zartes Geheul
Peymanns Inszenierung der „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke
Schafft Platz
Krise am Schauspiel Frankfurt
Du Raubritter
Kampf um Mitbestimmung am Schauspiel Frankfurt
„Für uns ist Rot die Farbe der Vernunft“
SPIEGEL-Gespräch mit den Theaterreformern Claus Peymann, Peter Kleinschmidt, Dieter Reible und Peter Stein über Mitbestimmung am Theater
Modell im Teststand
Berliner „Schaubühne am Halleschen Ufer“ wird zum Mitbestimmungstheater
Revolver entsichert
CDU will der „Schaubühne am Halleschen Ufer“ Subventionen streichen
Bonds pauschaler Schmerz
Peter Handke über „Die See“ – Inszenierungen von Peymann und Luc Bondy
Kleist auf dem Drahtseil
Hellmuth Karasek über Peymanns Stuttgarter „Kätchen von Heilbronn“
Schutt und Asche
Krach um Peymanns Spende für die Zahnbehandlung von RAF-Häftlingen
Kant auf hoher See
Besprechung von Peymanns Thomas-Bernhard-Inszenierung „Immanuel Kant“
Peymanns Theater-Baustelle Bochum
Neubeginn am Bochumer Schauspielhaus
„Tasso“ in Filbingers Ferrara
Peymanns Bochumer Schauspielhaus-Eröffnung
"Das Häuflein der Aufrechten ist nicht groß
SPIEGEL-Gespräch mit dem Bochumer Regisseur über Gefahren und Chancen des deutschen Theaters
Bescherung in Jerusalem
„Nathan der Weise“ in Bochum
Wie Dallas
Politiker wollen Peymann als Bochumer Intendanten feuern, weil er sich für jugendliche Fabrikbesetzer engagiert
Ein deutscher Held und seine Thusnelda
Hellmuth Karasek über die Bochumer Wiederbelebung von Kleists „Hermannsschlacht“
Das Theater der Torfköpfe
SPIEGEL-Gespräch mit dem Bochumer Schauspieldirektor über Theaterpolitik und seinen Wechsel zur Wiener Burg
Feste Burg
Der künftige Burgtheaterdirektor hat schon vorab Ärger mit Wien
Das Beste aus Bochums Digest
Sigrid Löffler über Peymanns Einstand an der Wiener Burg
Im Zeichen des Aasgeiers
„Richard III.“-Inszenierung in Wien
Wie es euch gefällt
Shakespeares „Sturm“ in Wien
Ein Piefke lässt die Sau raus
Hellmuth Karasek über ein Peymann-Interview und seine Wiener Folgen
Staatsfeind in der Burg
Aufregung über Peymanns Vertragsverlängerung in Wien
Lügner mit Charakter
Turrinis „Alpenglühen“ am Burgtheater
Klaffende Semmeln
Elfriede Jelineks „Raststätte oder Sie machens alle“
Sag dem König leise Servus
Peter Handkes „Zurüstungen für die Unsterblichkeit“ an der Wiener Burg
„Die Banalität bestimmt das Bewusstsein“
SPIEGEL-Gespräch über Wien und die Liebe zu den Dichtern
Mizzi vor dem Burg-Tor
Wechselt Peymann aus Wien ans Berliner Ensemble?
Besinnungslose Kapitulation
Peter Handkes „Die Fahrt im Einbaum“ an der Wiener Burg
Grölen in der Sandkiste
Die neuen Berliner Theaterchefs Peymann und Thomas Ostermeier befehden sich
Der zärtliche Selbstmord der Friedenstauben
Uraufführung von Franz Xaver Kroetz' „Das Ende der Paarung“ am Berliner Ensemble
Goldhamster mit Löwenpranke
Über die Subventionskünstler Claus Peymann und Daniel Barenboim
Schmerzensmann als Retter
Mit Shakespeares „Richard III.“ hat Peymanns Berliner Ensemble endlich einen Hit
„Wir leben im Übergang“
SPIEGEL-Gespräch mit Peymann über sein erstes Jahr als Intendant des Berliner Ensembles
„Hier herrscht der Kannibalismus“
SPIEGEL-Gespräch über Berliner Sparzwänge und seinen künstlerischen Ruf
„Eure aufgepumpten Lippen“
Peter Handkes „Untertageblues“ ist eine Schimpfkanonade
„Christian Klar ist eine tragische Figur“
Peymann erklärt, warum er dem Ex-RAF-Terroristen einen Praktikumsplatz angeboten hat
Der Dichter geht stiften
Peymann reist mit Peter Handke ins Kosovo, um Serben 50 000 Euro zu überreichen
„Kanzler kann jeder, Burgtheater nicht“
SPIEGEL-Gespräch über den Finanzskandal am Burgtheater und den Bedeutungsverlust der Bühnen
Der letzte aufrechte Dispot
Jan Fleischhauer über Peymann als letztem Vertreter der Monarchie
„Ich erkenne die Lügner“
SPIEGEL-Gespräch mit dem Intendanten des Berliner Ensembles über die Inszenierung von Politik
Rumpelstilzchens Raserei
Peter Handkes „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ an der Wiener Burg
„Ich versteh mich nicht als Feudalherr. Ich bin aufgeklärter Monarch“
Warum der Intendant des Berliner Ensembles gegen Mitbestimmung am Theater ist
„Ich bin Gegenwart“
SPIEGEL-Gespräch mit Peymann über seinen Abschied als Chef des Berliner Ensembles
Impressum
Einleitung

Claus Peymann

Theaterregisseur und Intendant, geboren 7. Juni 1937
Seit fünf Jahrzehnten ist Claus Peymann der größte Entertainer des deutschsprachigen Theaters – und noch mehr als seinen Inszenierungen verdankt er diesen Rang seinen öffentlichen Interventionen und Interviews. Deshalb präsentiert der vorliegende Band allein zehn SPIEGEL-Gespräche und -Interviews aus den Jahren 1969 bis 2016, ergänzt durch Kritiken von Peymanns wichtigen Theaterarbeiten und Berichten über von ihm zumindest mitverursachte Skandale.  
 Unter den wichtigen deutschen Regisseuren versteht er sich als dienender Bewunderer aller großen Theaterdichter, der zum Beispiel mit Peter Handke, Peter Turrini und Thomas Bernhard freundschaftlichen Umgang pflegte; unter den Theaterkünstlern überhaupt begreift er sich als Mann des Engagements, der in den wichtigen politischen Angelegenheiten der Zeit mitmischen will. So sagte er 2014 in einem SPIEGEL-Gespräch: „Das Amt des Bundeskanzlers ist doch auch nicht so schwierig wie die Aufgabe, das Burgtheater zu leiten! Das sehen Sie doch an der Merkel, die ja im Prinzip nett ist, dass da nicht so viel dazugehört. Bundespräsident oder Bundeskanzler, das kann doch jeder! Aber ein guter Theaterdirektor, da können Sie lange suchen!“ 
 Claus Peymann löste 1977 in Stuttgart einen Skandal aus, als er im von ihm geleiteten Schauspielhaus für die zahnärztliche Behandlung der im Gefängnis Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Häftlinge sammeln ließ. Und er sorgte im November 1988 in Österreich für riesigen Protest-Rummel, als er im von ihm geleiteten Burgtheater Bernhards Stück „Heldenplatz“ über die nationalsozialistischen Verwicklungen der Österreicher uraufführte. Claus Peymann war als Intendant ein paar legendäre Jahre lang Chef des Bochumer Schauspielhauses (1979 bis 1986) und noch mehr legendäre Jahre lang Boss des Berliner Ensembles (seit 1999). Immer zeichnete er sich durch das Talent aus, „alles persönlich zu nehmen und auf sich zu beziehen“, wie es der Kritiker und Dramaturg Roland Koberg einmal formulierte, der über Peymann eine kluge Biografie geschrieben hat. 
 Aufgewachsen ist Peymann in Bremen und Hamburg als Sohn eines von den Ideen der Nationalsozialisten lange begeisterten Studienrats, nach dem Abitur studierte er in Hamburg unter anderem Literaturwissenschaften und gründete eine Studiobühne. Zu seinen größten Regieerfolgen gehören die Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ 1966 in Frankfurt, Kleists „Hermannsschlacht“ mit Kirsten Dene und Gert Voss in Bochum 1982 und „Richard III.“ mit Gert Voss in Wien 1987. In jungen Jahren verstand sich Peymann als Mitkämpfer einer Generation von Theater-Erneuerern und gründete unter anderem mit Peter Stein 1971 die neue „Schaubühne am Halleschen Ufer“ in Berlin, die er aber nach der von ihm selbst inszenierten Uraufführung von Handkes „Ritt über den Bodensee“ bald wieder verließ. Seither geriert sich Peymann meist als Einzelkämpfer, der Regisseurskollegen ebenso munter attackiert wie Kritiker und Politiker. 
Berühmt und berüchtigt ist Peymann Versprechen, als er 1999 in Berlin antrat: Er wolle „der Reißzahn im Hintern der Politik“ sein, sagte der Intendant damals. Tatsächlich machte er das Berliner Ensemble zu einer braven, stets gut besuchten Touristenattraktion, in der man Bertolt-Brecht-Stücke wie Peymanns Version von „Mutter Courage und ihre Kinder“ ebenso amüsiert bestaunen kann wie Herbert Grönemeyers und Bob Wilsons Musiktheaterversion von Johann Wolfgang von Goethes „Faust 1+2“. Viele Aufführungen in Peymanns Haus verschaffen „dem Publikum ein sehr uriges Gefühl davon, was Theater ist“, berichtet Roland Koberg, „der Zauber der Verwandlung von einem grauen Mann mit Aktenkoffer in einen weiß geschminkten Choristen mit roten Apfelbäckchen und lustigem Hut.“   
 Wolfgang Höbel
SPIEGEL 25/1966

Zartes Geheul

Von der Bühne kamen Zischlaute, leise Summtöne, zartes Geheul: Vier Jünglinge in Rollkragenpullovern bereiteten sich sprechtechnisch auf die „Publikumsbeschimpfung“ des Peter Handke, 23, vor.
Dann traten sie an die Rampe, und in Sprechchören und scharfen Rhythmen informierten sie das Publikum, daß es kein Schauspiel sehen werde: „Sie sind selbst Gegenstand der Darstellung.“
Aber das Publikum in Frankfurts „Theater am Turm“ war nicht mehr so leicht zu erschrecken – die Handke-Uraufführung (am letzten Mittwoch) war Teil der avantgardistischen Theaterwoche „Experimenta I“:
▷ Mit Brechts „Messingkauf“ hatte das (Ost)-„Berliner Ensemble“ zu demonstrieren versucht, wie lustig der Marxismus und sein Lehrtheater ist.
▷ In seiner „Lichtauktion oder Neu York ist dunkel“ hatte der Düsseldorfer Maler Otto Piene aus Autolärm, City-Bildern und Gedichten ein Laut-und-Licht-Spiel montiert.
▷ In seinem „Theater der Position – eine dramatisierte Illustrierte“ hatte der Pop-Professor Bazon Brock durch strippende Schönheiten das Publikum so entfesselt, daß es auf die Bühne ging und die von Neckermann entliehenen Plastikwannen, Sunil-Pakete und Büstenhalter stahl. Schaden: 4000 Mark.
Peter Handkes Bühne zu besteigen lohnte nicht: Sie war leer. Statt dessen mengten sich die vier Schauspieler unters Publikum und beschimpften es: „Ihr Großmäuler, ihr Glotzaugen, ihr Totengräber der abendländischen Kultur.“
Als Schimpfer war der Kärntner Handke erstmals beim Princeton-Konzil der „Gruppe 47“ aufgetreten (SPIEGEL 19/1966). Handke heute: „Weil es halt so fad war und weil die da meinen, es wär' schon modern, wenn ein Computer beschrieben wird oder Auschwitz erwähnt.“ Um weiteren Lesungen zu entgehen, trampte er nach Mississippi, wo sein Idol William Faulkner gelebt hatte.
Faulkners wegen war der Bankbeamtensohn Handke auch einem Priesterseminar entsprungen: „Da hat man entdeckt, daß ich Faulkners 'Soldier's Pay' unter der Bettdecke versteckt las, und da hat man mich ernstlich verwarnt. Da bin i halt von selbst ganga.“
In Graz studierte Handke dann Jura, passierte zwei juristische Examen, gab sich den Beatle-Look und begann zu schreiben: den Roman „Die Hornissen“ und drei „Sprechstücke im Beat-Rhythmus“ – darunter die „Publikumsbeschimpfung“.
Herkömmliche Figuren und irgendeine Handlung kommen in ihr nicht vor – das Vortäuschen von Theater auf der Bühne findet Handke „lächerlich“. Statt dessen schmetterte das Sprechquartett Theatertheorien und Kritikerphrasen ins Parkett: „Hier kommen Sie nicht auf Ihre Rechnung.“ Oder: „Hier werden die Möglichkeiten des Theaters nicht genutzt.“
Der Viererzug, von Regisseur Claus Peymann zu Kletterpartien in die Logen oder in den Souffleurkasten angehalten, versetzte das Publikum in die Darsteller-Rolle: Es wurde beobachtet („Sie empfinden nicht mit“), belobt („Sie sind ausgezeichnet in Form heute abend“), beschimpft („Ihr Miststücke“) und mit beat-drive in Jam-Session-Stimmung gebracht.
Die Stimmung stieg, als Handke („Die Schauspieler machen das einfach ganz süß“) auf die Bühne trat und auf ein Brett gehoben wurde. Anschließend ließ er einen Blumenstrauß zerpflücken und ins Publikum werfen.
Nach einer Viertelstunde Beifall bat Handke die Beschimpften eindringlich, nach Hause zu gehen. Den auf Tonband gespeicherten Beifall spielte er dem abrückenden Publikum hinterher.
Handkes Spiel, gegen das Theater und sein Publikum geschrieben, gefiel beiden. Ivan Nagel, Chefdramaturg der Münchner Kammerspiele: „Großartig. Das machen wir auch bei uns.“
SPIEGEL 43/1969

Schafft Platz

Ich bin kein Stellvertreter von Beruf", sprach einst der Oberspielleiter am Hamburger Schauspielhaus, Ulrich Erfurth, und schickte dem Senat, der ihn nicht wunschgemäß zum Gründgens-Nachfolger proklamiert hatte, seine Kündigung.
Erfurth, 59, der gewandte Schauspiel-, Opern- und Filmregisseur („Drei Birken auf der Heide“), wollte nun einmal Erster sein. Doch als er es war, verließ ihn das Glück: An Frankfurts Städtischen Bühnen, wo er den vor Etat-Schwierigkeiten kapitulierenden Harry Buckwitz zu Beginn der letzten Spielzeit ablöste, sanken sogleich die Zuschauerzahlen, stieg das jährliche Defizit, verkümmerte – im Schauspiel zumindest – die künstlerische Leistung.
Nun ist die Krise vollends da, ist „die seit Wochen zunehmende Unruhe“ („Frankfurter Rundschau“) ein öffentliches Ärgernis, dem die zwei engsten Mitarbeiter Erfurths nicht mehr länger zusehen mögen: „Um den alten, hoffnungslosen Zustand zu beenden“, haben Frankfurts Chefdramaturg Peter Kleinschmidt und der Erste Regisseur des Schauspiels, Dieter Reible, zum Ende der Spielzeit 1969/70 gekündigt.
Denn in Frankfurt, das wissen sie längst. hat das Theater kaum eine Chance. Da ist das Ensemble zu klein und die Bezahlung zu schlecht, da sind die Proben zu kurz und der Vorstellungen zu viele.
Und weil der Generalintendant Erfurth dies alles gut weiß und dennoch zuläßt, schreiten die beiden jungen Männer nunmehr zur Tat: Sie wollen nicht abtreten, ohne einen Ausweg aus der „Strukturkrise“ zu weisen. Gelingt ihr Plan, so sind sie gern auch zum Bleiben bereit. Dieses „in die Zukunft weisende Modell“, das wünschen seine Urheber, muß „zu einem neuen Selbstverständnis des subventionierten Theaters führen“.
Kleinschmidt und Reible denken sich das etwa so: Ein „künstlerisches Direktorium“ von fünf Mann soll hinfort das Schauspiel leiten, im Großen Haus den Spielbetrieb für Abonnenten garantieren und im Kammerspiel (Forderung: Schauspiel-Etaterhöhung um 500 000 Mark) permanent experimentieren dürfen. Über Stückwahl und Besetzung sollen überdies neben den Direktoriums-Mitgliedern auch Schauspieler, Techniker und Delegierte der Bühnenarbeiter mitbestimmen.
Ein großer Anspruch, eine schöne Erwartung. Kleinschmidt und Reible sind damit nicht mehr allein. Schon warten zwei Regisseure auf ihren Abruf nach Frankfurt, die sich durch Skandal und Leistung an den deutschsprachigen Bühnen hervorgetan haben: Claus Peymann und Peter Stein.
Stein lieferte mit seiner Münchner Bond-Inszenierung des Kindsmörder-Stücks „Gerettet“ dem Fachblatt „Theater heute“ schon 1967 die „Aufführung des Jahres“. Mit einem weiteren Bond-Werk, „Trauer zu früh“, trieb er jüngst in Zürich verschreckte Abonnenten aus der Premiere. Sein Vorsatz, im Einverständnis mit dem Ensemble nach Schluß des Peter-Weiss-Stücks „Vietnam-Diskurs“ im Zuschauerraum Geld für den Vietcong einsammeln zu lassen, führte zum Streit mit dem Münchner Kammerspiel-Intendanten Everding und zu Steins vorzeitiger Entlassung aus einem noch nicht angelaufenen Zweijahresvertrag.
Und auch Peymann (zur Zeit Berlin), der mit seinen gelungenen Handke-Uraufführungen („Kaspar“, „Publikumsbeschimpfung“, „Das Mündel will Vormund sein“) dem Frankfurter Privat-„Theater am Turm“ zu überlokalem Ansehen als Experimentierbühne verhalf, wäre für Frankfurts Städtische Bühnen zu haben. „Wenn ein Katalog von strukturändernden Voraussetzungen erfüllt werden könnte“, so Peymann, „gehe ich mit Freuden nach Frankfurt zurück.“
Er fände sich in einem Direktorium wieder, dem außer Stein auch Reible und Kleinschmidt angehören sollen. Und natürlich als „Chef eines Verbandes selbständig operierender Einheiten“ („Frankfurter Rundschau“) Ulrich Erfurth. Der Generalintendant eilte letzte Woche von seinem Sylter Feriensitz nach Frankfurt und „überprüfte“ in Gesprächen mit dem Magistrat die heikle Situation, die durch Reibles und Kleinschmidts offenkundig taktische Kündigungen entstanden war.
Für das erhoffte Modell und den erwarteten Zustrom frischer Kräfte zum Ensemble (Peymann: „Ich könnte mir vorstellen, daß eine Reihe von Schauspielern der ersten Garnitur Stein und mir folgen würden“) hat er bereits – was blieb ihm auch übrig? – erste Arbeit geleistet:
Vorletzte Woche verweigerte er dem Oscar-Preisträger („Die roten Schuhe“) und langjährigen Frankfurter Bühnenbildner Hein Heckroth, 68, eine Vertragsverlängerung. Außerdem kündigte er drei Schauspielern aus seinem Ensemble – Erfurth schafft Platz.
SPIEGEL 46/1969

Du Raubritter

Du goldenes Kalb auf dem Bühnenpodest", giftete ein Pamphletist im Fachblatt "Theater heute", "du Raubritter, Ausbeuter, Fronvogt – im subventionierten Swimming-pool aalt sich deine dreckige Eitelkeit zu unser aller Erbauung."
Der Thersites-Zorn galt einer im deutschen Kulturbetrieb respektierten Institution: dem von oft kunstfremden Gremien eingesetzten, in allen künstlerischen Entscheidungen sakrosankten Intendanten der deutschen Stadt- und Staatstheater.
Die Machtfülle dieser „Priester auf der Kanzel des Theaters“ („Theater heute“) wird von jungen, linken Theaterleuten neuerdings immer häufiger als Symptom für die Strukturkrise einer überlebten Bühnen-Hierarchie angegriffen, die Schauspieler und Regisseure in ihrer Entfaltung behindert und zeitgemäße Darbietungs- und Arbeitsformen nur in Glücksfällen erlaubt. Hauptforderung dieser Rebellen: Kompetenz-Minderung der Theaterleiter zugunsten einer Mitbestimmung des gesamten Personals.
So wollen die Regisseure Dieter Reible, Claus Peymann, Peter Stein und der Dramaturg Peter Kleinschmidt, Autoren eines für Frankfurts Städtische Bühnen konzipierten Arbeitspapiers, alle Entscheidungsbefugnisse im Schauspiel einem Dreier-Direktorium übertragen – der Intendant soll lediglich die einzelnen Sparten (Oper, Schauspiel, Ballett) koordinieren.
Einen „Theaterrat, zu dem auch die bisherigen Betriebs- und Personalräte umgebildet werden können“, haben sich dagegen der Kölner Dramaturg Roland Kabelitz und drei Mitautoren eines „Mitbestimmungsstatuts zur Demokratisierung des Theaters“ als Ausweg vorgestellt. Und die aus Verdruß über den „autoritären Geist des deutschen Theaters“ von der Bühne abgetretenen Schauspieler Barbara Sichtermann und Jens Johler verlangen in ihren „Vorschlägen für ein neues System“, „das Theater müßte kollektiv geleitet werden“.
Doch alle Modell-Planer sind sich darin einig, daß die Entmachtung der Intendanten nur einen Anfang bedeuten kann. Einstimmig fordern sie Offenlegung der Gagenlisten, Mitsprache hei Intendantenwahlen, Engagements und Geldausgaben, längere Probezeiten, die Mitwirkung der Schauspieler am Regie-Konzept und Vollversammlungen, „in denen alle an allen Entscheidungen demokratisch mitwirken“ (Kabelitz).
Dem Verlangen der bislang Unterprivilegierten am deutschen Theater nach so intensiver Mitverantwortung treten die Intendanten und selbst die Künstlergewerkschaft („Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehörigen“) in ungewohnter Einigkeit entgegen:
Der Frankfurter Intendant Ulrich Erfurth verwarf das Mitbestimmungsmodell als „idealistische Utopie“ und akzeptierte die demonstrativ angebotenen Kündigungen seiner Mitarbeiter Reible und Kleinschmidt; auch die Genossenschaft, obschon ohne Alternativ-Vorschlag, verurteilte das Papier als „sachlich nicht überzeugend“.
Hinter dem Tendenz-Paragraphen 81 des Betriebsverfassungsgesetzes verschanzt sich Münchens Kammerspiel-Intendant August Everding, Sprecher der Intendantengruppe im Arbeitgeberverband „Deutscher Bühnenverein“, wenn von ihm kraft Amtes Mitbestimmungs-Initiative verlangt wird.
Selbst die Frankfurter Schauspieler, die wohl Entlassung durch ein Dreier-Direktorium befürchtet hatten, wandten sich mit Mehrheit gegen das angebotene Mitbestimmungsmodell. Wo Modelle nicht ausprobiert werden dürfen, übersteigt selbst bei den bisher Benachteiligten die Furcht vor Veränderungen den Mut zum Experiment.
SPIEGEL 46/1969

„Für uns ist rot die Farbe der Vernunft“

SPIEGEL-Gespräch mit den Reformern Peter Kleinschmidt, Claus Peymann, Dieter Reible, Peter Stein über Mitbestimmung
SPIEGEL: In einer demokratisierten Gesellschaft gehört der Intendant zu den letzten Autokraten. In Frankfurt haben Sie versucht, den Intendanten zu entthronen...
Reformer: Es ging nicht unbedingt darum, den Intendanten zu entthronen, sondern um eine neue Definition seiner Aufgaben. Der Intendant eines großen Hauses trägt heute eine Verantwortung, der er nicht gewachsen sein kann, weil er nicht mehr im Bilde ist. Er ist pausenlos gezwungen, etwas zu decken, das er aufgrund der Arbeitsweise an den heutigen Bühnen gar nicht übersehen kann. Seine Entscheidungen sind hilflose Reaktionen auf Ergebnisse, deren Zustandekommen er kaum beeinflussen kann.
SPIEGEL: Sie wollen doch nicht sagen, daß Ihr Vorschlag, das Frankfurter Schauspiel von einem Dreierdirektorium führen zu lassen, eine Rettungsaktion für Intendant Erfurth war.
Reformer: Es geht nur darum, daß der Begriff der Alleinverantwortlichkeit, den die Intendanten als schreckliche Bürde mit sich herumtragen, mit der Realität nicht übereinstimmt. Wie sieht denn diese Verantwortung aus, wenn sich am Schluß eines Haushaltsjahres durch Fehlentscheidungen ein Mordsfehlbetrag ergibt? Kein Intendant bezahlt, sondern das wird als Nachtragshaushalt vorgelegt, und der Magistrat hat das zu bewilligen, wenn er nicht den ganzen teuren Kasten hochgehen lassen will.
SPIEGEL: Und welche Funktion soll dann der Intendant noch haben? In Frankfurt zum Beispiel würde es doch darauf hinauslaufen, daß er sich darauf beschränken müßte, die gut funktionierende Oper mit dem Schauspiel zu koordinieren.
Reformer: Das ist in einem Dreispartenbetrieb eine Menge Arbeit.
SPIEGEL: Nun kratzen Sie ja nicht nur am Status des Intendanten, sondern gehen doch wohl grundsätzlich darüber hinaus. Sie fordern ein Schauspieldirektorium mit völliger Entscheidungsfreiheit in allen künstlerischen, organisatorischen und finanziellen Belangen. Hatte Herr Erfurth nicht recht, das zum gegenwärtigen Zeitpunkt als „idealistische Utopie“ abzulehnen?
Reformer: Bestimmt nicht. Denn gerade in diesem Punkt zielt unser Vorschlag auf ein Organisationsmodell, mit dem man die gegenwärtigen Schwierigkeiten eines Stadttheaters produktiv in den Griff bekommen kann.
SPIEGEL: Damit hätten Sie die Spitze verbreitert, vielleicht eine besser funktionierende Führungsgruppe installiert, im Grunde aber doch nur die eine Autorität gegen eine andere eingetauscht.
Reformer: Zu Beginn ganz sicher. Aber in unserem Vorschlag haben wir uns auf neue Arbeitsweisen festgelegt, durch die bestehende Autoritätsstrukturen grundlegend verändert werden. Wir wollten Produktionsgruppen aus Regisseuren, Dramaturgen, Autoren und wissenschaftlichen Ratgebern bilden, denen auch Vertreter der Ausstattungsabteilung angehören sollten. Außerdem hatten wir die Absicht, so bald wie möglich auch die Schauspieler an Planung und Entwicklung jeder Bühnen-Produktion zu beteiligen.
SPIEGEL: Daraus folgt zwangsläufig eine Art Mitbestimmung aller am Theater Beschäftigten. Haben Sie schon ein Mitbestimmungsmodell für Ihre Zwecke ausgearbeitet?
Reformer: Man muß aufpassen bei dem Wort Modell. Wir haben in einem Arbeitspapier eine organisatorische Perspektive notiert, nach der ein Modell erarbeitet werden könnte. Wichtigste Voraussetzung dafür wäre das Durchsichtigmachen aller organisatorischen, künstlerischen und finanziellen Vorgänge am Theater.
SPIEGEL: Das heißt, daß jeder Einsicht in die Bücher erhält?
Reformer: Das Offenlegen der Gehälter gehört genauso dazu wie die allgemeine Information über Sinn und Zweck von Entscheidungen. Protokolle über Direktoriumssitzungen sollten regelmäßig als Bulletin im Haus zirkulieren. Zugleich sollten auch die Zwänge, denen jedes Theater unterworfen ist, keinem Mitarbeiter des Hauses verschwiegen werden. Nur so kann überhaupt Einfluß und Verständnis, später Mitverantwortung aller Beteiligten erreicht werden.
SPIEGEL: Nun bedeutet eine bessere Informationspolitik des Direktoriums noch keinesfalls den Verzicht auf seine Machtposition. Wo soll denn konkret Mitbestimmung stattfinden?
Reformer: Wir haben uns vorgestellt, daß es ein Forum geben muß, wo diese Informationen diskutiert werden können. Es sollen deshalb Versammlungen aller künstlerischen Mitarbeiter während der Arbeitszeit stattfinden. Das Ganze ist eine Frage der Organisation von Meinungsbildung innerhalb eines Betriebes. Die Vorarbeiten für eine erste Spielzeit würden allerdings in jedem Fall von oben – sprich: vom Direktorium – geleistet werden müssen.
SPIEGEL: Diese Revolution von oben hat natürlich ihre Tücken.
Reformer: Die Regisseure gehören zum sogenannten Mittelbau, und es ist auch keine Revolution. Es wird ein Freiraum geschaffen, der von unten her zu füllen ist. Freilich: Eine Voraussetzung unseres Planes ist ein wirkliches Ensemble. Aber sobald das – wo auch immer – beisammen ist, kann das Modell in die Praxis umgesetzt werden. Dann kann das Dreierdirektorium auch erweitert werden, etwa zu einem Zehnerdirektorium, in dem Vertreter des künstlerischen Stabes und Schauspieler sitzen, in dem dann durchaus die Möglichkeit besteht, daß wir überstimmt werden.
SPIEGEL: Mitbestimmung am Theater ist wohl nicht denkbar, ohne daß die vertragliche und ökonomische Situation des Schauspielers revidiert wird.
Reformer: Das ist ein Hauptpunkt. Aber eine abstrakte Diskussion über die vertragliche Situation der Schauspieler hat keine Wirksamkeit. Diese Probleme müssen im Arbeitsprozeß geklärt werden. Es ist völlig illusionär anzunehmen, man könnte innerhalb des bestehenden Apparates von vornherein sämtliche vertraglichen Situationen ummodeln.
SPIEGEL: Sie haben dennoch auch Zahlen zu Papier gebracht, und beispielsweise für das Frankfurter Schauspiel einen Mehrbedarf von 1,3 Millionen Mark ausgerechnet.
Reformer: Wir haben dargelegt, daß eine von uns geplante Umstrukturierung Geld kostet, daß sie mit einer Erweiterung des Stabes und des Ensembles verbunden ist. Allgemein wichtig scheint uns die Begrenzung der Höchstgagen bei gleichzeitiger Anhebung der Mindestgagen von 650 auf 1200 Mark.
SPIEGEL: Sie wollen zwar ein demokratisches Theater, haben aber die demokratischen Spielregeln etwas außer acht gelassen und über den Kopf des Ensembles hinweg mit Ihren Plänen hantiert. Die Schauspieler und das technische Personal haben sich das nicht gefallen lassen und sich in einer Vollversammlung eindeutig gegen Ihr Modell ausgesprochen.
Reformer: Es ist falsch, wenn behauptet wird, wir hätten das Ensemble übergangen. Wir haben unsere Vorschläge am gleichen Tag dem Oberbürgermeister, dem Generalintendanten und den Schauspielern vorgelegt und uns zur Diskussion bereitgehalten. Wir haben allerdings auch klar gesagt, daß zu einem funktionierenden Mitbestimmungsmodell Leute gehören, die daran Interesse haben.
SPIEGEL: Und von den andersdenkenden Kollegen wollten Sie sich offenbar trennen. Wie viele Mitglieder des Frankfurter Ensembles hatten Sie denn zur Entlassung vorgesehen?
Reformer: Wir hätten sicher, um Platz zu schaffen, fast alle Verträge, die zum Ende der Spielzeit auslaufen, auch auslaufen lassen. Folgerichtig hätten wir in der nächsten Zeit eine Reihe auswärtiger Schauspieler, die sich für ein Mitbestimmungsmodell interessieren, in Frankfurt zusammengezogen. Aber bevor es zu einer intensiveren Diskussion über die Substanz unserer Vorschläge kommen konnte, haben der Generalintendant und der Lokalverband Schauspiel der Bühnengenossenschaft, also die gewerkschaftliche Vertretung der deutschen Bühnenangehörigen, durch ihre übereilte Ablehnung eben diese Diskussion verhindert.
SPIEGEL: Das ist doch ein absoluter Widerspruch, wenn die Interessenvertreter der Schauspieler sich gegen ein Modell wenden, das eben die Belange der Schauspieler vertritt. Man müßte sich doch mit den Betriebsräten arrangieren können.
Reformer: Die Bühnengenossenschaft versteht ihre Arbeit nur syndikalistisch. Sie ist dadurch an der Wahrung der bestehenden Strukturen interessiert und ist deshalb zur Mitarbeit an Strukturveränderungen nicht bereit. Erst wenn es gelingt, eine genügende Anzahl progressiver Bühnenangehöriger für die Gewerkschaftsarbeit zu aktivieren, ist die notwendige Kooperation sinnvoll.
SPIEGEL: Haben Sie schon konkrete Vorstellungen, wie sich diese Interessenvertreter in ihr Modell einbeziehen ließen?
Reformer: Nein, die juristische Perspektive dafür zu liefern, die Koordination mit dem Betriebsverfassungsgesetz: Diese Arbeit ist noch nicht beendet. Das ist, wenn Sie wollen, ein utopisches Element unseres Plans: ohne Chaos, mit viel Information, ein legales Gremium am Theater zu schaffen, mit dem das Schauspieldirektorium zusammenarbeiten kann. In dem jeder gehört wird und alle alles hören können. Ein Kollektiv, das letztlich in die Verantwortung einer auf alle gestützten größeren Regierung überleitet.
SPIEGEL: Also Nachhilfeunterricht für Schauspieler?
Reformer: Man sollte sagen: Nachhilfeunterricht für die Gesellschaft. Denn gerade am Theater, das die Gesellschaft sich in gewissem Sinne als Luxus leistet, ließen sich die allgemein relevanten Fragen der Mitbestimmung ohne großes Risiko einmal voll durchprobieren.
SPIEGEL: Sind Sie der Meinung, daß ein Schauspieler mit mehr Verantwortung, mit vertraglich zugesichertem Mitspracherecht auf der Bühne mehr leisten kann?
Reformer: Sicher, das ist der Ausgangspunkt aller unserer Überlegungen. Es gibt ja bereits eine Generation von Schauspielern, die mit einem neuen Bewußtsein für ihre Mittel, auch unter kunstfernen Gesichtspunkten, zu vortrefflichen Ergebnissen gelangen. Außerdem gehen wir von der Erkenntnis aus, daß die Kraft des einzelnen sich in vielen Fällen vorzeitig verschleißt. Da führt Teamwork, künstlerische Gruppenarbeit, zu viel besseren Resultaten.
SPIEGEL: Aber auch ein künstlerisches Team kommt wohl nicht ohne Autorität aus.
Reformer: Wir könnten nur eine Autorität akzeptieren, die darauf achtet, daß sich die Autorität jedes einzelnen entfalten kann.
SPIEGEL: Geht es Ihnen bei der Neuorientierung des Theaterbetriebes um eine Politisierung des Theaters?
Reformer: Um eine Demokratisierung. Die Reflexion, ohne die ja kein Mitbestimmungsmodell denkbar ist, also die Reflexion über die ökonomische oder politische Situation eines Stadttheaters und seine Funktion in der Gesellschaft, führt natürlich zwangsläufig zu einem neuen Selbstverständnis. Und das ist ganz gewiß ein eminent politischer Vorgang.
SPIEGEL: Mit welchen politischen Folgen?
Reformer: Ein anderes Bewußtsein bedingt eine andere Art der Produktion, das ist nicht aufzuhalten. Wer will das auch ernsthaft!
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß die Ablehnung Ihrer Reformpläne auch in der Furcht gründet, ein Direktorium von engagierten Linken zu bekommen?
Reformer: Wir können versichern, daß wir kein NPD-Theater gemacht hätten. Und weiter: Für ein Direktorium, das die emanzipatorischen und progressiven Möglichkeiten innerhalb des verhärteten Theatersystems aufspüren will, gilt, daß die Farbe der Vernunft Rot ist.
SPIEGEL: In Ihrem Arbeitspapier heißt es: „Die Publikumsstruktur des Schauspielhauses soll im Spielplan Berücksichtigung finden.“ Was wollen Sie nun eigentlich, fortschrittliches oder Konsumententheater?
Reformer: Es kann nicht darum gehen, das heutige Theaterpublikum, die Abonnenten zum Beispiel, zu vertreiben. Andererseits muß man die Stadtväter, diese angeblichen Pragmatiker, darauf hinweisen, daß das Theater sich heute in einer absolut parasitären Situation befindet: Denn es wird doch für eine absolute Minderheit von Bildungsbürgern mit einem unglaublichen Aufwand ein Theater betrieben, das von allen finanziert wird. Deshalb muß jede Überlegung davon ausgehen, neue Bevölkerungsschichten für das Theater zu gewinnen.
SPIEGEL: Das ist ein ökonomischer Gesichtspunkt.
Reformer: Gleichzeitig ist eine Veränderung der Publikumsstruktur nach zwei Seiten intendiert: Einmal müssen wir ein jüngeres Publikum für das Theater interessieren, andererseits ist es notwendig, das vorhandene Publikum in den Möglichkeiten ästhetischer Wahrnehmung zu schulen und es aufnahmebereit zu machen für szenische Untersuchungen der Wirklichkeit.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß sich durch Einführung eines Mitbestimmungsmodells das Verhältnis zwischen Geldgebern und Theater komplizieren wird?
Reformer: Auf jeden Fall. Stadtverordnete und Kulturbehörden werden gegenüber einem Ensemble, das ein Mitbestimmungsmodell praktiziert, einen schwierigeren Stand haben als heute gegenüber einem alleinregierenden Intendanten.
SPIEGEL: Das mag sein. Aber zunächst einmal müssen Sie sich mit den Realitäten abfinden: Sie sind vorerst mit Ihrer Reform gescheitert.
Reformer: Da sind wir anderer Meinung. Die Welle von Opposition gegen unsere Pläne, vom Vokabular der CDU, die uns als „linke Clique“ bezeichnet hat, bis zu dem Ressentiment der Bühnengenossenschaft, das verblüffende Echo der Zeitungen und die Erklärung des Intendantentages, der sich angegriffen fühlte, zeigen die Notwendigkeit der Reform. Dieses Frankfurter Modell, obwohl es vielleicht gar nicht realisiert wird, existiert tatsächlich – durch den Widerstand.
SPIEGEL: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
SPIEGEL 8/1970

Modell im Teststand

Sie reüssierten durch Skandal und Leistung und wurden ihrer Erfolge nicht froh; denn ihr wichtigstes Arbeitsziel blieb unerreicht: Die Regisseure Peter Stein, 31, und Claus Peymann, 32, wollten auf deutschsprachigen Theatern Teamwork und Ensemble-Mitbestimmung durchsetzen, doch bislang scheiterten sie stets an der Trägheit eines Systems, das alle Macht den Intendanten gibt.
Als sie beispielsweise im letzten Herbst in Frankfurt einen Mitbestimmungsplan für die Städtischen Bühnen präsentierten, legte Intendant Ulrich Erfurth gegen dieses „Frankfurter Modell“ sein Veto ein („Idealistische Utopie“). Damit war auch für den Magistrat die Angelegenheit schnell erledigt, obwohl Zeitungen und Fernsehprogramme das Modell ausführlich und wohlwollend diskutierten. Sogar der Düsseldorfer Opernintendant Grischa Barfuß verlangte: „Gebt ihnen doch ein Theater!“
Seit Freitag letzter Woche haben sie eins: Das „Frankfurter Modell“ wird nun an der 1962 gegründeten Berliner „Schaubühne am Halleschen Ufer“ erprobt. Führungskollektiv: Stein, Peymann und die bisherigen Leiter des linken Privattheaters, Jürgen Schitthelm und Klaus Weiffenbach mit ihrem Dramaturgen Dieter Sturm. Start des Experiments: Spätsommer 1970.
Dieses „ganz neue Zentrum der Unzufriedenen“ (Peymann) kam unverhofft durch einen Beschluß des Berliner Senats zustande, der „Berlin im Bereich des Theaters ... zum Startplatz und Teststand für eine ganz neue Idee“ (Senats-Kommuniqué) ausbauen möchte. Und diese Idee läßt sich die Stadt sogar etwas kosten: Zunächst zwei Spielzeiten lang will der Senat den „für das Projekt nötigen finanziellen Rahmen“ garantieren und den bisherigen Zuschuß (500 000 Mark) wesentlich aufstocken – vermutlich auf zwei Millionen im Jahr.
Dafür werden 20 in Stein- und Peymann-Inszenierungen erprobte Darsteller (darunter Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz, Dieter Laser) am Halleschen Ufer zu Bedingungen spielen, die ihnen bislang keine deutschsprachige Bühne bieten konnte:
▷ Mindestgagen von 1200 Mark monatlich;
▷ acht Wochen Probezeit;
▷ Mitentscheidung über Spielplan, Regiekonzept und Engagements;
▷ Einsicht in alle wirtschaftlichen und künstlerischen Pläne des Theaters.
Solche Rechte, die eine Betriebsverfassung weitgehend auch dem technischen Personal zusichert, sollen so die Reformer verhindern, „daß sich die Kraft des einzelnen vorzeitig verschleißt“. Von Mitbestimmung und künstlerischer Teamarbeit versprechen sich Stein und Peymann vier bis fünf Inszenierungen pro Spielzeit, die den deutschen Stadt- und Staatstheatern neue Maßstäbe setzen.
Daß sie dazu in der Lage sind, das haben Stein und Peymann oft genug bewiesen: Mit seiner Münchner Bond-Inszenierung des Kindsmörder-Stückes „Gerettet“ lieferte Stein dem Fachblatt „Theater heute“ schon 1967 die „Aufführung des Jahres“; sein Bremer „Tasso“ (1968/69) wurde mit Recht zum „Berliner Theatertreffen 1970“ eingeladen. Auch Peymann hat sich profiliert – durch die Uraufführungen der Handke-Stücke „Kaspar“ und „Publikumsbeschimpfung“.
Solche Theater-Ereignisse, von den Regisseuren der erstarrten Hierarchie des Intendanten-Systems abgetrotzt, kann das Berliner Publikum nun in Permanenz erwarten: Wenn Peymann und Stein nicht an den Risiken ihres Mitbestimmungs-Modells stranden, hat das deutsche Theater mit der neuen Spielzeit sein zweites „Berliner Ensemble“.
SPIEGEL 52/1970

Revolver entsichert

Die Magd des Herrn, die CDU, hat Dank verdient. Sie, die oft das Böse sucht und dann das Gute schafft, hat das Ansehen einer linken Spielschar kräftig gemehrt.
Die Berliner „Schaubühne am Halleschen Ufer“ ist der wichtigste Versuch der letzten Dekade, das moribunde Feudaltheater deutscher Art durch neue Produktionsfarmen zu ersetzen – durch Kollektivarbeit, innerbetriebliche Demokratie, angestrebte Egalisierung der Gehälter und politischen Konsensus.
Seit knapp drei Monaten zeigt die Truppe ihre erste, programmatische Inszenierung: „Die Mutter“, Bert Brechts Lob- und Lehrstück der Leninschen Revolution. Selbst die „Welt“ lobte die Premiere als „Paukenschlag“, und nur sieben Karten blieben bisher unverkauft, drei davon aus Versehen.
Das linke Erfolgstheater unter den Regie-Stars Claus Peymann, 33, und Peter Stein, 33, ist ein Subventionstheater. Zwei Jahre lang, so hatte Berlins SPD-Senat beim Start beschieden, wolle er die „Schaubühne“-oHG. mit je 1,8 Millionen Mark unterhalten – als „Teststand für eine ganz neue Idee“. Jetzt aber will er nicht mehr.