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Seelenfänger


Seelenfänger


1. Auflage

von: Marcus Haas

4,99 €

Verlag: VSS-Verlag
Format: PDF
Veröffentl.: 13.01.2021
ISBN/EAN: 9783961272211
Sprache: deutsch

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Das Vereinigte Königreich 1856, Daniel der Junge vom Lande kommt in die große Stadt London um Geld für die Familie daheim zu verdienen. Aber ganz schnell wird deutlich, dass etwas im Herrschaftshaus nicht mit rechten Dingen zugeht. Die stumme Dienstmagd Neha aus Indien und die seltsamen van-der-Luugs verbergen die Geheimnisse, die sie aus Indien mitgebracht haben.
Schon bald kommt Daniel dahinter, dass Neha an Neumondnächten zu einem blutrünstigen Monster wird. Aber ihr Blut hat heilende Wirkung und wird von den Herrschaften genutzt um die Cholera in London in Schach zu halten. Doch das Blut macht auch abhängig.
Auf der Flucht vor Misshandlung und als Mörder verfolgt fliehen Neha und Daniel.
Einziger Ausweg erscheint den beiden die Fluch nach Indien. Sie heuern auf einer Kriegsschaluppe der East India Corporation an und es geht auf die Reise nach Calcutta.
Wird es ihnen gelingen, das Geheimnis um Nehas Herkunft zu lüften?
Marcus Haas worde am 25.05.1973 in Bremen geboren, Diplom-Physiker, Webdesigner, Hobbyfotograf und überhaupt ein neugieriger Mensch.
Marcus schreibt seit vielen Jahren Kurzgeschichten und hat seinen Roman "Außer Reichweite" im vss-verlag veröffentlicht.
2009 hat Marcus mit anderen Schreibbegeisterten die Schreibwerkstatt Literanauten gegründet, mit denen er an Wettbewerben teilnimmt und Lesungen veranstaltet.
Außerdem fotografiert Marcus leidenschaftlich, schreibt populärwissenschaftliche Artikel für das Corona-Magazine, hat einige Zeit Theater gespielt und im Chor gesungen und lernt zur Zeit Arabisch und Swahili.
Daniel sah dem Omnibus nach, wie er die Straße hinunter holperte. Die Pferde schnaubten und der Kutscher ließ die Peitschen knallen. Das Pflaster am Lowndes Square war noch warm von der Hitze des Sommertages, und der Dunst der Stadt lag über den Häusern. Sein Blick wanderte die lange Häuserfront entlang, jedes Einzelne war wie ein kleiner Palast, hoch und weiß getüncht, mit dunklen Fenstern, die so hoch waren wie ein erwachsener Mann. Er war auf dem Land aufgewachsen, eine Stadt wie London hatte er noch nicht gesehen. Die Gaslichter flackerten in ihren gläsernen Käfigen. Menschen eilten umher, obwohl die Sonne bereits untergegangen war und Kutscher trieben ihre Gespanne durch die Menge.
Daniel war gerade 15 geworden und alt genug, um zu arbeiten, so sein Vater. Als Page Boy würde er 8 Pfund im Jahr verdienen. Er bückte sich und warf den Seesack über die Schulter, der Sack, der mal seinem Großvater gehört hatte, war halb leer. Ein paar Sachen zum Wechseln waren alles, was Daniel besaß.
Der Junge warf den Kopf zurück und schaute zu dem Gebäude hinauf, das größer war als die Kirche in seinem Dorf. Sein Ziel war das letzte Haus in der Reihe.
Das Herz schlug dem Jungen bis zum Hals, als er die Treppe hinaufging. Ein Flügel des Tores öffnete sich noch bevor Daniel anklopfen konnte. Eine Dienstmagd stand in der Tür und starrte ihn mit großen Augen an, ihre Haut war dunkel, aber nicht so sehr, wie die des Afrikaners, den Daniel einmal im Zirkus gesehen hatte. Ganz langsam bewegte sie den Kopf hin und her. Sie konnte nicht viel älter sein, als er selbst
Daniel stockte, dann fiel ihm ein, was sein Vater im eingebläut hatte.
„Der Dienstboteneingang, natürlich. Bitte entschuldigen Sie“ und er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und die Magd nickte halb, indem sie den Kopf ein wenig neigte und auf die Seite legte. Und sie zog die Mundwinkel etwas nach oben. Auch wenn das Lächeln nicht bis an die Augen reichte, es genügte Daniel, das ihm das Mädchen nicht mehr aus dem Kopf wollte. Er sprang die Treppe wieder hinunter und klopfte am zweiten Eingang an der Seite des Gebäudes.
Eine alte Frau öffnete ihm, jedenfalls sah sie alt aus. Tiefe Furchen zogen sich durch ihr Gesicht und es glänzte von Schweiß. „Daniel Barrows?“, fragte sie. Daniel nickte und nahm schnell die Mütze vom Kopf. „Komm herein.“ Er folgte ihr in die Küche. Der Ofen knackte und der Dampf einer heißen Zwiebelsuppe lag in der Luft. „Ich bin Elsa. Du hast sicher Hunger.“
Daniel nickte.
„Dann iss erst mal.“ Sie stellte ihm eine Schale auf den Tisch und brach etwas Brot dazu. Der Junge löffelte gierig und wischte die letzten Tropfen mit dem Brot aus.
„Lange nix gegessen was?“
„Seit gestern. Seit die Kutsche abgefahren ist.“
Die Frau nickte und Daniel schaute dem Teller nach, währen sie ihn beiseite stellte.
„Die Herrschaften wollen Dich sehen. Neha wird Dir Dein Zimmer zeigen.“
Daniel nickte eingeschüchtert und knetete seine Mütze zwischen den Fingern. „Wer ist Neha?“
„Das Dienstmädchen.“ Sie deutete in Richtung Flur.
Neha, das Dienstmädchen, welches er gerade schon am Haupteingang gesehen hatte, stand dort, sie betrat die Küche nicht, sondern öffnet nur die Tür und nickte der Küchenmagd zu. Dann zog sie den Kopf wieder zurück.
„Die van-der-Luugs mögen den Geruch der Küche nicht“, erklärte die Alte und schob Daniel hinter dem Mädchen hinterher. „Los. Folge ihr.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und nur die Kerze, die Neha in der Hand hielt erhellte den schmalen Flur. Sie musterte ihn mit schief gelegtem Kopf und Daniel kam sich auf einmal sehr schmutzig vor. Das Mädchen hingegen war makellos in ihrem grauen Kleid. Sie trug eine Schürze und eine Haube, beide mit feiner Spitze besetzt. Daniel erkannte die gute Qualität, seine Mutter hatte auch geklöppelt, bis ihre Finger nicht mehr wollten. Die Gelenke waren dick geworden, taten ihr weh und sie konnte die feinen Bewegungen nicht mehr ausüben.
„Wo geht’s lang?“, fragte Daniel, er wollte arbeiten und seinen Eltern helfen, sie würden das Geld gut brauchen können, um seine drei Schwestern zu ernähren und den kleinen Hof halten zu können,der nicht mehr genug abwarf, für die Familie.
Statt zu antworten, drehte sich das Mädchen um und ging mit schnellen Schritten voraus zu einer schmalen Wendeltreppe, die sie vier Etagen nach oben führte, aber das bemerkte Daniel erst als sie ganz oben angekommen waren und er aus einem kleinen Fenster sah. Er schaute über den Hof und die Stallungen des Anwesens und konnte die anderen Häuser Londons dahinter sehen. Daniel vermochte sich nicht vorzustellen, wie eine Stadt so reich sein konnte, dass sie mehr als ein so reiches Haus enthalten konnte. Neha zog ihn am Ärmel und aus seinen Gedanken.
„Kannst Du nicht reden?“, wollte Daniel wissen. Aber Neha zeigte nur auf eine Tür und wartete stumm, bis er das Zimmer betrat.
Daniels Raum war winzig, ein Bett eine kleine Kommode und ein kleines Fenster, das im Wind klapperte. Eine Schüssel mit Seife und eine Wasserkaraffe standen auf dem einzigen Stuhl und für mehr wäre in dem niedrigen Zimmer auch kein Platz gewesen. Er hörte Nehas Füße einen Rhythmus auf den Bohlen klopfen, während sich der Junge den Dreck der Reise aus Gesicht und Haaren wusch. Er nahm das saubere Hemd aus seinem Seesack.

Er war nervös, als er endlich vor der Tür der Bibliothek stand und trat von einem Fuß auf den anderen. Neha ließ ihn nicht aus den Augen, während die mit Zeige- und Mittelfinger sachte an die Tür klopfte.
„Herein“, tönte ihnen die Stimme des Hausherren entgegen.
Das Dienstmädchen öffnete die Tür, dann nickte sie ihm zu hineinzugehen. Daniel war im erstem Moment überwältigt von der Pracht des Raumes, vom Leuchter an der Decke, von den vielen Büchern in den Regalen an den Wänden und den Tischen aus schwarzem Holz. Erst dann fiel sein Blick auf die van-der-Luugs. Der Mann stand hinter dem Divan, während die Frau darauf saß. Ein paar Schritte zurück stand der Butler und durchbohrte Daniel mit seinen Blicken, die Brauen skeptisch zusammengezogen.
Die van-der-Luugs kamen aus Holland und hatten ihr Vermögen in Indien gemacht bevor sie sich in London niederließen. Soweit kannte Daniel sie von dem Bericht seines Vaters, aber die Worte seines Alten wurden dem eigenen Augenschein nicht gerecht. So feine Anzüge und Kleider hatte der Junge noch nicht gesehen. Welcher Stoff es war, den die Frau trug, konnte Daniel nicht sagen, aber er schien im Licht der Leuchter zu glänzen, er war von roter Farbe und mit gelben Spitzen besetzt. Sie saß ganz gerade und aufrecht, wegen dem eng geschnürten Korsett, dass ihre Taille unmöglich schmal erschienen ließ. Der Mann war in einen schwarzen Gehrock gekleidet und trug einen Zylinder in der Hand. Es machte den Eindruck, als wollte sie gleich noch ausgehen.
Daniel verneigte sich tief und folgte dem Wink des Mannes näherzutreten.
„Daniel Barrows“, sagte der Mann, es war eine Feststellung, keine Frage. Die Herrschaften, Daniel übernahm in Gedanken schon die Ausdrucksweise der Küchenmagd – es erschien ihm passend.
„Sir. Madam.“ Daniel verbeugte sich tief und versuchte den Rücken gerade zu halten. Sein Vater hatte das mit ihm geübt und er hatte sich einige Ohrfeigen eingefangen, wenn die Bewegungen nicht exakt genug waren.
Als Daniel sich wieder aufrichtete, nickte die Frau wohlwollend. Daniel lief ein Schauer über den Rücken. Sie sahen nicht wie Eheleute aus, eher wie Geschwister. Beide waren groß gewachsen, mehr hager als schlank und ihre Haut war fast grau. Ihre Haare waren schwarz, seine glatt und ihre in Locken hoch frisiert. Es hätten Zwillinge sein können.
„Dein Vater hat sich für Dich eingesetzt, bei unserem Stallmeister“, erklärte der Mann.
„Ja Sir. Henry ist der Neffe eines Freundes.“
Die Frau nickte. „Gut. Wir wollen es mit Dir versuchen.“ Noch nicht mal ihre Stimme unterschied sich sehr von der Ihres Mannes. „In diesem Hause gibt es ein paar Regeln. Wir erwarten, dass sie eingehalten werden.“
„Madam. Natürlich“, bemühte sich Daniel schnell zu versichern.
„Du folgst den Anweisungen des Personals. Du stiehlst nicht, Du lügst nicht.“
Daniel nickte eifrig.
„Einmal im Monat hast Du einen Tag zur freien Verfügung. Ebenso wenn ein Angehöriger stirbt. Für den freien Tag gibst Du dem Butler wenigstens eine Woche vorher Bescheid.“
Der Mann legte seiner Frau die Hand auf die Schulter und schaute sie an.
„Gutes Personal sieht und hört man nicht. Des Nachts bleibst Du auf Deinem Zimmer. Die Treppe zu den Quartieren wird nachts abgeschlossen,“ fuhr sie fort.
Daniel starrte auf ihren Mund und die Zähne, sie waren ganz weiß und gerade, nicht krumm und braun, wie die anderer Menschen.
„Du kannst gehen.“ Sie musste es schon das zweite mal gesagt haben, denn sie sah ungeduldig aus. Daniel reagierte, als der Butler eine scheuchende Bewegung mit der Hand machte.
„Danke Sir. Danke Madam“, erinnerte er sich gerade noch und verbeugte sich noch einmal, bevor er schnell den Raum verließ. Er sah, wie seine Hand zitterte, als er in der Eingangshalle des Hauses wieder zur Ruhe kam und daran dachte, dass sein Herz doch langsamer schlagen sollte.
Neha schaute ihn an und Daniel meinte eine Traurigkeit in ihren Augen zu sehen, die er vorher nicht bemerkt hatte.
„Wie lange arbeitest Du schon für die van-der-Luugs?“, fragte er.
Sie legte erst den Finger auf den Mund und zog ihn zur Seite, wo es zu den Personalräumen ging. Aber dann hielt sie sechs Finger hoch.
„Sind sie gute Herren?“
Neha drehte sich um und führte ihn zurück zum Dienstbotenraum. Ein langer Tisch stand unter dem großen Fenster. Ein Diener polierte gerade das Silber und zwei Mägde besserten Kleidung aus, sie lachten und unterhielten sich über den vergangenen Markttag während sie arbeiteten.
„Ist das Normal, dass Neha nicht mit mir spricht?“ wandte er sich an die Bediensteten, nachdem er sich kurz vorgestellt hatte.
„Neha haben sie aus Indien mitgebracht. Sie spricht nicht. Ich vermute, deshalb steht sie in der Gunst der Herrschaften. Mein Name ist John, bin der Footman,“ antwortete ihm der Diener.
Der Butler kam herein und das Gespräch verstummte. Er nickte dem Jungen zu. „Willkommen bei den van-der-Luugs“, sagte er und erklärte dann seine eigenen Regeln für den reibungslosen Ablauf in dem Anwesen.

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